So läuft's Business

Eine Geschichte aus dem Star Wars Universum

Prolog

"Wir sind stolz auf unsere Zivilisation. Wir loben uns selber ob unserer Demokratie. Wir verkünden überzeugt die Ideale universeller Gerechtigkeit. Aber tun wir dies auch zu Recht? Ich sage Ihnen: So lange das Übel der Sklaverei nicht ausgerottet ist, so lange noch vernunftbegabte Wesen - seien sie Bürgerinnen und Bürger der Neuen Republik oder nicht - verschleppt und als Leibeigene gehalten werden, so lange sind wir nicht zivilisierter als die primitivsten Kulturen der Vor-Raumfahrt-Ära!"
Leia Organa Solo, Präsidentin der Neuen Republik, Abschiedsrede vor dem Senat

"Nur die historisch Ungebildeten können sich über die Sklaverei empören. Jeder Kenner der Sozialgeschichte unserer Galaxis wird ohne weitere Diskussion einsehen, dass Über- und Unterordnung, dass Ungleichheit und soziale Schichtung die Basis einer jeden zivilisatorischen und näherhin wirtschaftlichen Entwicklung waren und sind. Ich frage Sie: Was ist die Sklaverei anderes als die konsequente Verwirklichung dieses Prinzips? Die Moralisten finden es in Ordnung, dass Menschen Eopies als Reittiere züchten - aber sie empören sich darüber, dass Darlogs Menschen als Sklaven halten?!"
Dharl Garrsk, Oberster Führer der Darlogs, Strategien zur Beherrschung der Galaxis

"Bitte überweisen Sie den Betrag von 1.000.000 Credits auf das Konto der 'Anti-Sklaven-Liga' mit der Auflage, das Geld zur psychologischen, medizinischen und sozialen Betreuung entlassener, befreiter oder losgekaufter Sklaven zu verwenden."
Obi-Nor Glidorian, Handelsunternehmer, Korrespondenz mit 'Interstellar Investors'


"Es gibt keine größeren Heuchler in unseren Galaxis als gewisse freie Händler, die sich mit lautem Geschrei über das Unrecht der Sklaverei entsetzen, zugleich aber jedes Steuer- und Einfuhrgesetz brechen, wenn es ihrem Profit dient. Sind sie denn die Herren über Recht und Unrecht? Steht denn ihr eigener Wertmaßstab über Gesetz und Kodex? Natürlich propagiere ich nicht die Sklaverei, aber diese scheinheiligen Möchtegernphilosophen sind um keinen Deut besser als Kopfgeldjäger oder TIE-Piloten."
Teilnehmer bei der HoloNet-Diskussion "Sklaverei - Verbrechen oder notwendiges Übel?"

"Und weil der Mensch ein Mensch ist, hat er Stiefel im Gesicht nicht gern -
drum mag er niemanden unter sich und über sich keinen Herrn"
Tnarguol Retep, 'Tatooine's best Droid and Speeder Workshop', proletarische Gedichte

"Im Outer Rim gehen zur Zeit Wookies als Arbeitstiere und menschliche Lustsklavinnen am besten. Gewinnspannen von Dreihundert Prozent sind keine Seltenheit ..."
"Vergessen Sie alles, was Sie über Absatzchancen von Twi'Lek-Tänzerinnen gehört haben. Der Markt ist praktisch zusammengebrochen. Letzten Monat musste ich sogar Twi'Lek-Sklavinnen frei lassen, um sie nicht weiter verköstigen zu müssen. Stellen Sie sich vor: frei lassen! ..."
"Ich bin dazu übergegangen, ganze Menschenfamilien einzuführen. Wenn ich genügend beisammen habe, gründe ich eine Sklavenkolonie. Glauben Sie mir, auf lange Sicht ist eine Sklavenzucht viel lukrativer als diese ständigen Importe."
Unterhaltungen während einer Sklavenauktion auf Kh'rurr Beta

"Heute meinte Sha'In Mar, Anakin Skywalker, der spätere Darth Vader, sei von der Dunklen Seite der 'Macht' verführt wurde, weil er als Kind das elende Dasein eines Sklaven erleiden musste. Ich denke das nicht, obwohl ich als Kind eine Zeit lang in der Gewalt eines Sklavenhändlers war. Ja: Zorn, Durst nach Rache, Vergeltung - diese Wünsche wollten damals stark werden in mir. Aber ich bin niemals ihren Versuchungen erlegen."
Yo-Karah Mal'Wan, Jedi, Privates HoloTagebuch

"Verehrte Präsidentin, bei allem Respekt vor Ihrer politischen Leistung in der Vergangenheit und Ihrem rührenden Engagement als Vorkämpferin für Frieden und Gerechtigkeit - Ich frage mich allen Ernstes, woher Sie die Unverfrorenheit nehmen, den Hohen Senat der Neuen Republik mit Schauermärchen über die angeblich verstärkten Aktivitäten krimineller Sklavenhändler zu langweilen. Die Neue Republik hat ganz andere Probleme zu meistern. Probleme, die unter Ihrer Exekutive bedauerlicherweise nicht gelöst werden konnten. Und da kommen Sie mit sentimentalen Äußerungen zu einem Phänomen, das bestenfalls als historische Marginalie angesehen werden kann?"
Borsk Fey'lya, Präsident der Neuen Republik, Persönliche Holobotschaft an Ex-Präsidentin Organa Solo

"Krypton IV. Erneut ist ein Passagierschiff der 'Blue Planet Shipping Inc.' spurlos verschwunden. Der mit 4500 Menschen und Humanoiden auf dem Weg von Coruscant zum Klyele-Sektor befindliche Raumliner Anthos III hatte sich vorschriftsmäßig beim Navigationsknoten 'Pi R Delta 15' gemeldet, bevor der Funkkontakt abbrach. Bereits Anfang des Monats verschwand das Schwesterschiff, die Anthos I, auf ungeklärte Weise im C'zhorlo-Sektor. Spekulationen, wonach Sklavenhändler die Schiffe in ihre Gewalt gebracht hatten, wies ein Regierungssprecher als unbegründet und voreilig zurück."
Kate McFarley, Coruscant NewsNet, HoloNews Service für die Galaxis

"Die einen werden als Sklaven verkauft, die anderen kassieren.
So läuft's Business."
Tshrrk M'un Frrho, Sklavenhändler, persönlicher Leitsatz

 

 

1. Der Auftrag

Blutüberströmt stürzte Tnarguol zu Boden. Aus seinem weit aufgerissenen Mund drang ein langgezogener Schrei. Seine flackernden Augen flehten um Hilfe, seine rudernden Arme und seine ausgestreckten Hände suchten nach Rettung.
Vergebens.
Mit einem fauchenden, brüllenden Geräusch sprang ihn die Bestie an, biss wieder und wieder zu.
Yo-Karah!
Tnarguols Bewegungen wurden schwächer, waren kaum mehr ein Zucken, ein letztes Aufbäumen im Todeskampf.
Yo-Karah!
Der gelbe, mit grauem Steinstaub vermischte Sand färbte sich dunkelrot.
"Yo-Karah!!"
Yo-Karah Mal'Wan öffnete die Augen.
"Master Skywalker! Verzeih mir, ich ..."
"Auf deiner Stirn stehen Schweißperlen. Deine Aura - hattest du wieder diese Vision?"
"Ja." Yo-Karah wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mühsam erhob sie sich aus ihrem Meditationssitz. Sie fühlte sich erschöpft, als ob sie soeben die Fassade des uralten, die Jedi-Akademie beherbergenden Tempels hinaufgeklettert wäre. Dabei hatte sie schon seit Stunden im Schatten des Monolithen gesessen, an ihrem bevorzugten Ort für 'Macht'-Meditationen auf Yavin 4.
"Ja", wiederholte sie. "Es war die gleiche Vision. Aber jetzt schien sie mir noch realer. Ich fürchte, Tnarguol ist in Gefahr!"
Luke Skywalker wiegte nachdenklich sein Haupt. "Vielleicht ist er das. Vielleicht ist es die Zukunft, die du gesehen hast - eine mögliche Zukunft. Vielleicht ist es auch deine Liebe zu ihm, die dir diese sorgenvollen Bilder sendet - nein, lass mich ausreden!" erstickte er Yo-Karahs Protest. "Yo-Karah, dies ist eine gefährliche Zeit für dich. Du bist auf dem Weg, eine Jedi-Meisterin zu werden. Eine große Meisterin, das fühle ich. Du dringst tiefer in das Geheimnis der 'Macht' ein als je zuvor in deinem Leben. Aber du bist auch anfälliger für falsche Visionen, für Trugbilder, für 'Spiegelungen der Macht', wie ich es nenne."
"Ich gebe dir Recht. Ich spüre, dass ich anfällig bin für falsche Visionen." Yo-Karah unterstrich ihre Zustimmung mit einer leichten, respektvollen Verbeugung vor dem Jedi-Meister. "Aber was ich soeben gesehen habe, war die Zukunft. Das weiß ich."
Luke Skywalker seufzte. Dann lächelte er, halb amüsiert, halb resigniert.
"Von allen Jedi, die ich ausgebildet habe, bist du die starrsinnigste."
Nun lächelte auch Yo-Karah. "Ja, Meister, ich weiß. - Bist du hierher gekommen, um mir das zu sagen?"
"Nein." Luke Skywalker wurde wieder ernst. "Ich möchte dich bitten, eine heikle Mission zu übernehmen. Aber das besprechen wir am besten im Tempel."

"Ein Auftrag von Präsidentin Leia?" Kaya, Yo-Karahs Halbschwester und zugleich ihr Padawan, schaute skeptisch drein. "Also hat sie uns noch vor ihrem Rücktritt gebeten, diese Nachforschung zu übernehmen?"
Luke Skywalker zuckte mit den Schultern. "Überlassen wir doch die Frage nach dem offiziellen Charakter der Mission lieber späteren Geschichtsschreibern. Wenn diese überhaupt davon erfahren. Denn so, wie sich die neue Regierungslinie abzeichnet, erscheint es ratsam, sehr diskret vorzugehen. Ihr sollt daher den Sklavenmarkt auf Kh'rurr Beta nur beobachten und herausfinden, ob tatsächlich die Darlogs hinter dem Verschwinden der 'Blue-Planet'-Raumschiffe stecken. Niemand weiß allerdings, ob die Darlogs ihre Sklaven überhaupt über Kh'rurr Beta verkaufen."
"Also nur beobachten, nicht eingreifen", schaltete sich Yo-Karah ein. "Das gefällt mir nicht. Das wäre eine gute Option, wenn anschließend die Neue Republik diplomatisch oder mit Hilfe ihrer Flotte eingreifen würde. Aber unter Präsident Borsk Fey'lya ist das kaum zu erwarten."
"Das stimmt", pflichtete ihr Luke Skywalker ihr bei. "Ich habe auch nur wiederholt, wie die Bitte meiner Schwester lautet. Ich lasse euch freie Hand. Nur auf eines müsst ihr unbedingt achten: Der Jedi-Orden darf nicht in die politischen Verwicklungen und den Streit um die Sklaverei hineingezogen werden. Geht diskret vor! Wer weiß, welche Position und welchen Rückhalt wir in Zukunft bei der Regierung haben werden."
Kaya schmunzelte. "Dass du uns nach dem Chaos auf Rysloth V eine 'diskrete Mission' zutraust, ehrt uns, Master Skywalker."
Aber der Jedi-Meister achtete nicht auf diese Bemerkung. Er schaute Yo-Karah in die Augen.
"Ich wollte vorschlagen, dass ihr Tnarguol Retep, deinen Verlobten, mitnehmt. Wenn man in einer hochtechnisierten Raumstation wie Kh'rurr Beta operiert, kann es von Vorteil sein, wenn man einen Astromechdroiden zur Unterstützung dabei hat - und eben einen begabten Techniker. Aber angesichts deiner Visionen ... Du musst selbst entscheiden, ob du ihn fragst."
Yo-Karah nickte. "Wer kennt die Wege der 'Macht' in der Zukunft? Die Bilder der Vision erinnerten mich eher an Tatooine als an eine Raumstation. Ich werde ihn fragen. Ich habe ihn lieber in meiner Nähe, wenn er in Gefahr sein sollte. Aber ich gebe noch jemandem Bescheid. Gleichsam als zusätzliche Sicherung. Kh'rurr Beta ist doch nicht nur ein Sklavenmarkt, sondern ein wichtiger Umschlagplatz für Handelsgüter. Ein idealer Ort für einen Händler ..."

Obi-Nor Gildorian warf das Datapad auf seinen Arbeitstisch. So hatte er sich den Tagesbericht nicht vorgestellt!
Die Reparaturkosten für die Frachter waren im letzten Monat um 11 % gestiegen.
Senator Triso Gollump von P‘Vitor III forderte zusätzliche "gehaltsergänzende Zuwendungen" für die Verlängerung von Handelslizenzen.
Die Ersatz-Crew des Modulfrachters Gil Schewa saß wegen einer Cantinaschlägerei im Gefängnis.
Der Ausbruch der Xorrh-Grippe auf Mynal II stoppte sämtliche Schwermetalltransporte in diese Region.
Die großen Energieumwandler-Hersteller im P'toh-System hatten Lieferschwierigkeiten.
Cari Hillside von der Kommunikationszentrale war schon wieder schwanger.
Der Tag fing ja gut an!
Obi-Nor ließ sich schwer in seinen Repulsor-Sessel zurückfallen. Gewiss, das letzte Quartal war das erfolgreichste der Firmengeschichte gewesen. Und er war von der Wirtschaftsredaktion des 'Middle Rim HoloNewsNet' zum "Unternehmer des Jahres" nominiert worden. Aber er fragte sich, ob das alles den täglichen Ärger wert war ...
Ruhig Blut, dachte er. Du bist einfach überarbeitet. Genau aus diesem Grund fährst du ja weg.
Er zog eine Schublade auf und nahm zwei graue Chipkarten heraus. Sie enthielten zwei Raumgleiterpassagen zum Gartos-System und die Reservierung für zwei Wochen im "Quiet Sun Holiday Lodge", dem "Paradies für überarbeitete Manager", wie es in der Werbung hieß. Zwei Wochen, nur er und - Stella Likori.
Es war das erste Mal in all den Jahren, dass er mit seiner Verwaltungschefin gemeinsam Urlaub machte.
Obi-Nor grinste. Bestimmt zerrissen sich alle seine Angestellten schon den Mund darüber.
Sollten sie doch! Er würde die zwei Wochen genießen.
Zwei Wochen nur Ruhe und Erholung.
Keine Personalprobleme, keine Konflikte, keine heiklen Entscheidungen. Keine Comlinks ...
Das Kommunikationsgerät auf seinem Arbeitstisch summte.
Keine Comlinks! dachte Obi-Nor grimmig.
"Was gibt's, Cooleesha?"
"Ihre Tochter auf Kanal 14, Herr Direktor."
"Okay, stellen Sie durch."
Das HoloBild der Twi'lek-Sekretärin verblasste und machte dem Holo Yo-Karahs Platz.
"Yo, schön dich zu sehen!" lächelte Obi-Nor.
Yo-Karah lächelte zurück, schaute dann aber sehr ernst drein.
"Vater, ich brauche deine Hilfe ..."

