Eine diplomatische Lösung

Eine Geschichte aus dem Star-Wars-Universum

Ich widme diese kleine Story Senator Robert C. Byrd aus West Virginia. 1917 geboren und 1958 zum ersten Mal in den US-Senat gewählt, ist er eines der ältesten und profiliertesten Mitglieder der amerikanischen Kongresses. Zugleich ist er einer der schärfsten Kritiker der Re-Militarisierung der amerikanischen Politik unter Präsident George W. Bush. Senator Byrd möge es mir nachsehen, dass ich seine Wirkungsstätte von Washington nach Coruscant verlegt habe...
Obi-Nor

Prolog


Tag für Tag der gleiche Dreck.
Tag für Tag der gleiche Schmerz.
Tag für Tag die gleiche Demütigung.
Das ist es, dachte N'Gorrkh. Das ist mein Leben: Dreck, Schmerz, Demütigung.

Tag für Tag der gleiche Dreck.
Staub wirbelte auf, als N'Gorrkh zur Rückwand der großen Höhle flog. Dicker, schwarzer Siltium-Staub, der sich in seine Poren setzte, seine Augenlider verklebte, in seine Lungen drang. N'Gorrkh zwang sich, nicht auf das rasselnde Geräusch seines Atems zu achten. Er ignorierte den beißenden Hustenreiz in der Brust und schob den Gedanken an seine schmutzige, von Siltium-Partikeln bedeckte Lederhaut beiseite.
Siltium! Reichtum des Planeten Tera III, Kleinod der Minengilde, Objekt der Begierde auf allen Handelsbörsen.
Und Fluch der S'torgh.
N'Gorrkh erreichte die Stelle, die er anvisiert hatte. Ja, sein Auge hatte ihn nicht getäuscht. Obwohl ihm die dichten Staubschwaden beinahe den Atem raubten, verzog er seinen Mund zu einem Lächeln. Da war es, tief in der Sicrit-Schicht verborgen: ein einzelner, rot leuchtender Siltium-Kristall. Nur ein ausgewachsener S'torgh hatte die Fähigkeit, die in Tonnen von Sicrit-Gestein verborgenen seltenen Energiekristalle aufzuspüren. Aufgrund ihrer einzigartigen Fähigkeit, Dichte, Spektralfarben und Temperaturschwankungen von festen Körpern wahrzunehmen, leisteten die S'torgh selbst noch in den tiefsten Minen von Tera III, wo modernste Sensoren versagten, ganze Arbeit. Keine andere Spezies im Universum wäre in der Lage, Siltium unter diesen Bedingungen abzubauen. Schon gar nicht, und N'Gorrkh verzog bei diesem Gedanken verächtlich seinen Mund, diese Kroils.
Doch N'Gorrkh konnte es sich nicht leisten, über die Fähigkeiten seiner Spezies zu sinnieren. Es galt, den Kristall zu bergen, und er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er vor Ende der Schicht fertig werden. Beständig mit den Flügeln schlagend, um sich in der richtigen Position zu halten, holte er den Laser-Bohrer aus seiner Werzeugtasche. Er musste vorsichtig zu Werke gehen. Nur ein einziger Kratzer, und der Siltium-Kristall würde seine Energiespeicher-Funktion verlieren. Er wäre dann genauso wertlos wie der Siltium-Quarz, der massenhaft aus den Minen geholt und zu drittklassigem Baumaterial gepresst wurde.
Der Laserstrahl fraß sich immer näher an den Kristall heran. N'Gorrkh hatte keinen Zweifel, dass er den Stein unversehrt bergen würde. Seit Jahren schon hatte er unter allen 3000 Minenarbeitern die besten Förderquoten. Schon bald würde er einen Stein vom Wert eines mittleren Speeder-Bikes geborgen haben.

Tag für Tag der gleiche Schmerz.
N'Gorrkh schlug die Doppelreihen seiner Zähne aufeinander. Wie eine heiße Woge durchflutete der Schmerz seinen Körper. Sein Puls raste. Für einen Augenblick geriet er ins Trudeln und prallte gegen die Höhlenwand. Das zischende Geräusch verriet ihm, dass ein Teil der Lederhaut seiner Handfläche verbrannt war. Und für einen Moment war er froh, dass er schon vor langer Zeit seinen Geruchssinn in den Tiefen der Minen verloren hatte. Er fing sich wieder und stopfte den Kristall in seine Gürteltasche. Dann flog er mit raschem Flügelschlag Richtung Sammelstelle am Fuß des Minenschachtes.
Ich verbrenne bei lebendigem Leib, dachte er bitter. Stück für Stück. Jeden Tag aufs Neue.
Natürlich wuchs die Lederhaut wieder nach. Äußerlich blieb von einem Arbeitstag nicht einmal eine Narbe auf der Handfläche zurück. Aber die inneren Narben wurden immer größer. Jedes Mal, wenn er einen Siltium-Kristall in die Hand nehmen musste, war es ihm, als verbrenne erneut ein Stück seines Stolzes.
Die Aufseher lachten nur über die Beschwerden der S'torgh-Arbeiter. Verbrennungen? Die Haut wächst nach! Gesundheitsgefährdung? Die Minen sind kein Vergnügungspark! Unfälle? Passt gefälligst besser auf!
N'Gorrkh hatte einmal von einem Piloten gehört, dass einige humanoide Kulturen ihr Vieh mit Verbrennungen kennzeichneten. Bestimmte eingebrannte Zeichen zeigten den Besitzer einer Herde an, und nur das Vieh, das kein Zeichen hatte, war frei.
Vieh! Wir S'torgh sind das Vieh der Kroil! dachte N'Gorrkh. Seit Generationen behandeln sie uns wie Tiere! N'Gorrkh wusste, früher einmal waren die S'torghs frei gewesen. Sie hatten ihre eigenen Clan-Fürsten, ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Wohnstätten gehabt. Doch das war lange her. Jetzt waren sie Sklaven der Kroils. Einige von ihnen durften auf der Planetenoberfläche leben. Sie dienten ihren Kroil-Herren, hatten leichte Arbeit zu bewältigen und konnten Nachwuchs bekommen. Nachwuchs, der wichtig war, damit die Minen immer genügend Arbeiterinnen und Arbeiter hatten. Denn hier unten in den Minen, da lebte der Großteil ihres Volkes, ausgebeutet, unterdrückt. Und nur wenige von ihnen waren in der Lage, Eier auszubrüten.
N'Gorrkh dachte an seine Brutpartnerin R'Minu. Wenn sie doch endlich Nachwuchs bekommen könnten! Dann würde ihnen die Erlaubnis erteilt, an die Oberfläche zurückzukehren, um ihre Kinder dort aufzuziehen. R'Minu hatte oft gesagt, dass sie auch dann nur Sklaven der Kroil wären. Denn ihre Kinder würden irgendwann ebenfalls in die Minen geschickt werden. Sie hatte oft von Revolution geredet, davon, dass die S'torgh das Joch der Herrschaft abstreifen sollten. Unter den S'torghs hatte sie damit viel Unruhe gestiftet. Ihr Volk glich einem Fass voller Thermo-Detonatoren, in das man nur einen Blaster abfeuern musste, um eine gewaltige Explosion auszulösen. Doch was konnte man denn schon gegen die Kroil ausrichten?

Tag für Tag die gleiche Demütigung.
Nach einiger Zeit erreichte N'Gorrkh die Sammelstation. Die Luft war hier besser als in den Abbaugebieten. Immerhin hatte sich die Minenverwaltung dazu herabgelassen, eine Frischluftanlage einzubauen. So hatten die Sortiererinnen, zu denen auch R'Minu gehörte, wenigstens saubere Luft zum Atmen.
R'Minus Anblick gab N'Gorrkh einen Stich ins Herz. Ihre Augen waren blau gerändert, als sie von ihrem Arbeitsplatz an der Sortiermaschine aufblickte. Ohne seinen Kristall abzugeben, drängelte sich N'Gorrkh an den anderen Arbeitern vorbei und flog zu ihr hinüber.
"Was..." wollte er fragen, doch R'Minu schüttelte nur den Kopf.
N'Gorrkh landete neben ihr. "Es tut mir Leid", flüsterte er. "Vielleicht können wir doch noch... irgendwann... später..."
Er brach ab. Nein, es war sinnlos, sich etwas vorzumachen. R'Minu würde keinen Nachwuchs bekommen. Weder jetzt noch später. Nie mehr. Zum wievielten Male schon hatte sie ein unbefruchtetes Ei gelegt? Oder ein Ei ohne Schale? Er hatte aufgegeben, es zu zählen.
"Es tut mir Leid", flüsterte er erneut.
"Mir tut es auch Leid", antwortete sie. "Aber es ist nicht unsere Schuld. Nicht meine und nicht deine."
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Und mit fester, lauter Stimme sprach sie: "Nein, es ist nicht unsere Schuld, dass wir keinen Nachwuchs bekommen können. Die Arbeitsbedingungen sind Schuld! In diesem Dreck, bei dieser Ernährung ist es kein Wunder, dass wir unfruchtbar werden. - Nein, weicht nicht zurück! Kommt her!"
Zwei Arbeiterinnen hatten aus Verlegenheit ihre Flügel einzogen und waren einige Schritte zurückgetreten. Jetzt kamen sie zaghaft wieder heran.
"Kommt her! Alle!" rief R'Minu mit lauter Stimme.
Die Arbeiter, die sich um die Sammelstelle gedrängt hatten, flogen herbei.
R'Minu schaute auffordernd in die Runde. "Wie lange noch sollen wir uns diese Unterdrückung bieten lassen? Für was schuften wir hier? Für wen? Sehen wir etwas von dem Reichtum, den die Kroils einstecken? Nein! Haben wir etwas von der Freiheit, die die Minengilde mit diesen Energiekristallen erkämpft? Nein! Wollen wir uns noch weiter wie willenloses Vieh hier unten in den Minen einsperren lassen? Nein!"
"Nein!" stimmten mehrere S'torghs mit ein.
N'Gorrkh schaute seine Brutpartnerin mit stolzer Miene an. Das war die R'Minu, die er kannte und in die er sich verliebt hatte!
"Bin ich denn die einzige hier, die keinen Nachwuchs mehr bekommen kann?" fuhr R'Minu fort. "R'Saalu, geht es dir nicht genau so? Und N'Rozh, hast du mit deiner Brutpartnerin etwa Nachwuchs? Seht ihr denn nicht, dass wir S'torghs unsere Freiheit brauchen, um zu leben und uns zu entfalten?"
"R'Minu hat Recht!" rief eine Arbeiterin in die Runde.
"Wir dürfen keine Sklaven sein!" ergänzte eine zweite.
"Hört auf, solche Reden zu schwingen", warnte eine Stimme aus der Menge. "Die Aufseher können alles auf HoloVid mitverfolgen!"
"Sollen Sie doch!" entgegnete N'Gorrkh. R'Minus Rede hatte ihn aufgestachelt. "Wisst ihr nicht, dass alle S'torghs noch vor 200 Jahren frei waren? Erst nach dem Großen Planetenkrieg haben uns die Kroils unterdrückt. Aber wollen wir auf ewig Sklaven dieser Echsen sein?"
"Nein!" schallte ein vielstimmiger Chor durch den Schacht. "Nein, wir wollen frei sein!"
Für einige Minuten riefen alle durcheinander. N'Gorrkh schätzte ihre Gruppe auf mindestens 45 Arbeiterinnen und Arbeiter. Alle flatterten aufgeregt umher und diskutierten wild gestikulierend.
"Streik!"
R'Minus Stimme brachte alle augenblicklich zum Schweigen.
"Streik!" wiederholte sie. "Wir haben doch alle Trümpfe in der Hand. Wenn wir streiken, entziehen wir den Kroils ihre wirtschaftliche Grundlage!"
"Streik!" echote die Versammlung.
"Wenn wir streiken", fuhr R'Minu fort, "dann diktieren wir die Bedingungen des Siltium-Abbaus! Wenn wir strei-"
R'Minus Stimme erstarb mitten im Wort. Ihre Augen weit aufgerissen, taumelte sie einige Schritte nach vorn. Hilflos streckte sie die Hände nach N'Gorrkh aus, doch sie griff ins Leere. Dann brach sie lautlos zusammen. Aus ihrem Rücken ragte der gefiederte Schaft eines Saberdarts.
Ein zischendes Lachen ertönte aus dem Halbdunkel des Schachts. Dann trat ein Kroil-Aufseher in den Lichtkreis. Die Storghs wichen erschreckt zurück. Mit seiner Körpergröße von 2,1 Standardmetern überragte sie der Kroil um mehr als 60 Zentimeter. Messerscharfe Krallen an Händen und Füßen, dolchartige Zähne im langen Maul, ein mit Hornstacheln bewehrter Schwanz und nicht zuletzt die stahlharte Schuppenpanzerung machten den Echsoiden zu einer wandelnden Kampfmachine. Tödlicher aber noch war die Saberdart-Armbrust, die er im Anschlag hielt.
"Nun, noch jemand Lust auf Streik?" zischte er höhnisch. "Noch jemand, der tot im Staub liegen will?"
Lähmendes Entsetzen senkte sich über die S'torghs. Wer wollte schon wagen, einen Aufseher anzugreifen?
N'Gorrkh war wie erstarrt. Er blickte auf R'Minus Körper, unfähig zu begreifen, was er sah. Warum stand sie nicht auf? Warum erhob sie sich nicht, um den Streik anzuführen? Warum...
Langsam dämmerte ihm die Erkenntnis, dass R'Minu sich nie mehr erheben würde.
"Nun, ist der Streik schon vorbei?" zischte der Aufseher. "Kommt schon, ich habe noch mehr Pfeile. Wer will noch das Gift der Saberdarts schmecken?"
N'Gorrkh hob langsam den Kopf. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt. Ohne recht zu wissen, was er tat, glitt seine Hand in die Gürteltasche. Er spürte nicht den beißenden Schmerz, als er den Kristall umfasste. Langsam, wie in Trance zog er die Hand aus der Tasche.
"Also, wenn ihr nicht mehr streiken wollt, will ich mal ein Auge zudrücken", höhnte der Kroil. "Ihr bekommt eine Woche lang halbe Verpflegungsrationen, damit ist die Sache vergessen."
Er riss das Maul auf, um lauthals zu lachen, und N'Gorrkh warf den Kristall mit aller Kraft.
Scheppernd fiel die Saber-Armbrust zu Boden. Mit einem markdurchdringenden Geheul fasste sich der Kroil an das Maul, auf den Kopf, an die Kehle. Blind rannte er einige Schritte, lief vor die Wand, riss einen Sortiertisch zu Boden, wand sich zuckend auf der Erde.
Dann war er tot. Eine dünne, sich kräuselnde Rauchfahne entwich seinem geöffneten Maul und zeugte von den inneren Verbrennungen, die der Siltium-Kristall verursacht hatte.

