Das "Aufräum-Team" der republikanischen
Marine ging immer nach dem gleichen bewährten Muster vor. Zunächst
wurde das gesamte Schlachtfeld gescannt, dann arbeiteten sich die "Lumpensammler"
Schritt für Schritt, Quadratmeile für Quadratmeile durch die Überreste.
Größere Schiffsreste wurden mit Traktorstrahlen aus dem Gebiet gezogen
und von Sensorrobots durchkämmt. Kleine Wrackteile versuchte man zunächst
einem der Schiffe zuzuordnen. Das Stahlskelett der Raumschiffe untersuchte man
zu diesem Zweck nach Bauart und Metall-Legierung, andere Trümmer versuchte
man anhand von Konstruktionsplänen und Inventarlisten zu identifizieren.
Aufwendige Computersimulationen berechneten dann hypothetische Positionen der
Kriegsschiffe während der Schlacht und mögliche Kampftaktiken. Nach
einigen Monaten legte das Team schließlich einen Abschlussbericht vor,
in dem die wichtigsten Erkenntnisse und Thesen zusammengefasst waren. Auch nach
dem Angriff auf den Geleitschutz-Konvoi der Präsidentin würde sich
diese Vorgehensweise bewähren. Aber diesmal gab es einen zusätzlichen,
viel dringlicheren Auftrag: die Identität der Angreifer festzustellen.
Lieutenant Liam Russel steuerte die Z 93, eine Art kleines mobiles Analyselabor,
vorsichtig durch die Trümmer. Er peilte mit seinem Außensensor eine
zerfetzte Stahlträgerkonstruktion an und gab dem Computer den Befehl für
die metallurgische Analyse. Nach wenigen Sekunden liefen die Daten über
den Kontrollmonitor.
"Wieder eine corellianische Bauweise, Miss T'Abora", kommentierte
er. "Ob von der Spring oder der Autumn, kann ich nicht sagen.
Nach dem, was Broom Delta für diesen Quadranten gemeldet hat, ist die Spring
aber wahrscheinlicher."
Er schüttelte nachdenklich den Kopf. "Firenno Matryys hätte einen
besseres Ende verdient. Ich habe den Commodore mal kennen gelernt, ein echtes
Vorbild!"
Sha'In-Mar T'Abora antwortete mit einem geistesabwesend wirkenden Brummen. Sie
schaute hinaus über die Trümmerlandschaft, ihren Blick ins Leere gerichtet.
Ob das der Schock ist? fragte sich Russel. Als er das erste Mal ein solches
Trümmerfeld gesehen hatte, war er monatelang von Alpträumen verfolgt
worden. Aber sie ist doch eine Jedi, dachte er. Die knickt bei so einem Anblick
doch nicht gleich ein. Ob ich ihr mit meinem Gerede auf den Geist gehe?
Liam Russel wusste, dass er viel mehr redete als es sonst seiner Art entsprach.
So reagierte er immer, wenn er nervös war. Und er wusste auch, dass nicht
das Trümmerfeld der Grund für seine Unruhe war. Der saß vielmehr
neben ihm.
Er seufzte innerlich. Wie hätte er auch ahnen können, dass diese Jedi
eine attraktive Frau in seinem Alter war? Er hatte mit einer grauhaarigen, weisen
alten Dame gerechnet, aber nicht mit einem hinreißenden, edlen Gesicht,
strahlend blauen Augen und einer sehr weiblichen Figur, die auch die unvorteilhafte,
altmodisch wirkende Kleidung nicht gänzlich zu verschleiern vermochte.
Cool bleiben, Liam, beruhigte er sich. Du bist nur irgendein Pilot. Aber diese
Lady ist eine Jedi. Sowas gibt sich nicht mit einem wie dir ab. Außerdem
haben Jedi magische Fähigkeiten. Und man sagt, sie könnten Gedanken
lesen.
Plötzlich schoss ihm das Blut in den Kopf. Seine Handflächen wurden
feucht.
Bloß das nicht, dachte er.
"Ist Ihnen nicht gut?" fragte Sha'In-Mar T'Abora. Sie hatte den Blick
vom Sichtfenster abgewandt und schaute ihn an. "Ist Ihnen zu heiß
hier im Cockpit?"
"Äh, es ist ... nichts, gar nichts. Verzeihen Sie."
Die Jedi sah ihn unverwandt an. "Möchten Sie mir etwas sagen?"
Russel lächelte verlegen. "Nur dass Sie, äh, sehr attraktiv sind."
"So?" Sha'In-Mar T'Abora zog eine Augenbraue hoch. Dann lächelte
sie freundlich. "Danke, das ist ein nettes Kompliment." Mit diesen
Worten wandte sie sich wieder ab.
Russel atmete durch. Das klingt nicht gerade nach Begeisterung, dachte er, aber
auch nicht nach Empörung.
Der BordCommunicator beendete die peinliche Situation.
"Broom Zeta, noch bei der Arbeit oder schon im Tiefschlaf? Mensch Liam,
Sie kennen doch unseren Zeitdruck!"
Sha'In-Mar starrte wieder hinaus auf das gewaltige Trümmerfeld. Dies war
ein unheimlicher Ort. Die Erschütterung der Macht, die die Schlacht
ausgelöst hatte, lebte noch in Echos fort. Die Wrackteile waren wie von
einer Aura von Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit umgeben. Es schien
ihr, als ob manche Trümmer ein Klagelied anstimmten, andere nach Rache
und Vergeltung schrien.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen des Lieutenants bekam sie nur am Rande
mit. Sie konzentrierte sich darauf, ob sie mit Hilfe der Macht etwas
wahrnehmen konnte, was den Computeranalysen verborgen blieb.
Langsam arbeitete sich die Z 93 weiter vor. Der Sektor, der ihnen zugewiesen
war, war voller Trümmer einer Corellianischen Korvette, wahrscheinlich
der Corellian Spring. Lieutenant Russel erledigte seine Aufgabe trotz
seiner Nervosität mit großer Sorgfalt, was leider zur Folge hatte,
dass sie nur im Schneckentempo vorankamen. Ihren Sektor hatten sie erst zu einem
Zehntel durchkämmt. Sh'In-Mar nahm sich vor, mit dem Einsatzleiter zu sprechen,
um Stichproben aus anderen Sektoren entnehmen zu können. Als bloße
Co-Pilotin im Routineeinsatz war sie überflüssig.
Plötzlich packte Lieutenant Russel sie am Arm. "Da, sehen Sie!"
Seine Augen hatte er weit aufgerissen. Vor der Z 93 trieb ein halbrundes Metallteil
im Raum.
"Das war eine Rettungskapsel. Sie hat Laserspuren an den Riss-Stellen.
Die Schweine haben auf Rettungskapseln geschossen!"
Empress S'silk musterte die beiden Besucher mit forschender Miene.
"Die Tarlass-Handelslizenz ist bereits vergeben, Mr. Gildorian."
"Ja, Hoheit, das deutete Wirtschaftsminister Letec bereits an." Obi-Nor
nickte dem bleichen Berater zu, der an der Rückwand des kleinen Empfangszimmers
stand, in das man sie gebeten hatte.
"Es wäre für uns durchaus interessant zu wissen, wer den Zuschlag
bekommen hat, Hoheit", schaltete sich Jael ein.
"Das ist kein Geheimnis. Es ist die Engi Trading Company."
"Engi?" schnappte Obi-Nor. "Ihr habt Fer Engi die Lizenz gegeben?
Der Trottel kann nicht mal eine Fracht-Rate von einer Frachter-Ratte unterscheiden!
Genauso gut könnt Ihr Eure Tarlass-Produktion in die nächste Sonne
schießen! - Entschuldigt diesen Ausbruch, Hoheit, aber dass dieser Engi
mir ein Geschäft vor der Nase wegnimmt ..."
"Nun, Mr. Gildorian, wir können vielleicht bei anderen landwirtschaftlichen
Produkten und Handelsgütern ins Geschäft kommen. Minister Letec wird
gern mit Ihnen darüber beraten." Die Regentin machte eine kurze Pause.
"Ich hörte, Sie sind kürzlich überfallen worden?"
Obi-Nor schaute sie betroffen an. "Spricht sich das schon bis hier herum?
Hören Sie, Hoheit, wenn Sie Sicherheitsbedenken haben, ich fliege meine
Frachter schließlich nicht selbst. Außerdem bin ich ja gesund aus
der Sache rausgekommen, wie Sie sehen." Er biss sich auf die Lippen, weil
er vor lauter Erstaunen die am Herrscherhof übliche Anredeform nicht benutzt
hatte, doch Empress S'silk ging auf diesen faux pas nicht ein.
"Ja, dass Sie gesund hier sind, sehe ich", murmelte sie, und es klang,
als sei sie darüber sehr verwundert.
"Entschuldigen Sie mich jetzt. Minister Letec wird sich weiter um Sie kümmern."
Nach einer recht erfreulich verlaufenen Verhandlung mit dem Wirtschaftsminister
kehrten Obi-Nor und Jael in die ihnen zugewiesene Unterkunft zurück. Jael
aktivierte ein elektromagnetisches Abschirmfeld, das sie vor Abhörgeräten
zuverlässig schützte.
"Ich hoffe, meine Empörung klang überzeugend", sagte Obi-Nor.
"Fiel mir aber auch nicht schwer. Dieser Engi ist wirklich kein großer
Stern am Händlerhimmel."
"Ich denke, sie haben nicht gemerkt, dass du ihnen etwas vorgespielt hast",
meinte Jael. "Ungewöhnlich fand ich nur, dass die Regentin selbst
sich zu uns bemüht hat."
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Ich finde Empress S'silk undurchschaubar.
Was das mit dem Überfall sollte ..."
Jael straffte sich. "Nun, zumindest wohnen wir innerhalb des Palastbezirkes,
und du kannst morgen weiter verhandeln. Ich kann während dessen versuchen,
bei unserem eigentlichen Auftrag voran zu kommen."
"Wie schätzt du überhaupt die Situation hier ein?" fragte
Obi-Nor.
Jael antwortete nicht sofort, sondern schien in sich hineinzuhorchen.
"Ich spüre ein ungewöhnlich hohes Maß an Furcht angesichts
von etwas so Banalem wie diesem Handelsvertrag."
Obi-Nor verzog das Gesicht. "Ein Handelsvertrag ist niemals banal. - Aber
Furcht? Davon habe ich nichts gemerkt."
Jael lächelte mild und verzichtete auf eine Antwort.
Leia Organa Solo, ihr Mann Han und Admiral Ackbar saßen zu später
Stunde in Leias privatem Arbeitszimmer.
"Der Kreis deiner Berater wird immer kleiner", brummte Han mit zynischem
Tonfall.
"Ich kann nur noch dir und Ihnen, Admiral, trauen", entgegnete Leia
ernst. "Bei allen anderen muss ich mich in Acht nehmen."
"Senator Bel-Iblis halte ich für absolut vertrauenswürdig",
widersprach Admiral Ackbar mit seiner sonoren Stimme.
"Aber er ist ein Hitzkopf", konterte Leia. "Und ich brauche einen
Kreis, an dem ich mich ohne jede politische Taktik beraten kann."
"Also legen wir los", schlug Han vor. "Als erstes müssen
wir doch wohl den Verräter im Obersten Sicherheitsrat identifizieren, oder
nicht?"
Leia nickte. "Darum kümmert sich bereits die Jedi Sh'sandrò.
Den Geheimdienst können wir nicht einschalten, wenn dessen Chef einer der
Verdächtigen ist."
"Das ist aber nicht unser einziges Problem", meinte Admiral Ackbar.
"Ich hatte noch keine Zeit, es Ihnen zu sagen, Leia, aber wir haben einen
Hackerangriff auf unseren militärischen Zentralcomputer entdeckt."
"Doch wohl einen gescheiterten Angriff?" mutmaßte Han.
"Ich fürchte nein. Wir haben die Spur der Hackerin im Computer entdeckt."
Leia stutzte. "Hackerin? Sie kennen demnach ihre Identität?"
Der Calamarianer nickte langsam mit seinem riesigen Schädel.
"Ihr Name ist Helen Moonlight. Sie gilt als vermisst. Man vermutet eine
Entführung."
"Helen Moonlight!" Han bekam einen grimmigen Gesichtsausdruck. "Admiral,
der Bruder dieser Hackerin war auch entführt, konnte aber von seinem Gefängnis
in der imperialen Akademie von Viena entkommen. Die Puzzle-Teile passen zusammen."
"Was hat man denn für eine Spur im Computer entdeckt?" wollte
Leia wissen.
"Eine ganz seltsame. Eigentlich nur ihre Identität. Unsere Techniker
sagen, es sei, als habe sie ihre Fingerabdrücke hinterlassen, sonst nichts."
Han lachte. "Sie ist in unseren militärischen Zentralcomputer eingebrochen
und hat anschließend einen Zettel hingelegt: 'Hallo, ich war hier'? Wenn
das keine Botschaft ist!"
"Eine Warnung", nickte Leia. "Sie muss zum illegalen Computerzugriff
gezwungen worden sein."
Die Mer'Van-Raumwerften waren ein ausgedehnter Industriekomplex im Orbit des
vierten Picas-Mondes im R'Altageer-System. Neben der lukrativen Massenproduktion
kleinerer ziviler Fähren lag der Schwerpunkt der Werften auf der Reparatur
und der Kontrolle großer militärischer Raumschiffe. Prunkstück
der Industrieanlage waren vier mit künstlicher Schwerkraft ausgestattete
riesige Atmosphärendocks, die selbst für die Reparatur eines großen
Mon-Calamari-Kreuzers groß genug waren. Die Flottenkommandanten der Neuen
Republik waren dazu übergegangen, die jährlichen Routinekontrollen
ihrer Raumschiffe nicht einzeln über das Jahr verstreut, sondern für
alle Schiffe zusammen durchzuführen. Nur die Mer'Van-Werften, die vier
Schiffe gleichzeitig abfertigen konnten, kamen hierfür in Frage. Es war
daher ein vertrauter Anblick, eine komplette Kriegsflotte der Neuen Republik
im Orbit von Picas 4 zu sehen.
Der Calamarianer Admiral Centhirs, der seit fünf Jahren die dritte Flotte
der Neuen Republik befehligte, genoss die Wochen in den Mer'Van-Werften. Die
Offiziere und Mannschaften, die, von wenigen Urlaubswochen abgesehen, das ganze
Jahr über in eiserner Disziplin ihren Dienst versahen, konnten sich hier
ein wenig gehen lassen. Die werfteigenen Rekreationseinrichtungen hatten einen
ausgezeichneten Ruf. Und an Bord der Schiffe war der alltägliche Dienst
nicht ganz so streng geregelt wie sonst. Natürlich waren in den Raumschiffen
alle wichtigen Stationen Tag und Nacht besetzt, und stets waren zwei schwere
Kreuzer in voller Gefechtsbereitschaft, um gegen einen etwaigen feindlichen
Überraschungsangriff gewappnet zu sein. Aber einen Gegner, der eine ganze
Flotte angriff, hatte die Neue Republik schon seit Jahren nicht mehr gehabt.
Immerhin, seit dem Überfall auf die Kriegsschiffe, die Präsidentin
Organa Solo nach Dantooine begleitet hatten, war man in der Marine doppelt so
wachsam wie sonst.
Admiral Centhirs saß im Offizierscasino des Flaggschiffs Meeresleuchten
und spielte gegen seinen Ersten Offizier Altor eine Partie Holo-Schach. Es sah
gut aus, er hatte auf dem linken Flügel soeben einen entscheidenden Durchbruch
erzielt.
Centhirs rollte mit seinen großen runden Augen. "Zum ersten Mal werde
ich Sie schlagen, Colonel Altor. Dieses eine Mal werden Sie nicht gewinnen."
Der andere Calamarianer wiegte bedenklich den Kopf. "Sie müssen die
Attacke erst einmal zu Ende bringen, Admiral. Noch bin ich nicht geschlagen.
Ich ..."
Er brach ab, denn plötzlich heulte ein Alarm durch das Schiff.
Die Offiziere sprangen auf und eilten zum Turbolift, der direkt zur Brücke
führte. Im Laufen riss Admiral Centhirs sein VoiceCom aus dem Gürtel.
"Meldung!" rief er hinein.
"Wir werden angegriffen, Sir", antwortete der wachhabende Offizier
von der Brücke. "Imperiale, ein Sternzerstörer der Empire-Klasse,
sechs der Victory-Klasse, dazu leichte Kreuzer und Kanonenboote."
Centhirs warf seinem Ersten Offizier Altor einen scharfen Blick zu. Das würde
eine harte Schlacht werden.
Die Calamarianer betraten den Turbolift und ließen sich zur Kommandozentrale
fahren.
Ihre Partie Holo-Schach spielten sie nie zu Ende.
Jael Jinn Hajom hatte schon den ganzen Morgen über im Palast sehr diskret
Erkundigungen über die wirtschaftliche und außenpolitische Lage Dantooines
eingezogen. Von einfachen Bediensteten, die Gerüchte und Klatsch weitererzählten,
bis hin zu den Ministern verwickelte sie jede Person, der sie begegnete, in
Gespräche. Mit Hilfe der Macht erspürte sie, ob ihre Gesprächspartner
aufrichtig oder verlogen waren. Sie erfuhr, dass die meisten Untertanen von
Empress S'silk es sichtlich genossen, im Blickpunkt der großen Politik
zu stehen. Besonders die demütige Geste der Präsidentin der Neuen
Republik und die stolze, aber barmherzige Haltung ihrer Regentin hatten eine
fast euphorisierende Wirkung auf die Palastangestellten und die politischen
Berater. Aber nähere Hinweise über ein mögliches neues Imperium
konnte Jael nicht in Erfahrung bringen. Allerdings waren die Minister ihr auch
äußerst misstrauisch und vorsichtig begegnet.
Nun stand Jael in der zentral gelegenen Halle. Wer sich im Palast bewegte, kam
unweigerlich durch diesen großen Raum, der das repräsentative steinerne
Treppenhaus enthielt, und von dem Gänge in die verschiedenen Bereiche des
weitläufigen Gebäudekomplexes ausgingen. Schon des öfteren hatte
sie in der Halle ein faszinierendes Kunstwerk gesehen, doch jetzt nahm sie sich
die Zeit, es näher zu betrachten.
Es war ein würfelförmiges Stück Meer, eine andere Bezeichnung
fiel Jael nicht ein. Einen Standardmeter über dem Boden schwebte ein Würfel
mit einer Kantenlänge von etwa zwei Fuß. Der Würfel war mit
bläulich-grünem Meerwasser gefüllt, in dem sich Kleinstlebewesen
oder Schwebepartikel sanft bewegten. Das Besondere war nun, dass nicht zu erkennen
war, woraus die Wände des Würfels eigentlich bestanden. Weder Glas
noch Transparistahl noch irgendeine andere Materie umgrenzte das Wasser. Und
doch schwebte es würfelförmig im Raum.
"Faszinierend, nicht wahr?"
Jael drehte sich um. Ston Troy, der Erste Botschafter Dantooines, schritt die
Treppe hinunter und gesellte sich zu ihr.
"Sie fragen sich sicher, warum das Wasser nicht einfach zu Boden fließt",
lächelte er.
"Ja, Sie haben Recht", nickte Jael. "Ich kann keine Wände
erkennen. Ein Energiefeld vielleicht?"
"Oh nein", widersprach Troy. "Schauen Sie!"
Er nahm eine kleine Münze aus einem Beutel und warf sie von oben in den
Würfel. Das Metallstück tauchte in das Wasser, schwebte rasch zu Boden
- und fiel unten wieder heraus. Jael bückte sich und hob die Münze
auf; sie war nass.
Ston Troy lächelte wiederum. Dann tauchte er mit seiner Hand in das Wasser.
Als er sie herauszog, war auch sie feucht. Jael tat es ihm nach. Sie spürte
keinerlei Widerstand durch eine unsichtbare Begrenzung. Das Wasser war angenehm
kühl. Sie schöpfte mit der hohlen Hand etwas Wasser, hob die Hand
oben aus dem Würfel heraus und ließ die Flüssigkeit wieder in
den Würfel zurückströmen.
"Ja, es ist faszinierend", bestätigte sie den Botschafter. "Was
ist es? Und wo kommt es her?"
"Das ist ein Kunstwerk der Meri, ein Geschenk für unsere Regentin",
erklärte Troy. Und er fügte leise, wie zu sich selbst, hinzu: "Manche
Geschenke sind wesentlich angenehmer als ihre Überbringer. Wesentlich angenehmer."
Bevor Jael fragen konnte, was Troy mit dieser Bemerkung meinte, wurden sie unterbrochen.
Kok Briass, der Erste Minister, kam in die Halle. Er warf den beiden einen finsteren
Blick zu. Dann setzte er ein falsches Lächeln auf und sprach den Botschafter
an.
"Wenn ich Sie der jungen Dame für eine Minute entführen dürfte,
Erster Botschafter? Ich muss dringend etwas mit Ihnen besprechen. - Entschuldigen
Sie uns, Miss Hajom."
Er nahm Ston Troy am Arm und zerrte ihn förmlich von Jael und dem Kunstwerk
weg.
Er hat nichts mit ihm zu besprechen, dachte Jael. Er wollte uns nur trennen.
Sie blickte den Wasser-Würfel nachdenklich an. Fast schien es ihr, als
habe der Erste Minister verhindern wollen, dass Ston Troy ihr mehr über
das Kunstwerk erzählte.
Der Wüstenboden raste unter dem offenen Landgleiter dahin. Der hellgelbe
Sand blendete im grellen Schein des Nachmittagslichts. Die beiden Sonnen brannten
erbarmungslos vom Himmel, ließen die Luft flimmern und erstickten jede
Kühlung. Doch Yo-Karah Mal'Wan hatte nicht die Muße, im Schatten
der sporadisch an ihr vorüberfliegenden Felsen auf kühlere Abendstunden
zu warten. Zu viel Zeit hatte sie bereits verloren auf ihrer Suche. Master Skywalker
hatte ihr nur gesagt, sie solle auf Tatooine eine Seherin namens Yogi-Tea aufsuchen.
Wo auf diesem Wüstenplaneten sich diese Yogi-Tea aufhielt, wusste er nicht.
Zuerst hatte es Yo-Karah in den wenigen größeren Raumhäfen des
Planeten wie Mos Eisley, Mos Espa und Mos Englar versucht. Sie hatte Ladenbesitzer
auf den Märkten, Gäste in den Cantinas und Verwaltungsbeamte in den
Administrationsgebäuden befragt, doch niemand hatte je etwas von einer
Yogi-Tea noch von einer anderen Seherin gehört. In Mos Englar, einem besonders
rauhen Ort, hatte es einen kleinen Zwischenfall gegeben. Ein Frachterpilot hatte
in einer Cantina versucht, ihr ein unmoralisches Angebot zu machen. Doch nachdem
sie ihn mit Hilfe der Macht quer durch den Raum geschleudert und anschließend
mit aktiviertem Lichtschwert unmissverständlich aufgefordert hatte zu verschwinden,
war sie nicht mehr belästigt worden. Offenbar war der Pilot bekannt und
berüchtigt, denn man begegnete ihr nach diesem Vorkommnis in dem gesamten
Ort mit großem Respekt. Ihre Suche brachte das aber nicht voran. Niemand
in Mos Englar schien Yogi-Tea zu kennen.
Sie versuchte es danach mit einigen kleineren Siedlungen, doch die Menschen
und anderen Wesen konnten ihr, sofern sie überhaupt Basic sprachen, nicht
weiterhelfen. Einer Eingebung folgend suchte sie sogar das alte Haus des Jedi
Obi-Wan Kenobi auf, dass sie aufgrund früherer Erzählungen von Master
Skywalker am Rande der Jundland-Wüste entdeckte. Es war inzwischen nur
noch ein halb verfallenes Gemäuer ohne jede Inneneinrichtung. Von Yogi-Tea
oder irgend einem anderen Wesen war weit und breit nichts zu sehen. Dennoch
spürte Yo-Karah den fernen Nachhall der Aura des alten Jedi-Meisters. Sie
war sich nicht nur bewusst, sondern sie fühlte an diesem Ort auch deutlich,
dass der abgelegene Planet Tatooine in der Geschichte des Jedi-Ordens, ja sogar
in der Geschichte der gesamten Galaxis eine Schlüsselrolle spielte. Hier
war Luke Skywalker aufgewachsen und vor ihm sein Vater Anakin. Hier hatte Obi-Wan
Kenobi den jungen Bauern mit dem Geheimnis der Macht und mit der Sache
der Rebellion gegen das Imperium vertraut gemacht. Hier hatten sie Han Solo
getroffen, der später, in Karbonid eingefroren, auf diesem Planeten Palast
von Jabba the Hutt gefangen gehalten wurde.
Jabbas Palast!
Mit einem Mal wusste sie, wo sie sich nach Yogi-Tea erkundigen konnte.
Yo-Karah stoppte den Gleiter vor dem schweren Metalltor des alten Bo'marrh-Klosters.
Hier hatte sich Jabba the Hutt mit seinem üblen Hofstaat damals eingenistet,
doch längst hatten die Bo'marrh-Mönche ihre seit Jahrhunderten angestammten,
in den Felsen getriebenen Gewölbe wieder in Besitz genommen. Yo-Karah klopfte
laut gegen das Tor, und nach einigen Sekunden schob sich die schwere Metallplatte
rasselnd und quietschend empor.
Die Jedi betrat den langgestreckten, ins Innere des Klosters führenden
Gang, wobei sie zunächst in der Nähe des Eingangs wartete, bis sich
ihre Augen an das Dämmerlicht des Felsgewölbes gewöhnt hatten.
Der Gang mündete in einer großen Halle, die Jabba einst als eine
Art Thronsaal und Aufenthaltsraum gedient hatte. Jetzt war nur nackter Fels
zu sehen, der hier und da von Gangöffnungen durchbrochen wurde.
Ein spinnenförmiger Transport-Robot mit einem gläsernen Behälter
kam in die Halle. Im dem Behälter schwamm in einer Konservierungsflüssigkeit
das Gehirn eines Bo'marrh-Mönches. Yo-Karah hatte davon gehört, dass
Mönche, die auf dem Pfad ihrer Erleuchtung bereits weit vorangeschritten
waren, sich ihres Körpers entledigten, um sich - von den Fesseln leiblicher
Existenz gänzlich befreit - nur noch der Meditation zu widmen. Der spinnenförmige
Gehirnträger blieb vor Yo-Karah stehen. Aus einem in den Glasbehälter
eingebauten Kommunikationsgerät ertönte die künstliche, blecherne
Stimme des Mönches.
"Was suchst du?"
"Ich bin Jedi Mal'Wan." Yo-Karah deutete eine leichte Verbeugung an.
"Ich suche eine Seherin namens Yogi-Tea. Kannst du mir sagen, wo ich sie
finde?"
"Yogi-Tea?" Die künstliche Stimme hatte offenbar zu wenig Modulationsmöglichkeiten,
um Gefühle zu transportieren. Oder der Mönch hatte im Laufe seiner
Meditationen jegliche Emotionen abgelegt. Jedenfalls klang die Frage völlig
neutral. Yo-Karah war sich dennoch sicher, dass der Mönch überrascht
war.
"Jedi, sagst du? Eine Jedi will zu Yogi-Tea. Etwas Ungewöhnliches
muss passiert sein."
Yo-Karah ging auf diese Bemerkung nicht ein. "Kannst du mir sagen, wo ich
Yogi-Tea finde?"
"Begib dich in die Gromh-Wüste, ins 'Tal der Winde'. An dem Ort, der
'Drachenperle' genannt wird, findest du Yogi-Tea."
Nach diesen Worten trippelte der Gehirnträger davon.
Yo-Karah akzeptierte, dass sie keine weiteren Informationen bekommen würde,
wandte sich um und machte sich auf den Weg zum Ausgang.
Admiral Xuun registrierte, wie die Kriegsschiffe der dritten Flotte der Neuen
Republik ihre Deflektorschilde hochfuhren, die übliche taktische Kampfpositionen
einnahmen und die ersten Schüsse abgaben. Mehrere Staffeln B-Wings und
Y-Wings verließen die Decks der drei Flattop-Kreuzer und kamen
in Angriffsformation näher.
"Sollen wir die Jäger hinausschicken, Sir?" fragte der Erste
Offizier, Colonel Crawth.
"Keine Jäger", entschied Xuun. "Wir bleiben beim vereinbarten
Plan."
"Jawohl, Sir." Die Skepsis in Crawth's Stimme war unüberhörbar.
