Er trat durch das riesige Tor, hinaus in die feuchte, neblig-kühle Nacht, um seinen Besucher zu erwarten. Der nasse Grasboden der Lichtung inmitten der bewaldeten Insel schimmerte im fahlen Licht des gelben Viertelmondes und Tautropfen hingen an den Zweigen der vereinzelt stehenden T'Lami-Sträucher. Die Kälte verwandelte seinen Atem in kleine Dampfwolken. Er blieb stehen und konzentrierte sich auf seine Umgebung. Ein Nagetier verschwand raschelnd im dichten Unterholz des Dschungels. Nachtfalter suchten mit zuckendem Flug das Weite, in der Ferne verstummte der Ruf des Nacht-Pylots. Dann war alles still, als ob die Natur sich respektvoll oder ängstlich vor der verhüllten Gestalt, die neben den uralten Tempelmauern stand, zurückwich. Seine Aura breitete sich weiter aus, ergriff die gesamte Insel, die Küstengewässer, die Luft. Fischschwärme wichen ebenso vor seiner Präsenz zurück wie die Meri-Möwen, die auf der Jagd nach Meerestieren die Küste entlang flogen.
Er schloss die Augen und fühlte, wie die Macht
ihn durchströmte. Er tauchte ein in einen unendlichen Strom von Gedanken,
Erinnerungen, Visionen, Gefühlen und Erkenntnissen. Langsam setzte er die
mentalen Mosaiksteine zu einem einzigen großen Bild zusammen und betrachtete
es prüfend.
Ist die Zeit gekommen?
Er sah die Alte Republik, die im Strudel von Korruption und politischen Machtkämpfen
untergegangen war. Dachte an den selbstzufriedenen und überheblichen Jedi-Orden,
ausgelöscht durch Verrat in den eigenen Reihen.
Er erinnerte sich an das Imperium Palpatines, das beinahe die gesamte Galaxis
beherrscht hatte. Spürte das Echo gewaltiger Kriege und Vernichtungen.
Er hatte schon früh vorausgesehen, dass Palpatine scheitern würde.
Dessen Vorurteil gegenüber nichtmenschlichen Spezies hatten zwangsläufig
ins Chaos führen müssen. Nein, Palpatine hatte nie das Format besessen,
die Galaxis zu beherrschen.
Er sah die jämmerlichen Nachfolger Palpatines, mehr damit beschäftigt,
sich gegenseitig auszuschalten, als die Rebellen zu vernichten. Niemand, der
den Verstand gehabt hätte, auch nur einen einzigen Planeten zu regieren.
Niemand außer - Thrawn. Ja, Thrawn war anders gewesen, weil er
selbst den blauhäutigen Chiss unterwiesen hatte. Er hatte ihn Taktik
und Strategie gelehrt. Thrawn war nicht so vermessen gewesen, sich selbst zum
Imperator emporzuschwingen. Er hätte ihm die Herrschaft bereitet,
wie man in Imperial City bei diplomatischen Empfängen den roten Textilboden
ausrollte. Aber auch Thrawn war gescheitert. Er war von seinem eigenen Leibwächter
verraten worden, von einem Noghri, der Lady Vader die Treue geschworen hatte.
Lady Vader oder Leia Organa Solo, wie sie sich selbst nannte, war Präsidentin
der Neuen Republik. Eine zerbrechliche Allianz, innerlich zerstritten durch
die Eifersüchteleien eitler Senatoren. Aber schlagkräftig, wenn sie
von außen bedroht wurde. Konnte die Neue Republik jetzt einer neuen Bedrohung
standhalten?
Ist die Zeit gekommen?
Er verließ die Gegenwart und tauchte tiefer in die Vergangenheit ein,
ließ die Jahrhunderte an sich vorbeiziehen. Er sah seine Jugend, seine
Taten, die Ausbildung, die Lehren, den Konflikt und - Yoda. Yoda war ein Narr
gewesen. Weil er stets Furcht, Zorn und aggressive Gefühle abgelehnt hatte
- ständig hatte er sie die "dunkle Seite" der Macht genannt
-, hatte er nie begriffen, wozu die Macht wirklich imstande war. Immerhin,
trotz der Einschränkung durch seine ungenügenden Jedi-Lehren hatte
er es weit gebracht. Sogar die Vernichtung des Jedi-Orden hatte er überlebt.
Aber dann war er schließlich doch gestorben. Vor Altersschwäche.
Nur weil er sich an seinen lächerlichen kleinen grünen Körper
geklammert hatte.
Derartige Skrupel hatte er nie gehabt. Ein Körper war nützlich,
ein Vehikel, nicht mehr. Zur Zeit besaß er den Körper eines Menschen,
eines selbst nach den Maßstäben dieser kurzlebigen Spezies sehr jungen
Menschen. Er hatte ihn von einem Priester-Adepten aus dem ehemaligen Tempel,
den er nun bewohnte. Zu Beginn seines selbstgewählten Exils hatte er sich
den Ta'Tau-Priestern angeschlossen. Nicht nur, weil sie hier in den Unbekannten
Regionen ein abgeschiedenes Dasein fristeten. Sondern auch, weil er ihre Jahrtausende
alten Meditationstechniken lernen wollte. Aber schließlich hatte er der
Priester nicht mehr bedurft. Nie tötete er aus purer Grausamkeit oder Vernichtungswut.
Aber seine Bestimmung war zu wichtig, um sie zu gefährden. Jetzt gab es
keine Priester mehr auf dieser Insel. Es gab nur noch ihn.
Ist die Zeit gekommen?
Er hatte sich in den vergangenen Jahren nicht einfach tatenlos in der Abgeschiedenheit
der Unbekannten Region versteckt. Feine Fäden, unsichtbare Netzwerke hatte
er gesponnen, heimliche Allianzen geschmiedet, subtile Abhängigkeiten geschaffen.
Seine Vasallen und Spione hatten alle größeren Bündnissysteme
der Galaxis infiltriert. Niemals würden sie entdeckt werden. Denn die allermeisten
von ihnen wussten nicht einmal, dass sie für ihn tätig waren. Ahnten
nicht einmal, dass er sie wie Marionetten nach seinem Willen lenkte. Aber diese
nützlichen Diener waren nicht entscheidend. Viel wichtiger war: Er hatte
einen Schüler ausgebildet, einen Menschen namens Rage. Hatte ihn die Philosophie
der Jedi und der Sith gelehrt. Hatte ihn in der Macht unterwiesen und
ihm die wahre Bestimmung der Galaxis gezeigt. Als sein Schüler darauf brannte,
sich dem neuen Jedi-Orden zu erkennen zu geben, hatte er ihn Geduld gelehrt.
Hatte ihn immer wieder ermahnt, die Wege der Macht im Ablauf der Zeiten
zu erforschen.
Längst war sein Schüler zu einem Sith geworden, zu Darth Rage, stark
in der Macht, viel mächtiger als dieser selbsternannte Jedi-Meister,
der Sohn Vaders, oder die Schüler seiner lächerlichen Akademie je
werden könnten. Darth Rage war in seinem Auftrag durch die gesamte Galaxis
gereist, um alle Vorbereitungen zu treffen für den Fall, dass die Zeit
reif war. Und nun war Darth Rage auf dem Weg zu ihm.
Ist die Zeit gekommen?
Er versenkte sich ganz in die Macht. Er nahm die Kraft wahr, die die
Galaxis zusammenhielt, spürte, wie die Macht im beständigen
Fluss war. Fühlte wie ein fernes Echo das Flackern der Macht, wenn
ein Stern zerbarst, eine Nova geboren wurde oder eine Sonne zum Neutronenstern
schrumpfte. Er spürte das Wachsen und Werden der Welt ebenso wie das Vergehen
und Sterben. Und inmitten dieser Meditation erkannte er die Antwort auf seine
Frage.
Ja, die Zeit ist gekommen!
Er spürte eine Bewegung in der lebendigen Macht. Lange ehe seine
Sinnesorgane die Raumfähre wahrnehmen konnten, fühlte er die herannahende
Gegenwart seines Schülers.
Der Zeitpunkt war da.
Er würde Darth Rage den Befehl geben loszuschlagen.
Er würde endlich seiner Bestimmung gerecht werden.
Er würde die Herrschaft über die Galaxis antreten.
Er, Darth B'Yern, der wahre Erbe von Exar Kun.
"Hyperraum-Austritt in 20 Standardsekunden!"
Die per BordCom übertragene Stimme des Piloten zerriss die Stille in der
geräumigen Passagierkabine. Der goldene Protokoll-Droide schreckte hoch.
"Oh, Mistress Leia, wir verlassen den Hyperraum, Sie sollten sich anschnallen!"
"Ja, ich habe es gehört, 3PO, danke."
Leia Organa Solo, die Präsidentin der Neuen Republik, richtete die Rückenlehne
ihres bequemen Passagiersessels auf und schnallte sich an. Ein Zittern durchlief
das Raumschiff, dann zeigten die Sichtdisplays der Steuerbordseite statt eintöniger
Schwärze die Sternenpracht des Normalraumes. Auf Backbord war eine corellianische
Korvette, die Corellian Spring, zu sehen. Das Bugdisplay wurde von einem
grünblauen Planeten fast gänzlich ausgefüllt.
"Schauen Sie, Mistress Leia, das ist Dantooine!" rief C3PO überflüssigerweise.
Nun erschien auch an Steuerbord ein Kriegsschiff. Es war die Sternenglanz,
ein Mon-Calamari-Kreuzer der Flattop-Klasse, soeben aus dem Hyperraum
gesprungen. Achtern erschien eine weitere Korvette: die Corellian Autumn,
das Schwesterschiff der Spring.
Leia seufzte. Hoffentlich erwecken wir nicht einen falschen Eindruck, dachte
sie. Der schwer bewaffnete Begleitkonvoi war ein Kompromiss gewesen. Leia war
in heikler diplomatischer Mission unterwegs und hatte darauf bestanden, mit
der Open Hand, einem unbewaffneten Botschafter-Schiff zu reisen. Admiral
Ackbar, der Oberkommandierende der Flotte der Neuen Republik, hatte seinerseits
darauf bestanden, dass die Präsidentin nicht auf wirksamen Schutz gegen
Piratenüberfälle verzichtete. Schließlich konnten sie sich auf
das aus drei Schiffen bestehende Geleitkommando verständigen. Der Flattop-Kreuzer
führte zwei Geschwader X-Wing- und B-Wing-Jäger mit sich, so dass
sie in der Lage waren, flexibel auf einen etwaigen Hinterhalt zu reagieren.
Der Geleitschutz würde im Orbit von Dantooine warten. Leia wollte keinesfalls
mit Kriegsschiffen auf dem Planeten landen. Ihre Mission wäre dann von
vornherein zum Scheitern verurteilt. Es war ohnehin schon schwierig genug. Sie
seufzte erneut. Würde die Regentin von Dantooine ihre Entschuldigung annehmen?
Die Open Hand drang in die Atmosphäre des Planeten ein und schwebte
in schnellem Sinkflug über den mittleren Kontinent. Leia betrachtete fasziniert
das Sichtdisplay. Dantooine war eine fruchtbare Welt. Dichte grüne Wälder
und flussreiche Grasflächen erstreckten sich über Tausende von Quadratmeilen.
Weil der Planet wenig Bodenschätze zu bieten hatte, war er stets spärlich
besiedelt gewesen. Die meisten vernunftbegabten Spezies, die sich im Laufe der
Geschichte hier niedergelassen hatten - meist Menschen und andere Humanoide
- nutzten zwar die Vorteile einer technisierten Zivilisation, waren aber im
Grunde immer Nomaden, Bauern und Viehzüchter geblieben. Dantooine war eine
Welt im Äußeren Rand der Galaxis, fern von den turbulenten politischen
Umwälzungen der Kernwelten. Und doch war Dantooine von den Schrecken des
Krieges nicht verschont geblieben. Denn damals, als ...
Leia straffte sich plötzlich und griff zum BordCom.
"Captain, bitte überfliegen Sie die ehemalige Siedlung der Eol-Sha-Kolonisten!"
"Wie Sie wünschen, Ma'am!"
Die Open Hand beschrieb einen weiten Bogen nach Steuerbord und hielt
sich in nördlicher Richtung. Der Wald wurde hier immer häufiger von
Grasland unterbrochen. Würde sich das Bild unberührter Natur ändern,
wenn sich die Bestrebungen zur Neuordnung der Handelsrouten durchsetzten? Erst
vor zwei Monaten hatte der Handelsausschuss vorgeschlagen, bei Dantooine einen
weiteren Hyperraumknoten für die Routen in den Äußeren Rand
der Galaxis festzulegen. Diese "Knoten" waren Navigationspunkte, Raumkoordinaten,
an denen Raumschiffe in den Normalraum sprangen, um den Vektor für den
weiteren Hyperraumflug zu bestimmen. Unweigerlich würden sich in den umliegenden
Systemen Raumwerften, Warenlager und -umschlagplätze ansiedeln.
Der Pilot flog jetzt sehr niedrig, nur wenige Hundert Meter über dem Boden.
Sie passierten einige Hügelketten, einen See und eine Ebene mit einzeln
stehenden, gewaltigen Blb-Bäumen.
"Auf 15 Grad Backbord, Ma'am. Die Überreste der Eol-Sha-Siedlung!"
Vor über zehn Jahren hatten sich hier Siedler des vom Untergang bedrohten
Planeten Eol Sha mit Hilfe der Neuen Republik ein neues Zuhause geschaffen.
Doch Admiral Daala, eine imperiale Kriegsherrin, hatte die Siedlung und alle
ihre Bewohner vernichtet.
"Eine Siedlung?" plapperte C3PO. "Ich kann nichts von einer Siedlung
erkennen."
Leia starrte auf ihr Sichtdisplay, betätigte den Zoom und holte sich Details
heran. Verkohlte Überreste von Wohncontainern, verrostete Wrackteile, das
war alles, was von der Siedlung übrig geblieben war. Sie fühlte einen
Stich in ihrem Herzen.
Dann schwenkte sie das Bild herum. Drüben, hinter dem Wald, hatten ebenfalls
einmal Menschen gelebt. Das waren keine friedlichen Siedler gewesen,
sondern Rebellen gegen das Imperium, die hier einen Stützpunkt errichtet
hatten. Leia hatte in ihrer Gefangenschaft auf dem Todesstern des Grand Moff
Tarkin die Position dieses zum damaligen Zeitpunkt bereits verlassenen Stützpunkt
preisgegeben, um nicht das tatsächliche Hauptquartier der Rebellen auf
Yavin 4 zu verraten. Das Imperium hatte Dantooine daraufhin besetzt. Und das
friedliche Volk der Dantari, das hier lebte, wurde grausam in den Sog des Bürgerkrieges
gezogen. Ohne es zu wollen, hatte Leia damals Leid und Tod über die Dantari
gebracht. Und heute, 23 Jahre später, holte sie die Vergangenheit wieder
ein ...
Nun, es blieb ihr keine andere Wahl. Sie musste sich der Situation stellen.
Entschlossen aktivierte sie ihr BordCom.
"Nehmen Sie Kurs auf die Stadt Dantar, Captain!"
Lyndea Marsko fühlte sich elend. Nicht nur, dass sie schlapp war und am
ganzen Körper Schmerzen hatte. Auch psychisch war sie nicht gerade in bester
Verfassung. Wieso musste ihr das ausgerechnet jetzt passieren? Nie war sie krank
gewesen, seit sie ins Marine-Corps der Neuen Republik aufgenommen worden war.
Nie hatte sie aus gesundheitlichen Gründen auch nur einen einzigen Einsatz
oder Routineflug in ihrem X-Wing versäumt. Und jetzt ausgerechnet L'Ott-Fieber!
Das gesamte Geschwader hatte blöde Witze gerissen, als sie sich diese Kinderkrankheit
eingefangen hatte. Aber natürlich war mit L'Ott-Fieber nicht zu spaßen.
Diese höchst ansteckende Krankheit war für Kinder völlig ungefährlich,
im Erwachsenenalter konnte sie aber hohe Risiken bis hin zu Lähmungserscheinungen
bergen. Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass sich die Pusteln entzünden
konnten ...
Lyndea quälte sich aus dem Bett und wankte in den Erfrischer. Sie stieß
einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie sah, dass die Pusteln in ihrem
Gesicht allmählich eine bläuliche Färbung annahmen. Das war ein
sicheres Zeichen für ein gutes Ausheilen der Krankheit. Nein, entstellende
Narben würde sie nicht zurück behalten. Wenigstens etwas.
Mühsam schleppte sie sich zurück und ließ sich auf ihre Schlafstatt
sinken.
Ungünstiger hätte der Zeitpunkt der Erkrankung nicht sein können.
Im nächsten Monat standen die Beförderungen an. Und obwohl sie erst
27 Jahre alt war, galt sie, Captain Lyndea Marsko, als ganz heiße Kandidatin
für die Ernennung zum Major. Niemand im gesamten Geschwader konnte besser
fliegen als sie. Niemand erzielte höhere Punkte bei theoretischen Tests.
Ihre Menschenführung galt als vorbildlich. Und in Gefechtssimulationen
waren ihre Taktik-Vorschläge stets die effektivsten. Aber wurde die bevorstehende
Beförderung tatsächlich nach sachlichen Kriterien entschieden? Immerhin
hatte sie mit Ruto "Shorty" Igino einen ernstzunehmenden Konkurrenten.
Shorty war ein ausgezeichneter Pilot und Offizier. Aber mehr noch: Er war Sohn
des Senators Cork Igino, und der wiederum war zufälligerweise der Vorsitzende
des parlamentarischen Kontrollausschusses für Marinefragen ...
In dieser Situation kam es darauf an, präsent zu sein, sich den Vorgesetzten
zu zeigen. Der Geleitschutz für die Präsidentin auf ihrer Reise nach
Dantooine wäre eine hervorragende Gelegenheit gewesen. Aber nun hatte Shorty
Igino ihre Staffel übernommen, während sie in der Basis das Krankenlager
hütete.
Lyndea unterdrückte einen Fluch, nahm eine Makrodosis Medizin, drehte sich
auf die Seite und versuchte einzuschlafen.
Die Stadt Dantar war nicht mehr als eine Ansammlung von einigen hundert, vielleicht
tausend niedrigen Steinhäusern. Kein Vergleich zu den Metropolen der meisten
bewohnten Welten in dieser Galaxis. Oder gar zu Coruscant, der planetenumspannenden
Megalopolis im Zentrum der Republik. Nein, Dantooine war nicht gerade der Nabel
der Welt. Einige Senatoren hatten auch deutlich zu verstehen gegeben, wie wenig
sie davon hielten, dass sich die Präsidentin persönlich auf eine "Good-Will-Tour
in diese entlegene und primitive Region" begab, wie sie kritisierten.
Leia betrachtete die Stadt beim Landeanflug der Open Hand. Primitiv war
dieser Ort allenfalls in den Augen eingebildeter Politprofis im Senat. Die inmitten
einer sanften Talsenke an einem Fluss gelegene Stadt machte auf Leia eher den
Eindruck einer Idylle. Sie sah große, von Menschen dirigierte Lasttiere
auf den drei Verbindungsstraßen im Umland. Auf den fruchtbaren Feldern
zogen Ernterobots ihre Bahnen. Einige Repulsorgleiter schwebten durch die von
Bäumen gesäumten Straßen der Stadt, die sich in ihrer Mitte
zu einem weiten Platz öffneten. Im Zentrum des Platzes befand sich der
Regierungspalast. Dieses Gebäude, das größte in Dantar, maß
in der Grundfläche etwa 30 auf 50 Standardmeter. Die vier Stockwerke hohen
Mauern waren aus mächtigen, unbehauenen Kzin-Steinquadern errichtet und
durch hohe, breite Fenster unterbrochen. Hier regierte Empress S'silk, die Herrscherin
der Dantari.
Die Open Hand flog nahe am Palast vorbei und hielt auf den kleinen Spaceport
außerhalb der Kernsiedlung zu. Leia konnte neben den Landebuchten die
langgestreckten Tarlass-Silos erkennen. Die fünf Gebäude stellten
gewissermaßen die Schatzkammer Dantooines dar. Das grüne Tarlass-Kraut
mit seiner narkotisierenden Wirkung auf Humanoide war das wichtigste Exportprodukt
des Planeten. Aus der Arzneimittelproduktion der gigantischen Chemofabriken
auf Bay Alpha war es nicht mehr wegzudenken. Da es auch zur Herstellung von
Rauschgift verwendet werden konnte, waren Tarlass-Frachter stets ein lohnendes
Ziel für Piratenüberfälle. Deshalb transportierte die Neue Republik
das Kraut seit Jahren nur mit schwer bewaffneten Konvois ihrer staatlichen Frachtgesellschaft.
Doch vor einigen Monaten hatten die Dantari den Handelsvertrag überraschend
gekündigt, um die Frachtlizenzen, wie ihr Botschafter Ston Troy mitteilte,
auf dem freien Markt zu vergeben. Alle Verhandlungen mit dem Ziel, die Dantari
nochmals umzustimmen, waren ergebnislos gewesen. Als Botschafter Troy schließlich
Leias Schuld an dem Massaker des Imperiums an den Dantari andeutete, beschloss
die Präsidentin unverzüglich, sich persönlich nach Dantooine
zu begeben.
Die Open Hand setzte auf. Nach dem Verstummen der Repulsoraggregate öffnete
sich die Rampe, und Leia betrat den Planeten, gefolgt vom Droiden C3PO.
Am Rande der Landebucht wartete neben einem großen Landgleiter ein hoch
gewachsener grauhaariger Mann mit wasserblauen, von feinen Fältchen umrandeten
Augen. Gekleidet war er in eine schlichte, in der Taille mit einem Ledergurt
zusammengebundene, moosgrüne Tunika, die ihm bis zu den Knöcheln reichte.
Seine Füße steckten in grauen Halbschuhen. Nur ein einziges Schmuckstück
schien er sich zu gönnen: eine silberne schwere Halskette, die in einem
vor seiner Brust baumelnden handtellergroßen Medaillon endete. Das Medaillon
zeigte ein stilisiertes Sonnensystem in einem konzentrischen Doppelkreis. Es
war ein galaxisweit verbreitetes diplomatisches Symbol und wies ihn als Botschafter
seines Planeten aus.
Leia schritt auf ihn zu. Als sie ihn erreicht hatte, verbeugte er sich tief.
