Ich widme diese kleine Story Senator
Robert C. Byrd
aus West Virginia. 1917 geboren und 1958 zum ersten Mal in den US-Senat gewählt,
ist er eines der ältesten und profiliertesten Mitglieder der amerikanischen
Kongresses. Zugleich ist er einer der schärfsten Kritiker der Re-Militarisierung
der amerikanischen Politik unter Präsident George W. Bush. Senator Byrd
möge es mir nachsehen, dass ich seine Wirkungsstätte von Washington
nach Coruscant verlegt habe...
Obi-Nor
Tag für Tag der gleiche Dreck.
Tag für Tag der gleiche Schmerz.
Tag für Tag die gleiche Demütigung.
Das ist es, dachte N'Gorrkh. Das ist mein Leben: Dreck, Schmerz, Demütigung.
Tag für Tag der gleiche Dreck.
Staub wirbelte auf, als N'Gorrkh zur Rückwand der großen Höhle
flog. Dicker, schwarzer Siltium-Staub, der sich in seine Poren setzte, seine
Augenlider verklebte, in seine Lungen drang. N'Gorrkh zwang sich, nicht auf
das rasselnde Geräusch seines Atems zu achten. Er ignorierte den beißenden
Hustenreiz in der Brust und schob den Gedanken an seine schmutzige, von Siltium-Partikeln
bedeckte Lederhaut beiseite.
Siltium! Reichtum des Planeten Tera III, Kleinod der Minengilde, Objekt der
Begierde auf allen Handelsbörsen.
Und Fluch der S'torgh.
N'Gorrkh erreichte die Stelle, die er anvisiert hatte. Ja, sein Auge hatte ihn
nicht getäuscht. Obwohl ihm die dichten Staubschwaden beinahe den Atem
raubten, verzog er seinen Mund zu einem Lächeln. Da war es, tief in der
Sicrit-Schicht verborgen: ein einzelner, rot leuchtender Siltium-Kristall. Nur
ein ausgewachsener S'torgh hatte die Fähigkeit, die in Tonnen von Sicrit-Gestein
verborgenen seltenen Energiekristalle aufzuspüren. Aufgrund ihrer einzigartigen
Fähigkeit, Dichte, Spektralfarben und Temperaturschwankungen von festen
Körpern wahrzunehmen, leisteten die S'torgh selbst noch in den tiefsten
Minen von Tera III, wo modernste Sensoren versagten, ganze Arbeit. Keine andere
Spezies im Universum wäre in der Lage, Siltium unter diesen Bedingungen
abzubauen. Schon gar nicht, und N'Gorrkh verzog bei diesem Gedanken verächtlich
seinen Mund, diese Kroils.
Doch N'Gorrkh konnte es sich nicht leisten, über die Fähigkeiten seiner
Spezies zu sinnieren. Es galt, den Kristall zu bergen, und er hatte keine Zeit
zu verlieren, wollte er vor Ende der Schicht fertig werden. Beständig mit
den Flügeln schlagend, um sich in der richtigen Position zu halten, holte
er den Laser-Bohrer aus seiner Werzeugtasche. Er musste vorsichtig zu Werke
gehen. Nur ein einziger Kratzer, und der Siltium-Kristall würde seine Energiespeicher-Funktion
verlieren. Er wäre dann genauso wertlos wie der Siltium-Quarz, der massenhaft
aus den Minen geholt und zu drittklassigem Baumaterial gepresst wurde.
Der Laserstrahl fraß sich immer näher an den Kristall heran. N'Gorrkh
hatte keinen Zweifel, dass er den Stein unversehrt bergen würde. Seit Jahren
schon hatte er unter allen 3000 Minenarbeitern die besten Förderquoten.
Schon bald würde er einen Stein vom Wert eines mittleren Speeder-Bikes
geborgen haben.
Tag für Tag der gleiche Schmerz.
N'Gorrkh schlug die Doppelreihen seiner Zähne aufeinander. Wie eine heiße
Woge durchflutete der Schmerz seinen Körper. Sein Puls raste. Für
einen Augenblick geriet er ins Trudeln und prallte gegen die Höhlenwand.
Das zischende Geräusch verriet ihm, dass ein Teil der Lederhaut seiner
Handfläche verbrannt war. Und für einen Moment war er froh, dass er
schon vor langer Zeit seinen Geruchssinn in den Tiefen der Minen verloren hatte.
Er fing sich wieder und stopfte den Kristall in seine Gürteltasche. Dann
flog er mit raschem Flügelschlag Richtung Sammelstelle am Fuß des
Minenschachtes.
Ich verbrenne bei lebendigem Leib, dachte er bitter. Stück für Stück.
Jeden Tag aufs Neue.
Natürlich wuchs die Lederhaut wieder nach. Äußerlich blieb von
einem Arbeitstag nicht einmal eine Narbe auf der Handfläche zurück.
Aber die inneren Narben wurden immer größer. Jedes Mal, wenn er einen
Siltium-Kristall in die Hand nehmen musste, war es ihm, als verbrenne erneut
ein Stück seines Stolzes.
Die Aufseher lachten nur über die Beschwerden der S'torgh-Arbeiter. Verbrennungen?
Die Haut wächst nach! Gesundheitsgefährdung? Die Minen sind kein Vergnügungspark!
Unfälle? Passt gefälligst besser auf!
N'Gorrkh hatte einmal von einem Piloten gehört, dass einige humanoide Kulturen
ihr Vieh mit Verbrennungen kennzeichneten. Bestimmte eingebrannte Zeichen zeigten
den Besitzer einer Herde an, und nur das Vieh, das kein Zeichen hatte, war frei.
Vieh! Wir S'torgh sind das Vieh der Kroil! dachte N'Gorrkh. Seit Generationen
behandeln sie uns wie Tiere! N'Gorrkh wusste, früher einmal waren die S'torghs
frei gewesen. Sie hatten ihre eigenen Clan-Fürsten, ihre eigenen Gesetze,
ihre eigenen Wohnstätten gehabt. Doch das war lange her. Jetzt waren sie
Sklaven der Kroils. Einige von ihnen durften auf der Planetenoberfläche
leben. Sie dienten ihren Kroil-Herren, hatten leichte Arbeit zu bewältigen
und konnten Nachwuchs bekommen. Nachwuchs, der wichtig war, damit die Minen
immer genügend Arbeiterinnen und Arbeiter hatten. Denn hier unten in den
Minen, da lebte der Großteil ihres Volkes, ausgebeutet, unterdrückt.
Und nur wenige von ihnen waren in der Lage, Eier auszubrüten.
N'Gorrkh dachte an seine Brutpartnerin R'Minu. Wenn sie doch endlich Nachwuchs
bekommen könnten! Dann würde ihnen die Erlaubnis erteilt, an die Oberfläche
zurückzukehren, um ihre Kinder dort aufzuziehen. R'Minu hatte oft gesagt,
dass sie auch dann nur Sklaven der Kroil wären. Denn ihre Kinder würden
irgendwann ebenfalls in die Minen geschickt werden. Sie hatte oft von Revolution
geredet, davon, dass die S'torgh das Joch der Herrschaft abstreifen sollten.
Unter den S'torghs hatte sie damit viel Unruhe gestiftet. Ihr Volk glich einem
Fass voller Thermo-Detonatoren, in das man nur einen Blaster abfeuern musste,
um eine gewaltige Explosion auszulösen. Doch was konnte man denn schon
gegen die Kroil ausrichten?
Tag für Tag die gleiche Demütigung.
Nach einiger Zeit erreichte N'Gorrkh die Sammelstation. Die Luft war hier besser
als in den Abbaugebieten. Immerhin hatte sich die Minenverwaltung dazu herabgelassen,
eine Frischluftanlage einzubauen. So hatten die Sortiererinnen, zu denen auch
R'Minu gehörte, wenigstens saubere Luft zum Atmen.
R'Minus Anblick gab N'Gorrkh einen Stich ins Herz. Ihre Augen waren blau gerändert,
als sie von ihrem Arbeitsplatz an der Sortiermaschine aufblickte. Ohne seinen
Kristall abzugeben, drängelte sich N'Gorrkh an den anderen Arbeitern vorbei
und flog zu ihr hinüber.
"Was..." wollte er fragen, doch R'Minu schüttelte nur den Kopf.
N'Gorrkh landete neben ihr. "Es tut mir Leid", flüsterte er.
"Vielleicht können wir doch noch... irgendwann... später..."
Er brach ab. Nein, es war sinnlos, sich etwas vorzumachen. R'Minu würde
keinen Nachwuchs bekommen. Weder jetzt noch später. Nie mehr. Zum wievielten
Male schon hatte sie ein unbefruchtetes Ei gelegt? Oder ein Ei ohne Schale?
Er hatte aufgegeben, es zu zählen.
"Es tut mir Leid", flüsterte er erneut.
"Mir tut es auch Leid", antwortete sie. "Aber es ist nicht unsere
Schuld. Nicht meine und nicht deine."
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Und mit fester, lauter Stimme sprach
sie: "Nein, es ist nicht unsere Schuld, dass wir keinen Nachwuchs bekommen
können. Die Arbeitsbedingungen sind Schuld! In diesem Dreck, bei dieser
Ernährung ist es kein Wunder, dass wir unfruchtbar werden. - Nein, weicht
nicht zurück! Kommt her!"
Zwei Arbeiterinnen hatten aus Verlegenheit ihre Flügel einzogen und waren
einige Schritte zurückgetreten. Jetzt kamen sie zaghaft wieder heran.
"Kommt her! Alle!" rief R'Minu mit lauter Stimme.
Die Arbeiter, die sich um die Sammelstelle gedrängt hatten, flogen herbei.
R'Minu schaute auffordernd in die Runde. "Wie lange noch sollen wir uns
diese Unterdrückung bieten lassen? Für was schuften wir hier? Für
wen? Sehen wir etwas von dem Reichtum, den die Kroils einstecken? Nein! Haben
wir etwas von der Freiheit, die die Minengilde mit diesen Energiekristallen
erkämpft? Nein! Wollen wir uns noch weiter wie willenloses Vieh hier unten
in den Minen einsperren lassen? Nein!"
"Nein!" stimmten mehrere S'torghs mit ein.
N'Gorrkh schaute seine Brutpartnerin mit stolzer Miene an. Das war die R'Minu,
die er kannte und in die er sich verliebt hatte!
"Bin ich denn die einzige hier, die keinen Nachwuchs mehr bekommen kann?"
fuhr R'Minu fort. "R'Saalu, geht es dir nicht genau so? Und N'Rozh, hast
du mit deiner Brutpartnerin etwa Nachwuchs? Seht ihr denn nicht, dass wir S'torghs
unsere Freiheit brauchen, um zu leben und uns zu entfalten?"
"R'Minu hat Recht!" rief eine Arbeiterin in die Runde.
"Wir dürfen keine Sklaven sein!" ergänzte eine zweite.
"Hört auf, solche Reden zu schwingen", warnte eine Stimme aus
der Menge. "Die Aufseher können alles auf HoloVid mitverfolgen!"
"Sollen Sie doch!" entgegnete N'Gorrkh. R'Minus Rede hatte ihn aufgestachelt.
"Wisst ihr nicht, dass alle S'torghs noch vor 200 Jahren frei waren? Erst
nach dem Großen Planetenkrieg haben uns die Kroils unterdrückt. Aber
wollen wir auf ewig Sklaven dieser Echsen sein?"
"Nein!" schallte ein vielstimmiger Chor durch den Schacht. "Nein,
wir wollen frei sein!"
Für einige Minuten riefen alle durcheinander. N'Gorrkh schätzte ihre
Gruppe auf mindestens 45 Arbeiterinnen und Arbeiter. Alle flatterten aufgeregt
umher und diskutierten wild gestikulierend.
"Streik!"
R'Minus Stimme brachte alle augenblicklich zum Schweigen.
"Streik!" wiederholte sie. "Wir haben doch alle Trümpfe
in der Hand. Wenn wir streiken, entziehen wir den Kroils ihre wirtschaftliche
Grundlage!"
"Streik!" echote die Versammlung.
"Wenn wir streiken", fuhr R'Minu fort, "dann diktieren wir die
Bedingungen des Siltium-Abbaus! Wenn wir strei-"
R'Minus Stimme erstarb mitten im Wort. Ihre Augen weit aufgerissen, taumelte
sie einige Schritte nach vorn. Hilflos streckte sie die Hände nach N'Gorrkh
aus, doch sie griff ins Leere. Dann brach sie lautlos zusammen. Aus ihrem Rücken
ragte der gefiederte Schaft eines Saberdarts.
Ein zischendes Lachen ertönte aus dem Halbdunkel des Schachts. Dann trat
ein Kroil-Aufseher in den Lichtkreis. Die Storghs wichen erschreckt zurück.
Mit seiner Körpergröße von 2,1 Standardmetern überragte
sie der Kroil um mehr als 60 Zentimeter. Messerscharfe Krallen an Händen
und Füßen, dolchartige Zähne im langen Maul, ein mit Hornstacheln
bewehrter Schwanz und nicht zuletzt die stahlharte Schuppenpanzerung machten
den Echsoiden zu einer wandelnden Kampfmachine. Tödlicher aber noch war
die Saberdart-Armbrust, die er im Anschlag hielt.
"Nun, noch jemand Lust auf Streik?" zischte er höhnisch. "Noch
jemand, der tot im Staub liegen will?"
Lähmendes Entsetzen senkte sich über die S'torghs. Wer wollte schon
wagen, einen Aufseher anzugreifen?
N'Gorrkh war wie erstarrt. Er blickte auf R'Minus Körper, unfähig
zu begreifen, was er sah. Warum stand sie nicht auf? Warum erhob sie sich nicht,
um den Streik anzuführen? Warum...
Langsam dämmerte ihm die Erkenntnis, dass R'Minu sich nie mehr erheben
würde.
"Nun, ist der Streik schon vorbei?" zischte der Aufseher. "Kommt
schon, ich habe noch mehr Pfeile. Wer will noch das Gift der Saberdarts schmecken?"
N'Gorrkh hob langsam den Kopf. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt. Ohne
recht zu wissen, was er tat, glitt seine Hand in die Gürteltasche. Er spürte
nicht den beißenden Schmerz, als er den Kristall umfasste. Langsam, wie
in Trance zog er die Hand aus der Tasche.
"Also, wenn ihr nicht mehr streiken wollt, will ich mal ein Auge zudrücken",
höhnte der Kroil. "Ihr bekommt eine Woche lang halbe Verpflegungsrationen,
damit ist die Sache vergessen."
Er riss das Maul auf, um lauthals zu lachen, und N'Gorrkh warf den Kristall
mit aller Kraft.
Scheppernd fiel die Saber-Armbrust zu Boden. Mit einem markdurchdringenden Geheul
fasste sich der Kroil an das Maul, auf den Kopf, an die Kehle. Blind rannte
er einige Schritte, lief vor die Wand, riss einen Sortiertisch zu Boden, wand
sich zuckend auf der Erde.
Dann war er tot. Eine dünne, sich kräuselnde Rauchfahne entwich seinem
geöffneten Maul und zeugte von den inneren Verbrennungen, die der Siltium-Kristall
verursacht hatte.
Einige Augenblicke passierte gar nichts.
Dann brach das Chaos aus.
"Streik! Streik!" überschlugen sich die Stimmen. Triumphierend
reckten die S'torghs die Fäuste in die Höhe. Viele deckten sich mit
den Kristallen ein, die sie zuvor in den Sammelbehältern abgegeben hatten.