"Admiral Xuun!" Der Kommunikationsoffizier, der ein Computerdesk bediente,
wandte sich mit zufriedener Miene an seinen Kommandanten. "Sir, wir haben
die IDs und die Zugangscodes jetzt bestätigt. Wir sind zugriffsbereit."
Der Admiral nickte. "Zugriff nach Plan, Major."
"Warum halten sie ihr TIEs zurück?" Colonel Altor rollte mit
seinen großen Calamarianer-Augen. "Wollen die unsere Jäger in
eine Falle locken?"
"Von einer solchen Taktik habe ich noch nie gehört", brummte
Admiral Centhirs. "Aber ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache."
Mit einem Mal brach in den Staffeln der Jagdmaschinen das Chaos aus. Der Funkkontakt
riss ab, und der geordneten Anflug auf die imperialen Raumschiffe verwandelte
sich in ein wildes Durcheinander. Als hätten die Piloten jede Kontrolle
über ihre Jäger verloren, flogen sie plötzlich in alle Richtungen
wie ein aufgescheuchter Insektenschwarm. Zwei Y-Wings kollidierten und rissen
in ihrer Explosion einen dritten mit ins Verderben.
"Was ist da los?!" rief Admiral Centhirs.
"Sir, Kontakt zu den Flattops abgebrochen!" meldete ein Brückenoffizier.
"Die Schilde fallen aus!" Panik lag in Colonel Altors Stimme, als
er die Schreckensnachricht verkündete.
Admiral Centhirs nahm mit wachsendem Entsetzen das Chaos um ihn herum wahr.
Dann bemerkte er, dass sein Taktik-Display erlosch.
Die dritte Flotte der Neuen Republik lag schutzlos vor ihnen. Noch ehe ein einziges
der imperialen Kampfschiffe auch nur den ersten Schuss abgegeben hatte, war
der Feind bereits besiegt.
Ein leichtes Lächeln umspielte Admiral Xuuns schmalen Mund. Einige andere
imperiale Flottenkommandanten hätten wenig Freude daran gehabt, den Gegner
durch einen Zugriff auf die Computersysteme außer Gefecht zu setzen und
dann einfach einen nach dem anderen abzuschießen wie bei einer Zielübung.
Ein solcher Sieg wäre ihnen zu leicht vorgekommen. Doch Xuun hielt nichts
von der Ansicht, dass ein Sieg umso glorreicher sei, je stärker die Gegenwehr
des Feindes ausgefallen war. Ihm kam es allein auf die Vernichtung der verhassten
Neuen Republik an.
"Leichte Kreuzer: Feuer auf die Jäger. Sternzerstörer: Feuer
auf die Großkampfschiffe!" befahl er.
Die Zeit der Vergeltung für Großadmiral Thrawn war gekommen.
Die Stadt Dantar auf Dantooine war alles andere als eine lärmende Metropole.
Tagsüber eine durchaus geschäftige Kleinstadt, lag sie nachts in tiefem
Schlaf. Der Palastbezirk machte da keine Ausnahme. Lediglich in dem Flügel,
in dem Empress S'silk ihre Gemächer hatten, patroullierten Wachen, sonst
war alles friedlich und still. Auch der Trakt, in dem die politischen Berater
und Minister der Regentin ihre Privaträume hatten, lag in völliger
Ruhe.
Deshalb bemerkte niemand die schattenhafte Gestalt, die durch die Gänge
schlich. Es war Ker Tibbick, der Minister für innerdantooinische Angelegenheiten.
Er war der unscheinbarste unter den Ministern von Empress S'silk. In allen kontroversen
außenpolitischen Diskussionen mit den Kontrahenten Ston Troy und Kok Briass
hatte er sich stets zurückgehalten. Diese Haltung der Nichteinmischung
entsprach dem Bild seiner Persönlichkeit in der Öffentlichkeit. Ker
Tibbick war bekannt dafür, zurückhaltend, bescheiden und still zu
sein. Deshalb würde auf ihn auch keinerlei Verdacht fallen, wenn er seine
Tat ausführte.
Vor Monaten, bei seinem ersten Besuch auf Dantooine, hatte Lord Rage ihm, Ker
Tibbick, die Augen geöffnet über die Stärke des neu entstehenden
Imperiums. Und er hatte ihn überzeugt, wie töricht und gefährlich
sich der Erste Botschafter Ston Troy mit seiner Parteinahme für eine Kooperation
mit der Neuen Republik verhielt. Ter Kibbick konnte sich nicht mehr an Einzelheiten
des Gesprächs mit Lord Rage erinnern. Er wusste aber umso besser, dass
Ston Troy zu einer Gefahr für die Politik Dantooines geworden war. Und
dass das Imperium seine Dienste nicht vergessen würde, wenn er den Ersten
Botschafter beseitigte.
Lauschend blieb Kibbick an einer Biegung des Flures stehen. Kein Laut war im
Palast zu hören. Er umfasste das scharfe Messer in seiner Hand fester und
huschte zu den Räumen Ston Troys. Vorsichtig probierte er die Tür;
sie war unverschlossen. Lautlos glitt er in den Wohnraum des Botschafters. Vor
der Schlafzimmertür hielt er erneut an. Nur die Schlafgeräusche drangen
heraus.
Ker Tibbick öffnete leise die Tür, schlich an das Bett, hob das Messer
und schnitt mit einer raschen Bewegung Ston Troy die Kehle durch.
"Nun sind also bereits die Mitglieder des Obersten Sicherheitsrates verdächtig?
Das hätte ich der guten Leia gar nicht zugetraut." Senator Garm Bel-Iblis
lächelte seine Gesprächspartnerin ironisch an. "Und Sie müssen
nun den bösen Buben dingfest machen, habe ich Recht?"
"Niemand wird verdächtigt, Senator", entgegnete Isaphàn
Dera Sh'sandrò ruhig. "Die Präsidentin hat mich lediglich gebeten,
bei der Suche nach dem möglichen Verräter zu helfen."
"Oh, eine konkrete Person wird sicher nicht verdächtigt", pflichtete
ihr der Corellianer bei. "Aber dass Sie die Mitglieder des Obersten Sicherheitsrates
reihum befragen, heißt doch wohl, dass alle engen Berater der Präsidentin
zu den potenziellen Verrätern gezählt werden."
Er stand auf und trat an das Transparistahl-Fenster. Hier, von der 397. Etage
des noblen Wohnturms am nördlichen Rand des Senatsbezirkes, bot sich ein
phantastischer Rundblick über das erleuchtete nächtliche Coruscant.
Isaphàn sah, wie sich sein ernstes Gesicht in der Metallscheibe spiegelte.
Mit einem Ruck drehte er sich wieder um und fuhr sich mit der Hand durch das
graue Haar. Seine Stirn war in sorgenvolle Falten gelegt. Seine Stimme hatte
einen eindringlichen Klang, als er sprach.
"Hören Sie, Jedi Sh'sandrò. Ich befürchte Schlimmes für
Leia Organa Solo und ihre Präsidentschaft. Schon formiert sich die Opposition
im Senat. Die Präsidentin misstraue den ihr von der Verfassung zur Seite
gestellten Beratungs- und Entscheidungsgremien. Man spricht von Alleingängen
und von mangelnder Transparenz im Regierungshandeln. Und die Einschätzung
ist nicht ganz falsch. Leia Organa Solo scheint niemandem mehr zu vertrauen.
Admiral Ackbar vielleicht." Er seufzte. "Aber mir anscheinend nicht.
Und den anderen Mitglieder des Obersten Sicherheitsrates erst recht nicht. Wenn
das Gerede im Senat nicht verstummt, kann es zu einer Regierungskrise kommen.
Deshalb müssen Sie den Verräter so schnell wie möglich finden!"
Isaphàn nickte. Sie fühlte, dass dieser alte Mann es ehrlich meinte.
"Ich werde tun, was ich kann, Senator. Aber dazu brauche ich auch Ihre
Hilfe. Können Sie mir irgendeinen Hinweis geben, der mir nützlich
sein könnte?"
Bel-Iblis schüttelte den Kopf. "Tut mir Leid. Ich weiß nicht,
wie ich Ihnen helfen könnte. Es sei denn ..."
Er lachte. "Nein, es ist absurd."
"Was denn?" bohrte Isaphàn nach.
"Ich habe nur daran gedacht, dass wir Ratsmitglieder das Privileg haben,
Nachrichten an allen Kontrollen vorbei von diesem Planeten zu senden. Und zwar,
indem wir ganz offen die Kuriersonden benutzen, die uns zur Verfügung stehen.
Es ist abwegig, weil es die offensichtlichste Art ist, eine Nachricht dem Feind
zu übermitteln. Aber vielleicht ist diese Methode gerade deshalb so gerissen,
weil sie sich keiner Tarnung bedient?"
Isaphàn erhob sich. "Ich werde diese Möglichkeit in Betracht
ziehen. Vielen Dank, Senator, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben."
Lieutenant Liam Russel ließ die Z 93 näher an das geschwärzte
Wrackteil heranschweben. Warum es gerade dieses Teil sein musste, vermochte
er nicht zu sagen. Er hatte es aber längst aufgegeben, sich über die
Auswahl, die Sha'In-Mar T'Abora vornahm, zu wundern. Sie navigierten seit Stunden
mal in diesem, mal in jenem der abgesteckten Sektoren, untersuchten die Metallteile,
die die Jedi auswählte, und flogen weiter - meist unverrichteter Dinge.
Zwar hatten sie die Überreste mindestens eines imperialen Kanonenbootes
entdeckt. Doch das Schiff war von einer so weit verbreiteten Bauart, dass sich
keine weiteren Schlüsse auf die Identität der Angreifer ziehen ließen.
Russel konnte sich vorstellen, wie seine Kameraden in den anderen "Lumpensammler"-Schiffen
über die willkürlich und irrational anmutenden Suchaktionen der Z
93 fluchten. Diese Jedi brachte tatsächlich das gesamte logische und systematische
Konzept ihres Vorgehens durcheinander. Aber ihn störte es nicht weiter.
Solange er mit Sha'In-Mar ein Cockpit teilen durfte, würde er alle Kapriolen
mitmachen.
Russel aktivierte den Außensensor und wartete auf die Computeranlyse.
"Imperialer Sternzerstörer der Empire-Klasse!" rief er
aufgeregt, als die Daten über das Display huschten.
Er schaute zu Sha'In-Mar hinüber und bemerkte, dass auch die Jedi plötzlich
voller Anspannung war.
"Was ist das für ein Teil?" fragte sie. "Es sieht aus wie
eine Art Wohncontainer oder Kabine."
"Wohncontainer? Das ist eine Reparaturgeräteeinheit vom Hangar-Deck
eines Sternzerstörers", antwortete Russel. "Wohnen möchte
ich darin nicht."
"Und doch befindet sich eine Leiche in dem Wrackteil", sagte Sha'In-Mar.
"Vielleicht hat sich jemand in die Einheit geflüchtet, als es eine
Explosion gab."
Liam Russel starrte den großen Metallbehälter erstaunt an. "Woher
wissen Sie, dass da drin eine Leiche ist?"
"Ich fühle es."
Mehr sagte Sha'In-Mar nicht, und Russel gab sich notgedrungen mit dieser Feststellung
zufrieden.
Er gab einen Steuerbefehl in den Bordcomputer ein, und ein mobiler Laserschneidbrenner
glitt aus dem Frachtraum der Z 93 auf das Wrackteil zu.
"Schneiden wir das Ding auf und sehen nach", schlug er vor.
Sha'In-Mar kannte das Ergebnis, bevor das Lasergerät den Container aufgeschnitten
hatte. Als die starre Leiche des blauhäutigen Nichtmenschen zum Vorschein
kam, war es nur die endgültige Bestätigung ihres Gefühls.
Lieutenant Russel gab einen überraschten Laut von sich. "Was ist das
für ein Wesen? Diese Spezies von Humanoiden habe ich noch nie gesehen."
"Ein Chiss", antwortete Sha'In-Mar.
Ein Chiss, wiederholte sie still. Die Spezies, die ein militärisches Genie
wie Großadmiral Thrawn hervorgebracht hatte. Und die für das furchtbare
Massaker auf dem Planeten Tuán verantwortlich war. Sha'In-Mar fühlte,
wie die tief in ihrem Innern schlummernde Trauer hervorbrach. Sie dachte an
all die Toten und an alle Zerstörungen, die die Imperialen unter Thrawn
auf ihrem einst so blühenden Heimatplaneten hinterlassen hatten. Und sie
fühlte, wie sich ein anderes Gefühl zur Trauer gesellte. Ein Gefühl,
das von diesem Ort des Schlachtfeldes, von der Aura von Tod und Zerstörung
noch verstärkt wurde. Sie fühlte - Zorn.
"Verzeihung, Miss T'Abora, ich fragte, was die Chiss für eine Spezies
sind."
Russels Frage riss Sha'In-Mar aus ihren Gedanken.
"Sie sind Mörder, Lieutenant. Brutale, hinterhältige Mörder."
Sie zögerte einen Moment. "Lieutenant Russel, ich verlasse diesen
Ort. Ich muss eine Reise machen, würden Sie mich als Pilot begleiten?"
"Äh, gern Miss T'Abora, sehr gern - wenn Broom Alpha mir die Erlaubnis
erteilt. Aber wohin wollen Sie denn fliegen?"
"In die Vergangenheit, Lieutenant."
Darth Rage verschloss die Tür zu seinem persönlichen
Trakt innerhalb der orbitalen Forschungsstation. Er aktivierte den HoloProjektor,
beugte sein rechtes Knie und hielt den Kopf demütig gesenkt.
Das HoloBild baute sich flimmernd auf. Es zeigte eine Gestalt, deren Gesicht
vollständig von einer Kapuze verhüllt war.
"Erhebt Euch, mein Freund!" sagte die Gestalt.
Darth Rage stand auf und schaute in das Aufzeichnungsgerät.
"Ihr habt mich sprechen wollen, mein Imperator?"
"Die Jedi Sha'In-Mar T'Abora befindet sich auf dem Weg zum Planeten Tuán.
Ich fühle, dass wir sie zur dunklen Seite der Macht bekehren können.
Begebt Euch nach Tuán, nehmt die Jedi gefangen und bringt sie sofort
zu mir!"
Darth Rage nickte leicht mit dem Kopf. "Wie Ihr wünscht, mein Imperator."
"Die anderen Jedi, die Luke Skywalker ausgesandt hat, werdet Ihr töten."
Wiederum nickte Darth Rage bestätigend.
"Eine von ihnen ist die junge Mal'Wan." Die Stimme des Imperators
bekam einen eindringlichen Klang. "Ich hoffe, Ihr seid Euch dessen im
klaren."
"Ich bin mir dessen im klaren, mein Imperator. Ich werde auch Jedi Mal'Wan
töten."
"Gut, Lord Rage, sehr gut. Es läuft alles genau so, wie ich es vorausgesehen
habe."
"Verzeiht mir, mein Imperator", widersprach Darth Rage. "Aber
Empress S'silk ist auch nach der Ermordung ihres Ersten Botschafters offenbar
gewillt, die neutrale Haltung beizubehalten. Wir brauchen Dantooine aber als
Brückenkopf für den Äußeren Rand."
"Macht Euch um Dantooine keine Sorgen. Wenn Empress S'silk bei ihrer
törichten Haltung bleibt, werden wir sie beiseite fegen und eine andere
Regierung einsetzen. Notfalls wird Admiral Xuun das Problem mit seiner Flotte
lösen. Kümmert Ihr Euch um Jedi T'Abora - und um die anderen Jedi."
"Wie Ihr wünscht, mein Imperator."
Das HoloBild verblasste, und Darth Rage trat an das Transparistahlfenster.
Er schaute hinaus zu den Millionen und Abermillionen Sternen, die die Galaxis
bildeten.
Irgendwo da draußen war Yo-Karah Mal'Wan, die Jedi, die er töten
würde.
Das "Tal der Winde" innerhalb der Gromh-Wüste auf dem Planeten
Tatooine war ein von hoch aufragenden Felswänden begrenzter Graben, offenbar
vor vielen tausend Jahren infolge eines Erdbebens entstanden. Die Länge
des Grabens betrug mehr als 200 Meilen, die Breite variierte zwischen fünf
und 25 Meilen. Am nördlichen Ende des Grabens lag ein ausgedehntes Felsgebirge,
am südlichen die große Morgh-Sandwüste. Da sich die Sandwüste
tagsüber unter der Wucht der brennenden Zwillingssonnen viel schneller
erhitzte als das Felsgebirge, dieses abends und nachts jedoch die Wärme
länger speicherte, kam es stets zu einem großen Temperatur- und
Luftdruckgefälle zwischen beiden Regionen. Der dadurch bedingte Luftmassenaustausch
verwandelte den Grabenbruch in einen Windkanal. Tagsüber wehte ein kräftiger
Nordwind durch das Tal, abends und in den ersten Nachtstunden peitschte ein
beißender, mit Sand vermischter, harter Wind zurück zum Felsengebirge.
Der Sand, der durch das "Tal der Winde" geweht wurde, hatte im Laufe
der Jahrhunderte den Effekt von Schleifwerkzeugen gehabt. Während weichere
Felspartien längst abgeschliffen und verschwunden waren, trotzten härte
Gesteinsmassen noch den mit ungeheurer Wut vorgetragenen allnächtlichen
Angriffen. Bizarre Felsformationen wie "die drei Nadeln", "das
Auge des Sturms" oder "der Schlund des Verderbens" waren prächtige
Naturwunder, die ihre Entstehung dem Wind und dem Sand verdankten. Die großartigste
Felsformation war jedoch die "Drachenperle", ein schwarzer, kugelrunder,
spiegelglatt polierter Fels von etwa zehn Metern Durchmesser.
Yo-Karah Mal'Wan konnte sich dem Zauber des prächtigen Anblicks der "Drachenperle"
nicht entziehen. Kein Zweifel, der Fels sah aus wie eine riesige Imitation
der überaus kostbaren Edelsteine aus dem Magen eines Kraytdrachens. Aber
Yo-Karah war nicht hier, um die Landschaft zu bewundern. Hier bei der "Drachenperle"
sollte sie die Seherin Yogi-Tea finden, zumindest hatte der Bo'marrh-Mönch
das behauptet.
Sie stieg aus ihrem Landgleiter und umrundete den mitten im "Tal der
Winde" gelegen Fels. Von einer Behausung oder Lagerstätte konnte
sie keine Spur entdecken, und doch spürte sie, dass sich jemand in der
Nähe befand. Mit Hilfe ihrer Jedi-Sinne tastete sie ihre Umgebung ab.
Noch bevor ihre Augen etwas erkennen konnten, bemerkte sie, wie sich ein Wesen
von der östlichen Talwand durch das Gewirr von Felsbrocken her näherte.
Yo-Karah ging der näher kommenden Präsenz entgegen - und stand plötzlich
vor einer seltsamen Gestalt.
Es war ein grünhäutiges humanoides Wesen, sehr klein, höchstens
1,2 Standardmeter groß. Das breite, von spitzen Ohren flankierte Gesicht
sah aus wie ein ungemachtes Bett, voller Runzeln und Falten. Langes silbernes
Haar umkränzte den Kopf und fiel dem kleinen Wesen bis über die
Hüfte. Die vierfingrige rechte Hand hielt einen Stock, auf den sich die
Person stützte. Es war offenbar ein weibliches Wesen, denn unter der
fleckigen, an mehreren Stellen ausgebesserten schmucklosen grauen Tunika zeichneten
sich kleine Brüste ab. Am auffälligsten aber waren die runden braunen
Augen, die im Kontrast zu dem alt und gebrechlich wirkenden Körper jung,
lebendig und voller Feuer waren. Die gesamte Erscheinung erinnerte Yo-Karah
an die Erzählungen Master Skywalkers über den alten Jedi-Meister
Yoda, doch dieses Wesen war viel größer und stammte mit Sicherheit
von einer anderen, wenngleich verwandten Spezies.
Das Wesen schaute Yo-Karah prüfend an. Dann sprach es mit einer alten,
leicht zittrig klingenden Stimme: "Sei gegrüßt, Jedi. Ich
habe dich erwartet."
Yo-Karah verbeugte sich mit einem Lächeln. "Einer Seherin bleibt
die Ankunft einer Ratsuchenden natürlich nicht verborgen. Sei auch du
gegrüßt. Yogi-Tea, nehme ich an."
Das kleine grüne Wesen nickte mit dem Kopf. "Ja, ich bin Yogi-Tea.
Aber ich habe dein heutiges Kommen nicht vorausgesehen. Ich warte schon lange
auf dich, sehr lange."
Bevor Yo-Karah etwas erwidern konnte, machte Yogi-Tea eine einladende Handbewegung.
"Komm, es wird bald Abend, und der Sandwind wird durch das Tal wehen.
In meiner Höhle sind wir sicher. "
Yo-Karah platzierte den Landgleiter an einem möglichst geschützten
Ort hinter einem großen Felsen und folgte Yogi-Tea, die bereits wieder
auf dem Weg zur östlichen Felswand war.
Die Höhle der Seherin war zweigeteilt. Hinter dem Eingang lag ein hoher,
breiter Raum, der etwa fünf Meter weit in die Felswand hineinreichte.
Eine kleine Feuerstelle, blechernes Kochgeschirr, eine Vorratskiste und ein
mit einem Deckel geschlossenes Wasserfass deuteten darauf hin, dass Yogi-Tea
hier ihre Mahlzeiten zubereitete. Am hinteren Ende verengte sich der Raum
zu einem schmalen Durchgang, der zu einem einfach eingerichteten Wohn- und
Schlafraum führte. Ein paar über einen Holzrahmen gelegte Decken
bereiteten eine karge Schlafstatt; ein niedriger, grob gezimmerter Holztisch
mit einem Stuhl sowie eine alte Truhe bildeten das gesamte Mobiliar. Yogi-Tea
setzte sich auf den Stuhl und bedeutete Yo-Karah, auf dem Bett Platz zu nehmen.
"Meine Höhle ist sehr bescheiden. Aber ich bin genügsam. Luxus
lenkt nur von den wahren Dingen ab", sagte Yogi-Tea. "Du scheinst
keine Asketin zu sein, Jedi."
"Ich heiße Yo-Karah Mal'Wan. Nein, eine Asketin bin ich nicht.
Sollte ich es sein?"
Yogi-Tea schloss die Augen und schien tief in sich hineinzuhorchen.
"Nein", sprach sie schließlich. "Du musst deinen eigenen
Weg gehen. So wie ich damals meinen eigenen Weg gegangen bin."
"Du hast gleich gewusst, dass ich eine Jedi bin", sagte Yo-Karah.
"Hattest du Kontakt mit Obi-Wan Kenobi, der hier auf Tatooine gelebt
hat?"
"Oh ja", nickte Yogi-Tea. "Mit Obi-Wan. Und mit vielen anderen
..."
Sie brach ab, als versinke sie in Erinnerungen. Doch dann schaute sie ihre
Besucherin prüfend an.
"Warum bist du gekommen, Yo-Karah Mal'Wan?"
"Unser Jedi-Meister Luke Skywalker schickt mich. Wir haben eine Bewegung
in der Macht gespürt. Es gibt Anzeichen, dass sich ein neuer Imperator
über die Galaxis erhebt, mächtiger noch als Palpatine. Ich bin gekommen,
um dich zu fragen, ob du etwas über einen neuen Imperator weißt."
"Ein neuer Imperator?" Yogi-Tea stand auf und ging zur Truhe. Sie
holte eine grob gewebte Stola hervor, die sie sich um die Schultern legte,
als sei ihr plötzlich kalt geworden.
"Eine Bewegung in der Macht?" wiederholte sie.
Dann nickte sie langsam und bedächtig. "Ja, auch ich habe die Bewegung
in der Macht gespürt. Auch ich befürchte, dass sich ein neuer
Schatten über die Galaxis legt."
Sie entnahm der Truhe eine einfache Öllampe und zündete sie an.
Ein sanfter, heller Schein verbreitete sich in der dämmrigen Höhle.
"Ich habe darauf gewartet", fuhr Yogi-Tea fort. "Lange habe
ich darauf gewartet. Ich hatte gehofft, dass er nicht nach der Herrschaft
greift. Doch nun ist es soweit. Er schickt sich an, ein neues Imperium zu
errichten. Lange habe ich darauf gewartet, dass Jedi kommen und mich über
ihn befragen."
"Wer?" fragte Yo-Karah. "Von wem sprichst du?"
"Von Darth B'Yern, dem Sith-Lord, einem abtrünnigen Jedi."
Leia Organa Solo stützte sich schwer auf die Tischkante. Ihr Gesicht
war leichenblass.
"Die gesamte dritte Flotte vernichtet?" keuchte sie. "Wie konnte
das geschehen, Admiral Ackbar?"
"Wir wissen es nicht, Frau Präsidentin." Dass der Calamarianer
die förmlich Anrede wählte, war ein sicheres Zeichen für seine
Erregung und Verlegenheit. "Wir wissen nur, dass bis auf vier leichte
Kreuzer, die zum Zeitpunkt des Angriffs im Atmosphärendock lagen, alle
Raumschiffe zerstört wurden. Und dass es von unserer Seite fast keine
Gegenwehr gab."
Leia ließ sich in ihren Sessel fallen. "Keine Gegenwehr?"
Sie stützte den Kopf in ihre Hände. Was war nur passiert? Welcher
Gegner konnte eine ganze Flotte vernichten, ohne auf Gegenwehr zu stoßen?
Ein Verräter im Obersten Sicherheitsrat, ein unheimlicher Gegner draußen
im All, eine wachsende Opposition im Senat - Leia fühlte sich müde
und erschöpft.
"Wir haben es hier nicht mit einem der Vorstöße des Rest-Imperiums
zu tun, Admiral", sagte sie schließlich. "Das ist der Beginn
eines Generalangriffs auf die Neue Republik. Wenn wir nicht schnell handeln,
werden wir alle in den Untergang gerissen."
"Ja, Frau Präsidentin, es ist ein Wettlauf mit der Zeit."
Die Ermordung Ston Troys, des Ersten Botschafters, löste einen Schock
in der Stadt Dantar und ganz besonders im herrschaftlichen Palast aus. Lähmendes
Entsetzen breitete sich unter den Bediensteten und den politischen Würdenträgern
aus. Empress S'silk berief eine Sondersitzung ihres Ministerrates ein. Und
die Verhandlungen über mögliche Handelslizenzen wurden auf unbestimmte
Zeit vertagt.
"Sieht so aus, als wäre unsere Mission hier beendet", meinte
Obi-Nor zu Jael. "Wir haben keinen offiziellen Grund mehr hierzubleiben.
Wir müssen abreisen, bevor wir uns verdächtig machen. Im Grunde
bin ich froh, dass man uns Fremdlinge nicht gleich unter Mordverdacht festgenommen
hat."
Jael schaute sehr nachdenklich drein. "Gestern habe ich noch mit Ston
Troy über das Wasserkunstwerk in der zentralen Halle gesprochen. Und
in der darauf folgenden Nacht wird er ermordet. Ich habe das Gefühl,
dieses Kunstwerk könnte mit all dem etwas zu tun haben."
"Hm, ich habe gelernt, den Gefühlen einer Jedi niemals zu misstrauen",
entgegnete der Obi-Nor. "Aber was können wir jetzt noch tun?"
"Hast du schon einmal vom Volk der Meri gehört?" antwortete
Jael mit einer Gegenfrage. "Ston Troy meinte, das Kunstwerk stamme von
den Meri."
"Meri? Nie gehört."
"Laut Datathek der Galaktographischen Gesellschaft ist es ein menschliches
Volk auf dem Planeten Merilaque in den Unbekannten Regionen."
Die "Unbekannten Regionen" trugen ihren Namen schon seit Jahrzehnten
zu Unrecht. Die zehnte Expedition der Galaktographischen Gesellschaft hatte
die meisten der dortigen Sonnensysteme kartographiert und in ausführlichen
Forschungsberichten beschrieben. Dennoch wurde die mittlerweile überholte,
aber populäre Bezeichnung immer noch allgemein benutzt.
"Das ist ja am anderen Ende der Galaxis", meinte Obi-Nor erstaunt.
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Meri ausgerechnet nach Dantooine
fliegen, um hier Kunstwerke abzuliefern - wenn sie überhaupt Raumschiffe
haben."
"Das ist es ja", bestätigte Jael. "Ston Troy machte eine
Bemerkung: Das Geschenk sei angenehmer als sein Überbringer. Und ich
frage mich, wer wohl der Überbringer war."
"Ein Abgesandter des Imperiums?"