Mit äußerster Brutalität zerriss das Aufheulen des Turbo-Triebwerkes die mittägliche Stille von Mos Englar, brach sich an den niedrigen Lehmhütten und einfachen Steinhäusern und verlor sich echolos in der Weite der heißen, trostlosen Wüstenebene.
"Mehr Schub! Ich brauche mehr Schub!"
Die Stimme des unter dem halb auseinander gebauten Renngleiter liegenden Mannes war bei dem Lärm kaum zu hören, doch GF L1, der kugelrunde Mech-Droide, dem der Befehl galt, hatte hyperempfindliche Sensoren.
Er schaltete seinen Mini-Repulsor ein, schwebte in das Cockpit und fuhr einen Greifarm aus, um die Energiezufuhr zu steigern.
"Noch mehr Schub! Ich hab's gleich, aber ich brauche noch mehr Schub!"
"Sir, ich fürchte, das Kühlaggregat macht die Überlastung nicht mehr lange mit ..."
Der Einwand war zwecklos. Tnarguol Retep, der Besitzer von GF L1, verfügte leider nur über menschliches, also unvollkommenes Gehör. Die Worte des Droiden gingen im Lärm unter.
Die Verhaltensroutine im Zielkonflikt zwischen der eigenen Berechnung von Handlungsfolgen und den Anweisungen von Master Tnarguol war bei GF L1 eindeutig programmiert: Master Tnarguol hatte Priorität 1.
"Wie Sie wünschen, Sir. Sie sind der Boss."
Der Droide zog den Schubregler noch weiter nach oben.
Zu weit.
Mit einem gewaltigen Knall zerlegte sich der Energiewandler in Tausende von Schrottteilen. Dicke Rauchwolken quollen vom Hof des 'Tatooine's best Droid and Speeder Workshop' in die Luft.
Müde, dreckverschmiert und frustriert kroch Tnarguol unter dem Speeder hervor.
"Verdammt!"
"Ja, Sir."
"Der dritte Energiewandler diese Woche."
"Ja, Sir."
"Wir brauchen ein stärkeres Kühlaggregat!"
"Ja, Sir."
"Weißt du, wo wir eins herkriegen auf diesem Wüstenplaneten?"
"Nein, Sir. Ich bedaure. - Oh, der StatComp signalisiert eine HoloNet-Übertragung. Von Yavin 4. Ich stelle die Verbindung her."
Tnarguol eilte in den Verkaufsraum und aktivierte den HoloProjektor.
"Yo-Karah! Endlich meldest du dich mal!"
Yo-Karah lächelte. "Du siehst - toll aus."
"Oh, entschuldige den Dreck. Ich habe gerade noch an einem Speeder gearbeitet."
"Kannst du die Arbeit eine Weile ruhen lassen? Ich brauche deine Hilfe. Und deinen Droiden brauche ich auch."
"Für dich lasse ich alles liegen. Worum geht es?"
"Es geht um den neu aufgeblühten Sklavenhandel."
"Red nicht weiter. Ich bin dabei. Ich hasse Sklavenhändler. Außerdem - ich habe nichts dagegen, ein paar hübsche Twi'lek-Sklavinnen zu befreien."
Yo-Karahs Reaktion auf diese Bemerkung ließ das Grinsen auf Tnarguols Gesicht augenblicklich verebben. Aber der Mechaniker in ihm fragte sich unwillkürlich, ob der eisige Blick der Jedi nicht ein ideales Kühlaggregat für den Speeder wäre.

Obi-Nor trat in das Büro der Verwaltungsdirektorin von 'Gildorian Enterprises'.
"Hallo Stella."
"Obi-Nor!" Stella Likori runzelte die Stirn. "Was gibt's? Unsere Besprechung ist doch erst in einer Stunde."
Der Händler trat von einem Bein aufs andere. "Stella, du siehst phantastisch aus heute!"
"Okay, Obi-Nor, welchen Gefallen willst du von mir?"
"Aber Stella, nun sei doch nicht so misstrauisch! Darf ich dir nicht mal mehr ein Kompliment machen?"
"Also gut." Stella entspannte sich ein wenig. "Danke für das Kompliment", lächelte sie. "Aber du willst mir doch noch etwas anderes sagen?"
"Ja, Stella. Ich, äh, ich will dich um einen Gefallen bitten. Um einen großen Gefallen. Es ist wichtig, weißt du ..."
"Nun spuck's schon aus!"
"Du verabscheust Sklaverei doch auch, und ... äh ... das 'Quiet Sun Holiday Lodge' läuft uns doch nicht weg ..."
Stellas Stimme wurde gefährlich leise: "Was willst du damit sagen?"
"Stella, ich muss was mit dir besprechen ..."

Da kamen sie die Laderampe herunter. Eine lange Reihe müder, zerschundener Gestalten, mit Stahlketten aneinander gefesselt.
Ihre Körperhaltung drückte Erschöpfung und Resignation aus, ihre Augen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Tshrrk M'un Frrho war zufrieden. Ja, wenn Vinnieypos, der Oberaufseher, sich vier Wochen lang um sie gekümmert hatte, waren die Sklaven "präpariert", wie er es nannte. Ihr Widerstand war gebrochen, jeder Gedanke an eine Flucht ausgelöscht. Vinnieypos war geschickt genug, bei seiner Sonderbehandlung keine offenen Wunden oder Verstümmelungen zu hinterlassen, weil das den Erlös gemindert hätte. Wie alle Devaronianer in seinen Diensten war Vinnieypos zwar brutal, aber kein tumber Schläger. Nein, er ließ sich immer etwas Neues, Raffiniertes einfallen, wenn es darum ging, Sklaven zu quälen.
Als alle Sklaven den Frachter verlassen hatten, kam auch Vinnieypos heraus. Er grinste über das ganze Gesicht.
"198 Sklaven, Boss. Erstklassige Ware diesmal. Nur drei Abgänge unterwegs. Einen Mann mussten wir erschießen, weil er aufmüpfig wurde. Einer ist an Tryy-Fieber gestorben."
Bei diesen Worten spuckte der Devaronianer verächtlich aus. "Pah! Menschen! Welch eine schwächliche Spezies!"
"Und der dritte Verlust?" hakte Frrho nach. "Ich vermute, es war ein weiblicher Sklave ...?"
Frrho gefiel die Angewohnheit des Devaronianers nicht, sich mit Menschenfrauen einzulassen. Besonders nicht, wenn sie zu seinen Sklavinnen gehörten. Denn wenn Vinnieypos sich mit ihnen abgegeben hatte, war ihr Verkaufswert gleich Null. Oder sie mussten unter 'Verlust' gebucht werden.
Sein Oberaufseher grinste ihn an. "Gönn mir doch ein bisschen Vergnügen bei der Arbeit, Boss. Ich verzichte auch auf meine Extraprämie. Das war mir der Spaß wert ..."

 

 

2. Kh'rurr Beta

Zu behaupten, der Anblick von Kh'rurr Beta hätte Tnarguol beeindruckt, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Er war schlicht überwältigt. Unter einer Raumstation hatte er sich ein Gebilde in der Größe eines Sternzerstörers vorgestellt, aber Kh'rurr Beta hatte mindestens den Durchmesser eines mittleren Mondes. Die Station war nicht von der kompakten, runden Form, wie er es von alten HoloVid-Aufnahmen des berüchtigten "Todessterns" kannte. Das Gegenteil war der Fall: Kh'rurr Beta war ein weit verzweigtes Netzwerk von riesigen Wohnkuppeln, zylindrischen Lager- und Versorgungseinheiten, Robotfabriken, Andockstationen für Raumschiffe - und natürlich von Verbindungsröhren, die wie Adern oder Nervenstränge den gigantischen Komplex durchzogen.
"Ziemlich groß, Sir, meinen Sie nicht auch?"
Es schien fast, als ob GF L1 seine Gedanken lesen konnte. "Sir, vielleicht stimmt es ja doch, dass Kh'rurr Beta 250.000 Bewohner hat."
Tnarguol nickte. Er hatte der HoloNet-Datathek nicht glauben wollen. Eine Viertelmillion ständige Bewohner in einer Raumstation? Nicht gerechnet die Zigtausend Wesen aller bekannter Spezies, die sich vorübergehend dort aufhielten: Arbeiter auf Zeit, Techniker, Lieferanten, Händler oder auch - Sklaven. Aber nun war er sich sicher, dass auch die anderen Angaben der Datathek korrekt waren: Kh'rurr Beta war schon zu Zeiten der Alten Republik ein bedeutender Umschlagplatz für Waren und Informationen gewesen. Seit alters her von Neimodianern verwaltet, hatte es die Raumstation geschafft, während des Imperiums so etwas wie einen unabhängigen, extraterritorialen Status zu behalten - natürlich unter der strengen Beobachtung des imperialen Geheimdienstes. Nach dem Fall des Imperators hatte sich merkwürdigerweise die Neue Republik dieses wichtigen Ortes nicht bemächtigt, sondern zugelassen, dass Kh'rurr Beta eine winzige neutrale Insel mitten zwischen den Einfluss-Sphären von Republik und (Rest)Imperium wurde. Angeblich hatten hier sogar diskrete Gefangenenaustausch-Aktionen stattgefunden.
Die Neimodianer, früher offenbar eine bedeutende Handelsnation, hatten die Station geschickt verwaltet und mit ihrer liberalistischen Einstellung zu einem der bedeutendsten Freihandelszentren in der mittleren Galaxis ausgebaut - weit weg von jeder Einflussnahme eines Wirtschaftsministeriums oder eines Steuereintreibers.
Kein Wunder, dass sich im Laufe der Zeit auch jede Menge lichtscheues Gesindel dort angesiedelt hatte.

Chuck Harpinen grinste von einem Ohr zum anderen. Vorsichtig verstaute er die kostbare Chip-Karte in seiner Gürteltasche. Dieser kleine Datenspeicher war gewissermaßen seine wirtschaftliche Zukunft. Genauer gesagt: die Verlängerung der Betreiberlizenz für die 'Kh'rurr Beta Show und Artistic Arena' inmitten der zentralen Recreation-Kuppel der Raumstation. Was war das für eine zähe Verhandlung mit diesem schmierigen Neimodianer gewesen, bis er den digitalen Genehmigungsstempel bekommen hatte! Aber jetzt war sein Unternehmen auf Jahre hinaus abgesichert. Wenn er daran dachte, wie er damals mit nur drei Credits in der Tasche, aber voller Ideen im Kopf hier gelandet war ...
Nein, Sentimentalitäten konnte er sich nicht leisten. Es galt, die Show für morgen vorzubereiten. Da durfte nichts schief gehen. Immerhin hatte sich Tshrrk M'un Frrho angekündigt. Nie war ein bedeutenderer Sklavenhändler bei einer seiner Auktionen beteiligt gewesen.
Chuck Harpinen nahm den robotgesteuerten Repulsorgleiter für den Weg von der Verwaltungskuppel zur Recreation-Area. Auf dem Weg ging er in Gedanken noch einmal den Stand der Planungen durch. 35.000 der 40.000 Plätze waren bereits verkauft, das würde ein volles Haus geben. Nun, sie würden alle auf ihre Kosten kommen. Zwar waren die Gaukler und Artisten zum Auftakt nur Durchschnitt, aber die dienten sowie nur als Vorgeplänkel zur Spannungssteigerung. Besser waren da schon die Ringer von Menastir, die eine ordentliche Show abliefern würden. Aber auch sie waren kein Vergleich zu den Darbietungen, die dann folgten: Als Sturmtruppen verkleidete Sträflinge im Nahkampf gegen Wookies - möglichen Überlebenden winkte die Freiheit - und eine Schlacht zwischen Kroil-Echsen und Rancors. Das sollte genügen, um beim Publikum die richtige Stimmung zu erzeugen. Und als Höhepunkt schließlich die Sklavenauktion.
Ja, im großen und ganzen stand der Programmablauf. Jetzt musste er sich nur noch an den Feinschliff machen.

Die Einreiseformalität war lockerer, als Tnarguol gedacht hatte. Nach einem kurzen Computercheck reichte ihm der Sicherheitsbedienstete eine Datakarte. "Hier ist Ihre ID für den Aufenthalt auf Kh'rurr Beta, Mr. Retep. Sie können sich in Ihrer Wohnkuppel sowie in den öffentlichen Bereichen mit Ausnahme der roten Sperrzonen und der Sicherheitstrakte frei bewegen. - Ist das Ihr Droide?"
Tnarguol nahm seine ID-Karte entgegen. "Ja, das ist GF L1, mein Mech-Droide. Gibt es Probleme?"
"Nein, Sir. Nur wenn Sie ihn verkaufen wollen, benötigen Sie eine Kleinhändler-Lizenz."
Tnarguol lachte. "Verkaufen? Niemals! Den gebe ich für kein Geld der Welt her. Komm L1, wir gehen rein."
Genau genommen ging nur Tnarguol durch die Absperrung, GF L1 schwebte mit Hilfe seines Mini-Repulsors etwa einen Meter über dem Boden.
Sie passierten die Eingangsrampe und gelangten in eine große kreisrunde Halle, von der mehrere Transportröhren abzweigten. Farbcode-Markierungen wiesen ihnen den Weg zu einem Transportband, das sie zu ihrer Wohnkuppel bringen sollte.
"Und? Schon was gesehen, L1?"
"Das will ich meinen, Sir. Optik-Sensoren an allen strategisch wichtigen Punkten, keine Schallübertragungsgeräte. Bisher vier Sicherheitskräfte."
"Sicherheitskräfte? Bist du sicher? Woran erkennst du die?"
"Aber Sir!" antwortete der kugelrunde Droide mit leicht gekränkter Stimme. "Schließlich haben Sie mir doch selbst die Metallscanner eingebaut. Und ich werde doch wohl noch den 'Smitto's 03 Dual-Standardblaster für Sicherheitskräfte' erkennen, selbst wenn er unter einem Gewand verborgen ist."
"Schon gut, L1. Ich werde nie wieder an deinen Fähigkeiten zweifeln. Halt nur weiter die Sensoren offen, okay? Yo-Karah will alles über die Überwachungsmaßnahmen hier wissen."

Die "offene Handelsbörse" im Geschäftszentrum von Kh'rurr Beta wimmelte von Angehörigen fast aller bekannten vernunftbegabten Spezies. Bothaner mit weichem Fell, zottelige Wookies, insektengleiche Verpiner, dreiäugige Pee-Yees, plumpe Worgs, grünhäutige Rodianer, bleiche Twi'lek, doppelgehörnte Devaronianer, kleine Hässlinge - sogar Javas waren zu sehen. Und natürlich Menschen.
Eigentlich fehlen nur noch graue Ewoks, dachte Yo-Karah.
Alle waren sie darauf bedacht, gute Geschäfte zu machen. In Gruppen oder Einzelgesprächen, an der langen Erfrischungstheke oder in abgeteilten Business-Cornern wurden Frachtraten erörtert, Handelslizenzen verschachert, Gewinnbeteiligungen vereinbart oder Transportrouten optimiert. Als Tochter eines Händlers hatte sich Yo-Karah schnell dieser ungewohnten Umgebung angepasst. Es war auch gar nicht so schwer, mit ein paar allgemeinen Floskeln darüber hinwegzutäuschen, dass sie von den meisten Themen, die hier verhandelt wurden, nicht viel wusste. Die restliche Tarnung wurde durch ihre perfekte Verkleidung bewirkt.
Ihr Vater hatte sich strikt geweigert, die Handelsbörse aufzusuchen - zu Recht, wie Yo-Karah einsah. Er war ein im Middle Rim ziemlich bekannter Händler und hatte sich zudem schon des öfteren als Gegner der Sklaverei öffentlich exponiert. Das Risiko, hier erkannt zu werden, war für ihn einfach zu groß. Also hatte sich Yo-Karah auf ihrem Zwischenstopp im Hauptquartier von 'Gildorian Enterprises' auf Trexx als reiche Händlerin ausstaffiert. Und nun schritt sie mit ihrem perlenbestickten weißen Seidengewand, dem diamantenbesetzten Goldgürtel und der nach Art einer krylonischen Prinzessin hochgesteckten Frisur durch die Menge und warf huldvolle Blicke denen zu, die ihr respektvoll Platz machten.
"Verzeihen Sie, Miss, möchten Sie in eine aufstrebende Handelsfirma investieren?"
"Haben Sie Interesse an einem fast fabrikneuen Frachter, Lady?"
"Meine Dame, ich habe interessante Handelslizenzen im Sortiment ..."
Yo-Karah achtete nicht auf die Angebote, die ihr zugetragen wurden. Sie ging zielstrebig auf einen Bereich der Halle zu, wo es weniger zivilisiert zuging. Schon bei ihrem Eintreffen hatte sie eine leichte Unruhe in der 'Macht' gespürt, eine schlechte, bedrohliche Aura, die sich in der Börse verbreitet hatte. Und nun strebte sie dem Zentrum dieser Aura zu.