N'Gorrkh bekam davon kaum etwas mit. Er kauerte sich neben R'Minus Leichnam
und nahm seine tote Brutpartnerin in die Arme.
"R'Minu, Liebes! Warum du?" fragte er verzweifelt. "Warum du?"
Tränen liefen über seine Wange.
Lange saß er da, allein mit seinem Schmerz und seiner leblosen Partnerin.
Dann, ganz langsam, mischte sich ein Hoffnungsfunke in seine Trauer.
Und N'Gorkh dämmerte, dass R'Minu im Tod ihr Ziel endlich erreicht hatte:
Revolution.
1.
Senator Sel Deeca hielt den kunstvoll geschliffenen Glaspokal
prüfend gegen das Licht. Der Wein hatte die Farbe eines dunkelrot funkelnden
Rubins. Deeca führte den Pokal mit leichten kreisenden Bewegungen unter
die Nase. Das samtene Aroma war durchmischt mit einem hauchzarten Eichenton,
genau so, wie es der Senator liebte. Er nahm einen Schluck und stellte den Pokal
mit einem zufriedenen Nicken auf den Onyx-Tisch.
"Köstlich, mein lieber Muroo. Exzellent. Ich wundere mich, dass ausgerechnet
Sie diese erlesenen Tropfen immer wieder auftreiben." Nur die Andeutung
eines Lächelns umspielte seine Lippen bei dieser Bemerkung. Natürlich
hätte sein Gegenüber darin eine unhöfliche Anspielung auf seine
Spezies sehen können. Denn Senator Tol Muroo war ein Kaldianer. Diese Humanoiden
mochten viele Talente und Fähigkeiten haben, eine nach menschlichen Maßstäben
gehobene Tischkultur gehörte nicht dazu.
Doch Deecas Gast hatte im Moment andere Sorgen als sich über menschliche
Arroganz zu ärgern.
"Lassen wir das Geplauder, Deeca", meinte er ungeduldig. Seine sonst
blassblaue Haut nahm den dunklen Ton des corellianischen Nachthimmels an. Nervös
griffen seine zwölf Finger ineinander.
"Sie wissen genau, warum ich hier bin", fuhr Muroo fort. "Die
Minengilde sitzt mir im Nacken. Wenn die Siltium-Krise noch länger dauert,
bin ich die längste Zeit Vorsitzender des Bergbau-Ausschusses gewesen."
Sel Deeca lächelte. "Kommen Sie, Muroo, Energiekrisen gibt es immer
wieder. Niemand wird Sie deswegen abwählen."
"Sie unterschätzen die Situation, Deeca." Muroo stand auf und
ging zum Transparistahlfenster, das beinahe die gesamte Breite des Büros
einnahm. Er deutete auf den schier endlosen Strom von Shuttles, Orbitalgleitern
und Speedern, der sich zwischen den Büro- und Wohntürmen Coruscants
dahinzog.
"Wissen Sie, wie viele von diesen Gleitern inzwischen mit Siltium angetrieben
werden, Deeca? - Ich will es Ihnen sagen", fuhr er fort, als sein Amtskollege
keine Anstalten machte zu antworten. "Hier auf Coruscant sind es über
zehn Prozent. Tendenz steigend. In drei, maximal vier Jahren werden es 25 Prozent
sein. Und in der nächsten Dekade wird die Hälfte der Orbitalgleiter
auf Niedrigenergieantrieb umgestellt sein."
Muroo kehrte zurück auf seinen Platz und ließ sich in den Formsteinsessel
fallen.
"Begreifen Sie doch, Deeca, Siltium ist der Rohstoff der Zukunft. In der
gesamten Galaxis gibt es nur ein halbes Dutzend bekannter Abbaufelder. Wir können
es uns nicht leisten, dass Tera III nicht mehr liefert. Die Kombination aus
Preisbindung und Liefermengengarantie schnürt der Minengilde den Hals zu.
Die anderen Produktionsstätten können den Ausfall von Tera III nicht
kompensieren. Die Gilde steht kurz vor dem Ruin."
Er beugte sich vor und schaute Sel Deeca eindringlich an. "Der Senat muss
eingreifen. Wir müssen den Aufruhr auf Tera III beenden."
Sel Deeca erwiderte seinen Blick mit kühler Miene. "Das Preis-Mengen-Abkommen
war Ihre Idee, Deeca. Keine gute, wie sich jetzt herausstellt. Sie wollen also,
dass der Senat einen persönlichen Fehler von Ihnen ausbügelt?"
Muroo wollte aufbrausen, doch Deeca hob beschwichtigend die Hand.
"Regen Sie sich nicht gleich auf. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihnen
nicht helfen will. Im Gegenteil: Ich denke, wir können uns gegenseitig
von Nutzen sein."
"Wie meinen Sie das?" fragte Muroo interessiert. "Wenn ich im
Gegenzug etwas für Sie tun kann, müssen Sie es nur sagen."
"Das können Sie, mein Freund, das können Sie. Nächsten Monat
bringe ich die Resolution zur Umgestaltung der republikanischen Flotte ein.
Wie Sie wissen, ist der Ausgang der Abstimmung noch völlig offen. Ich glaube,
unsere Anliegen passen sehr gut zusammen."
"Wie meinen Sie das?" wiederholte Tol Muroo verständnislos. "Was
hat der Flottenumbau mit Siltium-Kristallen zu tun?"
"Mit Siltium nichts", entgegnete Sel Deeca. "Aber sehr viel mit
dem Aufstand auf Tera III."
Er legte die Fingerspitzen ineinander und fixierte sein Gegenüber.
"Wissen Sie, Muroo, wir beide sind in einer Zeit groß geworden, als
sich zwei Militärblöcke gegenüber standen. Auf der einen Seite
das Imperium, auf der anderen die Rebellen, später dann die Neue Republik.
Aber diese Zeit ist längst vorbei. Wir brauchen keine Riesenflotte mehr,
um einen einzigen Gegner zu bekämpfen. Statt dessen gibt es eine Vielzahl
kleinerer lokaler und regionaler Konflikte. Kleine Brandherde, die sich aber
rasch zu einem Flächenbrand ausdehnen können. Der gesamte Militärapparat
ist viel zu unbeweglich geworden. Wir brauchen kleine, schnelle Einheiten, flexible
Eingreiftruppen, die jeden Schwelbrand im Keim ersticken, wenn nötig mit
einem gezielten Erstschlag. Kurzum: Die Flotte muss für die innere Sicherung
der Republik gerüstet sein."
"In der Konsequenz heißt das, Sie wollen Krieg als Mittel der Innenpolitik
der Republik einführen!" warf Muroo ein.
"Selbstverständlich will ich das", gab Deeca zurück. "Aber
ich rede hier von begrenzten lokalen Kriegen, die nur das Ziel haben, das große
Ganze, die Republik, auf dem Weg des Wohlstands und des Friedens zu halten.
Und Tera III, mein Freund, wird das Paradebeispiel dafür sein. Gelingt
es uns, mit Hilfe der Flotte den Aufstand niederzuschlagen und die Siltium-Mine
vielleicht sogar unter die direkte Kontrolle der Republik zu bringen, dann wird
sich das auf die Abstimmung sehr positiv auswirken. - Im übrigen sollten
wir nicht von 'Krieg' reden. Dieses Wort ist so hässlich und schmutzig.
Reden wir lieber von 'aggressiven Verhandlungen', das klingt gleich sehr viel
besser."
Zum ersten Mal während ihres Gespräches gönnte sich Tol Muroo
ein Grinsen. "Wenn Sie das hinkriegen, Deeca, dann haben Sie meine Stimme."
Sel Deeca nahm diese Absichtserklärung mit einem befriedigten Nicken zur
Kenntnis. Doch dann wurde er plötzlich ernst.
"Es gibt freilich ein Problem", gab er zu bedenken. "Die Regierung
von Tera III hat den Senat um diplomatische Vermittlung angerufen. Die Flotte
kann daher erst eingreifen, wenn die diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft
sind."
"Oh, wenn das so ist, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass
die Diplomatie fehl schlägt", entgegnete Tol Muroo. Der Kaldianer
hatte längst Feuer gefangen. "Wir müssen nur die Delegation richtig
zusammenstellen, dann wird die Vermittlung scheitern."
"Hm, ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen", nickte Sel Deeca. "Wie
damals auf Aldar V, stimmts? Ja, das könnte klappen. Ich habe auch schon
eine Idee, wer die Delegation anführen könnte. Ein Senator, der seinen
Planeten nur kommissarisch vertritt. Seine Amtszeit läuft in drei Wochen
aus. Tera III wäre ein guter Schlusspunkt für seine kurze Karriere."
*
"Ihr seht ein wenig missmutig aus, Mylord, wenn Ihr
mir diese persönliche Bemerkung gestattet."
Obi-Nor Gildorian wandte sich seinem Kammerdiener-Droiden GL02 zu. "Missmutig?
Vielleicht. Ja, du hast Recht. Weißt du, George, jetzt da es Zeit ist
zu gehen, will ich gar nicht weg."
"Aber freut Ihr Euch denn nicht, nach Trexx zurückzukehren? Ihr habt
doch immer davon gesprochen, dass Ihr so bald wie möglich Coruscant verlassen
wollt."
Obi-Nor lächelte. "Langsam müsstest du dich doch an die Widersprüchlichkeit
menschlicher Gefühle gewöhnt haben, George. Mir geht es nicht um das
hier." Er wies mit einer ausholenden Geste auf sein geräumiges, luxuriös
eingerichtetes Senatorenbüro. "Ich kann auch gut auf die Auswahl von
1138 Weinstuben im Diplomatenviertel verzichten. Und diese endlose Ausschuss-Sitzungen
hängen mir ohnehin zum Hals heraus. Ja, George, ich will wieder nach Trexx.
Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Heimatplaneten derart vermissen
würde. Von Palm Island gar nicht zu reden."
"Gewiss, Mylord, aber ich verstehe nicht ganz..."
Obi-Nor lehnte sich in seinem bequemen Repulsorledersessel zurück und lachte.
"Eitelkeit, George. Menschliche Eitelkeit, weiter nichts. In drei Wochen
bin ich nichts weiter als ein freier Händler. Ein erfolgreicher, keine
Frage. Aber eben nur ein Geschäftsmann mit zwielichtiger Schmuggler-Vergangenheit.
Das letzte halbe Jahr aber war ich Senator der Neuen Republik. Verstehst du
George? Das werde ich vermissen."
"Ja, jetzt weiß ich, was Ihr meint. Aber es gibt eine Möglichkeit,
auf Trexx zu bleiben und dennoch den Senatorenstatus nicht zu verlieren. Ihr
könntet wie Han Solo Ehrensenator auf Lebenszeit werden..."
Obi-Nors Lachen unterbrach den Droiden. "Vergiss es, George! Han war der
Held der Rebellion. Diese Schuhe sind ein paar Nummern zu groß für
mich."
"Ihr habt immerhin Coruscant vor einem halben Jahr vor einer Katastrophe
bewahrt. Das ist doch auch der Grund gewesen, warum man Euch jetzt mit dieser
heiklen Mission betraut hat, oder nicht?"
"Oh je, die Mission!" Obi-Nors Miene verdüsterte sich. Eigentlich
hatte er vorgehabt, die letzten Wochen auf Coruscant noch ein wenig zu genießen.
Seine Partnerin Stella Likori war bereits nach Trexx zurückgekehrt, um
die Leitung ihrer gemeinsamen Handelsgesellschaft wieder zu übernehmen.
Eine gute Gelegenheit, mit Han Solo und ein paar anderen Freunden einige der
1138 Weinstuben im Senatskomplex unsicher zu machen. Aber daraus wurde jetzt
nichts mehr. Anstatt die Beine hochzulegen musste er sich um einen Arbeiteraufstand
im Outer Rim kümmern. Obi-Nor gab sich nicht der Illusionen hin, dass er
wegen früherer Heldentaten zum Sondergesandten ernannt worden war. Die
Situation auf Tera III galt allgemein als aussichtslos verfahren. Das wahrscheinliche
Scheitern des Vermittlungsversuchs würde dem Ansehen des Senats weniger
schaden, wenn es ein Neuling war, der auf seiner diplomatischen Mission versagte.
Nur deshalb, war sich Obi-Nor sicher, hatte man ihn ausgewählt. Einer der
älteren menschlichen Senatoren, Robert Byrd von Corellia, hatte Obi-Nor
eindringlich gewarnt, sich als Bauernopfer missbrauchen zu lassen, aber damit
hatte er den eigensinnigen Händler erst recht dazu gebracht, die Herausforderung
anzunehmen.
'Wie Sie meinen, Gildorian', hatte der alte Corellianer gesagt. 'Aber passen
Sie auf sich auf. Es gibt im Senat Aasgeier, die nur darauf warten, dass unsere
diplomatischen Instrumente versagen und sie alle Konflikte mit Gewalt lösen
können.'
Obi-Nor hatte sich Byrds Worte zu Herzen genommen. Sollte er auf einer aussichtslosen
Mission verheizt werden? Nun, es wäre nicht die erste brenzlige Situation,
in die er geriet...
Das durchdringende Piepen des KommLink riss Obi-Nor aus
seinen Gedanken. Auf seinen Wink aktivierte GL02 die Verbindung. Die Luft über
dem HoloProjektor flackerte, dann baute sich das Bild Stella Likoris auf. Ihr
Gesicht drückte Sorge und Unmut aus. Über ihrer Nase war deutlich
eine senkrechte Stirnfalte zu sehen. Wie immer kam sie sofort zur Sache.
"Was höre ich da? Du musst nach Tera III? Konntet der Senat keinen
anderen finden? Oder hast du dich etwa freiwillig gemeldet?"
"Aber Stella, ich bitte dich! Meinst du, ich bin scharf darauf, meine letzten
Amtswochen im Outer Rim zu verbringen? Ich bin gebeten worden, und ich wollte
mich nicht vor der Verantwortung drücken."
Stella nickte entschlossen. "Gut, wie du meinst. Ich kann übermorgen
im Tera-System sein."
"Nein, nicht doch!" Obi-Nor hob abwehrend die Hände. "Du
hast auf Palm Island genug zu tun. Diesmal komme ich allein zurecht, glaub mir."
Stellas Stirnfalte vertiefte sich. "Das gefällt mir nicht, Obi-Nor.
Es gibt genügend erfahrene Krisenmanager im diplomatischen Dienst. Warum
hat man nicht einen von ihnen beauftragt? Oder den Jedi-Orden eingeschaltet?
Die Sache stinkt doch!"
"Nun stell mal nicht meine Fähigkeiten in Frage!" erwiderte Obi-Nor
mit gespielter Empörung. Dann seufzte er. "Du hast natürlich
Recht, Stella. Die Sache ist faul. Deshalb werde ich möglichst wenige Personen
in diese Angelegenheit mit reinziehen. Außer George werden mich lediglich
die Senatsassistenten Stiv Bodiga und Femioola begleiten."
"Was?! Femioola? Diese Twi'lek-Schlampe nimmst du mit? Bist du noch bei
Trost?" Stellas Augen blitzten zornig. "Diese so genannte Diplomatin
hat sich ihre Karriere in fremden Betten erarbeitet. Die willst du mitnehmen?"