"Genau das denke ich auch. Ich werde nach Merilaque fliegen. Vielleicht
finde ich es heraus. Kommst du mit?"
"Nein", schüttelte Obi-Nor den Kopf. "Ich muss zurück
nach Coruscant, um die Courier zu holen. Außerdem befindet sich
mein Kammerdiener-Droide noch dort. Ich überlasse dir die Charter-Fähre,
wenn du Rhysbe und mich in einem größeren Raumhafen absetzt. Nach
Coruscant bekommen wir jederzeit eine Schiffspassage."
Der Wind blies durch das Tal, trieb den Sand zwischen den Felswänden
hindurch, umtoste Gesteinsbrocken, heulte am Eingang der Höhle. Drinnen
spendete die Öllampe warmes Licht, als wolle sie einen bewussten Kontrast
zur unwirtlichen Natur setzen.
Yogi-Tea hatte darauf bestanden, dass sie und Yo-Karah etwas aßen, bevor
sie von der neuen Bedrohung der Galaxis berichtete. Beim Abendessen hatte
sie ihrer Besucherin ein wenig von sich erzählt.
"Man nennt mich 'Seherin', obwohl ich nicht die Zukunft voraussagen kann",
hatte sie gesagt. "Niemand kann das, denn die Zukunft ist nicht festgelegt.
Ich habe Visionen, Ahnungen, aber das sind nur Möglichkeiten der
Zukunft. Doch ich kann die Gegenwart wahrnehmen, kann abwägen, kann fühlen,
wie sich diese oder jene Entscheidung in der Zukunft auswirken wird. Die Tusken-Sandleute
verehren mich wegen dieser Fähigkeit. Kein Stamm würde eine Entscheidung
von großer Tragweite treffen, ohne mich vorher zu konsultieren. Dafür
versorgen sie mich mit Wasser und Speise."
Die Speise hatte aus gekochtem Gemüse bestanden, gewiss nahrhaft, aber
nicht gerade eine Delikatesse.
Nun saßen Yo-Karah und ihre Gastgeberin im Lichtschein der Öllampe.
"Du hast vorhin gesagt, du kanntest Obi-Wan Kenobi und viele andere Jedi",
begann Yo-Karah. "Woher hattest du mit ihnen Kontakt? Und seit wann lebst
du hier im 'Tal der Winde'?"
Yogi-Tea sah Yo-Karah direkt in die Augen. "Ich kannte viele Jedi, weil
ich selbst einmal eine Jedi war."
"Du warst eine Jedi?" Verwunderung und leiser Zweifel sprachen aus
Yo-Karahs Stimme.
"Oh ja, ich war eine Jedi. Genau genommen bin ich es auch heute noch.
Ich war sogar Mitglied des Jedi-Rates. Aber das ist lange her. Damals hatte
der Niedergang des alten Jedi-Ordens schon begonnen. Satt und selbstzufrieden
waren wir geworden, in Traditionen, Ritualen und Vorschriften erstarrt. Ich
habe den Rat und den Jedi-Tempel damals freiwillig verlassen. Das war kurz
nachdem wir den jungen Mace Windu aufgenommen hatten."
"Der später Ratsvorsitzender war, zur Zeit der Klonkriege?"
"Ja. Auch er konnte den Fall des Ordens nicht verhindern. Genauso wenig
wie Yoda." Yogi-Tea sprach den Namen mit einem Seufzen aus, wie unter
Schmerzen.
"An Yoda hast du unangenehme Erinnerungen", konstatierte Yo-Karah.
"Warum hat er Master Skywalker erzählt, dass dieser der letzte der
Jedi sei, wenn Yoda starb?"
Yogi-Tea blickte bekümmert zu Boden. "Yoda hat mir nie verziehen,
dass ich den Jedi-Tempel verlassen habe. Es war, als sei ich an jenem Tag
für ihn gestorben."
Eine Zeit lang herrschte Stille in der Felshöhle. Nur von draußen
drang das Toben des Windes herein.
"Luke Skywalker hat mich übrigens später hier aufgesucht",
fuhr Yogi-Tea fort. "Er hatte von Tusken-Sandleuten erfahren, dass ich
hier lebe. Aber wir reden zuviel über mich. Du bist doch hergekommen,
um etwas über die neue Bedrohung zu erfahren."
"Ja", nickte Yo-Karah. "Dieser Darth B'Yern, von dem du sprachst.
Was weißt du über ihn?"
"Darth B'Yern ..." Yogi-Tea ließ den Klang dieses Namens in
sich nachwirken. "B'Yern war vor mir im Jedi-Tempel gewesen. Er hatte
seine Ausbildung nicht zu Ende bringen dürfen, weil er verbotenerweise
die alte Philosophie der Sith und die Lehren von Exar Kun studiert hatte.
B'Yern ist alt, sehr alt, vielleicht so alt wie Yoda oder ich. Aber es ging
das Gerücht um, er habe Besitz von anderen Wesen genommen, um jung zu
bleiben, so als ob er seinen Körper gewechselt hätte."
Yo-Karah schaute sehr skeptisch drein. "Das erscheint mir unglaubwürdig.
Vielleicht ist er ein Gestaltwandler?"
"Wie dem auch sei " - Yogi-Tea hatte offenbar kein Interesse, diese
Frage zu erörtern - "er galt später als tot. Aber ich habe
immer vor ihm gewarnt. Ich habe immer geahnt, dass er eines Tages sich erheben
und aus seinem Versteck kommen würde. Die Macht ist stark in ihm,
sehr stark."
"Wo finde ich ihn?"
"Wünsche dir nicht, ihn zu finden, Yo-Karah Mal'Wan!"
"Vielleicht muss ich mich ihm stellen?"
"Vielleicht musst du das. Aber vielleicht ist dir auch ein anderes Schicksal
beschieden."
Yogi-Tea stand auf und ging zum Bett, auf dem Yo-Karah saß.
"Gib mir bitte dein Lichtschwert."
Yo-Karah wollte dieses unvermittelte Ansinnen zunächst zurückweisen,
doch eine Stimme in ihrem Innern riet ihr, der Aufforderung zu folgen. Sie
nahm die Waffe vom Gürtel und reichte sie der alten Jedi.
Yogi-Tea aktivierte das Lichtschwert und schwang die surrende Laserklinge
erstaunlich geschickt hin und her. Dann deaktivierte sie die Klinge und betrachtete
den Griff.
Schließlich gab sie die Waffe Yo-Karah zurück. "Ein schönes
Lichtschwert hast du. Das Erbe deiner Mutter, nicht wahr?"
Yo-Karah musste ihre Jedi-Techniken einsetzen, um nicht einen Laut der Überraschung
auszustoßen. Ihre Mutter war von Darth Vader getötet worden, als
Yo-Karah fünf Jahre alt gewesen war. Ihr Vater hatte jahrelang nach dem
Lichtschwert ihrer Mutter gesucht, um es ihr zu schenken. Und Yogi-Tea schien
die Waffe zu kennen!
"Du kanntest meine Mutter?"
"Ja, deine Mutter ist auf ihrer Flucht vor Darth Vader auch hier auf
Tatooine gewesen. Wala Mal'Wan war eine starke Jedi, aber sie war ungeduldig,
stolz und zornig. Die Versuchung der dunklen Seite der Macht war stark in
ihr."
Yogi-Tea fixierte Yo-Karah.
"Du hast ihre stolze Haltung geerbt, und ich spüre auch deine Ungeduld."
Yo-Karah fühlte, wie die alte Jedi ihr Temperament zu ergründen
versuchte.
"Aber Zorn ... nein, Zorn erkenne ich in dir nicht", fuhr Yogi-Tea
fort. "Anders als in deinem Bruder."
Ein Adrenalinstoß jagte durch Yo-Karahs Körper.
"Mein - Bruder?!"
Yogi-Tea nickte. "Ja, Yo-Karah. Wala Mal'Wan hatte einen Sohn, als sie
mich besuchte. Er war stark in der Macht, aber voller Zorn. Später
ist er Darth Vader in die Hände gefallen und von ihm zur dunklen Seite
der Macht verführt worden. Sein Zorn hat ihm seinen Namen gegeben:
Darth Rage."
Yo-Karah zwang sich, ruhig zu atmen. "Ich habe einen Bruder, einen Sith
..."
"Einen Halbbruder, ja." Yogi-Teas Stimme wurde mahnend. "Vielleicht
ist das dein Schicksal: Dass du dich deinem Bruder stellen musst. Yo-Karah,
hüte dich vor der dunklen Seite der Macht! Hüte dich vor
dem Zorn, der deinen Bruder ins Verderben gerissen hat!"
Die kleine Raumfähre landete auf einer ausgedehnten Blaugraswiese am
Rande des dichten roten Laubwaldes. Liam Russel fuhr die Triebwerke herunter
und öffnete die Ausstiegsluke.
"Möchten Sie, dass ich Sie begleite, Miss T'Abora?"
Sha'In-Mar schüttelte den Kopf. "Nein, Lieutenant, danke. Ich möchte
allein sein. Bitte warten Sie in der Fähre auf mich."
Sha'In-Mar stieg aus und ging in den Wald.
Es war, als betrete sie eine andere Welt. Draußen auf dem freien Feld
hatte ein sanfter Wind geweht. Die Gräserpollen hatten süß
geduftet, und bunte Tagfalter hatten die Natur belebt. Hier im Wald schien
die Luft wie unter einer Glocke zu stehen. Die uralten Tereb-Bäume strahlten
beinahe eine physisch erlebbare Würde aus. Die hoch gewachsenen Lindi-Farne
dämpften alle Geräusche. Kein Vogel, kein Insekt schwirrte durch
die dicht stehenden Hölzer. Aber es lag keine leblose Atmosphäre,
sondern eine Aura der Stille, der Ruhe, der Erhabenheit über diesem Wald.
Sha'In-Mar ging einen alten, kaum noch erkennbaren Pfad entlang, der sich
in gewundener Bahn einen Hügel hinauf schlängelte, um dann auf der
anderen Seite steil in eine Talsenke hinab zu führen. Hier trat der Wald
zurück und öffnete sich zu einer großen grasbewachsenen Lichtung,
in deren Mitte sich ein einziger riesiger Tereb-Baum erhob.
Sha'In-Mar blieb am Rand der Lichtung stehen und sog die Sphäre dieses
Ortes ein.
Sie war nach Elsgaa zurück gekommen.
Elsgaa, der heilige Ort der Tuáner, war Jahrhunderte hindurch die wichtigste
Kultstätte auf ihrem Heimatplaneten gewesen. Hier hatten die Priesterinnen
getanzt, wenn alle drei Monde des Planeten gleichzeitig als volle Scheibe
am Himmel zu sehen waren. Hier hatten die "auserwählten Dienerinen"
ihre Rituale vollzogen, wenn der Planet seinen Umlauf um den Stern vollendet
hatte. Und hier hatte jedes Mädchen im Kreise ihrer Schwestern und Freundinnen
den Beginn ihrer Fruchtbarkeit gefeiert.
Alle diese Rituale waren längst nur noch Erinnerung gewesen, als das
galaktische Imperium den Planeten Tuán unterjocht hatte. Doch als sich
der erste Widerstand gegen die Unterdrücker formierte, im Untergrund
und mit heimlicher Unterstützung des Herzogs T'Abora, da hatten sich
zum ersten Mal seit mehren hundert Jahren wieder Frauen hier in Elsgaa versammelt.
Sie belebten die alten Rituale und zelebrierten die alten Tänze - nun
aber als Zeichen des Kampfes gegen das Imperium. Die Wicc-Schwestern, wie
sie sich nannten, schöpften hier an diesem Ort Kraft für ihren Widerstand.
Sha'In-Mar spürte die Erinnerung in sich aufsteigen wie eine heiße
Quelle. Auch sie war als kleines Mädchen hier gewesen, hatte zusammen
mit ihrer Mutter und ihren Schwestern getanzt.
Plötzlich griff etwas Kaltes wie eine Hand aus Eis an ihr Herz.
Eine andere, grausame Erinnerung stieg in ihr auf. Unter Großadmiral
Thrawn hatten die Chiss ein furchtbares Massaker angerichtet, hier in diesem
Wald, nicht weit von Elsgaa.
Sha'In-Mar überquerte die Lichtung und ging, wie von einem Traktorstrahl
gezogen, auf der anderen Seite in den Wald. Sie fühlte, wie sie sich
dem Ort des Massenmordes näherte, wie die Sphäre von Tod und Verderben
immer noch auf diesem Teil des Waldes lag.
Dann erreichte sie die Stelle, wo die Imperialen die als Mitglieder des Widerstands
entlarvten Familien niedergemetztelt hatten. Die Spuren waren noch deutlich
zu sehen. Turbolaserfeuer und Blasterbeschuss hatte in einem weiten Umkreis
die Bäume verbrannt. Es war, als ob hier eine neue Lichtung entstanden
wäre, eine Lichtung der Vernichtung und des Todes.
Sha'In-Mar sah die Bilder vor sich, die sie einst gesehen hatte, als sie sich,
von der Macht gewarnt, in einem hohlen Baumstumpf versteckt hatte.
Sie sah noch einmal, wie ihr Vater und ihre Mutter von Blasterschüssen
durchbohrt wurden, sah, wie Dutzende im Tourbolaserfeuer verglühten,
sah, wie ihr kleiner Bruder Mei in panischer Angst davonlief, von den Mördern
unbeachtet.
Trauer stieg in ihr hoch. Trauer um ihre Angehörigen und alle anderen
Opfer. Und in die Trauer mischte sich erneut Zorn. Zorn auf das Imperium,
Zorn auf die Chiss, die hier einen Massenmord begangen und die auch den Begleitkonvoi
der Präsidentin vernichtet hatten, und Zorn auf ihre eigene Machtlosigkeit,
solche Greueltaten zu verhindern.
Schließlich drängte sich Entschlossenheit In ihren Zorn. Die Entschlossenheit,
ein solches Massaker nie wieder zuzulassen.
Sha'In-Mar wandte sich rasch ab, um zur Fähre zurück zu gehen. Doch
dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Keine 30 Meter von ihr entfernt stand
ein bleicher, blonder, schwarzgewandeter Mann. In seiner Hand hielt er ein
Lichtschwert.
Der Mann schüttelte höhnisch den Kopf. "So sehr in Erinnerungen
versunken? Keine Konzentration auf die Umgebung? Oder hat der Schmerz alle
Eure Jedi-Sinne vernebelt? Ich bin Darth Rage, gekommen, Euch zu töten."
Mit dem Lichtschwert in der Hand kam er auf Sha'In-Mar zu. Die Jedi aktivierte
nun auch ihre Waffe und sprang vor.
Mit einem elektrisch klingenden Zischen trafen die Klingen aufeinander. Mit
raschen Drehbewegungen wirbelte Sha'In-Mar ihre Klinge durch die Luft, doch
Darth Rage parierte jeden Schlag. Sha'In-Mar war ohnehin eine gute Kämpferin,
doch jetzt griff sie mit Zorn und voller Wucht an. Darth Rage wich ihre Attacken
parierend immer weiter zurück.
Sha'In-Mar trieb den Sith vor sich her durch den Wald. Sie passierten eine
Stelle, an der vier Bäume ein Viereck bildeten. Plötzlich stieß
Darth Rage die Jedi mit einer Bewegung der Macht zurück und sprang
aus dem Viereck heraus. Gleichzeitig bemerkte Sha'In-Mar, dass an allen vier
Bäumen Energieschildgeneratoren aktiviert wurden. Sie hieb mit dem Lichtschwert
gegen eines der Schilde, doch konnte sie die unsichtbare Wand nicht durchdringen.
Sie saß fest.
Darth Rage ließ ein höhnisches Lächeln um seinen Mund spielen.
Er deutete eine Verbeugung an.
"Lady Sha'In-Mar, Tochter des Herzogs T'Abora, ich bitte Euch, mein Gast
zu sein."
Er gab einen Wink, und wie aus dem Nichts erschienen quallenartige, schwebende
Wesen, die eine mobile Steuerkonsole bedienten. Der Boden, auf dem Sha'In-Mar
stand, entpuppte sich als Repulsor-Plattform, über die zur Tarnung Waldboden
gestreut worden war. Die Plattform, an allen Seiten durch die Energieschilde
gesichert, hob sich in die Luft und bewegte sich auf eine Fähre zu, die
außerhalb des Waldrandes wartete. Sha'In-Mar musste in ihrem durchsichtigen,
aber absolut ausbruchsicheren Gefängnis mitansehen, wie sie in die Fähre
verfrachtet wurde.
Sie hatte sich in eine Falle locken lassen.
Ker Tibbick öffnete vorsichtig die Tür zum Gang. Niemand war zu
sehen, kein Geräusch zu hören. Und doch wusste er, dass seit dem
Mord an Ston Troy die Palastwachen in höchster Alarmbereitschaft waren.
Niemals hätte er es geschafft, von seinen Zimmern im Trakt der politischen
Berater unbemerkt in die Gemächer der Herrscherin zu gelangen. Deshalb
hatte er sich nach der heutigen Sondersitzung in ihrem Privat-Trakt einschließen
lassen. Er war stolz auf sein geschicktes Manöver gewesen; niemand hatte
bemerkt, dass er nicht mit den anderen hinaus gegangen war. Und nun patroullierten
vor der schweren Holztür die Wachen, während der Mörder bereits
drinnen lauerte.
Denn ein weiterer Mord war unvermeidlich. Empress S'silk hatte weiterhin auf
ihrer neutralen Haltung bestanden. Und das, obwohl Ston Troy, der Fürsprecher
der Neuen Republik, tot war. Nun gab es nur noch Stimmen für eine Allianz
mit dem Imperium, aber die Regentin war völlig uneinsichtig und ließ
sich durch kein Argument überzeugen. Kok Briass war außer sich
gewesen und hatte gleich zweimal seinen Rücktritt angeboten. Empress
S'silk hatte beide Male abgelehnt. Es war ein unhaltbarer Zustand. Wie sollte
Dantooine nach der offenen Unstimmigkeit zwischen Herrscherin und Kabinett
regiert werden? Und was musste geschehen, dass Dantooine endlich Verbündeter
des Imperiums wurde?
Nun, auf diese letzte Frage hatte Ker Tibbick die passende Antwort.
Empress S'silk war im Weg. Sie musste beseitigt werden. Sie war längst
zu einer Gefahr für Dantooine geworden. Ein anderer Herrscher, wer immer
es auch sein mochte, würde gewiss nicht zögern, die nötigen
Schritte mit dem Imperium zu vereinbaren. Ker Tibbick hatte keine Ambitionen,
selbst das Zepter in die Hand zu nehmen; er war nicht zum Regenten geschaffen.
Aber er würde den Weg für eine neue Regierung frei machen.
An der Tür zum Schlafgemach lauschte Tibbick erneut. Kein Laut war zu
hören. Vorsichtig drückte er den Schnappriegel herunter; die schwere
Tür glitt völlig lautlos auf.
Tibbick blinzelte. Im Raum war es beinahe stockdunkel. Er tastete sich langsam
zum prächtigen, mit Vorhängen verzierten Bett voran, während
er die Hand mit dem Messer hob.
Die Rechte zum tödlichen Stoß erhoben, die Linke den Vorhang fassend
hielt Tibbick einen Moment inne.
Er sammelte Energie für die historische Tat.
Dann riss er mit einem Ruck den Vorhang zur Seite und stieß zu.
Als das Messer die leere Matraze durchbohrte, erstarrte Tibbick.
Licht flammte auf, und eine Blastermündung wurde gegen seinen Hinterkopf
gepresst. Ein kräftige Hand packte seinen rechten Arm und drückte
derart fest zu, dass er mit einem Schmerzensschrei das Messer fallen ließ.
Dann packte ihn ein harter Griff an der Schulter und drehte ihn langsam herum.
Vor ihm stand ein fast zwei Meter großer, dunkelhaariger, muskulöser
und schwer bewaffneter Mann.
"Na, Tibbick", sagte Joraam Malgur, immer noch mit dem Blaster auf
den Kopf des Ministers zielend. "Probleme, das eigene Bett zu finden?"
In diesem Moment trat auch Empress S'silk in Tibbicks Blickfeld. Auch sie
war mit einem Blaster bewaffnet.
"Er wird sein Bett nicht mehr brauchen, Joraam", sagte sie gefährlich
ruhig, während sie ihre Waffe auf "tödlich" einstellte.
Tibbick fing an, unkontrolliert zu zittern. "Empress ... wir müssen
... das Imperium ... ich ..."
"Hören Sie auf mit dem Gestammel, Tibbick", befahl Joraam Malgur
kalt. "Sie können Ihren Kopf nicht mehr retten."
Bei diesen Worten zuckte der Minister zusammen.
Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Mit einen Knacken zerbiss Tibbick
eine Kapsel, die er für den Notfall im Mund aufbewahrt hatte. Er griff
sich an den Hals, röchelte, taumelte zwei Schritte und brach zusammen.
Schaum trat vor seinen Mund, und die Augen wurden starr.
Dann war Ker Tibbick tot.
Empress S'silk atmete tief durch. "Wie ich vermutete. Ston Troy war nicht
das einzige Opfer. Die imperiale Fraktion scheint buchstäblich über
Leichen zu gehen."
Joraam Malgur runzelte die Stirn. "Neutralität kannst du dir jetzt
nicht mehr leisten."
"Nein, Joraam. Dieser Weg ist versperrt. Ich werde heute Nacht noch Kontakt
mit Präsidentin Organa Solo aufnehmen."
Leia Organa Solo, Han Solo und Admiral
Ackbar hatten sich in Leias privatem Arbeitszimmer eingefunden.
"Werden sie einen Misstrauensantrag gegen dich einreichen?" wollte
Han wissen.
Leia zuckte mit den Schultern. "Das ist mehr als wahrscheinlich. Einige
Senatoren können es gar nicht abwarten, mich aus meinem Amt zu jagen.
Aber ich werde kämpfen. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen!"
Leias Augen blitzten herausfordernd. Han nickte ihr aufmunternd zu. Er liebte
Leias energische Art, die ihn immer an ihre erste Begegnung auf dem Todesstern
erinnerte.
"Wir müssen unbedingt einen Erfolg vorweisen, Leia", schaltete
sich Admiral Ackbar ein. "Zur Zeit entgleitet uns die Kontrolle. Wir
müssen einen Sieg landen, dann haben Sie auch wieder den Rücken
frei."
"Deswegen habe ich Sie hergebeten, Admiral Ackbar", antwortete Leia.
"Empress S'silk hat mit mir Kontakt aufgenommen. Sie erbittet unsere
Hilfe. Sie befürchtet, dass das Imperium mit einer Flotte nach Dantooine
kommt und sich den Planeten einverleibt."
Der Calamarianer wiegte bedenklich sein schweres Haupt. "Das könnte
eine Falle sein. Empress S'silk war uns bislang nicht besonders gewogen."
"Nein, das ist keine Falle", entgegnete Leia. "Die Berichte
über die Ermordung des Ersten Botschafters, die Jedi Hajom über
unseren geheimen Kommunikationskanal gesandt hat, lassen das Ersuchen der
Dantari glaubwürdig erscheinen. Und ich habe gespürt, dass Empress
S'silk es ernst meint."
"Aber es gibt noch ein anderes Problem, Leia." Admiral Ackbar klang
bedrückt. "Wir haben den illegalen Zugriff auf unseren Zentralcomputer
vor dem Hintergrund der Schlacht bei den Mer'Van-Raumwerften analysiert. Es
besteht der Verdacht, dass Helen Moonlight die IDs und Zugriffscodes unserer
Kriegsschiffe gestohlen hat. Wenn das stimmt, wäre jeder Flottenangriff
reiner Selbstmord."
Leia und Han schwiegen nach dieser Eröffnung einige Sekunden. Es war,
als ob sie erst die Ungeheuerlichkeit der Nachricht verarbeiten mussten. Schließlich
durchbrach Han die Stille.
"IDs und Zugriffscodes", murmelte er. "Ich fliege einen Angriff
auf einen Sternzerstörer, und der fährt meine Deflektorschilde
runter?"
"Genauso könnte es bei Mer'Van gewesen sein", bestätigte
der Admiral.
"Wie sicher ist diese Analyse?" fragte Leia scharf.
Der Calamarianer rollte mit seinen kugelrunden Augen. "Ich persönlich
bin fest davon überzeugt, dass sie stimmt."
"Und wir haben Ihrer Ansicht nach kein Kriegsschiff, dass die Imperialen
nicht kontrollieren können?"
"Es gibt 24 neue X-Wing-Prototypen, die noch in der Testphase sind. Keiner
ist als Marine-Jäger registriert. Aber Großkampfschiffe haben wir
nicht."
"Also gut, gehen wir davon aus, dass Sie Recht haben", warf Han
grimmig ein. "Sie könnten zum Beispiel den Falken nehmen
und einen Gegner angreifen. Der Falken ist nicht im militärischen
Zentralcomputer registriert. Oder noch besser: Ein Kreuzer übernimmt
die ID des Falken. Dann sind Sie das Problem los."
"Das wäre theoretisch möglich", bestätigte Admiral
Ackbar. "Aber was sollen wir mit einem Schiff ausrichten?"
"Ich könnte meine alten Kontakte zu Schmugglern reaktivieren",
überlegte Han. "Dann bekommen Sie ein Dutzend IDs."
Der Calamarianer schüttelte den Kopf. "Das nützt uns nichts.
Denn dann können wir nur wie Schmuggler kämpfen: als Individualisten.
Wir brauchen mindestens ein Dutzend IDs, die in einem Zentralcomputer
registriert sind. Sonst haben wir kein operatives Taktik-Display, keine kontrollierten
Simultanangriffe, keinen geordneten Feuerschutz. Großkampfschiffe sind
keine Jäger. Man kann sich in der Schlacht nicht einfach nur per Funk
verständigen."
"Besser ein Dutzend Einzelkämpfer als gar nichts, Admiral",
beharrte Han auf seinem Vorschlag. "Und sagen Sie in Smugglers Run niemals,
Individualisten könnten nicht kämpfen." Er konnte nicht verstehen,
dass der Calamarianer seit Jahren eine unüberwindliche Abscheu gegen
Schmuggler hegte.
Leia hatte sich den kleinen Disput nachdenklich angehört. Nun ergriff
sie selbst das Wort.
"Ein Dutzend IDs, die in ein und demselben Computer registriert sind,
Admiral? Könnten das auch Frachter-IDs einer Handelsgesellschaft sein?"
Han verzog seinen Mund zu einem schiefen, verstehenden Grinsen. "Ja,
Schatz, das ist die Lösung. Kommen Sie, Admiral, Sie müssen doch
zugeben, dass das die Lösung ist."
Admiral Ackbar blieb skeptisch. "Möglich wäre es. Aber es würde
absolute Geheimhaltung erfordern."
"Machen Sie sich keine Sorgen", entgegnete Leia. "Der Händler,
an den ich denke, war Spion der Rebellion. Sie haben ihn einmal kennen gelernt:
Obi-Nor Gildorian, der Agent, der die Pläne des Todessterns gestohlen
hat. Ich vertraue ihm."
"Ja", nickte Han. "Er ist ein geldgieriger Schurke, aber loyal
zur Neuen Republik."
"Also gut", signalisierte auch der Oberbefehlshaber der Flotte seine
Zustimmung. "Am Geld soll der Plan nicht scheitern."
Der X-Wing vibrierte, als Captain Lyndea Marsko vollen Vorwärtsschub
gab. Die Sublicht-Triebwerke heulten auf, und der Jäger schoss derart
schnell davon, dass Lyndea hart gegen ihren Pilotensitz gepresst wurde.
"Gold eins, zwei TIEs kleben an deinem Heck! Weiche sofort nach Steuerbord
aus, Lyn!"
"Verstanden, Blau zwei!"
Lyndea riss das Querruder herum - und merkte sofort, dass sie einen fatalen
Fehler begangen hatte. Normalerweise drehte ein X-Wing bei diesem Steuermanöver
in einer engen Kurve ab, doch die hochgezüchteten neuen Triebwerke und
die völlig neu konstruierten Steuerdüsen des Prototypen lösten
eine ganz andere Reaktion aus. Lyndeas X-Wing flog geradeaus weiter, drehte
sich aber um die eigene Querachse. Mit den Hecktriebwerken voran flog sie
noch eine kleine Strecke weiter, bremste aber sehr stark ab, weil die gegen
die Flugbahn gerichteten Triebwerke jetzt wie Bremsraketen wirkten. Der X-Wing
kam für den Bruchteil einer Sekunde zum Stillstand, dann donnerte er
in die Richtung zurück, aus der er gekommen war - genau auf die Verfolger
zu.