Einige Augenblicke passierte gar nichts.
Dann brach das Chaos aus.
"Streik! Streik!" überschlugen sich die Stimmen. Triumphierend reckten die S'torghs die Fäuste in die Höhe. Viele deckten sich mit den Kristallen ein, die sie zuvor in den Sammelbehältern abgegeben hatten.
N'Gorrkh bekam davon kaum etwas mit. Er kauerte sich neben R'Minus Leichnam und nahm seine tote Brutpartnerin in die Arme.
"R'Minu, Liebes! Warum du?" fragte er verzweifelt. "Warum du?"
Tränen liefen über seine Wange.
Lange saß er da, allein mit seinem Schmerz und seiner leblosen Partnerin.
Dann, ganz langsam, mischte sich ein Hoffnungsfunke in seine Trauer.
Und N'Gorkh dämmerte, dass R'Minu im Tod ihr Ziel endlich erreicht hatte:
Revolution.

 

1.

Senator Sel Deeca hielt den kunstvoll geschliffenen Glaspokal prüfend gegen das Licht. Der Wein hatte die Farbe eines dunkelrot funkelnden Rubins. Deeca führte den Pokal mit leichten kreisenden Bewegungen unter die Nase. Das samtene Aroma war durchmischt mit einem hauchzarten Eichenton, genau so, wie es der Senator liebte. Er nahm einen Schluck und stellte den Pokal mit einem zufriedenen Nicken auf den Onyx-Tisch.
"Köstlich, mein lieber Muroo. Exzellent. Ich wundere mich, dass ausgerechnet Sie diese erlesenen Tropfen immer wieder auftreiben." Nur die Andeutung eines Lächelns umspielte seine Lippen bei dieser Bemerkung. Natürlich hätte sein Gegenüber darin eine unhöfliche Anspielung auf seine Spezies sehen können. Denn Senator Tol Muroo war ein Kaldianer. Diese Humanoiden mochten viele Talente und Fähigkeiten haben, eine nach menschlichen Maßstäben gehobene Tischkultur gehörte nicht dazu.
Doch Deecas Gast hatte im Moment andere Sorgen als sich über menschliche Arroganz zu ärgern.
"Lassen wir das Geplauder, Deeca", meinte er ungeduldig. Seine sonst blassblaue Haut nahm den dunklen Ton des corellianischen Nachthimmels an. Nervös griffen seine zwölf Finger ineinander.
"Sie wissen genau, warum ich hier bin", fuhr Muroo fort. "Die Minengilde sitzt mir im Nacken. Wenn die Siltium-Krise noch länger dauert, bin ich die längste Zeit Vorsitzender des Bergbau-Ausschusses gewesen."
Sel Deeca lächelte. "Kommen Sie, Muroo, Energiekrisen gibt es immer wieder. Niemand wird Sie deswegen abwählen."
"Sie unterschätzen die Situation, Deeca." Muroo stand auf und ging zum Transparistahlfenster, das beinahe die gesamte Breite des Büros einnahm. Er deutete auf den schier endlosen Strom von Shuttles, Orbitalgleitern und Speedern, der sich zwischen den Büro- und Wohntürmen Coruscants dahinzog.
"Wissen Sie, wie viele von diesen Gleitern inzwischen mit Siltium angetrieben werden, Deeca? - Ich will es Ihnen sagen", fuhr er fort, als sein Amtskollege keine Anstalten machte zu antworten. "Hier auf Coruscant sind es über zehn Prozent. Tendenz steigend. In drei, maximal vier Jahren werden es 25 Prozent sein. Und in der nächsten Dekade wird die Hälfte der Orbitalgleiter auf Niedrigenergieantrieb umgestellt sein."
Muroo kehrte zurück auf seinen Platz und ließ sich in den Formsteinsessel fallen.
"Begreifen Sie doch, Deeca, Siltium ist der Rohstoff der Zukunft. In der gesamten Galaxis gibt es nur ein halbes Dutzend bekannter Abbaufelder. Wir können es uns nicht leisten, dass Tera III nicht mehr liefert. Die Kombination aus Preisbindung und Liefermengengarantie schnürt der Minengilde den Hals zu. Die anderen Produktionsstätten können den Ausfall von Tera III nicht kompensieren. Die Gilde steht kurz vor dem Ruin."
Er beugte sich vor und schaute Sel Deeca eindringlich an. "Der Senat muss eingreifen. Wir müssen den Aufruhr auf Tera III beenden."
Sel Deeca erwiderte seinen Blick mit kühler Miene. "Das Preis-Mengen-Abkommen war Ihre Idee, Deeca. Keine gute, wie sich jetzt herausstellt. Sie wollen also, dass der Senat einen persönlichen Fehler von Ihnen ausbügelt?"
Muroo wollte aufbrausen, doch Deeca hob beschwichtigend die Hand.
"Regen Sie sich nicht gleich auf. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen will. Im Gegenteil: Ich denke, wir können uns gegenseitig von Nutzen sein."
"Wie meinen Sie das?" fragte Muroo interessiert. "Wenn ich im Gegenzug etwas für Sie tun kann, müssen Sie es nur sagen."
"Das können Sie, mein Freund, das können Sie. Nächsten Monat bringe ich die Resolution zur Umgestaltung der republikanischen Flotte ein. Wie Sie wissen, ist der Ausgang der Abstimmung noch völlig offen. Ich glaube, unsere Anliegen passen sehr gut zusammen."
"Wie meinen Sie das?" wiederholte Tol Muroo verständnislos. "Was hat der Flottenumbau mit Siltium-Kristallen zu tun?"
"Mit Siltium nichts", entgegnete Sel Deeca. "Aber sehr viel mit dem Aufstand auf Tera III."
Er legte die Fingerspitzen ineinander und fixierte sein Gegenüber.
"Wissen Sie, Muroo, wir beide sind in einer Zeit groß geworden, als sich zwei Militärblöcke gegenüber standen. Auf der einen Seite das Imperium, auf der anderen die Rebellen, später dann die Neue Republik. Aber diese Zeit ist längst vorbei. Wir brauchen keine Riesenflotte mehr, um einen einzigen Gegner zu bekämpfen. Statt dessen gibt es eine Vielzahl kleinerer lokaler und regionaler Konflikte. Kleine Brandherde, die sich aber rasch zu einem Flächenbrand ausdehnen können. Der gesamte Militärapparat ist viel zu unbeweglich geworden. Wir brauchen kleine, schnelle Einheiten, flexible Eingreiftruppen, die jeden Schwelbrand im Keim ersticken, wenn nötig mit einem gezielten Erstschlag. Kurzum: Die Flotte muss für die innere Sicherung der Republik gerüstet sein."
"In der Konsequenz heißt das, Sie wollen Krieg als Mittel der Innenpolitik der Republik einführen!" warf Muroo ein.
"Selbstverständlich will ich das", gab Deeca zurück. "Aber ich rede hier von begrenzten lokalen Kriegen, die nur das Ziel haben, das große Ganze, die Republik, auf dem Weg des Wohlstands und des Friedens zu halten. Und Tera III, mein Freund, wird das Paradebeispiel dafür sein. Gelingt es uns, mit Hilfe der Flotte den Aufstand niederzuschlagen und die Siltium-Mine vielleicht sogar unter die direkte Kontrolle der Republik zu bringen, dann wird sich das auf die Abstimmung sehr positiv auswirken. - Im übrigen sollten wir nicht von 'Krieg' reden. Dieses Wort ist so hässlich und schmutzig. Reden wir lieber von 'aggressiven Verhandlungen', das klingt gleich sehr viel besser."
Zum ersten Mal während ihres Gespräches gönnte sich Tol Muroo ein Grinsen. "Wenn Sie das hinkriegen, Deeca, dann haben Sie meine Stimme."
Sel Deeca nahm diese Absichtserklärung mit einem befriedigten Nicken zur Kenntnis. Doch dann wurde er plötzlich ernst.
"Es gibt freilich ein Problem", gab er zu bedenken. "Die Regierung von Tera III hat den Senat um diplomatische Vermittlung angerufen. Die Flotte kann daher erst eingreifen, wenn die diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind."
"Oh, wenn das so ist, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass die Diplomatie fehl schlägt", entgegnete Tol Muroo. Der Kaldianer hatte längst Feuer gefangen. "Wir müssen nur die Delegation richtig zusammenstellen, dann wird die Vermittlung scheitern."
"Hm, ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen", nickte Sel Deeca. "Wie damals auf Aldar V, stimmts? Ja, das könnte klappen. Ich habe auch schon eine Idee, wer die Delegation anführen könnte. Ein Senator, der seinen Planeten nur kommissarisch vertritt. Seine Amtszeit läuft in drei Wochen aus. Tera III wäre ein guter Schlusspunkt für seine kurze Karriere."

*

"Ihr seht ein wenig missmutig aus, Mylord, wenn Ihr mir diese persönliche Bemerkung gestattet."
Obi-Nor Gildorian wandte sich seinem Kammerdiener-Droiden GL02 zu. "Missmutig? Vielleicht. Ja, du hast Recht. Weißt du, George, jetzt da es Zeit ist zu gehen, will ich gar nicht weg."
"Aber freut Ihr Euch denn nicht, nach Trexx zurückzukehren? Ihr habt doch immer davon gesprochen, dass Ihr so bald wie möglich Coruscant verlassen wollt."
Obi-Nor lächelte. "Langsam müsstest du dich doch an die Widersprüchlichkeit menschlicher Gefühle gewöhnt haben, George. Mir geht es nicht um das hier." Er wies mit einer ausholenden Geste auf sein geräumiges, luxuriös eingerichtetes Senatorenbüro. "Ich kann auch gut auf die Auswahl von 1138 Weinstuben im Diplomatenviertel verzichten. Und diese endlose Ausschuss-Sitzungen hängen mir ohnehin zum Hals heraus. Ja, George, ich will wieder nach Trexx. Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Heimatplaneten derart vermissen würde. Von Palm Island gar nicht zu reden."
"Gewiss, Mylord, aber ich verstehe nicht ganz..."
Obi-Nor lehnte sich in seinem bequemen Repulsorledersessel zurück und lachte. "Eitelkeit, George. Menschliche Eitelkeit, weiter nichts. In drei Wochen bin ich nichts weiter als ein freier Händler. Ein erfolgreicher, keine Frage. Aber eben nur ein Geschäftsmann mit zwielichtiger Schmuggler-Vergangenheit. Das letzte halbe Jahr aber war ich Senator der Neuen Republik. Verstehst du George? Das werde ich vermissen."
"Ja, jetzt weiß ich, was Ihr meint. Aber es gibt eine Möglichkeit, auf Trexx zu bleiben und dennoch den Senatorenstatus nicht zu verlieren. Ihr könntet wie Han Solo Ehrensenator auf Lebenszeit werden..."
Obi-Nors Lachen unterbrach den Droiden. "Vergiss es, George! Han war der Held der Rebellion. Diese Schuhe sind ein paar Nummern zu groß für mich."
"Ihr habt immerhin Coruscant vor einem halben Jahr vor einer Katastrophe bewahrt. Das ist doch auch der Grund gewesen, warum man Euch jetzt mit dieser heiklen Mission betraut hat, oder nicht?"
"Oh je, die Mission!" Obi-Nors Miene verdüsterte sich. Eigentlich hatte er vorgehabt, die letzten Wochen auf Coruscant noch ein wenig zu genießen. Seine Partnerin Stella Likori war bereits nach Trexx zurückgekehrt, um die Leitung ihrer gemeinsamen Handelsgesellschaft wieder zu übernehmen. Eine gute Gelegenheit, mit Han Solo und ein paar anderen Freunden einige der 1138 Weinstuben im Senatskomplex unsicher zu machen. Aber daraus wurde jetzt nichts mehr. Anstatt die Beine hochzulegen musste er sich um einen Arbeiteraufstand im Outer Rim kümmern. Obi-Nor gab sich nicht der Illusionen hin, dass er wegen früherer Heldentaten zum Sondergesandten ernannt worden war. Die Situation auf Tera III galt allgemein als aussichtslos verfahren. Das wahrscheinliche Scheitern des Vermittlungsversuchs würde dem Ansehen des Senats weniger schaden, wenn es ein Neuling war, der auf seiner diplomatischen Mission versagte. Nur deshalb, war sich Obi-Nor sicher, hatte man ihn ausgewählt. Einer der älteren menschlichen Senatoren, Robert Byrd von Corellia, hatte Obi-Nor eindringlich gewarnt, sich als Bauernopfer missbrauchen zu lassen, aber damit hatte er den eigensinnigen Händler erst recht dazu gebracht, die Herausforderung anzunehmen.
'Wie Sie meinen, Gildorian', hatte der alte Corellianer gesagt. 'Aber passen Sie auf sich auf. Es gibt im Senat Aasgeier, die nur darauf warten, dass unsere diplomatischen Instrumente versagen und sie alle Konflikte mit Gewalt lösen können.'
Obi-Nor hatte sich Byrds Worte zu Herzen genommen. Sollte er auf einer aussichtslosen Mission verheizt werden? Nun, es wäre nicht die erste brenzlige Situation, in die er geriet...

Das durchdringende Piepen des KommLink riss Obi-Nor aus seinen Gedanken. Auf seinen Wink aktivierte GL02 die Verbindung. Die Luft über dem HoloProjektor flackerte, dann baute sich das Bild Stella Likoris auf. Ihr Gesicht drückte Sorge und Unmut aus. Über ihrer Nase war deutlich eine senkrechte Stirnfalte zu sehen. Wie immer kam sie sofort zur Sache.
"Was höre ich da? Du musst nach Tera III? Konntet der Senat keinen anderen finden? Oder hast du dich etwa freiwillig gemeldet?"
"Aber Stella, ich bitte dich! Meinst du, ich bin scharf darauf, meine letzten Amtswochen im Outer Rim zu verbringen? Ich bin gebeten worden, und ich wollte mich nicht vor der Verantwortung drücken."
Stella nickte entschlossen. "Gut, wie du meinst. Ich kann übermorgen im Tera-System sein."
"Nein, nicht doch!" Obi-Nor hob abwehrend die Hände. "Du hast auf Palm Island genug zu tun. Diesmal komme ich allein zurecht, glaub mir."
Stellas Stirnfalte vertiefte sich. "Das gefällt mir nicht, Obi-Nor. Es gibt genügend erfahrene Krisenmanager im diplomatischen Dienst. Warum hat man nicht einen von ihnen beauftragt? Oder den Jedi-Orden eingeschaltet? Die Sache stinkt doch!"
"Nun stell mal nicht meine Fähigkeiten in Frage!" erwiderte Obi-Nor mit gespielter Empörung. Dann seufzte er. "Du hast natürlich Recht, Stella. Die Sache ist faul. Deshalb werde ich möglichst wenige Personen in diese Angelegenheit mit reinziehen. Außer George werden mich lediglich die Senatsassistenten Stiv Bodiga und Femioola begleiten."
"Was?! Femioola? Diese Twi'lek-Schlampe nimmst du mit? Bist du noch bei Trost?" Stellas Augen blitzten zornig. "Diese so genannte Diplomatin hat sich ihre Karriere in fremden Betten erarbeitet. Die willst du mitnehmen?"
"Nun sei nicht kindisch, Stella, Femioola ist nun einmal stellvertretende Wirtschaftskommissarin für das Outer Rim. Es wäre ein Affront gewesen, diese Abteilung zu übergehen. Ebenso wie den Bergbauausschuss, dessen Sekretär Stiv Bodiga ist. - Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?"
Stella holte tief Luft für eine scharfe Erwiderung. Doch dann löste sich ihre Spannung in einem befreienden Lachen. "Eifersüchtig? Nein, Obi-Nor. In dieser Hinsicht bin ich nicht beunruhigt. Femioola hat sich immer nur mit jungen, attraktiven Menschen eingelassen - oder mit Leuten, die für ihre weitere Karriere nützlich sein konnten. Und zur zweiten Kategorie gehörst du nicht, da du in drei Wochen aus dem Senat ausscheidest."
Obi-Nor grinste. "Und zur ersten Kategorie habe ich vielleicht vor 20 Jahren mal gehört - das wolltest du mir doch zu verstehen geben, oder?"
Stella lächelte. "Die Antwort gebe ich dir, wenn du nach Hause kommst." Und mit ernsterer Miene fügte sie hinzu: "Pass auf dich auf, Obi-Nor, hörst du? Du hast doch Vorkehrungen für deine Sicherheit getroffen?"
Obi-Nor nickte. "Natürlich habe ich das, Stella. Du kennst mich doch."

