Eine lohnende Mission

Eine Geschichte aus dem Star Wars Universum

Prolog

Arbeiter 3271 streifte die lederne Schutzkleidung über, schlüpfte in die Stiefel, zog den Gürtel stramm, nahm seine ID-Card und trat aus der niedrigen Baracke hinaus auf den Hof. Es war ein kühler, klarer Morgen; der vor dem Verwaltungsgebäude abgestellte Landgleiter des Sicherheitsdienstes war mit Rauhreif überzogen. Die Morgendämmerung ließ langsam die Sterne verblassen. Noch wenige Minuten, und die erbarmungslos sengende Sonne würde den weiten Talkessel in einen Glutofen verwandeln. Doch davon würde 3271 nichts mitbekommen. Seine Schicht begann vor Sonnenaufgang und endete erst in den späten Abendstunden. Die Zeit dazwischen würde er über eine Meile unter der Planetenoberfläche verbringen, wie Tausende seiner Arbeitskollegen auch.

3271 reihte sich in die Schlange der Wartenden vor dem Transportturm ein. Wie lange war es her, dass er hier zum letzten Mal gewartet hatte, um in die Mine einfahren zu können? 14 Tage? Drei Wochen? Einen Monat? Er wusste es nicht, aber es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, wie in einem früheren Leben. Eigentlich war es ja auch ein neues Leben, das er seit dem Unfall führte. Hatte nicht der Medidroide gesagt, er sei der erste Mensch, der nach einem Angriff von Vampir-Egeln noch lebte? Dass er nach der langen Zeit in der Medistation wieder auf die Beine kam, war wie das Geschenk eines zweiten Lebens. Aber das war es nicht allein. Es war auch ein neues Leben für ihn. Er hatte das Gefühl, seine Umgebung und sich selbst mit einem Male ganz anders wahr zu nehmen, mit anderen Augen zu sehen. Vor dem Unfall, da - ja, was? Was wusste er schon von seinem Leben davor? Er hatte in der Edelquarz-Mine gearbeitet, in der Vortrieb-Kolonne des Strebs 410 Nord. Er konnte sich an alle Arbeitsabläufe genau erinnern, an die Vortriebs- und Abstütztechniken, an die Werkzeuge, an die Belüftungs- und Entwässerungsmaßnahmen. Aber sonst? Was für ein Leben hatte er außerhalb der Arbeit geführt? Hatte er überhaupt gelebt? Er konnte sich einfach nicht daran erinnern. Er wusste nur, dass er sich jeden Morgen in eine lange Schlange eingereiht hatte, um die Transportkontrolle am Schachteingang zu passieren. Wie heute.

Er kannte die viele Arbeiter vom Sehen, hätte aber ihre ID nicht sagen können. Nur wenige konnte er identifizieren, 1154 zum Beispiel oder 2904, beide aus seiner Kolonne. Er nickte ihnen zur Begrüßung kurz zu, sie erwiderten den Gruß flüchtig. Sie sprachen nicht miteinander. Es fragte ihn auch niemand, ob es ihm wieder besser gehe. Fiel es ihnen überhaupt auf, dass er seit langer Zeit erstmals wieder arbeitete? Er drehte sich um und schaute den hinter ihm stehenden Arbeiter an. Dessen Augen waren glasig, er stierte ausdruckslos vor sich hin. Was mochte er wahrnehmen? War diesem Arbeiter bewusst, dass er sich mechanisch bewegte wie eine Maschine, wie ein Droide?
Hatte er vor seinem Unfall etwa auch so ausgesehen?
"Ihre Nummer?"
Er schreckte aus seinen Gedanken. Ohne es zu merken, hatte er die Transportkontrolle erreicht.
Ein Moment zögerte er, dachte er nach, dann gab er die Antwort: "3271."
"Ihre ID-Card!"
Der Kontrolldroide nahm seine ID-Card entgegen und gab sie in ein Lesegerät ein. Die Anzeige bestätigte seine Identität, so dass er passieren durfte. Er betrat den Metalldetektor und wartete, bis das grüne Licht aufleuchtete; ein Zeichen, dass er keinerlei Metall bei sich trug. Dann ging er weiter zum Förderkorb.

Der aus massiven Kunststoffstangen gefertigte Korb zitterte und vibrierte, als er in rasanter Fahrt in die Tiefe glitt. Wie alle 100 Arbeiter dieser Transportfuhre bemühte sich auch 3271 zusätzlich zur Wirkung der Druckausgleich-Pille durch Gähnen und Schlucken, den stetig wachsenden Druck auf seinen Ohren zu mindern. Es waren reflexhafte Handlungen, die er ohne Nachdenken ausführte, doch zum ersten Mal machten sie ihm die gewaltige Tiefe bewusst, in die er sich begab. Früher hatte er nie darüber nachgedacht, dass er während seiner Arbeit über eine Meile Gestein und Geröll und massiven Fels über seinem Kopf hatte. Aber heute irritierte ihn dieser Gedanke. Denn heute erinnerte er sich plötzlich daran, dass er nicht immer in dieser Mine gearbeitet hatte. Verschwommene Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, Bilder von einem sonnendurchfluteten Himmelskörper, von einer Tätigkeit an der Planetenoberfläche. Er musste daran denken, dass er bei der Transportkontrolle bei der Nennung seiner ID gezögert hatte. Dass ihm nicht nur seine Nummer eingefallen war, sondern auch die Tatsache, dass er einmal bei einem richtigen Namen gerufen worden war. Wie viele Jahre waren seitdem vergangen? Wie alt war er überhaupt? Und wann kam er hierher in diese Mine?
Gerade als ihm auffiel, dass ihm lauter Fragen durch seinen Kopf gingen, stieg die gefährlichste aller Fragen aus den Tiefen seines Unbewussten hoch an die Oberfläche seiner Gedanken. Sie drängte sich auf wie ein lästiger Straßenhändler, nein, sie fraß sich regelrecht in sein Gehirn wie ein Vampir-Egel in die Haut seines Opfers. Und sie ließ sich genauso wenig abschütteln.
Warum?
Warum raubte ihnen die Minengesellschaft die Namen, um sie durch Nummern zu ersetzen?
Warum konnte er sich nur verschwommen an die Zeit vor seiner Arbeit in der Mine erinnern?
Warum hatte er sich niemals Gedanken über sein Leben gemacht, seit er hier beschäftigt war?
Warum waren alle so entsetzlich teilnahmslos, auch als ...
Die Erinnerung ließ ihn fast körperliche Qualen erleiden.
Der Wassereinbruch, sein Sturz, die Vampir-Egel, die sich zu Hunderten an ihm fest gesogen hatten, seine Schreie, seine Verzweiflung, als ihm niemand half, seine stärker werdenden Schmerzen, sein Blutverlust ...

Der Transportkorb kam mit einem Ruck zum Stillstand.
Die Tür glitt auf, und einer nach dem anderen trat heraus in die niedrige Halle, von der aus die einzelnen Strebe abgingen. Der Vorarbeiter gab die aus Kunststoff, Holz und Stein gefertigten Werkzeuge aus.
Warum durfte kein einziger Gegenstand aus Metall in den Schacht eingeführt werden? Es war im Grunde lächerlich: Oben an der Oberfläche verrichteten vollautomatisierte Droiden die Verarbeitung des abgebauten Minerals und verfrachteten es mit Hilfe von Raumschiffen, hier unten aber schufteten Menschen wie vor Tausenden von Jahren.
Er nahm den Berghammer entgegen und gesellte sich zu den anderen seiner Kolonne.
"Ihr seid heute im Streb 411 Ost", beschied ihnen der Schichtführer und schickte sie in einen mit Fackeln beleuchteten Seitengang.
Warum waren die Vampir-Egel so plötzlich verschwunden? Es war wie eine Flucht gewesen, eine Flucht vor ...
Er schauderte. Da war noch etwas gewesen, irgendein - Tier. Er hatte gespürt, wie es näher kam. Ungeachtet seiner Wunden hatte er sich aufgerafft, war blindlings den Gang entlang gestolpert, bis er seine Kolonne erreicht hatte. Dort war er zusammengebrochen.
Erst in der Medistation war er wieder aufgewacht. Danach hatte es endlose Behandlungen gegeben und wirklich schaurige Mahlzeiten. Es war ein Fraß, der ...
Ihm wurde schwindlig bei der Erkenntnis.
Das Essen!
Sie mischen uns etwas ins Essen hier unten, dachte er. Irgendeine Droge, die uns abstumpfen lässt.
In der Medistation hatte er etwas anderes zu essen bekommen als die Arbeiter, die hier unten in der Mine verpflegt wurden. Und bestimmt war es ein Versehen gewesen, dass er nicht mit der Droge vollgepumpt worden war.
Ein Versehen, das sie noch bereuen würden. Ihn würden sie nicht mehr zu einem willenlosen Werkzeug machen können. Und er würde dafür sorgen, dass auch andere Arbeiter von dieser Droge befreit würden, und dann ...
Befreit.
Das war das Stichwort.
Er würde die Menschen hier befreien.
Die Tage der Ausbeutung waren gezählt.

 

 

1.

Wie ein gigantischer Ball stand der Planet Yavin über dem Horizont seines vierten Mondes. Der Gasriese spendete rötlich schimmerndes Zwielicht, das für Menschen und tagaktive Tiere ausreichte, sich visuell zu orientieren, obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war. Yo-Karah Mal'Wan nutzte diese frühe Morgenstunde wie üblich zu einer Meditation. Ein wenig abseits von dem uralten Tempel, den Luke Skywalker für seine Jedi-Akademie ausgewählt hatte, saß sie an einen Felsbrocken gelehnt und ließ sich von der Macht durchströmen. Von den Ablenkungen der äußeren Sinneswahrnehmungen befreit, wurde sie eins mit der Kraft, die die Galaxis zusammenhielt.
"Die Stärke der Jedi liegt in der Gelassenheit."
"Weisheit, nicht Kampfkraft ist die Waffe, mit der eine Jedi kämpft."
"Wir streben nach Frieden und Harmonie, nicht nach Ruhm und Ehre."
Diese und ähnliche Sätze von Luke Skywalker hatte sie früher oft nur widerstrebend angenommen. Zu ungeduldig war sie gewesen, zu begierig, zu unternehmenslustig. Aber seit sie vor fast vier Jahren ihre Ausbildung beendet hatte, hatte sie ein viel tieferes Verständnis von dem Wirken der Macht erlangt. Und nie fühlte sie sich so sehr von der Macht getragen wie während ihrer täglichen Meditationen.
Andererseits konnte sie nicht immerzu meditieren wie die Bo'marrh-Mönche auf Tatooine. Als Jedi gehörte sie zu den Hütern der Gerechtigkeit und des Friedens der Neuen Republik. Deshalb wurde sie von Luke Skywalker oft mit Aufträgen versehen ausgesandt. Auch heute stand ihr eine diplomatische Mission bevor.

Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das Dickicht des Dschungels. Yo-Karah löste sich aus ihrer Meditation und öffnete die Augen. Bald würde die Luft schwül und heiß sein wie in den Botanischen Treibhäusen im Wohnturm der Trexxanischen Vertretung auf Coruscant. Aber dann war sie bereits auf dem Weg nach Rysloth V, einem kleinen Planeten im Outer Rim. Diesen unbedeutenden Himmelskörper hätte wohl niemand in der gesamten Galaxis gekannt, wären dort nicht vor einigen Jahrzehnten bedeutende Edelquarz-Vorkommen von besonderer Reinheit entdeckt worden. Vom Export dieses unermesslich kostbaren Minerals war die gesamte Ryslothische Wirtschaft abhängig. Und nun produzierte die größte von drei Minen nicht mehr, und die Planeten-Regierung hatte die Neue Republik um Hilfe gebeten. Zwar war Rysloth V nur assoziertes Mitglied der Republik, aber diese war aufgrund komplizierter Unternehmensbeteiligungen gewissermaßen Miteigentümerin der Minengesellschaft. Präsidentin Leia Organa Solo hatte ihren Bruder gebeten, Jedi als Botschafter und neutrale Beobachter nach Rysloth V zu entsenden, um die Lage zu sondieren.

Yo-Karah erhob sich und ging den schmalen Fußpfad zum Tempel zurück. Bislang wusste niemand genau, was eigentlich auf Rysloth V geschehen war. Widersprüchliche Meldungen berichteten von Streik, einem Unglück, einer Naturkatastrophe und sogar von der Invasion fremder Truppen. Da man aber Letzteres aufgrund von Geheimdienst-Erkenntnissen ausschließen konnte, schien es sich um einen leicht zu bewältigenden Auftrag zu handeln. Luke Skywalker hatte deshalb auch bestimmt, dass Yo-Karah von der Jedi-Schülerin Kaya begleiten werden sollte. Es war das erste Mal, dass Kaya nach ihrer Aufnahme in die Jedi-Akademie vor drei Jahren Yavin 4 verlassen würde.
Die mittlerweile 15-jährige Kaya war eine Macht-Hexe vom Planeten Dathomir, wie Yo-Karahs Freundin Isaphàn. Mit Yo-Karah verband sie darüber hinaus eine verwandtschaftliche Beziehung: Sie waren Halbschwestern, hatten beide denselben Vater. Dieser hatte Kaya damals nach Yavin 4 gebracht, nachdem ihm bekannt geworden war, dass er außer Yo-Karah noch eine zweite Tochter hatte. Einzelheiten über die Beziehung zu Kayas Mutter Nesaphàn hatte er nie erzählt.
Die bevorstehende Mission war das erste Mal, dass sich Yo-Karah intensiver um ihre zwölf Jahre jüngere Schwester kümmerte. Wie würde sich die Jedi-Schülerin bewähren?

Kaya wartete bereits auf dem großen Vorplatz des Tempels neben dem Raumgleiter, der von der Crew soeben startklar gemacht wurde.
Sie ging ihrer Schwester entgegen und verbeugte sich zum förmlichen Gruß.
"Ich bin bereit, Yo-Karah."
"Das wird sich zeigen, Kaya", entgegnete diese lächelnd.
Sie stiegen über die Rampe ins Innere des Raumschiffes. Kaya spürte ihre Freude und ihre Anspannung fast körperlich, was ihr ein wenig peinlich war. Sie wusste, es hatte keinen Sinn, ihre Aufregung zu leugnen oder zu verdrängen - "deine Gedanken können irren, aber deine Gefühle sind immer authentisch", pflegte Master Skywalker zu sagen - und sie wusste auch, dass die erste Mission im Leben einer Jedi Grund genug war, die sonst eingeübte Gelassenheit zu verlieren. Aber musste sie so aufgeregt sein wie ein neunjähriges Mädchen auf Dathomir, das ihren ersten B'woffha-Vogel jagen darf? Obwohl - wenn sie diese Mission gut bewältigte, dann würde es sein, als kehrte sie mit dem B'woffha-Federkleid an ihrem Gürtel heim. Und genauso, wie damals alle Frauen des Clans gekommen waren, um sie zu begrüßen, so ...
"Eine Jedi strebt nicht nach Heldentum und Abenteuer!"
Kaya schreckte auf. Yo-Karahs Worte hatten sie wie ein Peitschenhieb getroffen. Ihre Gedanken mussten ihrer Schwester offengelegen haben wie ein aktiviertes Datapad.
"Es tut mir Leid, ich habe soeben an ein Ritual aus meiner Heimat gedacht", murmelte sie beschämt.
Doch Yo-Karah lächelte mild und freundlich. "Ich habe Master Yoda zitiert, den Lehrer von Master Skywalker. Ich habe in deinem Alter immer nach Heldentum und Abenteuer gestrebt. Master Skywalker übrigens genauso."
Kaya entspannte sich.
"Aber dennoch" - Yo-Karah wurde wieder ernst - "nimm dir den Satz zu Herzen. Strebe nach Harmonie und Ausgleich, nach Gelassenheit und Frieden. Du wirst auf unserer Reise Gelegenheit dazu haben. Ich rechne mit einer friedlichen, wenig ereignisreichen Mission."

"Die Regierung hat also ein Hilfeersuchen gestellt."
Kniz Teh'roff erhob sich von seinem gewaltigen Schreibtisch und trat an das überdimensionierte Transparistahl-Fenster. Der Direktor der Sseria-Edelquarzmine schaute nachdenklich über das ausgedehnte Firmengelände. Schließlich wandte er sich wieder an seine Gesprächspartnerin.
"Und Sie sind sicher, dass dem Gesuch stattgegeben wurde? Man sollte meinen, die Neue Republik hat in diesen Tagen anderes zu tun als sich in unsere Angelegenheiten einzumischen."
"Ich bedaure, Sir, aber meine Informationen sind absolut zuverlässig."
M'zinis blieb äußerlich ruhig und sachlich, in ihrem Innern aber kochte es. Kniz Teh'roff mochte der Direktor dieser Mine sein, aber letztlich war er doch nur ein Mensch, ein Angehöriger dieser schwächlichen Spezies, der sämtliche Arbeiter in den Tiefen der Abbaugebiete angehörten. War er etwa besser als diese Arbeitstiere? Nein, einen kühlen, analytischen Verstand und insbesondere die Skrupellosigkeit, die nötig waren, ein Unternehmen wie dieses zu leiten, suchte man bei Menschen vergebens. Ihr war wirklich schleierhaft, wie diese dekadente Spezies sich so weit über die Galaxis hatte ausbreiten können.
"Aber wie wird die Neue Republik reagieren?" fragte der Direktor. "Sie werden eine Delegation schicken, soviel ist sicher. Aber wen? Und wohin?"
M'zinis purpurne Haut wurde um eine Nuance blasser, ein Zeichen für Ärger und Verachtung.
"Ich nehme an, dass diese Delegation zunächst den Regierungspalast aufsuchen wird. Schließlich kam das Hilfegesuch von dort. Danach wird sie hierher kommen."
"Ah, gewiss, Sie haben Recht. Nun, Sie werden sich unverzüglich zur Hauptstadt begeben. Sie werden die Delegation abfangen. Niemals dürfen die Vertreter der Neuen Republik hierher in die Mine kommen. Vielleicht wird ihnen ein Unglück zustoßen ... Ich habe mich doch klar ausgedrückt?"
M'zinis gelbe Augen blitzten. "Wen auch immer die Neue Republik schicken wird - sie sind so gut wie tot."

 

 

2.

Die schweren Subraumtriebwerke erloschen. Nur noch das Dröhnen der Repulsoraggregate war zu hören, als die Fähre langsam in die Landebucht 74 des Raumhafens von Ra'ari, der Hauptstadt von Rysloth V, glitt. Mit einem leichten Ruck kam das Schiff zum Stillstand.
"Captain, ich möchte, dass Sie sich in Bereitschaft halten", wies Yo-Karah den Piloten an. "Ich weiß nicht, wie lange wir uns hier aufhalten werden."
"In Ordnung, Ma'am. Ich lasse einen Routinecheck machen. Außerdem müssen wir unsere Vorräte auffüllen. Ich denke, in spätestens vier oder fünf Stunden sind wir soweit." Bei diesen Worten deutete der Pilot auf die heranschwebende Multiservice-Plattform mit zwei Wartungsdroiden und einem CateringSet, die von einem etwa 16-jährigen Jungen gesteuert wurde.
Yo-Karah nickte ihm bestätigend zu und verließ das Cockpit.
Kaya wartete an der Bodenschleuse. Sie hielt ein Datapad in der Hand.
"Die Bestätigung unserer diplomatischen Funktion ist gerade verschlüsselt über das Holonet hereingekommen", meinte sie lächelnd. "Jetzt wird man uns trotz unserer einfachen Jedi-Kleidung als Botschafterinnen zu würdigen wissen."

Sie verließen das Schiff über die Bodenrampe. Yo-Karah wollte sich zum Ausgang wenden, drehte sich aber noch einmal um. Der Wartungsarbeiter hatte die Service-Plattform angedockt und aktivierte soeben die Droiden. Die Jedi winkte ihn herbei.
"Ja, Ma'am?"
Der Junge fuhr sich durch das schwarze Haar und strich die Arbeitshose glatt. Er bemühte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu machen. Nicht meinetwegen, dachte Yo-Karah. Der Junge hatte ganz offensichtlich nur Augen für Kaya.
"Wie sicher ist Ra'ari?"
"Verzeihung, Ma'am, ich verstehe nicht, was Sie meinen."
Er schien verwirrt. Immerhin war es ihr gelungen, seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
"Nun, ich habe schlimme Nachrichten von Rysloth V gehört. Eine Naturkatastrophe soll sich ereignet haben. Oder ein Krieg ..."
"Ach das meinen Sie." Er wirkte jetzt fast amüsiert. "Es gab wilde Gerüchte in den vergangenen Tagen und Wochen, weil die Edelquarz-Produktion in der Sseri-Mine zum Stillstand gekommen ist. Wenn Sie mich fragen, Ma'am, dann haben die die Arbeit absichtlich eingestellt, um die Preise hoch zu treiben, nichts weiter. Ra'ari ist absolut sicher." Und mit einem Seufzen fügte er hinzu: "Hier passiert rein gar nichts."
Seine Augen glitten beim letzten Satz wieder zu Kaya hinüber. Bevor er noch etwas sagen konnte, piepte ein Commgerät in seiner Hosentasche.
Er zog es heraus. "Di'blo hier. Was liegt an?"
Er lauschte auf eine Antwort, deaktivierte die Verbindung und verzog unwillig den Mund.
"Typisch", brummte er. "Erst schicken die einen zur Landebucht 74, dann wird man ans andere Ende des Raumhafens beordert. Entschuldigen Sie mich, ich muss die Plattform wieder wegfahren. In ein paar Minuten kommt ein anderes Service-Tream, das wird sich um Ihre Fähre kümmern."
"Nur noch eine Frage: Wie kommen wir am einfachsten zum Regierungspalast?"
"An Ihrer Stelle würde ich einen Landgleiter mieten. Sind ein paar Meilen von hier. Immer die nördliche Hauptverkehrsader entlang, dann fahren Sie geradewegs darauf zu."
Er sah Kaya jetzt direkt an, die ihm ein herzliches Lächeln zuwarf. "Und, äh, einen schönen Aufenthalt noch auf Rysloth V".