Lyndea wollte ein neues Ausweichmanöver einleiten, doch es war bereits
zu spät. Sie registrierte zwei, drei Treffer und stellte entsetzt fest,
dass ihre Deflektorschilde zusammenbrachen.
"Weg da, Gold eins!" schrie die Stimme von Blau zwei in ihrem HelmCom.
Aber Lyndea hatte keine Chance mehr zu reagieren. Ein weiterer Treffer erwischte
den schutzlosen Jäger und atomisierte ihn mitsamt seiner Pilotin.
Mit enttäuschter Miene schaltete Lyndea Marsko den Flugsimulator ab,
nahm ihren Helm vom Kopf und öffnete die Simulationskapsel. Sie stieg
die kleine Leiter herab und ging auf die übrigen Testpiloten und ihren
Vorgesetzten, Colonel Glish, zu.
"Wir haben es auf dem Projektionsschirm verfolgt, Captain Marsko",
sagte Glish. "Die Probleme scheinen doch größer zu sein als
ich dachte."
"Es ist einfach noch sehr ungewohnt, Sir", antwortete Lyndea. "Geben
Sie uns drei oder vier Wochen, und wir alle haben die neuen Vögel im
Griff."
Ein kollektives Nicken begleitete ihre Prognose.
Doch der Colonel wehrte ab. "Ich fürchte, soviel Zeit haben Sie
nicht, Captain. Sie müssen sich unverzüglich mit dem gesamten Geschwader
zur Protector begeben. An Bord des Flattop-Kreuzers werden Sie
nach Dantooine verlegt. Alle weiteren Informationen bekommen Sie an Bord der
Protector. Nur so viel: Es handelt sich um einen Ernstfall, keine Übung.
Ist Ihr Geschwader bereit, Captain?"
Lyndea schaute in die Gesichter der übrigen Piloten. Wenn sich einer
von ihnen wegen der Manövrierfähigkeit Sorgen machte, ließ
er es sich nicht ansehen.
Lyndea nahm Haltung an. "Das Geschwader ist bereit, Colonel."
Sha'In-Mar T'Abora spürte an der Vibration der Raumfähre, dass sie
den Hyperraum verlassen hatten. Es war ein langer Flug gewesen, den sie ohne
eine Mahlzeit hatte durchstehen müssen. Mehrfach waren einige der schwebenden
Quallen-Wesen in den Frachtraum gekommen, um nach ihr zu sehen, doch hatten
sie offenbar nicht gewagt, die Energieschilde zu deaktivieren. Zu ihrem Glück,
dachte Sha'In-Mar grimmig. Sie hatte sich mit Meditations- und Entspannungstechniken
zu beruhigen versucht, doch der Zorn schlummerte in ihr wie Magma unter der
äußeren Kruste des Planeten Tuán. Darth Rage hatte sich
nicht blicken lassen, doch Sha'In-Mar fühlte seine Präsenz an Bord.
Die Fähre setzte auf einem harten Untergrund auf. Kurze Zeit später
öffnete sich die Ladeluke, und die als Gefängnis dienende Repulsorplattform
wurde aus dem Raumschiff heraus gesteuert. Schon vor der Landung hatte Sha'In-Mar
eine andere, kalte und viel bedrohlichere Präsenz als die von Darth Rage
gefühlt. Jetzt konnte sie die Bedrohung beinahe physisch spüren.
Auf diesem Planeten gab es offenbar noch einen Sith-Lord. Und Sha'In-Mar hatten
keinen Zweifel, dass sie dem neuen aufstrebenden Imperator nahe war.
Sie wurde mitsamt der Plattform in einen großen und allem Anschein nach
sehr alten Tempel gefahren, der von der Aura des unbekannten Sith angefüllt
war. Man brachte sie in einen dämmrigen Raum, der offenbar als Verlies
genutzt wurde. Die Wände waren ebenfalls mit Energieschilden geschützt.
Als die Repulsorplattform auf dem Boden aufsetzte, erloschen die Schilde des
engen Käfigs, in dem Sha'In-Mar gefangen gewesen war. Sie konnte sich
in dem Raum frei bewegen. In einer Ecke hatte man Nahrungsmittel und einen
Krug Wasser bereit gestellt. Zumindest sollte sich nicht einen Hungertod sterben.
Ein VoiceCom übertrug die Stimme von Darth Rage in den Raum.
"Willkommen, Lady Sha'In-Mar. Ich hoffe, Ihr fühlt Euch wohl. Versucht
nicht zu fliehen. Wände, Boden und Decke des Raumes sind durch Energieschilde
geschützt. Ich kann Euch leider keine Gesellschaft leisten, da ich sofort
weiter reisen muss. Der Imperator persönlich wird sich Euer annehmen.
Er ist jetzt Euer neuer Herr."
Die Verbindung brach ab, und Sha'In-Mar war allein.
Helen Moonlight stocherte missmutig in dem Essen herum, das ihr ein Wachdroide
durch eine Klappe in der Zellentür hereingeschoben hatte. Sie hatte versagt.
Über eine Woche war es nun her, dass sie den "Pendler" in das
Computersystem der Neuen Republik eingeschleust hatte.
Und sie lebte immer noch.
Spätestens nach fünf Tagen hätte die kleine Software mit den
angesammelten Informationen einen Angriff auf die Zentralsteuerung der orbitalen
Forschungsstation starten müssen. Helen hatte sich davon eine Kettenreaktion
versprochen: Zugriffsblockade, Ausfall der Reaktorkühlung, Vernichtung
der Forschungsstation mitsamt diesem Lord Rage und allen seinen Mordplänen.
Und mit ihr.
Aber nun war bereits über eine Woche vergangen. Und noch immer brannte
tagsüber das Licht in ihrer Arrestzelle, noch immer servierte ihr der
Wachdroide das Essen, noch immer lebte sie. Es gab nur eine Erklärung:
Der "Pendler" war hier in der Station oder auf Coruscant gestoppt
worden. Die zweite Möglichkeit war die wahrscheinlichere, denn sonst
hätte man sie schon längst zu einem Verhör aus ihrer Zelle
geholt. Doch egal, wo der "Pendler" aufgehalten worden war - ihr
Plan war gescheitert.
Lustlos aß sie ein paar Bissen, dann stellte sie das Essen wieder vor
die Türklappe zurück. Der Appetit war ihr gründlich vergangen.
Isaphàn Dera Sh'sandrò betrat mit einer leichten Verbeugung
das exklusiv eingerichtete Büro. "Danke, dass Sie mich empfangen
haben, Senator. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie Ihre Zeit
so kurz vor der Sondersitzung des Senats für mich opfern."
"Viel Zeit habe ich nicht", brummte Senator T'winku, während
er der Jedi einen Platz auf dem bequemen Repulsorsofa anbot. Isaphàn
setzte sich und registrierte die zugleich elegante wie funktionale Ausstattung
des Raumes: den versenkbaren Transparistahl-Schreibtisch, den virtuellen kleinen
Springbrunnen in der Mitte des Zimmers, die mit kostbaren Foranoseiden-Teppichen
verhängten Datathek-Schränke.
Auch T'winku ließ seinen schmalen, sehnigen Körper in einen Sessel
fallen. Er führte die Hände über seiner Brust zusammen, wobei
er die langen, krallenbewehrten Finger gegeneinander legte.
"Nun, was führt Sie zu mir? So kurz bevor das Misstrauensvotum gegen
unsere verehrte Präsidentin beantragt wird, gibt es eine Menge zu besprechen.
Das Votum wird von einer breiten Opposition unterstützt. Da gibt es viel
Arbeit, die unentschlossenen Senatoren auf die Seite der Regierung zu ziehen.
Sie müssen schon einen sehr wichtigen Grund haben, mich jetzt aufzusuchen."
"Oh, was das Misstrauensvotum angeht, brauchen Sie sich keine Sorgen
zu machen, Senator." Isaphàn strahlte, als ob sie ihrem Gesprächspartner
soeben einen lang gehegten Geburtstagswunsch erfüllt hätte.
T'winku verzog sein langes, rattenähnliches Gesicht. "Was macht
Sie so sicher? Der Ausgang der Abstimmung steht noch keineswegs fest."
"Nun, Präsidentin Organa Solo dürfte keine Probleme mehr haben,
wenn sie in der Senatsversammlung den Verräter entlarvt, nach dem sie
schon so lange sucht."
"Ich bitte Sie!" T'winku wirkte verärgert. "Lassen Sie
doch dieses Ablenkungsmanöver! Die Präsidentin allein ist es, die
immer noch an einen Verräter glaubt. Wenn sie irgend einen Sündenbock
aus dem Hut zaubert, wird niemand im Senat darauf hereinfallen."
"Diese Sichtweise teile ich nicht, Senator. Es gibt nämlich eindeutige
Beweise. Ich selbst habe die Identität des Verräters entdeckt."
T'winku reagierte mit Spott: "Ach ja? Haben Sie auf der Lauer gelegen,
als jemand in der Datathek der Regierung herumgewühlt hat?"
"Nein", erwiderte Isaphàn ruhig. "Ich habe lediglich
die Kuriersonden der Mitglieder des Obersten Sicherheitsrates manipuliert.
Anstelle des eingegebenen Zielortes waren alle Hyperraumvektoren auf Yavin
4 ausgerichtet. Der Jedi-Meister Luke Skywalker hat die Kuriersonden in Empfang
genommen und den Inhalt überprüft. Waren die Botschaften unverdächtig,
hat er die Sonden wieder auf die Reise geschickt, diesmal zu ihrem eigentlichen
Ziel. Aber in einem Fall ist er fündig geworden. Eine Sonde enthielt
Regierungsgeheimnisse. Ich habe den Datazylinder dabei."
Mit diesen Worten holte sie einen schwarzen Zylinder aus ihrer Ledertasche
und legte ihn auf den Tisch.
T'winku war während ihrer Erklärung nervös in seinem Sessel
hin- und hergerutscht. Jetzt aber sprang er erregt auf.
"Was fällt Ihnen ein! Sie haben in den Angelegenheiten des Obersten
Sicherheitsrates herumgeschnüffelt. Das ist verfassungswidrig!"
"Geheimnisverrat ist auch verfassungswidrig, Senator. Ich ..."
Weiter kam Isaphàn nicht, denn T'winku hielt plötzlich einen Blaster
in der Hand. Doch bevor der Senator auch nur auf die Jedi zielen konnte, wurde
er bereits von einem Macht-Stoß durch den Raum geschleudert.
Im Nu stand Isaphàn über ihm und hielt ihre Lichtschwertklinge
in bedrohlicher Nähe seiner Kehle.
"Sehen Sie, Senator, Sie haben gleich zwei Fehler gemacht. Einmal, dass
sie Ihre eigene Kuriersonde benutzt haben. Und zum anderen Ihre Reaktion hier.
Wir haben das, was soeben passiert ist, mit einem versteckten HoloRecorder
aufgezeichnet. Die Aufnahme wird ihren Eindruck auf die Senatsversammlung
nicht verfehlen. Ich bin ganz sicher, dass Leia Organa Solo auch morgen noch
Präsidentin der Neuen Republik ist."
In der 123. Etage des Bürogebäudes des Geheimdienstes der Neuen
Republik, ganz am Ende eines langen Ganges, versteckt hinter Kistenstapeln
und ausrangierten Möbeln, lag das Referat Analyse-Routinen der Abteilung
Computer-Spionage innerhalb der Hauptabteilung Spionage-Abwehr. Niemand im
Geheimdienst, der von diesem Referat wusste, machte sich Illusionen über
die Bedeutung der Arbeit, die hier geleistet wurde. Am wenigsten die beiden
Beschäftigten selbst. Nkwombe Afolabi und Peris Kneebone nannten sich
sogar "die Vergessenen", weil sich anscheinend niemand in der gesamten
Galaxis für ihre Tätigkeit interessierte.
Beide Männer waren in die Jahre gekommen und standen kurz vor dem Ruhestand.
Füher einmal hatten sie zu den Cracks gehört, waren ebenso erfolgreich
und dynamisch gewesen wie die Jungs, die räumlich gesehen nur eine Etage,
in der Bedeutung jedoch meilenweit über ihnen residierten und zum Beispiel
den Hackerangriff der Computerspezialistin Helen Moonlight entdeckt hatten.
Jetzt aber zählten Afolabi und Kneebone zum alten Eisen, gerade gut genug,
langweilige Analyse-Routinen abzuspulen, deren Ergebnisse auf Nimmerwiedersehen
in irgendwelchen Datenarchiven abgespeichert wurden. Beide Männer hatten
sich längst mit diesem Zustand abgefunden. Sie nutzten die für ihre
Aufgabe viel zu lange Arbeitszeit für ausgedehnte Sabacc-Partien oder
um Freizeit-Computersimulationen zu entwickeln, die sie unter der Hand an
Interessierte verkauften. Ihre einzige Sorge war lange Zeit der jährliche
Rechnungsprüfungsbericht des Geheimdienst-Ausschusses gewesen, der ihre
Stellen als überflüssig hätte einstufen können. Doch nachdem
Peris Kneebone ihr Referat aus dem Gehaltsabrechnungscomputer getilgt und
stattdessen den "operativen Sonderfonds" für ihre Lohnzahlungen
angezapft hatte, war auch von dieser Seite nichts mehr zu befürchten.
So verging die Zeit geruhsam, aber eintönig.
Für Nkwombe Afolabi war es deshalb eine willkommene Abwechslung, dass
eines Tages ein ramponiert aussehender Kammerdiener-Droide bei ihnen auftauchte.
Er führte eine HoloNachricht von einer Jedi mit sich, die darum bat,
den Droiden in seinen Recherchen wegen einer vom Shuttle-Raumhafen Newport
versandten HoloÜbertragung zu unterstützen. Da Peris Kneebone gerade
an einer neuen Freizeit-Simulation arbeitete, kümmerte sich Afolabi selbst
um den Droiden. Stundenlang, tagelang durchforstete er die routinemäßig
aufgezeichneten Übertragungsprotokolle und überprüfte die Adressaten
der Sendungen. Schließlich entdeckte er etwas Verdächtiges.
"Nicht identifizierbarer Adressat", murmelte Afolabi. "Das
könnte es sein."
Er gab den Richtfunkvektor in die galaktographische Datenbank ein. Nach wenigen
Sekunden erhielt er das Ergebnis und überspielte es auf ein Datapad.
"99,903% Wahrscheinlichkeit für einen Adressaten im Orbit des Planetoiden
LZ 514. GL02, ich denke, wir haben gefunden, was du suchst."
"Vielen Dank, Sir", antwortete der Droide, als er das Pad entgegennahm.
"Sie haben mir sehr geholfen. Die Kooperation mit Ihnen war überaus
angenehm. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss das Ergebnis weitergeben."
Nkwombe Afolabi sah dem davontrippelnden Droiden wehmütig nach. Seit
langer Zeit hatte sich endlich wieder jemand für seine Arbeit interessiert.
Und hatte ihn "Sir" genannt.
"Hey Peris", rief er seinem Kollegen zu. "Wie wäre es
mit einer Partie Sabacc?"
Als Obi-Nor Gildorian mit seiner Pilotin Rhysbe die Courier III wieder
in Besitz nahm, warteten zwei verschlüsselte HoloMails auf ihn. Die eine
war von seiner Tochter Yo-Karah, die auf Tatooine gewesen war, sich aber inzwischen
auch auf Coruscant befand. Sie bat ihn, so schnell wie möglich in den
Palast der Präsidentin zu kommen, wo er zu einer Einsatzbesprechung erwartet
wurde. Es ging offensichtlich um seine Schwester Helen. Die andere Mail war
von seiner Verwaltungschefin Stella Likori. Sie forderte ihn auf, sich sofort
mit ihr in Verbindung zu setzen. "Benutze Verschlüsselungscode L18",
hatte sie hinzugefügt, ein sicheres Zeichen für eine äußerst
wichtige Angelegenheit.
"Mach die Mühle schon mal startklar, Rhysbe!" rief Obi-Nor
Richtung Cockpit. Dann ging er in seine Privatkabine und aktivierte die HoloÜbertragung.
Stellas Bild erschien.
"Hallo Obi-Nor. Ich muss dir etwas wichtiges mitteilen", begann
sie ohne lange Einleitung. "Der Oberbefehlshaber der Marine der Neuen
Republik, Admiral Ackbar, hat angefragt, ob wir ihm die IDs und Zugriffcodes
unserer Frachter für eine Kriegsflotte zur Verfügung stellen. Er
braucht sie für eine Woche."
"Was will der?!" Obi-Nor starrte mit offenem Mund in das
Aufzeichnungsgerät.
"Es geht um einen Computerhack. Offenbar sind die regulären IDs
der Marine nicht sicher. Er möchte eine Flotte als Frachter tarnen. Das
Ganze ist natürlich streng geheim."
Obi-Nor schnaubte. "Was denkt der sich eigentlich? Wir können doch
nicht unsere Frachterflotte für eine Woche stilllegen! Stell dir mal
vor, was das heißt: Voll beladene Frachter, die ohne ID in einem Raumdock
rumdümpeln, verspätete Lieferungen, verprellte Kunden, tobende Piloten,
denen man das Schiff unter dem Hintern wegzieht. Und niemandem darf man wegen
der Geheimhaltung eine Erklärung geben. Und dann die Langzeitfolgen!
Wir geraten als Firma in Misskredit. Will der unsere IDs haben! Hat man sowas
schon mal gehört?!"
Stellas Stimme war vollkommen ruhig, als sie antwortete. "Ich habe bereits
zugestimmt, Obi-Nor."
"Du hast was?"
"Ich habe meine Entscheidungsvollmacht genutzt. Es ist im höchsten
Sicherheitsinteresse der Neuen Republik."
"Du bist gefeuert, Stella. Fristlos."
"Wie du meinst, Obi-Nor. Gibt es sonst noch etwas?"
"Ja, sag Cooleesha, sie soll alle meine Termine für die nächsten
zwei Wochen absagen."
Für zwei Jahre wäre besser, dachte er.
"Tut mir Leid, aber du hast mich soeben gefeuert. 'Fristlos', wenn ich
mich recht entsinne."
"Nun sei mal nicht so zickig!" brummte Obi-Nor. "Also gut,
dann bist du halt wieder eingestellt. Stella, du weißt genau, dass ich
dich nicht rauswerfe. Aber alle unsere IDs ..." Mitten im Satz hellte
sich seine Miene auf. "Ja, das ist es ... Du wirst keineswegs gefeuert.
Im Gegenteil: Du bist persönlich für alle Beschwerden unserer Frachterbesatzungen
zuständig. Sie werden alle in dein Büro kommen, Stella, einer nach
dem anderen. Sie werden ihre Hände, Klauen, Tentakel oder was auch immer
um deinen Hals legen und zudrücken. Oder dich in kleine Stücke hacken
und aufessen."
"Wie du willst, Obi-Nor. Ich werde sie besänftigen, indem ich sie
an der finanziellen Entschädigung beteilige."
"Finanzielle Entschädigung?" Nun war die Miene des Händlers
schon wesentlich freundlicher. "Wie viel?"
"350.000 Credits für die Woche."
Obi-Nor zuckte die Achseln. "Na ja, besser als nichts. Das deckt immerhin
unsere Kosten."
"Pro Frachter", ergänzte Stella.
"Pro Frachter?" Obi-Nor verschlug es die Sprache.
"Richtig. Bei 16 Frachtern macht das exakt 5,6 Millionen Credits."
"Für eine einzige Woche! Mensch, Stella, wir werden noch reich!"
"Sind wir doch schon."
Obi-Nor runzelte die Stirn. "Wieso eigentlich nur 16 Frachter? Hast du
die ID der Courier etwa nicht vergeben?"
"Nein, sie ist doch deine Privatyacht."
"Für 350.000 Credits kann ich doch auf sie verzichten und eine Woche
lang eine Charterfähre nehmen!"
"Ich hätte kein Geld für die Courier verlangt. Die Entschädigung
bezieht sich nur auf aktive Frachter im Transportdienst."
Obi-Nor verzog den Mundwinkel. "Du bist einfach zu ehrlich für diese
Galaxis, weißt du das?"
Doch dann strahlte er über das ganze Gesicht. "Stella, was würde
ich bloß ohne dich machen?"
"Dich über jemand anders ärgern?" lachte sie und schaltete
die HoloÜbertragung ab.
Der Planet Merilaque war eine Wasserwelt. Nur wenige große und Hunderttausende
von kleinen Inseln unterbrachen den gewaltigen, sich über den gesamten
Himmelskörper erstreckenden Ozean. Jael Jinn Hajom landete auf der größten
von mehreren kleineren Inseln in der Nähe des Äquators. Die Koordinaten
hatte sie nach den Angaben der Galaktographischen Gesellschaft über das
Volk der Meri ausgesucht. Neben winzigen Eilanden und Sandbänken bestand
die Inselgruppe aus schroffen, steil aus dem Wasser ragenden Bergen vulkanischen
Ursprungs. Aufgrund ihrer dichten Dschungel-Vegetation sahen die Inseln aus
wie grüne Erdschaufler-Hügel auf einer blauen Wiese. An manchen
Stellen gab es allerdings auch flache Sandstrände und geschützte
Buchten. Einen dieser Strände steuerte Jael an.
Nachdem sie die Repulsoraggregate heruntergefahren hatte, stieg Jael aus der
Fähre. Sie spürte die warme, feuchte Meeresbrise in ihrem Haar,
schmeckte den intensiven salzigen Geschmack auf der Zunge, roch die exotischen,
süß duftenden Pflanzen. Die Insel strahlte eine friedliche Atmosphäre
aus.
Aber die Jedi fühlte noch etwas anderes: eine ferne, bedrohliche Präsenz,
eine Irritation in der Macht. Sie schaute über das Wasser und
erblickte am Horizont eine einzelne Insel, die die Quelle dieser Präsenz
zu sein schien.
Dann bemerkte Jael eine Bewegung im Meer, unweit der Insel. Eine Gestalt schwamm
dicht unter der Wasseroberfläche. Sie kam rasch näher, wobei sie
von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Wasser hob, um Luft zu holen. Als sie das
flach abfallende Ufer erreichte, erhob sie sich und ging die letzte Strecke
zum Strand. Es war eine Menschenfrau. Zuerst glaubte Jael, ein nichtmenschliches
humanoides Wesen vor sich zu haben, das glänzende Fischschuppen anstelle
einer Haut besaß. Doch dann sah sie, dass der Glanz von einem eng anliegenden
Schwimm-Anzug stammte, der wie eine zweite Haut jede Rundung des Körpers
betonte. Die Schwimmerin schüttelte sich, und der Anzug verwandelte sich
augenblicklich wie durch Zauberei in ein weites, Figur umspielendes, glänzendes
Gewand.
Die Frau kam näher. Sie war Mitte Zwanzig, hatte ein rundes, freundliches
Gesicht und meeresgrüne, leuchtende Augen. Ihr blondes Haar bewegte sich
nicht im Wind, sondern schwang sanft hin und her wie Seegras unter Wasser.
Zwischen den Zehen ihrer nackten Füße sah Jael Ansätze von
Schwimmhäuten.
"Willkommen auf unserer Insel", sagte die Frau. "Bist du Händlerin?
Willst du uns etwas verkaufen?"
Jael war erstaunt. Die Daten der Galaktographische Gesellschaft besagten,
dass die Meri gar nicht oder nur sehr schwerfällig Basic sprachen. Doch
diese Frau redete, als hätte sie die Rhetorik-Akademie auf Coruscant
besucht.
"Ich bin keine Händlerin", erwiderte Jael. "Mein Name
ist Jael Jinn Hajom. Ich interessiere mich für eure Wasserkunstwerke."
Ein Schatten flog über das Gesicht der Meri. "Nur ein einziges unserer
Kunstwerke hat jemals diesen Planeten verlassen. Bist auch du gekommen, um
Tribut zu fordern?" Sie deutete auf den Lichtschwertgriff an Jaels Gürtel.
"Ist das deine Waffe? Kämpfst du auch mit dem leuchtenden Stab?"
Jael nickte. "Ja, das ist meine Waffe. Aber ich will keinen Tribut von
euch. Ich komme in friedlicher Absicht. Vor mir war bereits jemand mit Lichtschwert
hier? Wer war es?"
Die Frau deutete zum Horizont, in die Richtung, aus der Jael die bedrohliche
Präsenz fühlte. "Es war der Diener des bösen Geistes,
der auf der Insel dort wohnt. Wir mussten ihm eines unserer Kunstwerke als
Tribut geben. Wenn du in friedlicher Absicht gekommen bist, dann folge mir
in unser Dorf. Sei willkommen."
"Nenn mir deinen Namen", bat Jael.
"Ich bin Sevat Lorique."
"Wie kommt es, dass du so gut Basic sprichst, Sevat Lorique?"
Die Meri antwortete selbstbewusst, aber ohne eine Spur Überheblichkeit:
"Ich habe den Segen der wissenden Zunge. Wenn ich eine Sprache höre,
kann ich die Laute so aussprechen, als sei ich mit ihnen aufgewachsen."
Jael folgte Sevat Lorique auf einem schmalen Dschungelpfad den Berg hinauf.
Auf halber Höhe, rund 400 Meter über dem Meer, gab es einen Bergabsatz,
ein flaches Gelände, dass die Meri gerodet hatten. Hier standen geräumige
Holzhütten im Halbkreis um mehrere Feuerstellen. Es mochten etwa 200
Menschen sein, die hier lebten, davon waren fast die Hälfte Kinder. Die
meisten von ihnen umsprangen laut rufend die fremde Besucherin, versuchten,
ihr Haar oder den Stoff ihrer Robe anzufassen, drängten sich gegenseitig
weg und richteten ein gewaltiges Durcheinander an.
Plötzlich rief eine helle Jungenstimme: "Hegla hachbrasi!"
Der Junge, der die Worte ausgerufen hatte, zeigte mit schreckensweit geöffneten
Augen auf Jaels Lichtschwert. Mit einem Schlag waren alle Kinder still, wie
erstarrt.
Sevat Lorique sprach schnell eine Erklärung in der Merisprache, und die
Kinder entspannten sich sichtlich.
Sie gelangten ohne weitere Belästigung zu den Feuerstellen, wo einige
alte Frauen und Männer saßen.
"Das sind die Ältesten unseres Dorfes", erklärte Sevat
Lorique. "Sie sind zu alt, um zu fischen. Fast alle Erwachsenen sind
draußen im Meer, um Fische zu fangen. Ich habe auch gejagt, bin aber
heimgekehrt, als wir dein fliegendes Schiff sahen."
"Alle Erwachsenen gehen auf die Jagd?" fragte Jael. "Ist es
mühsam, Nahrung im Meer zu finden?"
Sevat Lorique schüttelte betrübt den Kopf. "Das Meer war sehr
fischreich. Aber seit der böse Geist auf der Insel wohnt, sind die meisten
Fische verschwunden. Wir müssen lange suchen, bis wir wir genug Nahrung
finden."
"Was weißt du über den 'bösen Geist'?"
"Nur, dass er viele Fische verjagt hat. Und dass wir ihm Früchte
und Fische als Tribut geben müssen."
Jael wurde hellhörig. "Tribut? Wie gebt ihr ihm die Nahrungsmittel?"
"Jeden Morgen fährt Tegmar Galory mit unserem Schwebeboot zur Insel
hinüber und legte den Tribut an den Strand. Sie hat den Geist nie gesehen,
aber sie spürt ihn jeden Tag."
Jael schaute zu der fernen Insel am Horizont hinüber.
"Wie kann ich unbemerkt dorthin gelangen?" fragte sie.
Auch Sevat Lorique schaute zur Insel. "Mein Vetter Thorpe Lorique kann
dich hinüber bringen. Er ist der beste Schwimmer von uns allen."
Die alten Leute am Feuer hatten bemerkt, dass sich die Frauen über die
Insel des "bösen Geistes" unterhielten. Nun sagte einer der
Männer auf Meri etwas zu Sevat Lorique.
"Er möchte wissen, ob du gekommen bist, um den bösen Geist
zu töten", übersetzte sie.
Jael schaute nachdenklich zu der Insel am Horizont.
"Ich weiß es nicht", sagte sie. "Ich weiß nicht,
was ich tue, wenn ich dort bin."
Obi-Nor und Rysbe begrüßten der Reihe nach die Anwesenden im privaten
Konferenzraum von Präsidentin Leia Organa Solo. Leia selbst war nach
der Ablehnung des Misstrauensvotums ebenso erleichtert wie Isaphàn
Dera Sh'sandrò, die den Verräter im Obersten Sicherheitsrat entlarvt
hatte. Yo-Karah umarmte ihren Vater, schien aber aus irgendeinem Grund bedrückt
zu sein.