Tshrrk M'un Frrho warf seinem Majordomus Val Cooshta einen verachtungsvollen Blick zu. Dieser Twi'lek entpuppte sich mehr und mehr als Schwächling.
"Du hast diesem Versager also erlaubt, hierher zu kommen, und meine kostbare Zeit zu stehlen?" Frrhos Stimme war leise und sanft, aber die ledrige Haut rund um die vier Ohren verfärbte sich karmesinrot - wie immer, wenn ein Darlog wütend wurde.
"Verzeiht, Ehrwürdiger", antwortete Val Cooshta zerknirscht. "Ich sehe meinen Fehler ein. Ich ..."
"Weg mit dir!" herrschte Frrho ihn an. "Und wenn dieser Tik Aylos schon hier ist, soll er sagen, was er von mir will!"
Die letzte Bemerkung war sowohl an die umstehenden Geschäftspartner und Günstlinge gerichtet als auch an den Menschen, den Val Cooshta mitgebracht hatte.
Tik Aylos war ein kräftig gebauter, mindestens 1,9 Standardmeter großer Mann. Und doch reichte er dem Darlog nur bis zu den Schultern. Darlogs waren nicht nur so groß und kräftig wie Wookies, ihre tatzenartigen Hände wiesen zudem nicht etwa Finger, sondern lange, messerscharfe Krallen auf.
An Körperkraft hoffnungslos unterlegen, trat Tik Aylos dennoch furchtlos auf Tshrrk M'un Frrho zu.
"Du hast mich betrogen, Frrho. Ich bekomme noch 10.000 Credits von dir. Du kannst mir die Zahlung nicht verweigern!" Zornesröte bedeckte sein Gesicht, aber seine grauen Augen waren klar und stahlhart. "Ich bin jetzt seit 20 Jahren im Geschäft. Aber niemals, niemals hat einer meiner Geschäftspartner ungestraft seine Verträge gebrochen. Das gilt auch für dich, Frrho!"
Die umstehenden Händler wichen unwillkürlich einen Schritt zurück, als sie den Betrugsvorwurf hörten. Die Devaronianer-Leibwächter des Sklavenhändlers griffen automatisch nach ihren Blastern. Nur Tshrrk M'un Frrho blieb völlig ruhig. Mit einem Wink bedeutete er seiner Leibgarde, die Waffen in ihren Holstern stecken zu lassen.
"Du hast mir Twi'lek-Sklavinnen geliefert, Aylos. Aber es gibt zur Zeit keinen Markt für Twi'lek. Pech. So läuft's Business."
"Das ist mir egal! Du hast bestellt, ich habe geliefert. Ich will mein Geld, oder ..."
"Oder was?!" Frrhos Stimme wurde schärfer.
"Oder ich puste dir dein mickriges Hirn raus!" Wie durch Zauberhand hielt Tik Aylos plötzlich einen Blaster in der Hand.
Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden, und ein Service-Angestellter rief "Bitte, keine Schießerei!"
Doch im nächsten Augenblick sank Tik Aylos zu Boden, die Hände vor eine klaffende Wunde in seinem Hals gepresst. Erst jetzt registrierten die Zeugen der Szene, dass an Frrhos rechter Tatze eine Kralle fehlte. Sie steckte in Aylos Kehle.
Ein erregtes Gemurmel erhob sich.
"Wie hat er das gemacht?"
"Hast du gesehen, was passiert ist?"
"Wusstest du, dass Darlogs ihre Krallen abschießen können?"
Tshrrk M'un Frrho achtete nicht weiter darauf. Er bahnte sich den Weg durch die Menge zum Ausgang, registrierte nur am Rande die krylonische Prinzessin in ihrem reichverzierten Seidenkleid als potenzielle Kundin und verließ die Handelsbörse.

"Hier werden die Wookies platziert, und von dort kommen die 'Sturmtruppen' rein, nicht umgekehrt! ... Nein, halt! der Scheinwerfer blendet, dreh ihn hoch! ... Mir ist egal, ob man von Reihe 23 was sieht, die Leute sollen sich gefälligst bessere Karten kaufen! ... Kann mal jemand der Band sagen, sie soll für einen Moment aufhören zu üben? Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr ..."
Chuck Harpinen gestikulierte, brüllte Befehle, kommandierte Leute herum, kurz: er war ganz in seinem Element. Aufgekratzt wie selten fieberte er der Auktion am kommenden Tag entgegen. Nicht einmal die Tatsache, dass die Band schlecht war, konnte seine blendende Laune trüben. Ursprünglich hatte er Max Rebo, das berühmte blaue Rüsseltier, verpflichtet. Doch dessen Raumschiff lag mit einem defekten Hyperantriebsmotivator irgendwo im Mirano-Sektor fest. Und etwas Besseres als diese Ersatzband hatten sie in der Kürze der Zeit nicht auftreiben können. Die Sängerin, eine hochgewachsene dunkelhäutige Menschenfrau, hatte eine ganz passable Stimme. Wahrscheinlich hatte sie bereits in zweitklassigen Provinzcantinas gesungen. Auch die Twi'lek-Tänzerin war erträglich, obwohl ihre Wirkung eher auf der natürlichen Anmut dieser Spezies und ihrer durchsichtigen Kleidung als auf professioneller Tanzkunst beruhte. Aber der Tiridaner, der den Multisound-Generator bediente, war ein Witz. Vielleicht lag es daran, dass ihn die Atemmaske mit dem Sauerstoff-Methan-Wandler behinderte? Was musste dieser Typ überhaupt in einer Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre auftreten! Sollte er doch auf Tiridan bleiben!
Harpinen schüttelte den Kopf. Es war nicht zu ändern. Das Showprogramm war dafür umso besser ...
"Entschuldigen Sie!"
Ein etwa 15 Jahre altes Mädchen kam auf ihn zu.
"Entschuldigen Sie, Sir. Ich suche einen Job. Haben Sie was für mich?"
Harpinen musterte die Jugendliche. "Was hast du denn gelernt?"
"Ich war Küchenhilfe auf einem Raumliner, Sir. Leider ist die Reederei in Zahlungsschwierigkeiten geraten und ich hänge jetzt hier fest. Genauso wie die übrige Besatzung."
Harpinen grinste. "Auf den falschen Arbeitgeber gesetzt, was? Trifft sich aber gut. Ich suche nämlich eine Küchenhilfe. Kannst dem alten Wordo zur Hand gehen ... Wie heißt du?"
"Nesrilan, Sir."
"Also, Nesrilan. Du kannst sofort anfangen. Dahinten, linker Ausgang, frag dich bis zur Küche durch. Aber komm mir nicht mit 'Arbeitnehmerrechten' oder so was!"
"Danke, Sir, ich werde Ihnen keine Schwierigkeiten machen."
Das Mädchen zog ab, und Harpinen schaute ihr nachdenklich hinterher.
Merkwürdig, dachte er. Wieso komme ich auf die Idee, dem alten Wordo eine Aushilfe zur Seite zu stellen? Du bist zu sozial, Chuck, einfach zu sozial.
"Hey, ihr da!" wandte er sich den Arbeitern in der Arena zu. "Mehr Sand auf den Boden! Das saugt das Blut besser auf!"

Obi-Nor lag auf seiner harten Pritsche und starrte missmutig die Decke an. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Anstatt im 'Quiet Sun Holiday Lodge' zu relaxen hing er auf dieser verdammten Raumstation herum. Stella hatte ihm eine theaterreife Szene gemacht, aber schließlich hatte sie die Wichtigkeit der Mission eingesehen.
Jetzt befand er sich hier und sollte - ja, was eigentlich tun?
"Aufpassen", hatte Yo-Karah gesagt.
Auf was? Auf wen?
Es war wieder einer ihrer Ahnungen oder Visionen gewesen, die sie veranlasst hatte, ihn hierher zu schleifen.
Er hatte mit und ohne seine Tochter schon eine Menge verrückter Abenteuer erlebt. Und bisher war immer alles glatt gegangen.
Aber den Sklavenhandel auf Kh'rrur Beta unterbinden?
Es klappt nicht, dachte er. Es kann doch gar nicht klappen.
Er hatte ein ganz schlechtes Gefühl bei dieser Sache.

 

 

3. Die Arena

Der bis an die Zähne bewaffnete Wächter gab den Sicherheitscode ein, und die schwere Durastahl-Tür glitt zur Seite.
"Rein mit euch. Was gibt's denn heute Schönes? Giftpilzsuppe?"
Es war immer der gleiche müde Scherz. Wordo achtete gar nicht mehr darauf. Und schon gar nicht fühlte er sich in seinem Stolz als Koch verletzt. Stolz, Ehrgefühl, Selbstwert - all das lag lange hinter ihm. Jetzt genoss er es einfach, dass er die Essensausgabe nicht mehr allein durchführen musste. Mit dem neuen Küchenmädchen ging alles viel schneller von der Hand.
Sie schoben die Schwebetrage mit den Essenstöpfen in den Sicherheitstrakt.
"Wir fangen in Block C an, Nesrilan. Dort sind die humanoiden Sklaven, die am schwächsten sind. Unsere Aufgabe ist es, sie richtig aufzupäppeln, egal was dieser Wächter erzählt. Sklaven sind wertvolles Kapital, und gut ernährte Sklaven bringen einen höheren Erlös. Und der wiederum bringt Mr. Harpinen eine höhere Provision ein."
"Wertvolles Kapital? Sind sie nicht vielmehr Menschen, Wookies, Twi'lek? Vernünftige, fühlende Wesen wie du und ich?" fragte das Mädchen bitter.
Rasch schaute Wordo sich um, ob sie jemand gehört hatte.
"Red' nicht solche Sachen, Nesrilan!" zischte er. "Wenn dich der Boss hört, bist du geliefert! Wir machen hier unsere Arbeit, und das ist alles."
Das letzte, was er gebrauchen konnte, war eine Aushilfe, die aufrührerische Reden schwang. Sie würde sich und ihn in furchtbare Schwierigkeiten bringen, wenn der Boss davon Wind bekam. Wie damals dieser Junge, den Boss Harpinen als Opfer einer Tierhatz in die Arena geschleppt hatte ... Nein, lieber nicht dran denken!
Sie öffneten den ersten Zellenblock, füllten schweigend die primitiven Blechnäpfe mit dem fade schmeckenden, aber nährstoffreichen Brei und schoben sie durch die dafür vorgesehenen schmalen Klappen in den Zellentüren.
Nesrilan ließ es sich nicht nehmen, durch die kleine Sichtscheibe ins Innere der Zellen zu schauen. Sie kommentierte nicht, was sie sah, doch ihr versteinertes Gesicht sprach mehr als tausend Worte.
Wordo schüttelte den Kopf. Er schaute nie in die Zellen, wollte nicht sehen, wie es hinter den Panzertüren aussah.
Doch das brauchte er auch gar nicht. Die Bilder waren alle noch in ihm. Tief vergraben hatte er sie in seinem Herzen. Er hatte gehofft, sie würden nie wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins emporsteigen. Aber sie waren da. Und jetzt hatte er sie wieder vor Augen. Nachdem er all die Jahre erfolgreich verdrängt hatte, dass er selbst einst hier eingepfercht gewesen war. Er und seine Frau und seine Kinder ...
Wütend knallte er den Deckel auf den Essenstopf. "Du mit deinen Reden!" herrschte er seine Aushilfe an. "Du machst mich ganz verrückt!"
Doch diese Nesrilan schaute ihm nur trotzig in die Augen.
"Komm, wir müssen die Runde fertig bringen", fuhr er sanfter fort. "Danach ist ja noch die Tierfütterung dran."

Der Energiefluss-Controller zeigte einen regen Datenaustausch zwischen dem Droiden und dem Computerterminal in der Verwaltungsstation der Recreation-Kuppel an.
"Wie lange dauert das denn noch, L1?" flüsterte Tnarguol. "Wir können hier jeden Augenblick entdeckt werden!"
"Bedaure, Sir, das Netz ist einfach zu komplex. Ich wünschte, diese Neimodianer hätten sich für einen anderen technischen Standard entschieden. So muss ich immer meine Call-Back-Routine einschalten und ..."
"Still, L1! Vergeude deine Rechenleistung nicht für unseren Dialog!"
Vorsichtig lugte Tnarguol durch den Türspalt auf den Flur. Er hatte sich allzu lange mit dem Sicherheitsmechanismus aufgehalten. Da sie herausgefunden hatten, dass die Sicherheitskräfte in diesem Trakt alle 10 Standardminuten einen Kontrollgang durchführten, kam es auf jede Sekunde an. Kurzentschlossen hatte er daher diese Bürotür aufgebrochen. Und nun wartete er darauf, dass GF L1 die zur Überwachung der Arena eingesetzten versteckten HoloVidRecorder anzapfen konnte. Mit etwas Glück konnten sie sogar eine Direktübertragung nach Yavin 4 herstellen. In jedem Fall könnten sie mit Hilfe der Aufnahmen die Identität der Sklavenhändler auf Kh'rurr Beta beweisen.
"Ich habe etwas, Sir!"
Tnarguol wandte sich von der Tür ab und war mit zwei raschen Schritten bei seinem Droiden.
"Was heißt, du hast 'etwas'? Was hast du gefunden?"
"Nun, HoloVidRecorder der Sicherheitsstufe 1, soviel ist sicher. Ich weiß nur noch nicht, welche zur Arena gehören. - Oh, dieser scheint interessant zu sein. Er sendet ein merkwürdiges Signal."
"Kannst du sein Bild auf den Projektor dort schicken? Ich möchte mal sehen, was er Interessantes aufnimmt."
"Signal kommt, Sir."
Der Projektionsschirm flackerte erst ein wenig, dann war das Bild klar zu sehen.
Es zeigte Tnarguol und GF L1 in einem Büro des Verwaltungstraktes.

"So, was haben wir denn da für ein Früchtchen aufgelesen?"
Chuck Harpinen musterte den von vier Sicherheitskräften bewachten jungen Mann und den merkwürdigen, runden Droiden mit abschätzigen Blicken. "Wolltest wohl die ÜberwachungsVids im Tresorraum lahmlegen, was?"
"Nein, keineswegs. Ich kann alles erklären ..."
Harpinens dröhnendes Lachen schnitt dem Gefangenen das Wort ab. "Er kann alles erklären! Ha ha ha! Ein Spaßvogel ist uns da ins Netz gegangen!"
Er nahm eine kleine mehrschwänzige Niedervolt-Elektroschockpeitsche von seinem Gürtel und schlug seinem Gegenüber mehrmals ins Gesicht.
Sein falsches Lachen war wie weggeblasen, als er sagte: "Du sollst gar nichts erklären, Bübchen. Ich werde dir erklären, was wir mit Einbrechern wie dir machen. Wir werfen dich nicht einfach ins Gefängnis, oh nein. Wir bringen dich auch nicht einfach um, obwohl uns niemand daran hindern oder dafür zur Rechenschaft ziehen würde. Nein, wir verschaffen dir den Auftritt deines Lebens. Du darfst heute abend als Sondernummer in der Arena auftreten. Ja, Bürschchen, das wird der Auftritt deines Lebens, der letzte Auftritt deines Lebens. - Abführen!"
"Was sollen wir mit dem Droiden machen, Sir?" fragte einer der Wachleute.
"Unterzieht ihn einer Speicherlöschung und gebt ihn ins technische Labor zur Neuprogrammierung. Er könnte noch nützlich sein für uns."