Die beiden Jedi verließen die Landebucht, passierten die langwierige ID-Kontrolle sowie den obligatorischen Gesundheitscheck für Ankömmlinge aus anderen Sternsystemen. Vor dem Empfangsgebäude hielten sie Ausschau nach einem Landgleiter, der sie zum Regierungsviertel bringen konnte.
"Die Minengesellschaft soll den Preis künstlich in die Höhe treiben?" Kaya schaute skeptisch drein. "Das kommt mir nicht sehr plausibel vor."
Yo-Karah schüttelte den Kopf. "Der Junge hat sich selbst eine Theorie zurecht gelegt. Ich wollte nur erfahren, wie sich die Gerüchte hier in Ra'ari entwickelt haben. Es sieht so aus, als wenn die breite Bevölkerung nichts genaues weiß. Aber was auch immer passiert ist, es scheint ein lokales Problem in der Mine zu sein."
Kaya deutete auf einen Stand, wo man Landgleiter mieten konnte. "Dort drüben können wir ..."
Sie brach ab, denn plötzlich fühlte sie ein leichtes, aber unangenehmes Erbeben in der Macht. Es war wie eine subtile Bedrohung, das Näherkommen einer feindlichen Präsenz. Sie sah Yo-Karah an, die sich prüfend auf dem belebten Vorplatz umschaute. Offenbar hatte sie das gleiche gespürt. Kaya erblickte viele Menschen, die geschäftig zum Raumhafen ein- und ausgingen, nahe gelegene Cantinas aufsuchten, Frachtgleiter und Personenplattformen steuerten oder einfach müßig zu einem Gespräch beisammen standen. Dazwischen wuselten kleine humanoide Wesen, die allenfalls einen Standardmeter maßen. Sie sahen aus wie entfernte Verwandte von Javas, dem kleinen Volk auf dem Planeten Tatooine. Einzelne echsenähnliche Wesen und Insektoide waren ebenfalls zu sehen.
Kaya hätte nicht sagen können warum, aber plötzlich fiel ihr eine humanoide weibliche Gestalt mit purpurfarbener Haut und schneeweißen Haaren auf. Sie bewegte sich gemächlich auf einen Cantina-Eingang zu. Bekleidet war sie mit einem grauen Kleid. Weder trug sie eine Waffe, noch wirkte sie sonst auffällig oder gefährlich, doch Kaya hatte das Gefühl, dass die Unruhe in der Macht von dieser Person ausgegangen war.
"Du hast sie auch gespürt?" fragte Yo-Karah. "Diese Person, die gerade die Cantina betreten hat?"
"Ja", bestätigte Kaya. "Es war etwas Bedrohliches an ihr."

Missmutig griff M'zinis nach ihrem Drink. Es waren Jedi, ohne Zweifel. Diese seltsame graue und braune Kleidung, die Metallzylinder, die Lichtschwertgriffe sein konnten, vor allem aber dieser geradezu magische Instinkt, den die beiden gezeigt hatten. Sie mussten gespürt haben, dass sie jemand beobachtete. Ganz plötzlich waren sie stehen geblieben und hatten sich umgeschaut. Natürlich hatte sie schnell geschaltet und war gleich in die nächste Cantina gegangen. Ob die beiden sie bemerkt hatten?
Und wenn schon, dachte M'zinis. Sollen sie doch Jedi sein. Ihre magischen Kräfte würden ihnen auch nichts nützen. Nicht angesichts der kleinen Überraschung, die sie sich für die beiden ausgedacht hatte ...

Die Multiservice-Schwebeplattform kratzte mit einem hässlichen metallischen Kreischen an der Bordwand des Atmosphärengleiters entlang. Di'blo fuhr entsetzt aus seinem Sitz auf. Wüstenrattenscheiße! Wie konnte ihm nur ein derartiges Missgeschick passieren! Er sprang von seinem Sitz und betrachtete das Malheur. Ganz deutlich war die Kratzspur der Plattform zu erkennen. O Mann, das würde Ärger geben! Und alles nur, weil er seine Gedanken nicht von dem fremden Mädchen losreißen konnte. Aber puh, das war vielleicht eine süße Schnecke! Diese langen, glatten braunen Haare, die weit auseinanderstehenden grün-braunen Augen, der sanft geschwungene Bogen ihrer Brauen, die markante, niedliche Knubbelnase. Vor allem aber dieses strahlende Hochenergie-Lächeln, reizender als bei allen HoloNet-Unterhaltungstars. Aber es war nicht nur ihr Aussehen, sondern auch die umwerfende Mischung aus Charme und Intelligenz, die sie ausstrahlte. Mit diesem Mädchen zu tanzen wäre atemberaubender als ein Quickstart mit einem Turbo-Gleiter ...
Oh Schreck, der Gleiter! Wenn er den Schaden meldete, würde ihm ein Wochenlohn gestrichen. Aber gab es nicht eine andere Lösung? Konnte er nicht einfach in das Materiallager gehen, sich eine Lackdose besorgen und den Kratzer überdecken?
Kurz entschlossen stellte Di'blo die Schwebeplattform einige Meter weiter ab und eilte zur Materialausgabe.
"Eine Dose Lack, Farbe Grauton Nr. 1138!" verlangte er von dem Droiden, der das Lager verwaltete.
Er zeichnete den Auftrag ab, und der Droide surrte zwischen langen Metallregalen davon.
Während Di'blo wartete, trippelten zwei Reparaturdroiden herein. Sie hatten offenbar eine Meinungsverschiedenheit.
"Und trotzdem ist der Auftrag falsch gewesen", lamentierte der eine. "Meine Flugsicherheitsroutine hat den Einbau von THX-Modulen nicht akzeptiert."
"Der Sektor-Manager hat den Auftrag aber ausdrücklich bestätigt!" widersprach der andere.
"Der Sektor-Manager ist aber ein Mensch. Und Menschen können sich irren!"
"Deine Schaltkreise können auch defekt sein. Oder deine Sicherheitsroutine arbeitet mit der falschen Software."
"Ich habe noch nie THX-Module in einen Sublicht-Motivator eingebaut!"
Di'blo wurde hellhörig. "Was habt ihr gemacht? Ihr habt doch nicht etwa THX-Module in einen Sublichtmotivator eingebaut?"
"Doch, Master Di'blo, das sage ich doch die ganze Zeit. Es war falsch. Ich weiß, dass es falsch war!"
Di'blo packte den Droiden und schüttelte ihn. "In welches Schiff? Wir müssen sofort die Besatzung warnen! Das Ding wird im Flug explodieren!"
"In die Raumfähre in der Landebucht 74. Er ist vorhin abgeflogen. Er soll die Passagiere am Regierungspalast abholen und zur Sseri-Edelquarzmine befördern."
Di'blo lief es eiskalt den Rücken herunter. Den Weg zum Regierungspalast würde die Fähre mit Repulsoraggregaten zurücklegen. Aber der Flug zur Mine ...
Ohne ein weiteres Wort stürmte er hinaus.


3.

Der Regierungspalast von Ra'ari war ein im Verhältnis zur geringen politischen Bedeutung von Rysloth V völlig überzogenes Prachtgebäude im Zentrum der Hauptstadt. Eine riesenhafte, aus schwarzem H'Tuel-Marmor bestehende Kuppel krönte einen aus mächtigen Steinquadern gebauten, von Phorrh-Säulen umgebenen tempelartigen Rundbau. Der Palast mochte gut 40 Jahre alt sein. Offenbar hatte damals ein Herrscher sich hier ein Denkmal setzen oder den durch die neu entdeckten Edelquarz-Vorkommen frisch erworbenen Reichtum zur Schau stellen wollen.
Als die beiden Jedi die ausladende Freitreppe empor stiegen, musterte sie der Offizier der Palastwache mit kritischem Blick, gerade so, als könne er sich ein Naserümpfen angesichts ihrer ärmlich wirkenden braunen Roben nur mit Mühe verkneifen. Doch als er die auf Coruscant ausgestellte Bestätigung ihres diplomatischen Status sah, salutierte er und ließ sie passieren.

Kaya war beeindruckt von der Prachtentfaltung im Innern. Ein etwa 30 Meter hoher und fast 20 Meter breiter, mit glänzenden Steinfliesen ausgelegter Gang führte offenbar rund um die inneren Gemächer. Transparente Säulen stützten die blau getünchte Decke und sorgten zugleich für ungewöhnliche Effekte. Einige Säulen waren wie mit reinem Licht gefüllt, in anderen flackerte Feuer. Wieder andere Pfeiler hatten Wasserspiele in ihrem Innern eingebaut. Eine Säule war ganz mit farbigem Rauch angefüllt, andere ...
"Gefällt es Ihnen?"
Kaya wandte sich um. Ein grauhaariger Mann trat lächelnd auf sie zu. Sein dunkelroter Umhang, der ihn ebenso perfekt umgab wie die dezente, nach Sommerblüten duftende Parfümwolke, seine strahlend blauen, von Lachfalten umgebenen Augen und seine tiefe, weiche Stimme ergänzten sich zu einer angenehmen Erscheinung.
"Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Orn Carnis. Ich bin der Wirtschaftsminister seiner Majestät." Eine angedeutete Verbeugung unterstrich zugleich seine Höflichkeit wie seinen Stolz.
Auch die beiden Frauen verbeugten sich.
"Jedi Yo-Karah Mal'Wan. Das ist Jedi-Padawan Kaya", übernahm die Ältere ihre Vorstellung. "Wir sind von der Regierung der Neuen Republik beauftragt worden, Ihrer Bitte um Vermittlung in der Edelquarz-Krise nachzukommen."
Der Minister nickte. "Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Bitte kommen Sie in mein Besprechungszimmer."

Orn Carnis mochte ein höflicher Mensch sein, der sich in diplomatischen Gepflogenheiten bestens auskannte. Doch als er und seine Besucherinnen in den bequemen Formstein-Sesseln Platz genommen hatten, kam er ohne beschönigende Floskeln unverzüglich zur Sache.
"In der Sseri-Mine streiken die Arbeiter. Die Produktion liegt brach. Für unsere Wirtschaft und mehr noch für unser Bemühen um ein Image als industriefreundlicher Planet ist das eine Katastrophe. Ein oder zwei Tage Ausstand, ein Warnstreik - das wäre kein Problem. Aber es hat den Anschein, als sei auf der Mine der Krieg ausgebrochen."
"Warum streiken die Arbeiter?" wollte Kaya wissen. "Was sind ihre Forderungen?"
Orn Carnis rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her. "Was wissen Sie über die Förderung von Edelquarz?"
"Ich fürchte, so gut wie nichts", antwortete Yo-Karah. "Was müssen wir denn darüber wissen?"
"Nun, es gibt eine ganze Reihe von Edelquarz-Vorkommen in der Galaxis. Edelquarz an sich ist nicht seltener als Gold. Aber Sie werden nirgendwo ein Flöz finden, in dem es Kristalle von solcher Reinheit gibt wie hier auf Rysloth V und speziell in der Sseri-Mine. Das macht den Abbau hier einzigartig wertvoll. Bedauerlicherweise" - er verzog unwillkürlich den Mund - "sind die Abbaubedingungen für Menschen und andere Humanoide nahezu unzumutbar. Ich denke, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist eine der Hauptforderungen der Belegschaft."
"Sie denken? Sie wissen über die Forderungen nicht Bescheid?" hakte Yo-Karah nach.
"Nun, der Bergbaugesellschaft ist bei der Konzessionsvergabe zugesichert worden, die arbeitsvertraglichen und die sicherheitsrelevanten Angelegenheiten autonom regeln zu können."
"Heißt das, Sie haben die Kontrolle über die Mine vollständig aus der Hand gegeben?"
"Die Konzessionsrechte waren dementsprechend teuer", entgegnete Orn Carnis mit dünnem Lächeln.
Yo-Karah schaute ihn fragend an. "Was genau erwarten Sie eigentlich von unserer Vermittlertätigkeit? Dass die Mine wieder produziert?"
Der Minister wurde sichtlich verlegen.
"Das ist eine gute Frage", antwortete er leise. "Unsere Regierung ist sich in dieser Sache leider nicht ganz einig. Die offizielle Bitte lautet, dass Sie helfen, die Produktion wieder in Gang zu bringen. Aber eine kleine Gruppe - ich gehöre zu ihr - möchte, dass man den Arbeitern humane Arbeitsbedingungen zugesteht. Doch so verfahren, wie die Situation dort draußen zu sein scheint, sind das zwei Ziele, die kaum miteinander zu vereinbaren sind."
Er straffte sich. "Wie dem auch sei. Bitte reisen Sie sofort in das Krisengebiet. Ich habe mir erlaubt, Ihre Raumfähre bereits anzufordern, damit Sie keine Zeit verlieren. Sie können vom Landeplatz der Regierung Seiner Majestät gleich hinter dem Palast aus starten."