 

2.

"Wir erreichen in Kürze das Tera-System", meldete sich die schnarrende Stimme des Piloten-Droiden. "Hyperraumaustritt in T minus 10 Minuten."
Obi-Nor wandte den Blick von seinem Datapad, unterdrückte ein Gähnen und rieb sich die Augen. Seit Stunden schon durchforstete er mit seinen Begleitern die Datenbank der Senatsbibliothek nach nützlichen Informationen über Tera III.
"Was Neues über die S'torgh, Femioola?" wollte er wissen.
"Nicht viel mehr als vorhin, Senator", erwiderte die Senatsassistentin. "Aber immerhin habe ich jetzt einigen Einblick in die Geschichte des Volkes. Die S'torgh waren die ursprünglichen Bewohner von Tera III. Anscheinend haben sie nie auf einem anderen Planeten gelebt."
"Typisch für geflügelte Vernunftwesen", warf Stiv Bodiga ein. "Wer von Natur aus fliegen kann, entwickelt offensichtlich keinen Drang, Raumschiffe zu bauen und fremde Planeten zu besiedeln."
Obi-Nor nickte. "Manchmal denke ich, dass es besser für diese Galaxis gewesen wäre, wenn niemand auf die Idee gekommen wäre, Interstellarflüge zu unternehmen. - Aber fahren Sie bitte fort, Femioola."
Die Twi'lek nahm den Faden wieder auf: "Die S'torgh hatten über Jahrhunderte eine hoch stehende und absolut friedliche Kultur entwickelt - bis die Kroil kamen. Nach einer kurzen Phase der friedlichen Koexistenz übernahmen die Echsoiden die Macht auf Tera III. Nur einmal - vor etwa 100 Jahren - wagten die S'torgh einen Befreiungskrieg. Er endete mit ihrer vollständigen Niederlage und der totalen Versklavung. Seit dieser Zeit gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen, die von den S'torgh selbst stammen. Aber ihre mündliche Überlieferung und die rituelle Tradition, von der vor allem Menschen und humanoide Händler berichten, ist voll von traurigen Erinnerungen an den früheren Glanz ihrer Geschichte. Ich habe Ihnen eine Zusammenfassung der wichtigsten Daten auf Ihr Pad überspielt, Senator."
"Danke, Femioola. Ich schaue es mir während des Landeanfluges an."
Obi-Nor war auf eigentümliche Weise angerührt von Femioolas Bericht. Sie hatte nüchtern, sachlich gesprochen, ganz die professionelle Senatsassistentin. Aber in ihren Augen hatte er einen tief sitzenden Schmerz gelesen. Was sie über die S'torgh gesagt hatte, war im Grunde eine Parallele zum Schicksal ihres eigenen Volkes. Die Twi'lek waren ebenfalls auf grausame Weise ihrer politischen und kulturellen Freiheit beraubt worden - von Menschen, wie sich Obi-Nor beschämt eingestehen musste. Und aus dem einst stolzen Kulturvolk waren niedere Diener und billige Cantina-Tänzerinnen geworden - oder sogar Sklaven dekadenter Hutt-Gangster. Erzählten sich die menschlichen Senatoren deshalb so viele anrüchige Geschichten über eine Twi'lek-Frau wie Femioola? Vielleicht entsprachen diese Gerüchte gar nicht der Wahrheit, sondern entsprangen nur einer lüsternen Phantasie, gepaart mit der Illusion kultureller Überlegenheit. Zumal Femioolas Erscheinung derartige Phantasien zweifellos beflügelte. Entgegen den senatlichen Gepflogenheiten trug die Twi'lek eine knappe zweiteilige Kombinationen aus schwarzer Hose und weinrotem ärmellosen Top. Diese Kleidung betonte sowohl ihre schlanke Figur mit der engen Taille und den kleinen straffen Brüsten als auch ihre makellose zarte, blassgrüne Haut. Geschickt eingesetztes Makeup betonte die exotisch anmutenden Gesichtsszüge mit den sinnlichen Lippen, der breiten Nase und den großen, unschuldig wirkenden runden Augen. Die Kopftentakel waren mit geflochtenen Samtbändern verziert, ihrem einzigen Schmuck außer den drei goldenen Armreifen an ihrem linken Handgelenk, die bei jeder ihrer anmutigen Bewegungen leise klirrten.
Obi-Nor wischte den Gedanken an die Gerüchteküche des Senats beiseite und wandte sich Stiv Bodiga zu: "Und wie steht's bei Ihnen? Irgendwas Neues über die Kroil?"
"Oh, jede Menge", seufzte der Assistent. "Ich weiß so ziemlich alles über die Riten und Gebräuche dieser Echsoiden. Man sollte nicht meinen, dass diese Monster sowas wie eine Tischkultur entwickelt haben. Ist aber so."
"Vorsicht mit solchen Wertungen, Stiv", wies ihn Obi-Nor zurecht. "Wir sollten sie nicht zu Monstern hochstilisieren. Das erschwert nur unseren Umgang mit ihnen."
"Entschuldigen Sie, Senator, Sie haben Recht. Es ist nur, dass ich im Bergbau-Ausschuss schon so manches über diese Typen gehört habe - über dieses Volk, wollte ich sagen."
"Schon gut", winkte Obi-Nor ab. Er wusste genau, dass die Angestellten der Bergbauabteilungen durchweg nicht zu den Meistern diplomatischer Höflichkeit gehörten. Stiv Bodiga machte mit seinem blassen Teint, seinen strähnigen blonden Haaren, seinen ausgebeulten Hosen und dem ein wenig zu groß wirkenden schwarzen Hemd äußerlich nicht viel her. Aber er war unkompliziert und leistete schnelle, solide Arbeit, Eigenschaften, die Obi-Nor zu schätzen wusste. "Schon gut", wiederholte er. "Fahren Sie fort."
Bodiga blickte ihn erstaunt an. "Sie wollen wirklich, dass ich Ihnen erzähle, wie ein Kroil-Clanchef zum Neumondtag rohe Torii-Hühner verzehrt?"
"Äh, nein, eigentlich nicht. Vergessen Sie's, Stiv. Ich glaube kaum, dass die Kroil uns zu einem Bankett einladen. Und wenn doch, dann sagen Sie mir einfach, was ich zu tun habe. Ich hoffe, der Verzehr roher Torii-Hühner gehört nicht zu meiner Mission."
Bodiga lachte schallend, während sich Femioola nur ein mildes Lächeln gestattete. Die Twi'lek brachte die Sprache sofort wieder auf den Zweck ihrer Reise: "Haben Sie denn noch etwas herausgefunden, Senator?"
"Nur so viel, dass die Kroil keine Ahnung von effektivem Wirtschaften haben. Sie sind gierig, gewiss. Aber von Dingen wie Produktivität haben sie offenbar keine Ahnung. Sonst würden sie ja die S'torgh auch nicht versklaven. Jede ernstzunehmende wissenschaftliche Untersuchung der letzten zwei Jahrzehnte hat nachgewiesen, dass die Produktivität freier Arbeiter um 50% über der von Sklaven liegt. Immerhin scheint das Gerücht, dass die Kroil bei schwierigen Preisverhandlungen auswärtige Händler kurzerhand auffressen, ein Schmugglermärchen zu sein. Das sollte uns Mut und Zuversicht für unsere Mission geben."

Der Pilotendroide brachte das Raumschiff in steilem Sinkflug vom Orbit zur Planetenoberfläche.
"Landesektor Q45-N bestätigt, Senator. Erreichen Ziel in T minus 20 Minuten."
Die emotionslose Stimme des Droiden gab Obi-Nor jedesmal einen Stich ins Herz. Wie gern hätte er jetzt das gutturale Knurren seiner langjährigen Pilotin Rhysbe gehört. Aber die Warlucca war zu Beginn seiner Amtszeit ums Leben gekommen, als sie gemeinsam eine Verschwörung im Senat aufgedeckt hatten. Nie wieder würde Obi-Nor ihre Stimme hören oder ihr zotteliges Fell sehen.
Der Senator blickte aus dem Sichtfenster. Was er zu sehen bekam, passte zu seiner melancholischen Stimmung. Das Land, das sie überflogen, war eine Trostlosigkeit in Grau und Braun. Nichts als karges Ödland, übersät mit Asche und Staub. In der Ferne erhob sich eine Gebirgskette mit spitzen Vulkankegeln, über denen drohend schwarze Wolken hingen.
Das Raumschiff beschrieb eine weite Kurve und hielt auf die Gebirgskette zu.
Sie passierten einen trübe schimmernden See, an dessen Ufer Obi-Nor eine Ansammlung niedriger runder Steinhäuser entdeckte. Dann wurde das Land hügeliger und zerklüfteter. Je näher sie dem Gebirge kamen, desto zahlreicher wurden bizarr aufragende Gesteinsformationen, die sich mit tiefen Felsspalten ablösten. In einigen dieser Spalten konnte man erkaltete Lavaströme erkennen.
Am Fuß der ersten Vulkankegel erreichten sie schließlich eine große Siedlung mit runden Wohnhäusern, langgestreckten schlichten Gebäuden aus Stein und Stahl, die auf den ersten Blick als Industriebauten zu erkennen waren, und einen Raumhafen für Orbitalgleiter und Frachter. Etwa ein halbes Dutzend Landeplätze war von Raumfahrzeugen unterschiedlichster Schifftypen belegt; ein Interstellarfrachter wurde soeben von Cargodroiden beladen. Die gesamte Szenerie aber wurde von einem gewaltigen Repulsorlift am Rande der Siedlung beherrscht, der über einer künstlich geschaffenen Felsspalte errichtet war. Es konnte keinen Zweifel geben: dieser unwirtliche Ort war die Siltium-Mine, eine der größten Geldquellen im Outer Rim.

Das Raumschiff setzte in einer der Landebuchten auf, und mit einem Zischen öffnete sich die Ausstiegsluke. In einer kleinen feierlichen Prozession schritt die Senatsdelegation die Rampe hinunter. Vorn gingen Seite an Seite Stiv Bodiga und Femioola, dann folgte Obi-Nor, der gemäß den Gepflogenheiten des Senats das knöchellange dunkelgrüne Gewand eines Sonderbotschafters angelegt hatte. Den Schluss bildete der Kammerdienerdroide GL02, der ein Samtkissen mit kleinen, aber exklusiven und auf die Vorliebe der Kroil abgestimmten Gastgeschenken trug.
Das Begrüßungskommitee bestand aus drei Kroil. Zwei trugen Saberdart-Armbrüste, einer hatte keine Waffe, wenn man von seinen Zähnen und Klauen sowie dem Stachelschwanz absah. Dafür hatte er eine breite Lederschärpe, das Zeichen für einen hohen diplomatischen Rang, umgelegt. Obi-Nor kamen alle drei Echsoiden wenig vertrauenserweckend vor, doch er lächelte freundlich, als er sich, flankiert von seinen beiden Assistenten, verbeugte.
"Ich bin Senator Gildorian. Ich überbringe die Grüße des Senats und danke für die Landeerlaubnis auf dem souveränen Planeten Tera III. Möge der Frieden der Neuen Republik auch dieses Sternsystem erleuchten."
"Senator, willkommen auf Tera III", antwortete der Kroil mit der Schärpe. Er sprach mit leicht zischender Stimme, aber ansonsten völlig akzentfrei. "Ich bin Erster Botschafter Yrkchsz, Vertreter Seiner Hoheit, des Herrschers von Tera III. Ich bin froh, dass Ihr zu uns gekommen seid, um uns bei der Beendigung des schändlichen und ungerechten Aufstandes der S'torgh zu helfen."
Obi-Nor war beeindruckt. Nie hätte er auch nur annähernd diplomatische Floskeln erwartet. Er vermutete, dass der Botschafter mit dem unaussprechlichen Namen eine Ausbildung auf Coruscant genossen hatte. Dennoch konnte er die dreiste Vereinnahmung nicht durchgehen lassen.
Er verbeugte sich. "Gestattet mir, Euch diese bescheidenen Gaben als Zeichen des guten Willens, der Kooperation und der Verständigung zu übergeben." Er gab GL02 einen Wink, und dieser trippelte mit den Gastgeschenken heran. Einer der bewaffneten Kroil hängte seine Armbrust über den Rücken und nahm dem Droiden das Kissen ab. GL02 bezog rasch wieder seinen Platz hinter Obi-Nor, anscheinend bestrebt, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und den Kroil zu bringen.
"Gerne bin ich bereit, diesem Planeten und seinen Bewohnern zu helfen", fuhr Obi-Nor fort. "Zu helfen, alles Schändliche und Ungerechte im Zusammenhang mit diesem Aufstand zu beenden."
Der Kroil-Botschafter zischte wütend. "Ihr werdet sehen, dass der Aufstand das einzig Schändliche und Ungerechte hier ist, Senator."
Obi-Nor nickte. "Schön. Dann werdet Ihr nichts dagegen haben, wenn ich mich als erstes in die Mine begebe, um mit den S'torgh zu sprechen und mir selbst ein Bild von der Lage dort unten zu machen. Ihr werdet mein Anliegen verstehen, da bin ich mir sicher."
Yrkchsz zischte erneut. Doch dann neigte er leicht den schweren Kopf. "Wie Ihr wollt, Senator. So lange Ihr nicht vergesst, welches Volk diesen Planeten regiert und welches Volk der Partner der Minengilde ist, könnt Ihr ganz nach Eurem Belieben vorgehen."
Obi-Nor verbeugte sich erneut. "Ich sehe, wir beide verstehen uns, Erster Botschafter."