"Was hast du?" fragte Obi-Nor.
"Nicht jetzt. Ich erzähle es gleich", antworte seine Tochter.
GL02 machte eine elegante Verbeugung. "Ich bin überaus erleichtert,
Euch gesund wiederzusehen, Mylord."
"Ich freu mich auch, George. Ich habe deinen K'Feh-Trank vermisst."
Admiral Ackbar dankte Obi-Nor für die Überlassung der Frachter-IDs,
was der Händler mit einem Hinweis auf seine patriotische Gesinnung als
selbstverständlich abtat.
Die letzte Person im Raum war Obi-Nor unbekannt. Es war ein großer,
muskulöser Mann, der direkt aus der Nahkampf-Arena von Menastir zu kommen
schien. Er stellte sich als Major Nees Crowe vor.
Leia eröffnete die Besprechung.
"Unser Kampf gegen die neue imperiale Bedrohung tritt in eine wichtige,
vielleicht entscheidende Phase. Wir rechnen mit einer Raumschlacht bei Dantooine.
Alles Nötige für den Einsatz der Flotte hat Admiral Ackbar bereits
unternommen. Die innenpolitische Lage im Senat bekommen wir langsam unter
Kontrolle. Ich habe Sie hergebeten, weil wir noch an anderen Fronten zu kämpfen
haben. Zunächst aber möchte ich dich, Yo-Karah, bitten, von deiner
Begegnung mit der Seherin Yogi-Tea zu erzählen."
Yo-Karah berichtete in knappen Worten von dem abtrünnigen Jedi Darth
B'Yern und dessen Versuch, die Herrschaft über die Galaxis zu übernehmen.
Danach kam sie auch auf Darth Rage, ihren Stiefbruder zu sprechen.
Obi-Nor wurde blass. "Wala hatte einen Sohn? Und der ist ein Sith? Yo,
davon habe ich nichts gewusst."
Seine Tochter nickte. "Ich weiß, Vater."
Leia führte die Versammlung wieder zum eigentlichen Thema zurück:
"Jedi Hajom ist zum Planeten Merilaque gereist. Auf Dantooine gab es
einen Hinweis, dass es dort möglicherweise eine Spur von Darth Rage oder
Darth B'Yern gibt. Leider haben wir keinerlei Nachricht von Jedi T'Abora.
Sie ist zu ihrem Heimatplaneten Tuán geflogen, hat sich aber nicht
mehr gemeldet."
Yo-Karah und Isaphàn wechselten einen besorgten Blick.
"Unsere Zusammenkunft hier dient aber einem anderen Ziel", fuhr
Leia fort. "Admiral Ackbar bitte."
Der Calamarianer ergriff mit seiner sonoren Stimme das Wort.
"Wie Sie wissen, ist die Computerspezialistin Helen Moonlight in unseren
militärischen Zentralcomputer eingedrungen und hat die IDs und Zugriffscodes
unserer Großkampfschiffe gestohlen. Wir sind uns im klaren, dass sie
zu dieser Tat gezwungen wurde. Mittlerweile haben wir sichere Indizien, von
wo aus der Zugriff erfolgte. Die HoloAufzeichnung, die der Kopfgeldjäger
bei der Entführung von Mr. Gildorian gesendet hat, war an den Orbit des
Planetoiden LZ 514 gerichtet. Das andere, was wir herausgefunden haben, ist,
dass Helen Moonlight eine Software, einen so genannten 'Pendler' in unserem
Computer installiert hat. Dieses Programm tauscht Informationen zwischen zwei
Netzwerken aus. Wir haben Konstruktionsdaten von einer orbitalen Forschungsstation
gefunden. Es liegt auf der Hand, dass diese Forschungsstation den Planetoiden
LZ 514 umkreist. Wir haben Sie zusammengerufen, weil wir die Station einnehmen
wollen, um Helen Moonlight zu befreien und die imperialen Wissenschaftler
festzunehmen. Die Aktion wird von Major Crowe geleitet. Major?"
"Ich bin der Kommandant des mobilen Enterkommandos des Marine-Geheimdienstes",
begann Crowe mit kühler, sachlicher Stimme, die zugleich Energie und
Entschlossenheit verriet. "Der Planetoid umkreist einen Stern, der häufig
Protuberanzen ausstößt. Wenn uns ein Hyerraumsprung genau auf die
gedachte Linie zwischen Stern und Planetoid gelingt, wenn wir dort mit einer
Protonenbombe den Effekt einer Protuberanz simulieren können und - im
Schutz der Explosion - mit einem Mikrosprung unmittelbar bis zur Station kommen,
dann haben wir die Chance reinzukommen."
Erstaunte Mienen quittierten seinen Plan.
"Das Problem ist nun, dass unser etatmäßiges Schiff im Zentralcomputer
registriert ist. Wir brauchen daher die ID Ihrer Courier, Mr. Gildorian."
"Gegenvorschlag: Wir nehmen die Courier selbst", meinte der
Angesprochene. "Rhysbe, du kriegst das doch hin?"
"Kein Prrroblem, Obi-Norrr."
"Kommt nicht in Frage, Mr. Gildorian", wehrte Crowe ab. "Das
ist nichts für Zivilisten. Wir nehmen unser Schiff. Und Sie sind bei
der Aktion im übrigen gar nicht dabei."
"Vergessen Sie's, Major", entgegnete Obi-Nor schroff. "Es geht
um meine Schwester, und ich bin dabei, Punkt. Hör mal, Leia, du hast
mich doch nicht herbestellt, nur damit ich mein Schiff zur Verfügung
stelle?!"
Leia schüttelte den Kopf. "Major, wenn Obi-Nor will, ist er dabei.
Wie die beiden Jedi hoffentlich auch?"
Isaphàn nickte.
"Das war für mich selbstverständlich", ergänzte Yo-Karah.
"Also gut", gab sich Crowe geschlagen. "Platz genug für
die Crew und unser Equipment müsste in der Courier vorhanden sein."
"Was führen Sie denn alles mit?" wollte Obi-Nor wissen.
"Neben den üblichen Handfeuerwaffen haben wir Sprengsätze und
mobile Luftschleuse für den Einstieg, Ortungsgeräte und einen mobilen
Bactatank sowie zwei Medi-Droiden. - Ja, Mr. Gildorian, wir werden nicht gerufen,
wenn es um einen Spaziergang geht. Das wird ein harter Job."
Nun meldete sich auch GL02 zu Wort. "Mylord, ich hoffe, ich darf mitkommen?"
Bevor Major Crowe protestieren konnte, antwortete Obi-Nor: "Klar, George,
noch einmal verlasse ich diesen Planeten nicht ohne dich."
"Was ist eigentlich mit der 'Pendler-Software' passiert, Admiral?"
wollte Yo-Karah wissen.
"Wir haben das Programm gestoppt, bevor es ein weiteres Mal Kontakt mit
der Forschungsstation aufnehmen konnte. Wir können nicht entschlüsseln,
welche Daten oder Befehle es transportiert."
"Ich weiß nicht", überlegte Isaphàn. "Wenn
ich Helen Moonlight richtig einschätze, dann hat sie sich etwas einfallen
lassen, das den Imperialen schadet. Sie sollten das Programm wieder in Gang
setzen."
"Miss Moonlight könnte zu der Aktion gezwungen worden sein",
wiegelte der Calamarianer ab. "Sie könnte unter Drogeneinfluss oder
Folter gestanden haben. Es ist zu riskant."
"Andererseits hat sie uns mit dem Pendler offensichtlich Daten über
die Station in die Hände gespielt", warf Yo-Karah ein. "Das
klingt nicht nach Kooperation mit den Imperialen."
Obi-Nor unterstützte die beiden Jedi. "Wir können Helen vertrauen.
Ich weiß einfach, dass wir ihr vertrauen können."
Admiral Ackbar wandte sich an die Präsidentin. "Was entscheiden
Sie, Leia?"
"Setzen Sie den 'Pendler' wieder in Gang, Admiral."
Man hätte ein Staubkorn fallen hören können,
so still war es im Zentrallabor der Forschungsstation im Orbit des Planetoiden
LZ 514. Ohne sich zu bewegen, ohne einen einzigen Laut betrachteten die Anwesenden
die Reihe der Bilder, die nacheinander vom HoloProjektor gezeigt wurden. Es
waren Bilder der quallenartigen P'Rach, die sich anschickten, eine Serie von
Terroranschlägen auszuführen. Sie waren über die gesamte Galaxis
verstreut, lauerten auf der Besucherplattform des republikanischen Senats,
in der berühmten "Starship Lounge" und im Frachtzentrum des
Raumhafens Eastport auf Coruscant. Ebenso im Regierungsgebäude auf Corellia,
in der Akademie der Wissenschaften von Erdres auf Trexx, in der Unterwassersiedlung
"Korallenstadt" auf Calamar. Und in unzähligen Raumhäfen,
Werften, HoloMail-Relaisstationen, Nachrichtenagenturen, Handelsadministrationen.
Alle waren bereit, auf einen zentralen Einsatzbefehl hin zuzuschlagen und
das öffentliche Leben der Neuen Republik in ein Chaos zu verwandeln.
Schließlich brach Colonel Stym Grchmarrh das Schweigen. "Die Anschläge
werden Furcht und Schrecken in der Neuen Republik verbreiten, Lord Rage. Aber
militärstrategisch bringen sie uns nicht viel weiter."
"Das stimmt, Colonel", gab ihr der Sith Recht. "Aber für
einen militärstrategisch bedeutsamen Schlag fehlen uns noch die nötigen
Mittel. Wir werden die Republik von innen her lähmen. Der Senat und die
Regierung werden handlungsunfähig sein. Dutzende von Welten werden sich
von der Republik abwenden und im Imperium Zuflucht suchen."
"Wie Sie meinen, Lord Rage. - Sind Sie bereit, Chefingenieur?"
P'rr Malven wischte sich Schweißtropfen von der Stirn. Unbehaglich rutschte
er auf seinem Stuhl hin und her. Seine grüne Haut hatte einen leichten
Gelbton bekommen, als er das ungeheure Terror-Potenzial auf den HoloBildern
erkannt hatte.
"Ich, äh, ich bin bereit, Colonel", sagte er schließlich.
Aber es klang nicht besonders glücklich.
"Dann geben Sie den Befehl, Chefingenieur!" ordnete Stym Grchmarrh
mit kalter Stimme an.
P'rr Malven bewegte seine Hand in die Nähe einer Steuerkonsole. Er zögerte
kurz, schaute hinüber zu seinem Assistenten Zmargeno, der sich aufgeregt
das Gefieder putzte, zuckte die Schultern und entsicherte einen rot blinkenden
Auslöseknopf.
In diesem Augenblick ging das Licht aus, und der Zentralcomputer schaltete
sich ab.
Nach drei Sekunden in völliger Dunkelheit flammte eine dämmrige
Notbeleuchtung auf.
"Der Computer ist ausgefallen!" rief P'rr Malven erschrocken.
"Wie kann das passieren?!" stimmte Zmargeno ein.
Colonel Grchmarrh blieb äußerlich völlig ruhig. "Fahren
Sie ihn wieder hoch!"
Die Wissenschaftler verfielen in hektische Betriebsamkeit, probierten verschiedene
Schalter und Knöpfe, steckten dann die Köpfe zusammen und berieten
sich leise. Dann wandte sich P'rr Malven mit verlegener Miene an die Offizierin.
"Wir können den Computer nicht starten, Colonel. Wir, äh, unser
Zugriff ist blockiert."
"Was soll das heißen?" schnaubte Stym Grchmarrh.
"Sabotage", erklärte Darth Rage ruhig. "Helen Moonlight
muss den Computer sabotiert haben."
"Das wäre möglich", schnatterte Zmargeno. "Es würde
auch erklären, warum wir keinerlei Zugriff haben. Das Notstromaggregat
ist nicht an den Zentralcomputer gekoppelt. Aber sonst können wir auf
kein System zugreifen."
"Es gibt noch ein anderes Problem." P'rr Malvens Haut war leuchtend
gelb geworden. "Der Zentralcomputer steuert die Reaktorkühlung.
Der Reaktorkern wird schmelzen."
Bevor Stym Grchmarrh etwas darauf erwidern konnte, hallte der Knall einer
Explosion durch die Forschungsstation.
"Wir werden angegriffen", konstatierte sie und griff nach ihrem
VoiceCom.
Lord Rage drehte sich ohne ein Wort zu sagen um und verließ mit wehendem
Umhang den Raum.
Der Nachthimmel über der Inselwelt Merilaques war sternenklar. Eine kalte
Brise wehte über das Meer und ließ Jael frösteln. Sie schlüpfte
in den seltsamen, schuppig wirkenden Anzug, den die Meri zu Schwimmen benutzten.
Ohne weiteres Zutun legte sich das Kleidungsstück wie eine zweite Haut
um ihren Körper.
"Da kommt mein Vetter Thorpe." Sevat Lorique deutete auf einen Mann,
der den Strand entlang lief. Er war größer und kräftiger als
seine Cousine, mit mächtigen Oberarm- und Beinmuskeln. Seine Füße
waren riesig. Sie glichen Flossen, da die Schwimmhäute zwischen seinen
Zehen ausgeprägter waren als bei den anderen Meri. Die meeresgrünen
Augen und das sanft hin und her schwebende Blondhaar verrieten, dass er aus
der gleichen Familie stammte wie Sevat.
Thorpe schlang sich einen Gurt um seine Schultern und sagte etwas auf Meri
zu Jael.
"Du sollst dich daran festhalten", übersetzte Sevat.
Jael überlegte, ob sie das Angebot ablehnen sollte. Schließlich
war sie keine schlechte Schwimmerin. Doch dann entschied sie, es anzunehmen.
"Ich werde mich festhalten", antwortete sie. "Tegmar Galory
weiß Bescheid, dass sie den Wassergleiter am Strand stehenlassen und
mit Thorpe zurückschwimmen soll?"
"Es ist alles besprochen", nickte Sevat Lorique. "Du wirst
das Schwebeboot auf der Insel finden. Jetzt schwimmt! Ihr müsst bei Sonnenaufgang
dort sein."
Auch Thorpe Lorique schaute ungeduldig zum Horizont, wo in wenigen Stunden
die Sonne aufgehen würde.
Jael wandte sich noch einmal an die Meri-Dolmetscherin: "Ich danke dir
für die Hilfe, Sevat."
Dann stieg sie mit Thorpe Lorique ins Wasser.
Die Stimmung im Hangar des Flattop-Kreuzers Protector war angespannt.
Die Jäger-Besatzungen waren benachrichtigt worden, dass der Hyperraumaustritt
bevor stand. Routiniert checkten die Piloten die Maschinen durch, doch unausgesprochen
hing die Frage im Raum, wie sie die neuen X-Wings unter Kampfbedingungen steuern
konnten. Einen Jäger im Flugsimulator zu verlieren, war eine Sache. Aber
wenn es gegen echte TIEs ging? Lyndea musste immerzu an den letzten Simulatortest
denken. Der Flugfehler nagte an ihrem Selbstbewusstsein. Sie hatte instinktiv
wie in einem herkömmlichen X reagiert. Aber sie hätte wissen
müssen, dass der neue Typ ganz anders manövriert werden musste.
Es war ein echtes Dilemma: Im Kampf mit feindlichen Abfangjägern durfte
sie nicht lange nachdenken, wie sie die Maschine zu handhaben hatte. Aber
wenn sie nur ihren gewohnten Reflexen und Instinkten traute, konnte das katastrophale
Folgen haben.
Ihr HelmCom riss sie aus ihren Gedanken.
"Gold zwei einsatzbereit."
"Gold sechs einsatzbereit."
"Gold vier einsatzbereit."
"Gold drei einsatzbereit."
"Gold fünf einsatzbereit."
Nun meldete auch Lyndea: "Gold eins und gesamte Goldstaffel einsatzbereit."
Auch die anderen vier Staffelkommandanten meldeten ihre Bereitschaft.
Eine Minute später lief ein Zittern durch den Flattop-Kreuzer,
das Anzeichen für die Rückkehr in den Normalraum. Und nur wenige
Sekunden später kam die erwartete Nachricht über HelmCom.
"Brücke an alle: Imperiale Flotte voraus. Ein Sternzerstörer
Empire-Klasse, sechs der Victory-Klasse, vier leichte Kreuzer,
vier Kanonenboote. Operativer Befehl: Alarmstart der Jäger. Ich wiederhole:
Alarmstart der Jäger."
Die Repulsoraggregate sprangen an und hoben die X-Wings einige Meter über
den Boden. Dann zündeten die Piloten die Sublichttriebwerke und die vier
Staffeln jagten hinaus in den Weltraum.
Sha'In-Mar spürte, wie die dunkle Präsenz, die den alten Tempel
erfüllte, anwuchs und stärker wurde. Sie straffte sich und tastete
nach dem Lichtschwertgriff. Plötzlich erloschen die Energieschilde, und
die schwere Steintür glitt zur Seite. Eines dieser quallenartigen Wesen
schwebte herein und winkte die Jedi mit einem Tentakel heraus. Sha'In-Mar
spürte ihren Zorn und die Versuchung, das Wesen auf der Stelle mit ihrem
Lichtschwert zu töten. Doch sie rang diese Gefühle nieder. Sie nahm
das Lichtschwert, ohne es zu aktivieren, und verließ die Zelle. Das
Wesen schwebte voran und zeigte der Jedi den Weg. Es führte sie eine
mächtige Steintreppe hinauf, Stockwerk um Stockwerk, bis es auf dem obersten
Treppenabsatz vor einer kleineren Tür hielt und bedeutete, dass Sha'In-Mar
weitergehen solle.
Die Jedi spürte eine grausame, bedrohlich nahe Präsenz hinter der
Tür. Sie konzentrierte sich auf die lebendige Macht und ging weiter.
Die Tür führte auf eine große Plattform auf dem Dach des Tempels.
Mitten auf der mit groben Steinplatten ausgelegten Fläche stand eine
schwarz gewandete Gestalt, das Gesicht mit einer Kapuze verhüllt. Am
hinteren Rand der Plattform bemerkte Sha'In-Mar den Piloten Liam Russel, die
Hände mit Stahlbändern oder Stunnerfesseln zusammengebunden.
Die schwarze Gestalt winkte die Jedi mit einer von einem Handschuh bedeckten
Hand heran.
"Kommt, Lady T'Abora. Ich, Imperator Darth B'Yern, bitte Euch, mir Gesellschaft
zu leisten."
Die Explosion riss ein klaffendes Loch in die Außenwand der Forschungsstation.
Die mobile Luftschleuse, die verhinderte, dass die Atemluft aus der Station
entwich, füllte sich mit Rauch. Major Nees Crowe und seine zwei Dutzend
Elitesoldaten stürmten durch das Loch, von Isaphàn und Yo-Karah
gefolgt. Als Obi-Nor mit GL02 durch das Loch kletterte, wurde bereits die
rückwärtige Wand des Versorgungsraumes, in den das Enterkommando
eingestiegen war, gesprengt.
Sechs Soldaten postierten sich mit Blastergewehren draußen auf dem röhrenförmigen
Verbindungsgang hinter Durastahlrippen und Stabilisations-Querstreben. Sie
hatten die Aufgabe, das Einstiegsloch und damit den Rückzug zu sichern.
"Wieso ist hier nur eine dämmrige Notbeleuchtung eingeschaltet?"
wunderte sich Obi-Nor.
"Das könnte der 'Pendler' von deiner Schwester sein", mutmaßte
Isaphàn.
Major Crowe verzog missmutig sein Gesicht. "Das passt mir gar nicht.
Je dunkler es ist, desto mehr Vorteile haben die Verteidiger, die sich hier
auskennen. Egal, wir müssen weiter."
Er orientierte sich kurz auf einem Datapad mit dem Konstruktionsplan der Station.
"Wir haben keine vollständigen Daten, aber wir sollten nach rechts
zum Turboliftschacht. Das ist der schnellste Weg zum Zentrallabor."
Mit gezogenen Waffen lief das Enterkommando die Stahlröhre entlang. Sie
passierten eine Kreuzung, ignorierten aber die Abzweigungen.
"Schneller! Wir müssen den strategisch wichtigen Querstreb erreichen,
bevor die Wachmannschaft ihn besetzt!" trieb Crowe seine Leute an.
Doch mit einem Mal blieb er wie angewurzelt stehen.
20 Schritt entfernt blockierte ein bleicher, blonder Mann mit einem schwarzen
Gewand den Gang. In seinen Händen hielt er ein doppelseitiges Lichtschwert.
Crowe riss seinen Blaster hoch und feuerte. Drei, vier Männer aus seinem
Kommando taten es ihm gleich. Die Blasterblitze jagten durch die Luft, doch
mit raschen, wirbelnden Bewegungen wehrte Darth Rage alle Schüsse ab.
Zwei Energieblitze lenkte er mit seinen Laserklingen so auf die Angreifer,
dass die Schützen von ihrem eigenen Feuer getötet wurden. Mit einer
raschen Handbewegung schleuderte Darth Rage die übrigen mit Hilfe der
Macht meterweit durch den Gang.
Isaphàn und Yo-Karah traten hervor.
"Das übernehmen wir", sagte Yo-Karah, streifte ihre braune
Robe ab und zündete ihr Lichtschwert. Isaphàn tat es ihr gleich.
"Zurück, Männer!" befahl Major Crowe. "Wir müssen
einen anderen Weg nehmen."
Während die Soldaten des Enterkommandos zur Kreuzung zurück liefen,
attackierten die beiden Jedi den Sith, der ihren Angriff mit einem leichten,
fast spöttischen Lächeln erwartete.
Wie ein riesiger Feuerball stieg die Sonne aus dem Ozean von Merilaque. Thorpe
Lorique legte die letzten einhundert Meter zur Insel mit ruhigen Schwimmzügen
zurück. Dann hatten er und seine Begleiterin festen Boden unter den Füßen.
Sie liefen den Strand hinauf und setzten sich in den Schatten einer Palme.
Der Meri atmete schwer. Jael bewunderte seine Leistung, die sie bei einem
Menschen nicht für möglich gehalten hatte. Erst als sie wie ein
Frachtstück an der Schulter des Schimmers gehangen und Meile um Meile
im unruhigen Meer zurückgelegt hatte, war ihr klar geworden, was es hieß,
die Distanz zwischen beiden Inseln schwimmend zu überbrücken.
"Danke", sagte sie.
Thorpe hob abwehrend die Hand. Zu einer verbalen Erwiderung war er anscheinend
noch nicht fähig. Oder spürte er auch die bedrohliche Präsenz
des "bösen Geistes", die über der Insel hing? Vielleicht
wagte er nicht, auf dieser Insel zu sprechen.
Nach einer Weile, als sein Atem wieder ruhiger ging, richtete sich Thorpe
Lorique auf und schaute auf das Meer hinaus. Jael folgte seinem Blick und
entdeckte in der Ferne den Wassergleiter von Tegmar Galory. Er raste mit großer
Geschwindigkeit über das Meer dahin. Nur noch ein paar Minuten, und er
wäre bei der Insel angekommen.
Doch dann wich Tegmar Galory vom Kurs ab. Sie hielt sich scharf rechts und
fuhr dann einen weiten Bogen nach links, um wieder in die ursprüngliche
Richtung zu gelangen. Dann stoppte sie abrupt ab, wendete und fuhr ein Stück
in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war.
"Was hat sie?" fragte Jael.
Thorpe runzelte die Stirn und sagte etwas wie "Ochlog".
Jael schaute ihn fragend an. "Kannst du es auf Basic sagen?"
Er nickte. "Monster. See-Monster."
"Wir müssen ihr helfen", sagte Jael entschlossen.
Der Meri schüttelte den Kopf. "Gefahr!"
"Dann werde ich es allein tun."
Jael lief hinunter zum Ufer und sprang ins Meer. Sie schwamm mit schnellen
Zügen, doch nach wenigen Metern bemerkte sie, wie sie von Thorpe Lorique
eingeholt wurde. Er deutete auf seinen Gurt, der immer noch um seine Schulter
geschlungen war. Jael hielt sich daran fest und wurde wie von einem Delphin
durchs Wasser gezogen.
Admiral Xuun sah die republikanische Flotte aus dem Hyperraum springen. Seit
ihr Informant aus dem Obersten Sicherheitsrat von Coruscant entlarvt worden
war, fehlten seiner Flotte verlässliche Nachrichten über Flottenbewegungen
des Feindes. Dennoch traf den Chiss das Auftauchen der Kriegsschiffe nicht
unvorbereitet. Er hatte in seinen Überlegungen immer einkalkuliert, dass
Empress S'silk die Republik um Hilfe bitten könnte.
"Wollen die Selbstmord begehen?" fragte Colonel Crawth. "Sie
müssen doch wissen, dass sie chancenlos sind."
Admiral Xuun musterte seinen Ersten Offizier missbilligend. "Unterschätzen
Sie niemals den Feind, Colonel. Niemals!"
Zum Kommunikationsoffizier gewandt fuhr er fort: "Haben Sie die IDs schon,
Lieutenant?"
"Einen Augenblick, Sir, die Daten werden soeben übermittelt. Es
sind ... Was ist denn das?"
Der Offizier blickte verwundert von seinem Kontrolldisplay auf.
"Sir, der Computer meldet, dass das gar keine Schiffe der republikanischen
Kriegsmarine sind, sondern Frachter einer Handelsgesellschaft."
Admiral Xuun schaute seinen Ersten Offizier an. "Unterschätzen Sie
niemals den Feind, Colonel", wiederholte er. Dann nahm er sein VoiceCom
und sprach: "Admiral Xuun an alle Einheiten: Taktik Code fünf."
Colonel Crawth räusperte sich. "Sir, die Schiffe sind identifiziert.
Ein Flattop-Kreuzer, vier schwere Fregatten, acht Corellianische Korvetten
und drei leichte Scouts. Es wird eine harte Schlacht werden."
"Wir schlagen sie trotzdem, Colonel", antwortete der Flottenkommandant.
"Lassen Sie die TIE-Geschwader starten. Es wird keine einfache Schlacht,
aber wir werden siegen."
Darth B'Yern machte erneut eine einladende Handbewegung.
"Kommt, Lady T'Abora. Ich habe Euch seit langer Zeit erwartet. Ich werde
Eure Ausbildung beenden und Euch zur dunklen Seite der Macht bekehren."
"Niemals!" entgegnete Sha'In-Mar.
"Seid Ihr Euch da so sicher? Ich fühle Euren Zorn. Unterdrückt
ihn nicht. Gebt Euch ihm hin, und Euer Weg zur dunklen Seite ist vollendet."
Sha'In-Mar spürte, wie die bedrohliche Ausstrahlung des Sith-Lords ihr
Herz ergriff. Furcht und Zorn stiegen in ihr auf, doch sie zwang sich zur
Ruhe.
"Ihr könnt mich nicht bekehren, Darth B'Yern. Eher werde ich sterben."
Der Imperator stieß ein höhnisches Lachen aus. "So standhaft
seid Ihr? Sterben wollt Ihr? Sterben wie Eure Freunde auf Tuán? Oder
wie Eure Familie?"
Sha'In-Mar ballte die Faust. Es gelang ihr nur mit Mühe, den Zorn nicht
zu mächtig werden zu lassen.
"Oh, der Tod Eurer Familie geht Euch immer noch nahe, wie ich sehe",
fuhr Darth B'Yern fort. "Ihr seht das Bild vor Euch, wie Eure Schwester
im Turbolaserstrahl verglühte. Oder wie Euer Vater mit durchlöcherter
Brust im Gras lag."
Sha'In-Mar war blass geworden. "Woher wisst Ihr das? Woher kennt Ihr
die Einzelheiten?"
Wieder ließ der Imperator ein höhnisches Lachen ertönen. "Ich
war Zeuge des Massakers. Ich habe gesehen, wie Ihr Euch in dem hohlen Baumstumpf
versteckt habt, habe beobachtet, wie Euer kleiner Bruder Mei davonlief. Die
Chiss haben davon nichts bemerkt, aber mir sind diese Einzelheiten nicht entgangen."
Darth B'Yerns Stimme senkte sich zu einem zischelnden Flüstern, das sich
gleichwohl wie glühendes Eisen in Sha'In-Mars Seele bohrte: "Was
Ihr nicht wisst: Eure Mutter war nicht sofort tot. Die Blasterschüsse
hatten sie schwer verletzt, aber lebte sie noch, als die Chiss den Wald verlassen
hatten und auch Ihr geflohen wart. Aber ich habe Eure Mutter getötet.