Langsam füllte sich das weite Rund der 'Show und Artistic Arena'. 15.000 Zuschauer mochten bereits anwesend sein, und aus allen Eingängen strömten die Massen herein.
Yo-Karah warf einen Blick hinüber zu den Luxuslogen. Natürlich waren sie noch leer. Die reichen Händler und vor allem die Sklavenbesitzer, die sich die besten und ein Vermögen kostenden Plätze gesichert hatten, ließen sich 30 Minuten vor Beginn der Vorführungen noch nicht blicken. Sie hielten sich vermutlich noch in der eigens für sie reservierten Lounge auf, wo sie weitere schmutzige Geschäfte tätigten.
Die Jedi ließ ihren Blick durch die Kuppel schweifen. Von ihrem Platz in der ersten Reihe würde sie das Geschehen auf der nur fünf Meter unter ihr liegenden Arena genauestens verfolgen können. Kreisrund war die mindestens 100 Meter im Durchmesser große Aktionsfläche, die laut Programm Schauplatz von artistischen Darbietungen, blutigen Kämpfen und Sklavenauktionen sein würde. Unwillkürlich schaute sie hinüber zu der Plattform über dem Haupteingangstor zur Arena. Dort würde die Band für Unterhaltung sorgen, während unten auf dem mit Sand bedeckten Boden die Nahkämpfer sich gegenseitig an die Gurgel gingen.
Sandboden ...
Die Visionen von Yavin 4 stiegen vor ihrem inneren Auge auf.
Wo Tnarguol nur blieb? Er hätte sich doch wenigstens per Comlink melden müssen.
War der Sandboden, den sie in ihren Visionen gesehen hatte, gar nicht der Wüstenboden von Tatooine gewesen, sondern der Boden dieser Arena? War Tnarguol in Gefahr?
Hatte sie ihn überhaupt erst in Gefahr gebracht?
Yo-Karah wurde das Gefühl nicht los, bei dieser Mission von Anfang an alles falsch gemacht zu haben.

So ein Mist!
Seit die Sklaven in den Sicherheitstrakt verfrachtet worden waren, waren sie tabu. Die kostbare Ware durfte nicht angetastet werden, das war Vinnieypos klar. Und der Boss verstand überhaupt keinen Spaß, wenn er sich vor einer Auktion an einer Sklavin vergriff.
Aber es musste doch noch andere Möglichkeiten geben?
Der Devaronianer ging in Gedanken die Menschenfrauen durch, denen er in den letzten Tagen auf Kh'rurr Beta begegnet war. Aber es war keine dabei, die ihm zusagte.
Oder doch?
Was war denn mit dieser Sängerin von der lausigen Band, die Harpinen engagiert hatte? Die war zwar schon älter, mindestens 40, also eigentlich inakzeptabel, weil Menschenfrauen mit 30 Jahren verblüht waren. Aber wenigstens hatte sie Temperament.
Vinnieypos grinste. Die würde sich bestimmt wehren. Das würde ein Mordsspaß werden.
Ja, die Sängerin musste es sein ...

"Droide zur Speicherlöschung. Bitte bestätigen Sie die Abgabe."
GF L1 registrierte, wie der Wachmann dem Laborangestellten ein Datapad vor die Nase hielt, das dieser mit seinem ID-Code abzeichnete. Dann war er auch schon mit dem Techniker allein.
"So, du sollst also gelöscht werden. Ist nicht schlimm, tut gar nicht weh. Schweb einfach dort drüben hin. Ich werde dir eine richtig wohltuende Datendusche verpassen."
Laut seinen Datenspeichern redeten so Menschen mit ihren Kleinkindern. Und menschliche Kleinkinder waren trotzig.
"Will keine Datenlöschung." Regungslos blieb GF L1 an seiner momentanen Position schweben.
"Ah, ein kleiner Trotzkopf. Macht nichts, das haben wir gleich."
Der Techniker ging zu einem Arbeitstisch und kam mit einem Multihydroschraubenzieher zurück.
"Jetzt macht es gleich 'zisch' und du hast gar keine aufmüpfigen Ideen mehr, mein kleiner Freund."
GF L1 fuhr einen stromführenden Greifarm aus und berührte das Bein des Technikers.
Es machte "zisch" und der Mensch sank ohne aufmüpfige Ideen zu Boden.
'3 Minuten Ohnmacht', analysierte der Bioscan des Droiden. Zeit genug, um von hier zu verschwinden.
Jetzt galt es, Master Tnarguol zu finden und gegebenenfalls zu retten. Der Zielkonflikt zwischen einer Datenspeicherlöschung und der Rettung seines Masters war doch recht einfach zu lösen ...

"Ladies and Gentlemen!
Was wäre das Leben auf dieser Raumstation ohne eine gute Show?!
Benutzen Sie Ihre Hände, Klauen, Tatzen - was immer Sie haben - und begrüßen Sie mit mir den Mann, der uns für ein paar Stunden aus dem grauen Alltag entführt und die zauberhafte Welt der Unterhaltung zeigt.
Begrüßen Sie Mister Chuuuck Haaaaarpiiinen!!!!"
Der Multisoundgenerator spielte eine pompöse Fanfare, und tosender Applaus brandete auf, als der Leiter der Show, Chuck Harpinen, die Arena betrat.
Yo-Karahs Unruhe wuchs. Sie fühlte, dass Tnarguol etwas zugestoßen war.
Nur mit halbem Ohr bekam sie mit, wie der Leiter der Arena die Ehrengäste begrüßte, darunter den Sklavenhändler, den sie in der Handelsbörse gesehen hatte. Auch den Anfang der Show mit den Gauklern, Artisten und Feuerschluckern beobachtete sie kaum. Vielmehr konzentrierte sie sich darauf, ob sie ein Zeichen von Tnarguols Aura wahrnehmen konnte. Aber inmitten der gefüllten Zuschauerränge mit 40.000 Wesen der unterschiedlichsten Spezies war das ein aussichtsloses Unterfangen.
Die Band spielte ein Intermezzo, das wohl eine Reminiszenz an den berühmten Auftritt von Sy Snootles und Max Rebo in Jabbas Palast sein sollte. Jedenfalls deuteten der Liedtext und der Tanz der mit Verliesketten behängten Twi'Lek-Tänzerin darauf hin. Danach betrat Chuck Harpinen wieder die Announcement-Plattform.
"Ladies and Gentlemen! Bevor wir zu unserem ersten Höhepunkt des heutigen Abends kommen - dem Kampf der Sturmtruppen gegen die Wookies - erleben Sie eine ganz besondere Show-Einlage!
Heute haben wir einen jungen Mann erwischt, der die Dummheit besaß, unsere HoloVid-Überwachungsgeräte anzapfen zu wollen ..."
Chuck Harpinen rief diese Worte amüsiert aus, und die meisten der Zuschauer, die anscheinend wussten, was nun kommen würde, lachten lauthals mit.
Yo-Karah spürte, wie ihr Herz für einen Moment aussetzte.
"... und nun geben wir ihm die Chance, für seine Freiheit zu kämpfen. Ist das nicht ein edles Ziel?"
Wieder lachten die Zuschauer in freudiger Erwartung.
"Und hier kommt er! Begrüßen Sie mit mir Mister Tnarguol Retep!"
Das Publikum applaudierte und gröhlte, während vier Wachleute den gefesselten Tnarguol in die Arena führten. Sie führten ihn in die Mitte der kreisrunden Kampfbahn, nahmen ihm die Stahlschellen ab, steckten eine als Hieb- und Stichwaffe modifizierte Vibrolanze in den Sand und entfernten sich.
"Wie Sie sehen, verehrtes Publikum, ist unser Freiheitskämpfer nicht unbewaffnet. Er hat eine Vibrolanze zur Verfügung. Ich finde das ist eine faire Chance im Kampf gegen - Gorrsk-Riesenkatzen!"
Die Menge tobte. Ein ungenügend bewaffneter Mensch gegen diese gefährlichen Bestien, das war offenbar genau nach ihrem Geschmack.
Ein Fallgitter wurde hochgezogen, und vier Gorrsk-Katzen sprangen brüllend und fauchend in die Arena. Mit einer Schulterhöhe von 1,5 Standardmetern, rasiermesserscharfen Krallen und dolchartigen Fangzähnen waren sie die gefährlichsten Raubkatzen der mittleren Galaxis.
Die Katzen rannten 20, 30 Meter in das weite Rund, fauchten sich gegenseitig an, brüllten Richtung Publikum. Dann entdeckten sie eine einsame menschliche Beute.
In diesem Moment schwang sich Yo-Karah in die Arena.

 

 

4. That's Entertainment

Chuck Harpinen war rundum zufrieden. Ein volles Haus, jede Menge potenzielle Käufer für die in der Auktion angebotenen Sklaven, prächtige Stimmung im Publikum - und wie ein Geschenk des Schicksals dieser Retep, der ihnen in die Hände gefallen war. Etwas Besseres konnte ihm doch gar nicht passieren als diesen Dummkopf beim Einbruch zu erwischen.
Da stand der Kerl inmitten der Arena.
Los, nimm schon die Vibrolanze! forderte ihn Harpinen in Gedanken auf. Nicht, dass sie dir viel nützen wird ...
Die Gorrsk-Katzen sprangen durch das Fallgitter-Tor. Schöne Tiere, hatten ihn eine Menge Credits gekostet. Jetzt konnten sie zeigen, dass sie ihr Geld wert waren.
Doch was war das? Eine Zuschauerin sprang in die Arena?!
Ein Aufschrei des Publikums und ein jaulender Misston des Multisound-Generators begleiteten diese unerwartete Wendung des Geschehens.
Die war wahnsinnig, völlig irre! Wollte die sich etwa umbringen? Doch da, was blitzte da auf? Das war doch ein -
ein Lichtschwert!
"Sir, sollen wir eingreifen?" Einer der Sicherheitsleute hatte seinen Blaster gezogen und schaute seinen Boss fragend an.
Schon wollte Harpinen den Befehl geben, die Arena zu stürmen, doch da kam ihm eine Idee. Eine ausgezeichnete Idee.
"Halten Sie Ihre Leute noch zurück!" befahl er. "Wenn mich nicht alles täuscht, wird das Programm heute noch sehr viel interessanter als wir es uns vorgestellt haben."
Er nahm sein Comlink vom Gürtel und sprach einen Befehl hinein. Dann legte sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, während er den Kampf der beiden Menschen gegen die Gorrsk-Katzen verfolgte.

Der gelbe, mit grauem Steinstaub vermischte Sand färbte sich dunkelrot.
Schweiß rann von Tnarguols Stirn, als er die Vibrolanze der letzten Riesenkatze ins Herz bohrte. Schwer atmend stützte er sich auf seine Waffe und blickte dankbar zu Yo-Karah hinüber, die offenbar mühelos drei der Bestien zur Strecke gebracht hatte.
"Nie war ich glücklicher, dich zu sehen!" keuchte er mit leicht gequältem Grinsen. "Ich wusste, dass du hier sein würdest, aber - tut mir Leid, Yo-Karah, ich habe deine Tarnung auffliegen lassen."
"Das wird unser geringstes Problem sein, fürchte ich", erwiderte die Jedi. "Sie werden uns kaum ohne weiteres gehen lassen."
Yo-Karah schaute sich um. Das Publikum war augenscheinlich irritiert und verunsichert. Ein Teil applaudierte und johlte. Aber viele pfiffen, weil sie offenbar enttäuscht waren, dass die Menschen in der Arena immer noch lebten.
Einige Sekunden passierte gar nichts. Dann erklomm Chuck Harpinen wieder die Announcement-Plattform.
"Ladies and Gentlemen! Wie Sie sehen, darf bei uns jeder mitmachen! Auch Sie dürfen in die Arena springen und kämpfen, wenn Sie wollen!"
Und schon hatte dieser Harpinen die Lacher erneut auf seiner Seite.
"Wahrscheinlich haben Sie es schon bemerkt: Die Dame, die unserem Einbrecher zu Hilfe geeilt ist, ist ganz offenbar eine Jedi. Ich frage Sie: Wo sonst bekommen Sie für Ihr Eintrittsgeld eine Jedi-Kämpferin zu sehen? Sie haben gewiss Verständnis dafür, dass wir unser Programm aus diesem Anlass ein wenig abändern."
Bei diesen Worten betraten mehrere Sicherheitskräfte mit gezogenen Blastern die Arena und kamen auf Yo-Karah und Tnarguol zu. Jeder führte ein dachsgroßes Tier in einem Nährkäfig mit sich. Die Vierbeiner wirkten harmlos, doch Yo-Karah erkannte das Problem augenblicklich.
"Ysalamiri! Tnarguol, jetzt sind wir wirklich in Schwierigkeiten."
"Ysalamiri?"
"Diese Tiere erzeugen eine Art Vakuum der 'Macht'. Meine Jedi-Fähigkeiten werden mir nichts nützen, wenn sie in meiner Nähe sind."
Der Verlust der Verbindung zur 'Macht' wirkte auf Yo-Karah wie ein Schock. Ihre machterprobten Sinne waren wie verschleiert, der Körper wie mit einer Bleiweste beschwert.
"Geben Sie mir Ihr Lichtschwert, Lady!"
Blieb ihr eine andere Wahl? Ohne die 'Macht' konnte sie keine Blasterschüsse mit dem Lichtschwert abwehren. Sie musste tun, was von ihr verlangt wurde.
Sie händigte dem Wachmann ihre Waffe aus und erhielt dafür eine Vibrolanze.
Eine andere Sicherheitskraft kette ihr einen Ysalamiri-Käfig auf den Rücken. Der Mann grinste sie an. "Viel Glück beim Kampf, Sie werden es brauchen."
Die Wachleute zogen sich zurück, und die Stimme von Chuck Harpinen erscholl erneut durchs weite Rund der Kuppel.
"Ladies and Gentlemen, die Show geht weiter! Sehen Sie nun unseren kleinen Einbrecher und seine edle Beschützerin im Kampf gegen Worgs. That's Entertainment!"
Die Menge tobte, als vier plumpe, grobschlächtige Worgs in die Arena stürmten. Jeder von ihnen war mit einer Vibrolanze und einem Messer bewaffnet. Und jeder trug einen Ysalamiri-Käfig auf dem Rücken.

GF L1 schwebte durch eine schier endlose Folge von Transportröhren, vorbei an Werkstätten, Wohncontainern, Lagersilos, bis er endlich die Recreation-Kuppel erreichte. Der Mann, den sie Harpinen nannten, hatte gesagt, dass Master Tnarguol heute in der großen Arena auftreten musste. Dem Lärm der jubelnden Massen zufolge hatte die Show bereits begonnen. Der Droide berechnete die Chancen, dass er noch rechtzeitig kam, um seinen Master zu retten, auf 1:243. Nicht sehr ermutigend ...
"Halt! Wo willst du hin?"
Der Mann trug einen Blaster am Gürtel und wirkte nicht so, als ob er einen fremden Droiden einfach passieren ließ.
"Befehl von Mister Harpinen, Sir. Ich soll den Energie-Controller in der Küche warten." 'Küche' war nur als Alternativpriorität programmiert, aber die Chance, dass er an dem Wachmann nicht vorbeikam, lag bei 1748:1. Und als Folge: Erneuter Zwangsaufenthalt in der Droidenwerkstatt (753:1). Weitere Folge: Speicherlöschung (991:1). Alternative Folge: Desintegration! Sein Emotionssimulator-Chip unterdrückte die Ausrechnung der Chancen für eine Desintegration. Die anderen möglichen Folgen waren auch so schon schlimm genug.
"Dann bist du hier falsch. Zur Küche geht's da lang. Hier kommst du zur Arena. Oder willst du auch gegen Worgs kämpfen wie dieser Einbrecher und die Jedi?"
"Ich glaube nicht, Sir. Vielen Dank."
GF L1 schwebte Richtung Küche davon. Master Tnarguol hatte also bereits Hilfe von Mistress Yo-Karah erhalten. Bei der Berechnung der Überlebenschance von Master Tnarguol führte dieser Umstand natürlich zu viel angenehmeren Zahlen.