"Was für ein schrecklicher Kerl!" Stiv Bodiga wirkte ehrlich empört.
"Nicht doch, Stiv", wandte Obi-Nor ein. "Sie müssen zugeben, er war manierlicher als Sie sich einen Kroil vorgestellt haben. Im übrigen sollten wir hier nicht allzu leichtfertig reden. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Förderkorb tatsächlich frei von Abhörgeräten ist."
Obi-Nor gähnte und schluckte, um den steigenden Druck auf seinen Ohren auszugleichen. Sie glitten derart schnell in die Tiefe, dass selbst die Druckausgleichpillen, die GL02 verteilt hatte, nicht ausreichten.
Nach kurzer Verhandlung hatten sie erreicht, dass sie ohne Begleitung in die Mine einfahren konnten. Natürlich hatte Botschafter Yrkchsz sie nicht gern unbegleitet und damit unkontrolliert zu den S'torgh hinunter gelassen, aber ihm war nichts anderes übrig geblieben. Denn einen Kroil hätten die S'torgh wohl kaum in der Mine geduldet. Der Botschafter hatte sie darüber informiert, dass die Minenleitung per HoloVid mit den Streikenden in Kontakt stand. Letztlich befanden sich die beiden Parteien in einer Art Pattsituation. Die S'torgh kontrollierten die Abbaufelder und drohten damit, die gesamte Mine mit Thermosprengstoff, der in einem der Versorgungsstrebe lagerte, in die Luft zu jagen. Die Kroil dagegen drohten, alle auf der Oberfläche lebenden S'torgh umzubringen. Außerdem waren die Streikenden von Lebensmittellieferungen von der Oberfläche abhängig. Als ihnen diese Situation klar geworden war, hatten sich beide Parteien verständigt, den Senat auf Coruscant um Vermittlung anzurufen.
Immerhin haben sie sich darauf geeinigt, dachte Obi-Nor. Das war ein Anfang, auf dem sich aufbauen ließ.
Der Förderkorb bremste so abrupt ab, dass sich Obi-Nor an der Korbwand festhalten musste. Er atmete tief durch, um die plötzlich aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. Bergbau wäre nichts für mich, dachte er.
"Nun denn, schauen wir mal, wie es hier unten aussieht", meinte er laut und entriegelte die Tür.

 

3.

Eine trockene, warme, stauberfüllte Luft empfing sie. Obi-Nor musste einen Hustenreiz unterdrücken, Femioola presste sich ein Tuch vor den Mund.
"Warten Sie, ich habe Atemmasken dabei", murmelte Stiv Bodiga und verteilte die weißen Filter. Anschließend holte er ein Datapad aus seiner Umhängetasche und betrachtete interessiert das Display. "Hab ich mir doch gedacht. Die Luftwerte entsprechen weder den Empfehlungen des Bergbau-Ausschusses noch den Vorschriften der Minengilde."
"Notiere es für das Protokoll, George", wies Obi-Nor seinen Droiden an. "Ich vermute, dies wird nicht der einzige Verstoß bleiben."
Sie verließen den trübe erleuchteten, aus dem Fels herausgeschnittenen Raum am Boden des Förderschachtes und betraten eine große Halle, die offenbar nicht künstlich geschaffen, sondern natürlichen Ursprungs war. Dieser Raum mochte etwa 40 Meter lang und 25 Meter breit sein; die Deckenhöhe betrug an der höchsten Stelle sicherlich mehr als 30 Meter. Eine Reihe von Tischen, Behältern und Maschinen, die Obi-Nor an die Sortier- und Reinungsstellen der Migdol-Erzminen auf Trexx erinnerten, waren in der Mitte der Halle platziert. In einer Ecke brummten Lichtgeneratoren und ein Frischluftgebläse.
Aber vor allem wimmelte es von S'torgh. Obi-Nor schätzte ihre Zahl auf über 50. Einige flogen umher, andere standen auf dem Boden, manche redeten mit gedämpfter, gutturaler Stimme miteinander, die meisten aber starrten die Senatsdelegation an. Die S'torgh waren dünn und langbeinig; mit ihrem gegliederten Körper und den großen runden Facettenaugen wirkten sie auf den ersten Blick wie große Insekten. Allerdings war ihr Skelett von einer Lederhaut überzogen, und aus Leder waren offenbar auch die dreieckigen Flügel, die für die gut 1,5 Meter großen Wesen viel zu klein schienen. Nicht gerade die schönsten aller Geschöpfe in dieser Galaxis, musste Obi-Nor unwillkürlich denken. Aber natürlich war Schönheit relativ, und Menschen mochten in den Augen der S'torgh ebenfalls hässlich sein.
Obi-Nor verbeugte sich auch hier. "Ich bin Senator Gildorian, Sonderbotschafter der Neuen Republik. Der Senat hat mich beauftragt, die Gründe für den Streik zu erfahren und eine friedliche Lösung des Konflikts herbeizuführen."
Ein aufgeregtes Gemurmel folgte auf diese Begrüßung. Dann löste sich ein S'torgh aus der Menge und flog näher.
"Die Gründe für den Streik sind nur allzu offensichtlich, Senator. Die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar. Die Luft ist schlecht. Selbst hier, wo es eine Frischluftanlage gibt, tragen Sie Atemmasken. Aber der Staub in den Abbaugebieten ist unerträglich. Wir müssen hier unten leben, dürfen nicht an die Oberfläche. Die Nahrung ist unzureichend, das Wasser mit Siltium-Quarz verunreinigt. Wir verbrennen uns Tag für Tag die Hände an den Energiekristallen, aber den Gewinn dieser Mine bekommen die Kroil. Das sind die Gründe, warum wir streiken."
Ein zustimmendes Gemurmel hatte jeden Satz begleitet. Jetzt waren vereinzelte "Streik!"-Rufe zu hören.
Obi-Nor hob die Hand, und die Menge verstummte. "Wir sind hier, um diesen Vorwürfen nachzugehen. Wir wollen uns über jede dieser Anschuldigungen eigens informieren."
Er beriet sich kurz mit seinen Begleitern, dann wandte er sich wieder an die S'torgh: "Senatsassistentin Femioola wird Ihre Quartiere besichtigen, Senatsassistent Bodiga die Nahrung untersuchen. Mein Droide wird ihn begleiten. Ich selbst möchte mir ein Abbaugebiet ansehen, falls das möglich ist."
"Das ist möglich", erwiderte der S'torgh, der die Beschwerde vorgebrachte hatte. Kommen Sie mit mir, Senator Gildorian. Mein Name ist N'Gorrkh; ich werde Ihnen meine Arbeitsstelle zeigen."

Obi-Nor nahm einen der Minengleiter, die die Kroilaufseher von Zeit zu Zeit benutzen, um die Mine zu inspizieren. Es war ein merkwürdiges Gefährt, nicht viel größer als ein Speederbike, aber mit einer geschlossenen Kabine. Er folgte dem S'torgh, der erstaunlich schnell durch die engen Höhlengänge flog. Die Luft war erfüllt von aufgewirbeltem Siltiumquarz; Obi-Nor hatte das Gefühl, als fahre er durch schwarzes Schneegestöber. Manchmal hatte er Mühe, den voraus fliegenden S'torgh im Scheinwerferlicht zu erkennen. Schließlich erreichten sie eine große Höhle. N'Gorrkh flog zur gegenüberliegenden Wand und zog ein kleines Werkzeug heraus, das sich als Laserbohrer entpuppte. Nach wenigen Minuten hatte er einen fingernagelgroßen Siltiumkristall aus der Wand geschält und in einem am Gürtel hängenden Beutel verstaut. Dann machte er sich auf den Rückweg.
Wieder am Sammelplatz angekommen, blieb Obi-Nor einige Augenblicke nachdenklich im Minengleiter sitzen. Schließlich stieg er aus und ging zu dem S'torgh hinüber.
"Wie haben Sie das gemacht? War die Gesteinsschicht nicht aus Sicrit? Ich kann nicht glauben, dass Sie einen Siltiumkristall in einer Sicritwand entdeckt haben. Und wie haben Sie in dieser Luft überhaupt atmen können?"
"Wir S'torgh verfügen über die Fähigkeit, die Kristalle im Sicritgestein ausfindig zu machen", entgegnete N'Gorrkh nicht ohne Stolz. "Was die Luft angeht: Ich hatte es Ihnen gesagt, wie die Arbeitsbedingungen sind. Ich habe nur einen kleinen Kristall geborgen, um Ihnen zu zeigen, wie wir arbeiten. Normalerweise sind unsere Kristalle so groß wie eine Menschenfaust."
Obi-Nor staunte nicht schlecht. Siltium-Kristalle mit bloßem Auge in einer Sicritwand aufspüren? Diese Fähigkeit war mehr als Gold wert. Er erinnerte sich an eine Diskussion im HoloNet, in der die Theorie vertreten wurde, dass von allen siltiumführenden Gesteinsarten Sicrit die ergiebigste sei. Es war nur noch kein Verfahren entwickelt worden, in Sicrit eingebettetes Siltium zu lokalisieren. Jeder einzelne dieser S'torgh konnte auf anderen Bergbauplaneten ein Vermögen machen.
Stiv Bodiga und Femioola kehrten aufgebracht zurück. Bodiga hatte ein gerötetes Gesicht.
"Senator, ich habe so viele Verstöße notiert, dass es reicht, die gesamte Mine für immer stillzulegen", berichtete er empört. "Dieses Trinkwasser kann man nicht mal Wompratten anbieten!"
"Und die Unterkünfte...", begann Femioola, doch sie brach angewidert ab.
"Nun, ich denke, wir haben genug gesehen", wandte sich Obi-Nor wieder an die S'torgh. "Wir werden uns nun mit den Kroil treffen, danach hören Sie wieder von uns."
Mit unwilligem Gemurmel reagierten die S'torgh auf diese Absichtserklärung.
N'Gorrkh ergriff erneut das Wort. "Es gibt nichts zu verhandeln, Senator. Unsere Position ist klar. Und - es hat bereits ein Opfer unter uns gegeben. Ein Aufseher hat meine Brutpartnerin erschossen. Ihr Tod darf nicht umsonst sein. Wir fordern sofort bessere Bedingungen oder wir kämpfen! Wir haben keine Geduld mehr!"
"Lieber sterben wir!" rief ein S'torgh aus dem Hintergrund.
"Niemand wird sterben", rief Femioola leidenschaftlich. "Innerhalb von 24 Stunden haben Sie die Zusicherung besserer Arbeitsbedingungen. Das versprechen wir Ihnen!"
Laute Jubelrufe und aufgeregtes Geflatter quittierten diese Ankündigung.
"24 Stunden!" rief N'Gorrkh. "Wir nehmen Sie beim Wort!"
Obi-Nor setzte ein gequältes Lächeln auf. "Unser Wort gilt. 24 Stunden!"

Als sie den Förderkorb erreichten, war das Lächeln aus Obi-Nors Gesicht verschwunden.
"Verdammt, Femioola, was fällt Ihnen ein?! Haben Sie den Verstand verloren? Sie setzen uns selbst ohne Not eine Frist! Was soll das? Wir wissen doch gar nicht, wie die Verhandlung mit den Kroil verläuft. Wie konnten Sie uns so unter Druck setzen?"
Die Twi'lek schaute verlegen zu Boden. "Es tut mir Leid, Senator. Ich dachte nicht... ich wollte... Es war so furchtbar."
"Natürlich war es das! Aber Sie sind in der Outer-Rim-Komission, da hatten Sie doch sicher schon mit furchtbaren Verhältnissen zu tun. Wir dürfen uns nicht von unseren Emotionen überwältigen lassen. So jedenfalls sind Sie keine große Unterstützung!"
Stiv Bodiga war die Sache anscheinend mehr als peinlich. "Bitte, Senator, Femioola hat gesagt, dass es ihr Leid tut..."
Obi-Nor atmete tief durch und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.
"Also gut, abgehakt. Entschuldigen Sie meinen Wutausbruch, Femioola. Sie haben natürlich Recht: Es ist furchtbar hier unten. - Nun, egal, jetzt haben wir jedenfalls einen klaren zeitlichen Rahmen für unsere Mission. 24 Stunden, oder wir haben in den Augen einer der beiden Parteien versagt."

*

Mychnokk schaute missmutig in die Runde. Was er sah, war nicht dazu angetan, seine Laune zu verbessern. Ganze acht Gäste hielten sich in seiner Cantina auf. Acht! Um diese Zeit war der Laden normalerweise voll: Alle Tische waren belegt und vor der Theke drängelten sich die Frachterbesatzungen, die Piloten und Cargo-Manager, die ihre Bestellungen nicht schnell genug loswerden konnten. Normalerweise herrschte ja auch im Raumhafen ein ständiges Kommen und Gehen; die Landebuchten reichten kaum für die Vielzahl der Frachter aus, die Tera III ansteuerten. Aber das war, bevor dieser unselige Streik ausgebrochen war. Jetzt herrschte gähnende Leere in der Minensiedlung. Wenn der Streik noch länger dauerte, konnte Mychnokk seine Cantina schließen. Und als was sollte er dann arbeiten? Er war nun einmal der geborene Cantina-Wirt. Natürlich rührte das alles von seinem Handicap her, aber er hatte sich daran gewöhnt und das Beste daraus gemacht. Cantina-Wirt war seine Berufung, basta.
Alle paar Jahre kam es vor, dass ein Kroil ohne Zähne schlüpfte. Niemand vermochte sich die Ursache dieser schrecklichen Verstümmelung zu erkären. Aber alle wussten, welche sozialen Folgen sie hatte: lebenslanges Außenseitertum. In der gesellschaftlichen Hierarchie standen zahnlose Kroil ganz unten. An eine Partnerschaft war nicht zu denken. Und ein ehrenvoller Beruf war ebenso unmöglich. Aber in einer Branche waren diese bedauernswerten Geschöpfe unersetzlich: in der Bewirtung auswärtiger Gäste. Alle Versuche von normal gestalteten Kroil, eine Cantina zu eröffnen, waren gescheitert. Welche Schmuggler wollte schon, dass ihm der Wirt einen Arm abbiss, nur weil er gerade mal nicht bezahlen konnte oder sich über die Qualität eines Whis-Drinks beschwerte? Nein, da ging man doch lieber zu einem dieser freundlichen zahnlosen Kroil. Also hatte auch Mychnokk seine Cantina eröffnet und sogleich in eine Goldgrube verwandelt. Und nun drohte dieser Streik sein Geschäft zu ruinieren.
Er blickte erneut in die Runde. Acht Gäste. Sieben von ihnen kannte er. Schrotthändler Ghijjo Asew von Leptis Beta kam alle zwei Wochen mit seiner Mannschaft auf einen Drink vorbei. Kaluusha und B'Heto waren üble Schmuggler, die aber wenigstens immer ihre Zeche zahlten. Okuno Bertis hingegen war ein trauriger Fall. Seit er mit defektem Hyperraumantrieb hier gestrandet war und kein Geld für die Reparatur hatte, versoff er das Wenige, das ihm noch geblieben war. Also allesamt Stammkunden, deren Lebensgeschichten Mychnokk schon dutzendfach gehört hatte.
Aber am Ende der Theke saß ein Gast, den Mychnokk nicht kannte. Es war eine Menschenfrau, und Mychnokk hätte nur zu gern gewusst, was sie nach Tera III und in seine Cantina geführt hatte. Sie war äußerst schweigsam, und Mychnokk hatte entgegen seiner sonstigen Gewohnheit keine Lust verspürt, mit ihr zu plaudern. Irgend etwas in seinem Innern hatte ihn merkwürdigerweise abgehalten, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Aber die Sache mit Joffo Sheron war noch viel seltsamer gewesen. Dieser zwielichtige Schmuggler hatte sich gleich nach ihrer Ankunft zu ihr gesellt. Vermutlich hatte er ihr verbotene Ware verkaufen wollen, das tat er schließlich bei jedem. Doch dann hatte er plötzlich die ausstehenden Schulden der letzten drei Wochen bezahlt und Mychnokk anvertraut, er wolle nach Hause gehen und sein Leben überdenken. Aber das Ungewöhnlichste war die Bestellung der Frau gewesen. Sie hatte nach einem Getränk "ohne Rauschmittel" verlangt; so etwas war schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Spätestens da wusste Mychnokk, dass sie keine Frachterpilotin war, worauf aber auch das lange braune, für Frachterpersonal völlig untypische Gewand hindeutete. Mehr Informationen konnte Mychnokk ihrem Äußeren nicht entnehmen. Ob sie nach menschlichen Maßstäben alt oder jung, hässlich oder hübsch war, vermochte der Kroil nicht einzuschätzen. Für ihn sahen alle Menschen irgendwie gleich aus.
Mychnokk hatte ihr einen Drink aus Wasser und Würzkräutern zusammengemixt und eher aus Spaß den unverschämten Preis von 45 republikanischen Credits verlangt. Die Frau hatte ihn nur amüsiert angeblickt und ohne zu Murren bezahlt.
Jetzt nippte sie bereits ihren zweiten Drink. Das machte 86 Credits Reingewinn. Mychnokks Laune besserte sich nun doch ein wenig. Wenn sie noch länger bleibt, dachte er, gleicht das das Fehlen von zehn bis zwölf Gästen ohne weiteres aus.
Dennoch hätte er zu gern gewusst, wer diese Frau war und was sie hier wollte.