"Präsidentin Organa Solo, willkommen auf Dantooine." Seine Stimme
war ein wohltönender, ruhiger Bass. "Es ist eine große Ehre
für uns, dass Ihr uns persönlich besucht. Mein Name ist Ston Troy,
Erster Botschafter Dantooines. Ich stehe Euch zu Diensten."
Leia deutete ebenfalls eine Verbeugung an. "Ich danke Ihnen im Namen der
Neuen Republik für den freundlichen Empfang."
Ston Troy warf einen kurzen Blick über Leias Schultern zur Rampe der Open
Hand. Als er sah, dass sich der Ausstieg wieder schloss, wirkte er leicht
irritiert.
"Frau Präsidentin, habt Ihr denn keine Begleitung mitgebracht? Keine
Leibwache oder Ehrengarde? Keine ..." Er zögerte einen Moment. "Keine
Wirtschaftsberater?"
"Nein, Botschafter, ich bin allein. Nur dieser Protokolldroide begleitet
mich."
"C3PO, zu Euren Diensten", plapperte dieser sofort dazwischen. "Ich
bin Protokolldroide und Mensch-Maschine-Kontakter. Ich beherrsche sechs Millionen
Kommunikationsformen und ..." Er brach ab, weil er realisierte, dass die
beiden Menschen ihn überhaupt nicht beachteten.
"Ich bin ohne Leibwache gekommen, weil ich der Gastfreundschaft der Dantari
vertraue", fuhr Leia fort. "Im Orbit befinden sich Kriegsschiffe,
wie Ihnen Ihre Sensoren gewiss gemeldet haben. Sie dienen aber lediglich zu
meinem Schutz während der langen Reise. Und Wirtschaftsberater brauche
ich für meinen Besuch bei Empress S'silk nicht. Ich bin nicht gekommen,
um über Handelslizenzen zu verhandeln."
Der Botschafter nickte zögernd. "Empress S'silk erwartet Euch in ihrem
Palast. Bitte nehmt im Landgleiter Platz."
Er wirkte plötzlich unsicher. Dass Leia allein gekommen war, damit hatte
er nicht gerechnet. Aber Leia spürte noch mehr, nahm wahr, dass er sich
unbehaglich fühlte. Und mit einem Mal erkannte sie den Grund: Ston Troy
war ganz allein am Spaceport erschienen. Nicht einmal einen Landgleiterpiloten
hatte er mitgebracht. Das war ein klarer Affront gegen diplomatische Gepflogenheiten.
Wenn Troy den Gleiter selbst steuern musste, konnte er sich nicht zu Leia auf
eine der Rückbänke setzen, um mit ihr zu reden. Damit hatte er sich
von der Wirtschaftsdelegation, die er in Leias Schlepptau vermutet hatte, distanzieren
wollen. Dass er nun den Chauffeur abgeben musste, war ihm unter diesen Umständen
sichtlich peinlich.
"Darf ich mich zu Ihnen nach vorn setzen?" fragte Leia deshalb. "Der
Droide kann hinten Platz nehmen."
Ston Troy warf ihr einen dankbaren Blick zu, als er erkannte, dass sie die Situation
entschärfen wollte.
Und so nahmen der höchste Diplomat des Planeten Dantooine und die Präsidentin
der mächtigen Neuen Republik auf Bediensteten-Sitzen Platz und fuhren einen
Protokoll-Droiden wie einen goldenen König durch die Stadt Dantar.
Im Zentrallabor der Forschungsstation im Orbit des Planetoiden LZ 514 war es
totenstill.
Colonel Stym Grchmarrh schaute sich die kleine Gruppe der Wissenschaftler einen
nach dem anderen wortlos an: Krak Tifuno, den Twi'Lek-Chefingenieur, sowie seine
beiden Assistenten, den grünhäutigen P'rr Malven, und den vogelähnlichen
Zmarrgeno. Alle drei hielten dem durchdringenden Blick aus ihren eisgrauen Augen
stand und nickten bekräftigend.
"Wenn ich es also richtig verstanden habe", ergriff sie schließlich
das Wort, "behaupten Sie, auf mentalem Wege in einen Hochsicherheitscomputer
einbrechen zu können. Sie denken sich einfach hinein. Habe ich das
richtig verstanden?"
Colonel Grchmarrhs Blick wurde noch stechender. Sie war eine kleine, drahtige
Frau von etwa 50 Jahren. In ihrer tadellos sitzenden imperialen grauen Uniform
und mit ihren militärisch kurz geschnittenen hellbraunen Haaren, vor allem
aber wegen des harten Zuges um ihren Mund wirkte sie wie eine perfekte Symbiose
aus Energie und Disziplin.
"Nun, äh, Colonel", begann Krak Tifuno in seiner üblichen
umständlichen Art, "gewissermaßen - ja."
"Natürlich ist das in Wirklichkeit alles viel komplizierter",
sprang ihm P'rr Malven bei.
"Natürlich", bestätigte Colonel Grchmarrh in gefährlich
falschem Plauderton.
"Furchtbar kompliziert", echote Zmarrgeno.
Grchmarrhs Geduld war am Ende.
"Nun hören Sie mal gut zu", zischte sie, während ihre Augen
an Laserkanonen erinnerten. "Sie haben genau eine Minute Zeit, es mir einfach
zu erklären. Und zwar so, dass ich es verstehe, ohne dass Sie mich
dabei wie eine Sechsjährige behandeln. Gelingt Ihnen das nicht, werden
Sie alle drei einen Raumspaziergang machen - ohne Raumanzüge, versteht
sich. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
"Natürlich, völlig klar", stieß Krak Tifuno mit schreckensweit
geöffneten Augen und nervös zuckenden Kopftentakeln hervor. "Wir
können ..."
"Die Minute läuft bereits", unterbrach ihn Grchmarrh mit kalter
Stimme.
"Nun, es ist folgendermaßen", übernahm P'rr Malven das
Zepter. "Wir haben ein Mensch-Maschine-Interface entwickelt, das Gedanken
in digitale Dateien verwandeln kann und umgekehrt. Wie der Name schon sagt,
funktioniert das Interface nur bei Menschen und anderen Humanoiden. Auf der
anderen Seite muss der Computer aus einem neuronalen Netzwerk dritter Ordnung
bestehen, weil wir nur für diese Rechner eine Schnittstelle simulieren
können, die dem menschlichen Gehirn angemessen ist. Wir haben übrigens
das menschliche Gehirn ausgewählt, weil ..."
"Das interessiert den, äh, die Colonel sicher nicht", schnatterte
Zmarrgeno dazwischen. "Wichtiger ist: Wir können uns in einen Rechner
über das HoloNet einwählen und buchstäblich Daten ansehen,
ohne digitale Spuren zu hinterlassen. Es ist der perfekte Hackerangriff!"
"Und das Beste", warf nun Tifuno triumphierend ein, "das Beste
ist, dass wir eine HoloVid-Simulation entwickelt haben, die uns in die Lage
versetzt, durch einen Computer zu spazieren - virtuell natürlich."
Die Wissenschaftler verstummten. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass die Minute vorbei
war.
Colonel Grchmarrhs Züge entspannten sich, und ein kleines Lächeln
umspielte ihre Lippen.
"Der Kern des Ganzen ist also ein perfekter Hackerangriff?"
"Ja, Colonel", strahlten die drei Wissenschaftler um die Wette. Endlich
hatte diese Soldatin begriffen, worum es ging.
"Und können Sie einen Menschen benennen, der es schafft, in das, sagen
wir, zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen Republik einzubrechen?"
Krak Tifuno trat stolz einen Schritt vor. "Mit Verlaub, Colonel, mein ehemaliger
Assistent Miles Norton ist bereit und in der Lage, einen solchen Hacker-Angriff
vor Ihren Augen durchzuführen."
Stym Grchmarrh nickte. "Rufen Sie ihn herbei. Aber er wird sich nicht allein
vor meinen Augen beweisen müssen. Ich werde Lord Rage verständigen.
Er wird der Demonstration beiwohnen."
Der Erste Botschafter der Dantari führte Leia und C3PO in den Thronsaal
des Palastes. Es war ein rechteckiger, fast zehn Meter hoher Raum von rund 100
Quadratmetern. An der Stirnseite befand sich ein niedriges Podest mit dem großen,
aus Holz geschnitzten, reich verzierten und gepolsterten Thron. Hier erwartete
sie Empress S'silk, die Herrscherin des Planeten Dantooine. Zu beiden Seiten
des Thrones hatten sich mit historischen Lanzen bewaffnete Ehrengardisten postiert,
eher eine zeremonielle Geste als ein wirksamer Schutz vor Attentätern.
In der Nähe des Podestes saßen auf schlichten Holzsesseln vier Männer.
Leia vermutete, dass sie Regierungsmitglieder oder Berater waren.
Ein Herold verkündete bei ihrem Eintreten mit lauter Stimme: "Leia
Organa Solo, Präsidentin der Neuen Republik."
Die vier Männer erhoben sich respektvoll von ihren Stühlen, während
Empress S'silk sitzen blieb.
Als Leia einige Meter vor dem Podest stehen blieb, ergriff der Herold erneut
das Wort: "Es empfängt Euch Empress S'silk aus dem Hause K'Ser, Herrscherin
der Dantari und Regentin des Planeten Dantooine, Tochter der Weisheit, Schwester
der Kriegskunst, Gefährtin der Gerechtigkeit."
Ehe Leia etwas erwidern konnte, trat C3PO vor, offensichtlich provoziert durch
diese Huldigung.
"Es besucht Euch Prinzessin Leia Organa Solo, Präsidentin der Neuen
Republik", begann er mit indigniert klingender Stimme. "Prinzessin
Leia ist eine Heldin der Rebellion, stark an Weisheit und Güte, aber ebenso
mutig im Kampf. Ich bin C3PO, Protokoll-Droide und Roboter-Mensch-Kontakter.
Ich war selbst dabei, als wir unter dem Kommando der Prinzessin ..."
"Schon gut, 3PO", unterbrach ihn Leia.
"Oh, Mistress Leia, hab ich was falsch gemacht? Ich wollte doch nur ..."
Leia schnitt ihm wiederum das Wort ab: "Warte bitte draußen, 3PO!"
"Ja, ganz wie Sie wünschen." Der goldene Droide trippelte davon.
Beim Hinausgehen jammerte er leise vor sich hin. "Ich habe versagt. Oh,
Mistress Leia ist bestimmt böse auf mich. Man wird mich desintegrieren
lassen ..."
Empress S'silk hatte die Szene regungslos verfolgt. Jetzt gab sie einem Diener
ein Zeichen, und ein bequemer Repulsor-Sessel wurde für Leia herein gebracht.
"Nehmt bitte Platz, Präsidentin", sagte Botschafter Troy, der
neben Leia stand.
Doch Leia schüttelte den Kopf. "Für das, was ich zu sagen habe,
brauche ich keinen Sessel."
Sie machte eine Pause und musterte Empress S'silk. Die Regentin Dantooines war
etwa ein Dutzend Jahre jünger als sie. Sie hatte ein offenes und freundliches
Gesicht mit wachen, lebendigen Augen, deren Farbe Leia an die Ozeane Alderaans
erinnerte. Das blonde Haar war zurückgekämmt und kunstvoll geflochten.
Ihre schlanke Gestalt wurde von einer weiten dunkelblauen Samtrobe umhüllt,
unter der eine schlichte graue Tunika zu sehen war. Wie ihr Botschafter hatte
sie fast gänzlich auf Schmuck verzichtet. Lediglich ihr Gürtel bestand
aus aufwendig verarbeiteten Silberkordeln, die in einem kleinen Kunstwerk ausliefen.
Es zeigte zwei Hände, die gemeinsam einen Ring hielten. Das gleiche Symbol
war auch auf dem roten Wandteppich hinter dem Thron abgebildet, das Wappen ihrer
Dynastie, wie Leia vermutete. Die Erscheinung der Empress war sehr viel schlichter
und einfacher als Leia erwartet hatte. Insgeheim war sie froh, dass sie nur
ihr schlichtes weißes Seidenkleid und nicht die prächtige Staatsrobe
angezogen hatte.
"Was habt Ihr mir zu sagen, Präsidentin Organa Solo?" fragte
Empress S'silk. "Wie ich sehe, seid Ihr ohne Berater gekommen. Welche Botschaft
habt Ihr für mich?"
Leia holte tief Luft. "Ich bin gekommen, um mich bei Euch zu entschuldigen,
Empress. Bei Euch und Eurem Volk. Ohne es zu wollen, habe ich vor vielen Jahren
die Dantari in den Bürgerkrieg gegen das Imperium hineingezogen. Ich bedaure
dies zutiefst."
Leia machte eine kleine Pause. Dann kniete sie nieder.
"Ich bitte Euch um Vergebung."
Sekundenlang war kein einziger Laut im Thronsaal der Dantari zu hören.
Die Berater der Regentin und auch Botschafter Troy hielten den Atem an. Die
mächtige Präsidentin der Neuen Republik kniete vor ihrer Herrscherin!
Die Sekunden verrannen, ohne dass sich Empress S'silk rührte. Auch Leia
behielt ihre Position bei, ohne sich zu bewegen. Ston Troy wurde unruhig. Warum
regierte die Empress nicht? Wollte sie die Präsidentin demütigen?
Die diplomatischen Verwicklungen wären nicht abzusehen.
Eine Minute verging.
Leia bekämpfte ihre Unruhe und die in ihr aufsteigende Ungeduld. Entspann
dich! forderte sie sich in Gedanken selbst auf. Sie nutzte die Macht,
um sich zu beruhigen. Es gelang ihr, ihre Atmung zu kontrollieren und sich auf
ihr Gegenüber zu konzentrieren. Empress S'silk schien einen heftigen inneren
Kampf auszutragen. Leia fühlte, wie ihre Aura flackerte. Doch äußerlich
war sie völlig ruhig. Unverwandt starrte sie Leia an; ihr Blick war wie
der Strahl eines Durchleuchtungsgerätes in einem Medizentrum.
Schließlich ergriff Empress S'silk das Wort.
"Ich nehme Eure Entschuldigung an. Erhebt Euch bitte! Und nehmt Platz!"
Ein kollektives Aufatmen der Berater war die Folge. Ston Troy wischte sich mit
einer verstohlenen Geste den Schweiß von der Stirn.
Leia erhob sich. "Ich danke Euch, Empress!" sagte sie, sich leicht
verbeugend. Dann setzte sie sich auf den Repulsorsessel.
"Dreiundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit für eine Entschuldigung",
ergriff Empress S'silk das Wort. "Aber ich fühle, dass Ihr es ernst
meint."
"Die Entschuldigung war mein privates und persönliches Anliegen",
antwortete Leia. "Doch ich habe noch ein Angebot der Neuen Republik zu
überbringen. Wir akzeptieren selbstverständlich Eure Entscheidung,
auf eine unabhängige Handelsgesellschaft für die Tarlass-Transporte
zurückzugreifen. Aber dessen ungeachtet bieten wir Euch den Schutz der
Neuen Republik an. Eine vollwertige Mitgliedschaft oder - wenn Euch dies eher
zusagt - den Status eines kooperativen Verbündeten."
Leia warf Ston Troy einen kurzen Blick zu und bemerkte, wie seine Augen aufleuchteten.
Er war offenbar ein Fürsprecher einer Verbindung mit der Republik. Die
vier Berater der Regentin hingegen schauten recht missmutig drein.
"Euer Angebot ehrt uns", sagte Empress S'silk. "Doch Dantooine
zieht es vor, neutral zu bleiben."
Leia war enttäuscht, gab aber noch nicht auf. "Bedenkt doch, dass
Euer Planet einem Angriff durch einen Aggressor schutzlos ausgeliefert ist.
Das Imperium ist geschwächt, aber noch nicht besiegt."
"Das Imperium Palpatines hat Unglück und Verderben über uns gebracht",
nickte Empress S'silk. "Imperator Palpatine hat die Galaxis unterjocht.
Aber er ist tot. Vor dem Imperium Palpatines haben wir nichts mehr zu befürchten.
- Habt Ihr sonst noch etwas vorzubringen?"
"Nein", antwortete Leia niedergeschlagen. Sie seufzte. Es war zwecklos,
das Thema weiter zu verfolgen. "Mein Angebot gilt weiterhin. Bitte überlegt
es Euch noch einmal in Ruhe. Wenn Ihr gestattet, werde ich jetzt nach Coruscant
zurückkehren."
Die Open Hand hob mit surrenden Repulsoraggregaten ab. Der Pilot zündete
den Sublichtantrieb, und das kleine Raumschiff schoss donnernd in die Höhe.
Leia war tief in Gedanken versunken. Auf den ersten Blick betrachtet war ihre
Mission fehlgeschlagen. Empress S'silk hatte ihr Entschuldigung zwar akzeptiert,
doch in der Frage einer Annäherung Dantooines an die Neue Republik hatte
sie keinen Fortschritt erzielt. Andererseits war völlig offen, welche Langzeitwirkung
ihr Besuch auf Dantooine hatte. Empress S'silk war von Leias Offenheit und Ehrlichkeit
sichtlich beeindruckt gewesen. Vielleicht zahlte sich dies in der Zukunft einmal
aus. Leia fand die Selbstbeherrschung der Regentin bewundernswert. Sie schien
sich völlig unter Kontrolle zu haben. Wäre Leia nicht machtsensitiv,
hätte sie von dem gewaltigen inneren Kampf der Dantari nichts gespürt.
Die Open Hand erreichte den Orbit und steuerte auf die wartenden Kriegsschiffe
zu.
Leia konnte ihre Gedanken von der Begegnung mit der Herrscherin von Dantooine
nicht abwenden. Irgendetwas an ihrem kurzen Dialog war seltsam gewesen. Aber
was? Sie grübelte und versuchte, sich ihr Gespräch im Thronsaal in
Erinnerung zu rufen. Es hatte etwas mit dem Imperium zu tun, dessen war sie
sich sicher.
Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Als sie das Imperium erwähnt hatte,
hatte Empress S'silk vom Imperium Palpatines gesprochen. Mehrfach sogar,
wie sich Leia zu erinnern glaubte. Warum hatte sie den Namen des toten Imperators
betont? Es hatte fast so geklungen, als gäbe es mehr als ein Imperium ...
Leia spürte, wie sie sich innerlich verkrampfte. Vor ihrem geistigen Auge
sah sie ein neues Imperium erstehen, mächtiger und tödlicher als unter
dem Imperator Palpatine. Eine Vision von einer alles unterjochenden und die
Republik zerschmetternden Herrschaft.
Du siehst Gespenster, schalt sie sich selbst. Aber andererseits hatte sie gelernt,
auf ihre innere Stimme zu hören. "Die Macht ist stark in unserer Familie",
hatte ihr Bruder, der Jedi Luke Skywalker vor langer Zeit zu ihr gesagt. Was
würde Luke wohl zu ihrer Befürchtung sagen?
Das BordCom riss sie aus ihren Gedanken.
"Wir haben die vereinbarte Position im Konvoi eingenommen. Sie müssen
nur noch den Sprung in den Hyperraum befehlen, Ma'am."
"Wir springen noch nicht, Captain", entgegnete Leia. "Bitte verbinden
Sie mich mit Commodore Matryys auf der Corellian Spring. Ich muss etwas
mit ihm besprechen."
Im Thronsaal des Palastes von Dantar herrschte Hochstimmung. Die Berater von
Empress S'silk umschmeichelten ihre Regentin mit huldvollen Reden. Besonders
Kok Briass, der Erste Minister, überschüttete Empress S'silk mit Lob
über ihre umsichtige Diplomatie. Selbst Ston Troy, innerhalb des erweiterten
Beraterstabes immer in einer Außenseiterrolle gewesen, zeigte ein zufriedenes
Gesicht. An den Schmeicheleien beteiligte er sich jedoch nicht. Empress S'silk,
die alle Lobreden unbeeindruckt an sich abprallen ließ, wandte sich direkt
an ihren Ersten Botschafter.
"Wie schätzt Ihr den Besuch der Präsidentin ein, Botschafter
Troy?"
"Er hat unsere Position gestärkt, Hoheit", entgegnete er. "Solange
eine Braut von zwei Prinzen umworben wird, kann ihr nichts geschehen."
"Was wollen Sie damit sagen?" brauste Briass auf. "Wir werden
das Angebot von Lord Rage annehmen, das ist doch wohl klar!" Er schaute
Empress S'silk fragend an. "Hoheit, das Neue Imperium stellt zwei Sternzerstörer
zu unserem Schutz ab. Für die Tarlass-Produktion zahlt es wesentlich mehr
als die Märkte der Republik hergeben. Ihr werdet Euch doch für das
Neue Imperium entscheiden?!"
"Schutz?!" Troys Stimme troff vor Hohn. "Wenn hier zwei Sternzerstörer
auftauchen, dann nur, um Dantooine zu besetzen, aber nicht, um uns zu schützen.
Hoheit, wenn wir uns auf die Seite des Imperiums schlagen, sind wir bald ein
abhängiger Vasallenstaat."
"Bitte beruhigt Euch!" Empress S'silk machte eine beschwichtigende
Geste. "Botschafter Troy hat Recht. Solange eine Braut noch umworben wird,
geht es ihr gut. Erhört sie eine Werbung, landet sie wie eine Dienstmagd
in der Küche."
Die Berater starrten ihre Regentin betroffen an. Solche Worte hatten sie aus
ihrem Munde noch nie gehört.
"Oder um es anders auszudrücken", fuhr Empress S'silk fort, "wir
bleiben neutral und sorgen dafür, dass wir vom Imperium und der Republik
so lange wie möglich umworben werden."
Ein gellender Alarm riss Ruto "Shorty" Igino aus dem Schlaf. An der
Vibration der Kabinenwände erkannte er, dass die Sternenglanz den
Hyperraum verlassen haben musste. In rasender Eile zog er seinen Pilotenoverall
an, schlüpfte in die Stiefel, stülpte seinen Helm auf den Kopf und
rannte hinaus auf den Korridor. Dort wimmelte es von Piloten, die zum Hangar
mit den Jagdmaschinen eilten.
"B-Wing-Geschwader bereit zum Ausritt!" hörte er über sein
HelmCom.
"B-Wing freigegeben", antwortete die Stimme von Major Frixx, dem Koordinator
der Jagdgeschwader.
Igino rannte in den Hangar und sah, wie die B-Wings donnernd in den Weltraum
schossen.
"Was ist los?" rief er einem Techniker zu, der das Wartungsdisplay
für seine Staffel kontrollierte.
"Ein künstlicher Schwerkrafttrichter hat uns aus dem Hyperraum geholt,
Sir. Das ist nicht nur ein simpler Piratenüberfall. Wir haben es mit einem
militärischen Gegner zu tun."