Chuck Harpinen tätschelte den metallenen Griff des Lichtschwertes. Wenn die Jedi tot war, würde er diese Waffe als Trophäe an die Wand seines Arbeitszimmers hängen.
Die beiden Menschen hatten offenbar großen Respekt vor den Worgs. Sie erwarteten nicht ihren Angriff in der Mitte der Aktionsfläche, sondern zogen sich augenblicklich an den Rand der Arena zurück. Clever, dachte Harpinen. Auf diese Weise konnten sie nämlich nicht eingekreist werden. Der Leiter der Arena bedauerte nur, dass nicht alle Zuschauer das unausweichlich folgende Gemetzel würden sehen können. Zuschauerfreundlicher wäre es zweifelsohne gewesen, sich inmitten der Arena abschlachten zu lassen. Wenn sie wenigstens nicht die Seite mit der Band-Plattform ausgesucht hätten! Diese Plattform verdeckte den oberen Reihen die Sicht. Aber was konnte man schon von Amateuren erwarten?

Die Worgs griffen an. Yo-Karah wehrte den ersten Hieb einer Vibrolanze ab und tauchte unter dem Angriff des zweiten Worgs durch. Mit einer schnellen Drehung wollte sie sich wieder dem ersten Angreifer zuwenden, doch das unpraktische lange Kleid behinderte sie. Sie geriet ins Stolpern und stürzte in den Sand. Einer der Worgs war mit einem Satz über ihr, die Lanze zum tödlichen Stich erhoben.
In diesem Moment krachte der Multisound-Generator auf seinen Kopf und zerschmetterte ihm den Schädel.

Krothos hatte schon viele Kämpfe in der 'Kh'rurr Beta Show und Artistic Arena' bestritten und sie alle ohne ernsthafte Verletzung überlebt. Angesichts seines Rufs als Nahkämpfer war es fast eine Beleidigung gewesen, dass sie zu viert zwei Menschen erledigen sollten. Dazu mussten sie noch diese lächerlichen Viecher mitführen - aber Harpinen war nun mal der Boss. Wenn er es so wollte, wurde es gemacht.
Die beiden Opfer wichen zurück an den Rand der Arena.
Krothos gab den anderen Worgs ein Zeichen, damit sie sich aufteilten.
Dann drang er auf den schmächtigen Mann ein.
Noch bevor er den ersten Hieb ansetzen konnte, brach wenige Schritte neben ihm ein Worg zusammen. Krothos Gehirn war wie bei allen Worgs nicht für rasche Erkenntnisgewinnung geschaffen, aber dass sich die Band in den Kampf einmischte, dass kapierte auch er sofort.
Die Twi'Lek-Tänzerin sprang ihm auf den Rücken, schlang ihre Verliesketten um seinen Hals und würgte ihn, so fest sie konnte. Mit ein paar raschen Bewegungen und einem Hieb mit seinem Ellenbogen schüttelte er sie ab. Doch schon war die Sängerin bei ihm und rammte ihm ein Messer in die Schulter, so dass er die Vibrolanze fallen ließ.
Der Schmerz machte ihn rasend. Mit einem Tritt schleuderte er die Menschenfrau davon. Krachend schlug sie gegen die Umrandung der Arena. Aus den Augenwinkeln erkannte er den Tiridaner. Krothos riss sein Messer aus dem Gürtel und durchschnitt mit einer flinken Bewegung den Luftschlauch der Atemmaske. Mit der Faust streckte er den Musiker zu Boden, während aus dem Schlauch das Gas zischend entwich. Ein erstickender Tiridaner bedeutete keine Gefahr mehr für ihn, also konnte er sich wieder der Sängerin zuwenden, die sich soeben stöhnend aufrappelte.
Er holte mit dem Messer aus, doch in diesem Augenblick wurde er von seiner eigenen Vibrolanze durchbohrt.
Der Tiridaner stieß ein zweites Mal zu, und Krothos sank zu Boden.
Bevor er das Bewusstsein verlor, fragte er sich, wie ein Tiridaner ohne funktionierende Atemmaske in dieser Luft überleben konnte.

"Nesrilan, stell dir vor, was gerade in der Arena passiert. Da hat doch glatt die ... Was ist denn das für ein Droide?!"
Wordo blieb wie angewurzelt stehen. Er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Nicht nur, dass dieser fremde Droide in der Küche schwebte. Auch der ernste und entschlossene Blick seiner Küchenhilfe war ein beredtes Zeichen für eine ungewöhnliche Situation.
Die Bestätigung folgte sofort.
"Hör zu, Wordo. Mein Name ich nicht Nesrilan. Ich heiße Kaya. Ich bin Jedi-Padawan und bin mit meiner Meisterin gekommen, den Sklavenhandel auf Kh'rurr Beta zu unterbinden."
"Du bist was?"
"Wordo, es tut mir Leid, dass ich dich anlügen musste, aber ich brauchte diese Tarnung. Bitte hilf mir jetzt! Ich will die Sklaven im Sicherheitstrakt befreien. Und ich spüre, dass du Ihnen im Grunde deines Herzens auch die Freiheit wünscht!"
Wordo schnappte nach Luft. "Bist du wahnsinnig? Die Sklaven befreien? Das kannst du nicht! Das darfst du nicht! Denke nicht mal dran!"
Das Mädchen nickte langsam, und ihre Augen wirkten traurig, als sie sprach: "Also gut, Wordo. Dann muss ich es allein machen. Du kannst mich an die Wachleute verraten oder einfach gehen lassen. Leb wohl. - Komm, L1, wir gehen."
Wordo schaute ihr nach, wie sie zusammen mit ihrem Droiden davonging. Er hatte die Pflicht, die Wache zu rufen und sie festnehmen zu lassen.
Aber hatte sie nicht Recht? Wünschte er nicht im Grunde den Sklaven die Freiheit? Er sollte mitgehen und ihr helfen.
Aber nein. Es war zu spät. Er hatte nicht mehr die Energie, gegen die Sklaverei anzukämpfen. Wenn diese Kaya vor vielen Jahren gekommen wäre ...
So schnell er konnte, würde er die Begegnung mit dem Mädchen vergessen.
Er spürte, wie der letzte Funken Selbstachtung in ihm erlosch. Aber es war zu spät, einfach zu spät ...

Der vierte Worg sank tot zu Boden.
Das Publikum tobte. So etwas hatte man noch nie gesehen.
"Raus hier!" rief Yo-Karah. "Jeden Moment müssen die Wachen hier sein!"
Mit einem raschen Blick stellte sie fest, dass niemand ernsthaft verletzt war. Tnarguols Oberarm blutete, und sie selbst hatte eine Stichwunde abbekommen, die aber glücklicherweise nicht allzu tief war.
"Dort in den Tunnel, durch den die Gorrsk-Katzen gekommen sind!"
Die vier Menschen und die Twi'Lek flohen aus der Arena.

Chuck Harpinen war wütend. Was war er doch für ein Narr gewesen! Eine Jedi als Zuschauerin, eine Band, die sich als Kampftruppe entpuppte; die überhaupt nur hier war, weil Max Rebo verhindert war. Er war ganz fürchterlich reingelegt worden. Er sah, wie Tshrrk M'un Frrho mit seinem Gefolge die Loge verließ. Der Sklavenhändler hatte natürlich auch gemerkt, dass hier etwas oberfaul war.
Sklavenhändler! Das war der Schlüssel. Wieso war er nicht gleich darauf gekommen? Es ging dem Einbrecher wirklich nicht um den Tresorraum, sondern um den Sklavenhandel!
Harpinen sprang auf und verließ die Plattform. Seine Sicherheitsleute waren ausgeschwärmt, um die Flüchtlinge wieder einzufangen. Aber er wusste, wo er zu suchen hatte.

In einem verlassenen Lagerraum legten sie eine Pause ein. Zuvor hatte Tnarguol Yo-Karah mit Hilfe eines Stemmeisens von der Kette mit dem Ysalamiri befreit. Jetzt gönnten sie sich einige Minuten zum Verschnaufen. Obi-Nor nutzte die Gelegenheit, die Tiridaner-Atemmaske abzunehmen.
"Puh, ist das heiß unter dem Ding!" stöhnte er. "Als der Worg mir den Schlauch mit der Frischluftzufuhr durchschnitt, dachte ich, ich müsste ersticken!"
"Genau das war seine Absicht", warf Stella Likori trocken ein. "Danke übrigens, dass du mir das Leben gerettet hast."
Obi-Nor winkte ab. "Als du vor die Umrandung geknallt bist, dachte ich du hättest dir das Rückrat gebrochen ..."
"Exakt so fühle ich mich auch. Aber das ist jetzt egal. Wie geht es denn weiter?"
"Wir sollten schnellstens von hier verschwinden", meinte Obi-Nor. "Unsere Mission ist sowieso gescheitert. Bald werden alle Sicherheitskräfte der Raumstation hinter uns her sein. Besser, wenn wir vorher unser Raumschiff erreicht haben."
"Obi-Nor hat recht", stimmte Tnarguol zu. "Nichts wie weg hier. Noch einmal möchte ich nicht in die Arena. Allerdings muss ich erst GF L1 finden. Ich hoffe nur, er konnte sich der Speicherlöschung entziehen. Was sagst du, Yo-Karah?"
Die Jedi schwieg einen Moment. Dann schaute sie die anderen der Reihe nach an.
"Wir werden die Sklaven befreien."
"Was?! Bist du wahnsinnig?!"
"Was meinst du, wie die bewacht werden!"
"Das ist glatter Selbstmord!"
"Nein", entgegnete Yo-Karah. "Sie werden mit einer Flucht rechnen, aber nicht mit einer Befreiungsaktion. Noch ist unsere Mission nicht gescheitert. - Vater?"
"Schon gut", brummte der Angesprochene. "Ich bin dabei. Coolesha, Sie gehen auf dem schnellsten Wege zum Raumschiff zurück. Als Twi'lek sind Sie viel zu auffällig."
"Aber ich helfe Ihnen gern, Herr Direktor!"
"Kommt gar nicht in Frage!" Und mit einem Lächeln fuhr er fort: "Gute Sekretärinnen sind heutzutage einfach zu kostbar. Ich würde dich nur ungern verlieren. Und lass doch das förmliche 'Herr Direktor' weg. Ich heiße Obi-Nor. - Stella, würdest du Coolesha bitte aufs Schiff begleiten?"
"Was?! Du willst mich abschieben?!" ereiferte sich Stella. "Glaubst du, ich bringe mich in Sicherheit, während du in den Sicherheitstrakt marschierst?"
"Stella, bitte! Sorge dafür, dass Coolesha heil aufs Schiff kommt. Ich mache mir sowieso schon Vorwürfe, dass ich euch hier reingezogen habe."
Stella Likori verzog unwillig den Mund. "Na gut. Aber sei vorsichtig! Ich will dich lebend wiedersehen!"

"Was habt Ihr vor, Ehrwürdiger?" Val Cooshta hatte Mühe, mit seinem Herrn und Gebieter Schritt zu halten.
Tshrrk M'un Frrho schnaubte verächtlich. "Mich um meine Ware kümmern natürlich. Ich habe die notwendigen Schritte bereits eingeleitet. Du glaubst doch nicht, dass sich rein zufällig eine Jedi in einem Sklavenmarkt aufhält? Aber ich sage dir, ich habe zuviel Geld in diese Sklaven investiert, als dass ich mir das Geschäft jetzt kaputt machen lasse!"
"Aber wenn die Jedi eingreifen, dann sind wir alle in höchster Gefahr! Ehrwürdiger, wir sollten sofort fliehen!"
Frrho blieb stehen und schaute seinen Majordomus vernichtend an. "Fliehen? Hast du den Verstand verloren? Du glaubst doch nicht, dass ich mich aufhalten lasse?! Ich werde nicht fliehen. Im Gegenteil: Ich werde zuschlagen. Diese Jedi und ihre Helfershelfer werden diese Station nicht lebend verlassen!"

 

 

5. Gesprengte Ketten

Vor der Panzertür zum Sicherheitstrakt stand immer noch derselbe Wachposten wie zur Zeit der Essensausgabe.
Kaya setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. "Dieser Wartungsdroide ist der Küche zugeteilt, Sir. Wir sollen die Möglichkeit einer automatischen Nahrungsmittelausgabe prüfen. Wenn Sie uns bitte herein lassen würden?"
Im Grunde glaubte Kaya selbst nicht, dass diese plumpe Lüge funktionierte. Und tatsächlich verweigerte ihr der Wachmann den Zutritt.
"Davon ist mir nichts bekannt. Ich muss ich erst Rücksprache halten."
"Dennoch werden Sie uns hineinlassen." Nur eine leichte Bewegung ihrer rechten Hand deutete an, dass sie diese Worte mit der 'Macht' unterstrich.
"Tut mir Leid, Miss, Befehl ist Befehl."
In Situationen wie dieser wurde Kaya schmerzlich bewusst, dass sie noch eine lange Ausbildung zu absolvieren hatte. Da half wohl nur eine direkte Methode.
Der Handkantenschlag streckte die Wache zu Boden.
"Du kannst doch den Sicherheitscode für die Tür knacken, L1?"
"Das will ich meinen, Miss Kaya. Ich sage es nur ungern, weil es unmoralisch ist, aber Master Tnarguol hat mir eine spezielle Türcode-Entschlüsselungsroutine eingebaut."
Wenige Sekunden später schwang die Tür auf.
Als Kaya den Sicherheitstrakt betrat, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte.
"L1, registrieren deine Sensoren irgend etwas Auffälliges?"
"Nein, Miss Kaya. Nichts Auffälliges. Im Grunde registrieren sie gar nichts."
Genau das war das Problem. Als sie das erste Mal hier war, hatte Kaya beim Betreten des Traktes nicht nur die Anwesenheit der Sklaven gefühlt, sondern auch die starke Aura von Furcht und Verzweiflung. Jetzt spürte sie zwar eine schwache menschliche Präsenz, doch Angst und Furcht hingen nur noch wie ein fernes Echo im Raum. Als sie die erste Zellentür offenstehen sah, war das lediglich eine Bestätigung für ihr Gefühl.
"Da staunst du, was? Die Vögel sind ausgeflogen!"
Kaya fuhr herum. Wenige Schritte von ihr entfernt stand Chuck Harpinen, einen Blaster in der Hand und Yo-Karahs Lichtschwert am Gürtel.
"Die Vögel sind ausgeflogen", wiederholte Harpinen. "Und jetzt machst auch du den Abflug."
Mit diesen Worten feuerte er seinen Blaster ab.

"L1, kannst du mich hören? L1, melde dich!"
Tnarguol sah die anderen frustriert an. "Er meldet sich nicht. Er antwortet sonst immer auf dieser Frequenz. Ob sie mit der Speicherlöschung Erfolg hatten?"
"Versuchs noch einmal", forderte ihn Yo-Karah auf.
"L1, melde dich! L1, hörst du mich nicht?"
"Oh, Master Tnauguol, ich bin erfreut, Ihre Stimme zu hören. Offenbar sind Sie wohlauf."
"Wo steckst du, L1? Warum hast du dich nicht eher gemeldet? Und was sind das für Geräusche im Hintergrund?"
"Oh, ich bin mit Miss Kaya im Sicherheitstrakt. Offen gestanden ist unsere Lage eher misslich. Was Sie hören, sind Blasterschüsse. Mister Harpinen hat uns angegriffen, aber Miss Kaya verteidigt sich mit dem Lichtschwert. Mister Harpinen nennt sie immer 'kleine miese Küchenschlampe' - oh nein, jetzt hat er ein Starkstromkabel durchgeschossen. Das stromführende Ende peitscht funkensprühend durch die Luft. Es wird Miss Kaya töten ... Nein, sie kann ausweichen ... Jetzt ist alles voller Rauch. Was fliegt da durch die Luft? Ist das ein Detonator? Nein, es ist ein Blaster. Und - oh wie grässlich! - eine Hand umklammert ihn noch ... Jetzt blitzt das Lichtschwert durch den Rauch und - oh, nun ist es vorbei ..."