"Nun sei nicht kindisch, Stella, Femioola ist nun einmal stellvertretende
Wirtschaftskommissarin für das Outer Rim. Es wäre ein Affront gewesen,
diese Abteilung zu übergehen. Ebenso wie den Bergbauausschuss, dessen Sekretär
Stiv Bodiga ist. - Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?"
Stella holte tief Luft für eine scharfe Erwiderung. Doch dann löste
sich ihre Spannung in einem befreienden Lachen. "Eifersüchtig? Nein,
Obi-Nor. In dieser Hinsicht bin ich nicht beunruhigt. Femioola hat sich immer
nur mit jungen, attraktiven Menschen eingelassen - oder mit Leuten, die für
ihre weitere Karriere nützlich sein konnten. Und zur zweiten Kategorie
gehörst du nicht, da du in drei Wochen aus dem Senat ausscheidest."
Obi-Nor grinste. "Und zur ersten Kategorie habe ich vielleicht vor 20 Jahren
mal gehört - das wolltest du mir doch zu verstehen geben, oder?"
Stella lächelte. "Die Antwort gebe ich dir, wenn du nach Hause kommst."
Und mit ernsterer Miene fügte sie hinzu: "Pass auf dich auf, Obi-Nor,
hörst du? Du hast doch Vorkehrungen für deine Sicherheit getroffen?"
Obi-Nor nickte. "Natürlich habe ich das, Stella. Du kennst mich doch."
2.
"Wir erreichen in Kürze das Tera-System",
meldete sich die schnarrende Stimme des Piloten-Droiden. "Hyperraumaustritt
in T minus 10 Minuten."
Obi-Nor wandte den Blick von seinem Datapad, unterdrückte ein Gähnen
und rieb sich die Augen. Seit Stunden schon durchforstete er mit seinen Begleitern
die Datenbank der Senatsbibliothek nach nützlichen Informationen über
Tera III.
"Was Neues über die S'torgh, Femioola?" wollte er wissen.
"Nicht viel mehr als vorhin, Senator", erwiderte die Senatsassistentin.
"Aber immerhin habe ich jetzt einigen Einblick in die Geschichte des Volkes.
Die S'torgh waren die ursprünglichen Bewohner von Tera III. Anscheinend
haben sie nie auf einem anderen Planeten gelebt."
"Typisch für geflügelte Vernunftwesen", warf Stiv Bodiga
ein. "Wer von Natur aus fliegen kann, entwickelt offensichtlich keinen
Drang, Raumschiffe zu bauen und fremde Planeten zu besiedeln."
Obi-Nor nickte. "Manchmal denke ich, dass es besser für diese Galaxis
gewesen wäre, wenn niemand auf die Idee gekommen wäre, Interstellarflüge
zu unternehmen. - Aber fahren Sie bitte fort, Femioola."
Die Twi'lek nahm den Faden wieder auf: "Die S'torgh hatten über Jahrhunderte
eine hoch stehende und absolut friedliche Kultur entwickelt - bis die Kroil
kamen. Nach einer kurzen Phase der friedlichen Koexistenz übernahmen die
Echsoiden die Macht auf Tera III. Nur einmal - vor etwa 100 Jahren - wagten
die S'torgh einen Befreiungskrieg. Er endete mit ihrer vollständigen Niederlage
und der totalen Versklavung. Seit dieser Zeit gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen,
die von den S'torgh selbst stammen. Aber ihre mündliche Überlieferung
und die rituelle Tradition, von der vor allem Menschen und humanoide Händler
berichten, ist voll von traurigen Erinnerungen an den früheren Glanz ihrer
Geschichte. Ich habe Ihnen eine Zusammenfassung der wichtigsten Daten auf Ihr
Pad überspielt, Senator."
"Danke, Femioola. Ich schaue es mir während des Landeanfluges an."
Obi-Nor war auf eigentümliche Weise angerührt von Femioolas Bericht.
Sie hatte nüchtern, sachlich gesprochen, ganz die professionelle Senatsassistentin.
Aber in ihren Augen hatte er einen tief sitzenden Schmerz gelesen. Was sie über
die S'torgh gesagt hatte, war im Grunde eine Parallele zum Schicksal ihres eigenen
Volkes. Die Twi'lek waren ebenfalls auf grausame Weise ihrer politischen und
kulturellen Freiheit beraubt worden - von Menschen, wie sich Obi-Nor beschämt
eingestehen musste. Und aus dem einst stolzen Kulturvolk waren niedere Diener
und billige Cantina-Tänzerinnen geworden - oder sogar Sklaven dekadenter
Hutt-Gangster. Erzählten sich die menschlichen Senatoren deshalb so viele
anrüchige Geschichten über eine Twi'lek-Frau wie Femioola? Vielleicht
entsprachen diese Gerüchte gar nicht der Wahrheit, sondern entsprangen
nur einer lüsternen Phantasie, gepaart mit der Illusion kultureller Überlegenheit.
Zumal Femioolas Erscheinung derartige Phantasien zweifellos beflügelte.
Entgegen den senatlichen Gepflogenheiten trug die Twi'lek eine knappe zweiteilige
Kombinationen aus schwarzer Hose und weinrotem ärmellosen Top. Diese Kleidung
betonte sowohl ihre schlanke Figur mit der engen Taille und den kleinen straffen
Brüsten als auch ihre makellose zarte, blassgrüne Haut. Geschickt
eingesetztes Makeup betonte die exotisch anmutenden Gesichtsszüge mit den
sinnlichen Lippen, der breiten Nase und den großen, unschuldig wirkenden
runden Augen. Die Kopftentakel waren mit geflochtenen Samtbändern verziert,
ihrem einzigen Schmuck außer den drei goldenen Armreifen an ihrem linken
Handgelenk, die bei jeder ihrer anmutigen Bewegungen leise klirrten.
Obi-Nor wischte den Gedanken an die Gerüchteküche des Senats beiseite
und wandte sich Stiv Bodiga zu: "Und wie steht's bei Ihnen? Irgendwas Neues
über die Kroil?"
"Oh, jede Menge", seufzte der Assistent. "Ich weiß so ziemlich
alles über die Riten und Gebräuche dieser Echsoiden. Man sollte nicht
meinen, dass diese Monster sowas wie eine Tischkultur entwickelt haben. Ist
aber so."
"Vorsicht mit solchen Wertungen, Stiv", wies ihn Obi-Nor zurecht.
"Wir sollten sie nicht zu Monstern hochstilisieren. Das erschwert nur unseren
Umgang mit ihnen."
"Entschuldigen Sie, Senator, Sie haben Recht. Es ist nur, dass ich im Bergbau-Ausschuss
schon so manches über diese Typen gehört habe - über dieses Volk,
wollte ich sagen."
"Schon gut", winkte Obi-Nor ab. Er wusste genau, dass die Angestellten
der Bergbauabteilungen durchweg nicht zu den Meistern diplomatischer Höflichkeit
gehörten. Stiv Bodiga machte mit seinem blassen Teint, seinen strähnigen
blonden Haaren, seinen ausgebeulten Hosen und dem ein wenig zu groß wirkenden
schwarzen Hemd äußerlich nicht viel her. Aber er war unkompliziert
und leistete schnelle, solide Arbeit, Eigenschaften, die Obi-Nor zu schätzen
wusste. "Schon gut", wiederholte er. "Fahren Sie fort."
Bodiga blickte ihn erstaunt an. "Sie wollen wirklich, dass ich Ihnen erzähle,
wie ein Kroil-Clanchef zum Neumondtag rohe Torii-Hühner verzehrt?"
"Äh, nein, eigentlich nicht. Vergessen Sie's, Stiv. Ich glaube kaum,
dass die Kroil uns zu einem Bankett einladen. Und wenn doch, dann sagen Sie
mir einfach, was ich zu tun habe. Ich hoffe, der Verzehr roher Torii-Hühner
gehört nicht zu meiner Mission."
Bodiga lachte schallend, während sich Femioola nur ein mildes Lächeln
gestattete. Die Twi'lek brachte die Sprache sofort wieder auf den Zweck ihrer
Reise: "Haben Sie denn noch etwas herausgefunden, Senator?"
"Nur so viel, dass die Kroil keine Ahnung von effektivem Wirtschaften haben.
Sie sind gierig, gewiss. Aber von Dingen wie Produktivität haben sie offenbar
keine Ahnung. Sonst würden sie ja die S'torgh auch nicht versklaven. Jede
ernstzunehmende wissenschaftliche Untersuchung der letzten zwei Jahrzehnte hat
nachgewiesen, dass die Produktivität freier Arbeiter um 50% über der
von Sklaven liegt. Immerhin scheint das Gerücht, dass die Kroil bei schwierigen
Preisverhandlungen auswärtige Händler kurzerhand auffressen, ein Schmugglermärchen
zu sein. Das sollte uns Mut und Zuversicht für unsere Mission geben."
Der Pilotendroide brachte das Raumschiff in steilem Sinkflug
vom Orbit zur Planetenoberfläche.
"Landesektor Q45-N bestätigt, Senator. Erreichen Ziel in T minus 20
Minuten."
Die emotionslose Stimme des Droiden gab Obi-Nor jedesmal einen Stich ins Herz.
Wie gern hätte er jetzt das gutturale Knurren seiner langjährigen
Pilotin Rhysbe gehört. Aber die Warlucca war zu Beginn seiner Amtszeit
ums Leben gekommen, als sie gemeinsam eine Verschwörung im Senat aufgedeckt
hatten. Nie wieder würde Obi-Nor ihre Stimme hören oder ihr zotteliges
Fell sehen.
Der Senator blickte aus dem Sichtfenster. Was er zu sehen bekam, passte zu seiner
melancholischen Stimmung. Das Land, das sie überflogen, war eine Trostlosigkeit
in Grau und Braun. Nichts als karges Ödland, übersät mit Asche
und Staub. In der Ferne erhob sich eine Gebirgskette mit spitzen Vulkankegeln,
über denen drohend schwarze Wolken hingen.
Das Raumschiff beschrieb eine weite Kurve und hielt auf die Gebirgskette zu.
Sie passierten einen trübe schimmernden See, an dessen Ufer Obi-Nor eine
Ansammlung niedriger runder Steinhäuser entdeckte. Dann wurde das Land
hügeliger und zerklüfteter. Je näher sie dem Gebirge kamen, desto
zahlreicher wurden bizarr aufragende Gesteinsformationen, die sich mit tiefen
Felsspalten ablösten. In einigen dieser Spalten konnte man erkaltete Lavaströme
erkennen.
Am Fuß der ersten Vulkankegel erreichten sie schließlich eine große
Siedlung mit runden Wohnhäusern, langgestreckten schlichten Gebäuden
aus Stein und Stahl, die auf den ersten Blick als Industriebauten zu erkennen
waren, und einen Raumhafen für Orbitalgleiter und Frachter. Etwa ein halbes
Dutzend Landeplätze war von Raumfahrzeugen unterschiedlichster Schifftypen
belegt; ein Interstellarfrachter wurde soeben von Cargodroiden beladen. Die
gesamte Szenerie aber wurde von einem gewaltigen Repulsorlift am Rande der Siedlung
beherrscht, der über einer künstlich geschaffenen Felsspalte errichtet
war. Es konnte keinen Zweifel geben: dieser unwirtliche Ort war die Siltium-Mine,
eine der größten Geldquellen im Outer Rim.
Das Raumschiff setzte in einer der Landebuchten auf, und
mit einem Zischen öffnete sich die Ausstiegsluke. In einer kleinen feierlichen
Prozession schritt die Senatsdelegation die Rampe hinunter. Vorn gingen Seite
an Seite Stiv Bodiga und Femioola, dann folgte Obi-Nor, der gemäß
den Gepflogenheiten des Senats das knöchellange dunkelgrüne Gewand
eines Sonderbotschafters angelegt hatte. Den Schluss bildete der Kammerdienerdroide
GL02, der ein Samtkissen mit kleinen, aber exklusiven und auf die Vorliebe der
Kroil abgestimmten Gastgeschenken trug.
Das Begrüßungskommitee bestand aus drei Kroil. Zwei trugen Saberdart-Armbrüste,
einer hatte keine Waffe, wenn man von seinen Zähnen und Klauen sowie dem
Stachelschwanz absah. Dafür hatte er eine breite Lederschärpe, das
Zeichen für einen hohen diplomatischen Rang, umgelegt. Obi-Nor kamen alle
drei Echsoiden wenig vertrauenserweckend vor, doch er lächelte freundlich,
als er sich, flankiert von seinen beiden Assistenten, verbeugte.
"Ich bin Senator Gildorian. Ich überbringe die Grüße des
Senats und danke für die Landeerlaubnis auf dem souveränen Planeten
Tera III. Möge der Frieden der Neuen Republik auch dieses Sternsystem erleuchten."
"Senator, willkommen auf Tera III", antwortete der Kroil mit der Schärpe.
Er sprach mit leicht zischender Stimme, aber ansonsten völlig akzentfrei.
"Ich bin Erster Botschafter Yrkchsz, Vertreter Seiner Hoheit, des Herrschers
von Tera III. Ich bin froh, dass Ihr zu uns gekommen seid, um uns bei der Beendigung
des schändlichen und ungerechten Aufstandes der S'torgh zu helfen."
Obi-Nor war beeindruckt. Nie hätte er auch nur annähernd diplomatische
Floskeln erwartet. Er vermutete, dass der Botschafter mit dem unaussprechlichen
Namen eine Ausbildung auf Coruscant genossen hatte. Dennoch konnte er die dreiste
Vereinnahmung nicht durchgehen lassen.
Er verbeugte sich. "Gestattet mir, Euch diese bescheidenen Gaben als Zeichen
des guten Willens, der Kooperation und der Verständigung zu übergeben."
Er gab GL02 einen Wink, und dieser trippelte mit den Gastgeschenken heran. Einer
der bewaffneten Kroil hängte seine Armbrust über den Rücken und
nahm dem Droiden das Kissen ab. GL02 bezog rasch wieder seinen Platz hinter
Obi-Nor, anscheinend bestrebt, so viel Distanz wie möglich zwischen sich
und den Kroil zu bringen.
"Gerne bin ich bereit, diesem Planeten und seinen Bewohnern zu helfen",
fuhr Obi-Nor fort. "Zu helfen, alles Schändliche und Ungerechte im
Zusammenhang mit diesem Aufstand zu beenden."
Der Kroil-Botschafter zischte wütend. "Ihr werdet sehen, dass der
Aufstand das einzig Schändliche und Ungerechte hier ist, Senator."
Obi-Nor nickte. "Schön. Dann werdet Ihr nichts dagegen haben, wenn
ich mich als erstes in die Mine begebe, um mit den S'torgh zu sprechen und mir
selbst ein Bild von der Lage dort unten zu machen. Ihr werdet mein Anliegen
verstehen, da bin ich mir sicher."
Yrkchsz zischte erneut. Doch dann neigte er leicht den schweren Kopf. "Wie
Ihr wollt, Senator. So lange Ihr nicht vergesst, welches Volk diesen Planeten
regiert und welches Volk der Partner der Minengilde ist, könnt Ihr ganz
nach Eurem Belieben vorgehen."
Obi-Nor verbeugte sich erneut. "Ich sehe, wir beide verstehen uns, Erster
Botschafter."
"Was für ein schrecklicher Kerl!" Stiv Bodiga
wirkte ehrlich empört.