Wie zur Bestätigung dieser Einschätzung erbebte der riesige Mon-Calamari-Kreuzer
unter einem Treffer. Ein durchdringender, auf- und abschwellender Alarmton signalisierte
schweren Schaden.
Igino kletterte in seine Maschine und betätigte die Cockpit-Verriegelung,
während er hörte, wie sich die anderen Staffelführer auf der
Geschwaderfrequenz meldeten.
"Staffel Rot - einsatzbereit!"
"Staffel Blau - einsatzbereit!"
"Staffel Grün- einsatzbereit!"
"Staffel Gold - einsatzbereit!" meldet nun auch Igino.
"Also dann viel Glück, Jungs", antwortete Major Frixx. "Raus
mit euch!"
Mit dröhnenden Triebwerken jagten die X-Wings hinaus.
Es war das Ende.
Sobald die Corellian Spring aus dem Hyperraum gerissen wurde, wusste
Commodore Firenno Matryys, dass sie keine Chance hatten. Sie waren in eine absolut
tödliche Falle geraten. Vier imperiale Zerstörer der Victory-Klasse,
zwei Sternzerstörer der größeren Empire-Klasse; dazu
leichte Kreuzer und Kanonenboote. Von den wie ein Insektenschwarm heranrasenden
TIE-Jägern ganz zu schweigen.
"Gefechtsalarm! Schilde hochfahren! Jäger raus!" Seine Befehle
bellte der Commodore beinahe automatisch. Jeder Alarm war hunderte, tausende
Male geübt worden, bis jeder an Bord seine Aufgaben ohne zu überlegen
beherrschte.
Die Deflektorschilde wurden hochgefahren, und die ersten Laserschüsse des
Gegners prallten wirkungslos ab. Nun erst gestattete sich Matryys einen Gedanken
über ihre derzeitige Lage. Zwei Abfangschiffe mit einem starken elektromagnetischen
Feld hatten einen künstlichen Schwerkraftschatten erzeugt und die Rückkehr
in den Normalraum erzwungen. In der offiziellen Militärsprache hieß
ein solches Manöver deshalb auch korrekterweise "erzwungene Rückkehr
in den Normalraum infolge Erzeugung eines virtuellen Schwerkraftschattens".
Aber jeder Marineangehörige sprach einfacher, doch ebenso treffend, von
einem "Wegelagerer". Man musste den Hyperraumvektor schon ganz genau
kennen, um einem Schiff auf diese Weise auflauern zu können. Das Manöver
kam daher nur auf bekannten Reiserouten von Linienschiffen vor. Oder wenn Verrat
im Spiel war. All dies ging Commodore Matryys im Bruchteil einer Sekunde durch
den Kopf.
"Kommunikationsoffizier, senden Sie ein Breitband-Notsignal: 'Begleitkonvoi
Präsidentin Organa Solo von imperialen Wegelagerern gestellt' Dazu unsere
Koordinaten. Senden Sie diesen Text wieder und wieder. Bis Sie den Befehl bekommen
aufzuhören!"
Oder bis wir alle tot sind, fügte er in Gedanken hinzu.
Die Sternenglanz spuckte ihre Jäger aus, die sich sofort in einen
Nahkampf mit den TIEs stürzten.
Er starrte zu den Sternzerstörern der Empire-Klasse hinüber.
Wir werden uns teuer verkaufen, schickte er dem Gegner eine stumme Botschaft.
Verdammt teuer!
Da kamen sie.
Wie reife Früchte vom Baum, so fielen die republikanischen Kriegsschiffe
in den Normalraum.
Aus dem Hyperraum direkt in unseren Erntekorb, dachte Admiral Xuun.
Er rascher Blick über die Brücke des Sternzerstörers Retaliation
zeigte ihm, dass alle Besatzungsmitglieder vom Jagdfieber erfüllt waren.
Sie waren ebenso Chiss wie er, blauhäutige Humanoide mit feuerroten Augen.
Ihr scharfer analytischer Verstand machte sie zu hervorragenden Militärstrategen.
Dies hatte selbst Imperator Palpatine einsehen müssen, als er nicht umhin
kam, trotz seiner Verachtung für nichtmenschliche Spezies einen der Ihren,
den Kriegsherren Thrawn, zum Großadmiral zu befördern. Thrawn hatte
die verhasste Republik beinahe in die Knie gezwungen, bevor er verraten und
ermordet worden war.
Aber jetzt konnten sie Rache und Vergeltung üben.
"Taktik-Code Drei!" befahl er.
Er sah auf seinem Display, wie die Revenge, der andere Sternzerstörer
der Empire-Klasse, zu feuern begann.
Der Tanz hatte begonnen.
Shorty Igino kam sich vor wie im Zentrum eines Infernos. Lasersalven zuckten
an seinem Jäger vorbei, und um ihn herum explodierten Maschinen in gleißenden
Feuerbällen.
Die dritte B-Wing-Staffel hatte gewaltige Lücken in die Reihen der TIEs
gerissen, doch jetzt war sie selbst in höchster Bedrängnis.
"Goldstaffel - Wir gehen auf 410, die Bs brauchen Hilfe!" befahl er
seinen Leuten.
Sofort drehten die Maschinen ab und stürzten sich Laserschüsse abfeuernd
auf den Feind.
Zwei TIE-Jäger explodierten, bevor die anderen imperialen Jäger merkten,
dass sie von der Seite angegriffen wurden. Dann aber nahmen sie die X-Wings
ins Visier.
"Gold drei. Du hast zwei am Heck kleben!"
"Verstanden, Gold eins. Ich weiche aus ... nein! Bin getroffen!"
Der X-Wing trudelte mit abgerissenem Backbordbordflügel steuerlos auf ein
Kanonenboot zu, wo er am Deflektorschild zerschellte.
Igino verfolgte den TIE, der Gold drei abgeschossen hatte, musste aber in einer
Haarnadelkurve abdrehen, weil er selbst unter Beschuss geriet.
Wenn das so weiter ging, waren sie in wenigen Minuten aufgerieben.
Er entdeckte inmitten des Chaos die diplomatische Raumfähre Open Hand
regungslos im Raum schweben. Vermutlich war ihre Elektronik durch eine Ionenkanone
ausgeschaltet. Es war das einzige republikanische Schiff, das nicht beschossen
wurde.
Sie wollen die Präsidentin lebend gefangen nehmen, dachte Igino unwillkürlich.
Dann riss er seine Maschine herum und sprang Gold vier bei, der von zwei TIEs
in die Zange genommen wurde.
Firenno Matryys fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte. Sein Taktik-Display
zeigte ihm, dass die Deflektorschilde der Corellian Autumn ausgefallen
waren. Zwei verzweifelte Turbolaserschüsse konnte die Korvette noch abgeben,
dann wurde sie von mehreren Volltreffern erwischt.
In einem gigantischen Feuerball explodierte das Schiff und übersäte
das gesamte Schlachtfeld mit Trümmern.
Auf imperialer Seite waren zwei Kanonenboote zerstört, ein leichter Kreuzer
trieb schwer angeschlagen im Raum.
"Geschützoffizier: Feuer auf den vorderen Sternzerstörer konzentrieren!"
Er wusste, dass seine Befehle letztlich wirkungslos bleiben würden, aber
seine jahrelang geübte Routine spulte die taktischen Varianten wie von
selbst herunter.
Er realisierte, dass auch die Sternenglanz den Sternzerstörer unter
Beschuss nahm.
Und das Dauerfeuer zeigte Wirkung: Die Deflektorschilde des Sternzerstörers
brachen teilweise zusammen. Das Schiff musste schwere Treffer am Heck hinnehmen.
Wenn wir doch nur eine Fregatte oder wenigstens ein paar Korvetten mehr hätten!
dachte Matryys.
Doch er kam nicht mehr dazu, den Gedanken, der nicht mehr war als ein verzweifelter
Wunschtraum, zu Ende zu führen. Denn nun griff auch der zweite Sternzerstörer
in den Kampf ein. Er konzentrierte sein Turbolaser-Feuer auf den Mon-Calamari-Kreuzer.
Die ohnehin überlasteten Deflektorschilde brachen zusammen. Unter der tödlichen
Energie weiterer Salven brach das Schiff auseinander.
Mit der Vernichtung der Sternenglanz war zugleich auch das Schicksal
der Jäger besiegelt. Sie hatten jetzt kein Schiff mehr, in das sie sich
zurückziehen konnten.
Mit Verzweiflungsattacken warfen sich die Jagdmaschinen auf den Feind, nur um
eine nach der anderen abgeschossen zu werden.
Die Schlacht war entschieden.
Admiral Xuun gestattete sich ein emotionsloses Lächeln.
"Geben Sie der Revenge Bescheid, dass sie das Diplomatenschiff an
Bord holt. Wir übernehmen die zweite corellianische Korvette!"
Es wurde ein kurzes Gefecht. Die Deflektorschilde des Corellianers hielten dem
Dauerfeuer nicht stand, zumal sie von den Kanonenbooten und leichten Kreuzern
bereits zermürbt waren. Xuun sah, wie Dutzende von kreisrunden Rettungskapseln
das schutzlose Schiff verließen.
"Sehen Sie nicht aus wie Bälle beim P'ol-Spiel?" fragte er Colonel
Cawth, den Ersten Offizier. "Geben Sie dem Reserve-Jagdgeschwader Befehl
zum Ausrücken. Sie dürfen jetzt Ball spielen!"
Der Evakuierungsalarm übertönte jedes andere Geräusch auf der
Corellian Spring. Firenno Matryys verfolgte vom Kommando-Platz auf der
Brücke, wie die Rettungskapseln abgeworfen wurden. Er hatte den interstellar
gültigen Code zur Aufgabe senden lassen. Nun würde jeder, der in einer
Rettungskapsel aufgefischt wurde, in einem imperialen Gefangenenlager interniert
werden. Einfache Soldaten und untere Offiziersgrade würden in einem Austauschprogramm
oder gegen Lösegeld rasch wieder freigelassen werden. Höhere Offiziere
würden wohl sehr viel länger in Gefangenschaft bleiben müssen.
Doch wenn alles gut ging, konnten sie in neun oder zehn Monaten wieder bei ihren
Familien sein. Sein Schicksal als Kommandant dagegen war völlig ungewiss.
Er zuckte die Achseln. Wer in der Marine Karriere machte, wusste um dieses Risiko.
Hauptsache, er konnte wenigstens einige seiner Leute retten.
Plötzlich zuckte er zusammen. Ein neues Geschwader TIE-Jäger verließ
den zweiten Sternzerstörer und - machte Jagd auf die Rettungskapseln!
"O nein!" entfuhr es ihm, als eine unbewaffnete Kapsel nach der anderen
zerplatzte.
Sie missachten die interstellare Konvention, dachte er. Es geht ihnen um die
vollständige Vernichtung. Und gleich ist die Corellian Spring dran.
Er wandte sich zum Kommunikationsoffizier, der die ganze Zeit unermüdlich
das Breitband-Notsignal abgesetzt hatte. Es war ein junger Mann von vielleicht
22 Jahren, der frisch von der Marineakademie gekommen war.
"Hör auf, mein Junge", sagte Matryys sanft. "Es ist vorbei."
Das letzte, was er sah, war das Aufblitzen einer imperialen Turbolaser-Batterie,
die seine Worte auf tödliche Weise bestätigte.
Shorty Igino kam sich vor wie in einem Albtraum. Das konnte doch einfach
nicht real sein. War er wirklich der einzige Jagd-Pilot der Republik, der hier
noch am Leben war?
"Gold eins an alle - hört mich noch jemand?"
Eine schreckliche Stille antwortete ihm nur allzu deutlich.
Er kurvte durch das riesige Trümmerfeld, das einmal die Sternenglanz
gewesen war. Die verstreuten Wrackteile boten ihm eine wenn auch dürftige
Deckung.
Aus den Augenwinkeln sah er die immer noch bewegungslose Open Hand. Jetzt
schwebte aber der riesige Rumpf eines Sternzerstörers über der Diplomatenfähre.
Ein gewaltiges Raumtor öffnete sich an der Unterseite, und ein Traktorstrahl
zog die Open Hand heran.
Innerhalb einer Zehntelsekunde hatte Igino eine Entscheidung getroffen.
Er kappte die Reaktorkühlung seines X-Wing und stellte den sofort einsetzenden,
nervenden Alarmton ab. Dann zog er die Maschine herum und steuerte auf die Open
Hand zu.
Die Reaktoren der kleinen X-Wing-Jäger waren nicht besonders gut gekühlt.
Die Unterbrechung der Kühlleitung führte beinahe sofort zur Überhitzung.
Die Skala des Borddisplays zeigte die Temperatur im roten Bereich an.
Halt noch paar Sekunden durch! dachte Igino.
Die Open Hand war dem Rumpf des Sternzerstörers bereits sehr nahe.
Doch dann hatte Igino den Sternzerstörer erreicht.
Der X-Wing schoss an der Open Hand vorbei und raste völlig ungebremst
in die ungeschützte Bauchöffnung der Revenge.
In dieser Sekunde explodierte der Reaktor.
Admiral Xuun starrte auf sein Display.
Sahen die Narren denn den X-Wing nicht?
Doch bevor er die Revenge warnen konnte, schoss der Jäger durch
das Raumtor des Zerstörers und verursachte eine gewaltige Explosion, die
den Traktorstrahl unterbrach und das Diplomatenschiff vom Sternzerstörer
wegschleuderte.
Xuuns Miene war versteinert, als er neue Anweisungen gab: "Holen Sie die
Fähre mit dem Traktorstrahl zu uns. Und geben Sie Evakuierungsbefehl für
die Revenge. Das Schiff muss gesprengt werden."
"Sir?" wagte der Erste Offizier diese Anweisung in Frage zu stellen.
"Ich denke, Sie haben mich verstanden", antwortete Xuun kalt. "Wir
müssen schleunigst von hier weg. Und die Revenge ist in diesem Zustand
nicht hyperraumtauglich."
Einige Minuten später wartete Xuun im Hangar, wo die Open Hand von
bewaffneten Truppen umstellt war. Ein Einsatzkommando führte soeben den
Piloten der Fähre ab. Ihr Offizier kam mit ratlosem Gesicht zu Xuun.
"Admiral, wir haben alles durchsucht. Der Pilot war die einzige Person
an Bord. Ich fürchte, Präsidentin Organa Solo befand sich nicht auf
diesem Schiff."
Leia Organa Solo setzte die kleine Raumfähre, die die Sternenglanz
an Bord mitgeführt hatte, sanft vor dem großen Tempel auf dem Dschungelmond
Yavin 4 auf. Sie fuhr die Repulsoraggregate herunter und öffnete die Ausstiegsrampe.
Als sie gefolgt von ihrem goldenen Protokoll-Droiden ausstieg, sah sie, dass
ihr Bruder bereits auf sie wartete. Sie umarmte ihn herzlich, doch er schaute
sie fragend an.
"Was ist mit dir, Leia?"
"Ich bin bedrückt, Luke. Deshalb komme ich ja zu dir. Wir müssen
reden."
Ein zwitscherndes Piepen unterbrach sie.
"Hallo R2", lächelte sie den kleinen gedrungenen Droiden an.
"Alle Schaltkreise in Ordnung?"
"Oh, R2D2!" rief C3PO entzückt. "Schön, dass wir uns
wieder treffen! Komm mit, ich muss dir was berichten!"
Die beiden setzten sich in Bewegung.
"Stell dir vor", plapperte C3PO weiter, "ich habe der Herrscherin
von Dantooine alle unsere alten Rebellenabenteuer erzählt."
R2D2 zwitscherte eine Frage.
"Nein, deine Rolle bei der Rebellion fand ich nicht erwähnenswert
..."
Jacen und Jaina Solo waren überrascht, dass ihre Mutter unvermittelt in
der Jedi-Akademie aufgetaucht war.
"Du willst Onkel Luke doch nicht fragen, welche Lernfortschritte wir machen?"
fragte Jacen scherzhaft.
"Nein, Kinder", entgegnete Leia, während sie versuchte, ihre
Besorgnis zu verbergen. "Ich muss nur mit meinem Bruder etwas besprechen."
"Du machst dir Sorgen, Mutter", stellte Jaina fest. "Du brauchst
uns nicht einzuweihen, worum es geht, aber versuche bitte nicht, deine Gefühle
vor uns zu verstecken."
Leia seufzte. "Manchmal ist es gar nicht so einfach, Jedi als Kinder zu
haben. Du hast Recht, ich bin besorgt, aber als Präsidentin der Republik
bin ich eigentlich ständig mit irgendwelchen beunruhigenden Dingen konfrontiert."
Sie strich ihrer Tochter über das Haar. "Ich soll euch übrigens
von eurem Vater grüßen. Ich habe vor der Landung mit ihm gesprochen.
Schließlich will ich nicht, dass er sich Sorgen macht, wenn der Begleitkonvoi
ohne mich nach Coruscant zurückkehrt."
Sie umarmte die beiden, dann ging sie zu Lukes Quartier.
Auf den breiten Fluren des alten Tempels begegneten ihr zwei Frauen.
"Leia!" rief die eine der beiden freudig überrascht.
Leia lächelte zurück: "Ich freue mich, dich zu sehen, Yo-Karah."
Sie kannte Yo-Karah Mal'Wan schon, als diese noch ein Säugling war. Die
'jüngste Heldin der Neuen Republik', wie sie sie scherzhaft nannte. Yo-Karahs
Vater war damals ein Rebellenspion gewesen und hatte das Datapad mit den Plänen
des ersten Todessterns in ihrer Windel aus Imperial City herausgeschmuggelt.
War es ein Zufall, dass sie ausgerechnet jetzt Yo-Karah begegnete, die sie an
den Todesstern erinnerte? und zwar an dem Ort, den sie schützen wollte,
indem sie Dantooine preisgegeben hatte?
"Du siehst besorgt aus", sagte Yo-Karah. "Bedrückt dich
etwas?"
Leia seufzte. "Alle fragen mich hier nach meinen Sorgen. Wenn die Regierungsmitglieder
doch nur halb so einfühlsam wären! Ja, ich mache mir Sorgen, deshalb
möchte ich mit meinem Bruder sprechen."
Dann wandte sie sich an die andere Frau. "Darf ich erfahren, wer Sie sind?"
Die zweite Jedi, die Leia auf Mitte Zwanzig schätzte, war sehr klein, kaum
1,6 Standardmeter groß. Ihre zierliche, fast knabenhafte Figur bildete
einen starken Kontrast zu Yo-Karahs wuchtiger Gestalt. Die dunkelblonden Haare
waren zu einem langen Zopf gebunden, der ihr weit über den Rücken
fiel. Ihre aquamarinblauen Augen wurden von halbkreisförmigen, an die Torbögen
im Tempel erinnernden Brauen überkrönt. Das schmale und ein wenig
spitze Gesicht verlieh ihr einen listigen, fast schelmischen Ausdruck.
"Jael Jinn Hajom", antworte die Jedi.
"Oh, Sie sind das! Meine Kinder haben schon von Ihnen erzählt. Sie
helfen meinem Bruder beim theoretischen Unterricht der Jedi-Schüler. Geschichte
der Galaxis, nicht wahr?"
"Ja", nickte Jael Jinn Hajom, "in den Augen der Schüler
die langweiligste Materie überhaupt."
"Du hast Sorge, dass ein neues Imperium entsteht?", fragte Luke Skywalker
seine Schwester. "Ein neuer, mächtiger Imperator sich erhebt und die
Galaxis unterwirft?"
Leia nickte. "Luke, ich weiß, es klingt absurd, aber ..."
"Nein, Leia", unterbrach sie der Jedi. "'Absurd' ist immer eine
Frage des Standpunktes und der gewohnten Perspektive. Wichtig ist allein, was
du fühlst."
"Ich weiß nicht, was ich fühle, Luke. Ich ... Ich weiß
es einfach nicht!" Leia wirkte verzweifelt. "Ich weiß nur, was
ich in einem kurzen Augenblick vor Augen hatte: Ein Imperium, das nicht das
Imperium Palpatines war."
Luke nickte bedächtig. Dann erhob er sich und trat zum Fenster seines Gemaches.
Er schaute auf die versinkende rote Silhouette des Gasplaneten Yavin. Regungslos
stand er da, seiner Schwester den Rücken zugekehrt. Leia vermochte nicht
zu sagen, ob er nachdachte oder meditierte. Schließlich drehte er sich
um und setzte sich wieder in seinen Sessel. Lange schaute er Leia ernst in die
Augen.
"Ich habe auch etwas gespürt", sagte er schließlich. "Eine
Bewegung in der Macht. Es war wie das Echo eines fernen Rufes. Oder wie
die Welle, die von einem in einen ruhigen See geworfenen Stein ausgelöst
wird. Einige Wochen ist das nun schon her. Ich weiß auch nicht, was es
zu bedeuten hat, aber auch ich bin sehr beunruhigt. Dann hatte ich einen Alptraum.
Oder nenne es 'Vision im Schlaf', wie du willst. Ich habe den Geist Exar Kuns
gesehen, des Sith-Lords. Und nun siehst du ein neues Imperium entstehen ..."
"Vielleicht hat das gar nichts miteinander zu tun, Luke", versuchte
Leia zu beschwichtigen, doch tief in ihrem Innern war sie vom Gegenteil überzeugt.
"Doch Leia, ich fühle, wie alles zusammenhängt."
Leia seufzte. "Ja, Luke, ich auch."
"Ich habe bereits Jedi ausgesandt, um der Bewegung in der Macht
nachzugehen ..." Luke machte eine kurze, nachdenkliche Pause. "Aber
es wäre gut, wenn noch mehr Jedi der Sache nachgehen. Wenn du deine Vision
auf Dantooine hattest, dann sollten wir dort mit der Spurensuche beginnen."
"Danke Luke. Du weißt, wie ich mich über die Unterstützung
freue. Im Verteidigungsausschuss kann ich nicht mit Visionen oder Gefühlen
argumentieren. Und für eine Geheimdienstoperation fehlen die konkreten
Anhaltspunkte. - Kannst du menschliche Jedi beauftragen? Dantooine ist eine
von Menschen bewohnte Welt. Ich glaube, es wäre leichter ..."
"Daran habe ich auch schon gedacht", entgegnete Luke. "Zur Zeit
befinden sich vier ausgebildete menschliche Jedi auf Yavin."
"Zwei sind mir gerade begegnet", lächelte Leia. "Yo-Karah
und Jael Jinn Hajom."