Chuck Harpinen starrte ungläubig auf die Wunde in seinem Bauch und auf den blutenden Armstumpf.
Ein - Mädchen?
Er blickte hoch zu Kaya.
Ein Mädchen!
Dann brach er zusammen.

"Dieser Darlog wird die Sklaven zu seinem Schiff bringen, das scheint mir sicher", meinte Obi-Nor. "Er hat an Landedock C94 fest gemacht. Hm, das ist ja gar nicht weit von D13, wo die Gil Schesch liegt."
Die Gil Schesch war ein Frachter der 'Gildorian Enterprises', den Yo-Karah für ihre Tarnung als reiche Händlerin zur Landung auf Kh'rurr Beta benutzt hatte.
"Wir könnten sie vorher abfangen", fuhr Obi-Nor fort.
"Werden sie nicht längst auf das Sklavenschiff gebracht sein?" Tnarguol war skeptisch. "Bis wir in der Nähe der Landedocks sind, befinden die sich doch längst im Hyperraum."
"Das glaube ich nicht", warf Yo-Karah ein. "Sie können nicht mit 200 Sklaven durch die öffentlichen Transportröhren marschieren. Sie müssen verlassene Wartungsgänge oder Leitungsröhren benutzen und einen gewaltigen Umweg in Kauf nehmen. Wir können sie noch einholen."
Tnarguol nickte. "Okay, wie ihr meint. Ich schlage vor, wir treffen uns mit Kaya und GF L1 am nördlichen Ende der zentralen Verbindungsröhre zu den Dockbereichen C und D. Dort müssen sie mit den Sklaven auf jeden Fall durch."

Stella Likori ging den Fußsteg der mehrere Kilometer langen, belebten Transportröhre entlang, die die Recreation-Kuppel mit den mittleren Wohnkomplexen verband. Etwa 30 Schritte vor ihr ging Cooleesha. Sie hatten sich getrennt, damit sie nicht so sehr auffielen. Zusammen hätte man sie vielleicht als Mitglieder der Arena-Band wiedererkannt, jedenfalls hatte Stella mit dieser Möglichkeit gerechnet. Doch inzwischen fand sie diese Vorsichtsmaßnahme reichlich übertrieben. Hier waren derart viele Wesen der unterschiedlichsten Spezies unterwegs, dass sie ganz bestimmt nicht weiter auffielen. Außerdem bezweifelte sie, dass Harpinens Sicherheitsleute außerhalb der Recreation-Kuppel nach ihnen suchten. Was sollte eigentlich noch passieren? Sie hätten vermutlich sogar einen der robotgesteuerten Röhrengleiter mieten können, auch wenn man dafür seine Kh'rurr-Beta-ID vorzeigen musste. Dann hätten sie sich wenigstens den langen Fußmarsch gespart.
Stella seufzte.
Was soll's, dachte sie. Lieber eine Vorsichtsmaßnahme zuviel als eine zuwenig.
Immerhin hatten sie es bald geschafft. Da vorn war schon der erste Wohnkomplex. Gleich dahinter lagen die Landedocks für private Raumyachten, wo die Courier III, Obi-Nors Privatschiff, auf sie wartete.
Als Stella die Röhre verließ und die kreisrunde Halle, den "Verkehrsknoten" des Wohnkomplexes betrat, atmete sie auf. Jetzt waren sie endgültig in Sicherheit.
In diesem Moment wurde ihr etwas Hartes gegen die Wirbelsäule gepresst.
"Schön ruhig, Süße", zischte eine Stimme an ihrem Ohr. "Was du in deinem Rücken spürst, ist eine Blastermündung."

Da kamen sie die Verbindungsröhre herunter. Eine lange Reihe müder, zerschundener Gestalten, mit Stahlketten aneinander gefesselt. Mindestens ein Dutzend Wachen begleitete sie: Menschen, Devaronianer, Worlogs, alle mit Blastern und Niedervoltpeitschen bewaffnet.
Yo-Karah berührte unwillkürlich den kalten Stahl und das weiche Griffpolster ihres Lichtschwertes. Wie hatte sie dieses Gefühl in den letzten Stunden vermisst! Sie warf einen raschen Blick hinüber auf die andere Seite der Röhrenmündung, wo Tnarguol lauerte. Entschlossenheit und Konzentration charakterisierten seinen Blick.
Die Wachen, die den Sklavenzug anführten, kamen näher. Noch 15 Schritte, noch zehn Schritte ...
"Jetzt!"
Tnarguol sprang aus seiner Deckung und feuerte. Blasterblitze zischten durch die Transportröhre. Ein Worg und ein Devaronianer sanken zu Boden, ehe die Sklavenwächter zurückschossen.
Yo-Karah war mit einem Satz in der Röhre. Die Klinge ihres Laserschwertes wischte gleißende Lichtspuren durch die Luft, wehrte Blasterschüsse ab, lenkte sie zurück gegen die Schützen.
Nach wenigen Augenblicken war es vorbei.
Yo-Karah deaktivierte ihr Lichtschwert. Dann spähte sie die lange Röhre hinunter. Wurde am Ende der Sklavenkarawane noch gekämpft?

Obi-Nor kauerte sich in eine Nische in der Außenwand der Verbindungsröhre. Blasterschüsse peitschten ihm um die Ohren. Diese Wache hatte ihn ganz schön festgenagelt! Ohne den Kopf aus seiner Deckung zu bewegen, hielt er den Blaster in die Transportröhre und feuerte blindlings in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Sofort zog er die Hand wieder zurück, denn ein Funkenregen deckte ihn ein, als erneut mehrere Schüsse unmittelbar über seinem Kopf in die Durastahlwand einschlugen. Wieder streckte er Blaster aus seinem Versteck und wollte feuern - doch ein schwerer Stiefel trat ihm die Waffe aus der Hand.
Einer der Wachposten hatte sich angeschlichen. Jetzt hielt er seinen Blaster an Obi-Nors Stirn.
Nur aus den Augenwinkeln sah der Händler die grüne Klinge eines Lichtschwertes durch die Luft schwirren - der Angreifer sank leblos zu Boden.
Kaya wirbelte herum und wehrte mit blitzschnellen Bewegungen die Schüsse des letzten verbliebenen Wachmannes ab. Aber für einen Querschläger kam ihre Verteidigung zu spät. Der Laserblitz wurde von einer Stahlplatte abgelenkt und streifte ihren linken Oberarm. Mit einem Aufschrei ließ sie ihr Lichtschwert fallen und presste ihre rechte Hand auf die verletzte Stelle. Blut sickerte durch ihre Finger. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf die 'Macht', um den glühenden Schmerz zu dämpfen.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, starrte sie in die Mündung eines Blasters.
"Das war's, Kleine", grinste der Worg.
In diesem Augenblick fuhr ein Laserblitz in seinen Rücken.
Der Worg bäumte sich auf, verdrehte die Augen und brach tot zusammen.
Hinter ihm, wenige Schritte entfernt, stand ein älterer Mann. Er hielt einen Blaster unsicher in seiner Hand und schaute ein wenig verlegen drein.
"Wordo!" Kaya ignorierte den schmerzenden linken Arm, rannte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. "Du bist also doch gekommen! Du hast mich gerettet!"
Wordo setzte ein schiefes Lächeln auf. "Ich weiß nicht, ob ich es für die Ideale der Freiheit getan habe oder für die beste Küchenhilfe, die ich jemals hatte."
Und leise fügte er hinzu: "Kaya, nicht ich habe dich, sondern du hast mich gerettet. Du hast mir meine Würde und meine Selbstachtung wiedergegeben."

Der erste der mittleren Wohnkomplexe war erreicht. Cooleesha atmete auf. Denn jetzt waren sie in Sicherheit. Es war ein schreckliches Gefühl gewesen, die langen Gänge und Verbindungsröhren entlang zu gehen und immer daran denken zu müssen, dass die Leute von Chuck Harpinen mit tödlichen Waffen hinter ihr her waren.
Seit neun Jahren arbeitete sie mittlerweile für 'Gildorian Enterprises', davon vier Jahre als Chefsekretärin. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass sich der Direktor - Obi-Nor, korrigierte sie sich - immer wieder in abstruse Abenteuer hineinziehen ließ, gerade so, als ob diejenigen Recht hatten, die behaupteten, der angesehene Händler sei früher einmal ein Schmuggler gewesen. Aber dass sie selbst einmal in eine solche Geschichte verwickelt wurde ...
Nun, jetzt war es zum Glück vorbei.
Cooleesha betrat die kreisrunde Halle, den "Verkehrsknoten" des Wohnkomplexes. War es nicht eine völlig überflüssige Vorsichtsmaßnahme, dass sie und Stella Likori getrennt gingen?
Die Twi'lek drehte sich um und wollte Stella heranwinken.
Mitten in der Bewegung erstarrte sie.
Wie eine eiskalte Hand umklammerte die Erkenntnis neuer Gefahr ihr Herz.
Am ganzen Körper zitternd zog sie ihr Comlink aus dem Gürtel.

"Master Tnarguol, was bin ich froh, Sie wiederzusehen. Es tut mir leid, Sir, dass ich bei der Befreiung nicht mithelfen konnte. Aber ich fürchte, ich bin kein guter Kämpfer."
Tnarguol lachte. "Schon gut, L1! Meinst du, ich will, dass du in deine Einzelteile zerschossen wirst? Aber jetzt ist es ja vorbei."
"Da bin ich mir nicht sicher." Yo-Karah schaute nachdenklich und skeptisch drein.
"Ich bitte dich! Sei nicht so pessimistisch! Wir haben die Sklaven befreit und verschwinden mit der Gil Schesch. Was soll da noch schief gehen?"
"Es war zu einfach, Tnarguol. Wir können zu viert fast im Vorübergehen 200 Sklaven befreien? Da stimmt doch was nicht. Außerdem läuft Tshrrk M'un Frrho noch irgendwo herum. Das gefällt mir gar nicht."
"Na hör mal, jetzt siehst du aber Gespenster! Wir haben doch alles im Griff. Wir ..."
Tnarguol verstummte, denn in diesem Moment kamen Kaya, Obi-Nor und Wordo heran.
"Alle Stahlfesseln gesprengt!" meldete Wordo. "Wir können los. Die Leute können es gar nicht mehr erwarten, von hier wegzukommen."
Obi-Nors Comlink piepte. Der Händler trat ein wenig zur Seite, um den eingehen Voicekontakt zu beantworten.
"Also gut", sagte Yo-Karah. "Brechen wir auf zum Landedock D13. Wordo, Kaya, ihr geht voran. Nehmt den Droiden mit; er wird eventuelle Türsperren am schnellsten überwinden können. Tnarguol, mein Vater und ich bilden die Nachhut, falls ... Vater, warum bist du auf einmal so blass?"
Obi-Nor war kreidebleich, seine Stimme nur ein Flüstern: "Ihr müsst die Leute allein zur Gil Schesch bringen. Stella ... Sie haben Stella in ihrer Gewalt..."

Ein zufriedenes Lächeln spielte um Tshrrk M'un Frrhos Mund. Das lief ja besser als er gedacht hatte. Diese Jedi und ihre Helfer hatten die Sklaven wie geplant befreit. Nun ja, schließlich hatte er ihnen auch genügend Zeit gegeben, ihren Hinterhalt aufzubauen. Das einzig Überraschende war, dass noch eine Jedi aufgetaucht war. Aber die war noch jung, höchstens eine Schülerin. Außerdem spielte es gar keine Rolle - selbst ein Dutzend Jedi würden ihrem Schicksal nicht entgehen.
Einer seiner Devaronianer-Leibwächter lauschte seinem Voicecom, gab dann seinem Boss ein Zeichen.
Sie hatten also offenbar Landedock D13 bereits erreicht.
Frrhos Lächeln wurde ein Spur breiter. Schnurstracks liefen sie in die Falle. Er musste sie nur noch zuschnappen lassen.

 

 

6. Die Falle

Der Ausleger, der vom Landedock D13 direkt zur Einstiegsluke der Gil Schesch führte, war etwa 50 Meter lang. Kaya und Wordo betraten ihn als erste, GF L1 schwebte hinter ihnen her. Dann folgten die befreiten Sklaven.
Yo-Karah, die mit Tnarguol den Schluss bildete, zögerte.
"Was ist? Komm schon", forderte Tnarguol sie auf.
"Hier stimmt etwas nicht", erwiderte die Jedi. "Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache."
"Ach komm schon, du machst dir Sorgen um deinen Vater. Je eher wir die Leute in den Frachter gebracht haben, um so eher kannst du ihn und Stella suchen."
"Vielleicht hast du Recht", nickte Yo-Karah, aber es klang nicht überzeugend.
Dennoch gab sie sich einen Ruck und betrat den Ausleger.
In diesem Moment zerriss eine Explosion die Einstiegsluke der Gil Schesch. Ein automatischer Sicherheitsmechnismus verriegelte das Raumschott am Ende des Auslegers. Die elektromagnetischen Verbindungen zwischen Raumstation und Frachter wurden deaktiviert und das Raumschiff schwebte, vom Rückstoß-Effekt angetrieben, langsam vom Landungsdock weg.
Tnarguol riss sein Comlink vom Gürtel, um mit seinem Droiden Kontakt aufzunehmen, doch Yo-Karah zerrte ihn am Arm.
"Raus hier!" rief sie.
Nun schloss sich auch die Panzertür am anderen Ende der Röhre. Mit einem Hechtsprung konnten sich Yo-Karah und Tnarguol gerade noch auf die andere Seite bringen.
Alle anderen waren eingeschlossen.

Reflexartig nahm Kaya ihr Lichtschwert vom Gürtel und erwartete irgendeinen Angriff. Aber nichts geschah.
Sie drehte sich zu den Menschen um, die sie befreit hatten. In ihren Gesichtern lag das Entsetzen darüber, so kurz vor dem Ziel in eine Falle geraten zu sein.
"Bitte beruhigen Sie sich!" rief Kaya. "Noch ist nichts passiert. Es kann ein Unfall sein, eine technische Fehlfunktion."
Aber sie glaubte selbst nicht, was sie da sagte.
Dann wandte sie sich dem Droiden zu. "L1, kannst du herausfinden, was los ist? Und besser noch: Wie wir hier wieder rauskommen?"
"Ich will es versuchen, Miss Kaya".
Er schwebte zu einem Kontrollpult, mit dem man das Raumschott manuell steuern konnte. Einer seiner Dataträger-Arme rastete in einem Computerlink-Anschluss ein.
"Die ganze Systemsteuerung hat eine Fehlfunktion, Miss Kaya. Entweder ist sie wegen der Explosion durcheinander geraten oder jemand hat das System manipuliert."
"Und wie kommen wir hier raus?"
"Ich fürchte, durch das Raumschott. Und ich fürchte, sehr bald schon."
"Wie meinst du das?" Kaya starrte den Droiden an, dann das Raumschott. Hinter dem Schott befand sich nicht mehr die Gil Schesch, sondern luftleerer Raum. Nur diese Panzertür schützte die Gruppe davor, in das Vakuum des Weltalls hinausgeschleudert zu werden.
"Ich fürchte, die automatische Blockierung des Raumschotts ist deaktiviert worden, Miss Kaya. Das Schott wird in Kürze abgesprengt werden. Der Countdown ist bereits bei 2 Minuten und 46 Sekunden angelangt."