"Nicht doch, Stiv", wandte Obi-Nor ein. "Sie müssen zugeben,
er war manierlicher als Sie sich einen Kroil vorgestellt haben. Im übrigen
sollten wir hier nicht allzu leichtfertig reden. Ich bin mir nicht sicher, ob
dieser Förderkorb tatsächlich frei von Abhörgeräten ist."
Obi-Nor gähnte und schluckte, um den steigenden Druck auf seinen Ohren
auszugleichen. Sie glitten derart schnell in die Tiefe, dass selbst die Druckausgleichpillen,
die GL02 verteilt hatte, nicht ausreichten.
Nach kurzer Verhandlung hatten sie erreicht, dass sie ohne Begleitung in die
Mine einfahren konnten. Natürlich hatte Botschafter Yrkchsz sie nicht gern
unbegleitet und damit unkontrolliert zu den S'torgh hinunter gelassen, aber
ihm war nichts anderes übrig geblieben. Denn einen Kroil hätten die
S'torgh wohl kaum in der Mine geduldet. Der Botschafter hatte sie darüber
informiert, dass die Minenleitung per HoloVid mit den Streikenden in Kontakt
stand. Letztlich befanden sich die beiden Parteien in einer Art Pattsituation.
Die S'torgh kontrollierten die Abbaufelder und drohten damit, die gesamte Mine
mit Thermosprengstoff, der in einem der Versorgungsstrebe lagerte, in die Luft
zu jagen. Die Kroil dagegen drohten, alle auf der Oberfläche lebenden S'torgh
umzubringen. Außerdem waren die Streikenden von Lebensmittellieferungen
von der Oberfläche abhängig. Als ihnen diese Situation klar geworden
war, hatten sich beide Parteien verständigt, den Senat auf Coruscant um
Vermittlung anzurufen.
Immerhin haben sie sich darauf geeinigt, dachte Obi-Nor. Das war ein
Anfang, auf dem sich aufbauen ließ.
Der Förderkorb bremste so abrupt ab, dass sich Obi-Nor an der Korbwand
festhalten musste. Er atmete tief durch, um die plötzlich aufkommende Übelkeit
zu unterdrücken. Bergbau wäre nichts für mich, dachte er.
"Nun denn, schauen wir mal, wie es hier unten aussieht", meinte er
laut und entriegelte die Tür.
3.
Eine trockene, warme, stauberfüllte Luft empfing sie.
Obi-Nor musste einen Hustenreiz unterdrücken, Femioola presste sich ein
Tuch vor den Mund.
"Warten Sie, ich habe Atemmasken dabei", murmelte Stiv Bodiga und
verteilte die weißen Filter. Anschließend holte er ein Datapad aus
seiner Umhängetasche und betrachtete interessiert das Display. "Hab
ich mir doch gedacht. Die Luftwerte entsprechen weder den Empfehlungen des Bergbau-Ausschusses
noch den Vorschriften der Minengilde."
"Notiere es für das Protokoll, George", wies Obi-Nor seinen Droiden
an. "Ich vermute, dies wird nicht der einzige Verstoß bleiben."
Sie verließen den trübe erleuchteten, aus dem Fels herausgeschnittenen
Raum am Boden des Förderschachtes und betraten eine große Halle,
die offenbar nicht künstlich geschaffen, sondern natürlichen Ursprungs
war. Dieser Raum mochte etwa 40 Meter lang und 25 Meter breit sein; die Deckenhöhe
betrug an der höchsten Stelle sicherlich mehr als 30 Meter. Eine Reihe
von Tischen, Behältern und Maschinen, die Obi-Nor an die Sortier- und Reinungsstellen
der Migdol-Erzminen auf Trexx erinnerten, waren in der Mitte der Halle platziert.
In einer Ecke brummten Lichtgeneratoren und ein Frischluftgebläse.
Aber vor allem wimmelte es von S'torgh. Obi-Nor schätzte ihre Zahl auf
über 50. Einige flogen umher, andere standen auf dem Boden, manche redeten
mit gedämpfter, gutturaler Stimme miteinander, die meisten aber starrten
die Senatsdelegation an. Die S'torgh waren dünn und langbeinig; mit ihrem
gegliederten Körper und den großen runden Facettenaugen wirkten sie
auf den ersten Blick wie große Insekten. Allerdings war ihr Skelett von
einer Lederhaut überzogen, und aus Leder waren offenbar auch die dreieckigen
Flügel, die für die gut 1,5 Meter großen Wesen viel zu klein
schienen. Nicht gerade die schönsten aller Geschöpfe in dieser Galaxis,
musste Obi-Nor unwillkürlich denken. Aber natürlich war Schönheit
relativ, und Menschen mochten in den Augen der S'torgh ebenfalls hässlich
sein.
Obi-Nor verbeugte sich auch hier. "Ich bin Senator Gildorian, Sonderbotschafter
der Neuen Republik. Der Senat hat mich beauftragt, die Gründe für
den Streik zu erfahren und eine friedliche Lösung des Konflikts herbeizuführen."
Ein aufgeregtes Gemurmel folgte auf diese Begrüßung. Dann löste
sich ein S'torgh aus der Menge und flog näher.
"Die Gründe für den Streik sind nur allzu offensichtlich, Senator.
Die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar. Die Luft ist schlecht. Selbst hier,
wo es eine Frischluftanlage gibt, tragen Sie Atemmasken. Aber der Staub in den
Abbaugebieten ist unerträglich. Wir müssen hier unten leben, dürfen
nicht an die Oberfläche. Die Nahrung ist unzureichend, das Wasser mit Siltium-Quarz
verunreinigt. Wir verbrennen uns Tag für Tag die Hände an den Energiekristallen,
aber den Gewinn dieser Mine bekommen die Kroil. Das sind die Gründe, warum
wir streiken."
Ein zustimmendes Gemurmel hatte jeden Satz begleitet. Jetzt waren vereinzelte
"Streik!"-Rufe zu hören.
Obi-Nor hob die Hand, und die Menge verstummte. "Wir sind hier, um diesen
Vorwürfen nachzugehen. Wir wollen uns über jede dieser Anschuldigungen
eigens informieren."
Er beriet sich kurz mit seinen Begleitern, dann wandte er sich wieder an die
S'torgh: "Senatsassistentin Femioola wird Ihre Quartiere besichtigen, Senatsassistent
Bodiga die Nahrung untersuchen. Mein Droide wird ihn begleiten. Ich selbst möchte
mir ein Abbaugebiet ansehen, falls das möglich ist."
"Das ist möglich", erwiderte der S'torgh, der die Beschwerde
vorgebrachte hatte. Kommen Sie mit mir, Senator Gildorian. Mein Name ist N'Gorrkh;
ich werde Ihnen meine Arbeitsstelle zeigen."
Obi-Nor nahm einen der Minengleiter, die die Kroilaufseher
von Zeit zu Zeit benutzen, um die Mine zu inspizieren. Es war ein merkwürdiges
Gefährt, nicht viel größer als ein Speederbike, aber mit einer
geschlossenen Kabine. Er folgte dem S'torgh, der erstaunlich schnell durch die
engen Höhlengänge flog. Die Luft war erfüllt von aufgewirbeltem
Siltiumquarz; Obi-Nor hatte das Gefühl, als fahre er durch schwarzes Schneegestöber.
Manchmal hatte er Mühe, den voraus fliegenden S'torgh im Scheinwerferlicht
zu erkennen. Schließlich erreichten sie eine große Höhle. N'Gorrkh
flog zur gegenüberliegenden Wand und zog ein kleines Werkzeug heraus, das
sich als Laserbohrer entpuppte. Nach wenigen Minuten hatte er einen fingernagelgroßen
Siltiumkristall aus der Wand geschält und in einem am Gürtel hängenden
Beutel verstaut. Dann machte er sich auf den Rückweg.
Wieder am Sammelplatz angekommen, blieb Obi-Nor einige Augenblicke nachdenklich
im Minengleiter sitzen. Schließlich stieg er aus und ging zu dem S'torgh
hinüber.
"Wie haben Sie das gemacht? War die Gesteinsschicht nicht aus Sicrit? Ich
kann nicht glauben, dass Sie einen Siltiumkristall in einer Sicritwand entdeckt
haben. Und wie haben Sie in dieser Luft überhaupt atmen können?"
"Wir S'torgh verfügen über die Fähigkeit, die Kristalle
im Sicritgestein ausfindig zu machen", entgegnete N'Gorrkh nicht ohne Stolz.
"Was die Luft angeht: Ich hatte es Ihnen gesagt, wie die Arbeitsbedingungen
sind. Ich habe nur einen kleinen Kristall geborgen, um Ihnen zu zeigen, wie
wir arbeiten. Normalerweise sind unsere Kristalle so groß wie eine Menschenfaust."
Obi-Nor staunte nicht schlecht. Siltium-Kristalle mit bloßem Auge in einer
Sicritwand aufspüren? Diese Fähigkeit war mehr als Gold wert. Er erinnerte
sich an eine Diskussion im HoloNet, in der die Theorie vertreten wurde, dass
von allen siltiumführenden Gesteinsarten Sicrit die ergiebigste sei. Es
war nur noch kein Verfahren entwickelt worden, in Sicrit eingebettetes Siltium
zu lokalisieren. Jeder einzelne dieser S'torgh konnte auf anderen Bergbauplaneten
ein Vermögen machen.
Stiv Bodiga und Femioola kehrten aufgebracht zurück. Bodiga hatte ein gerötetes
Gesicht.
"Senator, ich habe so viele Verstöße notiert, dass es reicht,
die gesamte Mine für immer stillzulegen", berichtete er empört.
"Dieses Trinkwasser kann man nicht mal Wompratten anbieten!"
"Und die Unterkünfte...", begann Femioola, doch sie brach angewidert
ab.
"Nun, ich denke, wir haben genug gesehen", wandte sich Obi-Nor wieder
an die S'torgh. "Wir werden uns nun mit den Kroil treffen, danach hören
Sie wieder von uns."
Mit unwilligem Gemurmel reagierten die S'torgh auf diese Absichtserklärung.
N'Gorrkh ergriff erneut das Wort. "Es gibt nichts zu verhandeln, Senator.
Unsere Position ist klar. Und - es hat bereits ein Opfer unter uns gegeben.
Ein Aufseher hat meine Brutpartnerin erschossen. Ihr Tod darf nicht umsonst
sein. Wir fordern sofort bessere Bedingungen oder wir kämpfen! Wir haben
keine Geduld mehr!"
"Lieber sterben wir!" rief ein S'torgh aus dem Hintergrund.
"Niemand wird sterben", rief Femioola leidenschaftlich. "Innerhalb
von 24 Stunden haben Sie die Zusicherung besserer Arbeitsbedingungen. Das versprechen
wir Ihnen!"
Laute Jubelrufe und aufgeregtes Geflatter quittierten diese Ankündigung.
"24 Stunden!" rief N'Gorrkh. "Wir nehmen Sie beim Wort!"
Obi-Nor setzte ein gequältes Lächeln auf. "Unser Wort gilt. 24
Stunden!"
Als sie den Förderkorb erreichten, war das Lächeln
aus Obi-Nors Gesicht verschwunden.
"Verdammt, Femioola, was fällt Ihnen ein?! Haben Sie den Verstand
verloren? Sie setzen uns selbst ohne Not eine Frist! Was soll das? Wir wissen
doch gar nicht, wie die Verhandlung mit den Kroil verläuft. Wie konnten
Sie uns so unter Druck setzen?"
Die Twi'lek schaute verlegen zu Boden. "Es tut mir Leid, Senator. Ich dachte
nicht... ich wollte... Es war so furchtbar."
"Natürlich war es das! Aber Sie sind in der Outer-Rim-Komission, da
hatten Sie doch sicher schon mit furchtbaren Verhältnissen zu tun. Wir
dürfen uns nicht von unseren Emotionen überwältigen lassen. So
jedenfalls sind Sie keine große Unterstützung!"
Stiv Bodiga war die Sache anscheinend mehr als peinlich. "Bitte, Senator,
Femioola hat gesagt, dass es ihr Leid tut..."
Obi-Nor atmete tief durch und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.
"Also gut, abgehakt. Entschuldigen Sie meinen Wutausbruch, Femioola. Sie
haben natürlich Recht: Es ist furchtbar hier unten. - Nun, egal,
jetzt haben wir jedenfalls einen klaren zeitlichen Rahmen für unsere Mission.
24 Stunden, oder wir haben in den Augen einer der beiden Parteien versagt."
*
Mychnokk schaute missmutig in die Runde. Was er sah, war
nicht dazu angetan, seine Laune zu verbessern. Ganze acht Gäste hielten
sich in seiner Cantina auf. Acht! Um diese Zeit war der Laden normalerweise
voll: Alle Tische waren belegt und vor der Theke drängelten sich die Frachterbesatzungen,
die Piloten und Cargo-Manager, die ihre Bestellungen nicht schnell genug loswerden
konnten. Normalerweise herrschte ja auch im Raumhafen ein ständiges Kommen
und Gehen; die Landebuchten reichten kaum für die Vielzahl der Frachter
aus, die Tera III ansteuerten. Aber das war, bevor dieser unselige Streik ausgebrochen
war. Jetzt herrschte gähnende Leere in der Minensiedlung. Wenn der Streik
noch länger dauerte, konnte Mychnokk seine Cantina schließen. Und
als was sollte er dann arbeiten? Er war nun einmal der geborene Cantina-Wirt.
Natürlich rührte das alles von seinem Handicap her, aber er hatte
sich daran gewöhnt und das Beste daraus gemacht. Cantina-Wirt war seine
Berufung, basta.
Alle paar Jahre kam es vor, dass ein Kroil ohne Zähne schlüpfte. Niemand
vermochte sich die Ursache dieser schrecklichen Verstümmelung zu erkären.
Aber alle wussten, welche sozialen Folgen sie hatte: lebenslanges Außenseitertum.
In der gesellschaftlichen Hierarchie standen zahnlose Kroil ganz unten. An eine
Partnerschaft war nicht zu denken. Und ein ehrenvoller Beruf war ebenso unmöglich.
Aber in einer Branche waren diese bedauernswerten Geschöpfe unersetzlich:
in der Bewirtung auswärtiger Gäste. Alle Versuche von normal gestalteten
Kroil, eine Cantina zu eröffnen, waren gescheitert. Welche Schmuggler wollte
schon, dass ihm der Wirt einen Arm abbiss, nur weil er gerade mal nicht bezahlen
konnte oder sich über die Qualität eines Whis-Drinks beschwerte? Nein,
da ging man doch lieber zu einem dieser freundlichen zahnlosen Kroil. Also hatte
auch Mychnokk seine Cantina eröffnet und sogleich in eine Goldgrube verwandelt.
Und nun drohte dieser Streik sein Geschäft zu ruinieren.
Er blickte erneut in die Runde. Acht Gäste. Sieben von ihnen kannte er.
Schrotthändler Ghijjo Asew von Leptis Beta kam alle zwei Wochen mit seiner
Mannschaft auf einen Drink vorbei. Kaluusha und B'Heto waren üble Schmuggler,
die aber wenigstens immer ihre Zeche zahlten. Okuno Bertis hingegen war ein
trauriger Fall. Seit er mit defektem Hyperraumantrieb hier gestrandet war und
kein Geld für die Reparatur hatte, versoff er das Wenige, das ihm noch
geblieben war. Also allesamt Stammkunden, deren Lebensgeschichten Mychnokk schon
dutzendfach gehört hatte.