Luke lächelte. "Und ich spüre die Präsenz der Dritten draußen
auf dem Flur."
Wie zur Bestätigung seiner Worte klopfte es an der schweren Holztür.
Nach Lukes Aufforderung trat eine Jedi ein. Angesichts der meditativen Ruhe
im Tempel bot sie einen seltsamen Anblick: Sie war nämlich völlig
verschwitzt. Ihre Tunika klebte an ihrem Körper, die langen rotbraunen
Haare hingen in feuchten Strähnen herunter, und ihr Gesicht war vor Anstrengung
gerötet. Nur ihre Atmung hatte sie offenbar infolge von Jedi-Techniken
unter Kontrolle.
Mit einer leichten Verbeugung begrüßte sie die Anwesenden. "Sei
gegrüßt, Master Skywalker. Ich grüße auch Euch, Präsidentin
Organa Solo. Bitte entschuldigt mein Aussehen, ich komme gerade vom Lichtschwerttraining
und war auf dem Weg zum Erfrischer."
"Leia, darf ich dir Sha'In-Mar T'Abora vorstellen?"
"T'Abora?" Leia war überrascht. Doch dann fiel ihr die Ähnlichkeit
auf. Das längliche Gesicht, die blauen Augen, vor allem aber die edle und
herrschaftliche Ausstrahlung. Auch das Alter konnte stimmen, die Jedi mochte
wohl 27 Jahre alt sein.
"Ihr seid die Tochter des Prinzen Kars T'Abora, des Herzogs von Tuán,
nicht wahr?"
"Ja, Ihr habt Recht. Aber es gibt kein Herzogtum Tuán. Nicht mehr."
Leia nahm jetzt in ihren Augen einen tief sitzenden Schmerz wahr.
"Ja, ich weiß. Ich habe gehört, dass Eure gesamte Familie in
dem Massaker ums Leben gekommen ist, das Großadmiral Thrawn auf Tuán
angerichtet hat. Nur Ihr seid entkommen - und Euer Bruder Mei, wenn ich mich
recht entsinne."
Sha'In-Mar nickte. "Mei war damals noch ein kleines Kind. Er wurde in die
Obhut der Ta'tau-Priester gegeben. Zuletzt habe ich ihn vor zwei Jahren gesehen."
"Was mit Eurer Familie und dem gesamten Planeten Tuán geschehen
ist, tut mir Leid. Ich weiß, wie Euch zumute sein muss."
Leia dachte an Alderaan, an die Zerstörung ihrer Heimat durch einen einzigen
Schuss aus dem Todesstern des Grand Moff Tarkin. In all den Jahren, die seither
vergangen waren, war der Schmerz über diesen unvorstellbaren Verlust nie
ganz von ihr gewichen. Auch die schönen Erfahrungen mit ihrem Mann Han
Solo und ihren Kindern hatten die Trauer nur erträglich werden, nie jedoch
verstummen lassen.
Nun ergriff Luke das Wort: "Sha'In-Mar, du wolltest uns etwas mitteilen?"
"Ja, Master Skywalker. Präsidentin Organa Solo, ich fürchte,
Euer Begleitkonvoi ist überfallen worden. Euer Gemahl hat uns soeben informiert.
Ihr mögt Euch bitte bei ihm melden."
Leia war schon bei den ersten Sätzen erregt aufgesprungen. "Ein Überfall?
Wisst Ihr, was geschehen ist?"
"Ein Marine-Horchposten im Äußeren Rand hat ein Breitband-Notsignal
aufgefangen. Es scheint, als ob der Konvoi von imperialen Wegelagerern angegriffen
wurde."
"Imperiale?" Leia wechselte mit Luke einen raschen Blick. Dann verwandelte
sie sich binnen Sekundenbruchteilen von der besorgten Frau, die eine erschreckende
Vision gehabt hatte, in die energische und entscheidungsgewohnte Präsidentin
der Neuen Republik.
"Ich danke Euch für die rasche Benachrichtigung, Lady Sha'In. Ich
brauche sofort eine HoloNet-Verbindung nach Coruscant. Und zwar zu meinem Mann,
zum Obersten Sicherheitsrat und zu Admiral Ackbar. Meine Fähre muss startklar
gemacht werden. Ich fliege in einer Stunde nach Coruscant. Und Luke, ich möchte
alle vier Jedi sprechen, die du beauftragen kannst, uns in dieser Angelegenheit
zu helfen."
Lyndea Marsko warf dem Verwaltungsdroiden der Medi-Station einen dankbaren Blick
zu, obwohl ihr klar war, dass sein Elektronengehirn ihre Dankbarkeit nicht zu
schätzen wusste. Immerhin hatte er ihrem Drängen nachgegeben und ihr
gestattet, eine HoloNet-Verbindung zu benutzen. Die Nachricht vom Überfall
auf den Geleitschutz der Präsidentin hatte sich wie ein Lauffeuer im Marinestützpunkt
Eastport auf Coruscant verbreitet und binnen Minuten auch das Medi-Zentrum erreicht.
Die wildesten Spekulationen über die Identität der Angreifer und den
Hergang der offenbar tödlich verlaufenden Schlacht wurden gehandelt; ein
besonders viel diskutiertes Gerücht war die Meldung, Präsidentin Organa
Solo habe sich zum Zeitpunkt des Überfalls gar nicht im Begleitkonvoi befunden,
was aber doch reichlich merkwürdig klang. Zudem machte das Wort "Wegelagerer"
die Runde, was nur eines bedeuten konnte: Verrat.
Lyndea beteiligte sich nicht an den Spekulationen. Die bloße Nachricht
vom Überfall und die Tatsache, dass jeglicher Kontakt zum Konvoi abgerissen
und dieser seit Stunden überfällig war, hatte sie schier gelähmt.
Es war ihre Staffel gewesen, die vernichtet worden war, und sie
hätte eigentlich jetzt da draußen als Leiche im Weltraum treiben
müssen ...
Wie in Trance hatte sie die Routine-Untersuchungen über sich ergehen lassen.
Dass der Medi-Droide ihr die Entlassung von der Krankenstation innerhalb der
nächsten drei Tage in Aussicht stellte, bekam sie nur halb mit. Sie begab
sich zum Verwaltungsbüro und bekniete den Droiden so lange, bis er ihr
endlich ein HoloNet-Gespräch gestattete, nur um sie wieder los zu werden.
Das verkleinerte Abbild von Colonel Imolo Glish, ihrem Vorgesetzten, erschien
auf der Projektionsfläche.
"Captain Marsko, wie geht es Ihnen?"
"Besser Colonel, danke. Ich werde in spätestens drei Tagen entlassen.
- Sir, ich habe gehört, was mit meiner Staffel passiert ist ..."
Colonel Glish nickte. "Muss schrecklich für Sie sein."
"Ja, Colonel, ich ... ich fühle mich schuldig. Als hätte ich
meine Jungs im Stich gelassen."
"Das ist eine normale Reaktion, Captain. Sie wissen natürlich, dass
Sie schuldlos sind, aber die Schuldgefühle sind trotzdem da."
"Ja", bestätigte Lyndea. "Schließlich war es meine
Staffel ..."
"Zum Zeitpunkt des Überfalls war es nicht Ihre Staffel, Captain",
entgegnete Colonel Glish nicht ohne Schärfe in der Stimme. "Vergessen
Sie das nicht. Steigern Sie sich da bloß nicht rein. Wissen Sie was? Kurieren
Sie sich erst mal aus. Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, melden Sie sich
in meinem Büro. Dann sehen wir weiter."
"Danke Colonel!"
Lyndea schaltete die Übertragung aus. Der Colonel hatte Recht. Sie wusste,
dass sie keine Schuld am Tod ihrer Kameraden traf. Aber sie konnte dieses bohrende
Gefühl im Bauch einfach nicht abstellen ...
Leia schaute die vier Jedi an, die mit ihr und Luke an einem Tisch im Kleinen
Versammlungsraum der Akademie saßen. Yo-Karah Mal'Wan, Jael Jinn Hajom
und Sha'In-Mar T'Abora war sie ja bereits begegnet. Die vierte Frau in der Runde
war Isaphàn Dera Sh'sandrò, eine Macht-Hexe vom Planeten Dathomir.
Sie war genauso verschwitzt wie Sha'In-Mar, weil die beiden zuvor gegeneinander
einen Trainingskampf absolviert hatten. Ihr Gesicht hatte die gleiche Farbe
angenommen wie ihr kurzes rotes Haar.
Luke ließ es sich nicht nehmen, nach dem Trainingsergebnis zu fragen.
"Isaphàn hat gewonnen", antwortete Sha In-Mar.
"Nicht nur gegen Sha'In, sondern nacheinander gegen uns alle", ergänzte
Yo-Karah mit einem Seufzen.
"Isaphàn ist unsere beste Kämpferin, Leia", erklärte
Luke. "Ich möchte gern wissen, ob ich gegen sie noch bestehen würde."
"Wenn du willst, probieren wir es aus, Master Skywalker", entgegnete
die Dathomir-Hexe, und ihre grün-braunen Augen blitzten herausfordernd
und sehr selbstbewusst.
"Später, Isaphàn. Es wird vermutlich ein langer Kampf, und
wir haben jetzt nicht viel Zeit."
"Ich habe Sie hergebeten, weil ich Ihre Hilfe brauche", ergriff Leia
das Wort. "Ich bin besorgt, weil ich fühle, dass ein neues Imperium
entstehen könnte. Sie haben hier die Bewegung in der Macht gespürt,
und die letzten Vorkommnisse bestätigen mich, dass etwas Bedrohliches auf
die Neue Republik zukommen könnte."
Rasch gab sie einen Abriss ihrer Reise nach Dantooine, der Verwicklungen wegen
der Handelsverträge und des Überfalls auf ihren Begleitkonvoi.
"Dass es Wegelagerer waren, lässt auf Verrat in der Marine, vielleicht
sogar in der Regierung schließen", fuhr sie fort. "Wir müssen
herausfinden, welcher Bedrohung die Republik ausgesetzt ist. Ich möchte
in dieser Situation so wenig Personen ins Vertrauen ziehen wie möglich.
Bitte gehen Sie den Dingen auf den Grund, aber berichten Sie ausschließlich
mir, meinem Bruder oder meinem Mann von Ihren Erkenntnissen."
Sie holte ein Datapad aus ihrer Tasche und gab einen Kommunikationscode ein.
"Unter diesem Code können sie mich persönlich auf Coruscant erreichen.
Er öffnet einen abhörsicheren Kanal, der nur mir und meinem Mann zugänglich
ist. Sie können einen von uns sprechen oder eine Nachricht hinterlassen."
Sie schaute die vier Jedi der Reihe nach an. "Wie Sie vorgehen, überlasse
ich Ihnen. Ich muss dringend zurück nach Coruscant. Haben Sie noch Fragen?"
Die vier Frauen schüttelten den Kopf.
Nur Luke lächelte milde. "Hast du nicht noch etwas vergessen, Leia?"
Leia sah ihn verwundert an, dann lächelte auch sie. "Master Skywalker,
die Neue Republik erbittet die Hilfe des Jedi-Ordens", sprach sie förmlich.
"Der Jedi-Orden kommt dem Ersuchen gerne nach, Frau Präsidentin."
Colonel Stym Grchmarrh schritt mit ihrem Gast über die metallen glänzenden
Korridore der orbitalen Forschungsstation. Sie versuchte, ihre innere Anspannung
zu ignorieren, doch gelang ihr dies nur mühsam.
Es muss einfach klappen, dachte sie. Es muss einfach. Sonst rollen Köpfe.
Doch ausgerechnet in diesem Moment deckte der Besucher ihre Nervosität
auf: "Sie sind angespannt, Colonel. Fürchten Sie einen Misserfolg?"
"Nein, Lord Rage, ich bin sicher, alles wird wie geplant funktionieren.
Jedenfalls hat mir dies Chefingenieur Tifuno versichert."
Lieber für den Fall der Fälle einen anderen in die Schusslinie schieben,
dachte sie. Aber schließlich hatte Krak Tifuno ihr versichert,
das nichts schief gehen werde.
"Aber sicher sind Sie nicht?" bohrte Lord Rage nach. "Und Krak
Tifuno ist verantwortlich, falls es zu einem Fehlschlag kommt?"
Stym Grchmarrh fand den Verlauf ihres Dialoges nicht besonders ermutigend. Wieso
sprach Lord Rage immer das aus, was sie gerade dachte? Sie hatte schon viel
über diese geheimnisvolle Person gehört. Über seine angeblich
magischen Kräfte, seine scheinbar seherischen Fähigkeiten - und seine
eiskalte Rücksichtslosigkeit. Manche behaupteten gar, er sei ein zweiter
Darth Vader. Als sie ihn dann vorhin zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie
sich gefragt, woher all die Schauermärchen kamen, die man sich von ihm
erzählte. Er war noch ein junger Mann, keine 30 Jahre alt. Sein flachsblondes
Haar und seine bleiche Gesichtsfarbe standen in merkwürdigem Kontrast zu
der durch und durch schwarzen Kleidung, die aus Hose, halblanger Tunika, Stiefel
und einen weiten Kapuzenumhang bestand. Aber seine grünen Augen waren voller
Kälte, und Stym Grchmarrh war es kalt über den Rücken gelaufen,
als sie seinem Blick das erste Mal begegnet war. Seither fühlte sie sich
unwohl, und der Gesprächsverlauf trug nicht zu ihrer Entspannung bei.
"Nun, Krak Tifuno ist in der Tat verantwortlich für das Experiment,
Lord Rage. Aber es wird klappen."
"Das will ich hoffen, Colonel."
Im Zentrallabor herrschte hektische Betriebsamkeit. P'rr Malven wuselte herum,
hantierte an Energieumwandlern und prüfte Kontrollanzeigen; Zmarrgeno gab
verschiedene Daten in einen Dataterminal ein und verfolgte mit kritischem Blick
die Auswirkungen auf einer HoloAnzeige. Und Krak Tifuno verkabelte einen schmächtigen
Mann mit intelligent wirkenden Augen und arroganter Miene.
Als Tifuno die Neuankömmlinge erblickte, unterbrach er seine Arbeit und
eilte ihnen entgegen. "Oh, Colonel Grchmarrh, willkommen. Ihr seid Lord
Rage, vermute ich. Ihr wisst gar nicht, wie sehr uns Euer Besuch ehrt. Wir ..."
"Sparen Sie sich Ihre Floskeln und kommen Sie zur Sache", unterbrach
ihn Darth Rage mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.
"Äh, gewiss doch!" Als sich der Chefingenieur wieder an die Arbeit
begab, wischte er sich Schweiß von der Stirn. Ob es Angstschweiß
war oder ob er von der Anstrengung in dem reichlich stickigen Labor herrührte,
vermochte Stym Grchmarrh nicht zu sagen.
Die Wissenschaftler erledigten ihre letzten Handgriffe und begaben sich an ihre
Kontrollpulte. Der Computerhacker Miles Norton war an eine kompliziert aussehende
Apparatur aus Computermodulen, Energiegeneratoren und AudioVisioRezeptoren angeschlossen.
Er befand sich in einer Nische des Labors, die nun von einer aus der Decke heruntergelassenen
Transparistahlplatte vom übrigen Raum abgetrennt wurde. Auf seinem Kopf
trug er eine Art Helm, aus dem mehrere Kabel und Antennen ragten.
"Mr. Tifuno, bitte erklären Sie mir und Lord Rage, was Sie jetzt vorhaben
und was wir beim Experiment mitverfolgen können", forderte Stym Grchmarrh
den Chefingenieur auf. "Und bedenken Sie, dass Lord Rage ebenso präzise
und vor allem kurze Erläuterungen schätzt wie ich."
P'rr Malven trat vor. "Wir haben abgesprochen, dass ich Ihnen den Ablauf
erläutere."
Er räusperte sich. "Mr. Norton ist dort an eine Maschine angeschlossen,
mit deren Hilfe er den militärischen Zentralcomputer der Neuen Republik
anwählen kann. Er wird in das Netzwerk eindringen und nach den Dateien
suchen, die Sie wünschen. Er kann Dateien kopieren, löschen, erzeugen
oder ändern, ganz wie Sie wollen. Möglich ist auch, eine vorgefertigte
digitalisierte Datei in sein Gehirn, äh, also, in Gedanken umzuwandeln
und im Computer wieder digitalisiert abzulegen. Oh, ich weiß, dass sich
das etwas, nun ja, merkwürdig anhört", fügte er angesichts
von Colonel Grchmarrhs hochgezogener Augenbraue hinzu, "aber wir haben
diesen Vorgang bereits erfolgreich simuliert."
"Simuliert", warf Darth Rage ein. "Aber noch nicht am realen
Objekt getestet?"
"Äh, nein, das nicht, Lord Rage. Ihr sollt Zeuge des ersten Tests
werden. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, das Eindringen. Also Mr. Norton
muss genauso wie bei einem normalen Hack, äh, bei einem normalen unbefugten
Computerzugriff die Abwehrroutinen des Computers überwinden oder ihnen
ausweichen. Wir haben nun etwas entwickelt, das es Ihnen erleichtern soll, den
ganzen Vorgang besser nachzuvollziehen. Das wird Ihnen Zmarrgeno erklären."
Der vogelartige Wissenschaftler trat vor und begann mit schnatternder Stimme
seinen Kurzvortrag.
"Wir haben eine HoloSimulation entwickelt, in der die digitalisierte Dateien,
in die die Gedanken von Mr. Norton verwandelt werden, gewissermaßen visualisiert
werden. Sie werden also gleich ein Bild von Mr. Norton sehen, wie er durch den
fremden Computer geht. Das ist natürlich nicht Mr. Norton selbst, sondern
nur eine Simulation, wie eine ..."
"Wie eine HoloUnterhaltung?" fragte Stym Grchmarrh erstaunt.
"Oh ja, in gewisser Weise. Wir haben uns tatsächlich an gängige
Klischees der HoloUnterhaltung angelehnt bei der Simulation. Wenn also eine
Passwortabfrage erfolgt, dann werden Sie im Simulator das HoloBild einer Wache
sehen, die Ausweispapiere verlangt. Und ein Dateiverzeichnis ist eine Ablage
voller Datapads. Und die Korridore, die Sie gleich sehen werden, sind digitalisierte
Pfadangaben, die helfen sollen, eine Datei zu finden. Inhaltsverzeichnisse haben
wir als Wegweiser gestaltet, und ..."
"Ich denke, wir verstehen, was Sie sagen wollen", schaltete sich Darth
Rage ein. "Fangen Sie an."
"Jawohl Sir!" rief Krak Tifuno, offensichtlich erleichtert, dass die
Zeit des Redens vorbei war und er nun Taten folgen lassen konnte.
Tifuno legte einen Schalter um. Die Apparatur, an die Miles Norton angeschlossen
war, begann zu blinken. Langsam baute sich auf der Freifläche vor dem Kontrollpult
ein HoloBild auf. Zuerst war nur ein grauer Nebel zu sehen. Dann wurde das Bild
klarer, und Umrisse eines großen gepanzerten Durastahlgebäudes wurden
sichtbar.
"Die Darstellung des militärischen Zentralcomputers", erklärte
Tifuno überflüssigerweise.
Das Bild des Gebäudes wurde größer, und ein von schwer bewaffneten
Wachen kontrolliertes Tor war zu sehen. Es herrschte ein regen Kommen und Gehen.
Hochrangige Marineoffiziere betraten das Gebäude oder verließen es.
Jeder Besucher wurde von den Wachen kontrolliert und bekam einen Berechtigungsschein
in Form eines Datapads ausgehändigt. Wer das Gebäude verließ,
musste dieses Datapad wieder abgeben.
"Wir haben jetzt die subjektive Perspektive, Colonel", erklärte
Zmarrgeno. "Sollen wir auf objektive Perspektive umschalten? Dann können
wir Mr. Norton selbst sehen."
Grchmarrh nickte. "Meinetwegen."
Ihr war es im Grunde egal. Sie fand diese Simulation einfach nur lächerlich.
Hoffentlich ist das nicht aus einer HoloUnterhaltung entnommen, dachte
sie, im Geist alle populären Holos durchgehend.
Zmarrgeno drückte einen Knopf, und Miles Norton war nun zu sehen. Er hatte
sich in eine Warteschlange vor dem Tor eingereiht. Vor ihm warteten zwei Generäle
und - Admiral Ackbar.
"Oh, Admiral Ackbar loggt sich gerade ein!" rief Krak Tifuno.
Stym Grchmarrh wollte nicht glauben, was sie da sah. Der fischköpfige Calamarianer
zeigte seinen Ausweis vor und betrat das Gebäude. Sie warf Darth Rage einen
Blick zu, doch der betrachtete die Szene mit unbewegter Miene. Sie schaute die
Wissenschaftler an, die die Szene offenbar nicht besonders aufregend fanden.
Hatten sie wirklich den Oberbefehlshaber der Rebellen-Marine dabei beobachtet,
wie er sich in den Zentralcomputer einloggte?
Wenn das stimmte, war die HoloSimulation vielleicht doch nicht so lächerlich,
wie sie anfangs dachte.
"Ihren Ausweis bitte, Sir!"
Die Wache nahm Nortons Ausweis entgegen und hielt ihn in einen Scanner.
"Geben Sie bitte ihr Passwort ein und schauen sie in diesen Netzhaut-Scan!"
Norton tat wie ihm befohlen wurde. Die Prüfung schien ohne Beanstandung
verlaufen zu sein. Jedenfalls händigte der Wachposten Norton ein Datapad
aus und gestattete ihm einzutreten.
"Wo hat er nur den Ausweis her?" wollte Grchmarrh von Tifuno wissen.
"Und wieso kann er den Netzhaut-Scan passieren?"
Der Chefingenieur lächelte spöttisch über diese seiner Ansicht
nach offenbar reichlich ignorante Frage.
"Er hat die Identität einer der Personen angenommen, die vorher das
Gebäude verlassen, äh, sich aus dem Computer ausgeloggt hatte. Deshalb
hat er auch erst den Eingang beobachtet. Hacker gehen immer so vor."
In der HoloSimulation ging Miles Norton mittlerweile durch Korridore, die den
Röhren der orbitalen Forschungsstation nachempfunden waren.
"Wir hätten auch Steinböden nehmen können", grinste
P'rr Malven. "Oder Textilteppiche. Aber so fühlen wir uns wie zu Hause."
Stym Grchmarrh fragte sich, ob diese Wissenschaftler die nötige Reife hatten,
ein solches Projekt durchzuführen. Immerhin, die rein technische Seite
schienen sie zu beherrschen.