Ihr Raumschiff stand startbereit auf einem kleinen Landefeld inmitten des zum Palast gehörenden Parks. Während sie hinüber gingen, schaute Yo-Karah ihre Schwester fragend an.
"Nun, was hältst du von der Sache?"
"Der Minister meinte es ehrlich. Er scheint wirklich besorgt zu sein. Aber dieser Edelquarz-Abbau ..." Kaya hielt inne und schüttelte den Kopf. "Was ist denn bloß so wertvoll an dem Mineral. Abgesehen davon, dass es so selten ist?"
"Nichts. Der Wert des Edelquarz bestimmt sich allein aus dem Bewusstsein, etwas zu haben, was sich kaum jemand leisten kann."
"Und dafür müssen die Arbeiter leiden! Wir werden sie doch unterstützen?"
Yo-Karah schüttelte den Kopf. "Unser Auftrag ist zu vermitteln und mitzuhelfen, die Produktion wieder in Gang zu bringen."
"Aber wir können doch nicht zusehen ..." Kayas Augen blitzten. Nur mit Mühe konnte sie den Rest des Satzes herunterschlucken.
Yo-Karah blieb stehen. "Kaya", sagte sie ernst. "Wir können uns nicht in jedem Konflikt auf die Seite einer Konfliktpartei schlagen. Wir sind nicht die Richter der Galaxis."

Sie erreichten die Raumfähre und gingen an Bord. Nachdem Yo-Karah die Luke geschlossen hatte, gab sie dem Piloten das Signal zum Start. Mit einem Brüllen sprangen die Repulsoraggregate an, und die Fähre erhob sich in die Luft.
Kaya saß schweigend an der Steuerbord-Sichtluke der Passagier-Lounge und starrte hinaus. Yo-Karah ließ sie in Ruhe. Sie wusste nur zu gut, wie schwer es der Schülerin fallen musste, ihr Gerechtigkeitsempfinden angesichts eines bestehenden Auftrages zu relativieren.
Plötzlich schien sie etwas entdeckt zu haben. "Schau mal, dort unten am Park-Eingang!"
Yo-Karah trat ebenfalls an die Luke. Offenbar gab es am Eingang zum Park ein kleines Handgemenge zwischen Sicherheitsleuten und einem jungen Mann, der in die Anlage einzudringen versuchte und immerfort auf ihre Fähre deutete.
"Es ist der Junge von der Landebucht, der Wartungsarbeiter!" rief Kaya. "Ich habe auf einmal ein ganz mieses Gefühl."

Di'blo sprang völlig abgehetzt aus dem heimlich entwendeten Landgleiter auf und rannte den Parkeingang zu. Noch bevor er das Gelände erreicht hatte, hörte er das Anspringen der Repulsoraggregate. Ich muss sie noch erwischen, bevor sie abheben! dachte er.
"Stop!"
Ein Wachposten stellte sich ihm in den Weg.
"Ich muss zu der Fähre dort!" rief Di'blo und wollte sich an dem Sicherheitsmann vorbei quetschen, doch der packte ihn am Arm.
"Nicht so eilig, Freundchen, du hast dort gar nichts verloren."
Zwei andere Wachen eilten herbei; Di'blo versuchte vergeblich, sich loszureißen.
"Ein Bombe!" schrie er. "An Bord der Fähre ist eine Bombe!" Das war zwar nur bedingt richtig, aber er hatte keine Zeit, die Gefahr von THX-Modulen in Sublichttriebwerken zu erklären. Der Effekt war schließlich mit dem einer Bombe identisch.
"Eine Bombe?" echote der erste Wachmann ein wenig dümmlich.
"Ja, das Schiff darf auf keinen Fall starten!"
Aber es war schon zu spät. Das Schiff hob vom Boden ab und gewann rasch an Höhe.
Noch ein paar Sekunden, und sie würden die Sublichttriebwerke zünden ...
Doch was war das?
"Merkwürdig", meinte der zweite Wachmann. "Sieht so aus, als ob die wieder landen."

 

 

4.

M'zinis Mund war nur ein dünner Strich. Ihr gelben Augen waren auf gefährliche Weise zu Schlitzen verengt.
"Sie sind also nicht mit ihrer eigenen Raumfähre geflogen?"
Sie musterten zwei mit schweren Blastern bewaffnete Männer in Uniformen des Sseri-Sicherheitsdienstes, die aussahen, als wollten sie am liebsten im Boden versinken.
"Sie sind auch mit keinem anderen Raumschiff oder mit einem Atmosphärengleiter zur Mine geflogen?" bohte M'zinis weiter. "Sie sind ganz einfach verschwunden?"
"Nun, äh", begann der eine.
"Still!" herrschte M'zinis ihn an. "Ersparen Sie mir Ihre billigen Ausflüchte! Sie haben sich von einem jugendlichen Raumhafenarbeiter austricksen lassen. Ich sollte Sie kurzerhand eliminieren."
Dem Mann vom Sicherheitsdienst brach der Schweiß aus. Er wusste nicht, ob M'zinis die Drohung wahr machen würde. Zum Glück klopfte es an der Tür.
Ein anderer Security-Mann betrat den Raum.
"Wir haben den Jungen. Er ist draußen. Sollen wir ihn reinschaffen?"
M'zinis Mund weitete sich zu einem siegesgewissen Lächeln. "Endlich mal eine gute Nachricht."

Sie kamen schneller voran, als sie gedacht hatten. Der rings um die Hauptstadt Ra'ari angelegte Landwirtschaftsgürtel mit künstlich bewässerten Feldern lag längst hinter ihnen. Auch die savannenartige, von spärlicher Vegetation überzogene Hochebene hatten sie bereits durchquert.
Yo-Karah drosselte die Geschwindigkeit steuerte den Landgleiter auf den Rand des Grabenbruchs zu. Direkt am Abgrund hielt sie an.
Die steile, fast senkrechte Felswand fiel mehr als 50 Meter ab. Danach senkte sich der Boden allmählich zum Grund einer Ebene, die mindestens eine Meile unter ihnen lag. So weit sie sehen konnten, erstreckte sich dort eine Wüste, zuerst Stein und Geröll, in der Ferne Sanddünen.
Und hinter dieser Wüste sollte das Gebirge liegen, in dem Edelquarz abgebaut wurde.
"Di'blo meinte, diese Wüste könnte man nicht mit einem Landgleiter durchqueren", gab Kaya zu bedenken.
"Es mag riskant sein", entgegnete Yo-Karah. "Aber wir müssen unbedingt unsere Spur verwischen. Irgend jemand will verhindern, dass wir zu der Mine gelangen. Und ich möchte nicht einem Anschlag auf einen gemieteten Atmosphärengleiter zum Opfer fallen."
"Erstmal müssen wir diese Felskante hinunter. Du willst doch nicht einfach ..."
"Doch, Kaya. Das Repulsoraggregat fängt den Stoß auf. Wenn wir nur schnell genug sind, müsste es gehen. Auf ein paar blaue Flecken können wir uns allerdings gefasst machen."
Kaya seufzte. "Halb so schlimm. Di'blo hat viel mehr riskiert als ein paar blaue Flecken. Wenn die Drahtzieher des Anschlags herausfinden, dass er es war, der uns geholfen hat ..."
"Ja", pflichtete ihr Yo-Karah bei. "Hoffen wir, dass sie ihn nicht schnappen."

Der Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper, fraß sich in sein Gehirn, fegte seine übrigen Empfindungen hinweg. Er konnte nicht mehr schreien, hatte keine Kraft mehr dazu. Nur noch ein Wimmern kam aus seinem Mund.
"Es ist genug." In der Stimme der Humanoidin, die die Wachleute M'zinis nannten, lag kein Mitgefühl, nur kalte Berechnung. "Bring ihn nicht gleich um, schließlich soll er uns noch Auskunft geben."
Di'blo sackte auf dem Stuhl zusammen, als er losgelassen wurde. Sein ganzer Körper fühlte sich wie zerschlagen an. Hatte er überhaupt noch einen heilen Knochen im Leib?
"So, mein Junge, jetzt wirst du mir sagen, wo die beiden reizenden Damen sind, die du so ritterlich vor dem Attentat bewahrt hast." M'zinis streichelte ihm mit falscher Zärtlichkeit über die zerschundene Wange. "Wenn du es uns sagst, lassen wir dich frei. Wenn du dich weigerst ... Nun, das war bisher erst der Anfang, ein kleiner Vorgeschmack auf die Qualen die dich dann erwarten."
Tief in seinem Innern wusste Di'blo, dass sie log. Sie werden mich töten, dachte er, so oder so. Aber er hatte keine Widerstandskraft mehr. Er war am Ende.
"Sie haben einen Landgleiter zu Mine genommen", flüsterte er. "Sie wollen damit die Wüste durchqueren."
M'zinis schien einen Augenblick sprachlos zu sein. Damit hatte sie nicht gerechnet. Doch dann fing sie laut an zu lachen.
"Mit einem Landgleiter durch die Wüste? Sie sind dümmer als ich dachte. Ich will meinen 'Moskito' in zehn Minuten startklar haben!"
Di'blo schluckte. Er hatte die beiden Besucherinnen retten wollen, doch nun hatte er sie verraten. Er wusste nicht einmal, wie das fremde Mädchen hieß, das er dieser M'zinis nun ans Messer lieferte, aber er sah ihr Gesicht deutlich vor sich. Verzeih mir, dachte er. Es tut mir Leid.
Aus den Augenwinkeln nahm er das Blitzen des Vibromessers wahr, das M'zinis in der Hand hielt.
Er spürte den Stich nicht. Die Klinge drang direkt in sein Herz.
Di'blo war bereits tot, als er vom Stuhl fiel und auf dem Boden aufschlug.