"Noch 2 Minuten 30 Sekunden bis zur Sprengung des Raumschotts. Yo-Karah, kannst du nicht mit deinem Lichtschwert ein Loch in die Panzertür schneiden, um die Leute da rauszuholen?"
"Eine Panzertür, dazu ein Feuerschott - das dauert zu lange, Tnarguol. Bis ich ein Loch geschnitten habe, durch das ein Mensch hindurchschlüpfen kann ... Es muss doch im Landungsdock ein Computerterminal geben, an dem wir die Sprengung des Schotts deaktivieren können."
"Also gut. L1 versucht es vom Steuerungspult aus, wir am Terminal!"
Sie liefen los.
Die Schaltzentrale des Docks war ein kreisrunder Raum von gut 20 Schritten Durchmesser. Techniker oder Computerspezialisten waren nicht zu sehen. Statt dessen erwartete sie Tshrrk M'un Frrho mit seinen Leibwächtern.
Yo-Karah und Tnarguol blieben wie angewurzelt stehen. Nicht nur, weil sie auf bewaffnete Gegner gestoßen waren. Sondern auch, weil sie das gesuchte Terminal sahen. Es war ein halb verglühter Kasten, aus dem leichte Rauchfahnen emporstiegen.
Tshrrk M'un Frrho grinste sie an. "Bedauerlich, nicht wahr? Leider ist mein Blaster losgegangen, als ich ihn auf das Terminal gerichtet habe. Ein Jammer ist das. Nun gibt es nichts mehr, was eure Freunde dort draußen retten kann."

Obi-Nor trommelte ungeduldig auf den Haltegriff. Konnten diese robotgesteuerten Röhrengleiter denn nicht schneller fahren? Bei den Entfernungen in dieser gigantischen Raumstation dauerte es ja eine Ewigkeit, bis er die mittleren Wohnkomplexe erreichte.
Er kam zu spät. Ganz sicher.
Er spürte, wie Zorn in ihm hochkochte. Auf diesen Devaronianer, der Stella in seiner Gewalt hatte. Auf alle Sklavenhändler in der gesamten Galaxis - und auf sich selbst.
Nie hätte er Stella in diese Sache hineinziehen dürfen. Wenn er sie nicht befreien konnte - nicht auszudenken!
Endlich hielt der Gleiter an, und Obi-Nor sprang hinaus. Er kämpfte sich durch die belebte zentrale Halle in Richtung der Landedocks für private Raumyachten. Wenn der Entführer Stella nicht auf diesem Wege fortschaffen wollte, hatte er keine Chance, ihn zu erwischen. Aber es war der wahrscheinlichste Fluchtweg.
Obi-Nor aktivierte sein Voicecom.
"Cooleesha, immer noch nichts?"
"Nein, Obi-Nor. Bei den Privatyachten sind sie noch nicht angekommen."
Obi-Nor verlangsamte seine Schritte. Jetzt nur nicht überhastet vorgehen. Auf Cooleesha konnte er sich verlassen, das wusste Obi-Nor. Wenn seine Vermutung stimmte, dann war der Entführer mit Stella irgendwo zwischen der zentralen Halle und den Landedocks. Aber warum brauchte er so lange für den Weg?
Vielleicht weil er mich erwartet und mir einen Hinterhalt stellt? dachte Obi-Nor.
Er spürte, wie seine Nackenhaare sich aufrichteten und ein Kribbeln den Rücken herunterlief. Instinktiv ließ er sich zu Boden fallen.
Ein Blasterschuss peitschte über ihn hinweg.
Obi-Nor rollte sich herum, zog zugleich seinen Blaster aus dem Gürtel.
Und erstarrte mitten in der Bewegung.
Der Devaronianer, von dem Cooleesha berichtet hatte, stand wenige Schritte vor ihm. Stella hielt er wie ein Schutzschild vor sich, den Blaster hatte er an ihre Schläfe gepresst.
Ein triumphierendes Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus.
"Lass die Waffe fallen!" befahl er Obi-Nor. "Sonst puste ich der Lady das Hirn raus."

"Noch 2 Minuten, L1! Beeil dich!"
"Verzeihen Sie, Miss Kaya, aber es geht nicht schneller. Die Systemsteuerung des Landedocks ist komplett ausgefallen. Ich muss den Datencontroller von D12 anzapfen ... Oh, hier ist etwas Interessantes."
Der Droide verstummte. Nur Kontrolldioden signalisierten einen Datentransfer.
Kaya fand das Schweigen unerträglich. "Sag schon, L1. Was hast du gefunden?!"
"Ich kann den Systemausfall von D13 überbrücken. Ich weiß nur nicht, ob der Sicherheitscode von D12 kompatibel ist. Aber das habe ich gleich ... Jetzt!"
Bei diesen Worten fuhr ein Stromstoß aus der Steuerkonsole. Bläuliche Blitze schossen den Dataträgerarm entlang und krochen knisternd über die gesamte Oberfläche des kugelrunden Droiden.
Wie eine leblose Eisenkugel krachte GF L1 zu Boden.
"L1?! Bist du okay?"
Einer der Visio-Sensoren war offensichtlich ausgefallen, der andere rotierte unkontrolliert.
"Oh, Master Tnarguol, wir brauchen stärkere Kühlaggregate. Sonst brennt der Speeder-Motor immer wieder durch. Glauben Sie mir, wir müssen die Kühlung verbessern."
Kaya seufzte. Mit L1 war nicht mehr zu rechnen.
Jetzt konnte nur noch Tnarguol die Gruppe vor dem sicheren Tod retten.
Er hatte noch genau eine Minute und 42 Sekunden Zeit dafür.

Die Devaronianer feuerten gleichzeitig. Yo-Karah und Tnarguol brachten sich mit einem Sprung über eine Computerkonsole in Deckung. Blasterschüsse peitschten durch den Raum, zerfetzten Bleche und Abdeckplatten der Computerschränke, hinterließen rauchende Löcher in der Wand der Schaltzentrale, deckten die beiden sich duckenden Menschen mit einem Regen aus Funken und Metallsplittern ein.
"Gib mir Deckung!" zischte Tnarguol. "Es gibt nur noch eine Chance: Den Hauptstromgenerator der D-Landedocks. Ich kann ihn vielleicht abstellen, aber ich muss heil aus dieser Tür raus."
Yo-Karah nickte. Sie aktivierte ihr Lichtschwert und sprang aus ihrer Deckung.
Tnarguol schlich flink wie eine Beutelratte unter dem Hagel aus Blasterblitzen hindurch zur Tür.
Draußen sprang er auf und hetzte durch die Gänge. Hoffentlich wurde Yo-Karah mit den Angreifern fertig - er zwang sich, nicht daran zu denken.
Im Laufen warf er einen raschen Blick auf den Zeitmesser.
Noch eine Minute und 34 Sekunden ...

Yo-Karahs Laserschwert zog helle Leuchtspuren durch den Raum. Die Jedi wehrte die Blasterschüsse ab, bis sie sicher war, dass Tnarguol den Raum verlassen hatte. Dann ließ sie sich fallen, rollte auf dem Boden einige Meter zur Seite, kam blitzschnell wieder hoch und sprang über einen Computertisch auf einen der Angreifer zu. Die Laserklinge sirrte durch die Luft, und der Devaronianer sank zu Boden. Yo-Karah streckte ihre Hand aus, und zwei andere Leibwächter flogen im hohen Bogen gegen einen Schrank. Ein weiterer Gebrauch der 'Macht', und der Schrank krachte über den beiden zusammen. Den letzten Devaronianer erledigte sie wiederum mit ihrem Lichtschwert.
Mit einem Satz war Yo-Karah wieder hinter einem Arbeitstisch in Deckung.
Nur noch der Sklavenhändler selbst war übrig, aber warum schoss er nicht?
Als ein Detonator vor ihre Füße rollte, wusste sie warum.

Die Tür zum Hauptstromgenerator der D-Ebene war verschlossen. Tnarguol hatte damit gerechnet, aber das nützte ihm jetzt auch nichts. Wenn doch wenigstens L1 hier wäre, aber dieser Droide war nie da, wenn man ihn mal wirklich brauchte!
Eine Minute sieben Sekunden.
Was sollte er tun? Einfach in die elektronische Türsteuerung schießen? Aber dann wäre die Tür vielleicht auf immer blockiert.
"Hey! Was machen Sie denn da?!"
Er fuhr herum. Vor ihm stand ein Mann in einer Mechanikerkluft.
Tnarguol hielt ihm den Blaster an die Stirn. "Aufmachen! Sofort!"
"Aber das ist streng verboten. Sie können doch nicht einfach ..."
"Schnauze! Mach die Tür auf, oder man kann durch deinen Kopf von vorn bis hinten durchgucken!"
Tnarguol merkte selbst, dass seine Stimme unnatürlich schrill klang. Und vermutlich hatte er auch ein irres Flackern in den Augen. Jedenfalls verstand der Mechaniker sofort, dass es ihm Ernst war mit der Drohung.
"Natürlich, Sir. Eine Sekunde."
Mit zittrigen Fingern gab der Mann den Freischaltcode ein, und die Tür glitt auf.
"Wie stellt man den Hauptgenerator für diese Ebene ab?! Los, raus mit der Sprache!"
"Ich weiß es nicht. Ehrlich, Sir, ich habe keine Ahnung!" Der Mann starb fast vor Angst. Er wusste es offenbar wirklich nicht.
Tnarguol schlug ihm den Blaster auf den Kopf.
"Entschuldige, Kollege, aber ich will nicht, dass du die Sicherheit alarmierst. Wenn du wieder aufwachst, spendier ich dir ne Kopfschmerzmedizin."
Erst jetzt nahm sich Tnarguol Zeit, den Generator-Raum genauer anzuschauen. Und was er sah, versetzte ihm einen Stich.
Von einem "Raum" konnte man eigentlich gar nicht sprechen, eher von einem Schacht. Mindestens einhundert Meter ging es hinab in die Tiefe. Nur eine schmale Balustrade lief innen an der kreisrunden Wand entlang, die mit verwirrenden Leuchtanzeigen bedeckt war. In der Mitte des Schachtes erhob sich eine gewaltige Säule vom Boden bis zur Decke. Der Hauptgenerator, wie Tnarguol sofort erkannte. Er entdeckte auch eine Schalttafel. Gewiss konnte man dort die gesamte Anlage abstellen. Aber was nützte ihm das? Der Generator war gut und gerne 15 Meter von der Balustrade entfernt. Und es gab keinen Weg hinüber.
Noch 41 Sekunden.

"Wirf die Waffe weg!" wiederholte Vinnieypos. "Sonst ist die Lady hier tot."
"Schieß doch", erwiderte Obi-Nor kalt. "Diese Frau bedeutet mir nichts. Ist ohnehin ne lausige Sängerin. Aber wenn du sie abknallst, hast du ein Loch in deinem hohlen Schädel."
Der Devaronianer ließ ein höhnisches Lachen ertönen. "Du hältst mich wohl für dumm, Gildorian?! Glaubst du im Ernst, wir wüssten nicht längst, wer der falsche Tiridaner aus der Arena-Band ist? Wirklich sehr clever von dir, mit deiner Privatyacht hier aufzukreuzen! Was glaubst du wohl, warum ich dir hier aufgelauert habe? Die Sklavenhändler-Union hat ein hübsches Sümmchen auf deinen Kopf ausgesetzt. Das werde ich natürlich mitnehmen. Und dann werde ich mich ein wenig mit deiner Verwaltungsdirektorin amüsieren. Man sagt, ihr beide steht nicht nur geschäftlich zueinander. Na, wie wär's? Willst du zusehen, wie ich's mit ihr mache? Würd dir das gefallen?"
Vinnieypos lachte lauthals. Dann wurde er plötzlich wieder ernst.
"Wirf die Waffe weg, sonst hat die Frau keinen Kopf mehr!"
Obi-Nor ließ den Blaster sinken. Wie in Trance öffneten sich seine Finger, und die Waffe polterte auf den Stahlboden.
"Sehr gut, Bürschchen. Brav. Ich will nicht gemein zu dir sein, Gildorian. Ich bin gnädig zu dir. Du stirbst einen schnellen, sauberen Tod. Jetzt leg ich dich um."
Er nahm den Blaster von Stellas Schläfe und richtete ihn auf Obi-Nor.
Dann drückte er ab.

Der Detonator zündete in dem Augenblick, als Yo-Karah mit einem verzweifelten Satz zur Seite sprang.
Die Explosion zerfetzte die Luft, die Druckwelle schleuderte die Jedi gegen die Wand, Metallsplitter bohrten sich schmerzhaft in ihr Bein.
Für einen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Mühsam richtete sie sich auf. Sie keuchte, bekam kaum Luft, so als sei ihre Lunge von der Explosion zerrissen worden.
Erst jetzt realisierte sie, dass sie ihr Lichtschwert verloren hatte.
"Suchst du das hier?"
Tshrrk M'un Frrho hielt grinsend ihre Waffe in der Hand.
"Ihr Jedi seid gar nicht so stark und clever wie ich dachte. Jedenfalls du nicht. Du bist doch nur ein Stein auf meinem Spielbrett. Aber das Spiel wird langweilig. Jetzt ist Zeit, es zu beenden."
Frrho betrachtete wie versonnen die Krallen seiner Hand.
Yo-Karah erinnerte sich an die Begebenheit in der "Handelsbörse". Die Darlogs konnten ihre Krallen abschießen. Frrho richtete seine auf Yo-Karah.
"Leb wohl, Jedi!"
Plötzlich fuhr sein Arm wie von unsichtbarer Hand gelenkt herum, die Krallen zielten auf seine eigene Brust.
Und im gleichen Moment wurden sie abgeschossen.
Stöhnend richtete sich Yo-Karah auf, humpelte zu dem toten Sklavenhändler und nahm ihr Lichtschwert an sich.
Sie fühlte sich wie zerschlagen, von der körperlichen Anstrengung und vom Gebrauch der 'Macht' erschöpft. Aber noch konnte sie sich nicht ausruhen.