Aber am Ende der Theke saß ein Gast, den Mychnokk nicht kannte. Es war
eine Menschenfrau, und Mychnokk hätte nur zu gern gewusst, was sie nach
Tera III und in seine Cantina geführt hatte. Sie war äußerst
schweigsam, und Mychnokk hatte entgegen seiner sonstigen Gewohnheit keine Lust
verspürt, mit ihr zu plaudern. Irgend etwas in seinem Innern hatte ihn
merkwürdigerweise abgehalten, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Aber
die Sache mit Joffo Sheron war noch viel seltsamer gewesen. Dieser zwielichtige
Schmuggler hatte sich gleich nach ihrer Ankunft zu ihr gesellt. Vermutlich hatte
er ihr verbotene Ware verkaufen wollen, das tat er schließlich bei jedem.
Doch dann hatte er plötzlich die ausstehenden Schulden der letzten drei
Wochen bezahlt und Mychnokk anvertraut, er wolle nach Hause gehen und sein Leben
überdenken. Aber das Ungewöhnlichste war die Bestellung der Frau gewesen.
Sie hatte nach einem Getränk "ohne Rauschmittel" verlangt; so
etwas war schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Spätestens da wusste
Mychnokk, dass sie keine Frachterpilotin war, worauf aber auch das lange braune,
für Frachterpersonal völlig untypische Gewand hindeutete. Mehr Informationen
konnte Mychnokk ihrem Äußeren nicht entnehmen. Ob sie nach menschlichen
Maßstäben alt oder jung, hässlich oder hübsch war, vermochte
der Kroil nicht einzuschätzen. Für ihn sahen alle Menschen irgendwie
gleich aus.
Mychnokk hatte ihr einen Drink aus Wasser und Würzkräutern zusammengemixt
und eher aus Spaß den unverschämten Preis von 45 republikanischen
Credits verlangt. Die Frau hatte ihn nur amüsiert angeblickt und ohne zu
Murren bezahlt.
Jetzt nippte sie bereits ihren zweiten Drink. Das machte 86 Credits Reingewinn.
Mychnokks Laune besserte sich nun doch ein wenig. Wenn sie noch länger
bleibt, dachte er, gleicht das das Fehlen von zehn bis zwölf Gästen
ohne weiteres aus.
Dennoch hätte er zu gern gewusst, wer diese Frau war und was sie hier wollte.
4.
Der Erste Botschafter Yrkchsz geleitete die Senatsdelegation
in das Verwaltungsgebäude der Mine. Dort warteten sechs Kroil in einem
kreisrunden Raum auf sie. Yrkchsz deutete auf den ringförmigen, mit Tellern,
Platten und Schüsseln gedeckten Tisch.
"Nehmen Sie Platz, Senator. Sie müssen hungrig und durstig sein. Wir
haben Speisen ausgewählt, die auch bei Menschen und Twi'leks üblich
sind. Das Frischwasser lassen wir von Eisfrachtern aus Ord Mandrell einfliegen.
Sie sehen, auch wenn unsere Essgewohnheiten unterschiedlich sein mögen,
so werden Sie sich hier dennoch wohl fühlen. Und beim Essen lässt
es sich leichter verhandeln."
Obi-Nor nickte freundlich. "Vielen Dank für die Einladung, Senator.
Wir nehmen gerne an." Er nahm auf einem der Stahlrohrstühle Platz
und bedeutete seinen Assistenten, sich rechts und links neben ihn zu setzen.
Auch die Kroil setzen sich, während GL02 einige Schritte hinter Obi-Nor
stehen blieb.
Die Speisen sahen tatsächlich ganz annehmbar aus. Es war keine Spur von
rohen Torii-Hühnern zu sehen. Statt dessen gab es Gemüse und Obst
wie auf einem trexxanischen Vegetarier-Kongress. In Obi-Nors Reichweite war
eine große Glasschüssel platziert, in der ein einzelner rotgolden
schimmernder, fingergroßer Fisch umherschwamm. Vermutlich meinten die
Kroil, dass dieses Aquarium dem menschlichen Bedürfnis nach Tischdekoration
entgegenkam.
Die Echsoiden schauten Obi-Nor erwartungsvoll an. "Nun, Senator, wollen
Sie nicht das Bankett auf traditionelle Weise eröffnen?" fragte der
Erste Botschafter.
Obi-Nor drehte sich Hilfe suchend nach Stiv Bodiga um, dessen bleiches Gesicht
mit einem Male noch blasser aussah als sonst.
"Ich fürchte, Senator", flüsterte er Obi-Nor so leise zu,
dass ihn niemand anderer verstehen konnte, "dass Sie den Fisch essen müssen.
Es ist so Brauch bei traditionellen Mahlzeiten."
"Ich soll was!?" wisperte Obi-Nor zurück.
"Tut mir Leid, Senator. So will es der Brauch."
Obi-Nor starrte das Aqaurium an. Der rotgoldene Fisch schwamm putzmunter umher.
Er konnte doch nicht... Sein Magen zog sich allein bei dem Gedanken zusammen.
Die Kroil wurden unruhig. Zwei der Echsoiden, nach ihren Saberdart-Armbrüsten
zu urteilen Wachposten oder Leibwächter, zischten einander etwas zu.
"Nun denn", sprach Obi-Nor mit gespielter Munterkeit. "Man sollte
alles mal probiert haben."
Mit diesen Worten griff er in die Glasschüssel, packte mit einer blitzschnellen
Bewegung den Fisch und stopfte ihn sich in den Mund.
Für eine Sekunde hing lähmende Stille im Raum.
Dann sprangen die Kroil mit lautem Geschrei auf. Die Wachposten griffen nach
den Armbrüsten und richteten sie auf Obi-Nor. Und GL02 rief mit lauter
Stimme: "Aber Mylord! Sie dürfen doch nicht den heiligen Fisch der
Kroil verspeisen!"
Obi-Nor beugte sich über die Schüssel und spuckte den Fisch wieder
aus. "Den was hätte ich beinahe verspeist!?" Er starrte
auf den Fisch, der ein wenig benommen im Wasser zappelte. Er spürte eine
leichte Übelkeit. Und starke Wut.
"Verdammt, Stiv, was haben Sie mir da gesagt!?"
Der Senatsassistent saß zitternd neben Obi-Nor und blickte unverwandt
auf das Aquarium. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. "Ich... die
Datenbank...", stammelte er. Dann brachte er keinen Ton mehr heraus.
Yrkchsz schlug mit voller Wucht auf den Tisch. "Sie haben den schlimmsten
Frevel begangen, den ich je erlebt habe", sprach er mit vor Zorn bebender
Stimme. "Eine tödliche Beleidigung. Wir lassen uns nicht vom Senat
verhöhnen. Sie sind des Todes!"
"Hören Sie, ich...", wollte sich Obi-Nor rechtfertigen, doch
einer der Wachen hielt ihm seine Armbrust genau vor das Gesicht. Obi-Nor erstarrte
mitten in der Bewegung. Und ohne sich zu rühren, sprach er mit leiser,
aber eindringlicher Stimme: "Pfeifen Sie Ihre Wachen zurück, Botschafter.
Ich werde mich für das Geschehen verantworten, aber wenn mich einer von
denen erschießt, haben Sie morgen eine Flotte der Neuen Republik hier,
die Sie, Ihre Leute und die ganze Mine von diesem Planeten pustet."
Noch während er sprach, dämmerte es ihm: Genau darum ging es! Um einen
Grund, die Diplomatie für gescheitert zu erklären und die Flotte einzusetzen.
Die Kroil mussten ihn nur erschießen, dann war der Weg frei für eine
gewaltsame Lösung des Konfliktes. Er war in eine Falle getappt. Und er
wusste auch, wer sie ihm gestellt hatte.
Auf einen Wink von Yrkchsz nahmen die Kroil ihre Waffen herunter. Einer der
Wächter baute sich vor Obi-Nor auf und ließ das langgestreckte Maul
mit den dolchartigen Zähnen auf- und zuklappen. Er entschied sich dann
aber dafür, Obi-Nor nicht die Nase oder gleich den ganzen Kopf abzubeißen,
sondern zog sich zischend zurück. Obi-Nor atmete durch. Aber seine Entspannung
dauerte nicht lange, denn Yrkchsz ergriff erneut das Wort:
"Wir werden Sie nicht erschießen, Senator. Aber Sie haben Ihr Leben
verwirkt. So will es unser Gesetz. Auch ihr diplomatischer Status kann Sie nicht
davor bewahren. Bei einer derart schweren Beleidungung kann es nur eine Strafe
geben: den Großen Sprung."
Obi-Nor hatte keinen Schimmer, was damit gemeint war, aber es hörte sich
nicht besonders gut an. Doch um sein eigenes Schicksal musste er sich später
kümmern.
"Mir lag es fern, Sie zu beleidigen", versicherte er. "Es war
ein Missverständnis. Dennoch bin ich bereit, die Konsequenzen meiner Tat
zu tragen. Aber meine Begleiter haben damit nichts zu tun. Obendrein genießen
auch sie diplomatische Imunität. Deshalb schlage ich vor, dass Senatsassistentin
Femioola und mein Droide in die Raumfähre zurückkehren dürfen,
um den Senat zu benachrichtigen, der sich seinerseits rasch mit Ihnen in Verbindung
setzen wird." Die Twi'lek, deren Anspannung deutlich sichtbar war, nickte
zustimmend.
"Ihr Raumschiff kann nicht auf Tera III bleiben", entgegnete Yrkchsz.
"Ihre Mission ist beendet."
"Dann gestatten Sie, dass die Fähre wenigstens im Orbit kreist, bis
Sie mit Vertretern des Senats Kontakt hatten. Ein diplomatisches Schiff ist
unbewaffnet. Sie gehen kein Risiko ein."
"Einverstanden. Das Schiff kehrt in die Umlaufbahn zurück."
"Gut. Und was Senatsassistent Bodiga angeht", fuhr Obi-Nor fort, "so
können Sie ihn in Gewahrsam nehmen, bis sich der Senat bei Ihnen meldet.
Gleichsam als Unterpfand unseres guten Willens. Vorausgesetzt, Sie sichern ihm
anständige Behandlung zu."
"Ihm wird kein Haar gekrümmt", bestätigte Yrkchsz.
Ein bewaffneter Kroil führte einen todunglücklich wirkenden Stiv Bodiga
ab. Die Ablenkung, die dadurch entstand, nutzte Obi-Nor, um heimlich einen Knopf
an seinem Multifunktionsarmband zu drücken. Eine Bewegung, die niemand
zu bemerken schien.
"Worin besteht nun das Urteil?" fragte er. "Das habe ich vorhin
nicht verstanden."
"Sie werden in den Tiefen Abgrund springen", antwortete der Botschafter.
"So will es das Gesetz."
GL02 hatte sich seit seinem Zwischenruf still verhalten. Nun trat er einen Schritt
vor. "Mylord, kann ich denn gar nichts für Euch tun?"
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Für mich nicht, George. Ich fürchte,
es ist zu spät, einen K'Feh zu servieren oder meine Gewänder zu bügeln.
Aber du kannst Femioola unterstützen. Geh ihr zur Hand, pass auf, dass
ihr und dem Schiff nichts zustößt, kümmere dich um sie. Du kennst
doch eine solche Situation vom Handelsembargo auf E'encior V."
"Kommen Sie", unterbrach ihn Yrkchsz. "Das Urteil wird sofort
vollstreckt."
*
Mychnokk wischte die Theke ab. Das war's dann wohl. Wäre
ja auch zu schön gewesen, wenn diese Menschenfrau stundenlang hier rumgesessen
und einen Drink nach dem anderen geschlürft hätte. Es hatte vielversprechend
angefangen. Aber dann hatte dieses Gerät gepiept, sie hatte ihm einen Wertchip
über 90 Credits zugeworfen und war nach draußen geeilt. Noch im Fortlaufen
hatte sie ein Gerät aus einer Gürteltasche gezogen. Mychnokk wettete
einen Krug Whis gegen einen Becher Wasser, dass es sich dabei um einen Peilsender
handelte. Wie ein Sturmwind war sie auf einem Speederbike davongebraust.
Mychnokk war sich sicher, dass er sie nie wiedersehen würde. Er seufzte.
Ja, es wäre wirklich zu schön gewesen. Aber immerhin: den Gewinn von
86 Credits konnte ihm keiner mehr nehmen. In Zeiten wie diesen war man ja auch
schon mit kleineren Dingen zufrieden.
*
Der steinige Boden raste unter dem offenen
Transportgleiter dahin. Obi-Nor fragte sich, ob der "Tiefe Abgrund",
von dem der Botschafter gesprochen hatte, weit entfernt war. Er hoffte es, denn
mit jeder Minute stiegen seine Überlebenschancen. Natürlich war er
nicht ohne Absicherung nach Tera III geflogen; jetzt musste sich zeigen, wie
gut seine Vorkehrungen waren. An Flucht war nicht zu denken. Zwei bewaffnete
Wachen flankierten ihn, zudem hatte man ihm die Hände mit einem Stahlband
gefesselt. Darüber hinaus hatten sich zehn oder zwölf Speeder dem
Transportgleiter angeschlossen. Jeder von ihnen war mit zwei Kroil besetzt und
verfügte über eine kleine schwenkbare Laserkanone.
Sie passierten eine zerklüftete Felslandschaft, übersät mit roten
Gesteinsbrocken und tiefen Rissen, die auf heftige seismische Aktivität
des Planeten hindeuteten. Die Vulkanausbrüche auf Tera III waren für
die Bewohner vermutlich kein Vergnügen. Nach zehn Minuten erreichten sie
ihr Ziel. Dass die Erdspalte, die sich vor ihnen auftat, der "Tiefe Abgrund"
war, bedurfte keiner Erläuterung. Ein Canyon, gut 100 Meter breit und mindestens
300 Meter tief, zog sich mehrere Meilen lang quer über die Ebene. Auf seinem
Boden floß träge ein gelb glühender Lavastrom. In den senkrecht
abfallenden Wänden waren mehrere dunkle Flecken zu sehen. Erst nach einigen
Augenblicken registrierte Obi-Nor, dass es sich dabei um Einmündungen von
Höhlen oder künstlich angelegten Gängen handeln musste.
Der Transporter schwebte über dem Rand des Canyons. Botschafter Yrkchsz
wies in den Abgrund.
"Wir sind da", meinte er überflüssigerweise. "Sie werden
verurteilt, in die Tiefe zu springen. Das Urteil wird auf der Stelle vollstreckt."
Aus dem Boden des Transportgleiters fuhr eine Art Planke aus, ein gut drei Meter
langes Stahlbrett. Eine Wache löste Obi-Nors Handfessel und deutete auffordernd
auf das Brett.
"Tja, dann...", meinte Obi-Nor mit einem schiefen Grinsen, und betrat
die Planke. Er blickte hinab auf den glühenden Lavastrom. Wie lange würde
er diese Hitze überleben? Eine Minute? Zwei? Oder würde eine sofortige
Ohnmacht jede Pein gnädigerweise auslöschen? Er blickte sich um. Die
Wachen hatten ihre Saberdart-Armbrüste im Anschlag. Man konnte ihnen ansehen,
dass sie den Menschen, der ihre Kultur beleidigt hatte, nur allzu gern augenblicklich
erschossen hätten.
