Eine neue Bedrohung

Eine Geschichte aus dem Star-Wars-Universum

Prolog

Er trat durch das riesige Tor, hinaus in die feuchte, neblig-kühle Nacht, um seinen Besucher zu erwarten. Der nasse Grasboden der Lichtung inmitten der bewaldeten Insel schimmerte im fahlen Licht des gelben Viertelmondes und Tautropfen hingen an den Zweigen der vereinzelt stehenden T'Lami-Sträucher. Die Kälte verwandelte seinen Atem in kleine Dampfwolken. Er blieb stehen und konzentrierte sich auf seine Umgebung. Ein Nagetier verschwand raschelnd im dichten Unterholz des Dschungels. Nachtfalter suchten mit zuckendem Flug das Weite, in der Ferne verstummte der Ruf des Nacht-Pylots. Dann war alles still, als ob die Natur sich respektvoll oder ängstlich vor der verhüllten Gestalt, die neben den uralten Tempelmauern stand, zurückwich. Seine Aura breitete sich weiter aus, ergriff die gesamte Insel, die Küstengewässer, die Luft. Fischschwärme wichen ebenso vor seiner Präsenz zurück wie die Meri-Möwen, die auf der Jagd nach Meerestieren die Küste entlang flogen.

Er schloss die Augen und fühlte, wie die Macht ihn durchströmte. Er tauchte ein in einen unendlichen Strom von Gedanken, Erinnerungen, Visionen, Gefühlen und Erkenntnissen. Langsam setzte er die mentalen Mosaiksteine zu einem einzigen großen Bild zusammen und betrachtete es prüfend.

Ist die Zeit gekommen?


Er sah die Alte Republik, die im Strudel von Korruption und politischen Machtkämpfen untergegangen war. Dachte an den selbstzufriedenen und überheblichen Jedi-Orden, ausgelöscht durch Verrat in den eigenen Reihen.
Er erinnerte sich an das Imperium Palpatines, das beinahe die gesamte Galaxis beherrscht hatte. Spürte das Echo gewaltiger Kriege und Vernichtungen. Er hatte schon früh vorausgesehen, dass Palpatine scheitern würde. Dessen Vorurteil gegenüber nichtmenschlichen Spezies hatten zwangsläufig ins Chaos führen müssen. Nein, Palpatine hatte nie das Format besessen, die Galaxis zu beherrschen.
Er sah die jämmerlichen Nachfolger Palpatines, mehr damit beschäftigt, sich gegenseitig auszuschalten, als die Rebellen zu vernichten. Niemand, der den Verstand gehabt hätte, auch nur einen einzigen Planeten zu regieren. Niemand außer - Thrawn. Ja, Thrawn war anders gewesen, weil er selbst den blauhäutigen Chiss unterwiesen hatte. Er hatte ihn Taktik und Strategie gelehrt. Thrawn war nicht so vermessen gewesen, sich selbst zum Imperator emporzuschwingen. Er hätte ihm die Herrschaft bereitet, wie man in Imperial City bei diplomatischen Empfängen den roten Textilboden ausrollte. Aber auch Thrawn war gescheitert. Er war von seinem eigenen Leibwächter verraten worden, von einem Noghri, der Lady Vader die Treue geschworen hatte.
Lady Vader oder Leia Organa Solo, wie sie sich selbst nannte, war Präsidentin der Neuen Republik. Eine zerbrechliche Allianz, innerlich zerstritten durch die Eifersüchteleien eitler Senatoren. Aber schlagkräftig, wenn sie von außen bedroht wurde. Konnte die Neue Republik jetzt einer neuen Bedrohung standhalten?

Ist die Zeit gekommen?

Er verließ die Gegenwart und tauchte tiefer in die Vergangenheit ein, ließ die Jahrhunderte an sich vorbeiziehen. Er sah seine Jugend, seine Taten, die Ausbildung, die Lehren, den Konflikt und - Yoda. Yoda war ein Narr gewesen. Weil er stets Furcht, Zorn und aggressive Gefühle abgelehnt hatte - ständig hatte er sie die "dunkle Seite" der Macht genannt -, hatte er nie begriffen, wozu die Macht wirklich imstande war. Immerhin, trotz der Einschränkung durch seine ungenügenden Jedi-Lehren hatte er es weit gebracht. Sogar die Vernichtung des Jedi-Orden hatte er überlebt. Aber dann war er schließlich doch gestorben. Vor Altersschwäche. Nur weil er sich an seinen lächerlichen kleinen grünen Körper geklammert hatte.
Derartige Skrupel hatte er nie gehabt. Ein Körper war nützlich, ein Vehikel, nicht mehr. Zur Zeit besaß er den Körper eines Menschen, eines selbst nach den Maßstäben dieser kurzlebigen Spezies sehr jungen Menschen. Er hatte ihn von einem Priester-Adepten aus dem ehemaligen Tempel, den er nun bewohnte. Zu Beginn seines selbstgewählten Exils hatte er sich den Ta'Tau-Priestern angeschlossen. Nicht nur, weil sie hier in den Unbekannten Regionen ein abgeschiedenes Dasein fristeten. Sondern auch, weil er ihre Jahrtausende alten Meditationstechniken lernen wollte. Aber schließlich hatte er der Priester nicht mehr bedurft. Nie tötete er aus purer Grausamkeit oder Vernichtungswut. Aber seine Bestimmung war zu wichtig, um sie zu gefährden. Jetzt gab es keine Priester mehr auf dieser Insel. Es gab nur noch ihn.

Ist die Zeit gekommen?

Er hatte sich in den vergangenen Jahren nicht einfach tatenlos in der Abgeschiedenheit der Unbekannten Region versteckt. Feine Fäden, unsichtbare Netzwerke hatte er gesponnen, heimliche Allianzen geschmiedet, subtile Abhängigkeiten geschaffen. Seine Vasallen und Spione hatten alle größeren Bündnissysteme der Galaxis infiltriert. Niemals würden sie entdeckt werden. Denn die allermeisten von ihnen wussten nicht einmal, dass sie für ihn tätig waren. Ahnten nicht einmal, dass er sie wie Marionetten nach seinem Willen lenkte. Aber diese nützlichen Diener waren nicht entscheidend. Viel wichtiger war: Er hatte einen Schüler ausgebildet, einen Menschen namens Rage. Hatte ihn die Philosophie der Jedi und der Sith gelehrt. Hatte ihn in der Macht unterwiesen und ihm die wahre Bestimmung der Galaxis gezeigt. Als sein Schüler darauf brannte, sich dem neuen Jedi-Orden zu erkennen zu geben, hatte er ihn Geduld gelehrt. Hatte ihn immer wieder ermahnt, die Wege der Macht im Ablauf der Zeiten zu erforschen.
Längst war sein Schüler zu einem Sith geworden, zu Darth Rage, stark in der Macht, viel mächtiger als dieser selbsternannte Jedi-Meister, der Sohn Vaders, oder die Schüler seiner lächerlichen Akademie je werden könnten. Darth Rage war in seinem Auftrag durch die gesamte Galaxis gereist, um alle Vorbereitungen zu treffen für den Fall, dass die Zeit reif war. Und nun war Darth Rage auf dem Weg zu ihm.

Ist die Zeit gekommen?

Er versenkte sich ganz in die Macht. Er nahm die Kraft wahr, die die Galaxis zusammenhielt, spürte, wie die Macht im beständigen Fluss war. Fühlte wie ein fernes Echo das Flackern der Macht, wenn ein Stern zerbarst, eine Nova geboren wurde oder eine Sonne zum Neutronenstern schrumpfte. Er spürte das Wachsen und Werden der Welt ebenso wie das Vergehen und Sterben. Und inmitten dieser Meditation erkannte er die Antwort auf seine Frage.

Ja, die Zeit ist gekommen!


Er spürte eine Bewegung in der lebendigen Macht. Lange ehe seine Sinnesorgane die Raumfähre wahrnehmen konnten, fühlte er die herannahende Gegenwart seines Schülers.
Der Zeitpunkt war da.
Er würde Darth Rage den Befehl geben loszuschlagen.
Er würde endlich seiner Bestimmung gerecht werden.
Er würde die Herrschaft über die Galaxis antreten.
Er, Darth B'Yern, der wahre Erbe von Exar Kun.

 

 

1. Diplomatie


"Hyperraum-Austritt in 20 Standardsekunden!"
Die per BordCom übertragene Stimme des Piloten zerriss die Stille in der geräumigen Passagierkabine. Der goldene Protokoll-Droide schreckte hoch.
"Oh, Mistress Leia, wir verlassen den Hyperraum, Sie sollten sich anschnallen!"
"Ja, ich habe es gehört, 3PO, danke."
Leia Organa Solo, die Präsidentin der Neuen Republik, richtete die Rückenlehne ihres bequemen Passagiersessels auf und schnallte sich an. Ein Zittern durchlief das Raumschiff, dann zeigten die Sichtdisplays der Steuerbordseite statt eintöniger Schwärze die Sternenpracht des Normalraumes. Auf Backbord war eine corellianische Korvette, die Corellian Spring, zu sehen. Das Bugdisplay wurde von einem grünblauen Planeten fast gänzlich ausgefüllt.
"Schauen Sie, Mistress Leia, das ist Dantooine!" rief C3PO überflüssigerweise.
Nun erschien auch an Steuerbord ein Kriegsschiff. Es war die Sternenglanz, ein Mon-Calamari-Kreuzer der Flattop-Klasse, soeben aus dem Hyperraum gesprungen. Achtern erschien eine weitere Korvette: die Corellian Autumn, das Schwesterschiff der Spring.
Leia seufzte. Hoffentlich erwecken wir nicht einen falschen Eindruck, dachte sie. Der schwer bewaffnete Begleitkonvoi war ein Kompromiss gewesen. Leia war in heikler diplomatischer Mission unterwegs und hatte darauf bestanden, mit der Open Hand, einem unbewaffneten Botschafter-Schiff zu reisen. Admiral Ackbar, der Oberkommandierende der Flotte der Neuen Republik, hatte seinerseits darauf bestanden, dass die Präsidentin nicht auf wirksamen Schutz gegen Piratenüberfälle verzichtete. Schließlich konnten sie sich auf das aus drei Schiffen bestehende Geleitkommando verständigen. Der Flattop-Kreuzer führte zwei Geschwader X-Wing- und B-Wing-Jäger mit sich, so dass sie in der Lage waren, flexibel auf einen etwaigen Hinterhalt zu reagieren.
Der Geleitschutz würde im Orbit von Dantooine warten. Leia wollte keinesfalls mit Kriegsschiffen auf dem Planeten landen. Ihre Mission wäre dann von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es war ohnehin schon schwierig genug. Sie seufzte erneut. Würde die Regentin von Dantooine ihre Entschuldigung annehmen?

Die Open Hand drang in die Atmosphäre des Planeten ein und schwebte in schnellem Sinkflug über den mittleren Kontinent. Leia betrachtete fasziniert das Sichtdisplay. Dantooine war eine fruchtbare Welt. Dichte grüne Wälder und flussreiche Grasflächen erstreckten sich über Tausende von Quadratmeilen. Weil der Planet wenig Bodenschätze zu bieten hatte, war er stets spärlich besiedelt gewesen. Die meisten vernunftbegabten Spezies, die sich im Laufe der Geschichte hier niedergelassen hatten - meist Menschen und andere Humanoide - nutzten zwar die Vorteile einer technisierten Zivilisation, waren aber im Grunde immer Nomaden, Bauern und Viehzüchter geblieben. Dantooine war eine Welt im Äußeren Rand der Galaxis, fern von den turbulenten politischen Umwälzungen der Kernwelten. Und doch war Dantooine von den Schrecken des Krieges nicht verschont geblieben. Denn damals, als ...
Leia straffte sich plötzlich und griff zum BordCom.
"Captain, bitte überfliegen Sie die ehemalige Siedlung der Eol-Sha-Kolonisten!"
"Wie Sie wünschen, Ma'am!"
Die Open Hand beschrieb einen weiten Bogen nach Steuerbord und hielt sich in nördlicher Richtung. Der Wald wurde hier immer häufiger von Grasland unterbrochen. Würde sich das Bild unberührter Natur ändern, wenn sich die Bestrebungen zur Neuordnung der Handelsrouten durchsetzten? Erst vor zwei Monaten hatte der Handelsausschuss vorgeschlagen, bei Dantooine einen weiteren Hyperraumknoten für die Routen in den Äußeren Rand der Galaxis festzulegen. Diese "Knoten" waren Navigationspunkte, Raumkoordinaten, an denen Raumschiffe in den Normalraum sprangen, um den Vektor für den weiteren Hyperraumflug zu bestimmen. Unweigerlich würden sich in den umliegenden Systemen Raumwerften, Warenlager und -umschlagplätze ansiedeln.
Der Pilot flog jetzt sehr niedrig, nur wenige Hundert Meter über dem Boden. Sie passierten einige Hügelketten, einen See und eine Ebene mit einzeln stehenden, gewaltigen Blb-Bäumen.
"Auf 15 Grad Backbord, Ma'am. Die Überreste der Eol-Sha-Siedlung!"
Vor über zehn Jahren hatten sich hier Siedler des vom Untergang bedrohten Planeten Eol Sha mit Hilfe der Neuen Republik ein neues Zuhause geschaffen. Doch Admiral Daala, eine imperiale Kriegsherrin, hatte die Siedlung und alle ihre Bewohner vernichtet.
"Eine Siedlung?" plapperte C3PO. "Ich kann nichts von einer Siedlung erkennen."
Leia starrte auf ihr Sichtdisplay, betätigte den Zoom und holte sich Details heran. Verkohlte Überreste von Wohncontainern, verrostete Wrackteile, das war alles, was von der Siedlung übrig geblieben war. Sie fühlte einen Stich in ihrem Herzen.
Dann schwenkte sie das Bild herum. Drüben, hinter dem Wald, hatten ebenfalls einmal Menschen gelebt. Das waren keine friedlichen Siedler gewesen, sondern Rebellen gegen das Imperium, die hier einen Stützpunkt errichtet hatten. Leia hatte in ihrer Gefangenschaft auf dem Todesstern des Grand Moff Tarkin die Position dieses zum damaligen Zeitpunkt bereits verlassenen Stützpunkt preisgegeben, um nicht das tatsächliche Hauptquartier der Rebellen auf Yavin 4 zu verraten. Das Imperium hatte Dantooine daraufhin besetzt. Und das friedliche Volk der Dantari, das hier lebte, wurde grausam in den Sog des Bürgerkrieges gezogen. Ohne es zu wollen, hatte Leia damals Leid und Tod über die Dantari gebracht. Und heute, 23 Jahre später, holte sie die Vergangenheit wieder ein ...
Nun, es blieb ihr keine andere Wahl. Sie musste sich der Situation stellen.
Entschlossen aktivierte sie ihr BordCom.
"Nehmen Sie Kurs auf die Stadt Dantar, Captain!"

Lyndea Marsko fühlte sich elend. Nicht nur, dass sie schlapp war und am ganzen Körper Schmerzen hatte. Auch psychisch war sie nicht gerade in bester Verfassung. Wieso musste ihr das ausgerechnet jetzt passieren? Nie war sie krank gewesen, seit sie ins Marine-Corps der Neuen Republik aufgenommen worden war. Nie hatte sie aus gesundheitlichen Gründen auch nur einen einzigen Einsatz oder Routineflug in ihrem X-Wing versäumt. Und jetzt ausgerechnet L'Ott-Fieber! Das gesamte Geschwader hatte blöde Witze gerissen, als sie sich diese Kinderkrankheit eingefangen hatte. Aber natürlich war mit L'Ott-Fieber nicht zu spaßen. Diese höchst ansteckende Krankheit war für Kinder völlig ungefährlich, im Erwachsenenalter konnte sie aber hohe Risiken bis hin zu Lähmungserscheinungen bergen. Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass sich die Pusteln entzünden konnten ...
Lyndea quälte sich aus dem Bett und wankte in den Erfrischer. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie sah, dass die Pusteln in ihrem Gesicht allmählich eine bläuliche Färbung annahmen. Das war ein sicheres Zeichen für ein gutes Ausheilen der Krankheit. Nein, entstellende Narben würde sie nicht zurück behalten. Wenigstens etwas.
Mühsam schleppte sie sich zurück und ließ sich auf ihre Schlafstatt sinken.
Ungünstiger hätte der Zeitpunkt der Erkrankung nicht sein können. Im nächsten Monat standen die Beförderungen an. Und obwohl sie erst 27 Jahre alt war, galt sie, Captain Lyndea Marsko, als ganz heiße Kandidatin für die Ernennung zum Major. Niemand im gesamten Geschwader konnte besser fliegen als sie. Niemand erzielte höhere Punkte bei theoretischen Tests. Ihre Menschenführung galt als vorbildlich. Und in Gefechtssimulationen waren ihre Taktik-Vorschläge stets die effektivsten. Aber wurde die bevorstehende Beförderung tatsächlich nach sachlichen Kriterien entschieden? Immerhin hatte sie mit Ruto "Shorty" Igino einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Shorty war ein ausgezeichneter Pilot und Offizier. Aber mehr noch: Er war Sohn des Senators Cork Igino, und der wiederum war zufälligerweise der Vorsitzende des parlamentarischen Kontrollausschusses für Marinefragen ...
In dieser Situation kam es darauf an, präsent zu sein, sich den Vorgesetzten zu zeigen. Der Geleitschutz für die Präsidentin auf ihrer Reise nach Dantooine wäre eine hervorragende Gelegenheit gewesen. Aber nun hatte Shorty Igino ihre Staffel übernommen, während sie in der Basis das Krankenlager hütete.
Lyndea unterdrückte einen Fluch, nahm eine Makrodosis Medizin, drehte sich auf die Seite und versuchte einzuschlafen.

Die Stadt Dantar war nicht mehr als eine Ansammlung von einigen hundert, vielleicht tausend niedrigen Steinhäusern. Kein Vergleich zu den Metropolen der meisten bewohnten Welten in dieser Galaxis. Oder gar zu Coruscant, der planetenumspannenden Megalopolis im Zentrum der Republik. Nein, Dantooine war nicht gerade der Nabel der Welt. Einige Senatoren hatten auch deutlich zu verstehen gegeben, wie wenig sie davon hielten, dass sich die Präsidentin persönlich auf eine "Good-Will-Tour in diese entlegene und primitive Region" begab, wie sie kritisierten.
Leia betrachtete die Stadt beim Landeanflug der Open Hand. Primitiv war dieser Ort allenfalls in den Augen eingebildeter Politprofis im Senat. Die inmitten einer sanften Talsenke an einem Fluss gelegene Stadt machte auf Leia eher den Eindruck einer Idylle. Sie sah große, von Menschen dirigierte Lasttiere auf den drei Verbindungsstraßen im Umland. Auf den fruchtbaren Feldern zogen Ernterobots ihre Bahnen. Einige Repulsorgleiter schwebten durch die von Bäumen gesäumten Straßen der Stadt, die sich in ihrer Mitte zu einem weiten Platz öffneten. Im Zentrum des Platzes befand sich der Regierungspalast. Dieses Gebäude, das größte in Dantar, maß in der Grundfläche etwa 30 auf 50 Standardmeter. Die vier Stockwerke hohen Mauern waren aus mächtigen, unbehauenen Kzin-Steinquadern errichtet und durch hohe, breite Fenster unterbrochen. Hier regierte Empress S'silk, die Herrscherin der Dantari.
Die Open Hand flog nahe am Palast vorbei und hielt auf den kleinen Spaceport außerhalb der Kernsiedlung zu. Leia konnte neben den Landebuchten die langgestreckten Tarlass-Silos erkennen. Die fünf Gebäude stellten gewissermaßen die Schatzkammer Dantooines dar. Das grüne Tarlass-Kraut mit seiner narkotisierenden Wirkung auf Humanoide war das wichtigste Exportprodukt des Planeten. Aus der Arzneimittelproduktion der gigantischen Chemofabriken auf Bay Alpha war es nicht mehr wegzudenken. Da es auch zur Herstellung von Rauschgift verwendet werden konnte, waren Tarlass-Frachter stets ein lohnendes Ziel für Piratenüberfälle. Deshalb transportierte die Neue Republik das Kraut seit Jahren nur mit schwer bewaffneten Konvois ihrer staatlichen Frachtgesellschaft.
Doch vor einigen Monaten hatten die Dantari den Handelsvertrag überraschend gekündigt, um die Frachtlizenzen, wie ihr Botschafter Ston Troy mitteilte, auf dem freien Markt zu vergeben. Alle Verhandlungen mit dem Ziel, die Dantari nochmals umzustimmen, waren ergebnislos gewesen. Als Botschafter Troy schließlich Leias Schuld an dem Massaker des Imperiums an den Dantari andeutete, beschloss die Präsidentin unverzüglich, sich persönlich nach Dantooine zu begeben.