Ich habe Ihr das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen."
Der Sith-Lord machte eine Geste, als halte er ein menschliches Herz in seiner
Hand. "Bedenkt: Ich habe Eure Mutter getötet."
Sha'In-Mar hatte für einen Moment ein Schwindelgefühl, als drehe
sich rings um sie alles.
Dann sah sie wieder klar.
Und sie spürte, wie der Zorn in ihrem Innern immer stärker wurde.
Major Crowe dirigierte seine Leute an der Gang-Kreuzung nach rechts. "Hier
geht es zum zweiten Versorgungstrakt. Dort gibt es eine Verbindung zum Querstreb."
Doch auch dieser Weg war versperrt. Sie waren erst wenige Meter in den Gang
hinein gelaufen, als ihnen aus dem Dämmerlicht Blasterschüsse entgegenpeitschten.
Crowes Männer warfen sich zu Boden, verschanzten sich hinter rippenartigen
Vorsprüngen und erwiderten das Feuer. Der Gang wurde von Blasterblitzen
blendend hell erleuchtet.
"Seargent O'Zin, setzen Sie Blendgranaten ein!" befahl Crowe.
"Aye, Sir." Der hochgewachsene Unteroffizier löste eine runde
Granate von seinem Gürtel. Mit einer raschen Bewegung schleuderte er
sie den Gang hinunter und verschwand sofort wieder in seiner Deckung. Ein
gleißender Blitz tauchte die Röhre in unwirkliches Licht. Sofort
sprangen Crowe und seine Leute hervor und rannten feuernd den Gang hinunter.
Obi-Nor und GL02 kamen etwas langsamer hinterher. Der Händler kam sich
inmitten der Elitesoldaten mit ihrem Spezialwaffen überflüssig vor.
Er fragte sich, ob es eine kluge Entscheidung gewesen war, sich dem Enterkommando
anzuschließen.
Die Klingen der Lichtschwerter trafen mit einem elektrisch tönenden Zischen
aufeinander. Darth Rage wehrte durch schnelle Drehbewegungen seiner Arme und
seines Oberkörpers die Angriffe der Jedi mühelos ab. Solange Isaphàn
und Jael nebeneinander kämpften, hatten sie nicht genügend Platz,
ihren Vorteil der zahlenmäßigen Überlegenheit auszuspielen.
Die Metallröhre war zu eng, um Darth Rage von zwei Seiten anzugreifen.
Yo-Karah sprang einen Schritt vor und hieb mit voller Wucht gegen die abwehrende
Laserklinge des Sith. Diesen Augenblick nutzte Isaphàn, um sich auf
den Boden zu werfen, unter dem Lichtschwert des Gegners hindurchzutauchen
und sich auf die andere Seite zu rollen. Mit einem Satz war sie wieder auf
den Beinen und attackierte Darth Rage, der nun von zwei Seiten angegriffen
wurde.
Der Sith parierte einen weiteren Hieb von Yo-Karah und stieß dann blitzschnell
mit der anderen Lichtschwertseite nach hinten, wo Isaphàn in seinem
Rücken kämpfte, doch die Jedi-Hexe wich dem Stoß aus. Darth
Rage drehte sich um und setzte mit zwei raschen Schlägen nach, wodurch
er Isaphàn in die Defensive drängte. Dann wirbelte er erneut herum,
schlug aber nicht mit dem Lichtschwert zu, sondern trat Yo-Karah in den Bauch,
so dass sie zu Boden fiel und das Lichtschwert über den Metallboden schlitterte.
Mit zwei Schritten war er über ihr und ließ die Klinge auf sie
herab sausen. Im letzten Moment konnte sich Yo-Karah zur Seite rollen; die
Laserklinge riss lediglich den Boden auf. Zeit für einen weiteren Hieb
hatte er nicht, denn Isaphàn griff ihn erneut an. Doch nun ließ
sich Darth Rage fallen und schlüpfte unter ihrem Lichtschwert hindurch.
Er wandte sich um und streckte die Hand aus. Von der Wucht der Macht
wurde eine Tür aus der Stahlwand gerissen. Darth Rage sprang hindurch,
die Jedi folgten ihm.
Sie gelangten in einen hohen, runden Raum von etwa 20 Metern Durchmesser,
von dem mehrere Türen in verschiedene Richtungen abgingen. In der Mitte
des Raumes reichte die Wand eines kreisrunden Turboliftschachtes wie eine
überdimensionierte Säule vom Boden bis zur Decke. Ein schmales Lächeln
umspielte Darth Rages Mund. Offenbar hatte er die Jedi dahin gelockt, wo er
sie haben wollte.
Sha'In-Mar kämpfte gegen ihren Zorn an. Sie spürte die Versuchung,
ihr Lichtschwert zu zünden und den selbsternannten Imperator in Stücke
zu hauen.
"Gut, sehr gut. Lasst Eurem Zorn freien Lauf!" forderte Darth B'Yern
sie auf. "Mit jeder Sekunde schreitet Ihr weiter auf dem Weg zur dunklen
Seite der Macht voran."
Sha'In-Mar atmete schwer. "Nein. Ihr seid ein Scheusal, aber mich werdet
Ihr nicht verführen. Eher würde ich sterben als meine Bestimmung
zu verraten!"
Wieder ließ der Sith-Lord ein höhnisches Lachen ertönen. "Seid
Ihr Eurer angeblichen Jedi-Berufung so treu ergeben? Aber da Ihr vom Sterben
redet: Dieser arme Pilot hier, der so zärtliche Gefühle für
Euch hegt, würde keine Sekunde zögern, sein erbärmliches Leben
für Euch zu opfern. Habe ich Recht?"
Die letzten Worte waren an Liam Russel gerichtet. Der Lieutenant, der bis
jetzt in stummem Entsetzen die Szene verfolgt hatte, trat einen Schritt vor.
"Ja, Ihr habt Recht. Lasst Miss T'Abora frei! Tötet mich, aber lasst
sie gehen!"
Darth B'Yern wandte sich wieder an Sha'In-Mar. "Findet Ihr seine Opferbereitschaft
nicht rührend, Lady T'Abora? Man sollte seinen Willen zur Selbstvernichtung
respektieren."
Er machte eine Handbewegung, und Liam Russel krümmte sich vor Schmerzen.
Er griff sich mit den beiden aneinander gefesselten Händen an den Hals.
Ein würgender Laut drang aus seinem Mund. Seine Augen traten aus den
Höhlen, und sein Kopf wurde dunkelrot; die Stirnadern traten deutlich
hervor. Er röchelte, spuckte Blut, sank in die Knie. Einige Male zuckte
er wild hin und her. Dann brach er zusammen und lag tot auf den Steinfliesen.
Sha'In-Mar hatte die Szene mit wachsender Wut verfolgt. Sie starrte sekundenlang
auf Liam Russels Leichnam. Dann hob sie langsam den Kopf und blickte Darth
B'Yern an.
In ihren Augen lag der blanke Hass.
Mit einer fließenden Bewegung aktivierte sie ihr Lichtschwert und griff
den Sith-Lord an.
Das Enterkommando saß fest. Nachdem sie zweimal auf kleinere Wachpatroullien
gestoßen und schnell mit ihnen fertig geworden waren, waren sie noch
vor dem Erreichen des strategisch wichtigen Querstrebs von der Hauptstreitmacht
des Gegners festgenagelt worde.
Der zahlenmäßig überlegene Gegner besetzte einen weiten Lagerraum
mit vielen Versteckmöglichkeiten, während Majors Crowes Leute nur
die Durastahlrippen des Ganges zum Verschanzen nutzen konnten. Außerdem
hatten die Imperialen ein tragbares Lasergeschütz, das eine viel größere
Feuerkraft hatte als die Blastergewehre der Angreifer.
Major Crowe robbte zu Obi-Nor, der sich in den hinteren Reihen des Enterkommandos
hinter einer Stahlrippe versteckt hielt.
"Wir sitzen fest, Mr. Gildorian."
Ein Schuss aus dem Lasergeschütz traf die Durastahlrippe, hinter der
die beiden Männer kauerten, und löste einen Funkenregen aus.
Major Crowe sprach unbeeindruckt weiter: "Ich denke, wir können
sie aufhalten, vielleicht sogar aus ihrer Stellung vertreiben. Aber das wird
verlustreich und dauert vor allem zu lange. Ich fürchte, wir können
nur noch eines der beiden Ziele erreichen: entweder das Zentrallabor mit den
Wissenschaftlern oder die Befreiung Ihrer Schwester."
"Das wird sich noch rausstellen, Major. Wissen Sie was? Ich versuche,
über die Lüftungsschacht-Öffnung, die wir vorhin passiert haben,
zu den Arrestzellen zu gelangen. Ich kann Ihnen hier sowieso nicht viel nützen.
Binden Sie hier die Imperialen, das hält mir den Rücken frei."
"In Ordnung, Mr. Gildorian. Viel Glück!"
Mit diesen Worten schlich sich Major Crowe wieder nach vorn, während
Obi-Nor langsam nach hinten rutschte, um aus dem Schussfeld zu kommen. Blasterschüsse
zischten durch den Gang, doch Obi-Nor kroch unter dem Feuer durch. Sein Kammerdiener-Droide
folgte ihm geschickt, als wäre er für solche Aktionen programmiert
worden.
Die Luftschacht-Öffnung lag hinter einer Durastahlrippe versteckt, so
dass sie gefahrlos hineinschlüpfen konnten. Obi-Nor kroch durch den engen
Schacht voran, der Droide folgte mit metallischem Scheppern.
Jael und Thorpe Lorique hatten den Wassergleiter von Tegmar Galory noch nicht
erreicht, als das Meerungeheuer sie angriff. Ein dicker, mit Saugnäpfen
bestückter Tentakel wickelte sich um Thorpes Beine und zog beide in die
Tiefe. Jael konnte unter Wasser ihr Lichtschwert nicht zünden. Sie zog
daher ein Vibromesser aus ihrem Gürtel und hieb auf den Tentakel ein.
Auch der Meri attackierte den Fangarm mit einem Messer. Schließlich
befreiten sie sich von dem Tentakel und gelangten wieder an die Oberfläche.
"Bring dich in Sicherheit!" rief Jael Thorpe Lorique zu.
In diesem Moment wurde sie selbst von einem Fangarm gepackt. Er presste ihren
Brustkorb mit solcher Kraft zusammen, dass ihr die Luft wegblieb. Nun tauchten
der Körper des Monsters aus dem Wasser, ein riesiger runder Leib mit
einer Reihe von VisioRezeptoren und einer Öffnung für Nahrungsaufnahme,
die groß genug war, den gesamten Wassergleiter zu verschlucken. Jael
wurde aus dem Wasser gehoben. Mit einer raschen Bewegung ihres Lichtschwertes
gelang es ihr, diesen Tentakel abzuschlagen. Doch bevor sie mit dem Rest des
Fangarms ins Wasser zurück fiel, griff das Ungeheuer mit einem anderen
Fangarm nach ihr und stopfte sich die kleine Menschenfrau ins Maul.
Jael glitt einen langgestreckten, in peristaltischen Bewegungen sich zusammen-
und auseinanderziehenden Schlund hinab. Klebriger, auf der Haut brennender
Schleim und beißender Fäulnis-Gestank raubten ihr erneut den Atem.
Sie hielt die Luft an und stieß das Lichtschwert in die elastische organische
Wand, wo es eine klaffende Wunde riss.
Mit ihren sensiblen Jedi-Sinnen spürte sie, dass das Monster von einem
Schock erfasst wurde. Der Schlund krampfte sich reflexartig zusammen, und
wie von einem Katapult wurde Jael hinaus geschleudert.
In hohem Bogen flog sie ins Meer, während das Ungeheuer in der Tiefe
verschwand.
Kaum war die Jedi wieder bei Atem, hielten Tegmar Galory und Thorpe Lorique
mit dem Wassergleiter neben ihr. Der Meri-Schwimmer starrte sie mit großen
Augen an.
"See-Monster besiegt!" rief er staunend.
"Ja", nickte Jael. "Das Tier ist geflohen. Aber das ist jetzt
unwichtig. Gebt mir bitte den Wassergleiter. Ich muss sofort zur Insel. Schwimm
du mit Tegmar Galory zurück."
Die Meri waren einverstanden, und so schwang sich Jael auf den Gleiter. Sie
jagte mit höchster Geschwindigkeit auf die Insel zu. Es war ihr mittlerweile
unwichtig, ob ihr Kommen bemerkt würde oder nicht. Es galt jetzt, keine
Zeit zu verlieren, denn sie hatte starke Erschütterungen der Macht
auf der Insel gespürt.
Hoffentlich komme ich nicht zu spät, dachte sie.
Vor der Arrestzelle, in der Helen Moonlight gefangen gehalten wurde, standen
zwei mit Blastergewehren bewaffnete Wachen. Sie waren durch den Lichtausfall
und von der Explosion im Versorgungstrakt alarmiert. Zwar hatten sie über
VoiceCom gehört, dass das Enterkommando in einer anderen Sektion der
Station gestellt worden waren, aber sie rechneten damit, dass einige der Eindringlinge
die Gefangene zu befreien versuchten. Sie rissen deshalb sofort ihre Waffen
hoch, als ein wild gestikulierender Kammerdienerdroide den Gang entlang trippelte.
"Nicht schießen, Sirs! Bitte, ich habe ein Problem!" rief
GL02 schon von weitem. "Ich habe die Orientierung verloren, und oben
findet ein schrecklicher Kampf statt ..."
"Halt! Keinen Schritt weiter" rief einer der beiden Wachposten,
als der Droide noch etwa zehn Meter entfernt war.
GL02 blieb wie angewurzelt stehen.
"Wer bist du? Du gehörst nicht zur Station."
"Nein, Sir, aber ich bin von meinem Master getrennt worden. Ich muss
unbedingt wieder zu ihm."
Der Wachsoldat runzelte die Stirn "So, und wo ist dein Master?"
"Oh, der steht hinter Ihnen."
Die Wachen drehten sich blitzschnell herum, doch bevor sie ihre Blastergewehre
hochreißen konnten, wurden sie von zwei schnellen Schüssen niedergestreckt.
"Gute Arbeit, George!", lobte Obi-Nor, während er seinen Blaster
einsteckte.
"Ich bemühe mich, Euch zufrieden zu stellen, Mylord", antwortete
der Droide bescheiden.
Obi-Nor überprüfte mit Hilfe eines Ortungsgerätes, ob in der
Zelle tatsächlich ein Mensch war. Dann hämmerte er gegen die Zellentür.
"Helen!" rief er mit lauter Stimme. "Wenn du mich hören
kannst: Geh von der Tür weg!"
Er befestigte eine Sprengkapsel an der Zellentür, stellte den Zünder
auf wenige Sekunden ein und rannte den Gang hinunter, wo sein Droide bereits
auf ihn wartete.
Mit einem Lichtblitz, einem dumpfen Schlag und einer Rauchwolke fegte die
Explosion die Stahltür aus den Angeln.
Obi-Nors Herz machte einen Freudensprung. Denn durch den Rauch kämpfte
sich, staubverschmiert aber unverletzt, seine Schwester Helen Moonlight.
Sie lief auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. "Obi-Nor! Du lebst!"
Aber dann wurde sie mit einem Male sehr ernst. "Hoffentlich haben wir
noch genug Zeit."
"Was meinst du damit?" fragte ihr Bruder.
Anstelle einer Antwort erscholl in diesem Augenblick ein durchdringender,
auf- und abschwellender Alarm, der mit einem hohen Pfeifton unterlegt war.
Obi-Nor erbleichte. "Das ist ein Reaktoralarm!" rief er erschrocken.
"Was hat das zu bedeuten?" wollte GL02 wissen.
Helen gab eine hastige Erklärung. "Ich habe das Computersystem und
die Kühlsteuerung blockiert. Der Reaktorkern schmilzt."
"Ich verstehe, Lady Helen. Eine überaus missliche Lage", sagte
GL02 sachlich.
Diese Bemerkung mobilisierte Obi-Nor.
"Missliche Lage?!" schnappte er. "In ein paar Minuten fliegt
hier alles in die Luft - wenn wir überhaupt noch so viel Zeit haben.
Wir müssen sofort hier raus."
Er packte seinen Droiden am Arm und wollte ihn wegzerren.
"Halt, warte!" Helen hielt ihn fest.
Obi-Nor schüttelte ihr Hand ab. "Nein, keine Zeit. Erzähl es
mir später!"
Mit diesen Worten wollte er sich abwenden, doch seine Schwester stoppte ihn
erneut.
"Obi-Nor Gildorian, du hörst mir jetzt zu!" Die sonst so sanftmütige
Helen hatte beide Hände zu Fäusten geballt und in ihre Seiten gestemmt.
Sie versprühte eine Energie, als wolle sie mit bloßen Händen
eine Durastahlplatte zerreißen. Ihr Blick hätte selbst rasende
Wookies in winselnde Schoßhunde verwandelt.
Obi-Nor hob abwehrend und beschwichtigend die Hände. "Schon gut.
Was ist?"
Helen atmete tief durch. "Wenn ich mich in den Zentralcomputer einlogge,
kann ich die Reaktorkühlung vielleicht wieder in Gang setzen."
"Reicht die Zeit denn?"
"Ich weiß nicht. Versuchen sollten wir es. Die Sache hat nur einen
Haken: Ich muss Energie aus den automatischen Steuertriebwerken abziehen.
Die Umlaufbahn um den Planetoiden ist instabil. Wenn sie nicht automatisch
korrigiert wird, gerät die Station in eine spiralförmige Bahn und
wird auf dem Himmelskörper zerschellen."
"Egal, das verschafft uns trotzdem ein paar wertvolle Minuten."
Obi-Nor wandte sich an GL02: "George, du suchst Yo-Karah. Egal, wo sie
ist und was sie tut: Du schaffst sie hier raus. Du schaffst meine Tochter
auf jeden Fall hier raus. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
"Ich denke, ich habe Eure Anweisung verstanden, Mylord. Ich werde Euch
nicht enttäuschen."
"Dann schieb ab!" Obi-Nor drückte GL02 das Ortungsgerät
in die Hand, und der Droide trottete davon.
Helen hatte ungeduldig den kurzen Dialog mit angehört.
"Komm jetzt, hier entlang!" drängte sie. "Wir haben nicht
viel Zeit."
Im Laufen aktivierte Obi-Nor sein VoiceCom.
"Major Crowe, ich habe meine Schwester befreit. Wir sind auf dem Weg
zur Computerzentrale. Helen wird die Sache mit dem Reaktor beheben. Sie müssen
uns den Rücken frei halten."
Zunächst antwortete nur eine Stille.
Dann sprach Major Crowe, langsam und mit unüberhörbarer Skepsis.
"Wir wollten uns wegen des Alarms soeben zurückziehen und in Sicherheit
bringen, Mr. Gildorian. Okay, wir halten die Stellung. Ich hoffe Sie wissen,
was Sie tun."
Obi-Nor hoffte das auch.
Als Sha'In-Mar vorwärts sprang, aktivierte auch Darth B'Yern mit einer
geschmeidigen Bewegung sein Lichtschwert. Die Klingen prallten mit zischendem
Geräusch aufeinander. Sha'In-Mar hieb in schneller Folge, wobei sie ihren
Schlägen mit kurzen, kräftigen Ausholbewegung mehr Wucht verlieh.
Mühelos, fast spielerisch wehrte Darth B'Yern ihre Angriffe ab. Er wich
zwar langsam Schritt für Schritt zurück, doch schien er damit nur
die Angriffswut Sha'In-Mars steigern zu wollen.
Das gleiche Ziel verfolgte er mit seinen höhnischen Worten.
"Mit Euren jämmerlichen Jedi-Fechtkünsten könnte Ihr mich
nie überwinden. Ihr müsst lernen, wie eine Sith zu kämpfen."
Er streckte die Hand aus, und die Steinplatte, auf der Sha'In-Mar gerade stand,
wurde in die Luft und über den Rand der Dachterrasse katapultiert. Die
Jedi konnte sich mit einem Macht-Sprung retten, doch schon sprang die
nächste Platte und noch eine und zwei weitere, bis der gesamte Boden
ringsum Sha'In-Mar durch die Luft zu wirbeln schien.
Sha'In-Mar benutzte nun ihrerseits die Macht und schleuderte eine Platte
auf Darth B'Yern, der dem Geschoss leichtfüßig auswich.
"Bravo, Lady T'Abora. Ihr müsst den Hass noch stärker werden
lassen. Nur dann könnt Ihr mich besiegen!"
Doch Sha'In-Mar deaktivierte ihre Waffe.
"Nein", sagte sie betont, wenngleich innerlich ringend. "Ihr
werdet mich nicht zur dunklen Seite der Macht verführen."
Darth B'Yern deaktivierte nun ebenfalls sein Lichtschwert. Er nickte bedächtig.
"Wenn Ihr diesem Irrtum immer noch unterliegt, dann muss ich Euch auch
noch das letzte Geheimnis enthüllen."
Mit diesen Worten streifte er seine Kapuze ab und zeigte sein Gesicht.
Das Gesicht von Sha'In-Mars Bruder Mei.
Die TIE-Jäger kamen wie Wolken von aggressiven Insekten auf sie zu. Ihre
Schnellfeuer-Laserkanonen erhellten den Weltraum in tödlicher Ästhetik.
Lyndeas X-Wing erhielt einen Streifschuss, doch die Schilde hielten.
"Gold vier und fünf, gebt mir Deckung, ich nehme mir den Anführer
der Staffel auf Steuerbord vor", sprach Lyndea in ihr VoiceCom.
"Verstanden, Gold eins. Wir halten dir die anderen vom Leib."
Lyndea zog ihre Maschine hoch, wobei sie darauf achtete, den empfindlichen
Prototypen nicht zu übersteuern. Der Jäger beschrieb einen Looping,
kippte über die Steuerbordseite weg und kam hinter dem Anführer
der TIE-Staffel wieder in eine gerade Flugbahn. Lyndea drückte den Feuerknopf
und verwandelte den TIE in Weltraumschrott. Dann zog sie die Maschine nach
Backbord. Sie sah, dass Gold vier von einem TIE verfolgt wurde.
"Gold vier, du hast einen am Heck kleben!" warnte sie den Piloten.
Sie gab vollen Schub, um dem anderen X-Wing zu helfen, doch genau in diesem
Moment wurde Gold vier getroffen. Die gesamte Steuerbordseite brach weg und
der X-Wing trudelte steuerlos umher. Der TIE schickte zwei weitere Laserschüsse
hinterher. Gold vier explodierte in einem Feuerball. Sekunden später
wurde auch der TIE durch einen Schuss aus Lyndeas X-Wing in seine Einzelteile
zerlegt.
"Gold eins, hier Blau eins, wir brauchen Hilfe!" tönte es in
Lyndeas HelmCom.
"Verstanden, Blau eins. Gesamte Goldstaffel: Wir decken die Backbord-Flanke
von Blau. Wir - was ist das denn?"
Lyndea starrte auf ihr Taktik-Display. Der große Sternzerstörer
der Empire-Klasse, der sich zunächst zurückgehalten hatte,
war plötzlich verschwunden und tauchte in unmittelbarer Nähe des
republikanischen Flaggschiffs, der Fregatte Corellian Dawn wieder auf.
"Darum können wir uns nicht kümmern, Gold eins", meldete
sich Blau eins erneut. "Wir haben mit den TIEs genug zu tun."
Admiral Cahouno S'Reber, der Kommandant der für die Dantooine-Operation
zusammengestellte Flotte der Neuen Republik, starrte auf sein Taktik-Display
auf der Brücke der Corellian Dawn. Er verstand das Vorgehen der
Imperialen nicht. Der Gegner hatte sich in der so genannten "Zangen-Formation"
aufgestellt. Hinten, in der Mitte, befand sich der Sternzerstörer der
Empire-Klasse, das Flaggschiff der Flotte. Es wurde von leichten Kreuzern
und Kanonenbooten flankiert. An den vorgeschobenen Flügeln befanden sich
die Victory-Sternzerstörer. Die Formation wies eindeutig auf einen
Zangenangriff der Victory-Zerstörer hin. Doch diese Schiffe hingen
ganz ruhig im Raum, hielten lediglich die republikanischen Fregatten und Korvetten
auf Distanz. Statt dessen schob sich der riesige Empire-Zerstörer
nach vorn.
"Sir, sollen wir einen Zentrumsangriff auf den Empire starten?"
fragte Colonel Hymes, der Erste Offizier der Dawn.
Admiral S'Reber schüttelte den Kopf. "Dann würden wir die Flanken
entblößen. Ich bin mir fast sicher, das ist eine Ablenkung. Die
Victories warten doch nur darauf, dass wir uns auf das feindliche Flaggschiff
konzentrieren."
"Oder die Zangen-Formation ist die Ablenkung", gab Colonel Hymes
zu bedenken.
"Ein solches Manöver haben die Imperialen noch nie angewandt",
widersprach der Admiral. "Nein, wir müssen uns um unsere Flanken
kümmern."
Noch während er sprach, verschwand der Sternzerstörer der Empire-Klasse
plötzlich. Im selben Augenblick tauchte er in Schussweite der Dawn
wieder auf.
"Er hat einen Mikrosprung ausgeführt und greift uns an!" rief
Admiral S'Reber fassungslos. "Die Korvetten zur Unterstützung her,
schnell!"
An Bord des Sternzerstörers Retaliation lächelte Admiral
Xuun zufrieden. Dass in einer Raumschlacht als erstes das Schiff eines Befehlshabers
das gegnerische Flaggschiff angriff, hatte es noch nie gegeben. Er stellte
sich vor, was der republikanische Admiral wohl denken mochte. War er wütend,
erschrocken oder bewunderte er gar das kühne Manöver? Aber es spielte
keine Rolle, da der Gegner ohnehin so gut wie tot war.
"Leben Sie wohl, Admiral", murmelte Xuun. Dann aktivierte er sein
VoiceCom.
"Konzentriertes Turbolaserfeuer auf die Bugschilde."
Der dämmrige runde Raum mit dem Turboliftschacht wurde von hin- und herwischenden
Laserklingen gespenstisch erleuchtet. Die blauen Klingen von Yo-Karahs und
Isaphàns Lichtschwertern und die rote Doppelklinge von Darth Rage zogen
Leuchtspuren durch die Luft, die die tödliche Gefahr der Waffen durch
ihre Ästhetik verschleierten.
Die Kontrahenten hatten keinen Blick für die Schönheit der Lichteffekte.
Yo-Karah hatte die Lippen zusammengepresst, während sie kraftvoll zuschlug.
Schweiß stand ihr auf der Stirn, rann ihr zwischen den Schulterblättern
herab, tränkte ihre Tunika. Darth Rage kämpfte mit tänzelnder
Leichtigkeit, den Mund immer noch zu einem höhnischen Lächeln verzogen.
Isaphàn hatte die ernste, konzentrierte Miene einer Kriegerin. Sie
hatte ebenfalls die zweite Klinge ihres für eine Jedi ungewöhnlichen
Doppelschwertes gezündet. Mit unglaublich schnellen Drehbewegungen ließ
sie Angriffsschläge auf Darth Rage herunterprasseln, doch der Sith wehrte
alle Attacken geschickt ab.
Hier im größeren Raum hatten die beiden Jedi mehr Bewegungsfreiheit,
konnten ihre Angriffe besser aufeinander abstimmen. Sie zwangen Darth Rage
in die Defensive, trieben ihn an die runde Wand. Doch mit einem Macht-Sprung
setzte der Sith über die beiden Angreiferinnen hinweg. Und urplötzlich
ging Darth Rage selbst zum Angriff über.
Er attackierte Isaphàn mit stakkatoartigen Schlägen und drängte
die Jedi-Hexe von Yo-Karah weg. Unvermittelt sprang er zurück und griff
Yo-Karah mit überraschend hoch angesetzten Hieben an. Die Jedi duckte
sich unter einem Hieb hindurch, war dadurch aber einen Moment in ihrer Verteidigungsfähigkeit
eingeschränkt. Darth Rage versetzte ihr einen Tritt und stieß sie
zu Boden. In der gleichen Bewegung streckte er die Hand aus und sprengte mit
der Macht die Tür zum Turbolift weg. Doch bevor er Yo-Karah in
Richtung Liftschacht stoßen konnte, griff Isaphàn wieder an.