Der Wüstenboden raste wenige Meter unter ihnen dahin. Der Landgleiter bewegte sich in stetem Rhythmus auf und ab, als er den Konturen der Sanddünen folgte.
Yo-Karah tastete mit Hilfe der Macht nach ihrem Gleichgewichtszentrum. Sie versuchte sich zu entspannen, was ihr aber nur unvollkommen gelang. Ich werde seekrank, dachte sie. Mitten in der Wüste werde ich seekrank.
Sie warf Kaya einen Seitenblick zu. Ihre Schwester, die sich wie sie zum Schutz vor der sengenden Sonne vermummt hatte, war regungslos in den Co-Sitz gekauert. Mit stoischer Ruhe ertrug sie das Geschaukel.
Yo-Karah konzentrierte sich wieder auf die Steuerung.
Wie weit mochte sich diese schier endlose Wüste noch erstrecken?
Plötzlich schoss ein Lichtblitz links von ihnen in den Boden und ließ eine Sandfontäne aufspritzen
"Ein Lasergeschoss!" rief Yo-Karah.
Wieder ein Einschlag, diesmal direkt vor ihnen. Im selben Augenblick donnerte ein Atmosphärenjäger vom Typ "Moskito" über ihre Köpfe hinweg. Wer auch immer diesen kleinen Jäger steuerte, es war ein Profi. Der Moskito war genau aus Richtung der Sonne gekommen. Deshalb hatten sie ihn nicht wahrnehmen können.
Mit ihrem kleinen Landgleiter waren sie gegen diesen Gegner chancenlos. Yo-Karah beschleunigte noch mehr und schraubte die Repulsorleistung herunter, so dass sich ihre Fahrt noch enger den Konturen der Dünen anpasste. Aber im Grunde war es aussichtslos, wie bei einem Katz-und-Maus-Spiel.

M'zinis riss den Steuerknüppel herum. Der Moskito beschrieb einen engen Bogen und nahm erneut Kurs auf den Gleiter, der in gut einer Meile Entfernung dicht über dem Boden dahinraste. Es war unglaublich, aber diese Jedi hatten es tatsächlich drei Mal geschafft, ihren Laserschüssen auszuweichen. Nun, diesmal würde ihnen das nicht gelingen. Eigentlich war es eine Verschwendung, eine Lenkrakete für einen kleinen Gleiter einzusetzen, aber M'zinis hatte keine Zeit, sich mit den beiden Menschenfrauen länger herumzuärgern.
Sie drückte auf den Feuerknopf, und die Rakete zischte davon.
Keine drei Sekunden später schlug sie in den Gleiter ein.
Eine gewaltige Feuersäule, umherfliegende Trümmer und eine dicke schwarze Rauchwolke: Das war alles, was von dem Fahrzeug übrig blieb.
M'zinis drehte noch eine Runde über dem Wrack. Nein, hier konnte niemand überlebt haben.
Sie zog den Moskito hoch, und flog Richtung Mine davon.

"Wir werden alle sterben! Das ist doch so? Wir gehen alle drauf!"
Ein zustimmendes Gemurmel antwortete auf den Zwischenruf.
"Ruhe! Du bist nicht dran. Das Wort hat immer noch 2071!"
Arbeiter 1909 bemühte sich schon seit einer Stunde vergeblich, der Besprechung des Streik-Rates Ordnung und Disziplin zu verleihen. Aber das war ein aussichtsloses Unterfangen. Hier redeten alle durcheinander.
"'Das Wort hat 2071'! Dass ich nicht lache! Wir reden hier wie im Parlament, und die da oben drehen uns die Verpflegung ab, von den zu Ende gehenden Fackeln gar nicht zu reden! Bald sitzen wir hungernd im Dunkeln. Wir sollten handeln, nicht reden!"
"Blödsinn!" rief ein anderer. "Was können wir schon tun? Willst du mit Holzknüppeln gegen Blaster kämpfen? Ich sage euch, was wir tun sollten: Wir müssen aufgeben. Wenn wir jetzt einlenken, dann lassen sie uns vielleicht ohne Strafe wieder an die Arbeit zurück. Wenn wir weiter streiken, dann bringen sie uns um. Das ist meine Meinung."
"4376 hat Recht!" rief jemand. "Unsinn!" konterte ein anderer.
"Ruhe!" gebot 1909. "Hört doch mit den Zwischenrufen auf! Wer etwas zu sagen hat, soll sich melden!"
"Der einzige, der gar nichts sagt, ist 3271", meldete sich 4376 wieder zu Wort. "Er hat uns in diese Lage gebracht. Er hat behauptet, wenn wir die Produktion lahm legen, werden die da oben verhandeln."
3271 erhob sich langsam.
"Du hast Recht", begann er. "Das habe ich gesagt."
"Da hört ihr's!" ereiferte sich 4376. "Er gibt zu, dass er sich irrt."
"Vielleicht hast du Recht", antwortete 3721. "Vielleicht habe ich mich getäuscht. Und vielleicht werden wir alle sterben. Vielleicht habe ich mich aber auch nicht getäuscht. Denn nicht nur uns hier unten läuft die Zeit davon. Auch die da oben sind jetzt mächtig unter Druck. Was meint ihr, wie hoch sind die Verluste pro Tag? Sie können diesen Zustand nicht ewig durchhalten. Aber" - er sah jetzt 4376 direkt an - "das ist nicht das Entscheidende. Wir können gar nicht mehr zurück. Ich erinnere mich deutlich an die Zeit vor der Arbeit in dieser Mine. Mir ging es damals nicht besonders gut, deshalb habe ich ja hier unterschrieben. Aber ich war frei. Und ich hatte einen Namen. Meinen Namen und meine Freiheit werden die mir nie wieder nehmen. Nie wieder."
Bei diesen Worten nickten einige Arbeiter.
"Ihr könnt euch doch auch daran erinnern, dass ihr nicht immer mit Drogen voll gepumpte Sklaven gewesen seid. Ich finde, wir sollten anfangen, uns bei unseren richtigen Namen zu nennen. Als Zeichen unserer Freiheit. Vielleicht werden sie uns töten. Aber ich weiß genau: Lieber bin ich tot als Sklave."
"Er hat Recht! Lieber tot als Sklave!" rief einer. Andere Arbeiter stimmten ein.
"Lieber tot als Sklave! Lieber tot als Sklave!" Es klang wie ein Schlachtruf.
Doch dann, wie auf einen Befehl hin, verstummten alle und schauten 4376 erwartungsvoll an.
Der wiegte nachdenklich seinen Kopf.
"Merkwürdig", sagte er leise. "Erst gestern abend ist mir eingefallen, dass ich früher mal Tosh hieß. Ich möchte euch bitten, mich nicht mehr 4376 zu nennen. Sagt Tosh zu mir. Ihr habt Recht: Ich bin lieber tot als Sklave."
Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Und tot werden wir bald sein."

 

 

5.

Die blutrote Sonne sank rasch zum Horizont hinunter und färbte die gelben Sanddünen orange. Es war völlig windstill, die Rauchsäule über dem Landgleiter-Wrack stieg senkrecht nach oben.
Einige Hundert Meter entfernt bewegte sich die Sandoberfläche, als wenn ein Wüstenmaulwurf sich zum Licht empor arbeitete. Dann tauchte eine in einer braunen Robe gekleidete Frau auf, schüttelte sich den rieselnden Sand vom Körper und sah sich nach allen Seiten um.
"Kaya, der Jäger ist weg. Komm raus!"
Auch die Jedi-Schülerin schälte sich aus dem Sand und trat neben ihre Schwester.
"Das war knapp", sagte sie. "Hättest du nicht gewusst, dass dieser Moskito-Jäger Lenkraketen an Bord hat, lägen wir jetzt dort zwischen den Trümmern."
"Merke dir das, Kaya. Neben all den Machtmeditationen solltest du dich immer auch mit Raumschiff- und Gleitertypen befassen."
"Ja, Meisterin. - Sag mir lieber, was wir jetzt tun sollen."
"Was wohl? Wir gehen zu Fuß weiter."

Die Nacht brach schnell herein. Die Sterne begannen zu funkeln und spendeten ein wenig Licht, das immerhin ausreichte, um zu erkennen, wohin sie den Fuß setzten.
Mit der Dunkelheit kam die Kälte. Kaya hatte schon oft gehört, dass die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht in Wüsten extrem waren, aber noch nie hatte sie dieses Wissen am eigenen Leib erfahren müssen. Sie zog die Robe fest um sich und beschloss, die Kälte zu ignorieren. Vor ihr schritt Yo-Karah unverdrossen voran. Kaya gelang es, in den Rhythmus ihrer Schwester einzufallen und sich gewissermaßen von ihr ziehen zu lassen.
Der kleine Mond ging auf, zog seine Bahn quer über das Firmament und ging wieder unter.
Sie gingen weiter.
Der große Mond erschien. Auch er zog seine Bahn über den Himmel und versank schließlich unter dem Horizont.
Sie gingen weiter.
Ein schmaler Lichtstreif kündigte den nächsten Morgen an.
Sie gingen weiter.
Mit der aufgehenden Sonne kam die Hitze. Und mit der Hitze der Durst.
Kaya spürte, wie ihr Mund trocken wurde, wie die Zunge schwoll und an ihrem Gaumen klebte. Die schweißgetränkte Tunika hing ihr wie eine zweite Haut am Körper. Ihre Füße spürte sie schon lange nicht mehr. Sie ging beinahe mechanisch, Schritt für Schritt, Schritt für Schritt.
Und vor ihr ging immer noch Yo-Karah, unermüdlich, unerbittlich. Wo nahm diese Frau nur die Energie für diesen Gewaltmarsch her?

Die Sonne stand hoch am Himmel.
Das Licht flirrte vor Hitze.
Kaya rang nach Luft. Die erbarmunglos heiße Luft raubte ihr den Atem, brannte sich in ihre Lungen. Nur noch verschwommen sah sie, wo was um sie herum war. Schemenhaft schwankte die Gestalt Yo-Karahs vor ihr her. Schwankte ihre Schwester? Nein, sie selbst war es, die mehr stolperte als ging. Yo-Karahs Gang war aufrecht wie in der ersten Stunde.
Die Sonnenstrahlen waren Hammerschläge, die Hitze eine Mauer.
Der Durst schrie ihr förmlich in die Ohren.
Wie in Trance bewegte sie sich weiter, Schritt für Schritt, Schritt für ...

"Kaya!"
"Kaya, steh auf, wir müssen weiter gehen!"
Langsam drang Licht durch die Wimpern. Mühsam stemmte Kaya die Lider auf. Was war geschehen? War sie ...?
"Tut mir Leid, Yo-Karah, ich bin wohl gestürzt."
"Steh auf, Kaya, wir müssen weiter."
"Ich ... ich kann nicht. Geh allein. Ich falle dir nur zur Last."
"Red keinen Unsinn. Komm jetzt."
Yo-Karah half ihr auf die Beine. Wenn sie doch nur etwas zu trinken bekäme!
"Es ... es geht schon. Geh voran, ich werde dir folgen."
Die Sonne versank unter dem Horizont.
Schritt für Schritt, Schritt für Schritt.