Die Open Hand setzte auf. Nach dem Verstummen der Repulsoraggregate öffnete sich die Rampe, und Leia betrat den Planeten, gefolgt vom Droiden C3PO.
Am Rande der Landebucht wartete neben einem großen Landgleiter ein hoch gewachsener grauhaariger Mann mit wasserblauen, von feinen Fältchen umrandeten Augen. Gekleidet war er in eine schlichte, in der Taille mit einem Ledergurt zusammengebundene, moosgrüne Tunika, die ihm bis zu den Knöcheln reichte. Seine Füße steckten in grauen Halbschuhen. Nur ein einziges Schmuckstück schien er sich zu gönnen: eine silberne schwere Halskette, die in einem vor seiner Brust baumelnden handtellergroßen Medaillon endete. Das Medaillon zeigte ein stilisiertes Sonnensystem in einem konzentrischen Doppelkreis. Es war ein galaxisweit verbreitetes diplomatisches Symbol und wies ihn als Botschafter seines Planeten aus.
Leia schritt auf ihn zu. Als sie ihn erreicht hatte, verbeugte er sich tief.
"Präsidentin Organa Solo, willkommen auf Dantooine." Seine Stimme war ein wohltönender, ruhiger Bass. "Es ist eine große Ehre für uns, dass Ihr uns persönlich besucht. Mein Name ist Ston Troy, Erster Botschafter Dantooines. Ich stehe Euch zu Diensten."
Leia deutete ebenfalls eine Verbeugung an. "Ich danke Ihnen im Namen der Neuen Republik für den freundlichen Empfang."
Ston Troy warf einen kurzen Blick über Leias Schultern zur Rampe der Open Hand. Als er sah, dass sich der Ausstieg wieder schloss, wirkte er leicht irritiert.
"Frau Präsidentin, habt Ihr denn keine Begleitung mitgebracht? Keine Leibwache oder Ehrengarde? Keine ..." Er zögerte einen Moment. "Keine Wirtschaftsberater?"
"Nein, Botschafter, ich bin allein. Nur dieser Protokolldroide begleitet mich."
"C3PO, zu Euren Diensten", plapperte dieser sofort dazwischen. "Ich bin Protokolldroide und Mensch-Maschine-Kontakter. Ich beherrsche sechs Millionen Kommunikationsformen und ..." Er brach ab, weil er realisierte, dass die beiden Menschen ihn überhaupt nicht beachteten.
"Ich bin ohne Leibwache gekommen, weil ich der Gastfreundschaft der Dantari vertraue", fuhr Leia fort. "Im Orbit befinden sich Kriegsschiffe, wie Ihnen Ihre Sensoren gewiss gemeldet haben. Sie dienen aber lediglich zu meinem Schutz während der langen Reise. Und Wirtschaftsberater brauche ich für meinen Besuch bei Empress S'silk nicht. Ich bin nicht gekommen, um über Handelslizenzen zu verhandeln."
Der Botschafter nickte zögernd. "Empress S'silk erwartet Euch in ihrem Palast. Bitte nehmt im Landgleiter Platz."
Er wirkte plötzlich unsicher. Dass Leia allein gekommen war, damit hatte er nicht gerechnet. Aber Leia spürte noch mehr, nahm wahr, dass er sich unbehaglich fühlte. Und mit einem Mal erkannte sie den Grund: Ston Troy war ganz allein am Spaceport erschienen. Nicht einmal einen Landgleiterpiloten hatte er mitgebracht. Das war ein klarer Affront gegen diplomatische Gepflogenheiten. Wenn Troy den Gleiter selbst steuern musste, konnte er sich nicht zu Leia auf eine der Rückbänke setzen, um mit ihr zu reden. Damit hatte er sich von der Wirtschaftsdelegation, die er in Leias Schlepptau vermutet hatte, distanzieren wollen. Dass er nun den Chauffeur abgeben musste, war ihm unter diesen Umständen sichtlich peinlich.
"Darf ich mich zu Ihnen nach vorn setzen?" fragte Leia deshalb. "Der Droide kann hinten Platz nehmen."
Ston Troy warf ihr einen dankbaren Blick zu, als er erkannte, dass sie die Situation entschärfen wollte.
Und so nahmen der höchste Diplomat des Planeten Dantooine und die Präsidentin der mächtigen Neuen Republik auf Bediensteten-Sitzen Platz und fuhren einen Protokoll-Droiden wie einen goldenen König durch die Stadt Dantar.

Im Zentrallabor der Forschungsstation im Orbit des Planetoiden LZ 514 war es totenstill.
Colonel Stym Grchmarrh schaute sich die kleine Gruppe der Wissenschaftler einen nach dem anderen wortlos an: Krak Tifuno, den Twi'Lek-Chefingenieur, sowie seine beiden Assistenten, den grünhäutigen P'rr Malven, und den vogelähnlichen Zmarrgeno. Alle drei hielten dem durchdringenden Blick aus ihren eisgrauen Augen stand und nickten bekräftigend.
"Wenn ich es also richtig verstanden habe", ergriff sie schließlich das Wort, "behaupten Sie, auf mentalem Wege in einen Hochsicherheitscomputer einbrechen zu können. Sie denken sich einfach hinein. Habe ich das richtig verstanden?"
Colonel Grchmarrhs Blick wurde noch stechender. Sie war eine kleine, drahtige Frau von etwa 50 Jahren. In ihrer tadellos sitzenden imperialen grauen Uniform und mit ihren militärisch kurz geschnittenen hellbraunen Haaren, vor allem aber wegen des harten Zuges um ihren Mund wirkte sie wie eine perfekte Symbiose aus Energie und Disziplin.
"Nun, äh, Colonel", begann Krak Tifuno in seiner üblichen umständlichen Art, "gewissermaßen - ja."
"Natürlich ist das in Wirklichkeit alles viel komplizierter", sprang ihm P'rr Malven bei.
"Natürlich", bestätigte Colonel Grchmarrh in gefährlich falschem Plauderton.
"Furchtbar kompliziert", echote Zmarrgeno.
Grchmarrhs Geduld war am Ende.
"Nun hören Sie mal gut zu", zischte sie, während ihre Augen an Laserkanonen erinnerten. "Sie haben genau eine Minute Zeit, es mir einfach zu erklären. Und zwar so, dass ich es verstehe, ohne dass Sie mich dabei wie eine Sechsjährige behandeln. Gelingt Ihnen das nicht, werden Sie alle drei einen Raumspaziergang machen - ohne Raumanzüge, versteht sich. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
"Natürlich, völlig klar", stieß Krak Tifuno mit schreckensweit geöffneten Augen und nervös zuckenden Kopftentakeln hervor. "Wir können ..."
"Die Minute läuft bereits", unterbrach ihn Grchmarrh mit kalter Stimme.
"Nun, es ist folgendermaßen", übernahm P'rr Malven das Zepter. "Wir haben ein Mensch-Maschine-Interface entwickelt, das Gedanken in digitale Dateien verwandeln kann und umgekehrt. Wie der Name schon sagt, funktioniert das Interface nur bei Menschen und anderen Humanoiden. Auf der anderen Seite muss der Computer aus einem neuronalen Netzwerk dritter Ordnung bestehen, weil wir nur für diese Rechner eine Schnittstelle simulieren können, die dem menschlichen Gehirn angemessen ist. Wir haben übrigens das menschliche Gehirn ausgewählt, weil ..."
"Das interessiert den, äh, die Colonel sicher nicht", schnatterte Zmarrgeno dazwischen. "Wichtiger ist: Wir können uns in einen Rechner über das HoloNet einwählen und buchstäblich Daten ansehen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen. Es ist der perfekte Hackerangriff!"
"Und das Beste", warf nun Tifuno triumphierend ein, "das Beste ist, dass wir eine HoloVid-Simulation entwickelt haben, die uns in die Lage versetzt, durch einen Computer zu spazieren - virtuell natürlich."
Die Wissenschaftler verstummten. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass die Minute vorbei war.
Colonel Grchmarrhs Züge entspannten sich, und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.
"Der Kern des Ganzen ist also ein perfekter Hackerangriff?"
"Ja, Colonel", strahlten die drei Wissenschaftler um die Wette. Endlich hatte diese Soldatin begriffen, worum es ging.
"Und können Sie einen Menschen benennen, der es schafft, in das, sagen wir, zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen Republik einzubrechen?"
Krak Tifuno trat stolz einen Schritt vor. "Mit Verlaub, Colonel, mein ehemaliger Assistent Miles Norton ist bereit und in der Lage, einen solchen Hacker-Angriff vor Ihren Augen durchzuführen."
Stym Grchmarrh nickte. "Rufen Sie ihn herbei. Aber er wird sich nicht allein vor meinen Augen beweisen müssen. Ich werde Lord Rage verständigen. Er wird der Demonstration beiwohnen."

Der Erste Botschafter der Dantari führte Leia und C3PO in den Thronsaal des Palastes. Es war ein rechteckiger, fast zehn Meter hoher Raum von rund 100 Quadratmetern. An der Stirnseite befand sich ein niedriges Podest mit dem großen, aus Holz geschnitzten, reich verzierten und gepolsterten Thron. Hier erwartete sie Empress S'silk, die Herrscherin des Planeten Dantooine. Zu beiden Seiten des Thrones hatten sich mit historischen Lanzen bewaffnete Ehrengardisten postiert, eher eine zeremonielle Geste als ein wirksamer Schutz vor Attentätern. In der Nähe des Podestes saßen auf schlichten Holzsesseln vier Männer. Leia vermutete, dass sie Regierungsmitglieder oder Berater waren.
Ein Herold verkündete bei ihrem Eintreten mit lauter Stimme: "Leia Organa Solo, Präsidentin der Neuen Republik."
Die vier Männer erhoben sich respektvoll von ihren Stühlen, während Empress S'silk sitzen blieb.
Als Leia einige Meter vor dem Podest stehen blieb, ergriff der Herold erneut das Wort: "Es empfängt Euch Empress S'silk aus dem Hause K'Ser, Herrscherin der Dantari und Regentin des Planeten Dantooine, Tochter der Weisheit, Schwester der Kriegskunst, Gefährtin der Gerechtigkeit."
Ehe Leia etwas erwidern konnte, trat C3PO vor, offensichtlich provoziert durch diese Huldigung.
"Es besucht Euch Prinzessin Leia Organa Solo, Präsidentin der Neuen Republik", begann er mit indigniert klingender Stimme. "Prinzessin Leia ist eine Heldin der Rebellion, stark an Weisheit und Güte, aber ebenso mutig im Kampf. Ich bin C3PO, Protokoll-Droide und Roboter-Mensch-Kontakter. Ich war selbst dabei, als wir unter dem Kommando der Prinzessin ..."
"Schon gut, 3PO", unterbrach ihn Leia.
"Oh, Mistress Leia, hab ich was falsch gemacht? Ich wollte doch nur ..."
Leia schnitt ihm wiederum das Wort ab: "Warte bitte draußen, 3PO!"
"Ja, ganz wie Sie wünschen." Der goldene Droide trippelte davon. Beim Hinausgehen jammerte er leise vor sich hin. "Ich habe versagt. Oh, Mistress Leia ist bestimmt böse auf mich. Man wird mich desintegrieren lassen ..."
Empress S'silk hatte die Szene regungslos verfolgt. Jetzt gab sie einem Diener ein Zeichen, und ein bequemer Repulsor-Sessel wurde für Leia herein gebracht.
"Nehmt bitte Platz, Präsidentin", sagte Botschafter Troy, der neben Leia stand.
Doch Leia schüttelte den Kopf. "Für das, was ich zu sagen habe, brauche ich keinen Sessel."
Sie machte eine Pause und musterte Empress S'silk. Die Regentin Dantooines war etwa ein Dutzend Jahre jünger als sie. Sie hatte ein offenes und freundliches Gesicht mit wachen, lebendigen Augen, deren Farbe Leia an die Ozeane Alderaans erinnerte. Das blonde Haar war zurückgekämmt und kunstvoll geflochten. Ihre schlanke Gestalt wurde von einer weiten dunkelblauen Samtrobe umhüllt, unter der eine schlichte graue Tunika zu sehen war. Wie ihr Botschafter hatte sie fast gänzlich auf Schmuck verzichtet. Lediglich ihr Gürtel bestand aus aufwendig verarbeiteten Silberkordeln, die in einem kleinen Kunstwerk ausliefen. Es zeigte zwei Hände, die gemeinsam einen Ring hielten. Das gleiche Symbol war auch auf dem roten Wandteppich hinter dem Thron abgebildet, das Wappen ihrer Dynastie, wie Leia vermutete. Die Erscheinung der Empress war sehr viel schlichter und einfacher als Leia erwartet hatte. Insgeheim war sie froh, dass sie nur ihr schlichtes weißes Seidenkleid und nicht die prächtige Staatsrobe angezogen hatte.
"Was habt Ihr mir zu sagen, Präsidentin Organa Solo?" fragte Empress S'silk. "Wie ich sehe, seid Ihr ohne Berater gekommen. Welche Botschaft habt Ihr für mich?"
Leia holte tief Luft. "Ich bin gekommen, um mich bei Euch zu entschuldigen, Empress. Bei Euch und Eurem Volk. Ohne es zu wollen, habe ich vor vielen Jahren die Dantari in den Bürgerkrieg gegen das Imperium hineingezogen. Ich bedaure dies zutiefst."
Leia machte eine kleine Pause. Dann kniete sie nieder.
"Ich bitte Euch um Vergebung."
Sekundenlang war kein einziger Laut im Thronsaal der Dantari zu hören. Die Berater der Regentin und auch Botschafter Troy hielten den Atem an. Die mächtige Präsidentin der Neuen Republik kniete vor ihrer Herrscherin!
Die Sekunden verrannen, ohne dass sich Empress S'silk rührte. Auch Leia behielt ihre Position bei, ohne sich zu bewegen. Ston Troy wurde unruhig. Warum regierte die Empress nicht? Wollte sie die Präsidentin demütigen? Die diplomatischen Verwicklungen wären nicht abzusehen.
Eine Minute verging.
Leia bekämpfte ihre Unruhe und die in ihr aufsteigende Ungeduld. Entspann dich! forderte sie sich in Gedanken selbst auf. Sie nutzte die Macht, um sich zu beruhigen. Es gelang ihr, ihre Atmung zu kontrollieren und sich auf ihr Gegenüber zu konzentrieren. Empress S'silk schien einen heftigen inneren Kampf auszutragen. Leia fühlte, wie ihre Aura flackerte. Doch äußerlich war sie völlig ruhig. Unverwandt starrte sie Leia an; ihr Blick war wie der Strahl eines Durchleuchtungsgerätes in einem Medizentrum.
Schließlich ergriff Empress S'silk das Wort.
"Ich nehme Eure Entschuldigung an. Erhebt Euch bitte! Und nehmt Platz!"
Ein kollektives Aufatmen der Berater war die Folge. Ston Troy wischte sich mit einer verstohlenen Geste den Schweiß von der Stirn.
Leia erhob sich. "Ich danke Euch, Empress!" sagte sie, sich leicht verbeugend. Dann setzte sie sich auf den Repulsorsessel.
"Dreiundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit für eine Entschuldigung", ergriff Empress S'silk das Wort. "Aber ich fühle, dass Ihr es ernst meint."
"Die Entschuldigung war mein privates und persönliches Anliegen", antwortete Leia. "Doch ich habe noch ein Angebot der Neuen Republik zu überbringen. Wir akzeptieren selbstverständlich Eure Entscheidung, auf eine unabhängige Handelsgesellschaft für die Tarlass-Transporte zurückzugreifen. Aber dessen ungeachtet bieten wir Euch den Schutz der Neuen Republik an. Eine vollwertige Mitgliedschaft oder - wenn Euch dies eher zusagt - den Status eines kooperativen Verbündeten."
Leia warf Ston Troy einen kurzen Blick zu und bemerkte, wie seine Augen aufleuchteten. Er war offenbar ein Fürsprecher einer Verbindung mit der Republik. Die vier Berater der Regentin hingegen schauten recht missmutig drein.
"Euer Angebot ehrt uns", sagte Empress S'silk. "Doch Dantooine zieht es vor, neutral zu bleiben."
Leia war enttäuscht, gab aber noch nicht auf. "Bedenkt doch, dass Euer Planet einem Angriff durch einen Aggressor schutzlos ausgeliefert ist. Das Imperium ist geschwächt, aber noch nicht besiegt."
"Das Imperium Palpatines hat Unglück und Verderben über uns gebracht", nickte Empress S'silk. "Imperator Palpatine hat die Galaxis unterjocht. Aber er ist tot. Vor dem Imperium Palpatines haben wir nichts mehr zu befürchten. - Habt Ihr sonst noch etwas vorzubringen?"
"Nein", antwortete Leia niedergeschlagen. Sie seufzte. Es war zwecklos, das Thema weiter zu verfolgen. "Mein Angebot gilt weiterhin. Bitte überlegt es Euch noch einmal in Ruhe. Wenn Ihr gestattet, werde ich jetzt nach Coruscant zurückkehren."

Die Open Hand hob mit surrenden Repulsoraggregaten ab. Der Pilot zündete den Sublichtantrieb, und das kleine Raumschiff schoss donnernd in die Höhe. Leia war tief in Gedanken versunken. Auf den ersten Blick betrachtet war ihre Mission fehlgeschlagen. Empress S'silk hatte ihr Entschuldigung zwar akzeptiert, doch in der Frage einer Annäherung Dantooines an die Neue Republik hatte sie keinen Fortschritt erzielt. Andererseits war völlig offen, welche Langzeitwirkung ihr Besuch auf Dantooine hatte. Empress S'silk war von Leias Offenheit und Ehrlichkeit sichtlich beeindruckt gewesen. Vielleicht zahlte sich dies in der Zukunft einmal aus. Leia fand die Selbstbeherrschung der Regentin bewundernswert. Sie schien sich völlig unter Kontrolle zu haben. Wäre Leia nicht machtsensitiv, hätte sie von dem gewaltigen inneren Kampf der Dantari nichts gespürt.
Die Open Hand erreichte den Orbit und steuerte auf die wartenden Kriegsschiffe zu.
Leia konnte ihre Gedanken von der Begegnung mit der Herrscherin von Dantooine nicht abwenden. Irgendetwas an ihrem kurzen Dialog war seltsam gewesen. Aber was? Sie grübelte und versuchte, sich ihr Gespräch im Thronsaal in Erinnerung zu rufen. Es hatte etwas mit dem Imperium zu tun, dessen war sie sich sicher.
Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Als sie das Imperium erwähnt hatte, hatte Empress S'silk vom Imperium Palpatines gesprochen. Mehrfach sogar, wie sich Leia zu erinnern glaubte. Warum hatte sie den Namen des toten Imperators betont? Es hatte fast so geklungen, als gäbe es mehr als ein Imperium ...
Leia spürte, wie sie sich innerlich verkrampfte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ein neues Imperium erstehen, mächtiger und tödlicher als unter dem Imperator Palpatine. Eine Vision von einer alles unterjochenden und die Republik zerschmetternden Herrschaft.
Du siehst Gespenster, schalt sie sich selbst. Aber andererseits hatte sie gelernt, auf ihre innere Stimme zu hören. "Die Macht ist stark in unserer Familie", hatte ihr Bruder, der Jedi Luke Skywalker vor langer Zeit zu ihr gesagt. Was würde Luke wohl zu ihrer Befürchtung sagen?
Das BordCom riss sie aus ihren Gedanken.
"Wir haben die vereinbarte Position im Konvoi eingenommen. Sie müssen nur noch den Sprung in den Hyperraum befehlen, Ma'am."
"Wir springen noch nicht, Captain", entgegnete Leia. "Bitte verbinden Sie mich mit Commodore Matryys auf der Corellian Spring. Ich muss etwas mit ihm besprechen."

Im Thronsaal des Palastes von Dantar herrschte Hochstimmung. Die Berater von Empress S'silk umschmeichelten ihre Regentin mit huldvollen Reden. Besonders Kok Briass, der Erste Minister, überschüttete Empress S'silk mit Lob über ihre umsichtige Diplomatie. Selbst Ston Troy, innerhalb des erweiterten Beraterstabes immer in einer Außenseiterrolle gewesen, zeigte ein zufriedenes Gesicht. An den Schmeicheleien beteiligte er sich jedoch nicht. Empress S'silk, die alle Lobreden unbeeindruckt an sich abprallen ließ, wandte sich direkt an ihren Ersten Botschafter.
"Wie schätzt Ihr den Besuch der Präsidentin ein, Botschafter Troy?"
"Er hat unsere Position gestärkt, Hoheit", entgegnete er. "Solange eine Braut von zwei Prinzen umworben wird, kann ihr nichts geschehen."
"Was wollen Sie damit sagen?" brauste Briass auf. "Wir werden das Angebot von Lord Rage annehmen, das ist doch wohl klar!" Er schaute Empress S'silk fragend an. "Hoheit, das Neue Imperium stellt zwei Sternzerstörer zu unserem Schutz ab. Für die Tarlass-Produktion zahlt es wesentlich mehr als die Märkte der Republik hergeben. Ihr werdet Euch doch für das Neue Imperium entscheiden?!"
"Schutz?!" Troys Stimme troff vor Hohn. "Wenn hier zwei Sternzerstörer auftauchen, dann nur, um Dantooine zu besetzen, aber nicht, um uns zu schützen. Hoheit, wenn wir uns auf die Seite des Imperiums schlagen, sind wir bald ein abhängiger Vasallenstaat."
"Bitte beruhigt Euch!" Empress S'silk machte eine beschwichtigende Geste. "Botschafter Troy hat Recht. Solange eine Braut noch umworben wird, geht es ihr gut. Erhört sie eine Werbung, landet sie wie eine Dienstmagd in der Küche."
Die Berater starrten ihre Regentin betroffen an. Solche Worte hatten sie aus ihrem Munde noch nie gehört.
"Oder um es anders auszudrücken", fuhr Empress S'silk fort, "wir bleiben neutral und sorgen dafür, dass wir vom Imperium und der Republik so lange wie möglich umworben werden."

 

 

2. Wegelagerer


Ein gellender Alarm riss Ruto "Shorty" Igino aus dem Schlaf. An der Vibration der Kabinenwände erkannte er, dass die Sternenglanz den Hyperraum verlassen haben musste. In rasender Eile zog er seinen Pilotenoverall an, schlüpfte in die Stiefel, stülpte seinen Helm auf den Kopf und rannte hinaus auf den Korridor. Dort wimmelte es von Piloten, die zum Hangar mit den Jagdmaschinen eilten.
"B-Wing-Geschwader bereit zum Ausritt!" hörte er über sein HelmCom.
"B-Wing freigegeben", antwortete die Stimme von Major Frixx, dem Koordinator der Jagdgeschwader.
Igino rannte in den Hangar und sah, wie die B-Wings donnernd in den Weltraum schossen.
"Was ist los?" rief er einem Techniker zu, der das Wartungsdisplay für seine Staffel kontrollierte.
"Ein künstlicher Schwerkrafttrichter hat uns aus dem Hyperraum geholt, Sir. Das ist nicht nur ein simpler Piratenüberfall. Wir haben es mit einem militärischen Gegner zu tun."
Wie zur Bestätigung dieser Einschätzung erbebte der riesige Mon-Calamari-Kreuzer unter einem Treffer. Ein durchdringender, auf- und abschwellender Alarmton signalisierte schweren Schaden.
Igino kletterte in seine Maschine und betätigte die Cockpit-Verriegelung, während er hörte, wie sich die anderen Staffelführer auf der Geschwaderfrequenz meldeten.
"Staffel Rot - einsatzbereit!"
"Staffel Blau - einsatzbereit!"
"Staffel Grün- einsatzbereit!"
"Staffel Gold - einsatzbereit!" meldet nun auch Igino.
"Also dann viel Glück, Jungs", antwortete Major Frixx. "Raus mit euch!"
Mit dröhnenden Triebwerken jagten die X-Wings hinaus.