 

4.

Der Erste Botschafter Yrkchsz geleitete die Senatsdelegation in das Verwaltungsgebäude der Mine. Dort warteten sechs Kroil in einem kreisrunden Raum auf sie. Yrkchsz deutete auf den ringförmigen, mit Tellern, Platten und Schüsseln gedeckten Tisch.
"Nehmen Sie Platz, Senator. Sie müssen hungrig und durstig sein. Wir haben Speisen ausgewählt, die auch bei Menschen und Twi'leks üblich sind. Das Frischwasser lassen wir von Eisfrachtern aus Ord Mandrell einfliegen. Sie sehen, auch wenn unsere Essgewohnheiten unterschiedlich sein mögen, so werden Sie sich hier dennoch wohl fühlen. Und beim Essen lässt es sich leichter verhandeln."
Obi-Nor nickte freundlich. "Vielen Dank für die Einladung, Senator. Wir nehmen gerne an." Er nahm auf einem der Stahlrohrstühle Platz und bedeutete seinen Assistenten, sich rechts und links neben ihn zu setzen. Auch die Kroil setzen sich, während GL02 einige Schritte hinter Obi-Nor stehen blieb.
Die Speisen sahen tatsächlich ganz annehmbar aus. Es war keine Spur von rohen Torii-Hühnern zu sehen. Statt dessen gab es Gemüse und Obst wie auf einem trexxanischen Vegetarier-Kongress. In Obi-Nors Reichweite war eine große Glasschüssel platziert, in der ein einzelner rotgolden schimmernder, fingergroßer Fisch umherschwamm. Vermutlich meinten die Kroil, dass dieses Aquarium dem menschlichen Bedürfnis nach Tischdekoration entgegenkam.
Die Echsoiden schauten Obi-Nor erwartungsvoll an. "Nun, Senator, wollen Sie nicht das Bankett auf traditionelle Weise eröffnen?" fragte der Erste Botschafter.
Obi-Nor drehte sich Hilfe suchend nach Stiv Bodiga um, dessen bleiches Gesicht mit einem Male noch blasser aussah als sonst.
"Ich fürchte, Senator", flüsterte er Obi-Nor so leise zu, dass ihn niemand anderer verstehen konnte, "dass Sie den Fisch essen müssen. Es ist so Brauch bei traditionellen Mahlzeiten."
"Ich soll was!?" wisperte Obi-Nor zurück.
"Tut mir Leid, Senator. So will es der Brauch."
Obi-Nor starrte das Aqaurium an. Der rotgoldene Fisch schwamm putzmunter umher. Er konnte doch nicht... Sein Magen zog sich allein bei dem Gedanken zusammen.
Die Kroil wurden unruhig. Zwei der Echsoiden, nach ihren Saberdart-Armbrüsten zu urteilen Wachposten oder Leibwächter, zischten einander etwas zu.
"Nun denn", sprach Obi-Nor mit gespielter Munterkeit. "Man sollte alles mal probiert haben."
Mit diesen Worten griff er in die Glasschüssel, packte mit einer blitzschnellen Bewegung den Fisch und stopfte ihn sich in den Mund.
Für eine Sekunde hing lähmende Stille im Raum.
Dann sprangen die Kroil mit lautem Geschrei auf. Die Wachposten griffen nach den Armbrüsten und richteten sie auf Obi-Nor. Und GL02 rief mit lauter Stimme: "Aber Mylord! Sie dürfen doch nicht den heiligen Fisch der Kroil verspeisen!"
Obi-Nor beugte sich über die Schüssel und spuckte den Fisch wieder aus. "Den was hätte ich beinahe verspeist!?" Er starrte auf den Fisch, der ein wenig benommen im Wasser zappelte. Er spürte eine leichte Übelkeit. Und starke Wut.
"Verdammt, Stiv, was haben Sie mir da gesagt!?"
Der Senatsassistent saß zitternd neben Obi-Nor und blickte unverwandt auf das Aquarium. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. "Ich... die Datenbank...", stammelte er. Dann brachte er keinen Ton mehr heraus.
Yrkchsz schlug mit voller Wucht auf den Tisch. "Sie haben den schlimmsten Frevel begangen, den ich je erlebt habe", sprach er mit vor Zorn bebender Stimme. "Eine tödliche Beleidigung. Wir lassen uns nicht vom Senat verhöhnen. Sie sind des Todes!"
"Hören Sie, ich...", wollte sich Obi-Nor rechtfertigen, doch einer der Wachen hielt ihm seine Armbrust genau vor das Gesicht. Obi-Nor erstarrte mitten in der Bewegung. Und ohne sich zu rühren, sprach er mit leiser, aber eindringlicher Stimme: "Pfeifen Sie Ihre Wachen zurück, Botschafter. Ich werde mich für das Geschehen verantworten, aber wenn mich einer von denen erschießt, haben Sie morgen eine Flotte der Neuen Republik hier, die Sie, Ihre Leute und die ganze Mine von diesem Planeten pustet."
Noch während er sprach, dämmerte es ihm: Genau darum ging es! Um einen Grund, die Diplomatie für gescheitert zu erklären und die Flotte einzusetzen. Die Kroil mussten ihn nur erschießen, dann war der Weg frei für eine gewaltsame Lösung des Konfliktes. Er war in eine Falle getappt. Und er wusste auch, wer sie ihm gestellt hatte.
Auf einen Wink von Yrkchsz nahmen die Kroil ihre Waffen herunter. Einer der Wächter baute sich vor Obi-Nor auf und ließ das langgestreckte Maul mit den dolchartigen Zähnen auf- und zuklappen. Er entschied sich dann aber dafür, Obi-Nor nicht die Nase oder gleich den ganzen Kopf abzubeißen, sondern zog sich zischend zurück. Obi-Nor atmete durch. Aber seine Entspannung dauerte nicht lange, denn Yrkchsz ergriff erneut das Wort:
"Wir werden Sie nicht erschießen, Senator. Aber Sie haben Ihr Leben verwirkt. So will es unser Gesetz. Auch ihr diplomatischer Status kann Sie nicht davor bewahren. Bei einer derart schweren Beleidungung kann es nur eine Strafe geben: den Großen Sprung."
Obi-Nor hatte keinen Schimmer, was damit gemeint war, aber es hörte sich nicht besonders gut an. Doch um sein eigenes Schicksal musste er sich später kümmern.
"Mir lag es fern, Sie zu beleidigen", versicherte er. "Es war ein Missverständnis. Dennoch bin ich bereit, die Konsequenzen meiner Tat zu tragen. Aber meine Begleiter haben damit nichts zu tun. Obendrein genießen auch sie diplomatische Imunität. Deshalb schlage ich vor, dass Senatsassistentin Femioola und mein Droide in die Raumfähre zurückkehren dürfen, um den Senat zu benachrichtigen, der sich seinerseits rasch mit Ihnen in Verbindung setzen wird." Die Twi'lek, deren Anspannung deutlich sichtbar war, nickte zustimmend.
"Ihr Raumschiff kann nicht auf Tera III bleiben", entgegnete Yrkchsz. "Ihre Mission ist beendet."
"Dann gestatten Sie, dass die Fähre wenigstens im Orbit kreist, bis Sie mit Vertretern des Senats Kontakt hatten. Ein diplomatisches Schiff ist unbewaffnet. Sie gehen kein Risiko ein."
"Einverstanden. Das Schiff kehrt in die Umlaufbahn zurück."
"Gut. Und was Senatsassistent Bodiga angeht", fuhr Obi-Nor fort, "so können Sie ihn in Gewahrsam nehmen, bis sich der Senat bei Ihnen meldet. Gleichsam als Unterpfand unseres guten Willens. Vorausgesetzt, Sie sichern ihm anständige Behandlung zu."
"Ihm wird kein Haar gekrümmt", bestätigte Yrkchsz.
Ein bewaffneter Kroil führte einen todunglücklich wirkenden Stiv Bodiga ab. Die Ablenkung, die dadurch entstand, nutzte Obi-Nor, um heimlich einen Knopf an seinem Multifunktionsarmband zu drücken. Eine Bewegung, die niemand zu bemerken schien.
"Worin besteht nun das Urteil?" fragte er. "Das habe ich vorhin nicht verstanden."
"Sie werden in den Tiefen Abgrund springen", antwortete der Botschafter. "So will es das Gesetz."
GL02 hatte sich seit seinem Zwischenruf still verhalten. Nun trat er einen Schritt vor. "Mylord, kann ich denn gar nichts für Euch tun?"
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Für mich nicht, George. Ich fürchte, es ist zu spät, einen K'Feh zu servieren oder meine Gewänder zu bügeln. Aber du kannst Femioola unterstützen. Geh ihr zur Hand, pass auf, dass ihr und dem Schiff nichts zustößt, kümmere dich um sie. Du kennst doch eine solche Situation vom Handelsembargo auf E'encior V."
"Kommen Sie", unterbrach ihn Yrkchsz. "Das Urteil wird sofort vollstreckt."

*

Mychnokk wischte die Theke ab. Das war's dann wohl. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn diese Menschenfrau stundenlang hier rumgesessen und einen Drink nach dem anderen geschlürft hätte. Es hatte vielversprechend angefangen. Aber dann hatte dieses Gerät gepiept, sie hatte ihm einen Wertchip über 90 Credits zugeworfen und war nach draußen geeilt. Noch im Fortlaufen hatte sie ein Gerät aus einer Gürteltasche gezogen. Mychnokk wettete einen Krug Whis gegen einen Becher Wasser, dass es sich dabei um einen Peilsender handelte. Wie ein Sturmwind war sie auf einem Speederbike davongebraust.
Mychnokk war sich sicher, dass er sie nie wiedersehen würde. Er seufzte. Ja, es wäre wirklich zu schön gewesen. Aber immerhin: den Gewinn von 86 Credits konnte ihm keiner mehr nehmen. In Zeiten wie diesen war man ja auch schon mit kleineren Dingen zufrieden.

*

Der steinige Boden raste unter dem offenen Transportgleiter dahin. Obi-Nor fragte sich, ob der "Tiefe Abgrund", von dem der Botschafter gesprochen hatte, weit entfernt war. Er hoffte es, denn mit jeder Minute stiegen seine Überlebenschancen. Natürlich war er nicht ohne Absicherung nach Tera III geflogen; jetzt musste sich zeigen, wie gut seine Vorkehrungen waren. An Flucht war nicht zu denken. Zwei bewaffnete Wachen flankierten ihn, zudem hatte man ihm die Hände mit einem Stahlband gefesselt. Darüber hinaus hatten sich zehn oder zwölf Speeder dem Transportgleiter angeschlossen. Jeder von ihnen war mit zwei Kroil besetzt und verfügte über eine kleine schwenkbare Laserkanone.
Sie passierten eine zerklüftete Felslandschaft, übersät mit roten Gesteinsbrocken und tiefen Rissen, die auf heftige seismische Aktivität des Planeten hindeuteten. Die Vulkanausbrüche auf Tera III waren für die Bewohner vermutlich kein Vergnügen. Nach zehn Minuten erreichten sie ihr Ziel. Dass die Erdspalte, die sich vor ihnen auftat, der "Tiefe Abgrund" war, bedurfte keiner Erläuterung. Ein Canyon, gut 100 Meter breit und mindestens 300 Meter tief, zog sich mehrere Meilen lang quer über die Ebene. Auf seinem Boden floß träge ein gelb glühender Lavastrom. In den senkrecht abfallenden Wänden waren mehrere dunkle Flecken zu sehen. Erst nach einigen Augenblicken registrierte Obi-Nor, dass es sich dabei um Einmündungen von Höhlen oder künstlich angelegten Gängen handeln musste.
Der Transporter schwebte über dem Rand des Canyons. Botschafter Yrkchsz wies in den Abgrund.
"Wir sind da", meinte er überflüssigerweise. "Sie werden verurteilt, in die Tiefe zu springen. Das Urteil wird auf der Stelle vollstreckt."
Aus dem Boden des Transportgleiters fuhr eine Art Planke aus, ein gut drei Meter langes Stahlbrett. Eine Wache löste Obi-Nors Handfessel und deutete auffordernd auf das Brett.
"Tja, dann...", meinte Obi-Nor mit einem schiefen Grinsen, und betrat die Planke. Er blickte hinab auf den glühenden Lavastrom. Wie lange würde er diese Hitze überleben? Eine Minute? Zwei? Oder würde eine sofortige Ohnmacht jede Pein gnädigerweise auslöschen? Er blickte sich um. Die Wachen hatten ihre Saberdart-Armbrüste im Anschlag. Man konnte ihnen ansehen, dass sie den Menschen, der ihre Kultur beleidigt hatte, nur allzu gern augenblicklich erschossen hätten.
"Springen Sie, Senator!" mahnte Botschafter Yrkchsz zur Eile. "Zögern Sie nicht wie ein Feigling. Machen Sie dem Senat und der menschlichen Spezies nicht noch mehr Schande."
"Ich habe eine Frage, Botschafter", antwortete Obi-Nor. Er musste nur ein wenig Zeit gewinnen. Schon spürte er das charakteristische Schwingen der Macht. Sie kam. Aber er brauchte noch Zeit, nur ein wenig mehr Zeit...
"Sprechen Sie, aber rasch!" gab der Botschafter unwillig zurück.
"Nun, der Sprung hier...", begann Obi-Nor. "Sie sagten, die Art der Bestrafung sei Gesetz. Aber was machen Sie bei einem geflügelten Vernunftwesen? Wie wollen Sie auf diese Weise etwa einen S'torgh bestrafen?"
Eine der Wachen zischte verächtlich; Yrkchsz schüttelte den Kopf.
"S'torgh bestrafen wir nicht auf diese Weise", erklärte der Erste Botschafter. "Dieser Tod ist eine Ehre. Wer ihn stirbt, ist von aller Schande gereinigt."
Obi-Nor verbeugte sich ironisch. "Ich danke für diese Ehre, Botschafter." Er wandte sich dem Ende der Planke zu. Die Präsenz der Macht wurde stärker. Beeil dich! Er tat so, als wolle er springen, doch dann wandte er sich erneut um.
"Verzeihen Sie, Botschafter, eine letzte Frage noch." Obi-Nor setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. "Ich will den Ablauf dieser Zeremonie nicht unnötig verzögern, aber..."
"Sprechen Sie!" unterbrach ihn Yrkchsz barsch.
"Nun, äh, wenn jemand den Sprung überlebt, ist seine Schande dann auch getilgt?"
"Was?" Yrkchsz schien völlig überrascht.
"Ja", nickte Obi-Nor. "Die Bestrafung besteht doch in dem Sprung, nicht wahr? Wenn ich also springe und dennoch überlebe, bin ich dann frei?"
Yrkchsz schnaubte. "Niemand überlebt diesen Sturz!"
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber einem der Wachposten wurde es zu viel. Mit einem drohenden Zischen gab er Obi-Nor einen Stoß vor die Brust. Der Senator taumelte nach hinten, geriet mit dem linken Fuß von der Planke und ruderte hilflos mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu halten. Doch es war vergeblich. Er stürzte in die Tiefe.