Darth Rage wirbelte herum, und die Klingen prallten mit voller Wucht gegeneinander,
zugleich stieß Darth Rage die Jedi-Hexe zurück. Isaphàn
taumelte einige Schritte, wurde noch einmal von einem Macht-Stoß
getroffen und stürzte zu Boden. Darth Rage sprang zurück zu Yo-Karah,
die wieder auf den Beinen war. Mit einer Finte provozierte er eine ungestüme,
ins Leere gehende Abwehr, eher er tatsächlich zuschlug. Yo-Karah riss
ihre Klinge zwar noch rechtzeitig hoch, doch konnte sie der Kraft des Schlages
nicht Stand halten. Das Lichtschwert glitt ihr aus der Hand und deaktivierte
sich automatisch. Die Waffe fiel polternd zu Boden. Mit einer kaum wahrnehmbaren
Handbewegung gab Darth Rage dem Schwertgriff einen Macht-Stoß,
und die Waffe rutschte durch eine der Türöffnungen. Eine weitere
Handbewegung, und die schwere Stahltür fiel donnernd zu.
Nun war Yo-Karah unbewaffnet. Die Tür war aus massivem Durastahl, so
dass die Jedi sie nicht einfach mit Hilfe der Macht wegsprengen konnte.
Yo-Karah lief deshalb zur Kontrollkonsole neben der Tür, riss die Abdeckplatte
von der Wand und versuchte, die Türöffnung kurzzuschließen.
Darth Rage wandte sich Isaphàn zu.
Die Jedi-Hexe kam lauernd näher. Sie führte keine überhastete
Attacke aus, sondern fixierte den Sith.
Einige Sekunden umkreisten sie einander, suchten Schwachpunkte in der Konzentration
des Gegenübers, versuchten den richtigen Zeitpunkt für einen Angriff
zu erfühlen.
Mit einem Mal sprang Isaphàn vor und drang mit heftigen Attacken auf
Darth Rage ein. Der Angriff erfolgte derart schnell, dass der Sith nur mit
Mühe abwehren konnte. Darth Rage wich zurück, Isaphàn setzte
nach. Das höhnische Lächeln auf dem Gesicht des Sith war verschwunden;
auch ihm stand nun der Schweiß auf der Stirn.
Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Yo-Karah gelang es, die Stahltür
kurzzuschließen und an ihr Lichtschwert zu kommen.
Und ein markdurchdringender Reaktoralarm ertönte.
Isaphàn zuckte nur den Bruchteil einer Sekunde zusammen, war nur einen
winzigen Moment in ihrer Konzentration gestört. Doch dieser Augenblick
genügte Darth Rage, der schon den ganzen Kampf über mit dem Alarm
gerechnet hatte. Blitzschnell stieß er das Lichtschwert nach vorn. Isaphàn
wich zurück, um dem Stoß zu entgehen, doch sie war nicht schnell
genug. Die Laserklinge fuhr ihr in den Bauch.
Als wäre der Fluss der Zeit aufgestaut und käme nur noch tröpfelnd
voran, so langsam, aber dafür mit umso brutalerer Klarheit, nahm Isaphàn
wahr, was geschah.
Sie spürte, wie die Laserklinge ihre Bauchdecke durchschnitt.
Erfasste, wie Teile ihrer inneren Organe zerrissen und eingeschmolzen wurden.
Fühlte, wie der Schmerz in ihrem Innern explodierte.
Hörte, wie Yo-Karah einen langgezogenen Schrei des Entsetzens ausstieß.
Sah, wie Darth Rage tänzelnd zurücksprang, sich von ihr abwandte
und zu Yo-Karah umdrehte.
Bemerkte, wie ihr das Lichtschwert aus den Händen glitt und zu Boden
fiel.
Dann brach sie in die Knie, die Hände vor die Wunde gepresst.
Der Raum drehte sich um sie.
Sie verlor das Gleichgewicht, kippte seitlich weg und schlug hart mit dem
Kopf auf dem Boden auf.
Und alles wurde dunkel.
Helen und Obi-Nor rannten die Röhrengänge entlang. An einer Biegung
hielt Helen an, um sich zu orientieren.
"Der normale Weg führt dort hinten herum zu einem Liftschacht und
zwei Ebenen höher wieder hierher zurück. Es ist ein großer
Umweg, vielleicht können wir ihn abkürzen."
Sie riss kurz entschlossen ein Schutzgitter von der Wand und spähte in
den dahinter liegenden Lüftungs- und Kabelschacht. Dann schlüpfte
sie durch die Öffnung, gefolgt von ihrem Bruder.
Sie kletterten an Sprossen, die für Wartungsarbeiten in die Wand eingelassen
waren, zwei Ebenen empor. Gerade, als sie das Schutzgitter von innen aufstoßen
wollten, hörten sie Schritte. Ein vogelähnliches Wesen und ein humanoider
Nichtmensch mit gelblich-grüner Haut eilten vorbei, ohne auch nur einen
Blick auf den Schacht zu werfen.
Als die Schritte verhallt waren, flüsterte Helen: "Das waren die
leitenden Wissenschaftler der Station."
"Umso besser", gab Obi-Nor zurück. "Dann haben wir im
Computerzentrum freie Bahn."
Er stieß das Gitter auf und zwängte sich heraus. Auf dem Gang war
niemand zu sehen. Helen kletterte ebenfalls aus dem Schacht. Sie deutete nach
rechts den Gang hinunter: "Dorthin, in die Richtung, aus der die beiden
gekommen sind!"
Wenige Sekunden später hatten Helen und Obi-Nor das Zentrallabor erreicht.
Die Tür stand offen, keine Wache hinderte die beiden einzutreten.
"Der Alarm hat alle vertrieben", kommentierte Obi-Nor grimmig.
Helen war mit wenigen Schritten am Computerterminal. Sie deutete auf eine
Leuchtanzeige an der Wand, auf der die Zahl 94 zu lesen war.
"Das ist eine Prozentangabe. Bei 100 kommt es zur Reaktorkatastrophe."
"Ganz richtig!" mischte sich eine schneidende Frauenstimme von der
Tür her ein. "Blaster fallen lassen, Mister, aber ohne Tricks!"
Der scharfe, entschlossene Tonfall überzeugte Obi-Nor davon, dem Befehl
nachzukommen. Er ließ seinen Blaster fallen, hob die Hände und
drehte sich vorsichtig um. In der Türöffnung stand eine kleine drahtige
Frau in imperialer Colonel-Uniform. Sie hielt einen Blaster in der Hand.
"Sieh an, der Bruder unserer liebreizenden Computerspezialistin",
sagte Stym Grchmarrh. "Jetzt ist Schluss mit Ihren Manipulationen, Miss
Moonlight. Sie werden nichts mehr an unserem Computer sabotieren."
Helen war verzweifelt. "Aber ich muss an den Computer! Sonst gibt
es eine Katastrophe!"
Wie als bestätigender Kommentar zu ihrer Aussage sprang die Leuchtanzeige
auf 95.
"Ganz recht, Miss Moonlight", nickte Stym Grchmarrh. "Wir werden
hier alle sterben. Sie und Ihr Bruder auch."
Der Sternzerstörer schoss aus allen Turbolaserbatterien. Die corellianische
Fragatte erbebte unter den Treffern, aber die Deflektorschilde hielten dem
Beschuss noch Stand. Die Corellian Dawn feuerte ihrerseits mit allen
zur Verfügung stehenden Batterien auf die Retaliation, doch das
republikanische Schiff war dem Sternzerstörer der Empire-Klasse
unterlegen.
Admiral S'Reber beobachtete auf seinem Taktik-Display, wie die leichten Kreuzer
und Corvetten der Dawn zur Hilfe eilen wollten, doch nun griffen auch
die Victory-Zerstörer in die Schlacht ein und banden die republikanischen
Kräfte auf den Flügeln. Im Gegenteil: Auch andere imperiale Schiffe
aus dem Mittelstück der Zangenformation attackierten nun das republikanische
Flaggschiff.
"Bugdeflektor überlastet!" rief für die Kontrolle der
Schutzschilde zuständige Brückenoffizier, ein blutjunger Lieutenant.
Colonel Hymes wandte sich an den Flottenkommandanten. "Sollen wir den
Befehl zum Rückzug geben, Sir?"
Admiral S'Reber schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, dafür
ist es zu spät."
Er deutete auf das Sichtdisplay. Vom Sternzerstörer blitzte es mehrfach
kurz herüber.
"Protonentorpedos", flüsterte Colonel Hymes mit aschfahlem
Gesicht.
Mehrere starke Erschütterungen durchliefen den Rumpf der Corellian
Dawn.
"Bugdeflektor verloren!" rief der junge Lieutenant mit Panik in
der Stimme.
Der nächste Torpedotreffer verursachte eine gewaltige Explosion. Ein
Zittern lief durch das schwere Kriegsschiff und gellender Alarm hallte über
alle Decks.
"Schadensmeldung!" befahl Admiral S'Reber.
"Deck drei und vier völlig zerstört, Sir. Alle Turbolaserbatterien
in der Bugsektion ausgeschaltet."
Der Sternzerstörer feuerte mit allen Turbolasern auf den ungeschützten
Bugbereich des Gegners.
Wieder und wieder wurde die Fregatte von Explosionen erschüttert.
Die zugerufenen Meldungen auf der Brücke wurden chaotisch.
"Brückenschild überlastet!"
"Hyperraumantrieb leckgeschlagen!"
"Versorgungstrakt vier zerstört!"
"Hauptreaktor getroffen!"
Die verbliebenen Turbolasergeschütze der Dawn feuerten ununterbrochen.
Jetzt meldete der Geschützoffizier auch erste Erfolge.
"Bugdeflektorschilde des Sternzerstörers überlastet. Nur noch
ein paar Treffer, und wir haben ihn!"
Aber es war zu spät. Die Brückenschilde der Fregatte brachen zusammen,
und fast gleichzeitig schmolz der Reaktorkern. Der Sternzerstörer schoss
noch zweimal, und die Corellian Dawn explodierte in einem blendend
hellen Feuerball.
Der Verlust ihres Flaggschiffs versetzte den Soldaten der republikanischen
Marine einen Schock. Auch die Jägerpiloten, die sich immer noch in harte
Gefechte mit den TIEs verwickelt waren, stießen Schreckensrufe oder
Flüche aus.
Blau eins meldete sich mit resignierter Stimme: "Dieses Gefecht geht
an die Imperialen."
Lyndea brannte sich der Anblick der vernichteten Fregatte geradezu in die
Netzhaut. Sie starrte für einen Moment auf den Feuerball, dann sah sie
den siegreichen Sternzerstörer wie einen Aasvogel über dem zerstörten
republikanischen Schiff im Raum hängen. Sie sah TIE-Jäger, die die
geöffneten Hangartore des Kriegsschiffs passierten. Kurzentschlossen
aktivierte sie ihr VoiceCom. "Gold eins an alle: Gold zwei übernimmt
bis auf weiteres Kommando Goldstaffel."
Lyndea riss ihren X-Wing herum und hielt direkt auf den Sternzerstörer
zu.
"Gold eins, was soll das? Was hast du vor?"
Lyndea war völlig ruhig, als sie antwortete. "Ich muss diesem Wahnsinn
ein Ende machen."
"Komm zurück, Lyn, sein vernünftig. Das ist Selbstmord!"
Doch Lyndea Marsko antwortete nicht mehr.
Der Anblick versetzte Sha'In-Mar einen Schlag. Entsetzt taumelte sie einige
Schritte zurück.
Darth B'Yern lachte: "Freut Ihr Euch nicht, Euren Bruder wiederzusehen?
Oh, es ist ein perfekter Körper für meine Zwecke. Viel zu schade
für eine so schwache Persönlichkeit, wie Mei T'Abora war. Er hat
gejammert und gewinselt, als ich seinen Geist vernichtete. Die Galaxis kann
froh sein, einen solchen Waschlappen nicht mehr ertragen zu müssen."
Wie glühende Magma in einem Vulkanschlot, so schoss der Zorn in Sha'In-Mar
empor. Wie eine Eruption heißer Lava brach sich der Hass in ihrem Innern
Bahn. Mit feurigem Vernichtungswillen in ihren Augen zündete Sha'In-Mar
ihr Lichtschwert und drang erneut auf Darth B'Yern ein. Ihre Klinge zischte
durch die Luft, wuchtige Hiebe prasselten auf den Sith ein, der nichts weiter
tun konnte, als sein Lichtschwert zur Abwehr dagegenzuhalten. Die Atmosphäre
war erfüllt von Aggression und Gewalt, die Luft kräuselte sich unter
dem Eindruck der entfesselten Wut. Sha'In-Mar drängte Darth B'Yern immer
näher an den Rand des Abgrunds, trieb ihn immer näher an die Schwelle
des Todes.
Nur noch einen Schritt von der Kante der Dachterrasse entfernt befreite sich
Darth B'Yern mit einem schnellen seitlichen Macht-Sprung.
Beide, er und Sha'In-Mar, standen sich am Rand des Gebäudes gegenüber,
wenige Meter voneinander entfernt.
Darth B'Yern deaktivierte sein Lichtschwert und hängte es an seinen Gürtel
zurück. Er breitete seine Arme aus. Unbewaffnet stand er vor Sha'In-Mar.
"Streckt mich nieder! Ihr seht, ich bin unbewaffnet. Streckt mich nieder,
und Ihr habt Euren Weg zur dunklen Seite der Macht vollendet."
In Sha'In-Mar tobte der Zorn. Der Impuls, den Sith mit einem schnellen Schlag
zu töten, war schier übermächtig.
Wieder forderte sie Darth B'Yern auf: "Worauf wartet Ihr noch? Ihr werdet
mächtiger sein, als Ihr es je erträumt habt. Streckt mich nieder!"
Sha'In-Mar keuchte. Sie sah in das Gesicht ihres Bruders. Spürte die
Persönlichkeit seines Mörders. Vernahm die Versuchung der Macht.
Fühlte die drängende Leidenschaft der Aggression, die rauschhafte
Flut ihres Hasses.
Und sie hörte eine flüsternde, ferne Stimme.
"Hütet euch vor der dunklen Seite der Macht!" hatte
Master Skywalker ihnen immer und immer wieder eingeschärft.
Unter äußerster Willensanstrengung deaktivierte sie ihr Lichtschwert
und warf es in den Abgrund.
"Nein, Darth B'Yern. Ihr könnt mich nicht verführen. Ich bin
eine Jedi."
Mit diesem einen Satz vertrieb sie die dunklen Schatten in ihrer Seele. Der
Zorn und der Hass in ihrem Innern lösten sich auf. Sha'In-Mar zweifelte
nicht einen Augenblick daran, dass Darth B'Yern sie jetzt tötete. Aber
sie sah ihrem Schicksal gelassen entgegen.
Sie war frei.
Das Gesicht des Sith, das Gesicht ihres Bruders Mei, verzerrte sich vor Zorn.
"Wie du willst, Jedi", zischte Darth B'Yern. Er schob beide
Hände nach vorn und aus seinen Fingerspitzen schossen blaue Lichtblitze.
Von den Entladungen getroffen stürzte Sha'In-Mar zu Boden. Die elektrischen
Stöße pulsierten durch ihre Nervenbahnen, versetzten ihre Gliedmaßen
in wilde Zuckungen.
Darth B'Yern kam näher. "Und nun, Sha'In-Mar T'Abora, Tochter des
Herzogs von Tuán, wirst du sterben."
Wieder und wieder schleuderte er Blitze auf Sha'In-Mar. Sein Gesicht war nur
noch eine Fratze von Hass und Zorn.
"Stirb!"
Wieder raste ein Blitz durch Sha'In-Mars Körper. Wieder durchflutete
sie der Schmerz.
"Stirb!"
Ein neuer Blitz. Sha'In-Mar krümmte sich zusammen.
"Stirb!"
Spring!
Ein weiterer Blitz drang in ihren Brustkorb, ihr Herz, ihre Lunge.
"Stirb!"
Spring!
Erneut ein Blitz. Sha'In-Mar öffnete den Mund zu einem Schrei, brachte
aber kein Wort heraus. Speichel troff von ihren Lippen.
"Stirb!"
Spring, Sha'In!
Endlich erkannte Sha'In-Mar die zweite Stimme in ihrem Innern, die wie durch
Nebel in ihr Bewusstsein drang. Sie wälzte sich herum, rollte über
die Kante der Dachterasse und stürzte in die Tiefe.
"Neeeeiiiin!"
Yo-Karah stieß einen entsetzten Schrei aus. Sie musste hilflos mit ansehen,
wie Isaphàn von der Laserklinge durchbohrt wurde, wie sie in die Knie
ging und schließlich auf dem Boden zusammenbrach. Doch ihr blieb keine
Zeit, sich auf ihre Freundin zu konzentrieren, denn schon sprang Darth Rage
heran, um auch sie niederzustrecken.
Yo-Karah musste sich einer schnellen Folge von Doppel- und Dreifachschlägen
erwehren. Sie wich unter dem Druck der Angriffe zurück, bis sie unmittelbar
vor dem klaffenden Loch des Turbolift-Schachtes stand. Wieder täuschte
Darth Rage einen Stoß nur an, um eine verfrühte Abwehr zu provozieren.
Doch diesmal war Yo-Karah auf der Hut. Sie sprang mit einem Salto über
Darth Rage hinweg und stieß ihrerseits zu. Der Sith parierte den Stoß,
doch die Lichtschwertattacke war nur ein Ablenkungsmanöver gewesen. Yo-Karah
riss den Fuß hoch und trat Darth Rage vor die Brust. Der Sith taumelte
zurück, schwankte an der Schwelle zur Liftschacht-Öffnung, wurde
von einem Macht-Stoß getroffen und verlor das Gleichwicht.
Er fiel in die Öffnung, konnte sich aber noch an der Bodenkante festhalten.
Mit der rechten Hand an der Kante festgeklammert, das Lichtschwert in der
Linken, hing er über dem Abgrund. Bevor er sich mit Hilfe der Macht
wieder empor katapultieren konnte, war Yo-Karah über ihm und durchschlug
mit ihrem Lichtschwert sein rechtes Handgelenk.
Von der Halt gebenden Hand abgetrennt, fiel Darth Rages Körper in die
Tiefe.
Yo-Karah starrte in den Schacht, konnte aber wegen der Dunkelheit nichts erkennen.
Sie deaktivierte ihre Waffe und ging zu Isaphàn hinüber. Der Reaktoralarm
heulte ununterbrochen durch den Raum und machte Yo-Karah klar, dass es kein
Entrinnen gab.
Sie ließ sich neben Isaphàn nieder und bettete den Kopf der Freundin
in ihren Schoß. Die Jedi-Hexe hatte die Augen geschlossen. Ihr Atem
ging unruhig, der Puls war kaum zu spüren. Yo-Karah tastete mit ihren
Jedi-Sinnen nach dem Schmerzzentrum in Isaphàns Bewusstsein und verschaffte
ihr mit Hilfe der Macht Linderung. Der Atem wurde spürbar ruhiger.
"Ich lasse dich nicht allein", flüsterte Yo-Karah, ohne zu
wissen, ob ihre Worte Isaphàns Bewusstsein erreichten. "Ich bleibe
bei dir bis zuletzt."
Die kalte Entschlossenheit in den Augen der Offizierin überzeugte Obi-Nor
davon, dass sie ihre Drohung ernst meinte. Keinesfalls würde sie mit
sich handeln lassen, und flehentliche Bitten schienen ohne jede Aussicht auf
Erfolg. Die Offizierin ging einige Schritte in den Computerraum hinein, behielt
aber Obi-Nor jederzeit im Visier ihres Blasters.
Fieberhaft überlegte Obi-Nor, was er noch tun konnte. Er wollte sich
einfach nicht geschlagen geben, nicht so kurz vor dem Ziel. Würde etwa
Han Solo einfach aufgeben?
Dann bemerkte er ein Datapad, das achtlos am Rand einer Computerkonsole abgelegt
war, direkt im Rücken der imperialen Soldatin. Obi-Nor war machtsensitiv,
aber er hatte seine Begabung niemals konsequent weiterentwickelt. Er beherrschte
die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle zu erspüren und andere
Vernunftwesen mental zu manipulieren. Nie hatte er versucht, materielle Gegenstände
mit der Macht zu bewegen. Aber was hieß schon "versucht"?
Sagten die Jedi nicht, versuchen gebe es nicht?
Tu es oder tu es nicht, Obi-Nor, forderte er sich selbst auf.
Er konzentrierte sich auf das Datapad, schloss die Augen, was die Frau mit
dem Blaster als Zeichen stummer Resignation auffassen mochte, ihm aber diente,
den Gegenstand mit Hilfe der Macht zu erfassen. Er fokussierte alle
Gedanken und Gefühle ganz auf das Pad, sperrte den Reaktoralarm aus seinem
Bewusstsein aus, fühlte, wie sich die Macht gleichsam materialisierte,
wie er mit ihrer Hilfe mental nach dem Pad greifen konnte.
Zuerst mit einem kleinen Ruck, dann mit Schwung kippte das Datapad von der
Konsole und schepperte auf den Boden. Das Geräusch ging im Lärm
des Reaktoralarms fast unter, doch Stym Grchmarrh hatte feine Sinne. Sie wirbelte
herum, bereit, auf einen Feind zu schießen. Mit einem Blick erfasste
sie die Täuschung und drehte sich wieder zu Obi-Nor.
Doch in diesem Augenblick bohrte sich eine Vibroklinge in ihr Herz.
Mit erstaunt geweiteten Augen blickte Colonel Grchmarrh hinab auf den Griff
des Vibro-Messers, das in ihrer Brust steckte. Dann brach sie lautlos zusammen.
Die Leuchtanzeige sprang auf 96.
Sofort kam Bewegung in Helen. Sie hastete an den Computerterminal und aktivierte
die Kontrollen. Sie wusste genau, wie sie die Zugangssperre überwinden
musste. Mit einem Surren fuhr der Computer hoch. Mit fliegenden Fingern gab
sie den Code für die Reaktorkühlung ein und lenkte alle verfügbaren
Energiereserven in die Kühlaggregate.
Ein leichtes Schlingern zeigte ihr an, dass die Station ihre künstlich
stabilisierte Umlaufbahn verlassen hatte und in einer weiten Spiralbewegung
auf den Planetoiden zusteuerte. Schließlich lehnte sie sich zurück
und atmete durch.
"Das wars", schnaufte sie. "Mehr kann ich nicht tun. Ich hoffe
nur, der Kühleffekt wird rechtzeitig eintreten."
Obi-Nor hatte sein Vibromesser und den Blaster der imperialen Offizierin eingesteckt
und trat neben sie. Gespannt blickten sie auf die Leuchtanzeige.
97.
Helen griff noch einmal zum Kontrollpult und stellte den nervtötenden
Alarm ab.
Der Kontrast zu dem vorherigen Lärmpegel verstärkte noch den Eindruck
der unheimlichen Stille, die sich über den Raum legte.
"Komm schon", flüsterte Helen.
Einige Sekunden passierte gar nichts. Helen und Obi-Nor hielten den Atem an.
98.
Helen wurde blass. "Es funktioniert nicht."
Obi-Nor nahm seine Schwester in den Arm. "Du hast alles getan, was du
konntest, Helen."
98.
Die Sekunden verstrichen wie im Schneckentempo.
Die beiden Geschwister wagten nicht, sich zu rühren.
98.
Obi-Nor wurde unruhig.
"Du, Helen, wie lange ..."
Er beendete seinen Satz nicht, denn seine Schwester packte ihn plötzlich
hart am Arm.
Er schaute auf die Anzeige.
97.
Jetzt wirkte die Kühlung offensichtlich. Die Anzeige sprang auf 96 zurück,
dann auf 95.
"Es funktioniert!" rief Helen.
Ihr Bruder umarmte sie stürmisch.
Dann nahm Obi-Nor sein VoiceCom zur Hand. "Major Crowe? Der Reaktor ist
gesichert. Ziehen Sie sich zurück. Wir gehen raus!"
Er nahm Helen an der Hand und zog sie aus dem Raum: "Bloß weg hier!"
Lyndea flog einen leichten Bogen und raste mitten durch das Trümmerfeld
der Corellian Dawn. Ihr war es fast egal, ob sie an einem Wrackteil
zerschellte. Das Manöver, das sie vorhatte, würde sie nach menschlichem
Ermessen sowieso nicht überleben. Außerdem hatte sie kaum eine
andere Wahl. Die Trümmer der republikanischen Fregatte boten ihr ausgezeichneten
Schutz.
Wie ein wilder Mynock jagte sie aus dem Chaos der Wrackteile heraus und hielt
direkt auf die Hangaröffnung des Sternzerstörers zu.
Jetzt wurde sie auch auf der Brücke der Retaliation bemerkt.
"X-Wing im Anflug, Sir!" rief ein Offizier.
Admiral Xuun blickte auf sein Taktik-Display.
"Hangar sofort schließen! Das ist wieder ein Selbstmordangriff!"
rief er.
Langsam glitten die gewaltigen Hangartore zu.
Aber es war zu spät.
Lyndea gab vollen Schub, riss dann das Seitenruder herum. Wie im Flugsimulator
drehte sich der Jäger um die eigene Querachse und flog mit dem Heck voran
weiter. Der Antrieb entfaltete seine Bremswirkung, und der X-Wing kam kurz
hinter der Hangaröffnung für einen Augenblick zum Stehen. Lyndea
klinkte die im Rumpf versteckte Protonenbombe aus und donnerte, vom Gegenschub
vorwärts getrieben, wieder in den Raum hinaus. Die schweren Tore schlossen
den Hangar nach außen hermetisch ab, was Lyndea das Leben rettete.
Eine gewaltige Explosion erschütterte den gesamten unteren Bereich des
Sternzerstörers. Der Hangar und seine Innenwände gingen in einem
furchtbaren Energieblitz auf. Mehrere Decks wurden von der Schockwelle zerrissen.
Die Detonation zerfetzte die Hauptenergieleitung und erreichte den Antriebsreaktor.
Und in einer Kette von Explosionen wurde das schwere Kriegsschiff von innen
heraus zerstört.
Atemlos beobachteten die anderen X-Wing-Piloten die Vernichtung des Sternzerstörers.
Es dauerte einen Moment, bis einer der Staffelführer das Wort ergriff.
"Hier Blau eins. Lyn, bist du okay?"
Niemand antwortete.
"Lyn, bist du okay?" Die Stimme des Jagdpiloten wurde drängender.
"Hier Gold eins", meldete sich Lyndea. "Ich übernehme
wieder das Kommando der Goldstaffel. Jetzt machen wir sie fertig."
Jael stand am Fuße des alten Tempels, genau an der Stelle, an der Sha'In-Mars
Lichtschwert heruntergefallen war. Jetzt stürzte auch Sha'In-Mar selbst
in die Tiefe, nachdem sie Jaels Botschaft endlich verstanden hatte.
Der Tempel war über zweihundert Meter hoch, jeder Sturz musste unweigerlich
tödlich verlaufen.
Jael konzentrierte sich auf die Macht und bremste Sha'In-Mars Fall.
Es gelang ihr, den Sturz so weit zu verlangsamen, dass sie die Jedi auffangen
konnte.
Sha'In-Mar stöhnte vor Schmerzen, sie war offenbar kaum fähig, sich
zu bewegen.
Jael trug sie zum Wassergleiter, mit dem sie die Insel hinauf bis zum Tempel
gefahren war. Sie kletterte auf den Fahrersitz und brauste davon.
Oben auf dem Tempel stand Darth B'Yern und beobachtete die Rettung. Er hob
die Arme weit empor und entfachte mit der Macht einen künstlichen
Luftwirbel, eine Windhose, der hinter dem Gleiter herraste. Jael hörte
die Bäume hinter sich bersten, als sie durch den Dschungel steuerte,
fühlte den Wirbel näher kommen. Zweige peitschten in ihr Gesicht.
Sie fuhr im Zickzack, doch der Luftwirbel folgte ihr beharrlich.
Dann hatte sie endlich das Ufer erreicht und konnte vollen Schub geben. Sie
ließ den künstlichen Sturm hinter sich, entkam dem Einflussbereich
des Sith-Lords und fuhr hinaus auf das freie, offene Meer.
Der Kammerdiener-Droide GL02 fand die Tochter seines Masters über den
Körper Isaphàns gebeugt.
"Verzeiht, Lady Yo-Karah, aber wir sollten diese Station unverzüglich
verlassen!"
Die Jedi schüttelte den Kopf. "Nein, George, es ist zu spät.
Das ist ein Reaktoralarm. Die Station fliegt jeden Augenblick in die Luft."
"Mit Verlaub, Mylady, seine Lordschaft und Lady Helen kümmern sich
bereits um dieses Problem. Mir wurde aufgetragen, Euch hinauszubegleiten.