Es war das Ende.
Sobald die Corellian Spring aus dem Hyperraum gerissen wurde, wusste Commodore Firenno Matryys, dass sie keine Chance hatten. Sie waren in eine absolut tödliche Falle geraten. Vier imperiale Zerstörer der Victory-Klasse, zwei Sternzerstörer der größeren Empire-Klasse; dazu leichte Kreuzer und Kanonenboote. Von den wie ein Insektenschwarm heranrasenden TIE-Jägern ganz zu schweigen.
"Gefechtsalarm! Schilde hochfahren! Jäger raus!" Seine Befehle bellte der Commodore beinahe automatisch. Jeder Alarm war hunderte, tausende Male geübt worden, bis jeder an Bord seine Aufgaben ohne zu überlegen beherrschte.
Die Deflektorschilde wurden hochgefahren, und die ersten Laserschüsse des Gegners prallten wirkungslos ab. Nun erst gestattete sich Matryys einen Gedanken über ihre derzeitige Lage. Zwei Abfangschiffe mit einem starken elektromagnetischen Feld hatten einen künstlichen Schwerkraftschatten erzeugt und die Rückkehr in den Normalraum erzwungen. In der offiziellen Militärsprache hieß ein solches Manöver deshalb auch korrekterweise "erzwungene Rückkehr in den Normalraum infolge Erzeugung eines virtuellen Schwerkraftschattens". Aber jeder Marineangehörige sprach einfacher, doch ebenso treffend, von einem "Wegelagerer". Man musste den Hyperraumvektor schon ganz genau kennen, um einem Schiff auf diese Weise auflauern zu können. Das Manöver kam daher nur auf bekannten Reiserouten von Linienschiffen vor. Oder wenn Verrat im Spiel war. All dies ging Commodore Matryys im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf.
"Kommunikationsoffizier, senden Sie ein Breitband-Notsignal: 'Begleitkonvoi Präsidentin Organa Solo von imperialen Wegelagerern gestellt' Dazu unsere Koordinaten. Senden Sie diesen Text wieder und wieder. Bis Sie den Befehl bekommen aufzuhören!"
Oder bis wir alle tot sind, fügte er in Gedanken hinzu.
Die Sternenglanz spuckte ihre Jäger aus, die sich sofort in einen Nahkampf mit den TIEs stürzten.
Er starrte zu den Sternzerstörern der Empire-Klasse hinüber.
Wir werden uns teuer verkaufen, schickte er dem Gegner eine stumme Botschaft. Verdammt teuer!

Da kamen sie.
Wie reife Früchte vom Baum, so fielen die republikanischen Kriegsschiffe in den Normalraum.
Aus dem Hyperraum direkt in unseren Erntekorb, dachte Admiral Xuun.
Er rascher Blick über die Brücke des Sternzerstörers Retaliation zeigte ihm, dass alle Besatzungsmitglieder vom Jagdfieber erfüllt waren. Sie waren ebenso Chiss wie er, blauhäutige Humanoide mit feuerroten Augen. Ihr scharfer analytischer Verstand machte sie zu hervorragenden Militärstrategen. Dies hatte selbst Imperator Palpatine einsehen müssen, als er nicht umhin kam, trotz seiner Verachtung für nichtmenschliche Spezies einen der Ihren, den Kriegsherren Thrawn, zum Großadmiral zu befördern. Thrawn hatte die verhasste Republik beinahe in die Knie gezwungen, bevor er verraten und ermordet worden war.
Aber jetzt konnten sie Rache und Vergeltung üben.
"Taktik-Code Drei!" befahl er.
Er sah auf seinem Display, wie die Revenge, der andere Sternzerstörer der Empire-Klasse, zu feuern begann.
Der Tanz hatte begonnen.

Shorty Igino kam sich vor wie im Zentrum eines Infernos. Lasersalven zuckten an seinem Jäger vorbei, und um ihn herum explodierten Maschinen in gleißenden Feuerbällen.
Die dritte B-Wing-Staffel hatte gewaltige Lücken in die Reihen der TIEs gerissen, doch jetzt war sie selbst in höchster Bedrängnis.
"Goldstaffel - Wir gehen auf 410, die Bs brauchen Hilfe!" befahl er seinen Leuten.
Sofort drehten die Maschinen ab und stürzten sich Laserschüsse abfeuernd auf den Feind.
Zwei TIE-Jäger explodierten, bevor die anderen imperialen Jäger merkten, dass sie von der Seite angegriffen wurden. Dann aber nahmen sie die X-Wings ins Visier.
"Gold drei. Du hast zwei am Heck kleben!"
"Verstanden, Gold eins. Ich weiche aus ... nein! Bin getroffen!"
Der X-Wing trudelte mit abgerissenem Backbordbordflügel steuerlos auf ein Kanonenboot zu, wo er am Deflektorschild zerschellte.
Igino verfolgte den TIE, der Gold drei abgeschossen hatte, musste aber in einer Haarnadelkurve abdrehen, weil er selbst unter Beschuss geriet.
Wenn das so weiter ging, waren sie in wenigen Minuten aufgerieben.
Er entdeckte inmitten des Chaos die diplomatische Raumfähre Open Hand regungslos im Raum schweben. Vermutlich war ihre Elektronik durch eine Ionenkanone ausgeschaltet. Es war das einzige republikanische Schiff, das nicht beschossen wurde.
Sie wollen die Präsidentin lebend gefangen nehmen, dachte Igino unwillkürlich.
Dann riss er seine Maschine herum und sprang Gold vier bei, der von zwei TIEs in die Zange genommen wurde.

Firenno Matryys fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte. Sein Taktik-Display zeigte ihm, dass die Deflektorschilde der Corellian Autumn ausgefallen waren. Zwei verzweifelte Turbolaserschüsse konnte die Korvette noch abgeben, dann wurde sie von mehreren Volltreffern erwischt.
In einem gigantischen Feuerball explodierte das Schiff und übersäte das gesamte Schlachtfeld mit Trümmern.
Auf imperialer Seite waren zwei Kanonenboote zerstört, ein leichter Kreuzer trieb schwer angeschlagen im Raum.
"Geschützoffizier: Feuer auf den vorderen Sternzerstörer konzentrieren!"
Er wusste, dass seine Befehle letztlich wirkungslos bleiben würden, aber seine jahrelang geübte Routine spulte die taktischen Varianten wie von selbst herunter.
Er realisierte, dass auch die Sternenglanz den Sternzerstörer unter Beschuss nahm.
Und das Dauerfeuer zeigte Wirkung: Die Deflektorschilde des Sternzerstörers brachen teilweise zusammen. Das Schiff musste schwere Treffer am Heck hinnehmen.
Wenn wir doch nur eine Fregatte oder wenigstens ein paar Korvetten mehr hätten! dachte Matryys.
Doch er kam nicht mehr dazu, den Gedanken, der nicht mehr war als ein verzweifelter Wunschtraum, zu Ende zu führen. Denn nun griff auch der zweite Sternzerstörer in den Kampf ein. Er konzentrierte sein Turbolaser-Feuer auf den Mon-Calamari-Kreuzer. Die ohnehin überlasteten Deflektorschilde brachen zusammen. Unter der tödlichen Energie weiterer Salven brach das Schiff auseinander.
Mit der Vernichtung der Sternenglanz war zugleich auch das Schicksal der Jäger besiegelt. Sie hatten jetzt kein Schiff mehr, in das sie sich zurückziehen konnten.
Mit Verzweiflungsattacken warfen sich die Jagdmaschinen auf den Feind, nur um eine nach der anderen abgeschossen zu werden.

Die Schlacht war entschieden.
Admiral Xuun gestattete sich ein emotionsloses Lächeln.
"Geben Sie der Revenge Bescheid, dass sie das Diplomatenschiff an Bord holt. Wir übernehmen die zweite corellianische Korvette!"
Es wurde ein kurzes Gefecht. Die Deflektorschilde des Corellianers hielten dem Dauerfeuer nicht stand, zumal sie von den Kanonenbooten und leichten Kreuzern bereits zermürbt waren. Xuun sah, wie Dutzende von kreisrunden Rettungskapseln das schutzlose Schiff verließen.
"Sehen Sie nicht aus wie Bälle beim P'ol-Spiel?" fragte er Colonel Cawth, den Ersten Offizier. "Geben Sie dem Reserve-Jagdgeschwader Befehl zum Ausrücken. Sie dürfen jetzt Ball spielen!"

Der Evakuierungsalarm übertönte jedes andere Geräusch auf der Corellian Spring. Firenno Matryys verfolgte vom Kommando-Platz auf der Brücke, wie die Rettungskapseln abgeworfen wurden. Er hatte den interstellar gültigen Code zur Aufgabe senden lassen. Nun würde jeder, der in einer Rettungskapsel aufgefischt wurde, in einem imperialen Gefangenenlager interniert werden. Einfache Soldaten und untere Offiziersgrade würden in einem Austauschprogramm oder gegen Lösegeld rasch wieder freigelassen werden. Höhere Offiziere würden wohl sehr viel länger in Gefangenschaft bleiben müssen. Doch wenn alles gut ging, konnten sie in neun oder zehn Monaten wieder bei ihren Familien sein. Sein Schicksal als Kommandant dagegen war völlig ungewiss. Er zuckte die Achseln. Wer in der Marine Karriere machte, wusste um dieses Risiko. Hauptsache, er konnte wenigstens einige seiner Leute retten.
Plötzlich zuckte er zusammen. Ein neues Geschwader TIE-Jäger verließ den zweiten Sternzerstörer und - machte Jagd auf die Rettungskapseln!
"O nein!" entfuhr es ihm, als eine unbewaffnete Kapsel nach der anderen zerplatzte.
Sie missachten die interstellare Konvention, dachte er. Es geht ihnen um die vollständige Vernichtung. Und gleich ist die Corellian Spring dran.
Er wandte sich zum Kommunikationsoffizier, der die ganze Zeit unermüdlich das Breitband-Notsignal abgesetzt hatte. Es war ein junger Mann von vielleicht 22 Jahren, der frisch von der Marineakademie gekommen war.
"Hör auf, mein Junge", sagte Matryys sanft. "Es ist vorbei."
Das letzte, was er sah, war das Aufblitzen einer imperialen Turbolaser-Batterie, die seine Worte auf tödliche Weise bestätigte.

Shorty Igino kam sich vor wie in einem Albtraum. Das konnte doch einfach nicht real sein. War er wirklich der einzige Jagd-Pilot der Republik, der hier noch am Leben war?
"Gold eins an alle - hört mich noch jemand?"
Eine schreckliche Stille antwortete ihm nur allzu deutlich.
Er kurvte durch das riesige Trümmerfeld, das einmal die Sternenglanz gewesen war. Die verstreuten Wrackteile boten ihm eine wenn auch dürftige Deckung.
Aus den Augenwinkeln sah er die immer noch bewegungslose Open Hand. Jetzt schwebte aber der riesige Rumpf eines Sternzerstörers über der Diplomatenfähre. Ein gewaltiges Raumtor öffnete sich an der Unterseite, und ein Traktorstrahl zog die Open Hand heran.
Innerhalb einer Zehntelsekunde hatte Igino eine Entscheidung getroffen.
Er kappte die Reaktorkühlung seines X-Wing und stellte den sofort einsetzenden, nervenden Alarmton ab. Dann zog er die Maschine herum und steuerte auf die Open Hand zu.
Die Reaktoren der kleinen X-Wing-Jäger waren nicht besonders gut gekühlt. Die Unterbrechung der Kühlleitung führte beinahe sofort zur Überhitzung. Die Skala des Borddisplays zeigte die Temperatur im roten Bereich an.
Halt noch paar Sekunden durch! dachte Igino.
Die Open Hand war dem Rumpf des Sternzerstörers bereits sehr nahe.
Doch dann hatte Igino den Sternzerstörer erreicht.
Der X-Wing schoss an der Open Hand vorbei und raste völlig ungebremst in die ungeschützte Bauchöffnung der Revenge.
In dieser Sekunde explodierte der Reaktor.

Admiral Xuun starrte auf sein Display.
Sahen die Narren denn den X-Wing nicht?
Doch bevor er die Revenge warnen konnte, schoss der Jäger durch das Raumtor des Zerstörers und verursachte eine gewaltige Explosion, die den Traktorstrahl unterbrach und das Diplomatenschiff vom Sternzerstörer wegschleuderte.
Xuuns Miene war versteinert, als er neue Anweisungen gab: "Holen Sie die Fähre mit dem Traktorstrahl zu uns. Und geben Sie Evakuierungsbefehl für die Revenge. Das Schiff muss gesprengt werden."
"Sir?" wagte der Erste Offizier diese Anweisung in Frage zu stellen.
"Ich denke, Sie haben mich verstanden", antwortete Xuun kalt. "Wir müssen schleunigst von hier weg. Und die Revenge ist in diesem Zustand nicht hyperraumtauglich."
Einige Minuten später wartete Xuun im Hangar, wo die Open Hand von bewaffneten Truppen umstellt war. Ein Einsatzkommando führte soeben den Piloten der Fähre ab. Ihr Offizier kam mit ratlosem Gesicht zu Xuun.
"Admiral, wir haben alles durchsucht. Der Pilot war die einzige Person an Bord. Ich fürchte, Präsidentin Organa Solo befand sich nicht auf diesem Schiff."

Leia Organa Solo setzte die kleine Raumfähre, die die Sternenglanz an Bord mitgeführt hatte, sanft vor dem großen Tempel auf dem Dschungelmond Yavin 4 auf. Sie fuhr die Repulsoraggregate herunter und öffnete die Ausstiegsrampe. Als sie gefolgt von ihrem goldenen Protokoll-Droiden ausstieg, sah sie, dass ihr Bruder bereits auf sie wartete. Sie umarmte ihn herzlich, doch er schaute sie fragend an.
"Was ist mit dir, Leia?"
"Ich bin bedrückt, Luke. Deshalb komme ich ja zu dir. Wir müssen reden."
Ein zwitscherndes Piepen unterbrach sie.
"Hallo R2", lächelte sie den kleinen gedrungenen Droiden an. "Alle Schaltkreise in Ordnung?"
"Oh, R2D2!" rief C3PO entzückt. "Schön, dass wir uns wieder treffen! Komm mit, ich muss dir was berichten!"
Die beiden setzten sich in Bewegung.
"Stell dir vor", plapperte C3PO weiter, "ich habe der Herrscherin von Dantooine alle unsere alten Rebellenabenteuer erzählt."
R2D2 zwitscherte eine Frage.
"Nein, deine Rolle bei der Rebellion fand ich nicht erwähnenswert ..."

Jacen und Jaina Solo waren überrascht, dass ihre Mutter unvermittelt in der Jedi-Akademie aufgetaucht war.
"Du willst Onkel Luke doch nicht fragen, welche Lernfortschritte wir machen?" fragte Jacen scherzhaft.
"Nein, Kinder", entgegnete Leia, während sie versuchte, ihre Besorgnis zu verbergen. "Ich muss nur mit meinem Bruder etwas besprechen."
"Du machst dir Sorgen, Mutter", stellte Jaina fest. "Du brauchst uns nicht einzuweihen, worum es geht, aber versuche bitte nicht, deine Gefühle vor uns zu verstecken."
Leia seufzte. "Manchmal ist es gar nicht so einfach, Jedi als Kinder zu haben. Du hast Recht, ich bin besorgt, aber als Präsidentin der Republik bin ich eigentlich ständig mit irgendwelchen beunruhigenden Dingen konfrontiert."
Sie strich ihrer Tochter über das Haar. "Ich soll euch übrigens von eurem Vater grüßen. Ich habe vor der Landung mit ihm gesprochen. Schließlich will ich nicht, dass er sich Sorgen macht, wenn der Begleitkonvoi ohne mich nach Coruscant zurückkehrt."
Sie umarmte die beiden, dann ging sie zu Lukes Quartier.
Auf den breiten Fluren des alten Tempels begegneten ihr zwei Frauen.
"Leia!" rief die eine der beiden freudig überrascht.
Leia lächelte zurück: "Ich freue mich, dich zu sehen, Yo-Karah."
Sie kannte Yo-Karah Mal'Wan schon, als diese noch ein Säugling war. Die 'jüngste Heldin der Neuen Republik', wie sie sie scherzhaft nannte. Yo-Karahs Vater war damals ein Rebellenspion gewesen und hatte das Datapad mit den Plänen des ersten Todessterns in ihrer Windel aus Imperial City herausgeschmuggelt.
War es ein Zufall, dass sie ausgerechnet jetzt Yo-Karah begegnete, die sie an den Todesstern erinnerte? und zwar an dem Ort, den sie schützen wollte, indem sie Dantooine preisgegeben hatte?
"Du siehst besorgt aus", sagte Yo-Karah. "Bedrückt dich etwas?"
Leia seufzte. "Alle fragen mich hier nach meinen Sorgen. Wenn die Regierungsmitglieder doch nur halb so einfühlsam wären! Ja, ich mache mir Sorgen, deshalb möchte ich mit meinem Bruder sprechen."
Dann wandte sie sich an die andere Frau. "Darf ich erfahren, wer Sie sind?"
Die zweite Jedi, die Leia auf Mitte Zwanzig schätzte, war sehr klein, kaum 1,6 Standardmeter groß. Ihre zierliche, fast knabenhafte Figur bildete einen starken Kontrast zu Yo-Karahs wuchtiger Gestalt. Die dunkelblonden Haare waren zu einem langen Zopf gebunden, der ihr weit über den Rücken fiel. Ihre aquamarinblauen Augen wurden von halbkreisförmigen, an die Torbögen im Tempel erinnernden Brauen überkrönt. Das schmale und ein wenig spitze Gesicht verlieh ihr einen listigen, fast schelmischen Ausdruck.
"Jael Jinn Hajom", antworte die Jedi.
"Oh, Sie sind das! Meine Kinder haben schon von Ihnen erzählt. Sie helfen meinem Bruder beim theoretischen Unterricht der Jedi-Schüler. Geschichte der Galaxis, nicht wahr?"
"Ja", nickte Jael Jinn Hajom, "in den Augen der Schüler die langweiligste Materie überhaupt."

"Du hast Sorge, dass ein neues Imperium entsteht?", fragte Luke Skywalker seine Schwester. "Ein neuer, mächtiger Imperator sich erhebt und die Galaxis unterwirft?"
Leia nickte. "Luke, ich weiß, es klingt absurd, aber ..."
"Nein, Leia", unterbrach sie der Jedi. "'Absurd' ist immer eine Frage des Standpunktes und der gewohnten Perspektive. Wichtig ist allein, was du fühlst."
"Ich weiß nicht, was ich fühle, Luke. Ich ... Ich weiß es einfach nicht!" Leia wirkte verzweifelt. "Ich weiß nur, was ich in einem kurzen Augenblick vor Augen hatte: Ein Imperium, das nicht das Imperium Palpatines war."
Luke nickte bedächtig. Dann erhob er sich und trat zum Fenster seines Gemaches. Er schaute auf die versinkende rote Silhouette des Gasplaneten Yavin. Regungslos stand er da, seiner Schwester den Rücken zugekehrt. Leia vermochte nicht zu sagen, ob er nachdachte oder meditierte. Schließlich drehte er sich um und setzte sich wieder in seinen Sessel. Lange schaute er Leia ernst in die Augen.
"Ich habe auch etwas gespürt", sagte er schließlich. "Eine Bewegung in der Macht. Es war wie das Echo eines fernen Rufes. Oder wie die Welle, die von einem in einen ruhigen See geworfenen Stein ausgelöst wird. Einige Wochen ist das nun schon her. Ich weiß auch nicht, was es zu bedeuten hat, aber auch ich bin sehr beunruhigt. Dann hatte ich einen Alptraum. Oder nenne es 'Vision im Schlaf', wie du willst. Ich habe den Geist Exar Kuns gesehen, des Sith-Lords. Und nun siehst du ein neues Imperium entstehen ..."
"Vielleicht hat das gar nichts miteinander zu tun, Luke", versuchte Leia zu beschwichtigen, doch tief in ihrem Innern war sie vom Gegenteil überzeugt.
"Doch Leia, ich fühle, wie alles zusammenhängt."
Leia seufzte. "Ja, Luke, ich auch."
"Ich habe bereits Jedi ausgesandt, um der Bewegung in der Macht nachzugehen ..." Luke machte eine kurze, nachdenkliche Pause. "Aber es wäre gut, wenn noch mehr Jedi der Sache nachgehen. Wenn du deine Vision auf Dantooine hattest, dann sollten wir dort mit der Spurensuche beginnen."
"Danke Luke. Du weißt, wie ich mich über die Unterstützung freue. Im Verteidigungsausschuss kann ich nicht mit Visionen oder Gefühlen argumentieren. Und für eine Geheimdienstoperation fehlen die konkreten Anhaltspunkte. - Kannst du menschliche Jedi beauftragen? Dantooine ist eine von Menschen bewohnte Welt. Ich glaube, es wäre leichter ..."
"Daran habe ich auch schon gedacht", entgegnete Luke. "Zur Zeit befinden sich vier ausgebildete menschliche Jedi auf Yavin."
"Zwei sind mir gerade begegnet", lächelte Leia. "Yo-Karah und Jael Jinn Hajom."
Luke lächelte. "Und ich spüre die Präsenz der Dritten draußen auf dem Flur."