Obi-Nor sah das heranbrausende Speederbike nicht. Aber den Aufprall spürte er dafür umso mehr.
Eine Rippe, schoss es ihm durch den Kopf. Nein, mindestens zwei. Wenn ich nicht noch andere Knochen gebrochen habe.
Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass er quer über dem hinteren Sitz des Speederbikes hing. Die Schmerzen ignorierend, hielt er sich an dem braunen Jedi-Gewand der Fahrerin fest, zog sich hoch und schwang sich in den Sitz. Geschafft! Er atmete tief durch. Zunächst war er überrascht, dass er schmerzfrei atmen konnte. Dann schnaufte er erleichtert durch, denn offensichtlich waren seine Rippen noch heil. Und plötzlich wurde ihm klar: Wäre das Speederbike nur eine Sekunde später gekommen, hätte er jetzt gar keine Rippen mehr...
Er beugte sich nach vorn: "Verdammt, Yo, warum hat das so lange gedauert?"
"Ich wollte meinen Drink nicht halbvoll stehen lassen, Vater", kam die prompte Antwort.
In diesem Moment machte das Bike einen harten Schlenker, und ein Laserblitz peitschte über sie hinweg. Obi-Nor drehte sich um und sah drei Kroilspeeder. Wieder zuckte ein Laserblitz durch den Canyon, aber erneut wich das Bike aus. Nun schossen die Kroilspeeder aus allen Rohren. Das Bike vollführte aberwitzige Bewegungen, um den Schüssen zu entkommen. Es schoss steil nach oben, sackte bis knapp vor dem Lavastrom ab, raste im Zickzack den Canyon entlang. Obi-Nors Mund wurde trocken. Auch eine Jedi-Meisterin wie Yo-Karah Mal'Wan konnte diesem Beschuss nicht auf Dauer ausweichen. Zu allem Überfluss stießen etwa 500 Meter vor ihnen weitere vier Speeder in den Canyon. Es gab kein Entrinnen, es sei denn...
"Yo, halte auf den Höhleneingang zu!" schrie Obi-Nor, aber die Jedi hatte das Bike bereits herumgerissen und steuerte das gähnend schwarze Loch in der Canyonwand an. In diesem Augenblick schlug ein Laserblitz in das Bike ein. Flammen schlugen hoch und nahmen Obi-Nor die Sicht. Er spürte, wie seine Tochter ihn am Gewand packte und vom Bike riss. Sie purzelten in den Höhleneingang, während das Speederbike mit einem lauten Knall an der Felswand zerschellte.
"Los, weg hier!" rief Yo-Karah und zerrte ihren Vater ins Innere. Keine Sekunde zu früh, denn ein Kroilspeeder schwebte vor dem Höhleneingang und feuerte. Laserschüsse peitschten ihnen um die Ohren, als sie vom Eingang wegliefen. Nach rund 30 Metern erreichten sie eine Biegung, hinter der sie erst einmal in Sicherheit waren. Offenbar war dieser Gang künstlich angelegt worden. Er führte schräg bergauf - ins Freie, wie Obi-Nor hoffte. Denn egal, was sie auf der Oberfläche erwartete, es wäre allemal besser, als in einer Sackgasse gefangen zu sein.
Yo-Karah schien der gleichen Ansicht zu sein, denn sie machte Anstalten, den Gang entlang zu laufen.
"Warte! Lass mich mal zu Atem kommen!" keuchte Obi-Nor und wischte sich den Schweiß aus der Stirn.
"Was meinst du damit, du wolltest deinen Drink nicht halbvoll stehen lassen?"
Statt einer Antwort drückte Yo-Karah ihm einen Blaster in die Hand. Dann hörte es Obi-Nor auch: Vom Höhleneingang kamen schurfende Schritte.
"Also los!", nickte er.
Sie liefen den Gang hinauf. Nach 50 Metern erreichten sie eine erneute Biegung. Obi-Nor lief voraus - und prallte zurück. Vier Kroil kamen ihnen entgegen. Jetzt saßen sie in der Falle. Yo-Karah aktivierte ihr Lichtschwert. Mit einem Zischen sprang der Lichtstrahl aus dem Griff. Die Kroil, die sie verfolgten, kamen näher. Sie rissen ihre Armbrüste hoch und schossen.
Yo-Karah ließ das Lichtschwert durch die Luft wirbeln und wehrte die Saberdarts ab.
"Weil der Drink 45 Credits kostete!" erklärte sie.
Obi-Nor sprang in die Biegung und feuerte seinen Blaster ab. Die Schüsse prallten wirkungslos gegen die Schuppenpanzer der Kroil, zwangen die Echsoiden aber zum Rückzug.
"45 Credits?! Das ist Wucher!" beschwerte sich Obi-Nor, bevor er die Energiezelle des Blasters kontrollierte. "Aber du hast Recht, bei dem Preis hätte ich den Drink auch ausgetrunken."
Wieder warf er sich nach vorn und schoss. Doch diesmal zischten fünf oder sechs Saberdarts an seinem Kopf vorbei.
"Verdammt, Yo! Von vorn kommen immer mehr Kroil! Hier kommen wir nicht durch!"
Yo-Karah schwang das Lichtschwert und zerschmetterte zwei Saberdarts.
"Dann müssen wir zurück!" erwiderte sie entschlossen. "Folge mir!"
Sie rannte auf die Kroil zu, die sie verfolgte hatten. Mit dem Lichtschwert wehrte sie zwei Saberdarts ab. Dann stieß sie die weit geöffnete linke Hand vor, und mit Hilfe der Macht wurden die Kroil zu Boden geschleudert. Behende sprang sie über die Echsoiden hinweg. Einer der Kroil versuchte sich mit der Armbrust aufzurappeln, doch eine Bewegung mit dem Lichtschwert, und die Waffe war in ihre Einzelteile zerlegt. Dann sprang auch Obi-Nor über die Kroil hinweg. Einer der Echsoiden bekam den Saum seines Gewandes zu fassen. Es gab einen hässlichen Riss, dann war Obi-Nor frei und eilte hinter Yo-Karah her.
Am Höhleneingang schwebte der Kroil-Speeder. Die Jedi sprang hinein und startete die Maschine. Obi-Nor kletterte hinterher. Er warf noch einen Blick zurück in die Höhle. Die Kroil hatten sich erhoben und liefen ihnen nach. Doch in diesem Moment schoss der Speeder davon.

Obi-Nor atmete durch. Sie hatten den Bereich des Canyons verlassen und flogen über das Ödland. Von Verfolgern war weit und breit nichts zu sehen. Das war noch mal gut gegangen. Ein zerrissenes Staatsgewand, ein paar blaue Flecken, eine überhöhte Spesenrechnung für 45 Credits teure Drinks... Aber er lebte. Und sie waren entkommen, ohne einen Kroil zu töten. Für die weitere Entwicklung konnte dieser Punkt entscheidend sein.
Er wandte sich seiner Tochter zu: "Danke, Yo-Karah! Das war Rettung in letzter Sekunde. Ich verdanke dir mein Leben."
"Und verdanke ich mein Leben nicht dir, Vater?" gab sie schmunzelnd zurück.
Obi-Nor grinste. "Du weißt genau, wie ich das meine. Ich dachte wirklich, du kommst zu spät."
Yo-Karah schüttelte den Kopf. "Eine Jedi kommt nie zu spät, Senator Gildorian. Ebensowenig zu früh. Sie trifft genau dann ein, wenn sie es beabsichtigt."
Aber dann lächelte sie. "Nein, im, Ernst. Es war doch meine Aufgabe, bereit zu stehen, wenn etwas schief geht. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass du schon nach vier Stunden auf diesem Planeten in Todesgefahr sein würdest..."
"Eine Verschwörung", antwortete Obi-Nor grimmig. "Die Diplomatie sollte scheitern. Ich war nur das Bauernopfer. Aber da haben sich einige Leute gewaltig verrechnet. Jetzt drehe ich den Spieß um. Wir müssen auf dem schnellsten Weg zum Raumhafen."
"Du willst schleunigst von hier verschwinden? Gute Idee."
Obi-Nor setzte eine entschlossene Miene auf. "Nein, Yo. So schnell gebe ich nicht auf. Ich werde meine Mission zu Ende führen. Und ich werde die Verschwörung aufdecken. Ich weiß auch schon wie."
"Warum habe ich das Gefühl, dass du dich wieder in Schwierigkeiten bringen wirst und ich dich ein weiteres Mal retten muss?" feixte Yo-Karah.
Obi-Nor nickte ernst. "Genau das ist mein Plan."

 

5.

Senator Byrd biss sich auf die Lippen. Die Sondersitzung des Exekutiv-Ausschusses für Innere Sicherheit lief ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Der alte Corellianer hatte schon lange vermutet, dass all die Falken, Hardliner und Militärköpfe über kurz oder lang aus ihren Löchern kriechen würden. Eine lange Periode des Friedens und der Sicherheit kam nun einmal nicht jedem gelegen. Jahrzehntelang hatte die Rüstungsindustrie vom Kampf gegen das Restimperium und gegen andere äußere Bedrohungen profitiert. Gewaltige Produktionsstätten für den Flottenbau waren entstanden; ja die Volkswirtschaft ganzer Sternsysteme war vom Militärbudget der Neuen Republik abhängig. Da aber niemand mehr ernsthaft die Existenz einer Riesenflotte begründen konnte, mussten die Weichen für den künftigen Militärhaushalt gestellt werden. Byrd und einige andere Senatoren waren für eine drastische Reduzierung des Budgets. Doch eine wachsende Zahl von Mitgliedern des Senats schien einen kostspieligen Umbau der Flotte in eine flexible Eingreiftruppe zur Lösung innerrepublikanischer Konflikte zu befürworten. Die Spitze dieser Bewegung saß ihm im Exekutiv-Ausschuss gegenüber: Ex-Captain Noslen, ein Mon Calamari, einst einer der gefürchtetsten Draufgänger und Admiral Ackbar, hatte mit deutlichen Worten die Verdopplung des Flottenbudgets gefordert. Cheedo, ein hitziger Rodianer, hatte ihn lebhaft unterstützt. Der Kopf der Bewegung aber war Senator Sel Deeca, der in lässiger Haltung und mit überlegener Miene in seinem Formsteinsessel saß und die Aussprache fast gelangweilt verfolgte. Byrd fragte sich, was diesen Menschen, der beinahe ebenso lange dem Senat angehörte wie er selbst, so sicher machte.
Die Sitzungsleiterin, Senatorin G'hak von Ascan, riss ihn aus seinen Gedanken: "Senator Byrd, ich bitte um Ihr Statement."
Byrd erhob sich langsam. "Verehrte Vorsitzende, verehrte Kolleginnen und Kollegen. Wie manche von Ihnen wissen, feiere ich in diesem Jahr ein für menschliche Maßstäbe seltenes Jubiläum: Vor genau 40 Jahren bin ich als Vertreter Corellias in den galaktischen Senat gewählt worden. Damals regierte ein Kanzler namens Palpatine die Alte Republik." Er machte eine kleine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Einige Senatoren nickten anerkennend, nur Sel Deecas Lächeln wurde eine Spur breiter und spöttischer. "Später dann", fuhr Byrd fort, "als Palpatine die Macht an sich gerissen und ein Imperium errichtet hatte, schloss ich mich der Allianz der Rebellen unter Bail Organa und Mon Mothma an. Und seit der Wiedereinsetzung des Senates vor über 20 Jahren bin ich ohne Pause Mitglied dieses Gremiums. In all den Jahren, die so wechselvolle politische Verhältnisse zeitigten, haben mich stets die gleichen Prinzipen geleitet: Gleichwertigkeit der Spezies und Rassen, Souveränität und Freiheit der Mitgliedswelten, Miteinander in Gerechtigkeit und Demokratie. Es sind die zentralen Fundamente, auf denen unsere Neue Republik errichtet ist. Diese Prinzipien benötigen zwar Schutz und Sicherheit gegen äußere Bedrohungen. Aber der Plan, die Flotte für innere Konflikte einzusetzen, die Idee, mit einer Kriegsmaschinerie den inneren Frieden durchzusetzen, der Wahn, Diplomatie durch Gewalt abzulösen - das widerspricht in eklatanter Weise den Grundsätzen unserer Republik. Ein solcher Plan wäre eines Imperiums würdig, nicht aber unserer Vision einer friedlichen und gerechten Galaxis."
Senator Byrds Stimme war bei den letzten Worten leidenschaftlich geworden. Mit Genugtung registrierte er ein zustimmendes Nicken bei einigen noch unentschiedenen Ausschussmitgliedern. Mit sanfterer, aber ebenso eindringlicher Stimme fuhr er fort: "Schlagen wir nicht den Weg Palpatines ein. Fahren wir fort auf dem Weg des Friedens und der Diplomatie."
Er setzte sich. Ob sein moralischer Appell die nötige Wirkung entfalten würde, musste sich jetzt zeigen. Denn nach ihm bekam Senator Deeca das Wort.
"Verehrte Vorsitzende, verehrte Senatorinnen und Senatoren. Mein geschätzter Kollege Byrd hat uns in trefflicher Weise an unsere Prinzipien und grundlegenden Verpflichtungen erinnert." Deeca nickte dem Angesprochenen freundlich zu. "Allerdings erlaube ich mir, noch einige Worte hinzuzufügen. Denn wir alle wissen doch, dass Frieden und Gerechtigkeit oftmals ein allzu labiles Gebilde sind. Wie abhängig ist es zum Beispiel von der wirtschaftlichen Entwicklung! Macht uns nicht die Siltium-Krise klar, wie gefährdet unser Wohlstand und der soziale Friede sind?"
Senator Byrd verzog unwillig den Mund. Er hatte die ganze Zeit geahnt, dass Deeca dieses Thema anschneiden würde.
"Wollen wir wirklich zulassen", fuhr Sel Deeca fort, "dass ein einzelner Planet wie Tera III die Energieversorgung der gesamten Galaxis aus dem Gleichgewicht bringt? Fordert nicht der Ruf nach Gerechtigkeit und Frieden ein rasches und entschlossenes Eingreifen, um die Störung zu beseitigen? Admiral Sheard ist mit der 4. Flotte nur einen Hyperraumsprung von 50 Minuten von Tera III entfernt. Es wäre ein Leichtes, die Militärführung um einen Einsatz zu bitten."
"Sie vergessen wohl", fiel ihm Byrd ins Wort, "dass der Senat bereits einen Sondergesandten ins Tera-System geschickt hat. Diese Krise wird auf diplomatischem Wege gelöst!"
Senatorin G'hak klopfte mit einem Metallhammer auf den Tisch. "Senator Byrd, ich ersuche Sie, den Redner nicht zu unterbrechen!"
Sel Deeca winkte ab. "Lassen Sie nur, verehrte Vorsitzende." Und zu Byrd gewandt fuhr er fort: "Ich habe es durchaus nicht vergessen. Aber ich fürchte, die Diplomatie hat in diesem Falle versagt. Diese Nachricht wurde unmittelbar vor unserer Sitzung übermittelt."
Er aktivierte einen HoloProjektor, und das dreidimensionale Bild von Senatsassistentin Femioola erschien.
"Es ist etwas Schreckliches geschehen", berichtete die Twi'lek. "Senator Gildorian hat ein Kroil-Gesetz übertreten und wurde zum Tode verurteilt. Senatsassistent Bodiga befindet sich in Gewahrsam der Kroil. Ich selbst bin aufgefordert worden, den Planeten zu verlassen. Unsere Mission ist gescheitert."
Ein entrüstetes Gemurmel ertönte in der Runde, als Deeca den Projektor deaktivierte.
Deeca ergriff erneut das Wort: "Diese Kroil verurteilen einen ehrenwerten Senator und Botschafter dieser Republik zum Tode! Soviel zum Thema Diplomatie. Glauben Sie mir, diese Echsoiden verstehen nur eine Sprache: die der Laserkanonen und Turboblaster! Wenn wir jetzt nicht handeln, wird uns künftig jeder Schurkenplanet auf dem Kopf rumtanzen. Bitten wir die Militärführung um die Entsendung der 4. Flotte nach Tera III!"
Senator Byrd sank in sich zusammen. Nur undeutlich nahm er das Geraune und Gemurmel wahr, das auf Deecas Ausführungen folgte. Ihm war klar, dass die Hardliner um Deeca gesiegt hatten. Die Abstimmung würde nur noch eine Formsache sein. Er hatte von vornherein befürchtet, dass Senator Gildorian auf einer aussichtslosen Mission verheizt werden sollte. Aber zum Tode verurteilt...
Was war auf Tera III bloß los?