- Mistress Isaphàn ist ernsthaft verletzt, wie mir scheint", fügte
er mit Blick auf die zusammengekrümmte Gestalt hinzu.
Yo-Karah nickte. "Ich fürchte, sie stirbt."
"Vielleicht gibt es aber noch Hoffnung", widersprach der Droide.
"Wir müssen sie zu den Medidroiden bringen."
Noch während er sprach, ebbte der Reaktoralarm ab.
"Gut", entschied Yo-Karah. "Hilf mir, sie zu tragen. Wir bringen
Isaphàn hinaus."
Der Verlust des Sternzerstörers war für die Kampfmoral der imperialen
Flotte fatal. Die TIE-Jäger wehrten sich noch eine Weile, doch als ein
Zerstörer der Victory-Klasse auseinanderbrach, gaben sie ebenso
auf wie die größeren Kriegsschiffe. Die verbliebenen TIEs kehrten
zu ihren Mutterschiffen zurück, unbehelligt von den X-Wings, deren Piloten
zu ausgelaugt waren, um die Verfolgung aufzunehmen.
Die imperiale Flotte sprang in den Hyperraum, begleitet vom vielstimmigen
Freudenschrei der republikanischen Marine.
"Goldstaffel zurück zum Flattop", befahl Lyndea. Und
erschöpft, aber glücklich fügte sie hinzu: "Es geht nach
Hause, Jungs."
An Bord der Courier herrschte geschäftiges Treiben. 14 Männer
des Enterkommandos hatten überlebt, acht davon unverletzt. Diese kümmerten
sich zusammen mit den Medi-Droiden um die Schusswunden der anderen oder hielten
die beiden imperialen Wissenschaftler in Schach, die sich ihnen ergeben hatten.
Den mobilen Bactatank hatte man für Isaphàn freigehalten. Die
Jedi wurde nun von der heilenden Flüssigkeit umspült.
Yo-Karah sah ihren Vater ernst an.
"Der Medi-Droide hält es für unwahrscheinlich, dass ein Mensch
diese Verletzung überlebt", sagte sie betrübt.
Ihr Vater zuckte in hilfloser Geste die Schultern. "Ich hoffe nur, dass
dieser Droide sich irrt. Vielleicht sind Dathomir-Hexen ja widerstandsfähiger
als andere Menschen. Wir müssen sie so schnell wie möglich nach
Coruscant schaffen."
Obi-Nor kletterte ins Cockpit, wo Rhysbe mit den Vorbereitungen zum Hyperraumsprung
fertig war.
Die Warlucca deutete auf das Sichtdisplay: "Obi-Norrr, die Station!"
Auf dem Display war deutlich zu erkennen, wie die Forschungsstation auf der
Oberfläche des Planetoiden zerschellte.
"Okay, Rhysbe", meinte Obi-Nor. "Bring uns auf dem schnellsten
Weg nach Coruscant."
Ein leichtes Zittern durchlief das Schiff, und die Sterne verschwammen, als
die Courier in den Hyperraum sprang.
Admiral Ackbar betrat die improvisierte Bühne
und ging mit langsamen, gemessenen Schritten zum Redepult. Er blickte mit
seinen großen runden Augen über die Masse der etwa 12.000 Marinesoldaten,
die sich in dem eigens dafür leer geräumten Fregatten-Hangar im
militärischen Raumhafen von Eastport versammelt hatten. In den ersten
Reihen saßen mehrere Hundert Offiziere auf schnell herbei geschafften
Stühlen. Dahinter standen Tausende von Unteroffizieren und einfachen
Soldaten.
Admiral Ackbar erhob seine tiefe Stimme: "Offiziere und Soldaten der
Marine! Wir haben einen entscheidenden Sieg über die neu formierten Streitkräfte
des Imperiums errungen. Ihr Einsatz und der Ihrer gefallenen Kameraden haben
dazu beigetragen, dass Milliarden von Zivilisten auf Tausenden von Planeten
der Neuen Republik in Frieden und in Freiheit leben können. Sie alle
haben Ihren unverwechselbaren Anteil an dem Sieg in der Schlacht bei Dantooine.
Dennoch möchte ich eine Person besonders hervorheben. Ihre Einsatzbereitschaft,
ihr Mut und ihre Entschlossenheit haben die Wende im Gefecht gebracht. - Captain
Lyndea Marsko, bitte kommen Sie herauf!"
Ein beifälliges Gemurmel durchzog die Halle, als Lyndea auf die Bühne
stieg. Die X-Wing-Pilotin spürte die tausendfachen Blicke in ihrem Rücken,
erhaschte ein aufmunterndes Nicken ihres Vorgesetzten Colonel Glish und trat
neben den Oberbefehlshaber der Marine. Als sie die vielen Soldaten sah, die
sie und Admiral Ackbar anstarrten, wurden ihre Knie weich.
Der Calamarianer ergriff erneut das Wort: "Captain Marsko, Sie haben
das einmalige Kunststück fertig gebracht, mit einem einzigen X-Wing einen
Sternzerstörer der Empire-Klasse zu vernichten ...."
Ein Raunen rollte wie eine Meereswelle durch den Hangar.
"Die Regierung der Neuen Republik verleiht Ihnen deshalb den Großen
Marineorden als Ausweis Ihrer Tapferkeit."
Der Admiral nahm ein breites Seidenband mit einer kreisrunden goldenen Plakette
und hängte es Lyndea um den Hals. Ein tosender Applaus begleitete die
Zeremonie, und Lyndea bekam vor Stolz und Verlegenheit rote Wangen.
"Aber es gibt nicht nur Positives von Ihrem Verhalten in der Schlacht
bei Dantooine zu berichten", fuhr Admiral Ackbar fort. "Sie haben
während des Kampfes Ihre Staffel verlassen und sich auf eine Einzelaktion
eingelassen. Das ist ein eklatanter Bruch der Dienstvorschriften."
Lyndea schluckte. Was hatte das nun zu bedeuten? Sollte sie für Ihr Manöver
etwa bestraft werden? Ein Hilfe suchender Blick zu Colonel Glish blieb unbeantwortet,
da ihr Vorgesetzter eine undurchdringliche Miene aufgesetzt hatte.
Der Calamarianer sprach weiter: "Die Oberste Marineführung hat daher
beschlossen, dass - ich zitiere - 'Captain Marsko fortan von allen X-Wing-Flügen
ausgeschlossen wird'. Dieser Beschluss tritt sofort in Kraft."
Lyndea stockte der Atem. Sie war versucht, dem Admiral das MakroVoice zu entreißen
und ihr Verhalten zu verteidigen. Wahrscheinlich hätte sie damit einen
Verweis oder gar eine Degradierung riskiert. Nur mit Mühe konnte sie
sich beherrschen.
"Dieser Beschluss ist absolut bindend", fuhr der Oberbefehlshaber
fort. "Und er gilt ganz offensichtlich für Captain Lyndea
Marsko. Um diesem Beschluss Folge zu leisten und zugleich Ihre Tat gebührend
anzuerkennen, kann ich nichts anderes tun, als Ihnen den Rang eines Captains
abzuerkennen - Major Marsko!"
Lyndea brauchte volle zwei Sekunden, um ihre Beförderung zu realisieren.
Dann verzog sich ihr Mund ganz ohne ihr Zutun zu einem breiten Grinsen.
"Danke, Sir!" strahlte sie. "Ich weiß nicht, was ich
sagen soll!"
Sie musste gar nichts sagen. Denn schon hatten Tausende von Soldaten ein rhythmisches
"em em" für "Major Marsko" angestimmt. Und Lyndea
wusste, dass sie diesen Spitznamen nicht so schnell los werden würde.
Es war die Hochzeit des Jahres im Äußeren Rand der Galaxis. Alle
Herrscher der wichtigsten Planeten im Dantooine-Sektor waren erschienen, die
Neue Republik und eine Reihe von Einzelwelten hatten Vertreter geschickt,
und natürlich machten sämtliche Clan-Oberhäupter der Dantari
ihre Aufwartung. Dantooine war nach der Schlacht zwischen dem Imperium und
der Republik in aller Munde. Und dass die Herrscherin zudem ausgerechnet einen
Kopfgeldjäger heiratete, machte das Ereignis doppelt interessant.
Es war ein gewaltiges Fest auf einem der großen Felder außerhalb
der Stadt Dantar. Gaukler, Feuerschlucker, Tänzerinnen und Artisten führten
ihre Künste vor. Mit Tributen und Geschenken beladene Karawanen und Delegationen
zogen über den Platz und luden ihre Waren ab. Auf einem hölzernen
Podest saß das Brautpaar und nahm wohlwollend lächelnd die Glückwünsche
und Geschenke der Gratulanten entgegen. Empress S'silk trug ein wallendes,
feuerrotes Seidenkleid und eine goldene Krone auf ihrem Haupt. Joraam Malgur
hatte eine dunkelgrüne Samtrobe angezogen. Er hatte es merkwürdig
gefunden, gänzlich auf sein Waffenarsenal zu verzichten, und fühlte
von Zeit zu Zeit heimlich über den Griff des Miniblasters, den er partout
nicht hatte ablegen wollen.
Drei Stunden dauerte das Fest nun bereits. Und Joraam Malgur konnte nicht
behaupten, dass er sich amüsierte. Hier oben auf dem Präsentierteller
zu sitzen, während irgendwelche lokalen Potentaten einen mit Tributzahlungen
verbundenen Treueeid schworen - so hatte er sich seine Hochzeit nicht vorgestellt.
Außerdem wurde seit Tagen recht offen ein kesser Spruch von Empress
S'silk in der Stadt Dantar kolportiert. Es ging um Bräute und Dienstmägde
und darum, dass eine Frau sich vor der Ehe hüten solle, um nicht in der
Küche zu landen. So jedenfalls gingen die Gerüchte. Und Joraam fragte
sich, ob ihm wirklich klar war, worauf er sich bei der Heirat eingelassen
hatte.
Dann aber wandte sich Empress S'silk ihm zu und warf ihm aus ihren azurblauen
Augen einen Blick voller Liebe, Zärtlichkeit und Leidenschaft zu. Und
Joraam Malgur wusste, dass er in seinem Leben nie eine bessere Entscheidung
getroffen hatte als die Frau zu heiraten.
Endlich, nach über drei Stunden, trat der oberste Priester des Dantar-Tempels
auf das Podest und bedeutete der Menge zu schweigen. Dann vollzog er die Trauung,
die angesichts des bisherigen Festes überraschend schlicht war.
Der Priester nahm die Hand von Empress S'silk und legte sie in Joraam Malgurs
Hand.
Dann sprach er: "Empress S'silk, Herrscherin der Dantari und Regentin
des Planeten Dantooine, Tochter der Weisheit, Schwester der Kriegskunst, Gefährtin
der Gerechtigkeit, und Joraam Malgur, Beschützer, Ratgeber und Erster
Diener der Herrscherin - Frau und Mann seid ihr!"
Ein tumultartiger Jubel erfasste die Menge, während der Kopfgeldjäger
noch über die Bedeutung der Bezeichnung "Erster Diener" nachdachte.
Dann machte der Priester wiederum eine Geste, um das Volk zum Schweigen zu
bringen. Anschließend sagte er zum Brautpaar: "Nun dürft ihr
einander küssen!"
Auf diesen Satz hatte Joraam Malgur seit drei Stunden gewartet.
Es war ein ausgelassenes Fest. Der gesamte Strand war von Kohlenfeuern erleuchtet.
Der würzige Duft gebratener Fische mischte sich mit dem Salzgeruch des
Meeres. Junge Meri führten einen wilden Harpunen-Tanz auf, zu dem Muschelflöten,
Bambustrompeten und Palmentrommeln eine mitreißende Musik beisteuerten.
Kwalanuss-Schalen, gefüllt mit gegorenem Pasri-Saft machten die Runde
und brachten die ohnehin schon erhitzten Gemüter der Feiernden noch mehr
in Wallung. Es war ein rauschhaftes Begehen von Freiheit und Lebensfreude.
Sevat Lorique setzte sich neben Jael Jinn Hajom in den Sand. Ihre Augen waren
nach dem Genuss des Pasri-Saftes ein wenig verkleinert, aber ihre Stimme war
immer noch klar und akzentuiert, als sich zu der Jedi sprach.
"Jael, ich bin froh, dass du zurück gekommen bist. Du warst mit
deinem Feuerschiff so schnell weggeflogen, dass wir uns nicht von dir verabschieden
konnten."
"Ich musste meine Freundin, die ich aus den Fängen des 'bösen
Geistes' befreit habe, so schnell wie ich konnte in Sicherheit bringen. Jetzt
bin ich zurück gekommen, um zu erkunden, wo der 'böse Geist' geblieben
ist. Aber ich habe jede Spur von ihm verloren. Er hat nicht nur die Insel
verlassen, sondern offenbar auch den gesamten Planeten."
Sevat strahlte. "Ja, er ist fort. Wir sind dir dankbar für die Befreiung
von dem bösen Geist. Wir stehen auf immer in deiner Schuld."
"Nein", wehrte Jael ab. "Ich habe den 'bösen Geist' nicht
vertrieben. Er hat offenbar aus eigenem Willen Merilaque verlassen."
"Trotzdem, seit du da gewesen bist, ist diese düstere Bedrohung
verschwunden", beharrte Sevat Lorique. "Und die Fische sind wieder
gekommen. Ja, die Fische! Ein größeres Wunder konntest du gar nicht
tun."
Ihr Vetter Thorpe kam herbei. Er hielt die Arme vor dem Körper, die Handflächen
nach oben gerichtet, als ob er etwas trug. Doch er hob keine Last. Vielmehr
schwebte ein Gegenstand einige Zentimeter über seinen Händen. Es
war ein Wasserkunstwerk, wie Jael es auf Dantooine gesehen hatte. Thorpe blieb
vor Jael stehen und lächelte sie an.
"Das Kunstwerk ist für dich, Jael", erklärte Sevat Lorique.
"Wir schenken es dir als Zeichen der Dankbarkeit und Freundschaft."
Jael lächelte die Meri an. "Danke, Sevat. Das ist ein wundervolles
Geschenk. Ich werde es in Ehren halten. - Nur, wie soll ich es tragen? Das
Wasser wird mir durch die Hände laufen."
"Nein", widersprach Sevat Lorique. "Es gehört dir. Es
wird deinem Willen gehorchen."
Tatsächlich konnte Jael ihre Hände unter das Kunstwerk schieben
und es schwebend hochheben, ohne im geringsten die Macht zu benutzen.
Sie stand auf, um das Artefakt in die Raumfähre zu tragen.
Als sie an der Einstiegsrampe war, holte Sevat Lorique sie ein.
"Lass mich dein Feuerschiff ansehen", bat sie. "Ich möchte
eines Tages auch andere Planeten sehen, nicht nur Erzählungen von Händlern
hören."
"Wenn du willst, nehme ich dich mit zu anderen Planeten", bot ihr
Jael an. "Es gibt Planeten mit endlosen Wüsten, Monde mit riesigen
Wäldern oder Himmelskörper, die eine einzige Stadt bilden."
"Auch Wasserwelten wie Merilaque?" wollte Sevat Lorique wissen.
Jael nickte. "Auf einem Planeten namens Naboo gibt es ein Volk, das unter
Wasser in herrlichen Städten lebt. Ich werde dich dahin bringen, wenn
du magst. Nur den Segen der wissenden Zunge solltest du dort nicht nutzen.
Die Bewohner sprechen schreckliches Basic."
Der Medidroide verließ das Krankenzimmer und rollte auf den Flur.
"Sie können jetzt hineingehen, Ma'am. Sie ist wach. Aber bitte schonen
Sie sie. Noch ist sie sehr schwach. Ein Rätsel, dass sie es überhaupt
überlebt hat."
Sha'In-Mar dankte dem Droiden und betrat das Zimmer. Auf einem Bett, inmitten
von Überwachungsmonitoren und einem Gewirr von Schläuchen, lag Isaphàn.
Ihre unnatürlich bleiche Hautfarbe war beinahe der schneeweißen
Zimmereinrichtung angepasst. Die einzigen Farbtupfer setzten Isaphàns
rotes Haar und ein riesiger Strauß langstieliger roter corellianischer
Rosen, die in einer Vase auf einem Tisch standen.
Isaphàn lächelte, als Sha'In-Mar an ihr Bett trat und sich setzte.
Eine Zeit lang sprachen die Jedi kein Wort, sondern kommunizierten stumm auf
mentalem Wege miteinander, genossen die Freude, einander zu sehen. Dann ergriff
Sha'In-Mar das Wort.
"Yo-Karah kommt auch gleich
, sie muss noch etwas mit ihrem Vater besprechen.
Isaphàn, ich bin so froh, dass du die Operationen überstanden
hast. Wir haben uns tagelang größte Sorgen um dich gemacht. Die
Medidroiden hatten dich bereits aufgegeben. Nicht allein deine Jedi-Kräfte
haben dich gerettet. Ihr Dathomir-Hexen seid anscheinend besonders zäh."
Isaphàn antwortete mit leiser Stimme, um sich zu schonen: "Ja,
wir Hexen sind widerstandsfähig."
Sie lächelte. "Außerdem habe ich einen guten Grund, gesund
zu werden: Ich muss noch gegen Master Skywalker kämpfen."
Dann wurde sie ernst: "Wie geht es dir? Dich hätte beinahe ein schlimmeres
Schicksal ereilt als der Tod."
Sha'In-Mar nickte. "Die Versuchung der dunklen Seite war stark. Aber
ich habe mich nicht verführen lassen und werde es auch in Zukunft nicht
tun." Ihre Augen wurden traurig. "Ich lasse den Zorn nicht mächtig
werden in mir. Ich spüre Trauer über den Verlust meiner Familie,
den Tod von Captain Russel, den sinnlosen Mord an meinem Bruder. Aber diese
Trauer wandle ich nicht mehr um in Hass."
Eine Weile hingen beide stumm ihren Gedanken nach.
"Jael hat sich von Merilaque gemeldet", sagte Sha'In-Mar schließlich.
"Darth B'Yern ist nicht mehr auf dem Planeten. Wir haben die Spur verloren."
Aber dann schüttelte sie energisch den Kopf. "Reden wir jetzt nicht
von solch düsteren Dingen. Wichtig ist allein, dass du wieder gesund
wirst."
Ihr Blick fiel auf den Blumenstrauß. "Von wem sind eigentlich diese
wunderschönen Rosen?"
Isaphàn lächelte. "Von Major Crowe. Noch ein Grund mehr,
wieder gesund zu werden."
In der Cantina des Medi-Zentrums saßen Yo-Karah und ihr Vater beisammen.
Die Jedi schaute sehr ernst drein.
"Ich muss mit dir reden, Vater", sagte sie und blickte Obi-Nor direkt
in die Augen. "Ich habe gehört, dass die Engi Trading Corporation
aufgelöst worden ist."
"Tatsächlich?"
"Und Fer Engi hat bankrott gemacht."
"Ach ja?"
"Und die Tarlass-Handelslizenzen sind auf die Rechtsnachfolgerin der
Engi Corporation übergegangen."
"Aha."
"Vater, du weißt diese Dinge so gut wie ich. Schließlich
ist die Gildorian Enterprises diese Rechtsnachfolgerin. Gib es zu: Fer Engi
war von Anfang an nichts als ein Strohmann von dir."
Obi-Nor rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. "Du hast Recht,
Yo. Deshalb habe ich mich auch nicht besonders gern in diese Dantooine-Mission
hineinziehen lassen. Ich wollte unbedingt diese Lizenz, aber weil ich als
republikfreundlicher Händler bekannt bin und Empress S'silk neutral bleiben
wollte, erschien mir diese Vorgehensweise günstiger."
"Das ist deine Sache, Vater. Aber weißt du, was mir nicht gefällt?
Du hast diese Handelslizenz und die Entschädigung für die Frachter.
Du bist der einzige, der aus diesem schrecklichen Konflikt noch finanziellen
Gewinn zieht."
Obi-Nor zog die Stirn in Falten. "Na hör mal, Yo, was erwartest
du eigentlich von mir? Schließlich bin ich Geschäftsmann und kein
Jedi!"
Er rührte missmutig in seinem K'Feh-Trank.
Nach einer Weile entspannte er sich ein wenig. "Lass uns nicht nur von
mir reden, Yo. Ich wollte dich schon seit Tagen etwas fragen. Du hast gesagt,
Darth Rage sei aus der Forschungsstation entkommen. Bist du dir ganz sicher?"
Die Jedi nickte. "Ich fühle, dass er lebt. Er muss entkommen sein,
bevor die Station zerschellt ist."
"Hättest du nicht die Chance gehabt, ihn zu töten? Warum hast
du nur sein Handgelenk zerschlagen? Wir hätten jetzt ein Problem weniger."
Yo-Karah antwortete ganz ruhig. "Ich habe den Drang gespürt, ihn
zu vernichten, als ich sah, wie er Isaphàn niederstreckte. Aber dann
hätte ich meinem Zorn nachgegeben. Yogi-Tea hat mich eigens davor gewarnt.
Nein, Vater, ich wollte ihn nicht töten. Nicht in diesem Moment. Nicht
in diesem Zorn. Ich erliege nicht der dunklen Seite der Macht."
Helen Moonlights kleine Wohnung im Akademieviertel auf Trexx, sonst ein Muster
an Sauberkeit und Ordnung, war vernachlässigt, beinahe schon verwahrlost.
Essgeschirr türmte sich ebenso wie Unterlagen für wissenschaftliche
Ausarbeitungen, achtlos hingeworfene Datapads und Kleidungsstücke. Die
Computerspezialistin saß inmitten des Chaos und brütete stumpf
vor sich hin. Noch vor zwei Wochen, unmittelbar nach der Befreiung aus ihrem
Gefängnis in der imperialen Forschungsstation, hatte sich sich grenzenlos
erleichtert gefühlt. Doch dann hatte sie von der Vernichtung der dritten
Flotte bei den Mer'Van-Raumwerften erfahren. Die Erkenntnis, dass ihr Hackerangriff
für die vollständige Niederlage und den Tod von Tausenden von Soldaten
verantwortlich war, hatte sie getroffen wie ein Hieb mit einer Vibro-Axt.
Die Schuldgefühle, die sie schon in ihrer Arrestzelle heimgesucht hatten,
waren doppelt und dreifach so stark wieder zurückgekehrt. Und nun hockte
sie in ihrer Wohnung, ohne Energie, ihr normales Leben aufzunehmen. Wie sollte
sie jemals wieder in der Akademie lehren können, wie konnte sie jemals
wieder in der Öffentlichkeit auftreten, ohne die stumme Anklage der toten
Marinesoldaten hören zu müssen? Mit welchem Recht hatte sie die
Soldaten dem Feind ausgeliefert, den Familien ihre Angehörigen entrissen?
Das Türsignal läutete, doch Helen öffnete nicht. Wenn jetzt
ein Kollege von der Akademie der Wissenschaften käme, um sie an ihre
Arbeit zu erinnern, würde sie auf der Stelle kündigen. Erneut läutete
es, aber Helen ignorierte den Ton einfach. Wäre sie nicht genauso schuldig
geworden, wenn sie tatenlos zugesehen hätte, wie die P'Rach ihre Terroranschläge
verübten? Hatte sie überhaupt eine Wahl gehabt?
Nun pochte es laut an ihrer Tür. Offenbar war der hartnäckige Besucher
in den Wohnturm eingelassen worden und war bis zu ihrer Wohnung vorgedrungen.
Mit einem Seufzen erhob sich Helen, ging zur Tür, schaute durch den HoloSpion
- und erstarrte.
Vor der Tür stand Leia Organa Solo, die Präsidentin der Neuen Republik.
Helen riss die Tür auf. "Frau Präsidentin, es tut mir Leid,
dass ich Sie habe warten lassen. Aber Sie sehen ja, dass ich zur Zeit nicht
auf Besuch eingerichtet bin." Mit einer Handbewegung deutete sie auf
das Chaos in ihrer Wohnung, um ihre Worte zu unterstreichen.
"Das stört mich nicht, Miss Moonlight. Wenn ich trotzdem hereinkommen
darf?"
Helen ließ die Präsidentin ein und machte sich daran, die gröbste
Unordnung zu beseitigen.
"Bitte machen Sie sich keine Umstände", wehrte Leia ab. "Ich
bin gekommen, um mit Ihnen über Ihren Hackerangriff zu sprechen."
Helen presste die Lippen zusammen; ihr ganzer Körper versteifte sich.
Leia bemerkte die Veränderung, und ihr Blick wurde teilnahmsvoll. "Es
muss furchtbar für Sie sein. Man hat Sie zu der Tat gezwungen, ohne dass
Sie eine Chance hatten."
"Ich habe schreckliche Schuldgefühle", flüsterte Helen
tonlos, während ihre Augen feucht wurden.
"Ich weiß", antwortete Leia sanft. Sie musste an ihren Besuch
bei Empress S'silk denken und an die Entschuldigung wegen des Leids der Dantari.
Sie legte einen Hand auf Helens Schulter. "Ich kann Ihnen diese Gefühle
nicht nehmen, aber glauben Sie mir, ich weiß, wie Ihnen zumute ist.
Auch ich habe Schuld auf mich geladen, als ich im Bürgerkrieg Gefangene
des Imperiums war. Ich habe damals Unschuldige verraten, habe Leid und Tod
über ein ganzes Volk gebracht. Ich fühle mit Ihnen."
Plötzlich, als wäre ein Damm gebrochen, fing Helen an, hemmungslos
zu schluchzen. Tränen schossen ihr aus den Augen, und sie griff wie eine
Ertrinkende nach Leias Schulter.
Leia nahm Helen in den Arm und hielt sie fest. "Weinen Sie, Helen",
sagte sie und strich ihr leicht über das Haar. "Die Tränen
lösen den Schmerz und lassen die Trauer fließen."
Helen barg sich in Leias Armen und weinte lange Zeit.
Nach einer Weile versiegten Helens Tränen. Sie löste sich aus der
bergenden Umarmung und wischte sich über die geröteten Augen.
"Frau Präsidentin ..."
"Leia", korrigierte diese ruhig.
"Leia, danke, dass Sie mich gehalten haben. Ich wusste nicht, wohin mit
meinem Schmerz. - Doch Sie wollten mich sprechen?"
"Ja", bestätigte Leia. "Wir brauchen Sie, Helen. Wir sind
besorgt, dass noch einmal jemand unbemerkt in das Computernetzwerk eindringen
kann. Die Regierung der Neuen Republik bittet Sie, Sicherheitsmaßnahmen
zu entwickeln, die einen weiteren Angriff verhindern."
Helen straffte sich. Sie spürte, wie ihr die Anfrage neue Energie gab.
"Ich freue mich, dass Sie mich beauftragen, Leia, nach allem, was passiert
ist. Ich werde Ihr Vertrauen nicht enttäuschen. Ich werde dafür
sorgen, dass sich ein solcher Hackerangriff niemals wiederholt."
Der Sandsturm heulte unerbittlich durch das "Tal der Winde". In
ihrer Höhle, im Schein des warmen Lichts der Öllampe, saß
Yogi-Tea. Sie meditierte, um den Erschütterungen der Macht in
den letzten Wochen nachzuspüren. Wohl nur wenige Personen hatten geahnt,
welche Gefahr von Darth B'Yern ausgegangen war und welch gewaltige Unterdrückung
und Vernichtung ein neuer Machtkampf um die Herrschaft über die Galaxis
gebracht hätte. Lange Zeit war sich die Neue
Republik zu sicher gewesen. Hatte nur auf die Reste des alten Imperiums geachtet,
auf die selbst ernannten Nachfolger Palpatines. Erst jetzt war deutlich geworden,
wer der wahre Gegner war. Gewiss, Darth B'Yern war mit seinem Plan gescheitert.
Er hatte sich zu früh aus seiner Deckung gewagt und war von Merilaque
geflohen. Aber er war nicht besiegt. Selbst Darth Rage war noch am Leben.
Wie würden die beiden Sith nun handeln? Niemals würde Darth B'Yern
seine Machtgelüste aufgeben. Vielleicht würde es lange dauern, bis
er einen erneuten Versuch wagte. Vielleicht würde er auch schon bald
zuschlagen. Die Neue Republik musste in jedem Falle wachsam sein.
Yogi-Tea drehte den Docht der Lampe höher. Der Schein wurde heller und
leuchtete auch die Ecken und Winkel der Höhle aus, als wollte er die
Schatten vertreiben, die die Galaxis bedrohten.
Ende
Obi-Nor