Wie zur Bestätigung seiner Worte klopfte es an der schweren Holztür. Nach Lukes Aufforderung trat eine Jedi ein. Angesichts der meditativen Ruhe im Tempel bot sie einen seltsamen Anblick: Sie war nämlich völlig verschwitzt. Ihre Tunika klebte an ihrem Körper, die langen rotbraunen Haare hingen in feuchten Strähnen herunter, und ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet. Nur ihre Atmung hatte sie offenbar infolge von Jedi-Techniken unter Kontrolle.
Mit einer leichten Verbeugung begrüßte sie die Anwesenden. "Sei gegrüßt, Master Skywalker. Ich grüße auch Euch, Präsidentin Organa Solo. Bitte entschuldigt mein Aussehen, ich komme gerade vom Lichtschwerttraining und war auf dem Weg zum Erfrischer."
"Leia, darf ich dir Sha'In-Mar T'Abora vorstellen?"
"T'Abora?" Leia war überrascht. Doch dann fiel ihr die Ähnlichkeit auf. Das längliche Gesicht, die blauen Augen, vor allem aber die edle und herrschaftliche Ausstrahlung. Auch das Alter konnte stimmen, die Jedi mochte wohl 27 Jahre alt sein.
"Ihr seid die Tochter des Prinzen Kars T'Abora, des Herzogs von Tuán, nicht wahr?"
"Ja, Ihr habt Recht. Aber es gibt kein Herzogtum Tuán. Nicht mehr."
Leia nahm jetzt in ihren Augen einen tief sitzenden Schmerz wahr.
"Ja, ich weiß. Ich habe gehört, dass Eure gesamte Familie in dem Massaker ums Leben gekommen ist, das Großadmiral Thrawn auf Tuán angerichtet hat. Nur Ihr seid entkommen - und Euer Bruder Mei, wenn ich mich recht entsinne."
Sha'In-Mar nickte. "Mei war damals noch ein kleines Kind. Er wurde in die Obhut der Ta'tau-Priester gegeben. Zuletzt habe ich ihn vor zwei Jahren gesehen."
"Was mit Eurer Familie und dem gesamten Planeten Tuán geschehen ist, tut mir Leid. Ich weiß, wie Euch zumute sein muss."
Leia dachte an Alderaan, an die Zerstörung ihrer Heimat durch einen einzigen Schuss aus dem Todesstern des Grand Moff Tarkin. In all den Jahren, die seither vergangen waren, war der Schmerz über diesen unvorstellbaren Verlust nie ganz von ihr gewichen. Auch die schönen Erfahrungen mit ihrem Mann Han Solo und ihren Kindern hatten die Trauer nur erträglich werden, nie jedoch verstummen lassen.
Nun ergriff Luke das Wort: "Sha'In-Mar, du wolltest uns etwas mitteilen?"
"Ja, Master Skywalker. Präsidentin Organa Solo, ich fürchte, Euer Begleitkonvoi ist überfallen worden. Euer Gemahl hat uns soeben informiert. Ihr mögt Euch bitte bei ihm melden."
Leia war schon bei den ersten Sätzen erregt aufgesprungen. "Ein Überfall? Wisst Ihr, was geschehen ist?"
"Ein Marine-Horchposten im Äußeren Rand hat ein Breitband-Notsignal aufgefangen. Es scheint, als ob der Konvoi von imperialen Wegelagerern angegriffen wurde."
"Imperiale?" Leia wechselte mit Luke einen raschen Blick. Dann verwandelte sie sich binnen Sekundenbruchteilen von der besorgten Frau, die eine erschreckende Vision gehabt hatte, in die energische und entscheidungsgewohnte Präsidentin der Neuen Republik.
"Ich danke Euch für die rasche Benachrichtigung, Lady Sha'In. Ich brauche sofort eine HoloNet-Verbindung nach Coruscant. Und zwar zu meinem Mann, zum Obersten Sicherheitsrat und zu Admiral Ackbar. Meine Fähre muss startklar gemacht werden. Ich fliege in einer Stunde nach Coruscant. Und Luke, ich möchte alle vier Jedi sprechen, die du beauftragen kannst, uns in dieser Angelegenheit zu helfen."

Lyndea Marsko warf dem Verwaltungsdroiden der Medi-Station einen dankbaren Blick zu, obwohl ihr klar war, dass sein Elektronengehirn ihre Dankbarkeit nicht zu schätzen wusste. Immerhin hatte er ihrem Drängen nachgegeben und ihr gestattet, eine HoloNet-Verbindung zu benutzen. Die Nachricht vom Überfall auf den Geleitschutz der Präsidentin hatte sich wie ein Lauffeuer im Marinestützpunkt Eastport auf Coruscant verbreitet und binnen Minuten auch das Medi-Zentrum erreicht. Die wildesten Spekulationen über die Identität der Angreifer und den Hergang der offenbar tödlich verlaufenden Schlacht wurden gehandelt; ein besonders viel diskutiertes Gerücht war die Meldung, Präsidentin Organa Solo habe sich zum Zeitpunkt des Überfalls gar nicht im Begleitkonvoi befunden, was aber doch reichlich merkwürdig klang. Zudem machte das Wort "Wegelagerer" die Runde, was nur eines bedeuten konnte: Verrat.
Lyndea beteiligte sich nicht an den Spekulationen. Die bloße Nachricht vom Überfall und die Tatsache, dass jeglicher Kontakt zum Konvoi abgerissen und dieser seit Stunden überfällig war, hatte sie schier gelähmt. Es war ihre Staffel gewesen, die vernichtet worden war, und sie hätte eigentlich jetzt da draußen als Leiche im Weltraum treiben müssen ...
Wie in Trance hatte sie die Routine-Untersuchungen über sich ergehen lassen. Dass der Medi-Droide ihr die Entlassung von der Krankenstation innerhalb der nächsten drei Tage in Aussicht stellte, bekam sie nur halb mit. Sie begab sich zum Verwaltungsbüro und bekniete den Droiden so lange, bis er ihr endlich ein HoloNet-Gespräch gestattete, nur um sie wieder los zu werden.

Das verkleinerte Abbild von Colonel Imolo Glish, ihrem Vorgesetzten, erschien auf der Projektionsfläche.
"Captain Marsko, wie geht es Ihnen?"
"Besser Colonel, danke. Ich werde in spätestens drei Tagen entlassen. - Sir, ich habe gehört, was mit meiner Staffel passiert ist ..."
Colonel Glish nickte. "Muss schrecklich für Sie sein."
"Ja, Colonel, ich ... ich fühle mich schuldig. Als hätte ich meine Jungs im Stich gelassen."
"Das ist eine normale Reaktion, Captain. Sie wissen natürlich, dass Sie schuldlos sind, aber die Schuldgefühle sind trotzdem da."
"Ja", bestätigte Lyndea. "Schließlich war es meine Staffel ..."
"Zum Zeitpunkt des Überfalls war es nicht Ihre Staffel, Captain", entgegnete Colonel Glish nicht ohne Schärfe in der Stimme. "Vergessen Sie das nicht. Steigern Sie sich da bloß nicht rein. Wissen Sie was? Kurieren Sie sich erst mal aus. Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, melden Sie sich in meinem Büro. Dann sehen wir weiter."
"Danke Colonel!"
Lyndea schaltete die Übertragung aus. Der Colonel hatte Recht. Sie wusste, dass sie keine Schuld am Tod ihrer Kameraden traf. Aber sie konnte dieses bohrende Gefühl im Bauch einfach nicht abstellen ...

Leia schaute die vier Jedi an, die mit ihr und Luke an einem Tisch im Kleinen Versammlungsraum der Akademie saßen. Yo-Karah Mal'Wan, Jael Jinn Hajom und Sha'In-Mar T'Abora war sie ja bereits begegnet. Die vierte Frau in der Runde war Isaphàn Dera Sh'sandrò, eine Macht-Hexe vom Planeten Dathomir. Sie war genauso verschwitzt wie Sha'In-Mar, weil die beiden zuvor gegeneinander einen Trainingskampf absolviert hatten. Ihr Gesicht hatte die gleiche Farbe angenommen wie ihr kurzes rotes Haar.
Luke ließ es sich nicht nehmen, nach dem Trainingsergebnis zu fragen.
"Isaphàn hat gewonnen", antwortete Sha In-Mar.
"Nicht nur gegen Sha'In, sondern nacheinander gegen uns alle", ergänzte Yo-Karah mit einem Seufzen.
"Isaphàn ist unsere beste Kämpferin, Leia", erklärte Luke. "Ich möchte gern wissen, ob ich gegen sie noch bestehen würde."
"Wenn du willst, probieren wir es aus, Master Skywalker", entgegnete die Dathomir-Hexe, und ihre grün-braunen Augen blitzten herausfordernd und sehr selbstbewusst.
"Später, Isaphàn. Es wird vermutlich ein langer Kampf, und wir haben jetzt nicht viel Zeit."
"Ich habe Sie hergebeten, weil ich Ihre Hilfe brauche", ergriff Leia das Wort. "Ich bin besorgt, weil ich fühle, dass ein neues Imperium entstehen könnte. Sie haben hier die Bewegung in der Macht gespürt, und die letzten Vorkommnisse bestätigen mich, dass etwas Bedrohliches auf die Neue Republik zukommen könnte."
Rasch gab sie einen Abriss ihrer Reise nach Dantooine, der Verwicklungen wegen der Handelsverträge und des Überfalls auf ihren Begleitkonvoi.
"Dass es Wegelagerer waren, lässt auf Verrat in der Marine, vielleicht sogar in der Regierung schließen", fuhr sie fort. "Wir müssen herausfinden, welcher Bedrohung die Republik ausgesetzt ist. Ich möchte in dieser Situation so wenig Personen ins Vertrauen ziehen wie möglich. Bitte gehen Sie den Dingen auf den Grund, aber berichten Sie ausschließlich mir, meinem Bruder oder meinem Mann von Ihren Erkenntnissen."
Sie holte ein Datapad aus ihrer Tasche und gab einen Kommunikationscode ein.
"Unter diesem Code können sie mich persönlich auf Coruscant erreichen. Er öffnet einen abhörsicheren Kanal, der nur mir und meinem Mann zugänglich ist. Sie können einen von uns sprechen oder eine Nachricht hinterlassen."
Sie schaute die vier Jedi der Reihe nach an. "Wie Sie vorgehen, überlasse ich Ihnen. Ich muss dringend zurück nach Coruscant. Haben Sie noch Fragen?"
Die vier Frauen schüttelten den Kopf.
Nur Luke lächelte milde. "Hast du nicht noch etwas vergessen, Leia?"
Leia sah ihn verwundert an, dann lächelte auch sie. "Master Skywalker, die Neue Republik erbittet die Hilfe des Jedi-Ordens", sprach sie förmlich.
"Der Jedi-Orden kommt dem Ersuchen gerne nach, Frau Präsidentin."

Colonel Stym Grchmarrh schritt mit ihrem Gast über die metallen glänzenden Korridore der orbitalen Forschungsstation. Sie versuchte, ihre innere Anspannung zu ignorieren, doch gelang ihr dies nur mühsam.
Es muss einfach klappen, dachte sie. Es muss einfach. Sonst rollen Köpfe.
Doch ausgerechnet in diesem Moment deckte der Besucher ihre Nervosität auf: "Sie sind angespannt, Colonel. Fürchten Sie einen Misserfolg?"
"Nein, Lord Rage, ich bin sicher, alles wird wie geplant funktionieren. Jedenfalls hat mir dies Chefingenieur Tifuno versichert."
Lieber für den Fall der Fälle einen anderen in die Schusslinie schieben, dachte sie. Aber schließlich hatte Krak Tifuno ihr versichert, das nichts schief gehen werde.
"Aber sicher sind Sie nicht?" bohrte Lord Rage nach. "Und Krak Tifuno ist verantwortlich, falls es zu einem Fehlschlag kommt?"
Stym Grchmarrh fand den Verlauf ihres Dialoges nicht besonders ermutigend. Wieso sprach Lord Rage immer das aus, was sie gerade dachte? Sie hatte schon viel über diese geheimnisvolle Person gehört. Über seine angeblich magischen Kräfte, seine scheinbar seherischen Fähigkeiten - und seine eiskalte Rücksichtslosigkeit. Manche behaupteten gar, er sei ein zweiter Darth Vader. Als sie ihn dann vorhin zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie sich gefragt, woher all die Schauermärchen kamen, die man sich von ihm erzählte. Er war noch ein junger Mann, keine 30 Jahre alt. Sein flachsblondes Haar und seine bleiche Gesichtsfarbe standen in merkwürdigem Kontrast zu der durch und durch schwarzen Kleidung, die aus Hose, halblanger Tunika, Stiefel und einen weiten Kapuzenumhang bestand. Aber seine grünen Augen waren voller Kälte, und Stym Grchmarrh war es kalt über den Rücken gelaufen, als sie seinem Blick das erste Mal begegnet war. Seither fühlte sie sich unwohl, und der Gesprächsverlauf trug nicht zu ihrer Entspannung bei.
"Nun, Krak Tifuno ist in der Tat verantwortlich für das Experiment, Lord Rage. Aber es wird klappen."
"Das will ich hoffen, Colonel."

Im Zentrallabor herrschte hektische Betriebsamkeit. P'rr Malven wuselte herum, hantierte an Energieumwandlern und prüfte Kontrollanzeigen; Zmarrgeno gab verschiedene Daten in einen Dataterminal ein und verfolgte mit kritischem Blick die Auswirkungen auf einer HoloAnzeige. Und Krak Tifuno verkabelte einen schmächtigen Mann mit intelligent wirkenden Augen und arroganter Miene.
Als Tifuno die Neuankömmlinge erblickte, unterbrach er seine Arbeit und eilte ihnen entgegen. "Oh, Colonel Grchmarrh, willkommen. Ihr seid Lord Rage, vermute ich. Ihr wisst gar nicht, wie sehr uns Euer Besuch ehrt. Wir ..."
"Sparen Sie sich Ihre Floskeln und kommen Sie zur Sache", unterbrach ihn Darth Rage mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.
"Äh, gewiss doch!" Als sich der Chefingenieur wieder an die Arbeit begab, wischte er sich Schweiß von der Stirn. Ob es Angstschweiß war oder ob er von der Anstrengung in dem reichlich stickigen Labor herrührte, vermochte Stym Grchmarrh nicht zu sagen.
Die Wissenschaftler erledigten ihre letzten Handgriffe und begaben sich an ihre Kontrollpulte. Der Computerhacker Miles Norton war an eine kompliziert aussehende Apparatur aus Computermodulen, Energiegeneratoren und AudioVisioRezeptoren angeschlossen. Er befand sich in einer Nische des Labors, die nun von einer aus der Decke heruntergelassenen Transparistahlplatte vom übrigen Raum abgetrennt wurde. Auf seinem Kopf trug er eine Art Helm, aus dem mehrere Kabel und Antennen ragten.
"Mr. Tifuno, bitte erklären Sie mir und Lord Rage, was Sie jetzt vorhaben und was wir beim Experiment mitverfolgen können", forderte Stym Grchmarrh den Chefingenieur auf. "Und bedenken Sie, dass Lord Rage ebenso präzise und vor allem kurze Erläuterungen schätzt wie ich."
P'rr Malven trat vor. "Wir haben abgesprochen, dass ich Ihnen den Ablauf erläutere."
Er räusperte sich. "Mr. Norton ist dort an eine Maschine angeschlossen, mit deren Hilfe er den militärischen Zentralcomputer der Neuen Republik anwählen kann. Er wird in das Netzwerk eindringen und nach den Dateien suchen, die Sie wünschen. Er kann Dateien kopieren, löschen, erzeugen oder ändern, ganz wie Sie wollen. Möglich ist auch, eine vorgefertigte digitalisierte Datei in sein Gehirn, äh, also, in Gedanken umzuwandeln und im Computer wieder digitalisiert abzulegen. Oh, ich weiß, dass sich das etwas, nun ja, merkwürdig anhört", fügte er angesichts von Colonel Grchmarrhs hochgezogener Augenbraue hinzu, "aber wir haben diesen Vorgang bereits erfolgreich simuliert."
"Simuliert", warf Darth Rage ein. "Aber noch nicht am realen Objekt getestet?"
"Äh, nein, das nicht, Lord Rage. Ihr sollt Zeuge des ersten Tests werden. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, das Eindringen. Also Mr. Norton muss genauso wie bei einem normalen Hack, äh, bei einem normalen unbefugten Computerzugriff die Abwehrroutinen des Computers überwinden oder ihnen ausweichen. Wir haben nun etwas entwickelt, das es Ihnen erleichtern soll, den ganzen Vorgang besser nachzuvollziehen. Das wird Ihnen Zmarrgeno erklären."
Der vogelartige Wissenschaftler trat vor und begann mit schnatternder Stimme seinen Kurzvortrag.
"Wir haben eine HoloSimulation entwickelt, in der die digitalisierte Dateien, in die die Gedanken von Mr. Norton verwandelt werden, gewissermaßen visualisiert werden. Sie werden also gleich ein Bild von Mr. Norton sehen, wie er durch den fremden Computer geht. Das ist natürlich nicht Mr. Norton selbst, sondern nur eine Simulation, wie eine ..."
"Wie eine HoloUnterhaltung?" fragte Stym Grchmarrh erstaunt.
"Oh ja, in gewisser Weise. Wir haben uns tatsächlich an gängige Klischees der HoloUnterhaltung angelehnt bei der Simulation. Wenn also eine Passwortabfrage erfolgt, dann werden Sie im Simulator das HoloBild einer Wache sehen, die Ausweispapiere verlangt. Und ein Dateiverzeichnis ist eine Ablage voller Datapads. Und die Korridore, die Sie gleich sehen werden, sind digitalisierte Pfadangaben, die helfen sollen, eine Datei zu finden. Inhaltsverzeichnisse haben wir als Wegweiser gestaltet, und ..."
"Ich denke, wir verstehen, was Sie sagen wollen", schaltete sich Darth Rage ein. "Fangen Sie an."
"Jawohl Sir!" rief Krak Tifuno, offensichtlich erleichtert, dass die Zeit des Redens vorbei war und er nun Taten folgen lassen konnte.