Der reale Norton hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich ganz auf
seine Arbeit. Das Norton-Holo dagegen drehte sich um und starrte Tifuno fragend
an.
"Er ist drin, Colonel. Aber was soll er nun tun?" gab der Chefingenieur
die unausgesprochene Frage gleich weiter.
"Lassen Sie ihn die zentrale ID-Registrierung und die Zugriffscodes für
Großkampfraumschiffe suchen!"
Tifuno sprach die Antwort in ein kleines VoiceCom-Gerät. Nortons Holo nickte
und machte sich auf die Suche. Zunächst ging er scheinbar ziellos durch
die Gänge, bog an Kreuzungen ab und passierte Räume voller Aktenschränke.
In einem hielt er plötzlich an und öffnete einen Schrank. Er durchsuchte
Datapads, hielt SpeicherCards in ein Lesegerät und vertiefte sich in Verzeichniseinträge
und Inhaltsbeschreibungen von Datenträgern. Es war langweilig, ihm dabei
zuzuschauen. Stym Grchmarrh bemerkte, dass Darth Rage immer noch völlig
regungslos die Simulation verfolgte, während sie langsam unruhig wurde.
Endlich hielt Norton mit triumphierendem Lächeln ein Datapad in die Höhe.
Er steckte es in ein Lesegerät und betätigte die "Ausführen"-Taste.
Im selben Augenblick gellte ein durchdringender Alarm aus der HoloSimulation.
Nortons Holo fuhr auf wie von einer Womp-Ratte gebissen. Er sprang durch die
offene Tür auf den Flur. Keine Sekunde zu früh, denn kaum war er durch
die Türöffnung geschlüpft, wurde diese von einer heruntersausenden
Stahlplatte verschlossen.
"Er hat einen Sicherheitscode übersehen!" schrie Krak Tifuno.
"Wie ist das möglich?"
Mit gehetzter Miene wandte sich Norton nach rechts. Er rannte den Flur hinunter
und bog an einer Kreuzung in einen von links kommenden Seitengang ein. Sofort
prallte er wieder zurück und nahm die entgegengesetzte Richtung, denn allenfalls
20 Schritt entfernt standen bewaffnete Kampfdroiden.
"Das ist eine Anti-Hacker-Routine", rief Zmarrgeno aufgeregt. "Wenn
die ihn erwischt ...!"
"Was dann?" wollte Stym Grchmarrh wissen. "Was passiert dann
mit dem realen Norton?"
Krak Tifuno sah plötzlich sehr unglücklich aus. "Das könnte
eine Energie-Rückkopplung auslösen, die er nicht überleben wird."
Norton hetzte durch die Flure, angetrieben von dem nervenaufreibenden Alarmton.
Doch wohin er sich auch wenden wollte, stets war sein Fluchtweg von Kampfdroiden,
die Anti-Hacker-Programme symbolisierten, versperrt. Der wirkliche Miles Norton
saß nicht länger völlig ruhig an seiner Apparatur. Zwar hatte
er seine Augen noch geschlossen, doch er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin
und her. Schweiß lief ihm über das Gesicht, seine Hände waren
ineinander verkrampft.
Inzwischen hatte ein Trupp Kampfdroiden seine Verfolgung aufgenommen. Sie waren
ihm dicht auf den Fersen, als er auf eine Gang-Kreuzung kam, von der es keinen
Ausweg mehr gab. Von allen vier Seiten kamen die Droiden auf ihn zu. Er hob
die Hände in einer interstellar üblichen Geste des Ergebens, doch
Stym Grchmarrh bezweifelte, dass es ihm etwas nützte. Und tatsächlich:
Ein Droide trat vor, scannte Norton mit einem Aufzeichnungsgerät, hob seinen
Blaster und feuerte.
Augenblick fiel die HoloProjektion in sich zusammen.
Alle Beobachter der Szene wandten sich unwillkürlich dem realen Norton
zu. Der Hacker begann, unkontrolliert zu zittern, riss angstvoll seine Augen
auf und stieß einen lauten, langgezogenen Schrei aus. Dann zuckte plötzlich
ein gleißender Energieblitz aus dem Helm und zerfetzte den Hacker mitsamt
der komplexen Apparatur, an die er angeschlossen war.
Eine automatische Löschanlage spritzte Schaum auf rauchenden, angeschwärzten
Elektronikschrott und verkohlte Leichenteile.
Dann war alles still.
Die drei Wissenschaftler waren fassungslos. Keiner war fähig, sich auch
nur zu rühren, geschweige denn zu sprechen. Darth Rage stand vollkommen
ruhig und ausdrucklos. Schließlich brachte Stym Grchmarrh Bewegung in
die Szene.
"Nun, Chefingenieur?" fragte sie mit kratziger Stimme. "Wie bewerten
Sie Ihr Experiment?"
Krak Tifuno drehte sich zu ihr um und glotzte sie verständnislos an. Seine
Kopftentakel machten eine Bewegung, die an das verzweifelte Händeringen
von Menschen erinnerte.
"Gescheitert, Colonel", brachte er nur heraus. "Es ist gescheitert."
"Was Sie nicht sagen!" Grchmarrhs Stimme troff vor Hohn. "Vielleicht
möchten Sie Lord Rage das Ganze etwas näher erklären?"
"Lord Rage, ich ... wir ... Norton ..." Tifuno stotterte hilflos.
Doch dann holte er tief Luft und begann erneut. "Es tut mir Leid, Lord
Rage. Ich ... es ... Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich übernehme
die volle Verantwortung. Es ist meine Schuld. Ich bitte Euch um Vergebung."
Zur Unterstreichung seiner Worte sank er in die Knie.
Mit einem Male wickelten sich seine Kopftentakel um seinen Hals und schnürten
ihm die Luft ab. Er röchelte, versuchte, die Lekku zurückzureißen,
doch eine unsichtbare Kraft schnürte sie immer fester zusammen. Seine Augen
traten aus ihren Höhlen, sein blasses Gesicht lief dunkel an. Dann kippte
er vornüber. Sein Körper zuckte noch einige Male, dann erstarrte er.
Stym Grchmarrh hatte die Szene mit wachsendem Entsetzen gefolgt. Jetzt gab es
keinen Zweifel mehr: Krak Tifuno war tot.
"Entschuldigung akzeptiert", sagte Darth Rage mit kalter Stimme. Dann
wandte er sich an die beiden übrigen Wissenschaftler: "Wer von Ihnen
beiden ist der Erste Assistent?"
"Der da!" schnatterte Zmarrgeno, indem er auf P'rr Malven deutete.
Das stimmte zwar nicht ganz, wie Stym Grchmarrh wusste, denn eine interne Rangordnung
unter den beiden Assistenten war nie festgelegt worden. Aber offenbar hatte
der seltsame Vogel als erster begriffen, dass sich in ihrem Job zuviel Verantwortung
nicht unbedingt auszahlte. Sie hatte Verständnis für ihn, korrigierte
daher seine Antwort nicht. Zumal P'rr Malven offenbar viel zu schockiert war,
um sich zu wehren.
"Chefingenieur Malven, wie lange brauchen Sie, um eine neue Apparatur aufzubauen?"
fragte Darth Rage den unverhofft beförderten Wissenschaftler.
"Äh, ich denke, zwei Tage, Lord Rage. Wir haben noch ein Reserveaggregat."
"Sehr gut. Enttäuschen Sie mich nicht auch! Kennen Sie einen Computerspezialisten,
der seine Sache besser macht als dieser Norton?"
"Nun, da gibt es eine Frau. Sie lebt auf dem Planeten Trexx. Aber sie wird
nicht kooperieren wollen, fürchte ich."
"Sie wird kooperieren, wenn sie erst einmal hier ist", entgegnete
Darth Rage. "Man muss sie nur herbeischaffen. - Colonel?"
"Ja, Lord Rage, ich kümmere mich darum. Ich werde unverzüglich
mit dem Kopfgeldjäger Joraam Malgur Kontakt aufnehmen."
Die Flure der Akademie der Wissenschaften von Erdres, der
größten Stadt auf dem Planeten Trexx, lagen still und verlassen.
Das betriebsame Wirrwarr, das tagsüber in der galaxisweit bekannten Hochschule
herrschte, war längst der beschaulichen Nachtruhe gewichen. In manchen
Lehrsälen brummten Reinigungsdroiden, und einige wenige Dozenten saßen
in ihren Büros über Forschungen oder Ausarbeitungen gebeugt.
Im Raum Nummer 1138, der zum Trakt der Computerwissenschaft gehörte, brannte
fast jede Nacht noch lange das Licht. Jedes Mitglied der Wissenschaftsakademie
wusste, dass Helen Moonlight, die Dozentin für angewandte Computerkommunikation,
nicht selten die gesamte Nacht durcharbeitete und morgens dann mit dunklen Ringen
unter den Augen, aber geistig frisch wie ein Tautropfen auf einer S'chsen-Pflanze,
ihre Lehrvorträge hielt. Die Studenten hatten schon oft darüber gewitzelt,
ob "Moonlight" nur ein Künstlername angesichts ihrer nächtlichen
Forschungen sei oder aber ein offener Widerspruch zu ihnen, denn schließlich
arbeitete sie stets bei Kunstlicht und nicht im Mondschein.
Helen kannte diese recht müden Gags, störte sich aber nicht an ihnen.
Denn letztlich waren die Sprüche über sie nett gemeint. Ihr war klar,
dass sie bei den Studenten beliebt war, schließlich paukte sie nicht nur
Stoff durch, sondern nahm sich auch Zeit für eine ausführliche Studien-
oder Berufsberatung und nicht selten auch für die persönlichen Probleme
ihrer Schüler. Knallhart war sie nur in ihren Prüfungen. "Ich
schenke Zertifikate nicht her", pflegte sie zu sagen. Diese Strenge sprach
sich schnell herum, und bald waren ihre Abschlusszertifikate überaus begehrt.
Der Satz "Ich habe bei Helen Moonlight studiert" hatte schon manchem
Akademie-Absolventen die Tür zu einer ertragreichen Beschäftigung
geöffnet.
Einzig das nie verstummende Gerücht, Helen sei mit der berüchtigten
Computerhackerin Gaya identisch, brachte sie auf die Palme. Vielleicht, weil
das Gerücht der Wahrheit entsprach. Nur gehörte "Gaya" zu
einer Vergangenheit, die Helen längst hinter sich gelassen hatte. Jedenfalls
konnte sie über den Witz, "angewandte Computerkommunikation"
sei der höflichste Name für die Tätigkeit eines Hackers, überhaupt
nicht lachen.
Jetzt saß Helen über einem vertrackten Problem. Es ging um die computergestützte
mathematische Analyse der Tragmoi-Harmonien, einer Art Musiklehre für Ultraschall-Hörer.
Helen fragte sich, warum man ausgerechnet ihr, einem Menschen, diesen Forschungsauftrag
zugeschanzt hatte. Es gab doch auch fähige Computerwissenschaftler und
Mathematiker unter den Spezies, die höhere Frequenzen hören konnten!
Sie seufzte. Soviel zum Thema bürokratischer Schwachsinn auf der Akademie,
dachte sie.
Das VoiceCom blinkte. So spät noch?
"Moonlight. Wer kann da auch nicht schlafen?"
"Äh, hallo Miss Moonlight. Hier ist Stowie von der Eingangskontrolle.
Da ist ein Student, der Sie sprechen möchte. Er sieht besorgt aus. Um diese
Zeit kann ich ihn nicht mehr reinlassen. Können Sie mal kurz runterkommen?"
Oh nein, dachte Helen. Bloß keine Liebeskummer-Beratung nachts um halb
eins.
"Also gut", seufzte sie. "Ich komme. Dauert zwei Minuten."
Sie unterbrach die Verbindung.
Auch Pförtner Stowie legte auf.
Er zwang sich, ruhig zu atmen und nicht zu zittern.
Und er hoffte, dass der Blaster, der gegen seine Schläfe gepresst war,
nicht plötzlich losging.
Joraam Malgur hatte ausgezeichnete Laune. Das Geschäft lief einfach großartig.
Er bezog seine Aufträge jetzt nicht mehr nur von der Kopfgeldjäger-Gilde,
er konnte es sich vielmehr leisten, seine Dienste freiberuflich auf dem Markt
anzubieten. Er hatte mittlerweile den Ruf eines sauberen und zuverlässigen
Jägers. Legendär und ungeheuer stimulierend für das Geschäft
war die Sache mit Ffern Humran gewesen. Dieser Milliardär war einem Gangster
aus irgendeinem Grund - nach dem "Warum" fragte Joraam Malgur sowieso
nie - ein Dorn im Auge gewesen. Als er den reichen Mann in einer schwer bewaffneten
Festung aufgespürt und gestellt hatte, wollte sich dieser mit einem Betrag
von 250.000 Credits loskaufen, indem er dem Kopfgeldjäger den Auftrag gab,
seinen Widersacher umzubringen. Joraam Malgur akzeptierte - und tötete
Ffern Humran trotzdem. Anschließend erfüllte er dessen Auftrag
aber auch und brachte den Gangster zur Strecke. Ein Auftrag wird immer
erfüllt, das war einer seiner Leitsätze. Und die Kundschaft honorierte
diese Einstellung.
Seit einiger Zeit strahlte ihn aber auch das private Glück an. Er war verlobt.
Nicht mit irgendeiner Cantina-Tänzerin, die seine Kopfgeldjägerkollegen
und -konkurrenten abschleppten. Nein, er hatte das große Los gezogen:
eine echte Herrscherin. Sie regierte einen ganzen Planeten, wenn es auch nur
der unbedeutende Himmelskörper Dantooine war. Er hatte die Regentin Empress
S'silk bei einer Mozilla-Jagd kennen gelernt. Oder besser: Sie hatten sich gegenseitig
das Leben gerettet und das Monster gemeinsam besiegt. Anschließend mussten
sie sich zu Fuß durch die Wildnis Dantooines kämpfen; dabei waren
sie sich näher gekommen, als das bei Herrscherinnen und Kopfgeldjägern
gemeinhin üblich war. Noch wusste niemand von ihrer Heiratsabsicht. Empress
S'silk befand sich in einer schwierigen außenpolitischen Lage und wollte
nicht durch einen gesellschaftlichen Skandal ihre Clan-Führer gegen sich
aufbringen. Aber bald würde es so weit sein.
Nun, im Moment hatte er ohnehin noch zu tun, um diesen Doppelauftrag zu Ende
zu bringen. Diese Computerspezialistin Helen Moonlight alias Gaya hatte er sicher
in der "Passagier"-Zelle der Force Hammer verstaut. Nachdem
er sie abgeliefert hatte, würde er seinen zweiten "Gast" abholen.
Aber dann ging es auf nach Dantooine ...
Isaphàn Dera Sh'sandrò verließ das Orbit-Shuttle und stieg
in eine der vielen Luftgleiter-Fähren, die Passagiere auf festgelegten
Routen über die Häuserschluchten von Coruscant transportierten. Sie
schaute über die endlose Stadtwüste, die beinahe den gesamten Planeten
umspannte. Die gigantischen, mehrere tausend Meter hohen Wohnkomplexe des galaktischen
Zentrums behagten ihr nicht. Sie fand es unnatürlich, dass Menschen oder
andere Vernunftswesen einen derartigen Moloch bewohnten, ohne die Stadtsphäre
durch die erholsame Ruhe einer Naturlandschaft ausbalancieren zu können.
Welch ein Kontrast zu der meditativen Ruhe von Yavin 4! Isaphàn hatte
nie verstanden, warum der Alte Jedi-Orden seinen Tempel ausgerechnet hier, in
dieser Megalopolis gebaut hatte. Die Nähe zum Senat war für die Beschützer
der Republik sicherlich von Vorteil gewesen. Aber hätte zu diesem Zweck
nicht eine Dependance genügt?
Der Luftgleiter schwenkte herum, um die öffentliche Landeplattform des
Regierungsviertels anzusteuern. Die auf Höhe der 400. Etage der "Starship
Lounge" auf Repulsorkissen schwebende Plattform wurde von zahlreichen Privatshuttles
umschwirrt. Lange Verbindungsstege führten zur Lounge, die als Treffpunkt,
Hotel, Rekreationsstätte und InfoCenter des Regierungsviertels diente.
Die Fahrgäste stiegen aus, verteilten sich auf Privatfähren und Mietshuttles
oder strebten wie Isaphàn den Laufbändern auf den Verbindungsstegen
zu.
Die Jedi-Hexe musterte die Starship Lounge. Hier würde sie die nächsten
Tage oder Wochen wohnen. Sie hatte die Aufgabe übernommen, auf Coruscant
wegen des möglichen Verräters nachzuforschen. Es war ohne weiteres
denkbar, dass der Begleitkonvoi der Präsidentin von einem Senatsangehörigen
oder gar einem Regierungsmitglied in die Falle gelockt worden war. Und kein
Ort eignete sich besser als Ausgangspunkt für die Suche nach Intriganten,
Spionen oder Verschwörern als die beliebte und von Spezies aller Art wimmelnde
Lounge.
Sie dachte an die anderen drei Jedi. Was würden sie bei ihren Missionen
erreichen? Sha'In-Mar sollte bei der Untersuchung des Schlachtfeldes mithelfen;
vielleicht ließen sich aus der Analyse der Trümmer nähere Aufschlüsse
über die Identität der Angreifer finden. Jael würde nach Dantooine
reisen. Präsidentin Organa Solo hatte den Eindruck gehabt, dass die Herrscherin
des Planeten etwas über das mögliche neue Imperium wusste. Yo-Karah
hatte vorgeschlagen, dass Jael nicht offen als Jedi, sondern verdeckt operierte.
Sie könnte sich als Vertreterin der Handelsgesellschaft von Yo-Karahs Vater
ausgeben. Da Empress S'silk die Tarlass-Handelslizenzen offen ausgeschrieben
hatte, schien dies ein sinnvoller Weg zu sein. Aber entsprach er auch dem Jedi-Kodex
mit seiner Verpflichtung auf Wahrhaftigkeit? Master Skywalker hatte diese Frage
mit einem Hinweis auf seinen alten Meister Obi-Wan Kenobi bejaht, der offenbar
von der Relativität jeder Wahrheit überzeugt gewesen war. Yo-Karah
schließlich war von Master Skywalker zu einer weisen Seherin gesandt worden,
um sie über das Entstehen eines neuen Imperiums zu befragen.
Das Laufband trug Isaphàn in die riesige Eingangshalle der Starship Lounge.
Die Suche nach dem Verräter hatte begonnen.
Wenigstens schmeckte der Wein.
Das war aber auch das einzige, was Obi-Nor Gildorian der Veranstaltung abgewinnen
konnte. Jedes Jahr lud Senator Jigl D'Solskjeer die Vertreter der großen
Handelsgesellschaften und die bedeutenderen freien Händler zu einem Empfang
in seine Residenz auf Coruscant ein, damit sie dort mit Senatoren, politischen
Beratern und Lobbyisten zusammenkommen und wirtschaftspolitische Fragen erörtern
konnten. D'Solskjeer war ein Vertreter des liberalen Flügels innerhalb
des Wirtschaftsausschusses und wollte, wie es offiziell hieß, "die
unmittelbare Begegnung von Volksvertretern und Wirtschaftstreibenden zum Wohle
der Galaxis fördern". Vielleicht wollte er das tatsächlich. In
Wirklichkeit war der Empfang jedoch ein gigantischer Markt für Intrigen,
Korruption und unerlaubte Preisabsprachen. Es war widerlich, in welch unverfrorener
Offenheit Senatoren Bestechungsgelder für diese oder jene politische Initiative
oder die Vergabe von Frachtaufträgen forderten. Obi-Nor hasste dieses Treiben,
war aber natürlich gezwungen mitzumischen, um nicht plötzlich ohne
seine Handelslizenzen dazustehen.
Das alles hätte er noch klaglos über sich ergehen lassen, wenn Senator
D'Solskjeer nicht die Idee gehabt hätte, den Empfang zu einem gesellschaftlichen
Ereignis aufzuwerten. So aber musste er langweilige Festreden über sich
ergehen lassen und die Ausstellung eines Künstlers bestaunen, der sich
mit Werken abstrakter Elektronik einen Namen gemacht hatte. Das Schlimmste aber
war die Musik. D'Solskjeer hatte keine Kosten gescheut, B`schucci Malwtoffy,
die Primadonna der HoloUnterhaltung zu engagieren. Die dreieinhalb Meter
große Diva entlockte ihren zwei Kehlen Geräusche, als hätte
sich ein Bantha auf ihren Fuß gesetzt. Für dieses Gejaule kassierte
sie immerhin 50.000 Credits pro Abend. Da war sogar noch die aus Wookies bestehende
Trommel-Combo besser gewesen, die als Vorgruppe die Stimmung aufgeheizt hatte.
Endlich war der kulturelle Teil des Abend vorbei, und der geschäftliche
begann. Obi-Nor sah Senator Triso Gollump von P‘Vitor III
auf sich zu kommen. Schnell nahm er noch einen Schluck Wein, um sich für
die Begegnung mit dem schleimigen Kerl zu stärken.
"Na, Gildorian, alter Freund, gehen die Geschäfte gut?"
"Wie viel?" knurrte Obi-Nor. Er hatte heute Abend nicht die geringste
Lust, eine scheinheilige Fassade zu wahren.
"Aber, aber, lieber Freund", gab Gollump zurück. "Ich wollte
mit Ihnen nur über die guten alten Zeiten plaudern."
"Die alten Zeiten waren nicht gut, Gollump. Also, was wollen Sie?"
Gollump gab das vitorische Gegenstück eines menschlichen Seufzers von sich.
Die Fühler an seinen Ohren wackelten hin und her.
"Wir sind mit Ihrer Handelsgesellschaft sehr zufrieden, Gildorian. Gern
würden wir die Lizenz für weitere zwei Jahre verlängern."
"Na, prima", brummte Obi-Nor, während er einen Servier-Droiden
heranwinkte. "Wo liegt das Problem?"
"Äh, unser Medi-Zentrum macht sich aufgrund Ihrer großzügigen
Spende hervorragend. Es fehlt leider nur an Medi-Droiden. Mit fünf neuen
Droiden und, sagen wir, zwei neuen Laborausrüstungen könnten wir eine
bessere Versorgung unserer Bevölkerung garantieren."
"Abgemacht", sagte Obi-Nor und griff nach einem Weinglas. "Ich
will doch, dass Sie gute Ärzte vorfinden, wenn Sie eines Tages auf Ihrer
eigenen Schleimspur ausrutschen."