"Springen Sie, Senator!" mahnte Botschafter Yrkchsz zur Eile. "Zögern
Sie nicht wie ein Feigling. Machen Sie dem Senat und der menschlichen Spezies
nicht noch mehr Schande."
"Ich habe eine Frage, Botschafter", antwortete Obi-Nor. Er musste
nur ein wenig Zeit gewinnen. Schon spürte er das charakteristische Schwingen
der Macht. Sie kam. Aber er brauchte noch Zeit, nur ein wenig mehr Zeit...
"Sprechen Sie, aber rasch!" gab der Botschafter unwillig zurück.
"Nun, der Sprung hier...", begann Obi-Nor. "Sie sagten, die Art
der Bestrafung sei Gesetz. Aber was machen Sie bei einem geflügelten Vernunftwesen?
Wie wollen Sie auf diese Weise etwa einen S'torgh bestrafen?"
Eine der Wachen zischte verächtlich; Yrkchsz schüttelte den Kopf.
"S'torgh bestrafen wir nicht auf diese Weise", erklärte der Erste
Botschafter. "Dieser Tod ist eine Ehre. Wer ihn stirbt, ist von aller Schande
gereinigt."
Obi-Nor verbeugte sich ironisch. "Ich danke für diese Ehre, Botschafter."
Er wandte sich dem Ende der Planke zu. Die Präsenz der Macht wurde
stärker. Beeil dich! Er tat so, als wolle er springen, doch dann
wandte er sich erneut um.
"Verzeihen Sie, Botschafter, eine letzte Frage noch." Obi-Nor setzte
ein entschuldigendes Lächeln auf. "Ich will den Ablauf dieser Zeremonie
nicht unnötig verzögern, aber..."
"Sprechen Sie!" unterbrach ihn Yrkchsz barsch.
"Nun, äh, wenn jemand den Sprung überlebt, ist seine Schande
dann auch getilgt?"
"Was?" Yrkchsz schien völlig überrascht.
"Ja", nickte Obi-Nor. "Die Bestrafung besteht doch in dem Sprung,
nicht wahr? Wenn ich also springe und dennoch überlebe, bin ich dann frei?"
Yrkchsz schnaubte. "Niemand überlebt diesen Sturz!"
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber einem der Wachposten wurde es zu
viel. Mit einem drohenden Zischen gab er Obi-Nor einen Stoß vor die Brust.
Der Senator taumelte nach hinten, geriet mit dem linken Fuß von der Planke
und ruderte hilflos mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu halten. Doch es
war vergeblich. Er stürzte in die Tiefe.
Obi-Nor sah das heranbrausende Speederbike
nicht. Aber den Aufprall spürte er dafür umso mehr.
Eine Rippe, schoss es ihm durch den Kopf. Nein, mindestens zwei. Wenn ich nicht
noch andere Knochen gebrochen habe.
Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass er quer über dem hinteren
Sitz des Speederbikes hing. Die Schmerzen ignorierend, hielt er sich an dem
braunen Jedi-Gewand der Fahrerin fest, zog sich hoch und schwang sich in den
Sitz. Geschafft! Er atmete tief durch. Zunächst war er überrascht,
dass er schmerzfrei atmen konnte. Dann schnaufte er erleichtert durch, denn
offensichtlich waren seine Rippen noch heil. Und plötzlich wurde ihm klar:
Wäre das Speederbike nur eine Sekunde später gekommen, hätte
er jetzt gar keine Rippen mehr...
Er beugte sich nach vorn: "Verdammt, Yo, warum hat das so lange gedauert?"
"Ich wollte meinen Drink nicht halbvoll stehen lassen, Vater", kam
die prompte Antwort.
In diesem Moment machte das Bike einen harten Schlenker, und ein Laserblitz
peitschte über sie hinweg. Obi-Nor drehte sich um und sah drei Kroilspeeder.
Wieder zuckte ein Laserblitz durch den Canyon, aber erneut wich das Bike aus.
Nun schossen die Kroilspeeder aus allen Rohren. Das Bike vollführte aberwitzige
Bewegungen, um den Schüssen zu entkommen. Es schoss steil nach oben, sackte
bis knapp vor dem Lavastrom ab, raste im Zickzack den Canyon entlang. Obi-Nors
Mund wurde trocken. Auch eine Jedi-Meisterin wie Yo-Karah Mal'Wan konnte diesem
Beschuss nicht auf Dauer ausweichen. Zu allem Überfluss stießen etwa
500 Meter vor ihnen weitere vier Speeder in den Canyon. Es gab kein Entrinnen,
es sei denn...
"Yo, halte auf den Höhleneingang zu!" schrie Obi-Nor, aber die
Jedi hatte das Bike bereits herumgerissen und steuerte das gähnend schwarze
Loch in der Canyonwand an. In diesem Augenblick schlug ein Laserblitz in das
Bike ein. Flammen schlugen hoch und nahmen Obi-Nor die Sicht. Er spürte,
wie seine Tochter ihn am Gewand packte und vom Bike riss. Sie purzelten in den
Höhleneingang, während das Speederbike mit einem lauten Knall an der
Felswand zerschellte.
"Los, weg hier!" rief Yo-Karah und zerrte ihren Vater ins Innere.
Keine Sekunde zu früh, denn ein Kroilspeeder schwebte vor dem Höhleneingang
und feuerte. Laserschüsse peitschten ihnen um die Ohren, als sie vom Eingang
wegliefen. Nach rund 30 Metern erreichten sie eine Biegung, hinter der sie erst
einmal in Sicherheit waren. Offenbar war dieser Gang künstlich angelegt
worden. Er führte schräg bergauf - ins Freie, wie Obi-Nor hoffte.
Denn egal, was sie auf der Oberfläche erwartete, es wäre allemal besser,
als in einer Sackgasse gefangen zu sein.
Yo-Karah schien der gleichen Ansicht zu sein, denn sie machte Anstalten, den
Gang entlang zu laufen.
"Warte! Lass mich mal zu Atem kommen!" keuchte Obi-Nor und wischte
sich den Schweiß aus der Stirn.
"Was meinst du damit, du wolltest deinen Drink nicht halbvoll stehen lassen?"
Statt einer Antwort drückte Yo-Karah ihm einen Blaster in die Hand. Dann
hörte es Obi-Nor auch: Vom Höhleneingang kamen schurfende Schritte.
"Also los!", nickte er.
Sie liefen den Gang hinauf. Nach 50 Metern erreichten sie eine erneute Biegung.
Obi-Nor lief voraus - und prallte zurück. Vier Kroil kamen ihnen entgegen.
Jetzt saßen sie in der Falle. Yo-Karah aktivierte ihr Lichtschwert. Mit
einem Zischen sprang der Lichtstrahl aus dem Griff. Die Kroil, die sie verfolgten,
kamen näher. Sie rissen ihre Armbrüste hoch und schossen.
Yo-Karah ließ das Lichtschwert durch die Luft wirbeln und wehrte die Saberdarts
ab.
"Weil der Drink 45 Credits kostete!" erklärte sie.
Obi-Nor sprang in die Biegung und feuerte seinen Blaster ab. Die Schüsse
prallten wirkungslos gegen die Schuppenpanzer der Kroil, zwangen die Echsoiden
aber zum Rückzug.
"45 Credits?! Das ist Wucher!" beschwerte sich Obi-Nor, bevor er die
Energiezelle des Blasters kontrollierte. "Aber du hast Recht, bei dem Preis
hätte ich den Drink auch ausgetrunken."
Wieder warf er sich nach vorn und schoss. Doch diesmal zischten fünf oder
sechs Saberdarts an seinem Kopf vorbei.
"Verdammt, Yo! Von vorn kommen immer mehr Kroil! Hier kommen wir nicht
durch!"
Yo-Karah schwang das Lichtschwert und zerschmetterte zwei Saberdarts.
"Dann müssen wir zurück!" erwiderte sie entschlossen. "Folge
mir!"
Sie rannte auf die Kroil zu, die sie verfolgte hatten. Mit dem Lichtschwert
wehrte sie zwei Saberdarts ab. Dann stieß sie die weit geöffnete
linke Hand vor, und mit Hilfe der Macht wurden die Kroil zu Boden geschleudert.
Behende sprang sie über die Echsoiden hinweg. Einer der Kroil versuchte
sich mit der Armbrust aufzurappeln, doch eine Bewegung mit dem Lichtschwert,
und die Waffe war in ihre Einzelteile zerlegt. Dann sprang auch Obi-Nor über
die Kroil hinweg. Einer der Echsoiden bekam den Saum seines Gewandes zu fassen.
Es gab einen hässlichen Riss, dann war Obi-Nor frei und eilte hinter Yo-Karah
her.
Am Höhleneingang schwebte der Kroil-Speeder. Die Jedi sprang hinein und
startete die Maschine. Obi-Nor kletterte hinterher. Er warf noch einen Blick
zurück in die Höhle. Die Kroil hatten sich erhoben und liefen ihnen
nach. Doch in diesem Moment schoss der Speeder davon.
Obi-Nor atmete durch. Sie hatten den Bereich
des Canyons verlassen und flogen über das Ödland. Von Verfolgern war
weit und breit nichts zu sehen. Das war noch mal gut gegangen. Ein zerrissenes
Staatsgewand, ein paar blaue Flecken, eine überhöhte Spesenrechnung
für 45 Credits teure Drinks... Aber er lebte. Und sie waren entkommen,
ohne einen Kroil zu töten. Für die weitere Entwicklung konnte dieser
Punkt entscheidend sein.
Er wandte sich seiner Tochter zu: "Danke, Yo-Karah! Das war Rettung in
letzter Sekunde. Ich verdanke dir mein Leben."
"Und verdanke ich mein Leben nicht dir, Vater?" gab sie schmunzelnd
zurück.
Obi-Nor grinste. "Du weißt genau, wie ich das meine. Ich dachte wirklich,
du kommst zu spät."
Yo-Karah schüttelte den Kopf. "Eine Jedi kommt nie zu spät, Senator
Gildorian. Ebensowenig zu früh. Sie trifft genau dann ein, wenn sie es
beabsichtigt."
Aber dann lächelte sie. "Nein, im, Ernst. Es war doch meine Aufgabe,
bereit zu stehen, wenn etwas schief geht. Allerdings hätte ich nicht gedacht,
dass du schon nach vier Stunden auf diesem Planeten in Todesgefahr sein würdest..."
"Eine Verschwörung", antwortete Obi-Nor grimmig. "Die Diplomatie
sollte scheitern. Ich war nur das Bauernopfer. Aber da haben sich einige Leute
gewaltig verrechnet. Jetzt drehe ich den Spieß um. Wir müssen auf
dem schnellsten Weg zum Raumhafen."
"Du willst schleunigst von hier verschwinden? Gute Idee."
Obi-Nor setzte eine entschlossene Miene auf. "Nein, Yo. So schnell gebe
ich nicht auf. Ich werde meine Mission zu Ende führen. Und ich werde die
Verschwörung aufdecken. Ich weiß auch schon wie."
"Warum habe ich das Gefühl, dass du dich wieder in Schwierigkeiten
bringen wirst und ich dich ein weiteres Mal retten muss?" feixte Yo-Karah.
Obi-Nor nickte ernst. "Genau das ist mein Plan."
5.
Senator Byrd biss sich auf die Lippen. Die Sondersitzung
des Exekutiv-Ausschusses für Innere Sicherheit lief ganz und gar nicht
nach seinem Geschmack. Der alte Corellianer hatte schon lange vermutet, dass
all die Falken, Hardliner und Militärköpfe über kurz oder lang
aus ihren Löchern kriechen würden. Eine lange Periode des Friedens
und der Sicherheit kam nun einmal nicht jedem gelegen. Jahrzehntelang hatte
die Rüstungsindustrie vom Kampf gegen das Restimperium und gegen andere
äußere Bedrohungen profitiert. Gewaltige Produktionsstätten
für den Flottenbau waren entstanden; ja die Volkswirtschaft ganzer Sternsysteme
war vom Militärbudget der Neuen Republik abhängig. Da aber niemand
mehr ernsthaft die Existenz einer Riesenflotte begründen konnte, mussten
die Weichen für den künftigen Militärhaushalt gestellt werden.
Byrd und einige andere Senatoren waren für eine drastische Reduzierung
des Budgets. Doch eine wachsende Zahl von Mitgliedern des Senats schien einen
kostspieligen Umbau der Flotte in eine flexible Eingreiftruppe zur Lösung
innerrepublikanischer Konflikte zu befürworten. Die Spitze dieser Bewegung
saß ihm im Exekutiv-Ausschuss gegenüber: Ex-Captain Noslen, ein Mon
Calamari, einst einer der gefürchtetsten Draufgänger und Admiral Ackbar,
hatte mit deutlichen Worten die Verdopplung des Flottenbudgets gefordert. Cheedo,
ein hitziger Rodianer, hatte ihn lebhaft unterstützt. Der Kopf der Bewegung
aber war Senator Sel Deeca, der in lässiger Haltung und mit überlegener
Miene in seinem Formsteinsessel saß und die Aussprache fast gelangweilt
verfolgte. Byrd fragte sich, was diesen Menschen, der beinahe ebenso lange dem
Senat angehörte wie er selbst, so sicher machte.
Die Sitzungsleiterin, Senatorin G'hak von Ascan, riss ihn aus seinen Gedanken:
"Senator Byrd, ich bitte um Ihr Statement."
Byrd erhob sich langsam. "Verehrte Vorsitzende, verehrte Kolleginnen und
Kollegen. Wie manche von Ihnen wissen, feiere ich in diesem Jahr ein für
menschliche Maßstäbe seltenes Jubiläum: Vor genau 40 Jahren
bin ich als Vertreter Corellias in den galaktischen Senat gewählt worden.
Damals regierte ein Kanzler namens Palpatine die Alte Republik." Er machte
eine kleine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Einige Senatoren nickten
anerkennend, nur Sel Deecas Lächeln wurde eine Spur breiter und spöttischer.
"Später dann", fuhr Byrd fort, "als Palpatine die Macht
an sich gerissen und ein Imperium errichtet hatte, schloss ich mich der Allianz
der Rebellen unter Bail Organa und Mon Mothma an. Und seit der Wiedereinsetzung
des Senates vor über 20 Jahren bin ich ohne Pause Mitglied dieses Gremiums.
In all den Jahren, die so wechselvolle politische Verhältnisse zeitigten,
haben mich stets die gleichen Prinzipen geleitet: Gleichwertigkeit der Spezies
und Rassen, Souveränität und Freiheit der Mitgliedswelten, Miteinander
in Gerechtigkeit und Demokratie. Es sind die zentralen Fundamente, auf denen
unsere Neue Republik errichtet ist. Diese Prinzipien benötigen zwar Schutz
und Sicherheit gegen äußere Bedrohungen. Aber der Plan, die Flotte
für innere Konflikte einzusetzen, die Idee, mit einer Kriegsmaschinerie
den inneren Frieden durchzusetzen, der Wahn, Diplomatie durch Gewalt abzulösen
- das widerspricht in eklatanter Weise den Grundsätzen unserer Republik.
Ein solcher Plan wäre eines Imperiums würdig, nicht aber unserer Vision
einer friedlichen und gerechten Galaxis."
Senator Byrds Stimme war bei den letzten Worten leidenschaftlich geworden. Mit
Genugtung registrierte er ein zustimmendes Nicken bei einigen noch unentschiedenen
Ausschussmitgliedern. Mit sanfterer, aber ebenso eindringlicher Stimme fuhr
er fort: "Schlagen wir nicht den Weg Palpatines ein. Fahren wir fort auf
dem Weg des Friedens und der Diplomatie."