Ein Mond ist zu sehen.
Welcher Mond? Ein kleiner? Ein großer? Gibt es Planeten mit zwei Monden?
Dathomir hat nur einen Mond. Er leuchtet immer als runde Scheibe am Himmel. Dathomir hat auch keine Wüste.
Dathomir hat viele Sterne.
Mehr Sterne als diese hier?
Die Sonne. Warum ist es so heiß?
Ich friere. Ich friere, weil es heiß ist.
Was redest du da für einen Unsinn?
Wieso reden, ich kann doch gar nicht mehr sprechen. Ich bin doch geknebelt.
Wer hat dich geknebelt?
Wieso Knebel? Das ist meine Zunge, ja meine Zunge.
Warum füllt sie dann den ganzen Mund aus?
Ich weiß nicht, sie ist gewachsen. Oder mein Mund ist geschrumpft.
Unsinn, du kannst reden. Wenn du willst, kannst du reden.
Mit wem sollte ich reden, es ist doch niemand hier.
Diese Frau da vorn. Mit der kannst du reden.
Ich kenne die doch gar nicht.
Ist das nicht deine Schwester?
Schwester? Ich kenne nur meine Mutter. Sie hat mir immer Lieder gesungen, wenn wir zum Fluss gegangen sind, um das Wasser für das Ritual zu holen.
Wasserholen? Holen wir jetzt auch Wasser?
Nein, Wasser holen wir nur bei Sonnenaufgang. Aber jetzt steht die Sonne hoch am Himmel.
War sie nicht gerade untergegangen?
Ich weiß nicht, macht das einen Unterschied?
Igitt, was knirscht da zwischen den Zähnen?
Das ist Sand.
Wieso Sand?
Du bist gestürzt. Du bist mit dem Gesicht in den Sand gefallen.
Sand? Du meinst Waldboden. Auf Dathomir gibt es keinen Sand.
Waldboden knirscht aber nicht zwischen den Zähnen.
Da, diese Frau. Sie beugt sich über mich. Was will sie nur?
Sie will mit dir Wasser holen.
Mutter?
Sing das Lied, das du immer mit Mutter gesungen hast. Das Lied vom Wasserholen.
Das ist nicht Mutter. Diese Frau sieht erschöpft aus.
Sing ihr trotzdem das Lied vor. Das Lied vom Wasser.
Hier gibt es kein Wasser.
Ich weiß, aber sing trotzdem.

Platsch.
Kaya schreckte hoch und schnappte nach Luft.
Das kalte Wasser wirkte wie ein Elektroschock. Es rann ihre Wangen und den Hals hinunter, drang in die Poren ihrer Haut, tränkte ihre Tunika.
Sie schlug die Augen auf. Vor ihr stand ein in weiße Gewänder gekleideter Mann. Er hielt einen Wasserkrug in der Hand, mit dem er sie soeben nass gespritzt hatte.
"Hier, trinken Sie das. Aber seien Sie vorsichtig, nicht zu hastig."
Er reichte ihr den Krug. Gierig griff sie danach und trank und trank, bis er ihr sanft, aber bestimmt das Gefäß vom Mund nahm.
"Das reicht fürs Erste. Sie bekommen nachher noch etwas. Ihr Körper muss sich erst wieder an die Flüssigkeit gewöhnen."
Kaya richtete sich auf. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als sei sie in von einer Rancor-Herde niedergetrampelt worden. Sie schaute sich um und erblickte Yo-Karah, die von einem anderen Mann versorgt wurde. Offenbar waren sie von einer kleinen Karawane aufgelesen worden. Etwa ein Dutzend mit diversen Packen beladenen Ralthas standen angeleint in einer Reihe. Ein Raltha hatte - welch ein Überfluss! - nur Wasserschläuche geladen.
Erst jetzt realisierte sie, was geschehen war.
Sie waren gerettet.

"Hier zweigt der Minenpfad von der Handelsstraße ab. Folgen Sie diesem Weg. Nach zwei Meilen werden Sie das Minengelände erreichen."
Die Karawanen-Leute verabschiedeten sich und trieben ihre Tiere weiter. Die beiden Jedi nahmen den Weg über den Bergpass zur Sseri-Mine.
"Sie wollten keinerlei Dankbarkeit", meinte Kaya nach einer Weile. "Dabei haben sie uns das Leben gerettet."
"Das ist das Gesetz der Wüste. Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft - die obersten Werte in einer lebensfeindlichen Landschaft wie dieser."
Sie gingen ein Stück schweigend nebeneinander her.
Dann ergriff Kaya wieder das Wort.
"Und du hast mich wirklich getragen, wie der Mann meinte? Wie hast du das nur geschafft?"
"Die Macht verleiht dir ungeahnte Kräfte, wenn du sie richtig zu nutzen weißt."
Yo-Karah machte eine Pause. "Aber ohne deinen Gesang hätte ich es nie geschafft."
"Gesang? Ich habe gesungen? Ich dachte, ich habe geträumt, dass ich ein altes Lied gesungen habe."
"Es war nicht nur ein Lied, Kaya. Es war eine Manifestation der Macht. Ich glaube, in dir schlummern größere Kräfte, als du selbst für möglich hältst. Dein Macht-Lied hat mich beflügelt, hat mich fast getragen, hat mir die Last leicht gemacht."
Yo-Karah unterbrach sich und schmunzelte.
"Sei froh, dass du nicht mich tragen musstest ..."

 

 

6.

"Die Delegation der Neuen Republik ist also in der Wüste verschollen? Bedauerlich, höchst bedauerlich."
Das feiste Gesicht von Kniz Teh'roff verzog sich zu einem breiten Grinsen. "Da kann man leider nichts machen. Wir hätten ihnen herzlich gern unsere Mine gezeigt, aber so ..?" Er drehte die Handflächen in einer gespielten Geste des Bedauerns nach oben.
M'zinis unterbrach das Theater. "Sir, wir sollten nun entscheiden, wie wir gegen die Arbeiter vorgehen. Ich schlage vor, wir ..."
Ein lautes Klopfen an der Tür ließ sie verstummen. Eine Angehörige des Sicherheitsdienstes trat herein.
"Entschuldigen Sie die Störung, Direktor. Aber draußen warten zwei Frauen. Sie sagen, sie sind von der Regierung der Neuen Republik hierher gesandt worden."

Lähmendes Entsetzen hing im Raum. Yo-Karah spürte darüber hinaus eine gefährliche Mischung aus Furcht und Aggression. Dennoch tat sie, als sei nichts Besonderes geschehen.
"Die Regierung der Neuen Republik ist sehr beunruhigt über den Produktionsausfall", begann sie nach einer kurzen Begrüßung. "Als nicht unbedeutende Anteilseignerin möchte die Republik über die Hintergründe dieser Situation informiert werden."
"Nun, äh, wir haben leider einige Probleme mit der Entwässerung der Förder- und Transportstrebe. Ein Technik-Team nimmt sich der Sache bereits an."
Man brauchte nicht machtsensitiv zu sein, um die Erklärung des Minendirektors als Lüge zu durchschauen.
"Ein Technik-Team", echote Yo-Karah. "Die anderen Arbeiter sind also alle hier oben in ihren Quartieren?"
Kniz Teh'roff brach der Schweiß aus. Bevor er sich eine Antwort zurecht legen konnte, sprang seine Sicherheitschefin ein.
"Leider ist ein Teil des sekundären Transportstrebs in Folge eines Wassereinbruchs unpassierbar geworden. Die Arbeiter sind zurzeit nicht mit dem Abbau von Edelquarz, sondern mit dem Vortrieb eines Ausweichstrebs beschäftigt."
Das war in überzeugendem Tonfall vorgebracht, aber Yo-Karah zweifelte nicht daran, dass jedes Wort gelogen war.
"Wir werden uns unten von der Situation überzeugen. Sie werden veranlassen, dass wir in die Mine einfahren können."
"Ausgeschlossen!" Kniz Teh'roff fuhr aus seinem protzigen Sessel auf. "Unmöglich!"
"Es ist zu gefährlich", ergänzte M'zinis.
"Dennoch werden Sie unverzüglich veranlassen, dass wir in die Mine einfahren", wiederholte Yo-Karah. Eine leichte Bewegung ihrer Hand unterstrich die Gedankenmanipulation, die sie gleichzeitig aussandte.
"Ich werde unverzüglich veranlassen, dass Sie einfahren können", bestätigte der Direktor.
Yo-Karah nickte, aber sie war nicht zufrieden. Sie spürte genau, dass sie mit Hilfe der Macht zwar Kniz Teh'roff, nicht aber die Sicherheitschefin manipulieren konnte. Und dass sie in M'zinis die Humanoidin vom Raumhafen wiedererkannt hatte, verstärkte ihr ungutes Gefühl noch.

"Sonderfahrt", erklärte M'zinis dem Kontrolldroiden. "Nur diese beiden Besucherinnen und ich."
Der Droide gab die Daten der Transportfuhre in den Computer ein, dann winkte er die drei weiter.
Vor dem eigentlichen Transportschacht stand eine Scanner-Tür, wie es sie auf allen Raumhäfen gab. M'zinis schnallte ihren Blaster ab, nahm ihr Vibromesser vom Gürtel und trennte sich von ihrem Comm-Gerät.
"Wir dürfen kein Metall in die Mine mitnehmen. Sicherheitsvorschrift."
Yo-Karah runzelte die Stirn. "Kein Metall? Wie bauen Sie dort unten ab?"
"Die Arbeiter können leider nur primitives Werkzeug benutzen. - Bitte legen Sie alles Metall ab."
"Aber warum denn? Warum dürfen wir kein Metall mitnehmen?"
"Wegen der Squeaks."
"Squeaks?"
"Wir nennen sie so. Es sind Wesen, die dort unten leben und jagen. Sie orten ihre Opfer mit Hilfe einer Metall-Sensitivität, die wir noch nicht im einzelnen erforschen konnten. Bitte legen Sie alle Metallgegenstände ab."
Yo-Karah spürte, dass M'zinis zum ersten Mal die Wahrheit sagte. Aber konnten sie es sich leisten, völlig unbewaffnet in die Mine zu fahren? Und vor allem ihre Lichtschwerter einfach so zurückzulassen? Nein, nicht nach den Anschlägen, die bislang auf sie verübt worden waren.
"Ich werde allein in die Mine fahren. Kaya, du bleibst hier oben." Mit diesen Worten schnallte sie ihren Gürtel ab, löste ihre Halskette und reichte beides ihrer Schwester.
M'zinis purpurfarbene Haut verfärbte sich bläulich, sicherlich ein Zeichen einer starken Emotion. Yo-Karah spürte eine Welle von Zorn und Aggressivität. Offenbar hatte die Sicherheitschefin mit dieser Wendung der Ereignisse nicht gerechnet. Umso besser. Sich zu trennen, war zwar riskant. Aber wenn es M'zinis Pläne durchkreuzte, konnte es gar nicht die schlechteste Alternative sein.
"Kaya, bitte erkunde die Situation hier oben und sammle Daten für den Bericht an die Neue Republik", wies Yo-Karah ihre Schwester an. "Möge die Macht mit dir sein!"
Sie folgte M'zinis durch den Metall-Scanner und bestieg den Förderkorb.