Tifuno legte einen Schalter um. Die Apparatur, an die Miles Norton angeschlossen war, begann zu blinken. Langsam baute sich auf der Freifläche vor dem Kontrollpult ein HoloBild auf. Zuerst war nur ein grauer Nebel zu sehen. Dann wurde das Bild klarer, und Umrisse eines großen gepanzerten Durastahlgebäudes wurden sichtbar.
"Die Darstellung des militärischen Zentralcomputers", erklärte Tifuno überflüssigerweise.
Das Bild des Gebäudes wurde größer, und ein von schwer bewaffneten Wachen kontrolliertes Tor war zu sehen. Es herrschte ein regen Kommen und Gehen. Hochrangige Marineoffiziere betraten das Gebäude oder verließen es. Jeder Besucher wurde von den Wachen kontrolliert und bekam einen Berechtigungsschein in Form eines Datapads ausgehändigt. Wer das Gebäude verließ, musste dieses Datapad wieder abgeben.
"Wir haben jetzt die subjektive Perspektive, Colonel", erklärte Zmarrgeno. "Sollen wir auf objektive Perspektive umschalten? Dann können wir Mr. Norton selbst sehen."
Grchmarrh nickte. "Meinetwegen."
Ihr war es im Grunde egal. Sie fand diese Simulation einfach nur lächerlich.
Hoffentlich ist das nicht aus einer HoloUnterhaltung entnommen, dachte sie, im Geist alle populären Holos durchgehend.
Zmarrgeno drückte einen Knopf, und Miles Norton war nun zu sehen. Er hatte sich in eine Warteschlange vor dem Tor eingereiht. Vor ihm warteten zwei Generäle und - Admiral Ackbar.
"Oh, Admiral Ackbar loggt sich gerade ein!" rief Krak Tifuno.
Stym Grchmarrh wollte nicht glauben, was sie da sah. Der fischköpfige Calamarianer zeigte seinen Ausweis vor und betrat das Gebäude. Sie warf Darth Rage einen Blick zu, doch der betrachtete die Szene mit unbewegter Miene. Sie schaute die Wissenschaftler an, die die Szene offenbar nicht besonders aufregend fanden. Hatten sie wirklich den Oberbefehlshaber der Rebellen-Marine dabei beobachtet, wie er sich in den Zentralcomputer einloggte?
Wenn das stimmte, war die HoloSimulation vielleicht doch nicht so lächerlich, wie sie anfangs dachte.
"Ihren Ausweis bitte, Sir!"
Die Wache nahm Nortons Ausweis entgegen und hielt ihn in einen Scanner.
"Geben Sie bitte ihr Passwort ein und schauen sie in diesen Netzhaut-Scan!"
Norton tat wie ihm befohlen wurde. Die Prüfung schien ohne Beanstandung verlaufen zu sein. Jedenfalls händigte der Wachposten Norton ein Datapad aus und gestattete ihm einzutreten.
"Wo hat er nur den Ausweis her?" wollte Grchmarrh von Tifuno wissen. "Und wieso kann er den Netzhaut-Scan passieren?"
Der Chefingenieur lächelte spöttisch über diese seiner Ansicht nach offenbar reichlich ignorante Frage.
"Er hat die Identität einer der Personen angenommen, die vorher das Gebäude verlassen, äh, sich aus dem Computer ausgeloggt hatte. Deshalb hat er auch erst den Eingang beobachtet. Hacker gehen immer so vor."
In der HoloSimulation ging Miles Norton mittlerweile durch Korridore, die den Röhren der orbitalen Forschungsstation nachempfunden waren.
"Wir hätten auch Steinböden nehmen können", grinste P'rr Malven. "Oder Textilteppiche. Aber so fühlen wir uns wie zu Hause."
Stym Grchmarrh fragte sich, ob diese Wissenschaftler die nötige Reife hatten, ein solches Projekt durchzuführen. Immerhin, die rein technische Seite schienen sie zu beherrschen.
Der reale Norton hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich ganz auf seine Arbeit. Das Norton-Holo dagegen drehte sich um und starrte Tifuno fragend an.
"Er ist drin, Colonel. Aber was soll er nun tun?" gab der Chefingenieur die unausgesprochene Frage gleich weiter.
"Lassen Sie ihn die zentrale ID-Registrierung und die Zugriffscodes für Großkampfraumschiffe suchen!"
Tifuno sprach die Antwort in ein kleines VoiceCom-Gerät. Nortons Holo nickte und machte sich auf die Suche. Zunächst ging er scheinbar ziellos durch die Gänge, bog an Kreuzungen ab und passierte Räume voller Aktenschränke. In einem hielt er plötzlich an und öffnete einen Schrank. Er durchsuchte Datapads, hielt SpeicherCards in ein Lesegerät und vertiefte sich in Verzeichniseinträge und Inhaltsbeschreibungen von Datenträgern. Es war langweilig, ihm dabei zuzuschauen. Stym Grchmarrh bemerkte, dass Darth Rage immer noch völlig regungslos die Simulation verfolgte, während sie langsam unruhig wurde.
Endlich hielt Norton mit triumphierendem Lächeln ein Datapad in die Höhe. Er steckte es in ein Lesegerät und betätigte die "Ausführen"-Taste.
Im selben Augenblick gellte ein durchdringender Alarm aus der HoloSimulation. Nortons Holo fuhr auf wie von einer Womp-Ratte gebissen. Er sprang durch die offene Tür auf den Flur. Keine Sekunde zu früh, denn kaum war er durch die Türöffnung geschlüpft, wurde diese von einer heruntersausenden Stahlplatte verschlossen.
"Er hat einen Sicherheitscode übersehen!" schrie Krak Tifuno. "Wie ist das möglich?"
Mit gehetzter Miene wandte sich Norton nach rechts. Er rannte den Flur hinunter und bog an einer Kreuzung in einen von links kommenden Seitengang ein. Sofort prallte er wieder zurück und nahm die entgegengesetzte Richtung, denn allenfalls 20 Schritt entfernt standen bewaffnete Kampfdroiden.
"Das ist eine Anti-Hacker-Routine", rief Zmarrgeno aufgeregt. "Wenn die ihn erwischt ...!"
"Was dann?" wollte Stym Grchmarrh wissen. "Was passiert dann mit dem realen Norton?"
Krak Tifuno sah plötzlich sehr unglücklich aus. "Das könnte eine Energie-Rückkopplung auslösen, die er nicht überleben wird."
Norton hetzte durch die Flure, angetrieben von dem nervenaufreibenden Alarmton. Doch wohin er sich auch wenden wollte, stets war sein Fluchtweg von Kampfdroiden, die Anti-Hacker-Programme symbolisierten, versperrt. Der wirkliche Miles Norton saß nicht länger völlig ruhig an seiner Apparatur. Zwar hatte er seine Augen noch geschlossen, doch er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Schweiß lief ihm über das Gesicht, seine Hände waren ineinander verkrampft.
Inzwischen hatte ein Trupp Kampfdroiden seine Verfolgung aufgenommen. Sie waren ihm dicht auf den Fersen, als er auf eine Gang-Kreuzung kam, von der es keinen Ausweg mehr gab. Von allen vier Seiten kamen die Droiden auf ihn zu. Er hob die Hände in einer interstellar üblichen Geste des Ergebens, doch Stym Grchmarrh bezweifelte, dass es ihm etwas nützte. Und tatsächlich: Ein Droide trat vor, scannte Norton mit einem Aufzeichnungsgerät, hob seinen Blaster und feuerte.
Augenblick fiel die HoloProjektion in sich zusammen.
Alle Beobachter der Szene wandten sich unwillkürlich dem realen Norton zu. Der Hacker begann, unkontrolliert zu zittern, riss angstvoll seine Augen auf und stieß einen lauten, langgezogenen Schrei aus. Dann zuckte plötzlich ein gleißender Energieblitz aus dem Helm und zerfetzte den Hacker mitsamt der komplexen Apparatur, an die er angeschlossen war.
Eine automatische Löschanlage spritzte Schaum auf rauchenden, angeschwärzten Elektronikschrott und verkohlte Leichenteile.
Dann war alles still.

Die drei Wissenschaftler waren fassungslos. Keiner war fähig, sich auch nur zu rühren, geschweige denn zu sprechen. Darth Rage stand vollkommen ruhig und ausdrucklos. Schließlich brachte Stym Grchmarrh Bewegung in die Szene.
"Nun, Chefingenieur?" fragte sie mit kratziger Stimme. "Wie bewerten Sie Ihr Experiment?"
Krak Tifuno drehte sich zu ihr um und glotzte sie verständnislos an. Seine Kopftentakel machten eine Bewegung, die an das verzweifelte Händeringen von Menschen erinnerte.
"Gescheitert, Colonel", brachte er nur heraus. "Es ist gescheitert."
"Was Sie nicht sagen!" Grchmarrhs Stimme troff vor Hohn. "Vielleicht möchten Sie Lord Rage das Ganze etwas näher erklären?"
"Lord Rage, ich ... wir ... Norton ..." Tifuno stotterte hilflos. Doch dann holte er tief Luft und begann erneut. "Es tut mir Leid, Lord Rage. Ich ... es ... Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich übernehme die volle Verantwortung. Es ist meine Schuld. Ich bitte Euch um Vergebung."
Zur Unterstreichung seiner Worte sank er in die Knie.
Mit einem Male wickelten sich seine Kopftentakel um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Er röchelte, versuchte, die Lekku zurückzureißen, doch eine unsichtbare Kraft schnürte sie immer fester zusammen. Seine Augen traten aus ihren Höhlen, sein blasses Gesicht lief dunkel an. Dann kippte er vornüber. Sein Körper zuckte noch einige Male, dann erstarrte er.
Stym Grchmarrh hatte die Szene mit wachsendem Entsetzen gefolgt. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Krak Tifuno war tot.
"Entschuldigung akzeptiert", sagte Darth Rage mit kalter Stimme. Dann wandte er sich an die beiden übrigen Wissenschaftler: "Wer von Ihnen beiden ist der Erste Assistent?"
"Der da!" schnatterte Zmarrgeno, indem er auf P'rr Malven deutete. Das stimmte zwar nicht ganz, wie Stym Grchmarrh wusste, denn eine interne Rangordnung unter den beiden Assistenten war nie festgelegt worden. Aber offenbar hatte der seltsame Vogel als erster begriffen, dass sich in ihrem Job zuviel Verantwortung nicht unbedingt auszahlte. Sie hatte Verständnis für ihn, korrigierte daher seine Antwort nicht. Zumal P'rr Malven offenbar viel zu schockiert war, um sich zu wehren.
"Chefingenieur Malven, wie lange brauchen Sie, um eine neue Apparatur aufzubauen?" fragte Darth Rage den unverhofft beförderten Wissenschaftler.
"Äh, ich denke, zwei Tage, Lord Rage. Wir haben noch ein Reserveaggregat."
"Sehr gut. Enttäuschen Sie mich nicht auch! Kennen Sie einen Computerspezialisten, der seine Sache besser macht als dieser Norton?"
"Nun, da gibt es eine Frau. Sie lebt auf dem Planeten Trexx. Aber sie wird nicht kooperieren wollen, fürchte ich."
"Sie wird kooperieren, wenn sie erst einmal hier ist", entgegnete Darth Rage. "Man muss sie nur herbeischaffen. - Colonel?"
"Ja, Lord Rage, ich kümmere mich darum. Ich werde unverzüglich mit dem Kopfgeldjäger Joraam Malgur Kontakt aufnehmen."

 

 

3. Kopfgeld

Die Flure der Akademie der Wissenschaften von Erdres, der größten Stadt auf dem Planeten Trexx, lagen still und verlassen. Das betriebsame Wirrwarr, das tagsüber in der galaxisweit bekannten Hochschule herrschte, war längst der beschaulichen Nachtruhe gewichen. In manchen Lehrsälen brummten Reinigungsdroiden, und einige wenige Dozenten saßen in ihren Büros über Forschungen oder Ausarbeitungen gebeugt.
Im Raum Nummer 1138, der zum Trakt der Computerwissenschaft gehörte, brannte fast jede Nacht noch lange das Licht. Jedes Mitglied der Wissenschaftsakademie wusste, dass Helen Moonlight, die Dozentin für angewandte Computerkommunikation, nicht selten die gesamte Nacht durcharbeitete und morgens dann mit dunklen Ringen unter den Augen, aber geistig frisch wie ein Tautropfen auf einer S'chsen-Pflanze, ihre Lehrvorträge hielt. Die Studenten hatten schon oft darüber gewitzelt, ob "Moonlight" nur ein Künstlername angesichts ihrer nächtlichen Forschungen sei oder aber ein offener Widerspruch zu ihnen, denn schließlich arbeitete sie stets bei Kunstlicht und nicht im Mondschein.
Helen kannte diese recht müden Gags, störte sich aber nicht an ihnen. Denn letztlich waren die Sprüche über sie nett gemeint. Ihr war klar, dass sie bei den Studenten beliebt war, schließlich paukte sie nicht nur Stoff durch, sondern nahm sich auch Zeit für eine ausführliche Studien- oder Berufsberatung und nicht selten auch für die persönlichen Probleme ihrer Schüler. Knallhart war sie nur in ihren Prüfungen. "Ich schenke Zertifikate nicht her", pflegte sie zu sagen. Diese Strenge sprach sich schnell herum, und bald waren ihre Abschlusszertifikate überaus begehrt. Der Satz "Ich habe bei Helen Moonlight studiert" hatte schon manchem Akademie-Absolventen die Tür zu einer ertragreichen Beschäftigung geöffnet.
Einzig das nie verstummende Gerücht, Helen sei mit der berüchtigten Computerhackerin Gaya identisch, brachte sie auf die Palme. Vielleicht, weil das Gerücht der Wahrheit entsprach. Nur gehörte "Gaya" zu einer Vergangenheit, die Helen längst hinter sich gelassen hatte. Jedenfalls konnte sie über den Witz, "angewandte Computerkommunikation" sei der höflichste Name für die Tätigkeit eines Hackers, überhaupt nicht lachen.

Jetzt saß Helen über einem vertrackten Problem. Es ging um die computergestützte mathematische Analyse der Tragmoi-Harmonien, einer Art Musiklehre für Ultraschall-Hörer. Helen fragte sich, warum man ausgerechnet ihr, einem Menschen, diesen Forschungsauftrag zugeschanzt hatte. Es gab doch auch fähige Computerwissenschaftler und Mathematiker unter den Spezies, die höhere Frequenzen hören konnten!
Sie seufzte. Soviel zum Thema bürokratischer Schwachsinn auf der Akademie, dachte sie.
Das VoiceCom blinkte. So spät noch?
"Moonlight. Wer kann da auch nicht schlafen?"
"Äh, hallo Miss Moonlight. Hier ist Stowie von der Eingangskontrolle. Da ist ein Student, der Sie sprechen möchte. Er sieht besorgt aus. Um diese Zeit kann ich ihn nicht mehr reinlassen. Können Sie mal kurz runterkommen?"
Oh nein, dachte Helen. Bloß keine Liebeskummer-Beratung nachts um halb eins.
"Also gut", seufzte sie. "Ich komme. Dauert zwei Minuten."
Sie unterbrach die Verbindung.
Auch Pförtner Stowie legte auf.
Er zwang sich, ruhig zu atmen und nicht zu zittern.
Und er hoffte, dass der Blaster, der gegen seine Schläfe gepresst war, nicht plötzlich losging.

Joraam Malgur hatte ausgezeichnete Laune. Das Geschäft lief einfach großartig. Er bezog seine Aufträge jetzt nicht mehr nur von der Kopfgeldjäger-Gilde, er konnte es sich vielmehr leisten, seine Dienste freiberuflich auf dem Markt anzubieten. Er hatte mittlerweile den Ruf eines sauberen und zuverlässigen Jägers. Legendär und ungeheuer stimulierend für das Geschäft war die Sache mit Ffern Humran gewesen. Dieser Milliardär war einem Gangster aus irgendeinem Grund - nach dem "Warum" fragte Joraam Malgur sowieso nie - ein Dorn im Auge gewesen. Als er den reichen Mann in einer schwer bewaffneten Festung aufgespürt und gestellt hatte, wollte sich dieser mit einem Betrag von 250.000 Credits loskaufen, indem er dem Kopfgeldjäger den Auftrag gab, seinen Widersacher umzubringen. Joraam Malgur akzeptierte - und tötete Ffern Humran trotzdem. Anschließend erfüllte er dessen Auftrag aber auch und brachte den Gangster zur Strecke. Ein Auftrag wird immer erfüllt, das war einer seiner Leitsätze. Und die Kundschaft honorierte diese Einstellung.
Seit einiger Zeit strahlte ihn aber auch das private Glück an. Er war verlobt. Nicht mit irgendeiner Cantina-Tänzerin, die seine Kopfgeldjägerkollegen und -konkurrenten abschleppten. Nein, er hatte das große Los gezogen: eine echte Herrscherin. Sie regierte einen ganzen Planeten, wenn es auch nur der unbedeutende Himmelskörper Dantooine war. Er hatte die Regentin Empress S'silk bei einer Mozilla-Jagd kennen gelernt. Oder besser: Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet und das Monster gemeinsam besiegt. Anschließend mussten sie sich zu Fuß durch die Wildnis Dantooines kämpfen; dabei waren sie sich näher gekommen, als das bei Herrscherinnen und Kopfgeldjägern gemeinhin üblich war. Noch wusste niemand von ihrer Heiratsabsicht. Empress S'silk befand sich in einer schwierigen außenpolitischen Lage und wollte nicht durch einen gesellschaftlichen Skandal ihre Clan-Führer gegen sich aufbringen. Aber bald würde es so weit sein.
Nun, im Moment hatte er ohnehin noch zu tun, um diesen Doppelauftrag zu Ende zu bringen. Diese Computerspezialistin Helen Moonlight alias Gaya hatte er sicher in der "Passagier"-Zelle der Force Hammer verstaut. Nachdem er sie abgeliefert hatte, würde er seinen zweiten "Gast" abholen. Aber dann ging es auf nach Dantooine ...

Isaphàn Dera Sh'sandrò verließ das Orbit-Shuttle und stieg in eine der vielen Luftgleiter-Fähren, die Passagiere auf festgelegten Routen über die Häuserschluchten von Coruscant transportierten. Sie schaute über die endlose Stadtwüste, die beinahe den gesamten Planeten umspannte. Die gigantischen, mehrere tausend Meter hohen Wohnkomplexe des galaktischen Zentrums behagten ihr nicht. Sie fand es unnatürlich, dass Menschen oder andere Vernunftswesen einen derartigen Moloch bewohnten, ohne die Stadtsphäre durch die erholsame Ruhe einer Naturlandschaft ausbalancieren zu können. Welch ein Kontrast zu der meditativen Ruhe von Yavin 4! Isaphàn hatte nie verstanden, warum der Alte Jedi-Orden seinen Tempel ausgerechnet hier, in dieser Megalopolis gebaut hatte. Die Nähe zum Senat war für die Beschützer der Republik sicherlich von Vorteil gewesen. Aber hätte zu diesem Zweck nicht eine Dependance genügt?
Der Luftgleiter schwenkte herum, um die öffentliche Landeplattform des Regierungsviertels anzusteuern. Die auf Höhe der 400. Etage der "Starship Lounge" auf Repulsorkissen schwebende Plattform wurde von zahlreichen Privatshuttles umschwirrt. Lange Verbindungsstege führten zur Lounge, die als Treffpunkt, Hotel, Rekreationsstätte und InfoCenter des Regierungsviertels diente.
Die Fahrgäste stiegen aus, verteilten sich auf Privatfähren und Mietshuttles oder strebten wie Isaphàn den Laufbändern auf den Verbindungsstegen zu.
Die Jedi-Hexe musterte die Starship Lounge. Hier würde sie die nächsten Tage oder Wochen wohnen. Sie hatte die Aufgabe übernommen, auf Coruscant wegen des möglichen Verräters nachzuforschen. Es war ohne weiteres denkbar, dass der Begleitkonvoi der Präsidentin von einem Senatsangehörigen oder gar einem Regierungsmitglied in die Falle gelockt worden war. Und kein Ort eignete sich besser als Ausgangspunkt für die Suche nach Intriganten, Spionen oder Verschwörern als die beliebte und von Spezies aller Art wimmelnde Lounge.
Sie dachte an die anderen drei Jedi. Was würden sie bei ihren Missionen erreichen? Sha'In-Mar sollte bei der Untersuchung des Schlachtfeldes mithelfen; vielleicht ließen sich aus der Analyse der Trümmer nähere Aufschlüsse über die Identität der Angreifer finden. Jael würde nach Dantooine reisen. Präsidentin Organa Solo hatte den Eindruck gehabt, dass die Herrscherin des Planeten etwas über das mögliche neue Imperium wusste. Yo-Karah hatte vorgeschlagen, dass Jael nicht offen als Jedi, sondern verdeckt operierte. Sie könnte sich als Vertreterin der Handelsgesellschaft von Yo-Karahs Vater ausgeben. Da Empress S'silk die Tarlass-Handelslizenzen offen ausgeschrieben hatte, schien dies ein sinnvoller Weg zu sein. Aber entsprach er auch dem Jedi-Kodex mit seiner Verpflichtung auf Wahrhaftigkeit? Master Skywalker hatte diese Frage mit einem Hinweis auf seinen alten Meister Obi-Wan Kenobi bejaht, der offenbar von der Relativität jeder Wahrheit überzeugt gewesen war. Yo-Karah schließlich war von Master Skywalker zu einer weisen Seherin gesandt worden, um sie über das Entstehen eines neuen Imperiums zu befragen.
Das Laufband trug Isaphàn in die riesige Eingangshalle der Starship Lounge. Die Suche nach dem Verräter hatte begonnen.

Wenigstens schmeckte der Wein.
Das war aber auch das einzige, was Obi-Nor Gildorian der Veranstaltung abgewinnen konnte. Jedes Jahr lud Senator Jigl D'Solskjeer die Vertreter der großen Handelsgesellschaften und die bedeutenderen freien Händler zu einem Empfang in seine Residenz auf Coruscant ein, damit sie dort mit Senatoren, politischen Beratern und Lobbyisten zusammenkommen und wirtschaftspolitische Fragen erörtern konnten. D'Solskjeer war ein Vertreter des liberalen Flügels innerhalb des Wirtschaftsausschusses und wollte, wie es offiziell hieß, "die unmittelbare Begegnung von Volksvertretern und Wirtschaftstreibenden zum Wohle der Galaxis fördern". Vielleicht wollte er das tatsächlich. In Wirklichkeit war der Empfang jedoch ein gigantischer Markt für Intrigen, Korruption und unerlaubte Preisabsprachen. Es war widerlich, in welch unverfrorener Offenheit Senatoren Bestechungsgelder für diese oder jene politische Initiative oder die Vergabe von Frachtaufträgen forderten. Obi-Nor hasste dieses Treiben, war aber natürlich gezwungen mitzumischen, um nicht plötzlich ohne seine Handelslizenzen dazustehen.
Das alles hätte er noch klaglos über sich ergehen lassen, wenn Senator D'Solskjeer nicht die Idee gehabt hätte, den Empfang zu einem gesellschaftlichen Ereignis aufzuwerten. So aber musste er langweilige Festreden über sich ergehen lassen und die Ausstellung eines Künstlers bestaunen, der sich mit Werken abstrakter Elektronik einen Namen gemacht hatte. Das Schlimmste aber war die Musik. D'Solskjeer hatte keine Kosten gescheut, B`schucci Malwtoffy, die Primadonna der HoloUnterhaltung zu engagieren. Die dreieinhalb Meter große Diva entlockte ihren zwei Kehlen Geräusche, als hätte sich ein Bantha auf ihren Fuß gesetzt. Für dieses Gejaule kassierte sie immerhin 50.000 Credits pro Abend. Da war sogar noch die aus Wookies bestehende Trommel-Combo besser gewesen, die als Vorgruppe die Stimmung aufgeheizt hatte.

Endlich war der kulturelle Teil des Abend vorbei, und der geschäftliche begann. Obi-Nor sah Senator Triso Gollump von P‘Vitor III auf sich zu kommen. Schnell nahm er noch einen Schluck Wein, um sich für die Begegnung mit dem schleimigen Kerl zu stärken.
"Na, Gildorian, alter Freund, gehen die Geschäfte gut?"
"Wie viel?" knurrte Obi-Nor. Er hatte heute Abend nicht die geringste Lust, eine scheinheilige Fassade zu wahren.
"Aber, aber, lieber Freund", gab Gollump zurück. "Ich wollte mit Ihnen nur über die guten alten Zeiten plaudern."
"Die alten Zeiten waren nicht gut, Gollump. Also, was wollen Sie?"
Gollump gab das vitorische Gegenstück eines menschlichen Seufzers von sich. Die Fühler an seinen Ohren wackelten hin und her.
"Wir sind mit Ihrer Handelsgesellschaft sehr zufrieden, Gildorian. Gern würden wir die Lizenz für weitere zwei Jahre verlängern."
"Na, prima", brummte Obi-Nor, während er einen Servier-Droiden heranwinkte. "Wo liegt das Problem?"
"Äh, unser Medi-Zentrum macht sich aufgrund Ihrer großzügigen Spende hervorragend. Es fehlt leider nur an Medi-Droiden. Mit fünf neuen Droiden und, sagen wir, zwei neuen Laborausrüstungen könnten wir eine bessere Versorgung unserer Bevölkerung garantieren."
"Abgemacht", sagte Obi-Nor und griff nach einem Weinglas. "Ich will doch, dass Sie gute Ärzte vorfinden, wenn Sie eines Tages auf Ihrer eigenen Schleimspur ausrutschen."
Er ließ den Vitorianer stehen, denn aus den Augenwinkeln sah er seinen Kammerdiener-Droiden GL02 in den Saal trippeln. Der Droide war von einer ähnlichen Bauart wie C3PO, nur war seine ehemals silberne Hülle unter dem Einfluss von Gammastrahlen blauschwarz angelaufen. Äußerlich machte der Droide seitdem nicht mehr viel her, aber seine Kammerdiener-Qualitäten waren ausgezeichnet.
"Entschuldigt bitte die Störung, Mylord" sagte er in wohltönendem Basic. "Aber Ihr werdet am HoloCom verlangt."
Die Anrede "Mylord" war eine Marotte, die Obi-Nor ihm nicht hatte austreiben können. Möglicherweise ging sie auf eine Schaltkreis-Störung zurück.
"Nicht schlimm, George", erwiderte Obi-Nor. "Ich bin froh, wenn ich hier mal rauskomme."