Er setzte sich. Ob sein moralischer Appell die nötige Wirkung entfalten
würde, musste sich jetzt zeigen. Denn nach ihm bekam Senator Deeca das
Wort.
"Verehrte Vorsitzende, verehrte Senatorinnen und Senatoren. Mein geschätzter
Kollege Byrd hat uns in trefflicher Weise an unsere Prinzipien und grundlegenden
Verpflichtungen erinnert." Deeca nickte dem Angesprochenen freundlich zu.
"Allerdings erlaube ich mir, noch einige Worte hinzuzufügen. Denn
wir alle wissen doch, dass Frieden und Gerechtigkeit oftmals ein allzu labiles
Gebilde sind. Wie abhängig ist es zum Beispiel von der wirtschaftlichen
Entwicklung! Macht uns nicht die Siltium-Krise klar, wie gefährdet unser
Wohlstand und der soziale Friede sind?"
Senator Byrd verzog unwillig den Mund. Er hatte die ganze Zeit geahnt, dass
Deeca dieses Thema anschneiden würde.
"Wollen wir wirklich zulassen", fuhr Sel Deeca fort, "dass ein
einzelner Planet wie Tera III die Energieversorgung der gesamten Galaxis aus
dem Gleichgewicht bringt? Fordert nicht der Ruf nach Gerechtigkeit und Frieden
ein rasches und entschlossenes Eingreifen, um die Störung zu beseitigen?
Admiral Sheard ist mit der 4. Flotte nur einen Hyperraumsprung von 50 Minuten
von Tera III entfernt. Es wäre ein Leichtes, die Militärführung
um einen Einsatz zu bitten."
"Sie vergessen wohl", fiel ihm Byrd ins Wort, "dass der Senat
bereits einen Sondergesandten ins Tera-System geschickt hat. Diese Krise wird
auf diplomatischem Wege gelöst!"
Senatorin G'hak klopfte mit einem Metallhammer auf den Tisch. "Senator
Byrd, ich ersuche Sie, den Redner nicht zu unterbrechen!"
Sel Deeca winkte ab. "Lassen Sie nur, verehrte Vorsitzende." Und zu
Byrd gewandt fuhr er fort: "Ich habe es durchaus nicht vergessen. Aber
ich fürchte, die Diplomatie hat in diesem Falle versagt. Diese Nachricht
wurde unmittelbar vor unserer Sitzung übermittelt."
Er aktivierte einen HoloProjektor, und das dreidimensionale Bild von Senatsassistentin
Femioola erschien.
"Es ist etwas Schreckliches geschehen", berichtete die Twi'lek. "Senator
Gildorian hat ein Kroil-Gesetz übertreten und wurde zum Tode verurteilt.
Senatsassistent Bodiga befindet sich in Gewahrsam der Kroil. Ich selbst bin
aufgefordert worden, den Planeten zu verlassen. Unsere Mission ist gescheitert."
Ein entrüstetes Gemurmel ertönte in der Runde, als Deeca den Projektor
deaktivierte.
Deeca ergriff erneut das Wort: "Diese Kroil verurteilen einen ehrenwerten
Senator und Botschafter dieser Republik zum Tode! Soviel zum Thema Diplomatie.
Glauben Sie mir, diese Echsoiden verstehen nur eine Sprache: die der Laserkanonen
und Turboblaster! Wenn wir jetzt nicht handeln, wird uns künftig jeder
Schurkenplanet auf dem Kopf rumtanzen. Bitten wir die Militärführung
um die Entsendung der 4. Flotte nach Tera III!"
Senator Byrd sank in sich zusammen. Nur undeutlich nahm er das Geraune und Gemurmel
wahr, das auf Deecas Ausführungen folgte. Ihm war klar, dass die Hardliner
um Deeca gesiegt hatten. Die Abstimmung würde nur noch eine Formsache sein.
Er hatte von vornherein befürchtet, dass Senator Gildorian auf einer aussichtslosen
Mission verheizt werden sollte. Aber zum Tode verurteilt...
Was war auf Tera III bloß los?
*
Obi-Nor schlich vorsichtig zwischen Lagerschuppen und abgestellten
Speedern hindurch zur Landebucht. Das Senatsschiff hatte bereits die Positionsleuchten
angeschaltet, ein Zeichen, dass der Start unmittelbar bevorstand. Von etwaigen
Kroilwachen, die Femioola vermutlich zum Raumhafen begleitet hatten, war keine
Spur zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie sich zurückgezogen, nachdem die
Senatsassistentin an Bord gegangen war. Obi-Nor blickte sich um. Nein, niemand
hatte ihn bisher bemerkt. Über Tera III war die Abenddämmerung hereingebrochen,
was ihm zusätzliche Tarnung verschaffte.
Mit lautem Getöse sprangen die Repulsoraggregate an. Jetzt konnte Obi-Nor
nicht länger zögern. So schnell er konnte rannte er zur Landebucht.
Im Laufen schaltete er seinen Kommunikator ein. "George? Hörst du
mich? Ich bin hier unten im Raumhafen. Wartet auf mich!"
Das Schiff hob ab, schwebte etwa 20 Meter über dem Boden und sank dann
wieder in die Landebucht zurück. Die Einstiegsluke öffnete sich, und
Obi-Nor eilte die Rampe hinauf.
"Mylord, welch eine Freude, Euch lebendig zu sehen!" begrüßte
ihn GL02.
"Danke, George", gab Obi-Nor zurück. Er blickte durch das Sichtfenster
nach draußen. Der Raumhafen verschwand unter ihnen, als das Schiff rasch
an Höhe gewann. Offenbar war seine Rückkehr zum Schiff unentdeckt
geblieben.
Femioola kam mit erstaunter und verwirrter Miene aus dem Cockpit. "Senator,
Sie ... Sie leben? Ich dachte, es ist aus..."
"Noch nicht, Femioola", lächelte Obi-Nor. "Was auch immer
mein Schicksal sein wird, als Opfer der Kroiljustiz werde ich nicht enden."
"Verzeiht mir die Bemerkung, Mylord", schaltete sich der Kammerdienerdroide
ein. "Ihr seht furchtbar aus. Wenn Ihr mich in Eure Kabine begleitet, werde
ich Euch ein neues Gewand geben."
Obi-Nor nickte. "Das wird das Beste sein. - Und Sie, Femioola, informieren
mich bitte, wenn wir die Umlaufbahn erreicht haben."
"Ich würde Euch das blaue Samtgewand empfehlen,
obwohl ich mir auch..."
"Später, George", schnitt Obi-Nor seinem Droiden das Wort ab.
Er aktivierte den Bordcomputer-Terminal und loggte sich in das System ein.
"Was habt Ihr vor, Mylord?" wollte GL02 wissen. "Ich muss gestehen,
Euer Verhalten verwirrt mich."
"Bist du das nicht gewöhnt, George?" grinste Obi-Nor.
"Doch, in der Tat", bestätigte der Droide. "Eure Anweisung
in dem Bankett-Raum, bevor Ihr abgeführt wurdet - Ihr wisst schon, die
Anspielung auf das Handelsembargo auf E'encior V - das hat sich doch jetzt wohl
erledigt, nehme ich an?"
"Im Gegenteil", widersprach Obi-Nor. "Dieser Befehl ist aktueller
denn je."
Dann konzentrierte er sich auf den Bordcomputer. "Hyperraumantrieb...",
murmelte er. "Nein, zu kompliziert... Deflektorschild... nein in unserer
Situation nicht relevant... Ah, Seitenstabilisatoren, ja, das müsste gehen..."
Zufrieden lehnte er sich zurück. "Jetzt müssen wir nur noch warten,
bis wir im Orbit sind." Er drehte sich zu seinem Droiden um. "Tja,
George, beinahe hättest du dir einen anderen Meister suchen können.
Vielleicht hättest du einen gefunden, der in weniger verrückte Angelegenheiten
verwickelt ist."
"Bitte sagt nicht so etwas, Mylord." Der Droide klang pikiert. "Ihr
wisst doch, dass mein Vorbesitzer schon zum Tode verurteilt wurde. Wenn ich
einen weiteren Herrn durch eine Todesstrafe verloren hätte..."
"... so etwas spricht sich in Droidenkreisen herum, nicht wahr?" ergänzte
Obi-Nor.
"Es fördert nicht gerade meine Reputation. - Aber als Ihr den Fisch
verspeisen wolltet, habe ich mir Sorgen um Euch gemacht, nicht um mich."
Obi-Nor nickte. "Das weiß ich zu schätzen. Woher wusstest du
eigentlich, dass der Fisch tabu war?"
"Aber Mylord, ich bin Kammerdiener-Droide! Ich beherrsche 6 Millionen Tischkulturen,
nicht gerechnet..."
"Schon gut!" Obi-Nor winkte ab. "Wie konnte ich an deinen Fähigkeiten
zweifeln?"
Femioolas Stimme ertönte über den Bordfunk: "Wir haben die Umlaufbahn
erreicht, Senator."
"Dann wollen wir mal", meinte Obi-Nor und gab einen Code in den Bordcomputer
ein. Sofort ertönte ein durchdringender Alarm, und eine Computerstimme
warnte: "Seitenstabilisatoren defekt, Seitenstabilisatoren defekt."
"Ich werde jetzt das Schiff verlassen, George", sprach Obi-Nor. "Wenn
ich draußen bin, wartest du fünf Minuten, dann drückst du diesen
Knopf. Hast du verstanden?"
"Gewiss, Mylord. Nach fünf Minuten. Aber wollt Ihr wirklich das Schiff
verlassen? Ist es nicht sehr riskant auszusteigen?"
"Natürlich ist es das", schmunzelte Obi-Nor. "Deshalb tue
ich es ja."
Aus dem Orbit betrachtet sah Tera III friedlich aus. Aber
vermutlich wäre dies bei jedem anderen Planeten ebenso der Fall gewesen.
Die Schwerelosigkeit ließ die unendliche Weite des Alls geradezu körperlich
spürbar werden und vermittelte zugleich das Gefühl, über allen
Dingen zu schweben.
Obi-Nor schüttelte den Kopf. Er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen.
Er schwebte keineswegs über allen Dingen, sondern nur über dem Heck
des Raumschiffes. Stirnrunzelnd betrachtete er die Seitenstabilisatoren. Wären
sie wirklich defekt gewesen, er hätte keinen blassen Schimmer gehabt, was
er hätte tun sollen. Zwar hatte er Femioola weisgemacht, dass er in seiner
Anfangszeit als freier Händler - Schmuggler wäre korrekter gewesen
- seinen reparaturanfälligen Frachter eigenhändig instandgehalten
hatte. Doch in Wahrheit hatte er solche technischen Dinge stets anderen überlassen.
GL02 meldete sich auf einem gesicherteten Kanal: "Ich habe den Alarm abgeschaltet,
Mylord."
"Gut, George, ich komme zurück."
Obi-Nor betätigte die Rückstoß-Steuerung seines Raumanzuges
und schwebte zur Raumluke.
"Ich bin an der Luke, Femioola", sprach er in sein Kommlink. "Machen
Sie die Luftschleuse auf."
"Ich fürchte, das kann ich nicht tun, Senator", kam als Antwort
zurück. "Ich kann nicht zulassen, dass Sie meine Pläne durchkreuzen.
Auf Tera III hatten Sie Glück, aber hier oben werden Sie Ihrem Schicksal
nicht entgehen."
"Verdammt, Femioola, Sie waren es, die die Datenbank über die Kroil
manipuliert hat. Ebenso haben sie das sinnlose Ultimatum unten in der Mine absichtlich
angeboten, um meinen Auftrag zu sabotieren. Sie haben mich in die Falle gelockt!"
Die Twi'lek lachte; es war ein raues, aggressives Lachen. "Natürlich
war ich das, Senator. Begreifen Sie doch, die Zeit der diplomatischen Reisen
und endlosen Verhandlungen ist vorbei. Bald weht ein neuer Wind in dieser Republik."
Obi-Nor schnaubte verächtlich. "Wer hat Sie beauftragt, Femioola?
Sie haben nicht das Format, so eine Sache allein durchzuziehen. Wer steckt hinter
diesem Komplott?"
Femioolas Stimme wurde schneidend. "Ich habe mehr Format als Sie ahnen,
Senator. Meinen Sie, ich bleibe ewig Senatsassistentin? Ich habe Größeres
vor. Senator Sel Deeca hat meine Fähigkeiten längst erkannt. Er wird
der neue starke Mann im Senat, glauben Sie mir. Und ich werde mindestens Botschafterin.
Nehmen Sie es nicht persönlich, Senator Gildorian, aber Sie sind mir ganz
einfach im Wege. Leben Sie wohl - und genießen Sie die Aussicht..."
Sie deaktivierte die Verbindung.
Quälend langsam setzte sich das Senatsschiff in Bewegung und ließ
Obi-Nor zurück. Der Rumpf glitt an ihm vorbei. Dann nahm das Schiff Fahrt
auf und entfernte sich.
Obi-Nor war allein.
*
Sie kamen aus dem Nichts. Ein Dutzend schwere
Kreuzer, mehrere Kanonenboote und zuletzt zwei Lazarettschiffe sprangen aus
dem Hyperraum.
"Koordinaten: Sektor 2, Zero Beta, Sir", meldete der Navigationsoffizier.
Admiral Sheard nickte zufrieden. "Gut, wir sind genau in Angriffsposition.
Was immer diese Kroil dort unten haben, unserer Feuerkraft sind sie nicht gewachsen.
Stellen Sie eine Verbindung zur Oberfläche her."
Es dauerte einige Augenblicke, dann erschien das Gesicht eines Kroil auf dem
Sichtschirm.
"Ich bin Erster Botschafter Yrkchsz. Ich protestiere gegen das unerlaubte
Eindringen in den Orbit unseres souveränen Planeten. Ihre Handlung verstößt
eindeutig gegen das dritte Abkommen von Fneg."
"Sparen Sie sich Ihre Floskeln", erwiderte Sheard kalt. Unwillkürlich
musste er sein Gesicht verziehen. Was waren diese Kroil für hässliche
Wesen! Ein Jammer, dass man überhaupt mit solchen Typen verhandeln musste.
"Hören Sie genau zu", fuhr er fort. "Sie haben einen Sonderbotschafter
des Senates festgenommen und damit selbst zahlreiche Abkommen missachtet. Ich
gebe Ihnen genau 30 Minuten Zeit, um uns die Kontrolle über den Planeten
zu übergeben. 30 Minuten, keine Sekunde länger. Habe ich bis dahin
keine positive Nachricht von Ihnen, greifen wir an."
Er machte eine kleine Pause und beugte sich vor. Seine Stimme war jetzt sehr
ruhig und eindringlich.
"Ich sage Ihnen, Botschafter, unsere Feuerkraft übersteigt alles,
was Sie bisher gesehen haben. Unsere Turbolaser verwandeln Ihre Siedlungen in
Feuer und Rauch. Wir legen Ihre Raumhäfen in Schutt und Asche. Ersparen
Sie sich und Ihrem Volk die Orgie aus Chaos, Angst und Schrecken. Geben Sie
auf."
Er deaktivierte die Verbindung und schaute sich auf der Kommandobrücke
um. Seine Leute waren gut ausgebildet und fest entschlossen. Es würde keine
Probleme geben. Natürlich bevorzugten sie eine Kapitulation, das tat er
schließlich auch. Eine Schlacht war immer eine schmutzige Angelegenheit.