*

Obi-Nor schlich vorsichtig zwischen Lagerschuppen und abgestellten Speedern hindurch zur Landebucht. Das Senatsschiff hatte bereits die Positionsleuchten angeschaltet, ein Zeichen, dass der Start unmittelbar bevorstand. Von etwaigen Kroilwachen, die Femioola vermutlich zum Raumhafen begleitet hatten, war keine Spur zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie sich zurückgezogen, nachdem die Senatsassistentin an Bord gegangen war. Obi-Nor blickte sich um. Nein, niemand hatte ihn bisher bemerkt. Über Tera III war die Abenddämmerung hereingebrochen, was ihm zusätzliche Tarnung verschaffte.
Mit lautem Getöse sprangen die Repulsoraggregate an. Jetzt konnte Obi-Nor nicht länger zögern. So schnell er konnte rannte er zur Landebucht. Im Laufen schaltete er seinen Kommunikator ein. "George? Hörst du mich? Ich bin hier unten im Raumhafen. Wartet auf mich!"
Das Schiff hob ab, schwebte etwa 20 Meter über dem Boden und sank dann wieder in die Landebucht zurück. Die Einstiegsluke öffnete sich, und Obi-Nor eilte die Rampe hinauf.
"Mylord, welch eine Freude, Euch lebendig zu sehen!" begrüßte ihn GL02.
"Danke, George", gab Obi-Nor zurück. Er blickte durch das Sichtfenster nach draußen. Der Raumhafen verschwand unter ihnen, als das Schiff rasch an Höhe gewann. Offenbar war seine Rückkehr zum Schiff unentdeckt geblieben.
Femioola kam mit erstaunter und verwirrter Miene aus dem Cockpit. "Senator, Sie ... Sie leben? Ich dachte, es ist aus..."
"Noch nicht, Femioola", lächelte Obi-Nor. "Was auch immer mein Schicksal sein wird, als Opfer der Kroiljustiz werde ich nicht enden."
"Verzeiht mir die Bemerkung, Mylord", schaltete sich der Kammerdienerdroide ein. "Ihr seht furchtbar aus. Wenn Ihr mich in Eure Kabine begleitet, werde ich Euch ein neues Gewand geben."
Obi-Nor nickte. "Das wird das Beste sein. - Und Sie, Femioola, informieren mich bitte, wenn wir die Umlaufbahn erreicht haben."

"Ich würde Euch das blaue Samtgewand empfehlen, obwohl ich mir auch..."
"Später, George", schnitt Obi-Nor seinem Droiden das Wort ab. Er aktivierte den Bordcomputer-Terminal und loggte sich in das System ein.
"Was habt Ihr vor, Mylord?" wollte GL02 wissen. "Ich muss gestehen, Euer Verhalten verwirrt mich."
"Bist du das nicht gewöhnt, George?" grinste Obi-Nor.
"Doch, in der Tat", bestätigte der Droide. "Eure Anweisung in dem Bankett-Raum, bevor Ihr abgeführt wurdet - Ihr wisst schon, die Anspielung auf das Handelsembargo auf E'encior V - das hat sich doch jetzt wohl erledigt, nehme ich an?"
"Im Gegenteil", widersprach Obi-Nor. "Dieser Befehl ist aktueller denn je."
Dann konzentrierte er sich auf den Bordcomputer. "Hyperraumantrieb...", murmelte er. "Nein, zu kompliziert... Deflektorschild... nein in unserer Situation nicht relevant... Ah, Seitenstabilisatoren, ja, das müsste gehen..."
Zufrieden lehnte er sich zurück. "Jetzt müssen wir nur noch warten, bis wir im Orbit sind." Er drehte sich zu seinem Droiden um. "Tja, George, beinahe hättest du dir einen anderen Meister suchen können. Vielleicht hättest du einen gefunden, der in weniger verrückte Angelegenheiten verwickelt ist."
"Bitte sagt nicht so etwas, Mylord." Der Droide klang pikiert. "Ihr wisst doch, dass mein Vorbesitzer schon zum Tode verurteilt wurde. Wenn ich einen weiteren Herrn durch eine Todesstrafe verloren hätte..."
"... so etwas spricht sich in Droidenkreisen herum, nicht wahr?" ergänzte Obi-Nor.
"Es fördert nicht gerade meine Reputation. - Aber als Ihr den Fisch verspeisen wolltet, habe ich mir Sorgen um Euch gemacht, nicht um mich."
Obi-Nor nickte. "Das weiß ich zu schätzen. Woher wusstest du eigentlich, dass der Fisch tabu war?"
"Aber Mylord, ich bin Kammerdiener-Droide! Ich beherrsche 6 Millionen Tischkulturen, nicht gerechnet..."
"Schon gut!" Obi-Nor winkte ab. "Wie konnte ich an deinen Fähigkeiten zweifeln?"
Femioolas Stimme ertönte über den Bordfunk: "Wir haben die Umlaufbahn erreicht, Senator."
"Dann wollen wir mal", meinte Obi-Nor und gab einen Code in den Bordcomputer ein. Sofort ertönte ein durchdringender Alarm, und eine Computerstimme warnte: "Seitenstabilisatoren defekt, Seitenstabilisatoren defekt."
"Ich werde jetzt das Schiff verlassen, George", sprach Obi-Nor. "Wenn ich draußen bin, wartest du fünf Minuten, dann drückst du diesen Knopf. Hast du verstanden?"
"Gewiss, Mylord. Nach fünf Minuten. Aber wollt Ihr wirklich das Schiff verlassen? Ist es nicht sehr riskant auszusteigen?"
"Natürlich ist es das", schmunzelte Obi-Nor. "Deshalb tue ich es ja."

Aus dem Orbit betrachtet sah Tera III friedlich aus. Aber vermutlich wäre dies bei jedem anderen Planeten ebenso der Fall gewesen. Die Schwerelosigkeit ließ die unendliche Weite des Alls geradezu körperlich spürbar werden und vermittelte zugleich das Gefühl, über allen Dingen zu schweben.
Obi-Nor schüttelte den Kopf. Er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen. Er schwebte keineswegs über allen Dingen, sondern nur über dem Heck des Raumschiffes. Stirnrunzelnd betrachtete er die Seitenstabilisatoren. Wären sie wirklich defekt gewesen, er hätte keinen blassen Schimmer gehabt, was er hätte tun sollen. Zwar hatte er Femioola weisgemacht, dass er in seiner Anfangszeit als freier Händler - Schmuggler wäre korrekter gewesen - seinen reparaturanfälligen Frachter eigenhändig instandgehalten hatte. Doch in Wahrheit hatte er solche technischen Dinge stets anderen überlassen.
GL02 meldete sich auf einem gesicherteten Kanal: "Ich habe den Alarm abgeschaltet, Mylord."
"Gut, George, ich komme zurück."
Obi-Nor betätigte die Rückstoß-Steuerung seines Raumanzuges und schwebte zur Raumluke.
"Ich bin an der Luke, Femioola", sprach er in sein Kommlink. "Machen Sie die Luftschleuse auf."
"Ich fürchte, das kann ich nicht tun, Senator", kam als Antwort zurück. "Ich kann nicht zulassen, dass Sie meine Pläne durchkreuzen. Auf Tera III hatten Sie Glück, aber hier oben werden Sie Ihrem Schicksal nicht entgehen."
"Verdammt, Femioola, Sie waren es, die die Datenbank über die Kroil manipuliert hat. Ebenso haben sie das sinnlose Ultimatum unten in der Mine absichtlich angeboten, um meinen Auftrag zu sabotieren. Sie haben mich in die Falle gelockt!"
Die Twi'lek lachte; es war ein raues, aggressives Lachen. "Natürlich war ich das, Senator. Begreifen Sie doch, die Zeit der diplomatischen Reisen und endlosen Verhandlungen ist vorbei. Bald weht ein neuer Wind in dieser Republik."
Obi-Nor schnaubte verächtlich. "Wer hat Sie beauftragt, Femioola? Sie haben nicht das Format, so eine Sache allein durchzuziehen. Wer steckt hinter diesem Komplott?"
Femioolas Stimme wurde schneidend. "Ich habe mehr Format als Sie ahnen, Senator. Meinen Sie, ich bleibe ewig Senatsassistentin? Ich habe Größeres vor. Senator Sel Deeca hat meine Fähigkeiten längst erkannt. Er wird der neue starke Mann im Senat, glauben Sie mir. Und ich werde mindestens Botschafterin. Nehmen Sie es nicht persönlich, Senator Gildorian, aber Sie sind mir ganz einfach im Wege. Leben Sie wohl - und genießen Sie die Aussicht..."
Sie deaktivierte die Verbindung.
Quälend langsam setzte sich das Senatsschiff in Bewegung und ließ Obi-Nor zurück. Der Rumpf glitt an ihm vorbei. Dann nahm das Schiff Fahrt auf und entfernte sich.
Obi-Nor war allein.

*

Sie kamen aus dem Nichts. Ein Dutzend schwere Kreuzer, mehrere Kanonenboote und zuletzt zwei Lazarettschiffe sprangen aus dem Hyperraum.
"Koordinaten: Sektor 2, Zero Beta, Sir", meldete der Navigationsoffizier.
Admiral Sheard nickte zufrieden. "Gut, wir sind genau in Angriffsposition. Was immer diese Kroil dort unten haben, unserer Feuerkraft sind sie nicht gewachsen. Stellen Sie eine Verbindung zur Oberfläche her."
Es dauerte einige Augenblicke, dann erschien das Gesicht eines Kroil auf dem Sichtschirm.
"Ich bin Erster Botschafter Yrkchsz. Ich protestiere gegen das unerlaubte Eindringen in den Orbit unseres souveränen Planeten. Ihre Handlung verstößt eindeutig gegen das dritte Abkommen von Fneg."
"Sparen Sie sich Ihre Floskeln", erwiderte Sheard kalt. Unwillkürlich musste er sein Gesicht verziehen. Was waren diese Kroil für hässliche Wesen! Ein Jammer, dass man überhaupt mit solchen Typen verhandeln musste. "Hören Sie genau zu", fuhr er fort. "Sie haben einen Sonderbotschafter des Senates festgenommen und damit selbst zahlreiche Abkommen missachtet. Ich gebe Ihnen genau 30 Minuten Zeit, um uns die Kontrolle über den Planeten zu übergeben. 30 Minuten, keine Sekunde länger. Habe ich bis dahin keine positive Nachricht von Ihnen, greifen wir an."
Er machte eine kleine Pause und beugte sich vor. Seine Stimme war jetzt sehr ruhig und eindringlich.
"Ich sage Ihnen, Botschafter, unsere Feuerkraft übersteigt alles, was Sie bisher gesehen haben. Unsere Turbolaser verwandeln Ihre Siedlungen in Feuer und Rauch. Wir legen Ihre Raumhäfen in Schutt und Asche. Ersparen Sie sich und Ihrem Volk die Orgie aus Chaos, Angst und Schrecken. Geben Sie auf."
Er deaktivierte die Verbindung und schaute sich auf der Kommandobrücke um. Seine Leute waren gut ausgebildet und fest entschlossen. Es würde keine Probleme geben. Natürlich bevorzugten sie eine Kapitulation, das tat er schließlich auch. Eine Schlacht war immer eine schmutzige Angelegenheit. Aber Sheard rechnete keine Sekunde damit, dass die Kroil freiwillig aufgaben. Nein, sie würden kämpfen wollen, ein sinnloses Unterfangen. Es würde eine kurze Schlacht werden, blutig, grausam, aber kurz und siegreich.
Admiral Sheard lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. In 30 Minuten würde der Tanz beginnen.