Er ließ den Vitorianer stehen, denn aus den Augenwinkeln sah er seinen
Kammerdiener-Droiden GL02 in den Saal trippeln. Der Droide war von einer ähnlichen
Bauart wie C3PO, nur war seine ehemals silberne Hülle unter dem Einfluss
von Gammastrahlen blauschwarz angelaufen. Äußerlich machte der Droide
seitdem nicht mehr viel her, aber seine Kammerdiener-Qualitäten waren ausgezeichnet.
"Entschuldigt bitte die Störung, Mylord" sagte er in wohltönendem
Basic. "Aber Ihr werdet am HoloCom verlangt."
Die Anrede "Mylord" war eine Marotte, die Obi-Nor ihm nicht hatte
austreiben können. Möglicherweise ging sie auf eine Schaltkreis-Störung
zurück.
"Nicht schlimm, George", erwiderte Obi-Nor. "Ich bin froh, wenn
ich hier mal rauskomme."
"Wer ist es denn?" wollte Obi-Nor wissen, als der Droide ihn aus dem
Saal in eines der kleinen Besprechungsräume führte.
"Es ist Mistress Stella. Sie sieht besorgt aus, wenn ich mir diese Bemerkung
gestatten darf."
Obi-Nor legte die Stirn in Falten. Stella Likori war die Verwaltungsdirektorin
von Gildorian Enterprises. Wenn sie ihn hier aus dem Empfang holen ließ,
musste schon etwas Ernsthaftes geschehen sein.
"Ich lasse Euch allein, Mylord", bot GL02 an, als er das auf Bereitschaft
geschaltete HoloCom reaktivierte.
"Nein, George, bleib ruhig hier. - Hallo Stella", begrüßte
er die HoloProjektion von Stella Likori. Sie sah wirklich besorgt aus.
"Entschuldige die Störung, Obi-Nor. Es ist was wichtiges geschehen.
Yo-Karah bittet dich, nach Trexx zu kommen. Die Jedi helfen bei der Aufklärung
des Überfalls auf den Konvoi der Präsidentin. Yo-Karah fragt an, ob
du sie unterstützen und mit einer anderen Jedi, Jael Jinn Hajom, nach Dantooine
fliegen kannst."
"Dantooine?" Obi-Nor zog die Stirn kraus. "Was soll ich auf Dantooine?"
"Nun, der Plan ist offenbar, dass du mit dieser Jael auf Dantooine offiziell
um eine Tarlass-Handelslizenz nachsuchst."
Obi-Nor blickte sich rasch um, aber natürlich war außer seinem Kammerdiener
niemand im Zimmer. Dann fixierte er seine Verwaltungschefin.
"Du hast doch einen abhörsicheren Kanal gewählt, Stella?"
"Selbstverständlich, wir können offen sprechen."
"Ich weiß nicht, Stella, manchmal haben auch die Wände Ohren.
Ich bin in einem fremden Gebäude ..."
"Schon klar", nickte Stella. "Du weißt jedenfalls, worum
es geht."
"Die Sache gefällt mir nicht, Stella. Ganz und gar nicht."
"Meinst du mir? - Es ist aber noch etwas viel Schlimmeres passiert: Deine
Schwester Helen ist verschwunden."
Obi-Nor spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. "Was meinst du mit
'verschwunden'?"
"Niemand weiß, wo sie ist. Es geht das Gerücht um, sie sei entführt
worden. Der Nachtportier der Akademie in Erdres ist gefesselt aufgefunden worden.
Er war mit einer Psychodroge vollgepumpt und kann sich an nichts erinnern. Helen
muss in der Nacht noch gearbeitet haben. Und jetzt ist sie weg."
"Woher weißt du das alles?"
"Der Sicherheitsdienst hat sich vorhin gemeldet."
"Ich komme sofort zurück, Stella. Ich breche noch in dieser Stunde
auf. Danke, dass du mich informiert hast."
Stella nickte. "Eine Computerspezialistin entführt man nicht, um Lösegeld
zu erpressen, Obi-Nor, sondern um sich ihrer Dienste zu versichern. Helen ist
bestimmt noch am Leben. Und wir werden sie finden."
"Darauf kannst du dich verlassen!" knurrte Obi-Nor und unterbrach
die Verbindung.
"Soll ich Rhysbe informieren, Mylord?" fragte GL02. Rhysbe war eine
Warlucca, die seit über einem Jahr als Obi-Nors Pilotin fungierte.
"Nein, George, das mache ich schon selbst."
Er aktivierte sein VoiceCom.
"Rhysbe? Wir fliegen sofort ab. Ja, sofort. Los, beweg deinen Zottelhintern
Richtung Landebucht, George und ich treffen dich da! Ende."
Als er abschaltete, bemerkte sein Kammerdiener missbilligend: "Eure Wortwahl
war recht vulgär, Mylord."
"Ja, George, ich weiß. Das kommt, weil ich in Sorge bin. Ich habe
Angst um meine Schwester."
GL02 nickte. "Ich mache mir auch Sorgen um Lady Helen."
Isaphàn Dera Sh'sandrò sah sich in dem kleinen Zimmer um, das
sie in der Starship Lounge bezogen hatte. Ein Bett, eine Sitzgelegenheit, ein
kleiner Schrank und ein separater Erfrischer - großen Komfort hatte sie
sich nicht gegönnt. Aber sie war nicht hier, um im Luxus zu schwelgen.
Im Gegenteil: Sie vermisste beinahe die harte Schlafstatt im Tempel von Yavin
4. Zu viel Bequemlichkeit war nicht gut für eine Kämpferin wie sie.
Isaphàn aktivierte die standardmäßig zu jedem Zimmer der Starship
Lounge gehörenden Kommunikationseinheit und stellte eine HoloVerbindung
zum Palast der Präsidentin her.
Ein Kommunikationsdroide meldete sich. "Palast der Präsidentin, Droide
SB29. Was kann ich für Sie tun, Ma'am?"
"Richten Sie bitte Präsidentin Organa Solo eine persönliche Nachricht
aus: Isaphàn Dera Sh'sandrò ist auf Coruscant eingetroffen und
in der Starship Lounge zu erreichen." Sie gab ihm die HoloNet-Nummer und
den VoiceCom-Anschluss ihres Zimmers durch. "Würden Sie das bitte
für mich ausrichten?"
"Die Nachricht wurde bereits an die persönliche HoloNet-Mailbox der
Präsidentin weitergeleitet, Ma'am. Ich wünsche einen guten Tag."
Isaphàn schaltete die Übertragung ab, und setzte sich mit verschränkten
Beinen auf den Boden. Dann ließ sie sich von der Macht durchströmen
und versenkte sich in ihre Meditation.
Zwei mit Blastergewehren bewaffnete Wachsoldaten in stahlgrauen Körperpanzern
geleiteten Helen Moonlight aus ihrer Arrestzelle durch die verwinkelten Korridore
der orbitalen Forschungsstation zum Zentrallabor. Helen fragte sich was geschah,
wenn sie sich weiterhin weigerte zu tun, was man von ihr verlangte. Ob man sie
foltern oder sofort töten würde? Sie hoffte inständig, dass sie
den Mut und die Entschlossenheit aufbringen würde, auch dieses Mal abzulehnen,
sich in das zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen Republik einzuhacken.
Die imperialen Wissenschaftler hatten ihr die Aufgabe erklärt. Dann hatte
die Offizierin ihr Bedenkzeit gegeben, ihre Weigerung zu revidieren. Helen hatte
den Eindruck gehabt, dass ihr diese Frist nur eingeräumt wurde, weil die
Vorbereitungen zum Hack noch nicht abgeschlossen waren. Schließlich, nach
über 12 Stunden, hatte man sie wieder aus ihrer Zelle geholt.
Die Wachen schoben sie in das Labor und nahmen an der Tür ihren Posten
ein.
Im Unterschied zum letzten Mal war nun auch ein mit einem schwarzen Umhang bekleideter
Mann anwesend. Helen musste unwillkürlich an die vielen Beschreibungen
Darth Vaders denken, zumal sie augenblicklich von einer inneren Kälte wie
von einer Schockwelle erfasst wurde. Im Unterschied zu Vader trug er keinen
Helm, sondern hatte ein bleiches, von hellblonden Haaren umrahmtes, wenn auch
ein wenig maskenhaft wirkendes Menschengesicht. Als er sie mit eisigem Blick
anschaute, fühlte sie einen Stich wie von einer Vibroklinge in ihrer Brust.
"Die Handfesseln brauchen Sie jetzt nicht mehr", sprach der Mann.
Er machte eine kleine Handbewegung, und im selben Moment lösten sich die
Stahlarmbänder und polterten zu Boden.
"Ich bin Darth Rage", fuhr er fort. "Ich werde der Operation
beiwohnen."
Helen spürte einen inneren Schmerz, als ob eine unsichtbare Faust sie zusammenpresste.
Sie kämpfte gegen das Gefühl an, und schaffte es mühsam, ihrem
Widersacher die Stirn zu bieten.
"Und wenn ich nicht kooperiere?" keuchte sie.
"Sie werden kooperieren". Darth Rage sprach diese Worte völlig
ruhig und selbstsicher aus. Als er sich den Wissenschaftlern zuwandte, konnte
Helen plötzlich wieder frei atmen.
Der grünhäutige Chefingenieur, der sich Helen als P'rr Malven vorgestellt
hatte, aktivierte eine HoloÜbertragung. Nach einem kurzen Flimmern wurde
ein beinahe zwei Meter großer dunkelhaariger Mann sichtbar, der mindestens
zwei schwere Blaster an seinem Gürtel trug.
Der Kopfgeldjäger, der mich verschleppt hat! dachte Helen. Sie hatte mit
einem Mal ein ganz mieses Gefühl.
"Das ist Joraam Malgur", erklärte Colonel Grchmarrh. Sie sprach
in ein VoiceCom, und der Kopfgeldjäger nickte.
"Willkommen zur Show, Ladies und Gentlemen", grinste Malgur. "Ich
hoffe, das schwebende Aufzeichnungsgerät wird Ihnen einen guten Überblick
verschaffen. Das Zielobjekt hat bereits das öffentliche Shuttle verlassen
und befindet sich auf dem Weg hierher."
Der Kopfgeldjäger wandte sich ab, und ging über eine Stahlfläche
zu einer Reihe aufgestapelter Frachtcontainer, während das Aufzeichnungsgerät
ihm im Abstand von etwa 15 Metern folgte. Helen erkannte im Hintergrund gigantische
Wohntürme und einen nicht enden wollenden Strom von Luftgleitern. Das musste
Coruscant sein. Vor der Kulisse der riesigen Gebäude gewahrte sie Landedocks,
an denen mittelgroße Fähren und Frachter festgemacht waren.
Der Kopfgeldjäger kauerte sich hinter einem Frachtcontainer nieder und
hantierte mit einen Infarot-Sensor. Offenbar zeigte ihm der Sensor das Kommen
eines Wesens an, denn er zog einen seiner beiden Blaster.
Der Bildausschnitt schwenkte auf die offene Stahlfläche zurück und
zeigte einen etwa 40-jährigen Mann mit blonden, schütteren Haaren,
an seiner Seite ein schwarzblauer Droide, der Mühe hatte, mit seinem schnell
dahineilenden Meister Schritt zu halten.
"Oh nein!" rief Helen unwillkürlich aus. "Obi-Nor!"
Sie ernte damit nur ein ironisches Lächeln von Colonel Grychmarrh. Darth
Rage betrachtete unbewegt die HoloÜbertragung.
Der Kopfgeldjäger nahm nun die Verfolgung auf, das Aufzeichnungsgerät
in einigem Abstand in seinem Schlepptau. Er hielt sich stets im Schatten der
großen Container und pirschte sich wie ein trexxanischer Mung-Marder an
seine Beute an.
Schließlich bog er um einen offenen Altmetall-Container - und erstarrte.
Nur noch der Droide, der weiterhin den Landedocks zustrebte, war zu sehen. Von
Obi-Nor fehlte jede Spur.
Plötzlich sprang eine Gestalt mit einer Vibroklinge in der Hand vom Schrottcontainer
und warf sich auf den Kopfgeldjäger. Obi-Nor riss die Vibroklinge hoch
und stach zu.
"Ja, Obi-Nor", feuerte Helen ihren Bruder an. "Mach ihn fertig!"
In diesem Moment war es ihr völlig egal, dass sie in einem imperialen Labor
gefangen gehalten wurde.
Selbst seine untrainierte Machtbegabung hatte Obi-Nor vor der lauernden
Gefahr gewarnt. Mit einem schnellen Befehl schickte er GL02 zum Landedock der
Courier III, während er selbst mit raschen Bewegungen auf einen
Container kletterte. Erst als er den Verfolger mit der Vibroklinge in der Hand
ansprang, erkannte er, dass sein Gegner der Kopfgeldjäger Joraam Malgur
war. Malgur war vor einiger Zeit einmal für ihn tätig gewesen, um
ein Mozilla-Monster, das eine seiner Frachterbesatzungen getötet hatte,
zur Strecke zur bringen. Dass er einmal selbst als Malgurs Opfer auserkoren
war, hätte er sich nicht träumen lassen.
Obi-Nor stieß im Sprung mit seinem Messer zu. Aber Joraam Malgur war trotz
seiner beeindruckenden Körpermaße kein hirnloser Totschläger.
Seine überragende Nahkampftaktik und seine ausgezeichneten Reflexe waren
weithin bekannt. Mit einer fließenden Bewegung rollte er sich zur Seite
und wich dem Stich aus. Den Schwung dieser Aktion ausnutzend schlug er mit dem
Blasterknauf gegen Obi-Nors Handgelenk, so dass das Vibro-Messer über die
glatte Stahlfläche schlitterte. Obi-Nor riss das Bein hoch und trat seinerseits
gegen Malgurs Waffenarm. Auch der Blaster wurde weggeschleudert.
Ihrer Waffen beraubt, gingen die beiden Männer in den Nahkampf über.
Es war ein ungleicher Kampf. Hier der durchtrainierte, mit gestählten Muskeln
fightende Kopfgeldjäger, dort der über zehn Jahre ältere Händler,
dessen Kampfbahn der Konferenztisch war. Malgur hatte Obi-Nor im Nu mit beiden
Armen umschlungen und presste ihm wie ein Schraubstock die Luft aus der Brust.
Mit letzter Kraft tastete Obi-Nor mit seinen Fingern über das Gesicht des
Kopfgeldjägers und drückte auf den zwischen Ohr und Kieferknochen
befindlichen Nervenstrang. Mit einem Aufschrei ließ Malgur ihn los, während
Obi-Nor nach Luft schnappte. Doch sofort war der Kopfgeldjäger wieder in
der Offensive und schickte Obi-Nor mit zwei harten Faustschlägen in die
Magengrube zu Boden.
Malgur zog seinen zweiten Blaster und hielt ihn Obi-Nor an die Stirn.
"Schluss jetzt, Gildorian. sonst puste ich Ihnen das Hirn raus."
Also will er mich nicht gleich töten, dachte Obi-Nor, während er keuchend
versuchte, seine Schmerzen zu ignorieren.
"Es ist nichts persönliches, Gildorian", sprach Malgur weiter.
"Aber Geschäft ist Geschäft, das verstehen Sie doch sicher."
Obi-Nor nickte. Wenn einer diesen Grundsatz verstand, dann er.
"Ich kann nicht viel Wert sein, Malgur", keuchte er, noch immer nach
Luft ringend, "wenn man schon einen Verlierertypen wie Sie auf mich ansetzt."
Aber natürlich war Joraam Malgur viel zu sehr Profi, als dass er sich von
einer derart billigen Provokation aus der Ruhe bringen ließ.
"Sparen Sie sich Ihre Spucke, Gildorian! Ich werde Sie jetzt ..."
Mitten im Satz wirbelte er herum, denn aus dem Nichts wurde er erneut von einem
Wesen angegriffen. Es war eine Warlucca, eine weitläufig mit dem corellianischen
Beutelbär verwandte Spezies.
Rhysbe, Obi-Nors Pilotin schnappte mit ihrem Maul nach Malgurs Waffenarm. Ihre
fingerlangen Fangzähne bohrten sich mit schrecklichem Geräusch durch
die schwere Ledermontur, den dicken Bizeps, die Bänder und Sehnen und wurden
erst von Malgurs Oberarmknochen gestoppt.
Der Schmerz, der durch seinen Körper raste, paralysierte Joraam Malgur
beinahe. Nur aufgrund seiner Instinkte und des unermüdlichen Trainings
gelang es ihm, mit dem unverletzten Arm anzugreifen. Er riss sein Messer aus
dem Gürtel und stach blindlings auf seine Gegnerin ein. Sofort war sein
verletzter Arm wieder frei. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen presste
die Warlucca eine Pranke auf ihre Schulter, wo Blut aus dem Fell sickerte. Die
Warlucca stierte den Kopfgeldjäger aus kleinen blitzenden Augen an, dann
warf sie sich erneut auf ihn. Diesmal griff sie jedoch nicht mit dem Maul an,
sondern fuhr blitzschnell ihre sichelförmig gebogene, 20 Zentimeter lange
Jagdklaue aus. Joraam Malgur zuckte zurück. Er spürte, wie die rasiermesserscharfe
Klaue seine Kehle nur um Millimeter verfehlte. Dann hatte er endlich den Stunnerstab
vom Gürtel gelöst und schickte die Angreiferin mit einer raschen Bewegung
zu Boden. Die Warlucca wand sich noch einmal hin und her, doch ein zweiter Betäubungsstrahl
machte ihrer Gegenwehr ein Ende.
"Fallenlassen!"
Aus Gildorian Stimme war das angestrengte Keuchen verschwunden. Joraam Malgur
ließ den Stunner-Stab fallen. Er dreht sich vorsichtig um. Der Händler
lächelte ihn an; in seiner Hand befand sich einer der beiden Blaster.
"Tja, Malgur, Zwei gegen einen ist unfair, ich weiß. Aber ich ..."
Gildorian brach ab und tastete sich mit ungläubiger Miene an den Hals,
wo der kleine Betäubungspfeil steckte, den Joraam Malgur mit einer raschen
Drehung seines Handgelenks aus der verborgenen Abschussvorrichtung abgefeuert
hatte.
Der Händler verdrehte die Augen und war bewusstlos, noch ehe er zu Boden
gesunken war.
Joraam Malgur schnitt den rechten Ärmel seines Overalls auf, zog ein MediPack
aus einer seiner Taschen und legte es auf die zerfetzte Wunde, die einmal sein
Oberarm gewesen war. Dann drehte er sich zum Aufzeichnungsgerät, das die
ganze Zeit neben der Kampfstätte über dem Boden geschwebt war.
"Auftrag erledigt, Colonel. Ich schaffe Gildorian und dieses Raubtier zum
vereinbarten Zielort. Bitte überweisen Sie die Credits auf mein Konto bei
der Lunar Investments. Malgur Ende."
Das HoloBild verblasste. Helen schluckte trocken. Sie hatte mit atemloser Spannung
die Wendungen des Kampfes verfolgt, hatte bis zuletzt auf einen guten Ausgang
gehofft. Doch jetzt war auch ihr Bruder in der Gewalt der Imperialen.
Colonel Grchmarrh wandte sich ihr zu, den schmallippigen Mund zu einem widerlichen
Grinsen verzogen.
"Ihnen ist doch klar, warum wir das gemacht haben?" fragte sie. "Kooperieren
Sie mit uns, wird Ihrem Bruder nichts geschehen. Weigern Sie sich weiterhin,
muss er sterben."
Helen fühlte, wie ihr Herz bis zum Hals klopfte. Was sollte sie nur tun?
Ihren Bruder einfach im Stich lassen? Oder sich zum Werkzeug der teuflischen
Pläne des Imperiums machen?
"Nun?" bohrte Colonel Grchmach nach. "Wie lautet Ihre Entscheidung?"
Helen wurde schwindlig. Wie konnte man sie nur vor eine solche Entscheidung
stellen? Sie bemühte sich, tief einzuatmen, um nicht ohnmächtig zu
werden.
Verzeih mir, Obi-Nor, dachte sie.
"Nein", sagte sie schließlich. "Ich werde nicht kooperieren."
Sie wusste, dass sie soeben das Todesurteil für ihren Bruder ausgesprochen
hatte.
"Wie Sie meinen." Colonel Grchmarrhs Stimme war noch eine Spur kälter
als sonst. Sie schaute Darth Rage an.
Dieser gab den Wissenschaftlern einen Wink, und erneut baute sich ein HoloBild
auf. Es zeigte eines der Passagier-Raumschiffe der White-Star-Reederei.
Die riesigen White-Star-Passagiertransporter waren in der ganzen Galaxis bekannt.
Sie verkehrten zwischen den bedeutendsten bewohnten Welten im Liniendienst,
vor allem von und nach Coruscant. Jedes Raumschiff konnte mehr als 20.000 Passagiere
verschiedenster Spezies transportieren. Mit ihrer Luxusausstattung und allen
erdenklichen Service-Leistungen an Bord glichen sie eher fliegenden Städten
als Raumschiffen.
Das HoloBild zeigte zunächst eine Außenansicht des Schiffes, das
mit gedrosselten Sublichttriebwerken einem Landedock zusteuerte, dann schaltete
es um zu einem der zahlreichen Decks im Innern.
Ein Wesen schwebte in den Aufzeichnugsbereich. Helen hatte diese Spezies noch
nie gesehen. Es erinnerte ein wenig an eine fliegende Qualle. Auf einem mit
Greifarmen, Tentakeln oder Fühlern bestückten weißen, gallertartigen,
flachen Körper saß ein kugelrunder Kopf, der keine Augen, sondern
ringförmig angeordnete Visio-Rezeptoren aufwies.
"Ein P'Rach", erläuterte Darth Rage, der zum ersten Mal das Wort
ergriff. "Die P'Rach sind eine intelligente und überaus skrupellose
Spezies. Sie sind mir bedingungslos ergeben. Weil sie ihren eigenen Tod nicht
fürchten, eignen sie sich hervorragend als Selbstmord-Attentäter.
Der P'Rach, den Sie da sehen, hat einen überaus wirksamen Sprengsatz in
der Nähe der Reaktorkontrolle platziert. Ein Wink, und das ganze Schiff
mit 20.000 Passagieren fliegt in die Luft."
Das HoloBild schaltete wieder um und zeigte die großen Lounges und Aufenthaltskuppeln
für Passagiere. Helen sah Rodianer, Wookies, Bothaner und viele Menschen.