Aber Sheard rechnete keine Sekunde damit, dass die Kroil freiwillig aufgaben.
Nein, sie würden kämpfen wollen, ein sinnloses Unterfangen. Es würde
eine kurze Schlacht werden, blutig, grausam, aber kurz und siegreich.
Admiral Sheard lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. In 30 Minuten
würde der Tanz beginnen.
6.
Femioola betrachtete den Sichtschirm mit Genugtuung. Mit
zuehmender Entfernung wurde die Gestalt von Senator Gildorian immer kleiner,
bis sie schließlich zu einem kaum wahrnehmbaren Punkt schrumpfte. Die
Twi'lek schaltete den Schirm ab.
"Wie konnten Sie so etwas nur tun!" Der silberne Droide sprach voller
Empörung. "Dieses schändliche Verbrechen ist einer Diplomatin
absolut unwürdig!"
"Ach, sei ruhig", entgegnete Femioola unwirsch. "So ein Droide
wie du versteht nichts von Politik."
"Aber ich kenne die Strafgesetze der Republik", beharrte GL02. "Ich
werde Meldung machen. Dieser Mordanschlag wird nicht ungesühnt bleiben.
Ich werde Sie anzeigen."
Femioola lachte spöttisch. "Ach ja? Du willst mich anzeigen? Das dürfte
dir kaum gelingen, wenn du erst einmal in irgendeiner Schrottpresse steckst."
Ehe der Droide zurückweichen konnte, betätigte sie mit einer raschen
Bewegung seinen Deaktivierungsschalter zwischen Kopf und Schultern. Aber das
Resultat fiel anders aus als erwartet. Der Droide ließ keineswegs den
Kopf hängen und erstarrte in seinen Bewegungen. Statt dessen sprach er:
"Das hätten Sie jetzt nicht tun dürfen, Senatsassistentin!"
Und wie zur Bestätigung seiner Worte ertönte ein durchdringender Alarm
im Raumschiff. Wieder erklang die emotionslose Computerstimme: "Selbstzerstörungssequenz
aktiviert. Explosion erfolgt in T minus zwei Minuten."
Femioola erstarrte. "Was ist hier los?" flüsterte sie.
"Oh, ich fürchte, mein Deaktivierungsschalter war mit der Selbstzerstörungssequenz
gekoppelt. Es war eine Idee Seiner Lordschaft. Wir haben das schon einmal gemacht,
damals beim Handelsembargo auf..."
"Verdammt!" schrie Femioola und schüttelte den Droiden so heftig,
dass seine Metallteile klapperten. "Stell das ab! Sofort!"
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus
90 Sekunden."
"Oh ja, das könnte ich tun", antwortete der Droide. "Aber
ich sehe nicht ein, warum ich Sie ungestraft davon kommen lassen sollte. Und
wenn ich ohnehin verschrottet werden soll, dann..."
"Du bist wahnsinnig!"
"Ich bedaure, Senatsassistentin, aber Kategorien solcher Art sind bei einem
Droiden fehl am Platz. Allenfalls könnte mein Meister wahnsinnig sein.
Ich persönlich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder Mensch
mit ungewöhnlichen Ideen dem Wahnsinn verfallen ist. Obwohl..."
"Bitte!" Femioola war verzweifelt. "GL02, stell das ab!"
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus
60 Sekunden."
"Ich könnte es tun", erwiderte der Droide. "Wenn Sie im
Gegenzug so freundlich wären und sich mit diesen Handfesseln dort an das
Stahlrohr anketten." Er klappte seine Bauchplatte auf und holte ein Paar
Handfesseln heraus."
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus
45 Sekunden."
"Ich soll mich selbst fesseln?!"
"Gewiss. Der Sicherheitsdienst wird Sie verhören wollen."
Er hielt Femioola die Handfesseln vor das Gesicht.
Die Twi'lek resignierte. Sie nahm die Fesseln und kettete sich selbst an das
Stahlrohr.
Augenblicklich verstummte der Alarm.
"Ich danke Ihnen für die Kooperationsbereitsschaft, Senatsassistentin
Femioola", sprach der Droide mit einer leichten Verbeugung. "Haben
Sie irgendwelche Wünsche? Darf ich Ihnen etwas bringen? Einen K'Feh vielleicht?"
*
Der kleine Frachter näherte sich rasch.
Zunächst nur ein glänzender Punkt, wie ein schimmernder Stern, wuchs
er schnell heran. Es war ein altersschwacher TG 1200. Zu Zeiten des Imperiums
hatte er zu den meistgebrauchten Mittelstrecken-Linienfrachtern gehört,
inzwischen sah man ihn nur noch auf unbedeutenden Handelsverbindungen im Outer
Rim. Dieser spezielle Frachter war auf eine windige Handelsgesellschaft namens
"Minas Cargo" eingetragen. Selbst beim Handelsregister wusste man
nicht, dass Obi-Nor Gildorian die Mehrheitsanteile dieser Firma besaß.
Deshalb war der Frachter die perfekte Tarnung für Yo-Karahs Einsatz im
Tera-System.
Der Frachter verlangsamte seine Fahrt hielt mit geöffneter Luftschleuse
unmittelbar neben Obi-Nor.
"Komm an Bord, Vater", meldete sich Yo-Karah über den Kommunikator.
"Wir haben keine Zeit zu verlieren."
Obi-Nor nahm den Raumhelm ab und ließ
sich auf den Sitz des Co-Piloten fallen.
"Konntest du mein Gespräch mit Femioola aufzeichnen?" fragte
er.
Seine Tochter nickte. "Ich habe es bereits nach Coruscant gesendet. Ein
eindeutiges Schuldeingeständnis der Twi'lek. Leider hat sie Senator Sel
Deeca nicht direkt bezichtigt."
"Ja, das stimmt", bestätigte ihr Vater. "Trotzdem wird Deeca
einiges zu erklären haben. Ich hoffe, Femioola sagt auf Coruscant gegen
ihn aus. Aber erst einmal muss ich meine Mission zu Ende bringen."
"Ich hoffe, dafür ist es noch nicht zu spät". Yo-Karah sah
ihren Vater ernst an. "Die 4. Flotte ist in den Orbit von Tera III eingedrungen,
um nach deinem angeblichen Tod den Konflikt militärisch zu lösen.
Nach der Standardprozedur müsste Admiral Sheard ein kurzes Ultimatum gestellt
haben. Jeden Augenblick kann der Kampf losgehen."
"Hast du die Position der Flotte? - Gut, dann bring uns auf dem schnellsten
Wege zum Senatsschiff."
Yo-Karah startete die Sublicht-Triebwerke. Dann deutete sie auf einen Punkt
auf dem Nav-Schirm. "Wieso hält das Senatsschiff dort seine Position?
Wieso ist Femioola nicht längst im Hyperraum verschwunden?"
Ihr Vater lächelte. "Ich fürchte, sie weiß nicht, wie man
mit Kammerdiener-Droiden umgeht."
GL02 ließ Obi-Nor und seine Tochter
durch die Luftschleuse ein.
"Ich bin froh, dass Ihr wohlbehalten an Bord kommt, Mylord. Oh, Lady Yo-Karah,
es ist mir eine besondere Freude, Euch zu sehen."
"Ganz meinerseits", erwiderte die Jedi. "Aber jetzt lass mich
bitte vorbei, ich muss ins Cockpit."
Obi-Nor schlug seinem Droiden mit der Hand auf die Schulter. "Ausgezeichnete
Arbeit, George. Wie ich sehe, hast du dich gut um Femioola gekümmert."
Die Twi'lek richtete sich trotzig auf. "Spotten Sie nur, Senator. Sie werden
dennoch nicht verhindern können, dass bald ein neuer Wind in der Galaxis
weht."
Obi-Nor zuckte die Achseln. "Ich scheide bald aus der aktiven Politik aus.
Den Weg der Neuen Republik müssen andere bestimmen. Aber Sie, meine liebe
Femioola, werden gewiss nicht dazu gehören."
Er folgte seiner Tochter ins Cockpit. Dort war offenbar eine Diskussion zwischen
ihr und dem Piloten-Droiden im Gang.
"Tut mir Leid, das geht nicht", sagte der Droide. "Ob Sie eine
Jedi sind und Ihr Vater ein Senator, das spielt keine Rolle. Gesetz ist Gesetz."
"Was ist denn los?" wollte Obi-Nor wissen.
Yo-Karah seufzte. "Ich denke, mit einem Mikro-Hyperraumsprung können
wir uns direkt vor das Flaggschiff der Flotte setzen. Wenn Admiral Sheard das
diplomatische Schiff sieht, wird er nicht den Befehl zum Feuern geben."
"Aber ein Hyperraumsprung im Orbit ist verboten, Senator", erklärte
der Droide. "Das habe ich Ihrer Tochter schon gesagt."
Yo-Karah schaute ihren Vater fragend an; der nickte nur.
Kurzerhand zog die Jedi den protestierenden Droiden aus seinem Sitz und ließ
sich selbst dort nieder. Sofort gab sie die Koordinaten in den Nav-Computer
ein.
"Halte dich fest, Vater. Wir springen in 30 Sekunden."
*
"Das Ultimatum ist abgelaufen, Sir".
Admiral Sheard nickte. "Gut, fertig machen zum Feuern. Erste Turbolaser-Salve
von der Ocean Strike und der Galactic Empress. Beginnen Sie den
Countdown bei T minus 30."
"Countdown beginnt, Sir. T minus 30."
Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Raumschiff auf dem Sichtschirm auf.
Sheard kniff die Augen zusammen. "Verdammt, was ist das?"
"ID übermittelt, Sir. Es ist ein diplomatisches Schiff. Ein Kommunikationssignal
kommt herein. Senator Gildorian möchte Sie sprechen."
*
Das lapislazuliblaue Meer erstreckte sich
bis zum Horizont. Mit sanftem Rauschen brachen sich schaumgekrönte Wellen
am weißen Sandstrand. Der stetige Wind bewegte die schlanken Queenspalmen.
Die leicht salzhaltige Luft war frisch und rein.
Obi-Nor nahm einen tiefen Atemzug.
Freiheit. Weite und Freiheit.
Das war das Gefühl, das jeden durchströmte, der Palm Island betrat.
Wie hatte er es nur sechs Monate in der durch und durch künstlichen Atmosphäre
von Coruscant ausgehalten? Hier auf der Holzveranda seines Privathauses auf
der kleinen Insel im südlichen Ozean des Planeten Trexx erschien der Irrsinn
der gigantischen Wohntürme wie ein Echo aus einer fernen, unwirklichen
Welt. Und mit ihm auch die Erinnerung an Debatten und politische Intrigen.
Obi-Nor riss sich vom Anblick des Meeres los und wandte sich Stella Likori und
Yo-Karah Mal'Wan zu, die es sich auf der Veranda bequem gemacht hatten.
"Es ist richtig so", sagte er. "Heute endet meine Amtszeit als
Senator, und ich bin froh darüber. Hier gehöre ich hin. Außerdem
bin ich Händler, Stella, kein Politiker."
Die Angesprochene grinste. "Ich will dich nicht aller Illusionen berauben,
Obi-Nor. Aber die Angestellten meinen, sie müssten den Laden sowieso die
meiste Zeit ohne dich managen, weil - wörtlich - 'sich der Herr Direktor
ständig in irgendwelche Abenteuer verwickeln lässt anstatt die Firma
zu leiten'. Hab ich letzte Woche mit eigenen Ohren gehört."
Obi-Nor zuckte mit den Achseln. "Na und? Das ist doch ein Zeichen für
gelungene Delegation. Dann lege ich mich eben hier in die Hängematte, während
die Angestellten den Laden managen..."
Yo-Karah räusperte sich. "Das könnt ihr später ausdiskutieren.
Mich würde interessieren, wie sich die Dinge auf Tera III entwickeln."
"Oh, Stiv Bodiga macht das sehr gut", antwortete Obi-Nor und gab GL02
einen Wink. Der Droide goss ihm etwas Eistee ein. "Nachdem die Kroil erst
einmal bereit waren, Verhandlungen aufzunehmen, konnte ich ihm beruhigt das
Feld überlassen. Er wird im Senat Karriere machen, gar keine Frage."
"War es nicht etwas gewagt, den Kroil eine Produktivitätssteigerung
von 25 % zu garantieren, wenn sie die S'torgh aus der Sklaverei entlassen?"
hakte seine Tochter nach.
"Ich denke nicht", entgegnete Obi-Nor. "25% Prozent sind fast
ein wenig zu niedrig gegriffen."
"Außerdem müssen die Kroil die Sklaverei ohnehin abschaffen,
wenn sie vollwertiges Mitglied der Neuen Republik werden wollen", warf
Stella ein. "Aber zurück zu Bodiga. Ich habe mich gefragt, warum du
den armen Kerl beim Bankett den Kroil überlassen hast, wenn du dir doch
sicher warst, dass Femioola die Datenbank manipuliert hatte."
"Weil er ihn schützen wollte - nicht wahr, Vater?" warf Yo-Karah
ein. "Femioola hätte nicht gezögert, auch Bodiga zu beseitigen.
Schade, sie hatte Talent. Aus ihr hätte wirklich etwas werden können."
Die Jedi ignorierte eine verächtliche Bemerkung von Stella Likori. "Aber
nun wird sie die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen müssen.
Ich bin gespannt, ob sie gegen Senator Sel Deeca aussagt."
"Nicht nur du", antwortete Obi-Nor. "Ich erwarte jeden Augenblick
eine Nachricht von Coruscant."
Wie zur Bestätigung piepte der Kommunikator.
GL02 aktivierte die Verbindung. "Mylord, Senator Byrd für Sie. Ich
leite es auf den Holoprojektor um."
Der weißhaarige Kopf von Senator Byrd erschien über dem Projektor.
"Gratulation Gildorian! Was Sie auf Tera III geleistet haben, war wirklich
ausgezeichnet. Der arme Sel Deeca ist nicht so begeistert von Ihnen. Femioola
plaudert wie ein Wasserfall. Deeca muss mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen.
Nicht, dass ich darüber traurig wäre."
"Mir geht es nicht anders", erwiderte Obi-Nor. "Aber Deeca ist
nur der Kopf einer ganzen Gruppe von Senatoren, die aus der Neuen Republik ein
zweites Imperium machen wollen und dabei über Leichen gehen."
"Ich weiß, Gildorian, ich weiß. Aber wenn Deeca aus dem Verkehr
gezogen ist, ist das schon mal ein Anfang. - Ach ja, fast hätte ich es
vergessen: Das Senatspräsidium dankt Ihnen ganz ausdrücklich für
Ihre geleisteten Dienste. Sie haben den Senat ja ganz schön aufgemischt,
was? Nun, das Präsidium möchte Sie zum Ehrensenator auf Lebenszeit
ernennen. Sie nehmen doch an, oder?"
Obi-Nor verbeugte sich. "Das ist eine große Ehre", sprach er
mit ernster Stimme. "Ich hoffe, ich werde mich dieser Auszeichnung als
würdig erweisen."
Erst als die Verbindung nach Coruscant beendet war, gestattete er sich ein Lächeln.
Eigentlich war es nicht nur ein Lächeln.
Der ehrenwerte Senator Gildorian grinste wie ein satter Kater.
Obi-Nor