 

6.

Femioola betrachtete den Sichtschirm mit Genugtuung. Mit zuehmender Entfernung wurde die Gestalt von Senator Gildorian immer kleiner, bis sie schließlich zu einem kaum wahrnehmbaren Punkt schrumpfte. Die Twi'lek schaltete den Schirm ab.
"Wie konnten Sie so etwas nur tun!" Der silberne Droide sprach voller Empörung. "Dieses schändliche Verbrechen ist einer Diplomatin absolut unwürdig!"
"Ach, sei ruhig", entgegnete Femioola unwirsch. "So ein Droide wie du versteht nichts von Politik."
"Aber ich kenne die Strafgesetze der Republik", beharrte GL02. "Ich werde Meldung machen. Dieser Mordanschlag wird nicht ungesühnt bleiben. Ich werde Sie anzeigen."
Femioola lachte spöttisch. "Ach ja? Du willst mich anzeigen? Das dürfte dir kaum gelingen, wenn du erst einmal in irgendeiner Schrottpresse steckst."
Ehe der Droide zurückweichen konnte, betätigte sie mit einer raschen Bewegung seinen Deaktivierungsschalter zwischen Kopf und Schultern. Aber das Resultat fiel anders aus als erwartet. Der Droide ließ keineswegs den Kopf hängen und erstarrte in seinen Bewegungen. Statt dessen sprach er: "Das hätten Sie jetzt nicht tun dürfen, Senatsassistentin!"
Und wie zur Bestätigung seiner Worte ertönte ein durchdringender Alarm im Raumschiff. Wieder erklang die emotionslose Computerstimme: "Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus zwei Minuten."
Femioola erstarrte. "Was ist hier los?" flüsterte sie.
"Oh, ich fürchte, mein Deaktivierungsschalter war mit der Selbstzerstörungssequenz gekoppelt. Es war eine Idee Seiner Lordschaft. Wir haben das schon einmal gemacht, damals beim Handelsembargo auf..."
"Verdammt!" schrie Femioola und schüttelte den Droiden so heftig, dass seine Metallteile klapperten. "Stell das ab! Sofort!"
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus 90 Sekunden."
"Oh ja, das könnte ich tun", antwortete der Droide. "Aber ich sehe nicht ein, warum ich Sie ungestraft davon kommen lassen sollte. Und wenn ich ohnehin verschrottet werden soll, dann..."
"Du bist wahnsinnig!"
"Ich bedaure, Senatsassistentin, aber Kategorien solcher Art sind bei einem Droiden fehl am Platz. Allenfalls könnte mein Meister wahnsinnig sein. Ich persönlich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder Mensch mit ungewöhnlichen Ideen dem Wahnsinn verfallen ist. Obwohl..."
"Bitte!" Femioola war verzweifelt. "GL02, stell das ab!"
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus 60 Sekunden."
"Ich könnte es tun", erwiderte der Droide. "Wenn Sie im Gegenzug so freundlich wären und sich mit diesen Handfesseln dort an das Stahlrohr anketten." Er klappte seine Bauchplatte auf und holte ein Paar Handfesseln heraus."
"Selbstzerstörungssequenz aktiviert. Explosion erfolgt in T minus 45 Sekunden."
"Ich soll mich selbst fesseln?!"
"Gewiss. Der Sicherheitsdienst wird Sie verhören wollen."
Er hielt Femioola die Handfesseln vor das Gesicht.
Die Twi'lek resignierte. Sie nahm die Fesseln und kettete sich selbst an das Stahlrohr.
Augenblicklich verstummte der Alarm.
"Ich danke Ihnen für die Kooperationsbereitsschaft, Senatsassistentin Femioola", sprach der Droide mit einer leichten Verbeugung. "Haben Sie irgendwelche Wünsche? Darf ich Ihnen etwas bringen? Einen K'Feh vielleicht?"

*

Der kleine Frachter näherte sich rasch. Zunächst nur ein glänzender Punkt, wie ein schimmernder Stern, wuchs er schnell heran. Es war ein altersschwacher TG 1200. Zu Zeiten des Imperiums hatte er zu den meistgebrauchten Mittelstrecken-Linienfrachtern gehört, inzwischen sah man ihn nur noch auf unbedeutenden Handelsverbindungen im Outer Rim. Dieser spezielle Frachter war auf eine windige Handelsgesellschaft namens "Minas Cargo" eingetragen. Selbst beim Handelsregister wusste man nicht, dass Obi-Nor Gildorian die Mehrheitsanteile dieser Firma besaß. Deshalb war der Frachter die perfekte Tarnung für Yo-Karahs Einsatz im Tera-System.
Der Frachter verlangsamte seine Fahrt hielt mit geöffneter Luftschleuse unmittelbar neben Obi-Nor.
"Komm an Bord, Vater", meldete sich Yo-Karah über den Kommunikator. "Wir haben keine Zeit zu verlieren."

Obi-Nor nahm den Raumhelm ab und ließ sich auf den Sitz des Co-Piloten fallen.
"Konntest du mein Gespräch mit Femioola aufzeichnen?" fragte er.
Seine Tochter nickte. "Ich habe es bereits nach Coruscant gesendet. Ein eindeutiges Schuldeingeständnis der Twi'lek. Leider hat sie Senator Sel Deeca nicht direkt bezichtigt."
"Ja, das stimmt", bestätigte ihr Vater. "Trotzdem wird Deeca einiges zu erklären haben. Ich hoffe, Femioola sagt auf Coruscant gegen ihn aus. Aber erst einmal muss ich meine Mission zu Ende bringen."
"Ich hoffe, dafür ist es noch nicht zu spät". Yo-Karah sah ihren Vater ernst an. "Die 4. Flotte ist in den Orbit von Tera III eingedrungen, um nach deinem angeblichen Tod den Konflikt militärisch zu lösen. Nach der Standardprozedur müsste Admiral Sheard ein kurzes Ultimatum gestellt haben. Jeden Augenblick kann der Kampf losgehen."
"Hast du die Position der Flotte? - Gut, dann bring uns auf dem schnellsten Wege zum Senatsschiff."
Yo-Karah startete die Sublicht-Triebwerke. Dann deutete sie auf einen Punkt auf dem Nav-Schirm. "Wieso hält das Senatsschiff dort seine Position? Wieso ist Femioola nicht längst im Hyperraum verschwunden?"
Ihr Vater lächelte. "Ich fürchte, sie weiß nicht, wie man mit Kammerdiener-Droiden umgeht."

GL02 ließ Obi-Nor und seine Tochter durch die Luftschleuse ein.
"Ich bin froh, dass Ihr wohlbehalten an Bord kommt, Mylord. Oh, Lady Yo-Karah, es ist mir eine besondere Freude, Euch zu sehen."
"Ganz meinerseits", erwiderte die Jedi. "Aber jetzt lass mich bitte vorbei, ich muss ins Cockpit."
Obi-Nor schlug seinem Droiden mit der Hand auf die Schulter. "Ausgezeichnete Arbeit, George. Wie ich sehe, hast du dich gut um Femioola gekümmert."
Die Twi'lek richtete sich trotzig auf. "Spotten Sie nur, Senator. Sie werden dennoch nicht verhindern können, dass bald ein neuer Wind in der Galaxis weht."
Obi-Nor zuckte die Achseln. "Ich scheide bald aus der aktiven Politik aus. Den Weg der Neuen Republik müssen andere bestimmen. Aber Sie, meine liebe Femioola, werden gewiss nicht dazu gehören."
Er folgte seiner Tochter ins Cockpit. Dort war offenbar eine Diskussion zwischen ihr und dem Piloten-Droiden im Gang.
"Tut mir Leid, das geht nicht", sagte der Droide. "Ob Sie eine Jedi sind und Ihr Vater ein Senator, das spielt keine Rolle. Gesetz ist Gesetz."
"Was ist denn los?" wollte Obi-Nor wissen.
Yo-Karah seufzte. "Ich denke, mit einem Mikro-Hyperraumsprung können wir uns direkt vor das Flaggschiff der Flotte setzen. Wenn Admiral Sheard das diplomatische Schiff sieht, wird er nicht den Befehl zum Feuern geben."
"Aber ein Hyperraumsprung im Orbit ist verboten, Senator", erklärte der Droide. "Das habe ich Ihrer Tochter schon gesagt."
Yo-Karah schaute ihren Vater fragend an; der nickte nur.
Kurzerhand zog die Jedi den protestierenden Droiden aus seinem Sitz und ließ sich selbst dort nieder. Sofort gab sie die Koordinaten in den Nav-Computer ein.
"Halte dich fest, Vater. Wir springen in 30 Sekunden."

*

"Das Ultimatum ist abgelaufen, Sir".
Admiral Sheard nickte. "Gut, fertig machen zum Feuern. Erste Turbolaser-Salve von der Ocean Strike und der Galactic Empress. Beginnen Sie den Countdown bei T minus 30."
"Countdown beginnt, Sir. T minus 30."
Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Raumschiff auf dem Sichtschirm auf.
Sheard kniff die Augen zusammen. "Verdammt, was ist das?"
"ID übermittelt, Sir. Es ist ein diplomatisches Schiff. Ein Kommunikationssignal kommt herein. Senator Gildorian möchte Sie sprechen."

*

Das lapislazuliblaue Meer erstreckte sich bis zum Horizont. Mit sanftem Rauschen brachen sich schaumgekrönte Wellen am weißen Sandstrand. Der stetige Wind bewegte die schlanken Queenspalmen. Die leicht salzhaltige Luft war frisch und rein.
Obi-Nor nahm einen tiefen Atemzug.
Freiheit. Weite und Freiheit.
Das war das Gefühl, das jeden durchströmte, der Palm Island betrat. Wie hatte er es nur sechs Monate in der durch und durch künstlichen Atmosphäre von Coruscant ausgehalten? Hier auf der Holzveranda seines Privathauses auf der kleinen Insel im südlichen Ozean des Planeten Trexx erschien der Irrsinn der gigantischen Wohntürme wie ein Echo aus einer fernen, unwirklichen Welt. Und mit ihm auch die Erinnerung an Debatten und politische Intrigen.
Obi-Nor riss sich vom Anblick des Meeres los und wandte sich Stella Likori und Yo-Karah Mal'Wan zu, die es sich auf der Veranda bequem gemacht hatten.
"Es ist richtig so", sagte er. "Heute endet meine Amtszeit als Senator, und ich bin froh darüber. Hier gehöre ich hin. Außerdem bin ich Händler, Stella, kein Politiker."
Die Angesprochene grinste. "Ich will dich nicht aller Illusionen berauben, Obi-Nor. Aber die Angestellten meinen, sie müssten den Laden sowieso die meiste Zeit ohne dich managen, weil - wörtlich - 'sich der Herr Direktor ständig in irgendwelche Abenteuer verwickeln lässt anstatt die Firma zu leiten'. Hab ich letzte Woche mit eigenen Ohren gehört."
Obi-Nor zuckte mit den Achseln. "Na und? Das ist doch ein Zeichen für gelungene Delegation. Dann lege ich mich eben hier in die Hängematte, während die Angestellten den Laden managen..."
Yo-Karah räusperte sich. "Das könnt ihr später ausdiskutieren. Mich würde interessieren, wie sich die Dinge auf Tera III entwickeln."
"Oh, Stiv Bodiga macht das sehr gut", antwortete Obi-Nor und gab GL02 einen Wink. Der Droide goss ihm etwas Eistee ein. "Nachdem die Kroil erst einmal bereit waren, Verhandlungen aufzunehmen, konnte ich ihm beruhigt das Feld überlassen. Er wird im Senat Karriere machen, gar keine Frage."
"War es nicht etwas gewagt, den Kroil eine Produktivitätssteigerung von 25 % zu garantieren, wenn sie die S'torgh aus der Sklaverei entlassen?" hakte seine Tochter nach.
"Ich denke nicht", entgegnete Obi-Nor. "25% Prozent sind fast ein wenig zu niedrig gegriffen."
"Außerdem müssen die Kroil die Sklaverei ohnehin abschaffen, wenn sie vollwertiges Mitglied der Neuen Republik werden wollen", warf Stella ein. "Aber zurück zu Bodiga. Ich habe mich gefragt, warum du den armen Kerl beim Bankett den Kroil überlassen hast, wenn du dir doch sicher warst, dass Femioola die Datenbank manipuliert hatte."
"Weil er ihn schützen wollte - nicht wahr, Vater?" warf Yo-Karah ein. "Femioola hätte nicht gezögert, auch Bodiga zu beseitigen. Schade, sie hatte Talent. Aus ihr hätte wirklich etwas werden können." Die Jedi ignorierte eine verächtliche Bemerkung von Stella Likori. "Aber nun wird sie die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Ich bin gespannt, ob sie gegen Senator Sel Deeca aussagt."
"Nicht nur du", antwortete Obi-Nor. "Ich erwarte jeden Augenblick eine Nachricht von Coruscant."
Wie zur Bestätigung piepte der Kommunikator.
GL02 aktivierte die Verbindung. "Mylord, Senator Byrd für Sie. Ich leite es auf den Holoprojektor um."
Der weißhaarige Kopf von Senator Byrd erschien über dem Projektor.
"Gratulation Gildorian! Was Sie auf Tera III geleistet haben, war wirklich ausgezeichnet. Der arme Sel Deeca ist nicht so begeistert von Ihnen. Femioola plaudert wie ein Wasserfall. Deeca muss mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen. Nicht, dass ich darüber traurig wäre."
"Mir geht es nicht anders", erwiderte Obi-Nor. "Aber Deeca ist nur der Kopf einer ganzen Gruppe von Senatoren, die aus der Neuen Republik ein zweites Imperium machen wollen und dabei über Leichen gehen."
"Ich weiß, Gildorian, ich weiß. Aber wenn Deeca aus dem Verkehr gezogen ist, ist das schon mal ein Anfang. - Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Das Senatspräsidium dankt Ihnen ganz ausdrücklich für Ihre geleisteten Dienste. Sie haben den Senat ja ganz schön aufgemischt, was? Nun, das Präsidium möchte Sie zum Ehrensenator auf Lebenszeit ernennen. Sie nehmen doch an, oder?"
Obi-Nor verbeugte sich. "Das ist eine große Ehre", sprach er mit ernster Stimme. "Ich hoffe, ich werde mich dieser Auszeichnung als würdig erweisen."
Erst als die Verbindung nach Coruscant beendet war, gestattete er sich ein Lächeln.
Eigentlich war es nicht nur ein Lächeln.
Der ehrenwerte Senator Gildorian grinste wie ein satter Kater.

Obi-Nor