Geschäftsleute ebenso wie verliebte Paare oder Familien mit kleinen Babies.
"Nun", fragte Darth Rage, "wollen Sie jetzt kooperieren?"
"Das wagen Sie nicht!" rief Helen. Ihre Hände waren schweißnass,
aber aus ihrem Gesicht war alles Blut gewichen.
"Das wagen Sie nicht!" wiederholte sie. "Das ist doch nur ein
Bluff!"
"Sie halten mich wohl für eine Art Sabacc-Spieler?" fragte Darth
Rage. "Ihr Mangel an Respekt ist beklagenswert."
Er gab den Wissenschaftlern ein Zeichen, und P'rr Malven sprach etwas in ein
VoiceCom. Das HoloBild zeigte erst den P'Rach, wie er einen Auslöser betätigte,
dann schaltete es zur Außenansicht zurück. Gerade rechtzeitig, um
zu zeigen, wie das gewaltige Raumschiff in einem glühenden Feuerball zerbarst.
"Sie Scheusal!" schrie Helen. Sie machte einen Satz auf Darth Rage
zu, um ihm an die Gurgel zu springen. Doch wie von einer unsichtbaren Faust
getroffen wurde sie zurückgeschleudert und schlug hart auf dem Metallboden
auf.
"Sparen Sie sich Ihre Energie für Ihre Aufgabe, Miss Moonlight",
sagte Darth Rage mit schneidender Stimme. "Und glauben Sie nicht, dass
das der einzige P'Rach-Attentäter war, den ich von hier aus steuern kann.
White-Star-Schiffe, Raumwerfte, Bürotürme auf Coruscant, das Zentrum
der Stadt Erdres auf Trexx, das alles kann ich binnen Sekunden zerstören.
Und ich werde es tun, wenn sie nicht kooperieren."
Helen kam stöhnend auf die Beine.
Es war ein Alptraum. Was hatte sie denn für eine Chance?
Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, als sie schließlich sprach.
"Ich kooperiere."
Die imperiale Militärakademie Viena II war eine Eliteschmiede
allerersten Ranges. Nur die Besten der Besten hatten eine Chance, überhaupt
nur zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden. Wer in die Reihen der Kadetten
aufgenommen wurde, konnte sich bereits als Auserwählter fühlen. Und
wer die physisch und psychisch aufreibenden fünf Jahre Drill, Disziplin
und Ausbildung mit bestandenem Abschluss beendete, schwenkte ohne Umweg auf
eine Karrierestraße ein, die ihn auf kürzestem Weg zum Generals-
oder Admiralsrang führte. In einer Welt wie dieser gab es keinen Spielraum
für Erstaunen oder Verwunderung. Jedes Ereignis, jede Herausforderung,
egal worum es sich handelte, wurde nüchtern und emotionslos analysiert,
klassifiziert, erledigt und abgehakt. Lediglich die Sache mit den verschwundenen
Gefangenen des Kopfgeldjägers sollte noch auf Jahre hinaus für Gesprächsstoff
in der Cantina, dem Offiziersclub und den Mannschaftsunterkünften sorgen.
Je zwei Kadetten trugen den bewusstlosen Menschen und das ebenfalls betäubte
Pelztier aus der Luftschleuse in den Inhaftierungstrakt. Bei der zentralen Arrestkontrolle
legten sie ihre Last ab, um ein wenig zu verschnaufen.
"Vorwärts, Kadetten, nicht einschlafen!" herrschte sie der wachhabende
Lieutenant an. "Schafft die beiden in Zelle 3!"
Einer der höchstens 17 oder 18 Jahre alten Kadetten blickte ihn fragend
an. "Sir, beide in eine Zelle? Ich vermute, dieses Pelzvieh wird
bald fürchterlich stinken."
"Na und?" schappte der Offizier. "Dann stinkt dieser Gildorian
eben auch!"
Der Kadett starrte ihn entgeistert an.
"Was haben Sie denn, Kadett?" Die Stimme des Lieutenants war gefährlich
ruhig. "Probleme mit dieser Entscheidung?"
"Nein, Sir. Keineswegs, Sir!"
Der Kadett nahm zusammen mit seinen Kameraden die Last wieder auf und betrat
den Zellentrakt.
Obi-Nor erwachte mit bohrenden Kopfschmerzen. Der Geschmack in seinem Mund weckte
Assoziationen an verwesende Mynocks. Vorsichtig richtete er sich auf. Die Stunner-Fesseln
an seinen Armen und Beinen ließen nur ganz langsame Bewegungen zu, andernfalls
lösten sie sofort Betäubungsschocks aus.
Da hatte er sich ja wie ein Anfänger von diesem Malgur übertölpen
lassen! Anstatt dem Kopfgeldjäger gleich das Gesicht wegzuschießen,
hatte er unbedingt seinen Triumph auskosten wollen.
Geschieht dir recht, Obi-Nor, dachte er.
Aus der gegenüberliegenden Ecke der stockdunklen Arrestzelle hörte
er ein leises Wimmern und Knurren. Das mussten Rhysbes Schlafgeräusche
sein. Wenigstens war seine Pilotin auch noch am Leben.
"Psst, Rhysbe!" Obi-Nor flüsterte zunächst, weil er nicht
wusste, ob irgendwo Akustiksensoren eingebaut und per Funk mit den Stunner-Fesseln
gekoppelt waren. Doch dann gab er die Zurückhaltung auf und rief mit lauter
Stimme.
"Hey Rhysbe! Wach auf!"
Die Warlucca gab einen gutturalen Laut von sich und schnellte mit einem Satz
hoch. Sofort streckte sie die Stunner-Fessel wieder zu Boden.
"Langsam, Rhysbe! Beherrsch dich!"
"Wo sind wirrr, Obi-Norrr?" Die tiefe, knurrende Stimme der Warlucca
klang müde.
"Keine Ahnung. Aber wo es auch ist - wir müssen hier weg."
"Wie willst du chierrr weg?"
"Weiß ich noch nicht. Ehrlich gesagt: Ich habe keinen blassen Schimmer."
Rhysbe schnaubte zweimal laut durch ihre Nüstern, ein Geräusch, mit
der Warlucca Resignation ausdrückten.
Obi-Nor kam nicht dazu, etwas Aufmunterndes zu erwidern, denn plötzlich
wurde die Tür-Verriegelung aktiviert. Die elektronische Sperre erlosch,
und zwei magnetische Riegel lösten sich.
Mit einem Leuchtstab in der Hand trat eine Gestalt ein.
"Psst", sagte die Gestalt. "Kein Laut. Ich hol Sie hier raus."
Den Händen und der Stimme, aber auch der Kadettenuniform nach zu urteilen,
war es ein junger Mann. Das Gesicht hatte er hinter dem verspiegelten Visier
eines Raumhelms versteckt. Sein Namenszug über der linken Brusttasche war
mit Isolierband überklebt.
Mit raschen Handgriffen an einem Kontrollpad löste er die Stunner-Fesseln.
"Los, kommen Sie mit!" drängte er.
Obi-Nor hielt ihn fest. "Wenn Sie durch eine Visio-Überwachung laufen,
nützt Ihnen Ihr Inkognito auch nicht viel. Sagen Sie mir, wer Sie sind!"
Der Kadett schüttelte nur den Kopf und zerrte den Händler aus der
Zelle auf den Flur, wo die Warlucca bereits ungeduldig wartete.
Er führte die beiden Gefangenen durch ein Gewirr von Gängen, benutzte
von Zeit zu Zeit aber auch Versorgungsschächte, um Wachräume oder
Kontrollpunkte zu umgehen.
Schließlich gelangten sie in einen Hangar mit alten Lambda-Frachtern und
neueren Fähren. Der Kadett betätigte einige Schalter am zentralen
Kontrollpult für die Raumschleuse.
"Der Lambda-Frachter hinten links ist startklar ", erklärte er.
"Das Raumschott ist genau zwei Minuten offen. Bis dahin müssen Sie
verschwunden sein."
Rhysbe eilte los, aber Obi-Nor wandte sich noch einmal an ihren Befreier.
"Egal wer Sie sind und warum sie das tun - Danke!"
Dann lief er zum Frachter, dessen Repulsoraggregate bereits ansprangen.
Der Kadett starrte dem entschwindenden Frachter nach.
Das war also Obi-Nor Gildorian, dachte er. Für diesen Mann habe ich meine
Loyalität zum Imperium verraten.
Gildorian, ehemaliger Spion der Rebellion und Schmuggler.
Und früher einmal Liebhaber der Rauschgift-Dealerin Kitty Ommis.
Er nahm seinen Helm ab und zog das Isolierband von seiner Uniform, so dass sein
Name wieder zu sahen war.
"Misch dich bitte nie wieder in die Angelegenheiten des Imperiums ein,
Vater", murmelte Kel Ommis. "Noch einmal werde ich dich nicht retten."
Das HoloBild Helen Moonlights durchstreifte die Korridore der virtuellen Festung.
Seit ihrem LogIn in das zentrale militärische Computernetzwerk der Neuen
Republik waren erst drei Minuten vergangen, da stand sie bereits vor dem Raum,
der die IDs und Zugriffscodes der Großkampfschiffe der republikanischen
Marine enthielt, und in dem Miles Norton kläglich gescheitert war. Doch
gerade als Helen die Tür öffnen wollte, erschienen zwei bewaffnete
Kampfdroiden auf dem Korridor und kamen genau auf sie zu.
Stym Grchmarrh hielt die Luft an. Schon wieder eine Anti-Hacker-Routine! Würde
diese Moonlight genauso erwischt werden wie der Versager Norton?
Die Kampfdroiden näherten sich Helen Moonlight und - gingen durch sie hindurch.
Das HoloBild schwenkte herum und zeigte, wie die Droiden hinter der nächsten
Korridorecke verschwanden. Unbeeindruckt von dem Vorgang betrat Helen Moonlight
den Raum mit den gesuchten Dateien.
"Sie ist als Tarnkappen-Virus reingegangen!" rief P'rr Malven mit
der kindlichen Begeisterung eines Computerfreaks.
"Ohne das wir es gemerkt haben", ergänzte Zmarrgeno.
Langsam ließ Stym Grchmarrh die Luft aus ihren Lungen entweichen. Offenbar
war diese Hackerin doch ein anderes Kaliber als Miles Norton.
Helen durchsuchte den Stapel Datapads. Schließlich hielt sie den richtigen
Datenträger in der Hand. Sie steckte ihn in das Lesegerät und betätigte
die "Ausführen"-Taste. Auf einem Monitor flimmerten endlose Ketten
Zahlenkolonnen. Helen schob ein leeres Datapad in ein anderes Lesegerät
und kopierte alle Daten. Dann legte sie das Originalpad zurück, während
sie die Kopie in ihre Tasche schob. Als sie alle Geräte wieder ausschaltete,
wirbelte sie plötzlich herum und blickte zur Tür. Das HoloBild folgte
dieser Bewegung augenblicklich. Helen lauschte, schüttelte dann aber den
Kopf, beendete ihre Arbeit in dem Raum und trat wieder hinaus auf den Gang.
Sie wusste, dass ihre rechte Hand bei ihrem kleinen Ablenkungsmanöver für
einen Augenblick nicht im Aufzeichnungsbereich der HoloKamera gewesen war. Dieser
Moment hatte ihr gereicht, um rasch mit allen Fingern auf die blankpolierte
Arbeitsfläche vor dem Lesegerät zu drücken.
Sie hatte es nicht kontrollieren können, aber sie war sich sicher: Auf
der Arbeitsfläche waren nun fünf Fingerabdrücke zu sehen.
Als das HoloBild erlosch, wandte sich Colonel Stym Grchmarrh mit triumphierendem
Blick an Darth Rage.
"Lord Rage, die orbitale Forschungsstation hat Prioritätsauftrag Nummer
eins erfolgreich ausgeführt."
Darth Rage nickte bestätigend. "Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet,
Colonel."
Stym Grchmarrhs Augen blitzten. "Die Marine der Rebellen ist damit praktisch
außer Gefecht gesetzt, Lord Rage. Sie haben keine Chance mehr gegen uns!"
"Sie haben Recht, Colonel. Niemand kann uns mehr aufhalten."
Der Oberste Sicherheitsrat der Neuen Republik tagte im bestbewachten Raum der
Galaxis. Es war ein von Energieschilden und Frequenzblockern mehrfach abgeschottetes
Besprechungszimmer im ehemaligen Palast des Imperators auf Coruscant. Leia betrat
diesen Raum immer nur mit großem Widerwillen. Zu oft schon hatte sie sich
ausgemalt, wie der Imperator hier im Kreise seiner Offiziere, Berater oder Moffs
das Schicksal ganzer Völker, Planeten und Sonnensysteme besiegelt hatte.
Wie viele Versklavungen waren hier wohl schon angeordnet, wie viele Vernichtungsbeschlüsse
gefasst worden? Nun, heute hatte sie keine andere Wahl gehabt. Nach dem offensichtlichen
Verrat beim Überfall auf ihren Begleitkonvoi konnte sie unmöglich
einen der normal gesicherten Konferenzräume benutzen - nicht für das,
was sie jetzt vorhatte.
Als sie den Raum betrat, waren alle übrigen vier Mitglieder des Rates bereits
anwesend. Der Calamarianer Admiral Ackbar, der Oberbefehlshaber der republikanischen
Marine. Senator Garm Bel-Iblis von Corellia, ein alter Angehöriger der
Rebellion, der der Neuen Republik im Kampf gegen Großadmiral Thrawn mit
einer schlagkräftigen Privatflotte zur Hilfe gekommen war und seither als
Held verehrt wurde. Der gewiefte Geheimdienstchef Hrekin Thorm, ein Obesier,
dessen große runde Teller-Augen wie Scheinwerfer leuchteten. Und die beiden
erst kürzlich in das Gremium gewählten Senats-Mitglieder: die schlangenartige
B'zzrs Mjassdn und der kleine, an eine übergroße Sandratte erinnernde
T'winku. Alle hatten die mühsame Prozedur der Sicherheits-Scans über
sich ergehen lassen müssen und warteten bereits ungeduldig auf die Präsidentin.
Leia nahm in dem für sie bereitgestellten Formsteinsessel Platz und begann
ohne lange Einleitung mit der Besprechung.
"Ich habe Sie hierher gebeten, weil ich mit Ihnen ein ernstes Problem beraten
muss. Wir haben möglicherweise einen Verräter in der Marineführung,
im Geheimdienst oder sogar in der Regierung. Wir müssen erörtern,
wie wir mit dieser gefährlichen Situation verfahren."
"Verräter? Bestimmt nicht im Geheimdienst, Frau Präsidentin!"
Hrekin Thorms Stimme grollte vor Empörung.
"Isst der Verrat überhaupt bewiessen?" fragte Senatorin Mjassdn.
"Ess gab noch keine offizzielle Unterssuchung."
"Vielleicht war der Verräter im Geleitschutz-Konvoi und ist beim Überfall
selbst ums Leben gekommen", mutmaßte T'winku.
Leia seufzte innerlich. Schon bei der Verrat-These gab es Widerstand. Das würde
eine anstrengende Konferenz werden.
Senator Bel-Iblis kam ihr zu Hilfe: "Nehmen wir doch einmal an, die Präsidentin
hat Recht. Schließlich sollten wir uns im Interesse der Sicherheit nicht
mit der für uns besten, sondern mit der schlechtesten Möglichkeit
beschäftigen."
"Ich stimme dem Senator zu", sagte Admiral Ackbar. "Jedenfalls
kann ich nicht jeden Marineangehörigen von vornherein vom Verdacht des
Verrats freisprechen. - So gerne ich meine Leute auch in Schutz nehmen würde",
fügte er mit einem Seitenblick auf Hrekin Thorm hinzu.
"Also gut", lenkte der Geheimdienstchef ein. "Sicherlich hat
die Präsidentin bereits einen Vorschlag, was ihrer Meinung nach zu tun
ist?"
"In der Tat, den habe ich", bestätigte Leia. "Wir sollten
als erstes vereinbaren, alle militärisch relevanten Regierungsentscheidungen
nur noch in diesem Gremium zu beraten und zu beschließen."
"Was?" rief T'winku erregt. "Sie wollen Senat und Kabinett
umgehen?"
"Dass isst der ssichersste Weg in eine Regierungsskrisse", zischte
B'zzrs Mjassdn.
Leia nickte bedächtig und machte einen Rückzieher. "Nun gut.
Lassen wir das zunächst."
"Wieso sind Sie überhaupt der Meinung, dass Sie diesem Gremium eher
vertrauen können als ihrem Kabinett?"
Alle Mitglieder des Oberstern Sicherheitsrates starrten Senator Bel-Iblis an,
der die in eine Frage gekleidete unerhörte Andeutung in ganz ruhigem Ton
vorgebracht hatte.
Leia zwang sich, ruhig zu atmen. Jahrelange Erfahrungen mit politischen und
diplomatischen Verhandlungen hatten sie gelehrt, auch noch so schwierige Konferenzsituationen
äußerlich unbewegt wie ein Sabacc-Profi zu meistern. In ihrem Innern
dagegen war sie angespannt. Jetzt hatte war die Besprechung genau an dem Punkt,
an dem sie sie haben wollte.
"Wenn ich Ihnen nicht trauen darf, kann ich mein Amt gleich zur Verfügung
stellen", entgegnete Leia und erntete ein zufriedenes Nicken..
"Es gäbe möglicherweise einen Weg, die Identität des Verräters
aufzudecken", fuhr sie fort. "Der Horchposten Alpha Q hat den Einschlag
einer Kuriersonde im Asphaltsee auf P'torrsk registriert. Die Sonde ist offensichtlich
vom Kurs abgekommen. Sie könnte vom Begleitkonvoi während des Überfalls
oder vom Verräter vor dem Hyperraumsprung abgeschickt worden sein. Vielleicht
enthält sie wertvolles Material, das uns weiterhilft."
"Wie sollen wir denn eine Sonde aus einem Asphaltsee bergen?" fragte
T'winku skeptisch. "Ist sie nicht längst geschmolzen?"
"Nein", widersprach Admiral Ackbar. "Die Legierung hält
der Hitze des Sees mindestens drei Wochen stand. Jedenfalls wenn sich die Temperatur
des Sees nicht seit der letzten Messung der Galaktographischen Gesellschaft
erhöht hat. Eine Bergung wird freilich kostspielig und vor allem langwierig
sein."
"Geld dürfte in dieser Angelegenheit keine Rolle spielen", warf
Hrekin Thorm ein. "Aber die Zeit könnte uns davon laufen. Wie lange
wird es dauern, bis ein Bergungsteam vor Ort sein kann? Zwei Wochen?"
"Eher drei", vermutete Bel-Iblis. "Wir sollten es aber dennoch
versuchen."
Die anderen nickten zustimmend.
"Admiral Ackbar wird dies in die Hand nehmen", entschied Leia. "Die
Untersuchung des Schlachtfeldes haben Sie sicherlich schon angeordnet?"
"Das Spezialteam, das von der Jedi T'Abora unterstützt wird, ist bereits
unterwegs", antwortete der Calamarianer.
Noch eine Stunde tagte der Oberste Sicherheitsrat und verwarf oder entschied
Maßnahmen. Leia informierte die Ratsmitglieder darüber, dass sie
Jedi Sh'sandrò als eine Art Sonderermittlerin beauftragt hatte, und dass
Jedi Mal'Wan zu einer weisen Seherin unterwegs war, um Erkundigungen einzuholen.
Sie nahm nun ganz entspannt an der Beratung teil. Längst hatte sie erreicht,
was sie wollte.
Der Ort des Überfalls auf den Begleitkonvoi der Präsidentin war ein
riesiges Trümmerfeld. Wrackteile unterschiedlichster Größe,
von halben Kriegsschiffen bis zu daumennagelgroßen Kleinstteilen und Splittern,
schwirrten durch den Raum und zeugten von der gewaltigen Zerstörung, die
der imperiale Angriff hinterlassen hatte. Normalerweise strebten bei der Explosion
eines Raumschiffes die Trümmer ohne die bremsende Wirkung von Schwerkraft
oder Luftwiderstand immer weiter auseinander - bis ans Ende aller Zeiten. Doch
das elektromagnetische Kraftfeld, das die republikanischen Schiffe aus dem Hyperraum
gerissen und zugleich ihre Flucht vom Schlachtfeld verhindert hatte, war dafür
verantwortlich, dass das von Admiral Ackbar entsandte Spezialteam nur ein relativ
überschaubares Gebiet abzusuchen hatte.
Für Lieutenant Liam Russel war es der vierte Einsatz dieser Art. Aber selbst
wenn er noch ein Dutzend Mal diese Aufgabe übernahm, nie würde er
sich vor dem Grauen schützen können. Die Wrackteile aufzulesen und
zu analysieren, das war eine Sache. Aber wenn sie auf Leichenteile stießen
...
Manchmal fanden sie Hunderte in einem größeren Wrackteil, zerrissen
von der plötzlichen Dekompression. Manchmal fischten sie einzelne Gliedmaßen
auf oder einen Raumhelm, in dem noch ein Kopf steckte. Liam Russel hatte Verständnis
dafür, dass viele junge Marineangehörige nur ein einziges Mal diese
Art Einsatz auf sich nahmen. Viele weigerten sich rundweg, noch einmal an einem
"Aufräumkommando" teilzunehmen. Und einige traten ganz aus der
Marine aus.
"Lieutenant Russel, hier Broom Alpha", meldete sich das in seinen
Helm eingebaute VoiceCom.
"Hier Russel, was gibt's, Broom Alpha?"
"Sie nehmen diesmal die Z 93, den Zweisitzer. Wir bekommen Unterstützung
durch eine Jedi. Sie heißt ... Moment ... Sha'In-Mar T'Abora. Ich teile
sie Ihnen zu."
"Äh, hören Sie, Ethan, ich habe kein Problem damit, nur - wissen
Sie, was das soll?"
"Keine Ahnung, Liam. Ich weiß nur, dass es mir nicht gefällt,
wenn sich Zivilisten hier einmischen. Ob es nun Jedi sind oder nicht. Aber das
ist nicht unsere Entscheidung. Die Präsidentin höchstpersönlich
legt Wert auf die Unterstützung. Und wir wollen die Präsidentin doch
nicht enttäuschen, nicht wahr, Liam?"
"Schon klar, Ethan."
"Also, Lieutenant Russel: Sie kümmern sich um die Lady, wenn sie hier
eintrifft!"
"Verstanden, Broom Alpha."
"Hier fand der Überfall statt, Mistress Isaphàn. Dort lauerte
der Kopfgeldjäger, hier kämpfte er mit Seiner Lordschaft und mit Mistress
Rhysbe."