"Wer ist es denn?" wollte Obi-Nor wissen, als der Droide ihn aus dem Saal in eines der kleinen Besprechungsräume führte.
"Es ist Mistress Stella. Sie sieht besorgt aus, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf."
Obi-Nor legte die Stirn in Falten. Stella Likori war die Verwaltungsdirektorin von Gildorian Enterprises. Wenn sie ihn hier aus dem Empfang holen ließ, musste schon etwas Ernsthaftes geschehen sein.
"Ich lasse Euch allein, Mylord", bot GL02 an, als er das auf Bereitschaft geschaltete HoloCom reaktivierte.
"Nein, George, bleib ruhig hier. - Hallo Stella", begrüßte er die HoloProjektion von Stella Likori. Sie sah wirklich besorgt aus.
"Entschuldige die Störung, Obi-Nor. Es ist was wichtiges geschehen. Yo-Karah bittet dich, nach Trexx zu kommen. Die Jedi helfen bei der Aufklärung des Überfalls auf den Konvoi der Präsidentin. Yo-Karah fragt an, ob du sie unterstützen und mit einer anderen Jedi, Jael Jinn Hajom, nach Dantooine fliegen kannst."
"Dantooine?" Obi-Nor zog die Stirn kraus. "Was soll ich auf Dantooine?"
"Nun, der Plan ist offenbar, dass du mit dieser Jael auf Dantooine offiziell um eine Tarlass-Handelslizenz nachsuchst."
Obi-Nor blickte sich rasch um, aber natürlich war außer seinem Kammerdiener niemand im Zimmer. Dann fixierte er seine Verwaltungschefin.
"Du hast doch einen abhörsicheren Kanal gewählt, Stella?"
"Selbstverständlich, wir können offen sprechen."
"Ich weiß nicht, Stella, manchmal haben auch die Wände Ohren. Ich bin in einem fremden Gebäude ..."
"Schon klar", nickte Stella. "Du weißt jedenfalls, worum es geht."
"Die Sache gefällt mir nicht, Stella. Ganz und gar nicht."
"Meinst du mir? - Es ist aber noch etwas viel Schlimmeres passiert: Deine Schwester Helen ist verschwunden."
Obi-Nor spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. "Was meinst du mit 'verschwunden'?"
"Niemand weiß, wo sie ist. Es geht das Gerücht um, sie sei entführt worden. Der Nachtportier der Akademie in Erdres ist gefesselt aufgefunden worden. Er war mit einer Psychodroge vollgepumpt und kann sich an nichts erinnern. Helen muss in der Nacht noch gearbeitet haben. Und jetzt ist sie weg."
"Woher weißt du das alles?"
"Der Sicherheitsdienst hat sich vorhin gemeldet."
"Ich komme sofort zurück, Stella. Ich breche noch in dieser Stunde auf. Danke, dass du mich informiert hast."
Stella nickte. "Eine Computerspezialistin entführt man nicht, um Lösegeld zu erpressen, Obi-Nor, sondern um sich ihrer Dienste zu versichern. Helen ist bestimmt noch am Leben. Und wir werden sie finden."
"Darauf kannst du dich verlassen!" knurrte Obi-Nor und unterbrach die Verbindung.
"Soll ich Rhysbe informieren, Mylord?" fragte GL02. Rhysbe war eine Warlucca, die seit über einem Jahr als Obi-Nors Pilotin fungierte.
"Nein, George, das mache ich schon selbst."
Er aktivierte sein VoiceCom.
"Rhysbe? Wir fliegen sofort ab. Ja, sofort. Los, beweg deinen Zottelhintern Richtung Landebucht, George und ich treffen dich da! Ende."
Als er abschaltete, bemerkte sein Kammerdiener missbilligend: "Eure Wortwahl war recht vulgär, Mylord."
"Ja, George, ich weiß. Das kommt, weil ich in Sorge bin. Ich habe Angst um meine Schwester."
GL02 nickte. "Ich mache mir auch Sorgen um Lady Helen."

Isaphàn Dera Sh'sandrò sah sich in dem kleinen Zimmer um, das sie in der Starship Lounge bezogen hatte. Ein Bett, eine Sitzgelegenheit, ein kleiner Schrank und ein separater Erfrischer - großen Komfort hatte sie sich nicht gegönnt. Aber sie war nicht hier, um im Luxus zu schwelgen. Im Gegenteil: Sie vermisste beinahe die harte Schlafstatt im Tempel von Yavin 4. Zu viel Bequemlichkeit war nicht gut für eine Kämpferin wie sie.
Isaphàn aktivierte die standardmäßig zu jedem Zimmer der Starship Lounge gehörenden Kommunikationseinheit und stellte eine HoloVerbindung zum Palast der Präsidentin her.
Ein Kommunikationsdroide meldete sich. "Palast der Präsidentin, Droide SB29. Was kann ich für Sie tun, Ma'am?"
"Richten Sie bitte Präsidentin Organa Solo eine persönliche Nachricht aus: Isaphàn Dera Sh'sandrò ist auf Coruscant eingetroffen und in der Starship Lounge zu erreichen." Sie gab ihm die HoloNet-Nummer und den VoiceCom-Anschluss ihres Zimmers durch. "Würden Sie das bitte für mich ausrichten?"
"Die Nachricht wurde bereits an die persönliche HoloNet-Mailbox der Präsidentin weitergeleitet, Ma'am. Ich wünsche einen guten Tag."
Isaphàn schaltete die Übertragung ab, und setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Boden. Dann ließ sie sich von der Macht durchströmen und versenkte sich in ihre Meditation.

Zwei mit Blastergewehren bewaffnete Wachsoldaten in stahlgrauen Körperpanzern geleiteten Helen Moonlight aus ihrer Arrestzelle durch die verwinkelten Korridore der orbitalen Forschungsstation zum Zentrallabor. Helen fragte sich was geschah, wenn sie sich weiterhin weigerte zu tun, was man von ihr verlangte. Ob man sie foltern oder sofort töten würde? Sie hoffte inständig, dass sie den Mut und die Entschlossenheit aufbringen würde, auch dieses Mal abzulehnen, sich in das zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen Republik einzuhacken. Die imperialen Wissenschaftler hatten ihr die Aufgabe erklärt. Dann hatte die Offizierin ihr Bedenkzeit gegeben, ihre Weigerung zu revidieren. Helen hatte den Eindruck gehabt, dass ihr diese Frist nur eingeräumt wurde, weil die Vorbereitungen zum Hack noch nicht abgeschlossen waren. Schließlich, nach über 12 Stunden, hatte man sie wieder aus ihrer Zelle geholt.
Die Wachen schoben sie in das Labor und nahmen an der Tür ihren Posten ein.
Im Unterschied zum letzten Mal war nun auch ein mit einem schwarzen Umhang bekleideter Mann anwesend. Helen musste unwillkürlich an die vielen Beschreibungen Darth Vaders denken, zumal sie augenblicklich von einer inneren Kälte wie von einer Schockwelle erfasst wurde. Im Unterschied zu Vader trug er keinen Helm, sondern hatte ein bleiches, von hellblonden Haaren umrahmtes, wenn auch ein wenig maskenhaft wirkendes Menschengesicht. Als er sie mit eisigem Blick anschaute, fühlte sie einen Stich wie von einer Vibroklinge in ihrer Brust.
"Die Handfesseln brauchen Sie jetzt nicht mehr", sprach der Mann. Er machte eine kleine Handbewegung, und im selben Moment lösten sich die Stahlarmbänder und polterten zu Boden.
"Ich bin Darth Rage", fuhr er fort. "Ich werde der Operation beiwohnen."
Helen spürte einen inneren Schmerz, als ob eine unsichtbare Faust sie zusammenpresste. Sie kämpfte gegen das Gefühl an, und schaffte es mühsam, ihrem Widersacher die Stirn zu bieten.
"Und wenn ich nicht kooperiere?" keuchte sie.
"Sie werden kooperieren". Darth Rage sprach diese Worte völlig ruhig und selbstsicher aus. Als er sich den Wissenschaftlern zuwandte, konnte Helen plötzlich wieder frei atmen.
Der grünhäutige Chefingenieur, der sich Helen als P'rr Malven vorgestellt hatte, aktivierte eine HoloÜbertragung. Nach einem kurzen Flimmern wurde ein beinahe zwei Meter großer dunkelhaariger Mann sichtbar, der mindestens zwei schwere Blaster an seinem Gürtel trug.
Der Kopfgeldjäger, der mich verschleppt hat! dachte Helen. Sie hatte mit einem Mal ein ganz mieses Gefühl.
"Das ist Joraam Malgur", erklärte Colonel Grchmarrh. Sie sprach in ein VoiceCom, und der Kopfgeldjäger nickte.
"Willkommen zur Show, Ladies und Gentlemen", grinste Malgur. "Ich hoffe, das schwebende Aufzeichnungsgerät wird Ihnen einen guten Überblick verschaffen. Das Zielobjekt hat bereits das öffentliche Shuttle verlassen und befindet sich auf dem Weg hierher."
Der Kopfgeldjäger wandte sich ab, und ging über eine Stahlfläche zu einer Reihe aufgestapelter Frachtcontainer, während das Aufzeichnungsgerät ihm im Abstand von etwa 15 Metern folgte. Helen erkannte im Hintergrund gigantische Wohntürme und einen nicht enden wollenden Strom von Luftgleitern. Das musste Coruscant sein. Vor der Kulisse der riesigen Gebäude gewahrte sie Landedocks, an denen mittelgroße Fähren und Frachter festgemacht waren.
Der Kopfgeldjäger kauerte sich hinter einem Frachtcontainer nieder und hantierte mit einen Infarot-Sensor. Offenbar zeigte ihm der Sensor das Kommen eines Wesens an, denn er zog einen seiner beiden Blaster.
Der Bildausschnitt schwenkte auf die offene Stahlfläche zurück und zeigte einen etwa 40-jährigen Mann mit blonden, schütteren Haaren, an seiner Seite ein schwarzblauer Droide, der Mühe hatte, mit seinem schnell dahineilenden Meister Schritt zu halten.
"Oh nein!" rief Helen unwillkürlich aus. "Obi-Nor!"
Sie ernte damit nur ein ironisches Lächeln von Colonel Grychmarrh. Darth Rage betrachtete unbewegt die HoloÜbertragung.
Der Kopfgeldjäger nahm nun die Verfolgung auf, das Aufzeichnungsgerät in einigem Abstand in seinem Schlepptau. Er hielt sich stets im Schatten der großen Container und pirschte sich wie ein trexxanischer Mung-Marder an seine Beute an.
Schließlich bog er um einen offenen Altmetall-Container - und erstarrte.
Nur noch der Droide, der weiterhin den Landedocks zustrebte, war zu sehen. Von Obi-Nor fehlte jede Spur.
Plötzlich sprang eine Gestalt mit einer Vibroklinge in der Hand vom Schrottcontainer und warf sich auf den Kopfgeldjäger. Obi-Nor riss die Vibroklinge hoch und stach zu.
"Ja, Obi-Nor", feuerte Helen ihren Bruder an. "Mach ihn fertig!" In diesem Moment war es ihr völlig egal, dass sie in einem imperialen Labor gefangen gehalten wurde.

Selbst seine untrainierte Machtbegabung hatte Obi-Nor vor der lauernden Gefahr gewarnt. Mit einem schnellen Befehl schickte er GL02 zum Landedock der Courier III, während er selbst mit raschen Bewegungen auf einen Container kletterte. Erst als er den Verfolger mit der Vibroklinge in der Hand ansprang, erkannte er, dass sein Gegner der Kopfgeldjäger Joraam Malgur war. Malgur war vor einiger Zeit einmal für ihn tätig gewesen, um ein Mozilla-Monster, das eine seiner Frachterbesatzungen getötet hatte, zur Strecke zur bringen. Dass er einmal selbst als Malgurs Opfer auserkoren war, hätte er sich nicht träumen lassen.
Obi-Nor stieß im Sprung mit seinem Messer zu. Aber Joraam Malgur war trotz seiner beeindruckenden Körpermaße kein hirnloser Totschläger. Seine überragende Nahkampftaktik und seine ausgezeichneten Reflexe waren weithin bekannt. Mit einer fließenden Bewegung rollte er sich zur Seite und wich dem Stich aus. Den Schwung dieser Aktion ausnutzend schlug er mit dem Blasterknauf gegen Obi-Nors Handgelenk, so dass das Vibro-Messer über die glatte Stahlfläche schlitterte. Obi-Nor riss das Bein hoch und trat seinerseits gegen Malgurs Waffenarm. Auch der Blaster wurde weggeschleudert.
Ihrer Waffen beraubt, gingen die beiden Männer in den Nahkampf über. Es war ein ungleicher Kampf. Hier der durchtrainierte, mit gestählten Muskeln fightende Kopfgeldjäger, dort der über zehn Jahre ältere Händler, dessen Kampfbahn der Konferenztisch war. Malgur hatte Obi-Nor im Nu mit beiden Armen umschlungen und presste ihm wie ein Schraubstock die Luft aus der Brust. Mit letzter Kraft tastete Obi-Nor mit seinen Fingern über das Gesicht des Kopfgeldjägers und drückte auf den zwischen Ohr und Kieferknochen befindlichen Nervenstrang. Mit einem Aufschrei ließ Malgur ihn los, während Obi-Nor nach Luft schnappte. Doch sofort war der Kopfgeldjäger wieder in der Offensive und schickte Obi-Nor mit zwei harten Faustschlägen in die Magengrube zu Boden.
Malgur zog seinen zweiten Blaster und hielt ihn Obi-Nor an die Stirn.
"Schluss jetzt, Gildorian. sonst puste ich Ihnen das Hirn raus."
Also will er mich nicht gleich töten, dachte Obi-Nor, während er keuchend versuchte, seine Schmerzen zu ignorieren.
"Es ist nichts persönliches, Gildorian", sprach Malgur weiter. "Aber Geschäft ist Geschäft, das verstehen Sie doch sicher."
Obi-Nor nickte. Wenn einer diesen Grundsatz verstand, dann er.
"Ich kann nicht viel Wert sein, Malgur", keuchte er, noch immer nach Luft ringend, "wenn man schon einen Verlierertypen wie Sie auf mich ansetzt."
Aber natürlich war Joraam Malgur viel zu sehr Profi, als dass er sich von einer derart billigen Provokation aus der Ruhe bringen ließ.
"Sparen Sie sich Ihre Spucke, Gildorian! Ich werde Sie jetzt ..."
Mitten im Satz wirbelte er herum, denn aus dem Nichts wurde er erneut von einem Wesen angegriffen. Es war eine Warlucca, eine weitläufig mit dem corellianischen Beutelbär verwandte Spezies.
Rhysbe, Obi-Nors Pilotin schnappte mit ihrem Maul nach Malgurs Waffenarm. Ihre fingerlangen Fangzähne bohrten sich mit schrecklichem Geräusch durch die schwere Ledermontur, den dicken Bizeps, die Bänder und Sehnen und wurden erst von Malgurs Oberarmknochen gestoppt.

Der Schmerz, der durch seinen Körper raste, paralysierte Joraam Malgur beinahe. Nur aufgrund seiner Instinkte und des unermüdlichen Trainings gelang es ihm, mit dem unverletzten Arm anzugreifen. Er riss sein Messer aus dem Gürtel und stach blindlings auf seine Gegnerin ein. Sofort war sein verletzter Arm wieder frei. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen presste die Warlucca eine Pranke auf ihre Schulter, wo Blut aus dem Fell sickerte. Die Warlucca stierte den Kopfgeldjäger aus kleinen blitzenden Augen an, dann warf sie sich erneut auf ihn. Diesmal griff sie jedoch nicht mit dem Maul an, sondern fuhr blitzschnell ihre sichelförmig gebogene, 20 Zentimeter lange Jagdklaue aus. Joraam Malgur zuckte zurück. Er spürte, wie die rasiermesserscharfe Klaue seine Kehle nur um Millimeter verfehlte. Dann hatte er endlich den Stunnerstab vom Gürtel gelöst und schickte die Angreiferin mit einer raschen Bewegung zu Boden. Die Warlucca wand sich noch einmal hin und her, doch ein zweiter Betäubungsstrahl machte ihrer Gegenwehr ein Ende.
"Fallenlassen!"
Aus Gildorian Stimme war das angestrengte Keuchen verschwunden. Joraam Malgur ließ den Stunner-Stab fallen. Er dreht sich vorsichtig um. Der Händler lächelte ihn an; in seiner Hand befand sich einer der beiden Blaster.
"Tja, Malgur, Zwei gegen einen ist unfair, ich weiß. Aber ich ..."
Gildorian brach ab und tastete sich mit ungläubiger Miene an den Hals, wo der kleine Betäubungspfeil steckte, den Joraam Malgur mit einer raschen Drehung seines Handgelenks aus der verborgenen Abschussvorrichtung abgefeuert hatte.
Der Händler verdrehte die Augen und war bewusstlos, noch ehe er zu Boden gesunken war.
Joraam Malgur schnitt den rechten Ärmel seines Overalls auf, zog ein MediPack aus einer seiner Taschen und legte es auf die zerfetzte Wunde, die einmal sein Oberarm gewesen war. Dann drehte er sich zum Aufzeichnungsgerät, das die ganze Zeit neben der Kampfstätte über dem Boden geschwebt war.
"Auftrag erledigt, Colonel. Ich schaffe Gildorian und dieses Raubtier zum vereinbarten Zielort. Bitte überweisen Sie die Credits auf mein Konto bei der Lunar Investments. Malgur Ende."

Das HoloBild verblasste. Helen schluckte trocken. Sie hatte mit atemloser Spannung die Wendungen des Kampfes verfolgt, hatte bis zuletzt auf einen guten Ausgang gehofft. Doch jetzt war auch ihr Bruder in der Gewalt der Imperialen.
Colonel Grchmarrh wandte sich ihr zu, den schmallippigen Mund zu einem widerlichen Grinsen verzogen.
"Ihnen ist doch klar, warum wir das gemacht haben?" fragte sie. "Kooperieren Sie mit uns, wird Ihrem Bruder nichts geschehen. Weigern Sie sich weiterhin, muss er sterben."
Helen fühlte, wie ihr Herz bis zum Hals klopfte. Was sollte sie nur tun? Ihren Bruder einfach im Stich lassen? Oder sich zum Werkzeug der teuflischen Pläne des Imperiums machen?
"Nun?" bohrte Colonel Grchmach nach. "Wie lautet Ihre Entscheidung?"
Helen wurde schwindlig. Wie konnte man sie nur vor eine solche Entscheidung stellen? Sie bemühte sich, tief einzuatmen, um nicht ohnmächtig zu werden.
Verzeih mir, Obi-Nor, dachte sie.
"Nein", sagte sie schließlich. "Ich werde nicht kooperieren."
Sie wusste, dass sie soeben das Todesurteil für ihren Bruder ausgesprochen hatte.
"Wie Sie meinen." Colonel Grchmarrhs Stimme war noch eine Spur kälter als sonst. Sie schaute Darth Rage an.
Dieser gab den Wissenschaftlern einen Wink, und erneut baute sich ein HoloBild auf. Es zeigte eines der Passagier-Raumschiffe der White-Star-Reederei.
Die riesigen White-Star-Passagiertransporter waren in der ganzen Galaxis bekannt. Sie verkehrten zwischen den bedeutendsten bewohnten Welten im Liniendienst, vor allem von und nach Coruscant. Jedes Raumschiff konnte mehr als 20.000 Passagiere verschiedenster Spezies transportieren. Mit ihrer Luxusausstattung und allen erdenklichen Service-Leistungen an Bord glichen sie eher fliegenden Städten als Raumschiffen.
Das HoloBild zeigte zunächst eine Außenansicht des Schiffes, das mit gedrosselten Sublichttriebwerken einem Landedock zusteuerte, dann schaltete es um zu einem der zahlreichen Decks im Innern.
Ein Wesen schwebte in den Aufzeichnugsbereich. Helen hatte diese Spezies noch nie gesehen. Es erinnerte ein wenig an eine fliegende Qualle. Auf einem mit Greifarmen, Tentakeln oder Fühlern bestückten weißen, gallertartigen, flachen Körper saß ein kugelrunder Kopf, der keine Augen, sondern ringförmig angeordnete Visio-Rezeptoren aufwies.
"Ein P'Rach", erläuterte Darth Rage, der zum ersten Mal das Wort ergriff. "Die P'Rach sind eine intelligente und überaus skrupellose Spezies. Sie sind mir bedingungslos ergeben. Weil sie ihren eigenen Tod nicht fürchten, eignen sie sich hervorragend als Selbstmord-Attentäter. Der P'Rach, den Sie da sehen, hat einen überaus wirksamen Sprengsatz in der Nähe der Reaktorkontrolle platziert. Ein Wink, und das ganze Schiff mit 20.000 Passagieren fliegt in die Luft."
Das HoloBild schaltete wieder um und zeigte die großen Lounges und Aufenthaltskuppeln für Passagiere. Helen sah Rodianer, Wookies, Bothaner und viele Menschen. Geschäftsleute ebenso wie verliebte Paare oder Familien mit kleinen Babies.
"Nun", fragte Darth Rage, "wollen Sie jetzt kooperieren?"
"Das wagen Sie nicht!" rief Helen. Ihre Hände waren schweißnass, aber aus ihrem Gesicht war alles Blut gewichen.
"Das wagen Sie nicht!" wiederholte sie. "Das ist doch nur ein Bluff!"
"Sie halten mich wohl für eine Art Sabacc-Spieler?" fragte Darth Rage. "Ihr Mangel an Respekt ist beklagenswert."
Er gab den Wissenschaftlern ein Zeichen, und P'rr Malven sprach etwas in ein VoiceCom. Das HoloBild zeigte erst den P'Rach, wie er einen Auslöser betätigte, dann schaltete es zur Außenansicht zurück. Gerade rechtzeitig, um zu zeigen, wie das gewaltige Raumschiff in einem glühenden Feuerball zerbarst.
"Sie Scheusal!" schrie Helen. Sie machte einen Satz auf Darth Rage zu, um ihm an die Gurgel zu springen. Doch wie von einer unsichtbaren Faust getroffen wurde sie zurückgeschleudert und schlug hart auf dem Metallboden auf.
"Sparen Sie sich Ihre Energie für Ihre Aufgabe, Miss Moonlight", sagte Darth Rage mit schneidender Stimme. "Und glauben Sie nicht, dass das der einzige P'Rach-Attentäter war, den ich von hier aus steuern kann. White-Star-Schiffe, Raumwerfte, Bürotürme auf Coruscant, das Zentrum der Stadt Erdres auf Trexx, das alles kann ich binnen Sekunden zerstören. Und ich werde es tun, wenn sie nicht kooperieren."
Helen kam stöhnend auf die Beine.
Es war ein Alptraum. Was hatte sie denn für eine Chance?
Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, als sie schließlich sprach.
"Ich kooperiere."