Sie schwiegen während der gesamten Fahrt. Das Abbaugebiet musste mindestens eine Meile tief unter der Planetenoberfläche liegen. Die Luft wurde wärmer und stickiger.
Endlich kam der Transportkorb abrupt zum Stehen.
M'zinis aktivierte einen Schalter, und das hölzerne Absperrgitter glitt auf.
Sie traten aus dem Korb. Es war offenbar eine Art Zentralplatz der Mine, auf dem sie sich befanden. Im flackernden Fackelschein war eine höhlenähnliche, fast runde Kammer zu erkennen, in die aus verschiedenen Richtungen Gänge mündeten. Die Luft war unangenehm. Es war zugleich heiß und feucht, aber auch zugig, offenbar ein Effekt eines ausgeklügelten Belüftungssystems. Yo-Karah hatte aber keine Zeit, sich mit Luftfeuchtigkeit oder Raumtemperatur zu befassen. Sie spürte die Präsenz von einem Dutzend Menschen, die sich in Gangmündungen versteckt hielten.
In diesem Augenblick rasselte das Absperrgitter des Förderkorbs wieder zu.
Von dem Geräusch und der Bewegung abgelenkt, nahm Yo-Karah den Schlag von M'zinis erst im allerletzten Augenblick wahr. Es war zu spät, der Faust gänzlich auszuweichen. Aber eine reflexhafte Bewegung reichte aus, das Nasenbein zu retten.
Der Schlag gegen das Kinn ließ Yo-Karah zurücktaumeln. Sie streckte die Hand aus und schleuderte M'zinis mit einem Macht-Stoß gegen die Felswand. Im gleichen Augenblick stürzten sich vier Männer auf sie.
Mitten im Handgemenge hörte sie, wie sich der Förderkorb wieder in Bewegung setzte.
Sie schüttelte zwei Angreifer ab, dann rief sie mit lauter Stimme: "Ich gehöre nicht zur Mine! Ich bin gekommen, um die Situation zu untersuchen."
Einen Augenblick hielten alle Angreifer still. Dann meinte jemand: "Vampir-Egel-Pisse! Wir haben die falsche erwischt!"

Unter den Arbeitern, die Yo-Karah zum provisorischen Quartier geleiteten, herrschte eine ambivalente Stimmung. Einerseits war ihnen die verhasste Sicherheitschefin entkommen. Jemand hatte beobachtet, wie sie sich an einem Haken unter dem Förderkorb festgekrallt hatte, als dieser wieder zur Planetenoberfläche hochgezogen worden war. Andererseits waren sie froh, dass sie endlich Unterstützung bekamen. Eine Vertreterin der Neuen Republik - das klang nicht schlecht.
Yo-Karah hatte darauf verzichtet, auf ihre neutrale Rolle hinzuweisen. Nach dem dritten Versuch, sie zu töten - sie zweifelte keine Millisekunde daran, dass dies M'zinis Absicht gewesen war - konnte sie sich schlecht als bloße Beobachterin betrachten. Zumal sie jetzt mit den streikenden Arbeitern in der Mine eingesperrt war.
Der Mann, der sich als Tosh vorgestellt hatte, informierte sie auf dem Weg in groben Zügen über den Stand der Dinge.
"Fast 400 Arbeiter sind in den Streik getreten. Wo die übrigen sind, und was sie jetzt tun, wissen wir nicht. Wir haben uns hier unten verschanzt. Oben hätten wir gegen die schwer bewaffneten Sicherheitsleute nicht den Hauch einer Chance."
"Wie verpflegen Sie sich hier unten?"
"In einer Schicht arbeiten gewöhnlich 1500 Arbeiter in der Mine. Es gibt zwei Schichten am Tag; immer war Verpflegung für drei oder vier Tage hier unten eingelagert. Aber langsam gehen uns die Vorräte aus. Wasser ist allerdings kein Problem, wir können Tropfwasser auffangen."
"Und Licht?" Yo-Karah schien es, als gingen die Arbeiter allzu sorglos mit den Fackeln um.
"Wir hatten zwischendurch Angst, im Dunkel sitzen zu müssen", gab Tosh zu. "Aber gestern haben wir endlich das Tor zum Materialdepot aufbrechen können. Wenn wir alles so reichlich hätten wie Fackeln, gäbe es keinerlei Schwierigkeiten."
"Arbeiten hier nur Menschen? Ich frage mich, warum die Minengesellschaft nicht auch andere Spezies beschäftigt."
Tosh lachte bitter auf. "'Beschäftigt' klingt wie ein Hohn. 'Versklavt' würde besser passen. Man hat uns mit einer Psychodroge vollgepumpt. Wir wissen es nicht, nehmen aber an, dass sie nur bei Menschen wirkt. Das dürfte der einzige Grund sein, warum Sie hier unten keine Wookies finden."
Yo-Karah nickte. "Das erklärt einiges. Die Sicherheitschefin sagte mir, hier dürfe kein Metall heruntergebracht werden, weil es hier Tiere gebe, die mit Hilfe einer Metallsensitivität jagen. Sie nannte sie 'Squeaks'."
Tosh blieb wie angewurzelt stehen. "'Squeaks'? So nennen sie sie? Das ist menschenverachtend." Seine Stimme wurde eine Nuance leiser. "Es ist eine Lautmalerei. 'Squeaks' ist hier in der Mine der Codename für den Todesschrei eines Arbeiters."
Den restlichen Weg zum Lager legten sie schweigend zurück.

Die Streikenden hatten einen für den Edelquarz-Transport angelegten, besonders breiten Streb als Quartier eingerichtet. Improvisierte Schlafstätten und gezimmerte Sitzgelegenheiten, herumstehende Verpflegungsbehälter und Wasserfässer, vor allem aber die vielen in Gruppen zusammen sitzenden Männer und die übel riechende Mischung aus Schweiß und Essensresten bot ein beredtes Bild von der Trostlosigkeit, in der sich die Arbeiter seit mehreren Wochen befanden.
Yo-Karah nahm einen Schluck Wasser, lehnte aber die angebotene, wenig Vertrauen erweckend aussehende Speise ab. Sie berichtete den Arbeitern von ihrem Auftrag und informierte sie, dass sich oben auf dem Minengelände noch eine andere Jedi befand. Sie erfuhr, dass an allen Auf- bzw. Abstiegsmöglichkeiten Wachen postiert waren, um einen Überraschungsangriff der Minen-Security auszuschließen.
"Welche Aufstiegsmöglichkeiten gibt es denn?" fragte sie. "Außer dem Transportschacht natürlich."
Tosh zuckte die Schultern. "Ob es wirklich eine Aufstiegsmöglichkeit ist, wissen wir nicht. Aber unsere Frischluftversorgung ist so organisiert, dass wir einen Belüftungs- und einen Entlüftungsschacht haben. Ein paar von uns prüfen gerade, ob man dort hinauf klettern kann."
"Man kann, Tosh, man kann!" ertönte eine neue Stimme. Ein erschöpft wirkender Mann trat zu ihnen. Er nahm einen dargebotenen Becher und trank hastig ein paar Schlucke. Er mochte 25 oder 26 Jahre alt sein. Sein total verdrecktes braunes Haar hing in wirren Strähnen herunter. Seine Wangen waren ebenso rußverschmiert wie seine Hände. Aber seine großen braunen Augen blitzten lebendig. Er trank noch einen Schluck, dann gab er den Becher zurück.
"Ich war mindestens einhundert Meter hoch. Ich wette, ich könnte ganz hinauf klettern."
Jetzt erst musterte er Yo-Karah. "Sie sind die Vertreterin der Neuen Republik? Ihre Ankunft hat sich bis in alle Winkel des Minensystems bereits herumgesprochen."
"Sie haben Recht. Ich bin von der Regierung der Neuen Republik hierher gesandt worden. Mein Name ist Yo-Karah Mal'Wan."
Der Mann schüttelte ihre Hand. "Freut mich. Ich bin derjenige, der den Streik hier angezettelt hat. In der Mine nannte man mich Arbeiter 3271. Aber mein richtiger Name ist Tnarguol."

 

 

7.

Der Förderkorb glitt in die Tiefe.
Kaya schaute sich um. Das Minengelände schien wie ausgestorben. Der Kontrolldroide saß im Transportturm, eine automatische Reparatureinheit arbeitete in der Landgleiterhalle - aber sonst war alles ruhig. Zu ruhig für ihr Empfinden. Sie ging über den Hof. Auf der anderen Seite standen niedrige, langgestreckte Baracken. Ganz offensichtlich die Unterkünfte der Arbeiter. Die Tür der ersten Baracke war unverschlossen. Kaya trat ein, sah primitive Massenschlafsäle und einfache Waschkabinen. Niemand hielt sich hier auf. Sie kontrollierte auch die anderen Baracken. Auch hier war kein Mensch zu sehen. Waren etwa alle Arbeiter unten in der Mine? Oder hatte man das Gelände evakuiert?
Sie trat wieder hinaus aus den Hof. Außer dem alles überragenden Transportturm, dem Verwaltungsgebäude und den Baracken gab es einen kleinen Hangar, ein Generatorenhaus und eine Lagerhalle.
Die Lagerhalle zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie spürte die Präsenz von Menschen.
Vorsichtig schlich sie über den Hof, drückte sich an der Hallenwand entlang bis zur großen Schiebetür und tastete mit ihren Jedi-Sinnen ins Innere. Es befanden sich zweifelsohne Menschen in der Halle. Sie schienen zu arbeiten; Kaya konnte ihre körperliche Anstrengung spüren.
Sie schlich unter ein verdrecktes, fast blindes Fenster, schob sich vorsichtig an der Wand hoch, riskierte einen Blick in die Halle - und schaute direkt in eine Blastermündung.
Der Security-Mann feuerte im gleichen Augenblick, in dem Kaya sich reflexartig zusammensacken ließ. Der Geruch versengter Haare machte ihr klar, wie knapp sie dem Tod entronnen war.
Der Schuss löste in der Halle einen Tumult aus.
Wie ein Smorg-Hase auf Dathomir hetzte Kaya über den Hof zu einer der Baracken. Sie raste in den Schlafsaal und kauerte sich hinter ein Etagenbett.
Sie machte sich keine Illusionen, dass ihr Versteck unbemerkt geblieben war, und wie zur Bestätigung rief jemand: "Dort drüben ist sie, in Baracke sieben!"
Sie kamen zu viert, mit schweren Blastern bewaffnet. Ohne nachzuschauen, wo sie sich versteckt hatte, feuerten sie blindlings in jede Ecke des Schlafsaales, verwandelten Bettgestelle, Stahlschränke, Matratzen in rauchenden Schrott und qualmende Asche.
Kaya konnte nicht länger warten, wollte sie nicht durchlöchert werden. Sie sprang hervor, zündete zugleich ihr Lichtschwert und lief mit wenigen kurzen Sätzen auf die Angreifer zu.
Zwei, drei Blasterschüsse wehrte sie mit der Lichtklinge ab, dann schlug sie zu.
Die Klinge fuhr gleißend durch die Luft; ein Arm fiel zu Boden, einen Meter neben dem dazugehörigen Körper.
Mit einem Machtstoß schleuderte sie zwei andere beiseite, den dritten legte sie mit einem einfachen Fußtritt unter das Kinn auf die Bretter.
Bevor sie sich um die Blaster kümmern konnte, sah sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. In der Tür stand ein weiterer Sicherheitsmann. Aber er trug keinen Blaster, sondern einen Flammenwerfer.