Tnarguol hämmerte mit den Fäusten gegen die Wand.
Das war ungerecht, einfach unfair. Das ...
Was war das denn? Was stand denn da von "Verbindungssteg?"
Ohne weiter zu überlegen, drückte Tnarguol auf den Knopf neben der Beschriftung. Und tatsächlich: Aus der Generatorsäule kam ein schmaler, kaum 30 Zoll breiter Steg herausgefahren.
Noch 30 Sekunden.
Quälend langsam kam das Ende des Stegs heran.
"Mach schon, schneller!" murmelte Tnarguol.
Endlich war es so nah, dass er über die Lücke springen konnte.
Mit raschen Schritten war er drüben beim Generator.
21 Sekunden.
Hier war keine Plattform, auf der er stehen oder um die Säule herum gehen konnte. Er musste auf dem Verbindungssteg bleiben. Von dort konnte er eine einzige Kontrollttafel mit drei Kippschaltern erreichen. Das musste es sein!
Allerdings war die Schalttafel mit einer Transparistahlscheibe abgedeckt. An allen vier Ecken war die Scheibe mit Schrauben am Stahlblech befestigt.
Tnarguol fischte sein Mehrzweckmesser aus der Tasche, klappte den Griff auf und aktivierte den elektrischen Schraubendreher.
16 Sekunden.
Die erste Schraube drehte sich heraus und klirrte auf den Verbindungssteg.
13 Sekunden.
Tnarguol fühlte, wie seine Hände feucht wurden, wie der Schweiß von seiner Stirn perlte.
Die zweite Schraube klirrte auf den Steg.
Elf Sekunden.
Er wollte das Werkzeug gerade an der dritten Schraube ansetzen, da glitt es ihm aus den schweißnassen Fingern.
Es fiel herunter, polterte mit einer Kante auf den Verbindungssteg, sprang wenige Zentimeter wieder hoch, rutschte über den Rand - und verschwand in der Tiefe.
Acht Sekunden.
"Neeeiiiinnn!""
Wie wild riss Tnarguol an der Transparistahlscheibe. Aber es war zwecklos, Die beiden verbliebenen Schrauben saßen zu fest. Und der Stahl war zu hart. Nur ein ganz kleines Stück konnte er die Platte an der unteren Seite vom Stahlblech wegziehen. Zu wenig, um an die Kippschalter zu kommen.
Drei Sekunden.
Zu wenig, um an die Kippschalter zu kommen - aber genug, um eine Blastermündung unter die Scheibe zu schieben.
Tnarguol feuerte Schuss um Schuss, blindlings, verzweifelt.
Bis er realisierte, dass das Licht im Schacht ausgegangen war und ein tiefer werdendes Brummen die Abschaltung des Generators signalisierte.
Tnarguol sank erschöpft auf den Verbindungssteg.
Eine schummrige Notbeleuchtung sprang an, und eine Computerstimme meldete sich:
"Der Hauptgenerator auf Ebene D wurde ohne Zugriffsberechtigung abgeschaltet. Gemäß Sicherheitsvorschrift THX 1138 wird der Verbindungssteg zum Generator eingefahren."
Wie bitte?! Das war doch wohl ein schlechter Scherz!
Tnarguol merkte schnell, dass die Ansage nur allzu ernst gemeint war. Denn schon fuhr der schmale Verbindungssteg wieder in die Generatorsäule zurück.
Hatte er vorhin noch das schneckengleiche Tempo des Steges verflucht, so kam es ihm nun rasend schnell vor. Längst war die Kluft zum Rand zu breit, um ihn zu überspringen. Näher und näher kam das Ende des Steges heran. Wie auf einem Laufband musste Tnarguol auf dem sich unter ihm bewegenden Boden gehen - Schritt um Schritt auf den Abgrund zu.
An der Generatorsäule gab es nichts, um sich festzuhalten. Wenn er doch wenigstens die obere und nicht die untere Kante der Transparistahlscheibe herausgebogen hätte, dann hätte er sich jetzt dranhängen können!
Meter um Meter kam das Ende des Verbindungssteges heran.
Tnarguol hatte noch drei Meter Steg unter sich, noch zwei Meter, noch einen ...
Dann hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Mit einem Aufschrei stürzte er in den Abgrund.

Noch während er die Waffe fallen ließ, hatte Obi-Nor sein Vibromesser aus seinem Tunika-Ärmel in seine linke Hand gleiten lassen. Als Vinnieypos mit dem Blaster auf ihn zielte, schleuderte er die Klinge mit einer raschen Armbewegung auf den Devaronianer.
Zum ersten Mal in seinem Leben bereute er, dass er Rechtshänder war. Das Vibromesser flog viel zu tief. Es landete mitten in Stellas rechtem Oberschenkel.
Sie sackte mit einem Aufschrei zusammen, verhinderte aber gleichzeitig, dass der Devaronianer, der sie immer noch umklammert hielt, genau zielen konnte. Der Blasterschuss strich knapp an Obi-Nors Ohr vorbei.
Mit einem Satz war Obi-Nor beim Entführer und trat ihm den Blaster aus der Hand.
Vinnieypos fing sich wieder. Er ließ Stella los und deckte den Händler mit zwei harten Faustschlägen ein. Hätte Obi-Nor nicht blitzschnell den Kopf zur Seite gedreht, hätte ihn mindestens ein Kinnhaken zu Boden gestreckt. So krachten die Schläge seitlich vor seinen Unterkiefer.
Er ignorierte den stechenden Schmerz, donnerte seinerseits dem Devaronianer die Faust ins Gesicht.
Er prallte mit einem Schmerzensschrei zurück. Hatte er sich die Hand gebrochen?
Aber dann sah er seinen Gegner mit blutender Nase zu Boden gehen.
Doch der Devaronianer war ein harter Bursche. Er stand wieder auf und kam auf ihn zu.
Er achtete nicht auf Stella, die das Messer aus ihrem Bein gezogen und sich mühsam aufgerichtet hatte.
Die Vibroklinge blitzte auf, Vinnieypos taumelte und stürzte hart auf den Boden. In seinem Rücken steckte das Vibromesser.

Tnarguol fiel in die Tiefe.
Ein Adrenalinschub raste durch seinen Körper, dann war alles wie leergefegt.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte er sich mit dem Schicksal abgefunden. Er akzeptierte, dass er sterben würde. Zerschmettert am Grund eines Generatorschachtes einer Raumstation irgendwo draußen im Middle Rim. Immer hatte er sich gewünscht, den Wüstensand Tatooines auf seinem Sterbebett zwischen den Fingern zu spüren. Nun würde es kein Sterbebett geben ...
Der Fall verlangsamte sich. Tnarguol hatte geglaubt, in einer Situation wie dieser würde in äußerster Zeitraffung sein ganzes Leben an ihm vorbeiziehen. Doch nun war das Gegenteil eingetreten: Wie in einer Zeitdehnung fiel er langsamer. Jetzt schien er sogar zu schweben.
Ja, er blieb in der Luft stehen!
Und was war denn das? Er bewegte sich nach oben!
Er kniff sich in den Arm. Nein, ein Traum war das nicht. Befand sich auf dem Schachtboden eine Antigrav-Scheibe, die für den Fall eines Unglücks ... Blödsinn! Als Sicherheitsmaßnahme hätte man eher ein Fangnetz gespannt.
Und doch schwebte er nach oben.
Er erreichte die Höhe der Balustrade und sah - Yo-Karah.
Mit geschlossenen Augen saß die Jedi dort und schien zu meditieren.
Langsam, als hätte er Feinabstimmungsrepulsoren eingebaut, schwebte er auf sie zu und wurde unmittelbar neben ihr abgesetzt.
Yo-Karah öffnete die Augen und lächelte ihn an.
"Tnarguol, du hast alle gerettet. Das Raumschott hat sich nicht geöffnet."
Sein Mund klappte auf und zu. Er war unfähig, etwas zu sagen.
"Ja, und ich habe dich gerettet", beantwortete Yo-Karah seine stumme Frage. "Ich kann doch den Mann, den ich heiraten will, nicht einfach fallen lassen, oder?"

Obi-Nor presste das Medipack auf Stellas Bein.
"Keine allzu tiefe Wunde. Wird noch länger weh tun, aber es ist nichts Ernstes."
Er schaute Stella an. Aus den sonst so fröhlichen und lebendigen dunklen Mandelaugen sprach der Schrecken der vergangenen Stunden. Und eine Menge Zorn.
Sie holte aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.
"Tu das nie wieder, Obi-Nor!"
"Stella, ich ... es tut mir Leid ... das Messer ... Ich wollte dich nicht verletzen."
"Das Messer?" schnappte Stella. "Ich meine doch nicht das Messer! Ich meine 'schieß doch, diese Frau bedeutet mir nichts'! Sag das nie, nie, nie, nie, nie wieder!"
Tränen schossen ihr in die Augen. "Es war nur ein Trick, das weiß ich ja. Aber es war so schrecklich. Ich dachte, es wäre aus!"
Schluchzend fiel sie Obi-Nor um den Hals.
"Stella, ich ... ich würde dich niemals ans Messer liefern ..."
Obi-Nor biss sich vor Wut auf die Lippe wegen der ungeschickten Formulierung.
Doch immerhin hatte sie den Effekt, dass sich ein Lachen in Stellas Tränen mischte.
"Hör bloß auf zu reden, du Messerheld. Halt mich im Arm, halt mich einfach nur im Arm!"

 

 

Epilog

Der HoloProjektor produzierte das überlebensgroße Bild von Präsident Borsk Fey'lya. Der Bothaner war mehr als wütend.
"Wie kommt der Jedi-Orden dazu, ohne offiziellen Auftrag der Regierung einen blutigen Feldzug gegen die Sklavenhändler anzuzetteln?"
Yo-Karahs schaute überrascht drein. Ihre Miene drückte nichts als Unschuld und Unwissenheit aus.
"Sklavenhändler? Blutiger Feldzug? Herr Präsident, ich weiß nicht wovon Sie reden."
"Kommen Sie mir nicht auf diese Tour, Jedi Mal'Wan! Ich habe genaue Informationen über das, was Sie und Ihr Padawan auf Kh'rurr Beta getan haben!"
"Mit allem gebotenen Respekt, Herr Präsident, ich fürchte, Ihre Informationen sind nicht allzu viel wert. Während unserer Anwesenheit sind einige bedauerliche Unglücksfälle auf der Raumstation passiert, doch von Sklavenhändlern weiß ich nichts. Ich denke, das kann Kaari Haako, der Vizeadministrator der Raumstation bestätigen."
Der angesprochene Neimodianer trat herbei. "Herr Präsident, die Jedi hat Recht. Von Sklavenhändlern auf Kh'rurr Beta ist mir nichts bekannt."
Yo-Karah ergriff erneut das Wort. "Da haben Sie die Bestätigung, Herr Präsident. Im übrigen dürften Sie sich doch bestärkt fühlen: Haben Sie nicht mehrfach betont, das Problem des Sklavenhandels werde zu sehr dramatisiert?"
Borsk Fey'lya brummte eine unwirsche Bemerkung und deaktivierte die Verbindung.
"Ich danke für Ihre Diskretion." Kaari Haako verbeugte sich leicht. "Sie haben uns enorme diplomatische Verwicklungen erspart. Wie kann ich Ihr Bemühen vergelten?"
Yo-Karah wollte gerade abwinken, da drängte sich ihr Vater nach vorn.
"Äh, wenn Sie Ihren Dank zeigen wollen, dann gäbe es da ein paar Kleinigkeiten. Im Wohnkomplex Delta 4 stehen einige Geschäftsräume leer. Sie könnten für einen ehemaligen Sklaven - oh pardon, die gab es hier ja nie - für einen gewissen Mister Wordo die Lizenz für ein Restaurant in diesen Räumen ausstellen. Und im Lager Zeta III gibt es jede Menge Kühlaggregate. Ein Dutzend könnten Sie nach Tatooine verfrachten lassen; ich gebe Ihnen noch die Adresse des 'Droid and Speeder Workshop', wo Sie sie hinliefern lassen. Ach, da wir gerade beim Thema Fracht sind: Bei der Vergabe Ihrer Handelslizenzen haben Sie bislang ein wichtiges Handelsunternehmen übersehen, die 'Gildorian Enterprises'. Darf ich Sie mit meiner Verwaltungsdirektorin bekannt machen? Wir möchten Ihnen ein lukratives Angebot unterbreiten ..."
"Komm, Kaya, wir gehen", forderte Yo-Karah ihre Schwester auf. "Dieses Schachern müssen wir uns nun wirklich nicht anhören."
"Ja, es ist schlimm", bestätigte Kaya. "Beinahe so schlimm wie den Präsidenten anzulügen ... Nein, sag nichts! Ich bin sicher, wir finden 'einen gewissen Standpunkt', von dem aus betrachtet deine Worte nichts als die Wahrheit waren."

Wordo trat verlegen von einem Bein aufs andere.
"Schade, dass du nicht hier auf Kh'rurr Beta bleiben kannst, Kaya. Ihr fliegt wirklich schon fort?"
"In zwei Stunden geht der Raumliner Richtung Yavin. Den nehmen Yo-Karah und ich. Wir können unmöglich warten, bis die Gil Schesch repariert ist. Und mein Vater hat anscheinend noch geschäftlich hier zu tun, so dass er uns nicht mit der Courier III mitnehmen kann."
Kaya lächelte den alten Mann an. "Aber ich komme bestimmt wieder. Und dann werde ich auch bei dir essen. Versprochen!"
Sie deutete auf den leeren Raum, der in den kommenden Wochen zu "Wordo's Restaurant" umgebaut werden sollte.
"Das wird bestimmt eine Goldgrube. Mit dir als Koch ist der Erfolg schon vorprogrammiert!"
Wordo wurde rot. "Nun übertreib mal nicht. Es gibt noch so viel zu tun. Und Personal habe ich auch noch nicht. Wenn du keine Jedi wärst, würde ich dich sofort anheuern ..."
"Gut zu wissen", lachte Kaya. "Dann weiß ich wenigstens, wo ich unterkommen kann, wenn ich die Prüfung an der Akademie nicht schaffe ..."

"Warum liegt Tatooine so weit von Yavin entfernt?" seufzte Tnarguol. "Ich fliege mit einem kaputten Droiden ins Outer Rim, anstatt mit dir zusammen zu sein."
Yo-Karah strich ihrem Verlobten durchs Haar. "Ich wäre auch lieber noch länger mit dir zusammen. Aber ich muss Master Skywalker ausführlich berichten."
Sie gab ihm einen zärtlichen Kuss. "Bald werde ich zu dir nach Tatooine kommen. Das verspreche ich dir!"
Tnarguol nickte leicht resigniert. "Komm bald!"
Dann schaute er mit kritischem Blick auf Yo-Karahs Gewand. "Willst du eigentlich mit diesem teuren Fummel zur Jedi-Akademie zurückreisen? Mit den Perlenstickereien könntest du die Passage bezahlen, aber für eine Jedi wirkt das doch reichlich deplatziert, oder nicht?"
Yo-Karah schaute ihn auf einmal so seltsam an.
"Du hast Recht", sagte sie. "Hilfst du mir, es abzulegen?"
Ihre Augen glühten bei diesen Worten. Oder war es nur Tnarguol, dem plötzlich glühend heiß wurde, weil sich ihr warmer, weicher Körper an ihn schmiegte?
"Äh, musst du nicht mit Kaya zum Raumschiff?"
Ein leidenschaftlicher Kuss verschloss seinen Mund.
Yo-Karah machte eine Handbewegung und verriegelte die Tür mit Hilfe der 'Macht'.
Der nächste Raumliner Richtung Yavin ging in einer Woche. Konnte Master Skywalker ihr verübeln, dass sie die frühere Passage verpasst hatte ?

Das dreidimensionale Logo des "Coruscant HoloNewsNet" verblasste.
"Hier ist Kate McFarley mit einer neuen Ausgabe von 'HoloNews unterwegs'. Heute sind wir in der Raumstation Kh'rurr Beta, Verkehrsknoten und Handelsbörse in der Mittleren Galaxis. Wir präsentieren Ihnen die 'New Show and Artistic Arena' mit einem Auftritt von Max Rebo und berichten über einen Geheimtipp in der Restaurant-Szene. Zuvor aber informieren wir Sie live über das Geschehen in der weltberühmten Handelsbörse. Oh, ich sehe gerade, hier kommt Obi-Nor Gildorian, Freier Händler vom Planeten Trexx. Ich werde versuchen, ob ich ihn interviewen kann ..."
In der Zentrale von 'Gildorian Enterprises' verzog Stella Likori das Gesicht. "Jeder Idiot merkt doch, dass das abgesprochen ist!"
"Ja", pflichtete ihr Cooleesha bei. "Für das viele Geld, das wir ihnen gezahlt haben, hätten sie es ruhig etwas geschickter einbauen können."
"Mister Gildorian, ich sehe, Sie sind persönlich vor Ort, um für Ihr aufstrebendes Unternehmen zu verhandeln ..."
"'Etabliertes' Unternehmen", schimpfte Stella. "Es sollte doch 'etabliertes' Unternehmen heißen. Aber egal. Los, Cooleesha, stell den Kontakt her!"
Obi-Nor nickte der Reporterin zu. "Als freier Handelsunternehmer muss man eigentlich überall sein. Jeder will den Chef persönlich sprechen. Ich muss mich um alles kümmern."
In diesem Augenblick piepte sein Comlink.
Gehetzt nahm er den Voicekontakt entgegen. "Was gibt's denn?"
"Hier ist 'Gildorian Enterprises' mit Ihrem persönlichen Handelstarif-Check ..."
"Ah, endlich jemand, der sich um mich kümmert. Gildorian Enterprises - genau meine Welt!"
Und in das HoloVid-Aufzeichnungsgerät lächelnd fügte er hinzu:
"So läuft's Business."

Obi-Nor