 

 

4. Verrat

Die imperiale Militärakademie Viena II war eine Eliteschmiede allerersten Ranges. Nur die Besten der Besten hatten eine Chance, überhaupt nur zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden. Wer in die Reihen der Kadetten aufgenommen wurde, konnte sich bereits als Auserwählter fühlen. Und wer die physisch und psychisch aufreibenden fünf Jahre Drill, Disziplin und Ausbildung mit bestandenem Abschluss beendete, schwenkte ohne Umweg auf eine Karrierestraße ein, die ihn auf kürzestem Weg zum Generals- oder Admiralsrang führte. In einer Welt wie dieser gab es keinen Spielraum für Erstaunen oder Verwunderung. Jedes Ereignis, jede Herausforderung, egal worum es sich handelte, wurde nüchtern und emotionslos analysiert, klassifiziert, erledigt und abgehakt. Lediglich die Sache mit den verschwundenen Gefangenen des Kopfgeldjägers sollte noch auf Jahre hinaus für Gesprächsstoff in der Cantina, dem Offiziersclub und den Mannschaftsunterkünften sorgen.

Je zwei Kadetten trugen den bewusstlosen Menschen und das ebenfalls betäubte Pelztier aus der Luftschleuse in den Inhaftierungstrakt. Bei der zentralen Arrestkontrolle legten sie ihre Last ab, um ein wenig zu verschnaufen.
"Vorwärts, Kadetten, nicht einschlafen!" herrschte sie der wachhabende Lieutenant an. "Schafft die beiden in Zelle 3!"
Einer der höchstens 17 oder 18 Jahre alten Kadetten blickte ihn fragend an. "Sir, beide in eine Zelle? Ich vermute, dieses Pelzvieh wird bald fürchterlich stinken."
"Na und?" schappte der Offizier. "Dann stinkt dieser Gildorian eben auch!"
Der Kadett starrte ihn entgeistert an.
"Was haben Sie denn, Kadett?" Die Stimme des Lieutenants war gefährlich ruhig. "Probleme mit dieser Entscheidung?"
"Nein, Sir. Keineswegs, Sir!"
Der Kadett nahm zusammen mit seinen Kameraden die Last wieder auf und betrat den Zellentrakt.

Obi-Nor erwachte mit bohrenden Kopfschmerzen. Der Geschmack in seinem Mund weckte Assoziationen an verwesende Mynocks. Vorsichtig richtete er sich auf. Die Stunner-Fesseln an seinen Armen und Beinen ließen nur ganz langsame Bewegungen zu, andernfalls lösten sie sofort Betäubungsschocks aus.
Da hatte er sich ja wie ein Anfänger von diesem Malgur übertölpen lassen! Anstatt dem Kopfgeldjäger gleich das Gesicht wegzuschießen, hatte er unbedingt seinen Triumph auskosten wollen.
Geschieht dir recht, Obi-Nor, dachte er.
Aus der gegenüberliegenden Ecke der stockdunklen Arrestzelle hörte er ein leises Wimmern und Knurren. Das mussten Rhysbes Schlafgeräusche sein. Wenigstens war seine Pilotin auch noch am Leben.
"Psst, Rhysbe!" Obi-Nor flüsterte zunächst, weil er nicht wusste, ob irgendwo Akustiksensoren eingebaut und per Funk mit den Stunner-Fesseln gekoppelt waren. Doch dann gab er die Zurückhaltung auf und rief mit lauter Stimme.
"Hey Rhysbe! Wach auf!"
Die Warlucca gab einen gutturalen Laut von sich und schnellte mit einem Satz hoch. Sofort streckte sie die Stunner-Fessel wieder zu Boden.
"Langsam, Rhysbe! Beherrsch dich!"
"Wo sind wirrr, Obi-Norrr?" Die tiefe, knurrende Stimme der Warlucca klang müde.
"Keine Ahnung. Aber wo es auch ist - wir müssen hier weg."
"Wie willst du chierrr weg?"
"Weiß ich noch nicht. Ehrlich gesagt: Ich habe keinen blassen Schimmer."
Rhysbe schnaubte zweimal laut durch ihre Nüstern, ein Geräusch, mit der Warlucca Resignation ausdrückten.
Obi-Nor kam nicht dazu, etwas Aufmunterndes zu erwidern, denn plötzlich wurde die Tür-Verriegelung aktiviert. Die elektronische Sperre erlosch, und zwei magnetische Riegel lösten sich.
Mit einem Leuchtstab in der Hand trat eine Gestalt ein.
"Psst", sagte die Gestalt. "Kein Laut. Ich hol Sie hier raus."
Den Händen und der Stimme, aber auch der Kadettenuniform nach zu urteilen, war es ein junger Mann. Das Gesicht hatte er hinter dem verspiegelten Visier eines Raumhelms versteckt. Sein Namenszug über der linken Brusttasche war mit Isolierband überklebt.
Mit raschen Handgriffen an einem Kontrollpad löste er die Stunner-Fesseln.
"Los, kommen Sie mit!" drängte er.
Obi-Nor hielt ihn fest. "Wenn Sie durch eine Visio-Überwachung laufen, nützt Ihnen Ihr Inkognito auch nicht viel. Sagen Sie mir, wer Sie sind!"
Der Kadett schüttelte nur den Kopf und zerrte den Händler aus der Zelle auf den Flur, wo die Warlucca bereits ungeduldig wartete.
Er führte die beiden Gefangenen durch ein Gewirr von Gängen, benutzte von Zeit zu Zeit aber auch Versorgungsschächte, um Wachräume oder Kontrollpunkte zu umgehen.
Schließlich gelangten sie in einen Hangar mit alten Lambda-Frachtern und neueren Fähren. Der Kadett betätigte einige Schalter am zentralen Kontrollpult für die Raumschleuse.
"Der Lambda-Frachter hinten links ist startklar ", erklärte er. "Das Raumschott ist genau zwei Minuten offen. Bis dahin müssen Sie verschwunden sein."
Rhysbe eilte los, aber Obi-Nor wandte sich noch einmal an ihren Befreier.
"Egal wer Sie sind und warum sie das tun - Danke!"
Dann lief er zum Frachter, dessen Repulsoraggregate bereits ansprangen.

Der Kadett starrte dem entschwindenden Frachter nach.
Das war also Obi-Nor Gildorian, dachte er. Für diesen Mann habe ich meine Loyalität zum Imperium verraten.
Gildorian, ehemaliger Spion der Rebellion und Schmuggler.
Und früher einmal Liebhaber der Rauschgift-Dealerin Kitty Ommis.
Er nahm seinen Helm ab und zog das Isolierband von seiner Uniform, so dass sein Name wieder zu sahen war.
"Misch dich bitte nie wieder in die Angelegenheiten des Imperiums ein, Vater", murmelte Kel Ommis. "Noch einmal werde ich dich nicht retten."

Das HoloBild Helen Moonlights durchstreifte die Korridore der virtuellen Festung. Seit ihrem LogIn in das zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen Republik waren erst drei Minuten vergangen, da stand sie bereits vor dem Raum, der die IDs und Zugriffscodes der Großkampfschiffe der republikanischen Marine enthielt, und in dem Miles Norton kläglich gescheitert war. Doch gerade als Helen die Tür öffnen wollte, erschienen zwei bewaffnete Kampfdroiden auf dem Korridor und kamen genau auf sie zu.
Stym Grchmarrh hielt die Luft an. Schon wieder eine Anti-Hacker-Routine! Würde diese Moonlight genauso erwischt werden wie der Versager Norton?
Die Kampfdroiden näherten sich Helen Moonlight und - gingen durch sie hindurch. Das HoloBild schwenkte herum und zeigte, wie die Droiden hinter der nächsten Korridorecke verschwanden. Unbeeindruckt von dem Vorgang betrat Helen Moonlight den Raum mit den gesuchten Dateien.
"Sie ist als Tarnkappen-Virus reingegangen!" rief P'rr Malven mit der kindlichen Begeisterung eines Computerfreaks.
"Ohne das wir es gemerkt haben", ergänzte Zmarrgeno.
Langsam ließ Stym Grchmarrh die Luft aus ihren Lungen entweichen. Offenbar war diese Hackerin doch ein anderes Kaliber als Miles Norton.

Helen durchsuchte den Stapel Datapads. Schließlich hielt sie den richtigen Datenträger in der Hand. Sie steckte ihn in das Lesegerät und betätigte die "Ausführen"-Taste. Auf einem Monitor flimmerten endlose Ketten Zahlenkolonnen. Helen schob ein leeres Datapad in ein anderes Lesegerät und kopierte alle Daten. Dann legte sie das Originalpad zurück, während sie die Kopie in ihre Tasche schob. Als sie alle Geräte wieder ausschaltete, wirbelte sie plötzlich herum und blickte zur Tür. Das HoloBild folgte dieser Bewegung augenblicklich. Helen lauschte, schüttelte dann aber den Kopf, beendete ihre Arbeit in dem Raum und trat wieder hinaus auf den Gang.
Sie wusste, dass ihre rechte Hand bei ihrem kleinen Ablenkungsmanöver für einen Augenblick nicht im Aufzeichnungsbereich der HoloKamera gewesen war. Dieser Moment hatte ihr gereicht, um rasch mit allen Fingern auf die blankpolierte Arbeitsfläche vor dem Lesegerät zu drücken.
Sie hatte es nicht kontrollieren können, aber sie war sich sicher: Auf der Arbeitsfläche waren nun fünf Fingerabdrücke zu sehen.

Als das HoloBild erlosch, wandte sich Colonel Stym Grchmarrh mit triumphierendem Blick an Darth Rage.
"Lord Rage, die orbitale Forschungsstation hat Prioritätsauftrag Nummer eins erfolgreich ausgeführt."
Darth Rage nickte bestätigend. "Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet, Colonel."
Stym Grchmarrhs Augen blitzten. "Die Marine der Rebellen ist damit praktisch außer Gefecht gesetzt, Lord Rage. Sie haben keine Chance mehr gegen uns!"
"Sie haben Recht, Colonel. Niemand kann uns mehr aufhalten."

Der Oberste Sicherheitsrat der Neuen Republik tagte im bestbewachten Raum der Galaxis. Es war ein von Energieschilden und Frequenzblockern mehrfach abgeschottetes Besprechungszimmer im ehemaligen Palast des Imperators auf Coruscant. Leia betrat diesen Raum immer nur mit großem Widerwillen. Zu oft schon hatte sie sich ausgemalt, wie der Imperator hier im Kreise seiner Offiziere, Berater oder Moffs das Schicksal ganzer Völker, Planeten und Sonnensysteme besiegelt hatte. Wie viele Versklavungen waren hier wohl schon angeordnet, wie viele Vernichtungsbeschlüsse gefasst worden? Nun, heute hatte sie keine andere Wahl gehabt. Nach dem offensichtlichen Verrat beim Überfall auf ihren Begleitkonvoi konnte sie unmöglich einen der normal gesicherten Konferenzräume benutzen - nicht für das, was sie jetzt vorhatte.
Als sie den Raum betrat, waren alle übrigen vier Mitglieder des Rates bereits anwesend. Der Calamarianer Admiral Ackbar, der Oberbefehlshaber der republikanischen Marine. Senator Garm Bel-Iblis von Corellia, ein alter Angehöriger der Rebellion, der der Neuen Republik im Kampf gegen Großadmiral Thrawn mit einer schlagkräftigen Privatflotte zur Hilfe gekommen war und seither als Held verehrt wurde. Der gewiefte Geheimdienstchef Hrekin Thorm, ein Obesier, dessen große runde Teller-Augen wie Scheinwerfer leuchteten. Und die beiden erst kürzlich in das Gremium gewählten Senats-Mitglieder: die schlangenartige B'zzrs Mjassdn und der kleine, an eine übergroße Sandratte erinnernde T'winku. Alle hatten die mühsame Prozedur der Sicherheits-Scans über sich ergehen lassen müssen und warteten bereits ungeduldig auf die Präsidentin.
Leia nahm in dem für sie bereitgestellten Formsteinsessel Platz und begann ohne lange Einleitung mit der Besprechung.
"Ich habe Sie hierher gebeten, weil ich mit Ihnen ein ernstes Problem beraten muss. Wir haben möglicherweise einen Verräter in der Marineführung, im Geheimdienst oder sogar in der Regierung. Wir müssen erörtern, wie wir mit dieser gefährlichen Situation verfahren."
"Verräter? Bestimmt nicht im Geheimdienst, Frau Präsidentin!" Hrekin Thorms Stimme grollte vor Empörung.
"Isst der Verrat überhaupt bewiessen?" fragte Senatorin Mjassdn. "Ess gab noch keine offizzielle Unterssuchung."
"Vielleicht war der Verräter im Geleitschutz-Konvoi und ist beim Überfall selbst ums Leben gekommen", mutmaßte T'winku.
Leia seufzte innerlich. Schon bei der Verrat-These gab es Widerstand. Das würde eine anstrengende Konferenz werden.
Senator Bel-Iblis kam ihr zu Hilfe: "Nehmen wir doch einmal an, die Präsidentin hat Recht. Schließlich sollten wir uns im Interesse der Sicherheit nicht mit der für uns besten, sondern mit der schlechtesten Möglichkeit beschäftigen."
"Ich stimme dem Senator zu", sagte Admiral Ackbar. "Jedenfalls kann ich nicht jeden Marineangehörigen von vornherein vom Verdacht des Verrats freisprechen. - So gerne ich meine Leute auch in Schutz nehmen würde", fügte er mit einem Seitenblick auf Hrekin Thorm hinzu.
"Also gut", lenkte der Geheimdienstchef ein. "Sicherlich hat die Präsidentin bereits einen Vorschlag, was ihrer Meinung nach zu tun ist?"
"In der Tat, den habe ich", bestätigte Leia. "Wir sollten als erstes vereinbaren, alle militärisch relevanten Regierungsentscheidungen nur noch in diesem Gremium zu beraten und zu beschließen."
"Was?" rief T'winku erregt. "Sie wollen Senat und Kabinett umgehen?"
"Dass isst der ssichersste Weg in eine Regierungsskrisse", zischte B'zzrs Mjassdn.
Leia nickte bedächtig und machte einen Rückzieher. "Nun gut. Lassen wir das zunächst."
"Wieso sind Sie überhaupt der Meinung, dass Sie diesem Gremium eher vertrauen können als ihrem Kabinett?"
Alle Mitglieder des Oberstern Sicherheitsrates starrten Senator Bel-Iblis an, der die in eine Frage gekleidete unerhörte Andeutung in ganz ruhigem Ton vorgebracht hatte.
Leia zwang sich, ruhig zu atmen. Jahrelange Erfahrungen mit politischen und diplomatischen Verhandlungen hatten sie gelehrt, auch noch so schwierige Konferenzsituationen äußerlich unbewegt wie ein Sabacc-Profi zu meistern. In ihrem Innern dagegen war sie angespannt. Jetzt hatte war die Besprechung genau an dem Punkt, an dem sie sie haben wollte.
"Wenn ich Ihnen nicht trauen darf, kann ich mein Amt gleich zur Verfügung stellen", entgegnete Leia und erntete ein zufriedenes Nicken..
"Es gäbe möglicherweise einen Weg, die Identität des Verräters aufzudecken", fuhr sie fort. "Der Horchposten Alpha Q hat den Einschlag einer Kuriersonde im Asphaltsee auf P'torrsk registriert. Die Sonde ist offensichtlich vom Kurs abgekommen. Sie könnte vom Begleitkonvoi während des Überfalls oder vom Verräter vor dem Hyperraumsprung abgeschickt worden sein. Vielleicht enthält sie wertvolles Material, das uns weiterhilft."
"Wie sollen wir denn eine Sonde aus einem Asphaltsee bergen?" fragte T'winku skeptisch. "Ist sie nicht längst geschmolzen?"
"Nein", widersprach Admiral Ackbar. "Die Legierung hält der Hitze des Sees mindestens drei Wochen stand. Jedenfalls wenn sich die Temperatur des Sees nicht seit der letzten Messung der Galaktographischen Gesellschaft erhöht hat. Eine Bergung wird freilich kostspielig und vor allem langwierig sein."
"Geld dürfte in dieser Angelegenheit keine Rolle spielen", warf Hrekin Thorm ein. "Aber die Zeit könnte uns davon laufen. Wie lange wird es dauern, bis ein Bergungsteam vor Ort sein kann? Zwei Wochen?"
"Eher drei", vermutete Bel-Iblis. "Wir sollten es aber dennoch versuchen."
Die anderen nickten zustimmend.
"Admiral Ackbar wird dies in die Hand nehmen", entschied Leia. "Die Untersuchung des Schlachtfeldes haben Sie sicherlich schon angeordnet?"
"Das Spezialteam, das von der Jedi T'Abora unterstützt wird, ist bereits unterwegs", antwortete der Calamarianer.
Noch eine Stunde tagte der Oberste Sicherheitsrat und verwarf oder entschied Maßnahmen. Leia informierte die Ratsmitglieder darüber, dass sie Jedi Sh'sandrò als eine Art Sonderermittlerin beauftragt hatte, und dass Jedi Mal'Wan zu einer weisen Seherin unterwegs war, um Erkundigungen einzuholen. Sie nahm nun ganz entspannt an der Beratung teil. Längst hatte sie erreicht, was sie wollte.

Der Ort des Überfalls auf den Begleitkonvoi der Präsidentin war ein riesiges Trümmerfeld. Wrackteile unterschiedlichster Größe, von halben Kriegsschiffen bis zu daumennagelgroßen Kleinstteilen und Splittern, schwirrten durch den Raum und zeugten von der gewaltigen Zerstörung, die der imperiale Angriff hinterlassen hatte. Normalerweise strebten bei der Explosion eines Raumschiffes die Trümmer ohne die bremsende Wirkung von Schwerkraft oder Luftwiderstand immer weiter auseinander - bis ans Ende aller Zeiten. Doch das elektromagnetische Kraftfeld, das die republikanischen Schiffe aus dem Hyperraum gerissen und zugleich ihre Flucht vom Schlachtfeld verhindert hatte, war dafür verantwortlich, dass das von Admiral Ackbar entsandte Spezialteam nur ein relativ überschaubares Gebiet abzusuchen hatte.
Für Lieutenant Liam Russel war es der vierte Einsatz dieser Art. Aber selbst wenn er noch ein Dutzend Mal diese Aufgabe übernahm, nie würde er sich vor dem Grauen schützen können. Die Wrackteile aufzulesen und zu analysieren, das war eine Sache. Aber wenn sie auf Leichenteile stießen ...
Manchmal fanden sie Hunderte in einem größeren Wrackteil, zerrissen von der plötzlichen Dekompression. Manchmal fischten sie einzelne Gliedmaßen auf oder einen Raumhelm, in dem noch ein Kopf steckte. Liam Russel hatte Verständnis dafür, dass viele junge Marineangehörige nur ein einziges Mal diese Art Einsatz auf sich nahmen. Viele weigerten sich rundweg, noch einmal an einem "Aufräumkommando" teilzunehmen. Und einige traten ganz aus der Marine aus.
"Lieutenant Russel, hier Broom Alpha", meldete sich das in seinen Helm eingebaute VoiceCom.
"Hier Russel, was gibt's, Broom Alpha?"
"Sie nehmen diesmal die Z 93, den Zweisitzer. Wir bekommen Unterstützung durch eine Jedi. Sie heißt ... Moment ... Sha'In-Mar T'Abora. Ich teile sie Ihnen zu."
"Äh, hören Sie, Ethan, ich habe kein Problem damit, nur - wissen Sie, was das soll?"
"Keine Ahnung, Liam. Ich weiß nur, dass es mir nicht gefällt, wenn sich Zivilisten hier einmischen. Ob es nun Jedi sind oder nicht. Aber das ist nicht unsere Entscheidung. Die Präsidentin höchstpersönlich legt Wert auf die Unterstützung. Und wir wollen die Präsidentin doch nicht enttäuschen, nicht wahr, Liam?"
"Schon klar, Ethan."
"Also, Lieutenant Russel: Sie kümmern sich um die Lady, wenn sie hier eintrifft!"
"Verstanden, Broom Alpha."