Der Kammerdienerdroide GL02 deutete auf verschiedene Stellen der Stahlfläche
vor den Landedocks des Shuttle-Raumhafens von Newport.
"Ja, George, ich sehe hier Blutspuren. Es ist aber kein Menschenblut."
Isaphàn hatte nicht schlecht gestaunt, als Obi-Nors Droide in der Starship
Lounge aufgetaucht war. Er hatte sich als blinder Passagier mit öffentlichen
Luftgleitern bis zum Palast der Präsidentin durchgeschlagen und war dort
zu Isaphàns Quartier geschickt worden. Nun waren sie am Ort des Überfalls,
um nach eventuellen Anzeichen zu suchen, die Aufschluss über den Verbleib
des Händlers geben könnte. Doch bis auf die wenigen Blutspuren, die
vermutlich von der Warlucca stammten, gab es nichts zu sehen.
"... und dort drüben schwebte die Aufzeichnungskugel", beendete
GL02 soeben seine Beschreibung der Ereignisse.
Isaphàn runzelte die Stirn. "Aufzeichnungskugel, sagst du?"
"Ja, ich fürchte, der Kopfgeldjäger hat eine ordinäre Freude
daran, sich später an der Aufzeichnung seines Verbrechens zu ergötzen."
"Ich weiß nicht", murmelte Isaphàn nachdenklich. "Er
könnte die Bilder unmittelbar an seinen Auftraggeber gesandt haben, zum
Beweis seines Erfolges. Und wenn das der Fall ist, dann könnten wir vielleicht
herausbekommen, wohin das Signal gesendet wurde."
"Das scheint mir eine ungewöhnlich schwere Aufgabe zu sein, Mistress
Isaphàn. Angesichts der Millionen von Funksprüchen, HoloMails und
Datentransfers, die diesen Planeten in jeder Sekunde verlassen."
"Du hast Recht, George", nickte Isaphàn. "Wir können
nur hoffen, dass der Geheimdienst bestimmte Sektoren wie diesen Raumhafen besonders
intensiv überwacht."
Helen Moonlight lag auf der harten Pritsche in ihrer Arrestzelle und starrte
Löcher in die Decke. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte -
gegen alle Widerstände, gegen jede Abwehr und Rechtfertigung, gegen jede
rationale Entschuldigung bohrte sich immer wieder die anklagende Stimme ihres
Gewissens in ihr Herz.
Sie hatte die Neue Republik in den Abgrund gerissen.
Ihr Vater war als Widerstandskämpfer gegen das Imperium getötet worden,
ihr Bruder hatte als Spion auf der Seite der Rebellen operiert. Und sie selbst
war in ihrer Ausbildungszeit mehr als einmal Opfer imperialer Willkür gewesen.
Nach dem Sturz des Imperators Palpatine hatte sie gejubelt: Endlich durfte die
Galaxis die Atmosphäre der Freiheit atmen!
Und nun hatte sie mit einer einzigen Aktion alles verraten, woran sie glaubte.
Die Konsequenzen des Hackerangriffs waren ihr natürlich klar. Mit den IDs
und den Zugriffscodes hatte das Imperium die gesamten Marinestreitkräfte
der Neuen Republik in der Hand. Die Imperialen konnten die Republik zerquetschen
wie ein lästiges Insekt.
Und sie, Helen Moonlight, war Schuld.
Natürlich hatte sie versucht, die Republik zu warnen. Die Spur, die sie
hinterlassen hatte, war klein, aber deutlich gewesen. Es war nur eine Frage
der Zeit, bis eine Anti-Spionage-Routine des illegalen Zugriff entdeckte. Aber
ob die Republik überhaupt noch so viel Zeit hatte?
Aber es ging ja nicht allein um den Kampf zwischen Raumstreitkräften. Helen
erschauderte, als sie an die P'Rach-Selbstmordattentäter dachte.
Wann würde Darth Rage diese schreckliche Waffe einsetzen?
Und funktionierte ihre Gegenmaßnahme schnell genug, um den Plan des dunklen
Lords zu vereiteln?
Helen seufzte. Hätte sie doch nur etwas mehr Zeit oder Ruhe gehabt, ihren
Gegenschlag zu entwickeln!
Es war eine spontane Idee gewesen, nicht nur eine Spur, die "Fingerabdrücke",
im militärischen Zentralcomputer der Neuen Republik zu hinterlassen, sondern
auch eine kleine, selbständig arbeitende Software. Ein "Pendler",
wie der Programmtypus in Hackerkreisen hieß. Wenn das Programm funktionierte,
würde es zwischen den beiden Computer hin- und herpendeln. Es würde
in kleinen Portionen Daten über den Bau, die Steuerung und die Konstruktionspläne
der orbitalen Forschungsstation, insbesondere über deren Computersystem
sammeln, um dann einen "maßgeschneiderten" zerstörerischen
Virus in Gang zu setzen. Es war eine überaus langsame Methode aus der Frühzeit
des modernen Computerwesens. Seit dem Untergang der Alten Republik hatte niemand
ernsthaft auf diese Art und Weise versucht, einen Computer auszuschalten. Aber
unter den gegebenen Umständen war es das einzige Mittel, was Helen zur
Verfügung gestanden hatte. Weil sie, um nicht aufzufallen, nur einen sehr
einfachen Programmcode hatte entwickeln können, mochte es bis zu fünf
Tagen dauern, bis der "Pendler" sein Ziel erreichte.
Es dauert zu lange, dachte Helen. Fünf Tage sind einfach zu lang.
Sie löschte das Licht, drehte sich zur Wand und versuchte vergeblich einzuschlafen.
Als Lyndea Marsko aus dem Turbolift trat, wurde sie von allen Seiten angestarrt.
Sie wusste, dass in ihrem Gesicht keine Spuren vom L'Ott-Fieber zurückgeblieben
waren. Und doch schauen mich alle an wie eine Aussätzige, dachte sie verbittert.
Ohne sich etwas von ihrer Stimmung anmerken zu lassen, steuerte sie auf das
runde Empfangspult zu.
"Captain Lyndea Marsko. Ich möchte zu Colonel Glish."
"Der Colonel erwartet Sie bereits, Captain. Hier entlang bitte."
Während der bullige Seargent sie zum Büro des Colonels geleitete,
spürte Lyndea die Blicke der Verwaltungskräfte und Innendienstler
wie Dolche in ihrem Rücken.
"Captain Marsko, schön Sie wieder auf den Beinen zu sehen."
Der grauhaarige Colonel schien es wirklich ernst zu meinen.
"Danke, Colonel. Wenigstens einer, der sich freut."
Glish zog die Brauen hoch. "Gerüchte, Klatsch und Tratsch? Sie sollten
auf dieses Gerede nicht so viel geben, Captain."
"Ich habe doch selbst ein mieses Gefühl, Colonel. - Ich weiß,
ich weiß", erstickte Lyndea einen Einwand ihres Vorgesetzten im Keim.
"Natürlich ist mir rational klar, dass ich für das L'Ott-Fieber
nicht verantwortlich bin. Aber das Gefühl, meine Staffel wegen einer Kinderkrankheit
im Stich gelassen zu haben, kann ich nicht einfach abschütteln. Ich nehme
an, dass ich am besten darüber hinweg komme, wenn ich wieder einen X in
Händen habe."
Colonel Glish schaute die Pilotin nachdenklich an.
"Captain", sagte er ruhig. "Sie wissen doch, wie die Marine in
derartigen Fällen verfährt?"
Lyndea wurde blass. "Oh, ich ... ich hatte es vollkommen verdrängt.
Aber ..."
Sie holte tief Luft. "Drei Monate Innendienst, psychiatrische Untersuchungen
- das wollen Sie mir wirklich zumuten, Sir?"
"Ich nicht", entgegnete Colonel Glish. "Aber die Marinevorschrift."
Lyndea schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre schulterlangen braunen
Haare hin und her wirbelten.
"Ich bin nicht für den Innendienst geschaffen, Sir. Ich habe mein
ganzes Leben nichts anderes im Sinn gehabt, als X-Wings zu fliegen. Außerdem
kann ich mir ein Leben ohne X-Wing nicht vorstellen! Ich bekomme schon nach
einem Tag Abstinenz Entzugserscheinungen. Sie können mich doch nicht hinter
einen Schreibtisch stecken!"
Colonel Glish seufzte. "Ich wusste, dass Sie so reagieren. Deshalb habe
ich auch vorgesorgt. An der Zwangspause von drei Monaten kann ich nichts ändern,
aber - ich kann Sie vom aktiven Marine-Dienst beurlauben."
"Was?!" Lyndea wollte aufspringen, konnte sich aber gerade noch unter
Kontrolle halten.
"Kommen Sie mit", sagte Glish anstelle einer Erklärung. "Ich
zeige Ihnen was."
Colonel Glish brachte Lyndea mit einem Luftgleiter zu einem abgelegenen Lagerhallen-Bezirk.
Dort fuhren sie mit dem Turbolift zu einem schwer bewachten und mehrfach gesicherten
Hangar. Der Colonel passierte die Kontrollen, ließ das Tor öffnen
und führte Lyndea in die abgedunkelte Halle.
"Licht!" befahl er, und sofort flammte die von Akustikrezeptoren gesteuerte
Hallenbeleuchtung auf.
Im Hangar befanden sich 24 nagelneue X-Wings.
"Seit wann werden X-Wings derartig gesichert?" fragte Lyndea neugierig.
"Sämtliche Spione der Galaxis kennen diesen Typ seit Jahrzehnten in-
und auswendig."
"Diesen Typ nicht", lächelte Colonel Glish. "Äußerlich
mag das ein ganz gewöhnlicher X sein. Aber innen ist er komplett überholt
worden. Vom Antrieb über die Schilde bis hin zu den Lasern. Das ist aber
noch nicht alles. Unten im Rumpf befindet sich eine Kammer, in der ein Protonendetonator
Platz hat. Damit ist dieser X-Wing zugleich Jäger und Bomber. Wir
nennen ihn 'X-Wing evolution' oder kurz 'X-Wing e'. Einige Ingenieure
sprechen auch schlicht vom 'E-Wing'."
Colonel Glish schaute Lyndea fragend an.
"Hätten Sie nicht Lust, diesen Vogel zusammen mit 23 anderen Piloten
für die nächsten drei Monate zu testen?"
Lyndeas Augen leuchteten. "Danke Sir, das Angebot nehme ich gerne an. Aber
geht das denn überhaupt, wenn ich bei der Marine beurlaubt bin?"
"Das ist sogar Voraussetzung", antwortete Glish. "Was Sie hier
sehen, sind keine Marine-Maschinen. Aus Gründen der Geheimhaltung schien
es uns sicherer, das Projekt im Auftrag einer Scheinfirma zu realisieren. Für
die nächsten Monate sind Sie offiziell Testpilotin der Sh'lot-Werften."
Schon beim Landeanflug sah Obi-Nor Stella Likori und eine weitere, ihm unbekannte
Frau auf dem kleinen Spacepot auf Palm Island, dem Firmensitz seiner Handelsgesellschaft
auf dem Planeten Trexx. Kaum war er aus dem alten Lambda-Frachter ausgestiegen,
da rannte Stella auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
"Ich bin ja so froh, dass du wieder da bist! Ich dachte, ich würde
dich nie wieder sehen!"
"Klar komme ich wieder", grinste Obi-Nor. "Meinst du, ich würde
dir die Firma ganz alleine überlassen?"
"Idiot!" schimpfte Stella, doch ihre dunklen Mandelaugen funkelten
vor Freude wie geschliffene Darkstone-Diamanten.
Dann deutete sie mit einer einladenden Geste auf die andere Frau. "Darf
ich dir Jedi Jael Jinn Hajom vorstellen?"
Die Jedi war zierlich und wesentlich kleiner als Stella. Obi-Nor vermutete,
dass sie von einem Planeten mit geringer Schwerkraft stammte.
"Guten Tag, Mr. Gildorian. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen."
"Nicht so förmlich, wenns recht ist. Ich heiße Obi-Nor."
"Jael."
"Prima, dann haben wir die Formalitäten schon hinter uns. Ich freue
mich auch, dich endlich kennen zu lernen. Yo-Karah hat schon viel von dir erzählt.
Nur Gutes natürlich. Und dass man dir nie mit Käse überbackenes
Nerf-Steak anbieten sollte."
Jael lächelte mild. "Das ist eine alte Diskussion auf Yavin 4. Ich
habe einige traditionelle Bräuche von meinem Heimatplaneten Jeshiwwa nicht
abgelegt. Diese Speisevorschrift gehört dazu."
"Könnt ihr eure kulturellen Studien ein anderes Mal fortsetzen?"
unterbrach Stella. "In deinem Speiseraum steht das Essen schon auf dem
Tisch."
Nach der Mahlzeit besprachen Jael, Obi-Nor und Stella die weiteren Schritte.
"Ich habe eigentlich gar keine Zeit, nach Dantooine zu fliegen", meinte
Obi-Nor. "Ich muss meine Schwester Helen suchen. Dass wir beide fast zeitgleich
entführt wurden, kann kein Zufall sein."
"Du kannst für Helen im Moment nichts tun", erwiderte Stella.
"Der Sicherheitsdienst hat in ihrer Wohnung und in der Akademie alles auf
den Kopf gestellt. Es gibt einfach keinerlei Spuren."
"Außerdem brauchen wir deine Hilfe", ergänzte Jael. "Dantooine
ist ein wichtiger Ansatzpunkt für unsere Nachforschungen. Und ich kann
mich nicht einfach als selbständige Händlerin ausgeben."
Obi-Nor nickte. "Ich bezweifle sogar, dass man dir die Rolle meiner Assistentin
abnimmt. Nun ja, wir können es versuchen."
"Die Sache hat nur einen Haken", warf Stella ein. "Unseren Informationen
zufolge ist die Tarlass-Lizenz bereits vergeben."
"Aber offiziell ist das noch nicht?" wollte Jael wissen.
Stella schüttelte den Kopf. "Nein, deshalb könnt ihr hinfliegen
und so tun, als ob ihr die Lizenz haben wollt."
"Bleibt nur noch ein Detail zu klären", meinte Obi-Nor. "Wenn
du nicht als Jedi auftreten willst, musst du diese Kleidung loswerden. In dem
Jedi-Aufzug erweckst du den Eindruck, als sei die Firma, die du vertrittst,
kurz vor dem Bankrott."
Majestätisch wie ein von seinen Untertanen umgebener König hing der
Sternzerstörer Retaliation von kleineren Kriegsschiffen umringt
im Orbit eines unbewohnten, namenlosen Planeten im Äußeren Rand der
Galaxis. Seit dem Überfall auf den Konvoi der Präsidentin der Neuen
Republik hatte Admiral Xuun seine Flotte um zwei Sternzerstörer der Victory-Klasse
und mehrere leichte Kreuzer verstärkt. Trotz des klaren Sieges war er äußerst
verärgert gewesen über den leichtsinnigen, überflüssigen
Verlust der Revenge. Die führenden Offiziere der Flotte würden
die Nachbesprechungen der Schlacht, zu der Admiral Xuun sie einbestellt hatte,
so schnell nicht vergessen. Sie hatten ihm mehrfach versichert, dass Nachlässigkeiten
und Fehler nie mehr vorkommen würden.
Admiral Xuun war mit der selbstkritischen Haltung seiner Offiziere sehr zufrieden
gewesen. Jetzt aber war er sicher, dass verhängnisvolle Fehler in
Zukunft ausgeschlossen waren.
Er betrachtete das Datapad mit den IDs und Zugriffscodes sämtlicher republikanischer
Großkampschiffe in seinen Händen. Es war der Schlüssel zur Herrschaft
über die Galaxis. Zur Eliminierung der Neuen Republik. Aber mehr noch:
zur Vergeltung für die Vernichtung Thrawns. Sie mussten nur noch den Ort
für den ersten Schlag bestimmen.
Und nun hatte Cawth, sein Erster Offizier, die entscheidende Information gegeben.
"Sind Sie ganz sicher, Colonel Cawth?"
"Die Quelle gilt als äußerst zuverlässig, Admiral. Und
sie sagt ganz eindeutig, dass sich die dritte Flotte der Republik bei den Raumwerften
von Mer'Van aufhält."
Admiral Xuun nickte. "Gut. Geben Sie Befehl an alle: Wir rücken in
einer Stunde aus. Kurs auf Mer'Van."
Der kleine Planet P'torrsk im Äußeren Rand war von keiner als Vernunftwesen
angesehen Spezies bewohnt. Er besaß auch keine nennenswerten Bodenschätze,
die eine wirtschaftliche Tätigkeit gerechtfertigt hätten. Und trotz
mancher sehenswerter Naturschauspiele lag er zu weit von den belebten Zentren
der Galaxis entfernt, als dass er Touristen angelockt hätte. Alle paar
Jahre schaute mal ein Forschungsteam der Galaktographischen Gesellschaft vorbei,
aber sonst schlummerte der Himmelskörper friedlich vor sich hin.
Auf dem vegetationsarmen südlichen Kontinent hatte vor Urzeiten ein Meteoriteneinschlag
ein kreisrundes Tal mit steil aufragenden, mehreren hundert Meter hohen Felswänden
erzeugt. Im Laufe der Jahrtausende hatte sich der Krater zur Hälfte mit
einem aus unterirdischen Quellen gespeisten See gefüllt, der wegen seiner
schwarzen Farbe und zähflüssigen Konsistenz allgemein der "Asphaltsee
von P'torrsk" genannt wurde, obwohl diese Bezeichnung chemisch nicht korrekt
war. Der See war über 20 Quadratmeilen groß, stank erbärmlich
und strahlte eine unerträgliche Hitze sowie giftige, für Sauerstoff-Stickstoff-Atmer
tödliche Gase aus.
Dennoch lagen am Kraterrand, unter großen Felsbrocken versteckt und von
Infrarot-Blockern abgeschirmt, zwei Humanoide in Raumanzügen und -helmen
und beobachteten den See. Der Kleinere der beiden hielt einen Visiosensor in
Händen, der Größere, nach menschlichen Maßstäben
ein Riese, bediente einen Wärmesensor. Stundenlang lagen sie schon hier,
aber nichts hatte sich ereignet. Der See lag immer noch so ruhig und schwarz
unter ihnen wie eh und je.
Die größere Gestalt gab ein Heulen von sich, eine Mischung aus Jaulen
und Brüllen.
"Nein Chewie, mir gefällt es hier auch nicht", erwiderte der
andere.
Wieder ein Heulen.
"Nein, Leia konnte niemand anderes schicken. Sie vertraut eben nur mir.
Und ich vertraue dir. Tja, Kumpel, Pech für dich, dass du dich mit mir
eingelassen hast."
Das Heulen wurde aggressiver.
"Jetzt hör mal zu. Du kannst ja wieder zurückfliegen. Dann sagen
wir Leia eben, dass du langsam zu alt wirst für solche Sachen. - Hey, das
war ein Scherz, ja? Reg dich nicht gleich auf", fügte er hinzu, als
das Heulen einen bedrohlich Klang annahm.
Han Solo starrte missmutig auf den Asphaltsee. Im Grunde hatte Chewbacca Recht.
Es war eine absurde Idee, hier am Ende der Welt auf der Lauer zu liegen.
Wieder ließ der Wookie ein Heulen ertönen, diesmal in einem fragenden
Ton.
"Nein, Chewie, ich weiß nicht, worauf wir warten. Wir sollen beobachten,
ob etwas Verdächtiges geschieht. - Nein, keine Ahnung, was verdächtig
ist. "
Plötzlich stieß der Wookie einen kurzen Knurrlaut aus.
Ein geflügeltes Wesen, das sehr entfernt einem Flederhabicht glich, glitt
mit langsamem Flügelschlag über das Tal, flog eine große Runde
über den See und entschwand.
"Nein, Chewie, ich glaube nicht, dass das verdächtig war. - Nein,
ich glaube nicht, dass wir unseren Auftrag schon erfüllt haben. Wir - schau
mal da!"
Chewie gab Han zu verstehen, dass er den glitzernden Punkt in der Ferne bereits
gesehen hatte.
Das Objekt entpuppte sich als kleine Raumfähre, die zum Krater schwebte
und in etwa 1000 Metern Höhe mitten über dem See anhielt.
Han vergewisserte sich, dass er die Visio-Aufzeichnung aktiviert hatte. Dann
sah er, wie die Fähre einen kugelförmigen Gegenstand abwarf. Die Kugel
schlug auf die Oberfläche des Sees auf und versank langsam in der zähflüssigen
Masse.
Danach passierte zunächst nichts; auch das Raumschiff verharrte bewegungslos
auf seiner Position.
Dann machte Chewbacca Han mit einer Geste auf den Wärmesensor aufmerksam.
Die Temperatur im See stieg offensichtlich rapide an.
Nach einigen Minuten waren die Veränderungen mit bloßem Auge sichtbar.
Zuerst bildeten sich Luftblasen, dann blubberte die Oberfläche wie bei
einer heißen Schlammquelle. Und schließlich schien der ganze See
zu kochen und zu brodeln. Einzelne schwarze Fontänen schossen unter der
Hitzeinwirkungen in die Luft. Chewbaccas Wärmesensor zeigte eine Temperatursteigerung
um 200 Standardeinheiten auf der Mess-Skala an.
Nach einer Weile beruhigte sich der See wieder, die Temperatur sank auf das
vorherige Niveau zurück, und das Raumschiff flog davon.
Cewbacca gab ein leises Heulen von sich.
"Ja, Kumpel. diesmal gebe ich dir Recht. Das war verdächtig.
Komm, lass uns den Falken startklar machen. Wir kehren zurück."
Während der Wookie die elektronischen Tarnfelder des Millenium Falken
abschaltete, ließ Han Solo das Erlebte auf sich wirken. Leia hatte Recht
gehabt, wieder einmal hatte ihr Instinkt sie nicht betrogen. Auf P'torrsk war
nie eine Kuriersonde gelandet, weder im Asphaltsee noch sonstwo. Die Geschichte
hatte sich Leia nur ausgedacht, um einen Köder für die Mitglieder
des Obersten Sicherheitsrats zu haben. Und ganz offensichtlich hatte jemand
diesen Köder geschluckt.
Han lief es kalt den Rücken hinunter.
Im wichtigsten Entscheidungsgremium, das die Neue Republik in Krisenzeiten hatte,
im engsten verteidigungspolitischen Beraterstab der Präsidentin saß
ein Verräter.
Ende des ersten Teils