"Hier fand der Überfall statt, Mistress Isaphàn. Dort lauerte der Kopfgeldjäger, hier kämpfte er mit Seiner Lordschaft und mit Mistress Rhysbe."
Der Kammerdienerdroide GL02 deutete auf verschiedene Stellen der Stahlfläche vor den Landedocks des Shuttle-Raumhafens von Newport.
"Ja, George, ich sehe hier Blutspuren. Es ist aber kein Menschenblut."
Isaphàn hatte nicht schlecht gestaunt, als Obi-Nors Droide in der Starship Lounge aufgetaucht war. Er hatte sich als blinder Passagier mit öffentlichen Luftgleitern bis zum Palast der Präsidentin durchgeschlagen und war dort zu Isaphàns Quartier geschickt worden. Nun waren sie am Ort des Überfalls, um nach eventuellen Anzeichen zu suchen, die Aufschluss über den Verbleib des Händlers geben könnte. Doch bis auf die wenigen Blutspuren, die vermutlich von der Warlucca stammten, gab es nichts zu sehen.
"... und dort drüben schwebte die Aufzeichnungskugel", beendete GL02 soeben seine Beschreibung der Ereignisse.
Isaphàn runzelte die Stirn. "Aufzeichnungskugel, sagst du?"
"Ja, ich fürchte, der Kopfgeldjäger hat eine ordinäre Freude daran, sich später an der Aufzeichnung seines Verbrechens zu ergötzen."
"Ich weiß nicht", murmelte Isaphàn nachdenklich. "Er könnte die Bilder unmittelbar an seinen Auftraggeber gesandt haben, zum Beweis seines Erfolges. Und wenn das der Fall ist, dann könnten wir vielleicht herausbekommen, wohin das Signal gesendet wurde."
"Das scheint mir eine ungewöhnlich schwere Aufgabe zu sein, Mistress Isaphàn. Angesichts der Millionen von Funksprüchen, HoloMails und Datentransfers, die diesen Planeten in jeder Sekunde verlassen."
"Du hast Recht, George", nickte Isaphàn. "Wir können nur hoffen, dass der Geheimdienst bestimmte Sektoren wie diesen Raumhafen besonders intensiv überwacht."

Helen Moonlight lag auf der harten Pritsche in ihrer Arrestzelle und starrte Löcher in die Decke. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte - gegen alle Widerstände, gegen jede Abwehr und Rechtfertigung, gegen jede rationale Entschuldigung bohrte sich immer wieder die anklagende Stimme ihres Gewissens in ihr Herz.
Sie hatte die Neue Republik in den Abgrund gerissen.
Ihr Vater war als Widerstandskämpfer gegen das Imperium getötet worden, ihr Bruder hatte als Spion auf der Seite der Rebellen operiert. Und sie selbst war in ihrer Ausbildungszeit mehr als einmal Opfer imperialer Willkür gewesen. Nach dem Sturz des Imperators Palpatine hatte sie gejubelt: Endlich durfte die Galaxis die Atmosphäre der Freiheit atmen!
Und nun hatte sie mit einer einzigen Aktion alles verraten, woran sie glaubte.
Die Konsequenzen des Hackerangriffs waren ihr natürlich klar. Mit den IDs und den Zugriffscodes hatte das Imperium die gesamten Marinestreitkräfte der Neuen Republik in der Hand. Die Imperialen konnten die Republik zerquetschen wie ein lästiges Insekt.
Und sie, Helen Moonlight, war Schuld.
Natürlich hatte sie versucht, die Republik zu warnen. Die Spur, die sie hinterlassen hatte, war klein, aber deutlich gewesen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine Anti-Spionage-Routine des illegalen Zugriff entdeckte. Aber ob die Republik überhaupt noch so viel Zeit hatte?
Aber es ging ja nicht allein um den Kampf zwischen Raumstreitkräften. Helen erschauderte, als sie an die P'Rach-Selbstmordattentäter dachte.
Wann würde Darth Rage diese schreckliche Waffe einsetzen?
Und funktionierte ihre Gegenmaßnahme schnell genug, um den Plan des dunklen Lords zu vereiteln?
Helen seufzte. Hätte sie doch nur etwas mehr Zeit oder Ruhe gehabt, ihren Gegenschlag zu entwickeln!
Es war eine spontane Idee gewesen, nicht nur eine Spur, die "Fingerabdrücke", im militärischen Zentralcomputer der Neuen Republik zu hinterlassen, sondern auch eine kleine, selbständig arbeitende Software. Ein "Pendler", wie der Programmtypus in Hackerkreisen hieß. Wenn das Programm funktionierte, würde es zwischen den beiden Computer hin- und herpendeln. Es würde in kleinen Portionen Daten über den Bau, die Steuerung und die Konstruktionspläne der orbitalen Forschungsstation, insbesondere über deren Computersystem sammeln, um dann einen "maßgeschneiderten" zerstörerischen Virus in Gang zu setzen. Es war eine überaus langsame Methode aus der Frühzeit des modernen Computerwesens. Seit dem Untergang der Alten Republik hatte niemand ernsthaft auf diese Art und Weise versucht, einen Computer auszuschalten. Aber unter den gegebenen Umständen war es das einzige Mittel, was Helen zur Verfügung gestanden hatte. Weil sie, um nicht aufzufallen, nur einen sehr einfachen Programmcode hatte entwickeln können, mochte es bis zu fünf Tagen dauern, bis der "Pendler" sein Ziel erreichte.
Es dauert zu lange, dachte Helen. Fünf Tage sind einfach zu lang.
Sie löschte das Licht, drehte sich zur Wand und versuchte vergeblich einzuschlafen.

Als Lyndea Marsko aus dem Turbolift trat, wurde sie von allen Seiten angestarrt. Sie wusste, dass in ihrem Gesicht keine Spuren vom L'Ott-Fieber zurückgeblieben waren. Und doch schauen mich alle an wie eine Aussätzige, dachte sie verbittert. Ohne sich etwas von ihrer Stimmung anmerken zu lassen, steuerte sie auf das runde Empfangspult zu.
"Captain Lyndea Marsko. Ich möchte zu Colonel Glish."
"Der Colonel erwartet Sie bereits, Captain. Hier entlang bitte."
Während der bullige Seargent sie zum Büro des Colonels geleitete, spürte Lyndea die Blicke der Verwaltungskräfte und Innendienstler wie Dolche in ihrem Rücken.
"Captain Marsko, schön Sie wieder auf den Beinen zu sehen."
Der grauhaarige Colonel schien es wirklich ernst zu meinen.
"Danke, Colonel. Wenigstens einer, der sich freut."
Glish zog die Brauen hoch. "Gerüchte, Klatsch und Tratsch? Sie sollten auf dieses Gerede nicht so viel geben, Captain."
"Ich habe doch selbst ein mieses Gefühl, Colonel. - Ich weiß, ich weiß", erstickte Lyndea einen Einwand ihres Vorgesetzten im Keim. "Natürlich ist mir rational klar, dass ich für das L'Ott-Fieber nicht verantwortlich bin. Aber das Gefühl, meine Staffel wegen einer Kinderkrankheit im Stich gelassen zu haben, kann ich nicht einfach abschütteln. Ich nehme an, dass ich am besten darüber hinweg komme, wenn ich wieder einen X in Händen habe."
Colonel Glish schaute die Pilotin nachdenklich an.
"Captain", sagte er ruhig. "Sie wissen doch, wie die Marine in derartigen Fällen verfährt?"
Lyndea wurde blass. "Oh, ich ... ich hatte es vollkommen verdrängt. Aber ..."
Sie holte tief Luft. "Drei Monate Innendienst, psychiatrische Untersuchungen - das wollen Sie mir wirklich zumuten, Sir?"
"Ich nicht", entgegnete Colonel Glish. "Aber die Marinevorschrift."
Lyndea schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre schulterlangen braunen Haare hin und her wirbelten.
"Ich bin nicht für den Innendienst geschaffen, Sir. Ich habe mein ganzes Leben nichts anderes im Sinn gehabt, als X-Wings zu fliegen. Außerdem kann ich mir ein Leben ohne X-Wing nicht vorstellen! Ich bekomme schon nach einem Tag Abstinenz Entzugserscheinungen. Sie können mich doch nicht hinter einen Schreibtisch stecken!"
Colonel Glish seufzte. "Ich wusste, dass Sie so reagieren. Deshalb habe ich auch vorgesorgt. An der Zwangspause von drei Monaten kann ich nichts ändern, aber - ich kann Sie vom aktiven Marine-Dienst beurlauben."
"Was?!" Lyndea wollte aufspringen, konnte sich aber gerade noch unter Kontrolle halten.
"Kommen Sie mit", sagte Glish anstelle einer Erklärung. "Ich zeige Ihnen was."

Colonel Glish brachte Lyndea mit einem Luftgleiter zu einem abgelegenen Lagerhallen-Bezirk. Dort fuhren sie mit dem Turbolift zu einem schwer bewachten und mehrfach gesicherten Hangar. Der Colonel passierte die Kontrollen, ließ das Tor öffnen und führte Lyndea in die abgedunkelte Halle.
"Licht!" befahl er, und sofort flammte die von Akustikrezeptoren gesteuerte Hallenbeleuchtung auf.
Im Hangar befanden sich 24 nagelneue X-Wings.
"Seit wann werden X-Wings derartig gesichert?" fragte Lyndea neugierig. "Sämtliche Spione der Galaxis kennen diesen Typ seit Jahrzehnten in- und auswendig."
"Diesen Typ nicht", lächelte Colonel Glish. "Äußerlich mag das ein ganz gewöhnlicher X sein. Aber innen ist er komplett überholt worden. Vom Antrieb über die Schilde bis hin zu den Lasern. Das ist aber noch nicht alles. Unten im Rumpf befindet sich eine Kammer, in der ein Protonendetonator Platz hat. Damit ist dieser X-Wing zugleich Jäger und Bomber. Wir nennen ihn 'X-Wing evolution' oder kurz 'X-Wing e'. Einige Ingenieure sprechen auch schlicht vom 'E-Wing'."
Colonel Glish schaute Lyndea fragend an.
"Hätten Sie nicht Lust, diesen Vogel zusammen mit 23 anderen Piloten für die nächsten drei Monate zu testen?"
Lyndeas Augen leuchteten. "Danke Sir, das Angebot nehme ich gerne an. Aber geht das denn überhaupt, wenn ich bei der Marine beurlaubt bin?"
"Das ist sogar Voraussetzung", antwortete Glish. "Was Sie hier sehen, sind keine Marine-Maschinen. Aus Gründen der Geheimhaltung schien es uns sicherer, das Projekt im Auftrag einer Scheinfirma zu realisieren. Für die nächsten Monate sind Sie offiziell Testpilotin der Sh'lot-Werften."

Schon beim Landeanflug sah Obi-Nor Stella Likori und eine weitere, ihm unbekannte Frau auf dem kleinen Spacepot auf Palm Island, dem Firmensitz seiner Handelsgesellschaft auf dem Planeten Trexx. Kaum war er aus dem alten Lambda-Frachter ausgestiegen, da rannte Stella auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
"Ich bin ja so froh, dass du wieder da bist! Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen!"
"Klar komme ich wieder", grinste Obi-Nor. "Meinst du, ich würde dir die Firma ganz alleine überlassen?"
"Idiot!" schimpfte Stella, doch ihre dunklen Mandelaugen funkelten vor Freude wie geschliffene Darkstone-Diamanten.
Dann deutete sie mit einer einladenden Geste auf die andere Frau. "Darf ich dir Jedi Jael Jinn Hajom vorstellen?"
Die Jedi war zierlich und wesentlich kleiner als Stella. Obi-Nor vermutete, dass sie von einem Planeten mit geringer Schwerkraft stammte.
"Guten Tag, Mr. Gildorian. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen."
"Nicht so förmlich, wenns recht ist. Ich heiße Obi-Nor."
"Jael."
"Prima, dann haben wir die Formalitäten schon hinter uns. Ich freue mich auch, dich endlich kennen zu lernen. Yo-Karah hat schon viel von dir erzählt. Nur Gutes natürlich. Und dass man dir nie mit Käse überbackenes Nerf-Steak anbieten sollte."
Jael lächelte mild. "Das ist eine alte Diskussion auf Yavin 4. Ich habe einige traditionelle Bräuche von meinem Heimatplaneten Jeshiwwa nicht abgelegt. Diese Speisevorschrift gehört dazu."
"Könnt ihr eure kulturellen Studien ein anderes Mal fortsetzen?" unterbrach Stella. "In deinem Speiseraum steht das Essen schon auf dem Tisch."

Nach der Mahlzeit besprachen Jael, Obi-Nor und Stella die weiteren Schritte.
"Ich habe eigentlich gar keine Zeit, nach Dantooine zu fliegen", meinte Obi-Nor. "Ich muss meine Schwester Helen suchen. Dass wir beide fast zeitgleich entführt wurden, kann kein Zufall sein."
"Du kannst für Helen im Moment nichts tun", erwiderte Stella. "Der Sicherheitsdienst hat in ihrer Wohnung und in der Akademie alles auf den Kopf gestellt. Es gibt einfach keinerlei Spuren."
"Außerdem brauchen wir deine Hilfe", ergänzte Jael. "Dantooine ist ein wichtiger Ansatzpunkt für unsere Nachforschungen. Und ich kann mich nicht einfach als selbständige Händlerin ausgeben."
Obi-Nor nickte. "Ich bezweifle sogar, dass man dir die Rolle meiner Assistentin abnimmt. Nun ja, wir können es versuchen."
"Die Sache hat nur einen Haken", warf Stella ein. "Unseren Informationen zufolge ist die Tarlass-Lizenz bereits vergeben."
"Aber offiziell ist das noch nicht?" wollte Jael wissen.
Stella schüttelte den Kopf. "Nein, deshalb könnt ihr hinfliegen und so tun, als ob ihr die Lizenz haben wollt."
"Bleibt nur noch ein Detail zu klären", meinte Obi-Nor. "Wenn du nicht als Jedi auftreten willst, musst du diese Kleidung loswerden. In dem Jedi-Aufzug erweckst du den Eindruck, als sei die Firma, die du vertrittst, kurz vor dem Bankrott."

Majestätisch wie ein von seinen Untertanen umgebener König hing der Sternzerstörer Retaliation von kleineren Kriegsschiffen umringt im Orbit eines unbewohnten, namenlosen Planeten im Äußeren Rand der Galaxis. Seit dem Überfall auf den Konvoi der Präsidentin der Neuen Republik hatte Admiral Xuun seine Flotte um zwei Sternzerstörer der Victory-Klasse und mehrere leichte Kreuzer verstärkt. Trotz des klaren Sieges war er äußerst verärgert gewesen über den leichtsinnigen, überflüssigen Verlust der Revenge. Die führenden Offiziere der Flotte würden die Nachbesprechungen der Schlacht, zu der Admiral Xuun sie einbestellt hatte, so schnell nicht vergessen. Sie hatten ihm mehrfach versichert, dass Nachlässigkeiten und Fehler nie mehr vorkommen würden.
Admiral Xuun war mit der selbstkritischen Haltung seiner Offiziere sehr zufrieden gewesen. Jetzt aber war er sicher, dass verhängnisvolle Fehler in Zukunft ausgeschlossen waren.
Er betrachtete das Datapad mit den IDs und Zugriffscodes sämtlicher republikanischer Großkampschiffe in seinen Händen. Es war der Schlüssel zur Herrschaft über die Galaxis. Zur Eliminierung der Neuen Republik. Aber mehr noch: zur Vergeltung für die Vernichtung Thrawns. Sie mussten nur noch den Ort für den ersten Schlag bestimmen.
Und nun hatte Cawth, sein Erster Offizier, die entscheidende Information gegeben.
"Sind Sie ganz sicher, Colonel Cawth?"
"Die Quelle gilt als äußerst zuverlässig, Admiral. Und sie sagt ganz eindeutig, dass sich die dritte Flotte der Republik bei den Raumwerften von Mer'Van aufhält."
Admiral Xuun nickte. "Gut. Geben Sie Befehl an alle: Wir rücken in einer Stunde aus. Kurs auf Mer'Van."

Der kleine Planet P'torrsk im Äußeren Rand war von keiner als Vernunftwesen angesehen Spezies bewohnt. Er besaß auch keine nennenswerten Bodenschätze, die eine wirtschaftliche Tätigkeit gerechtfertigt hätten. Und trotz mancher sehenswerter Naturschauspiele lag er zu weit von den belebten Zentren der Galaxis entfernt, als dass er Touristen angelockt hätte. Alle paar Jahre schaute mal ein Forschungsteam der Galaktographischen Gesellschaft vorbei, aber sonst schlummerte der Himmelskörper friedlich vor sich hin.
Auf dem vegetationsarmen südlichen Kontinent hatte vor Urzeiten ein Meteoriteneinschlag ein kreisrundes Tal mit steil aufragenden, mehreren hundert Meter hohen Felswänden erzeugt. Im Laufe der Jahrtausende hatte sich der Krater zur Hälfte mit einem aus unterirdischen Quellen gespeisten See gefüllt, der wegen seiner schwarzen Farbe und zähflüssigen Konsistenz allgemein der "Asphaltsee von P'torrsk" genannt wurde, obwohl diese Bezeichnung chemisch nicht korrekt war. Der See war über 20 Quadratmeilen groß, stank erbärmlich und strahlte eine unerträgliche Hitze sowie giftige, für Sauerstoff-Stickstoff-Atmer tödliche Gase aus.
Dennoch lagen am Kraterrand, unter großen Felsbrocken versteckt und von Infrarot-Blockern abgeschirmt, zwei Humanoide in Raumanzügen und -helmen und beobachteten den See. Der Kleinere der beiden hielt einen Visiosensor in Händen, der Größere, nach menschlichen Maßstäben ein Riese, bediente einen Wärmesensor. Stundenlang lagen sie schon hier, aber nichts hatte sich ereignet. Der See lag immer noch so ruhig und schwarz unter ihnen wie eh und je.
Die größere Gestalt gab ein Heulen von sich, eine Mischung aus Jaulen und Brüllen.
"Nein Chewie, mir gefällt es hier auch nicht", erwiderte der andere.
Wieder ein Heulen.
"Nein, Leia konnte niemand anderes schicken. Sie vertraut eben nur mir. Und ich vertraue dir. Tja, Kumpel, Pech für dich, dass du dich mit mir eingelassen hast."
Das Heulen wurde aggressiver.
"Jetzt hör mal zu. Du kannst ja wieder zurückfliegen. Dann sagen wir Leia eben, dass du langsam zu alt wirst für solche Sachen. - Hey, das war ein Scherz, ja? Reg dich nicht gleich auf", fügte er hinzu, als das Heulen einen bedrohlich Klang annahm.
Han Solo starrte missmutig auf den Asphaltsee. Im Grunde hatte Chewbacca Recht. Es war eine absurde Idee, hier am Ende der Welt auf der Lauer zu liegen.
Wieder ließ der Wookie ein Heulen ertönen, diesmal in einem fragenden Ton.
"Nein, Chewie, ich weiß nicht, worauf wir warten. Wir sollen beobachten, ob etwas Verdächtiges geschieht. - Nein, keine Ahnung, was verdächtig ist. "
Plötzlich stieß der Wookie einen kurzen Knurrlaut aus.
Ein geflügeltes Wesen, das sehr entfernt einem Flederhabicht glich, glitt mit langsamem Flügelschlag über das Tal, flog eine große Runde über den See und entschwand.
"Nein, Chewie, ich glaube nicht, dass das verdächtig war. - Nein, ich glaube nicht, dass wir unseren Auftrag schon erfüllt haben. Wir - schau mal da!"
Chewie gab Han zu verstehen, dass er den glitzernden Punkt in der Ferne bereits gesehen hatte.
Das Objekt entpuppte sich als kleine Raumfähre, die zum Krater schwebte und in etwa 1000 Metern Höhe mitten über dem See anhielt.
Han vergewisserte sich, dass er die Visio-Aufzeichnung aktiviert hatte. Dann sah er, wie die Fähre einen kugelförmigen Gegenstand abwarf. Die Kugel schlug auf die Oberfläche des Sees auf und versank langsam in der zähflüssigen Masse.
Danach passierte zunächst nichts; auch das Raumschiff verharrte bewegungslos auf seiner Position.
Dann machte Chewbacca Han mit einer Geste auf den Wärmesensor aufmerksam. Die Temperatur im See stieg offensichtlich rapide an.
Nach einigen Minuten waren die Veränderungen mit bloßem Auge sichtbar. Zuerst bildeten sich Luftblasen, dann blubberte die Oberfläche wie bei einer heißen Schlammquelle. Und schließlich schien der ganze See zu kochen und zu brodeln. Einzelne schwarze Fontänen schossen unter der Hitzeinwirkungen in die Luft. Chewbaccas Wärmesensor zeigte eine Temperatursteigerung um 200 Standardeinheiten auf der Mess-Skala an.
Nach einer Weile beruhigte sich der See wieder, die Temperatur sank auf das vorherige Niveau zurück, und das Raumschiff flog davon.
Cewbacca gab ein leises Heulen von sich.
"Ja, Kumpel. diesmal gebe ich dir Recht. Das war verdächtig. Komm, lass uns den Falken startklar machen. Wir kehren zurück."
Während der Wookie die elektronischen Tarnfelder des Millenium Falken abschaltete, ließ Han Solo das Erlebte auf sich wirken. Leia hatte Recht gehabt, wieder einmal hatte ihr Instinkt sie nicht betrogen. Auf P'torrsk war nie eine Kuriersonde gelandet, weder im Asphaltsee noch sonstwo. Die Geschichte hatte sich Leia nur ausgedacht, um einen Köder für die Mitglieder des Obersten Sicherheitsrats zu haben. Und ganz offensichtlich hatte jemand diesen Köder geschluckt.
Han lief es kalt den Rücken hinunter.
Im wichtigsten Entscheidungsgremium, das die Neue Republik in Krisenzeiten hatte, im engsten verteidigungspolitischen Beraterstab der Präsidentin saß ein Verräter.

Ende des ersten Teils