Der Sprung durchs geschlossene Fenster war reine Instinkthandlung. Kaya war froh über die zahlreichen Glassplitter, die ihr die Haut zerschnitten. Wäre sie gegen ein Transparistahlfenster geknallt, hätte sie eine Sekunde später einem gegrillten Rhyrk ähnlicher gesehen als einer Dathomir-Hexe.
Hinter ihr ging die Baracke in Flammen auf. Durch einen Hagel aus Blasterblitzen hetzte sie zum Hangar. Wo kamen plötzlich all die Sicherheitsleute her?
Sie rannte in die Halle.
Mit einem raschen Blick erkannte sie, dass sie in eine Sackgasse geraten war. Der Hangar besaß nur einen Ausgang. Und der öffnete sich zum Hof, wo sich die Sicherheitsleute in Stellung brachten. Sie konnte Männer und Frauen mit Blastern und Flammenwerfern erkennen. Hinter einer niedrigen Mauer schleppten einige Security-Leute Bauteile für ein Lasergeschütz heran.
Kaya wich zurück ins Innere. Sie entdeckte Landgleiter, eine kleine Raumfähre und - war das der Moskito? Der Gleiter sah aus wie ein Atmosphärenflieger, hatte Laserkanonen und Rohre, die wahrscheinlich Lenkraketen abfeuern konnten. Mit diesem Ding hätte sich Yo-Karah ohne weiteres den Weg frei schießen können. Kaya allerdings hatte noch nie ein Raumschiff oder einen Fluggleiter gesteuert, geschweige denn damit gekämpft. Aber blieb ihr eine andere Wahl?
Sie suchte nach einem Schalter, um das Cockpit zu öffnen - vergebens.
Kurz entschlossen aktivierte sie ihr Lichtschwert und schnitt ein kreisrundes Loch in den Transparistahl.
Sie schlüpfte hinein und ließ sich im Pilotensitz nieder.
Welchen der vielen Knöpfe musste sie drücken, um den Moskito zu aktivieren?
Alle Schalter und Knöpfe waren mit Schriftzeichen versehen, die sie nicht entziffern konnte.
Sie probierte verschiedene Kipp- und Drehschalter, drückte diverse Knöpfe, aber der Atmosphärenjäger rührte sich nicht.
Die Leute von der Minengesellschaft hatten inzwischen die Laserkanone zusammengebaut. Ein Energieblitz schoss in den Hangar und schlug in einem Landgleiter ein.
Warum habe ich mit meinem Lichtschwert nicht einfach ein Loch in die Rückwand des Hangars geschnitten? dachte Kaya. Statt dessen sitze ich in diesem Cockpit wie auf einer Zielscheibe.
Ein zweiter Schuss. Er fuhr durch die Halle und riss ein Stück aus der Rückwand.
Sie erledigen das für mich, dachte Kaya, aber wahrscheinlich ist inzwischen das gesamte Gebäude umstellt.
Was soll ich nur tun?
Weisheit, nicht Kampfkraft ist die Waffe, mit der eine Jedi kämpft.
Kaya fühlte sich in diesem Augenblick kein bisschen weise.
Die Stärke der Jedi liegt in der Gelassenheit.
Gelassen fühlte sie sich auch nicht gerade.
Ein dritter Schuss. Der Landgleiter direkt neben dem Moskito verwandelte sich in einen qualmenden Altmetall-Klumpen.
Du musst fühlen, nicht denken. Gedanken können dich trügen, aber die Macht wird dich leiten.
Kaya schloss die Augen, ließ sich von der Macht durchströmen. Blindlings streckte sie die Hand aus, berührte eine Kombination von zwei Schaltern, und die Generatoren des Moskito sprangen an.
Der erste Schalter, den Kaya danach betätigte, öffnete lediglich das Cockpit-Dach. Doch der zweite setzte die Triebwerke in Gang.
Der Druck presste Kaya in den Sitz, als der Jäger beschleunigte. Der Moskito macht einen Satz aus dem Hangar hinaus. Sofort eröffneten die Sicherheitsleute das Feuer, doch die Blasterschüsse prallten wirkungslos an der Außenhaut ab.
Der Jäger brach durch die immer noch in Flammen stehende Baracke und raste auf die Lagerhalle zu. Kaya riss den Steuerknüppel herum, gerade noch rechtzeitig, um der massiven Wand auszuweichen.
Mit einem Male wurde ihr bewusst, dass sie direkt auf die schwere Laserkanone zusteuerte. Erneut schwenkte sie den Knüppel herum.
Die Kanone feuerte. Der Laserstrahl verfehlte das Cockpit nur knapp; die linke Tragfläche wurde abgerissen.
Kaya entdecke zwei Knöpfe oben auf dem Steuerknüppel. Sie drückte einen, und im gleichen Augenblick feuerte der Moskito einen Laserschuss ab. Sie zog das Steuer hart nach rechts, so dass der Jäger einen engen Kreis beschrieb. Gleichzeitig hielt sie den Laserknopf gedrückt. Sie sah die Sicherheitsleute in panischer Hast fliehen, als sie wie eine tödlich spuckende Drehscheibe auf dem Hof kreiste.
Als die inzwischen verlassene Laserkanone wieder in Sicht kam, drückte Kaya auf den anderen Knopf. Wie sie vermutet hatte, zischte eine Rakete unter dem Rumpf hervor. Doch zu ihrer Überraschung änderte sie die Richtung um 90 Grad und schlug in das Generatorenhaus ein. Mit einer gewaltigen Feuersäule explodierte das Gebäude. Offenbar wurde die Rakete durch Wärmesensoren gelenkt.
Kaya steuerte den Moskito zwischen zwei Baracken hindurch auf freies Gelände. Es war von dichtem Buschwerk durchzogener Geröllboden. Die Jedi schälte sich aus dem Pilotensitz und sprang aus dem offenen Cockpit. Geschickt rollte sie sich ab und kroch unter einen Busch. Der Jäger rumpelte weiter, pflügte eine Schneise durch das Gebüsch und geriet außer Sichtweite.
Kaya robbte durch das Buschwerk und kauerte sich unter ein Gestrüpp.
Hier war sie erst einmal sicher.

Der Förderkorb glitt höher und höher. M'zinis klammerte sich wie ein Dschungelkarphog an den großen Haken, der an der Unterseite des Korbes angebracht war. Er diente normalerweise dazu, schwere Lasten anzubinden, die zusätzlich zu den Arbeitern zu transportieren waren. Meter um Meter, hundert Meter um hundert Meter fuhr der Förderkorb aufwärts. M'zinis' Arme wurden taub. Der Griff ihrer Finger wurde lockerer, aber sie ließ nicht los, durfte nicht loslassen. Schon einen Sturz auf 50 oder einhundert Metern hätte sie niemals überlebt. Und jetzt war sie mindestens zwölfhundert Meter über dem Grund des Schachts.
Höher und höher glitt der Korb.
Plötzlich blieb er mit einem Ruck stehen.
Eine unheimliche Stille breitete sich aus.
Das durfte nicht wahr sein! Ein Energieausfall! Ausgerechnet jetzt.
Durchhalten! befahl M'zinis sich selbst. Es kann nicht lange dauern!
Tatsächlich sprang nach wenigen Sekunden das Notaggregat an, das für die Energieversorgung des Transportturms garantierte.
Wieder glitt der Korb höher.
Ihre Finger schmerzten, aber verbissen klammerte sie sich weiter am Haken fest.
Endlich, endlich blieb der Korb stehen.
Und mit einem Mal erkannte M'zinis, dass sie in einer Falle saß.
Der Boden des Förderkorbes war exakt auf der Höhe des Fußbodens im Transportturm, eine Position, die im Minenjargon "Höhe Null" hieß. M'zinis befand sich aber unter dem Bodes des Förderkorbes. Der Sicherheitsmann, den sie angewiesen hatte, den Korb unmittelbar nach ihrer Ankunft auf dem Grund des Schachtes wieder hochzufahren, konnte ja nicht ahnen, dass sie am Lasthaken hing. Er hätte den Korb schon bis zur Position "Höhe +1" fahren müssen, um sie zu entdecken.
Aber ihre Lage war nicht aussichtslos. Sie hatte bereits eine Idee.
Sie ließ mit der linken Hand den Haken los. Beinahe hätte sie aufgeschrien vor Schmerz, als die rechte Hand die gesamte Last des Körpers tragen musste. Sie tastete mit der freien Hand in eine Tasche ihrer Uniform und fischte eine kleine formbare Kugel heraus.
Nein, niemals würde sie auf eine effektive Waffe verzichten, auch wenn sie unten in der Mine weder Messer noch Blaster benutzen durfte; schließlich war sie Sicherheitschefin. Sie hatte immer gewusst, dass sich diese Kunststoffdetonatormasse einmal als nützlich erweisen würde. Sie streckte den Arm so weit aus wie sie konnte und drückte die Masse unter den Korbboden. Dann holte sie aus einer anderen Tasche ein Kunstoffstäbchen und drückte es in den Sprengstoff.
Sie schloss die Augen.
Mit einem grellen Blitz wurde ein Loch in den Boden gerissen. Natürlich reichte es nicht aus, um hindurchzuklettern, aber den Wachmann würde es alarmieren.
Und in der Tat glitt der Korb kurz darauf hoch zur Position "Höhe +1".

 

 

8.

Yo-Karahs Ankunft hatte bei den Arbeitern neue Energien frei gesetzt. Der Streik-Rat überlegte, ob eine kleine Gruppe versuchen sollte, den Entlüftungsschacht hinauf zu klettern. Oben könnte man versuchen, den Transportturm unter Kontrolle zu bekommen und mit dem Förderkorb die anderen Arbeiter herauf zu holen. Es war mehr als riskant, eine Meile Höhenunterschied nur mit Hilfe von primitiven, improvisierten Kletterwerkzeugen zu überwinden. Aber wie sonst konnten sie sich aus ihrer Lage befreien?
Der Rat war sich schnell einig: Es war die einzige Chance, die sie hatten. Aber damit war noch nicht geklärt, wer den Aufstieg versuchen sollte.
"Tut mir Leid", sagte Tosh. "Ich schaffe das nicht. Meine Knochen ... Ihr wisst ja, der Unfall letztes Jahr ..."
Tnarguol legte ihm die Hand auf die Schulter. "Du musst dich nicht rechtfertigen. Niemand muss das. Ich gehe auf jeden Fall. Notfalls allein."
"Das ist nicht nötig", mischte sich Yo-Karah ein. "Ich komme mit Ihnen. Zu zweit werden wir es schaffen."
Tnarguol blickte sie mit warmen Augen an. "Mit Ihnen werde ich es ganz sicher schaffen."

Sie waren noch dabei, ihre Ausrüstung zusammen zu suchen - Seile, Kunststoff-Keile, einen Berghammer, Steinäxte -, da gebot Tosh mit einer Handbewegung Schweigen.
"Hört mal! Hört ihr das auch?"
Sie lauschten.
"Ich hör gar nichts", brummte ein Arbeiter.
"Eben", bestätigte Tosh. "Das ist es ja gerade. Ich höre keine Pumpe mehr. Die Wasserpumpe ist ausgefallen."
Erschrecktes Murmeln antworte ihm.
Ein Arbeiter mit einer Fackel kam den Streb entlang gelaufen.
"Der Belüftungsschacht hat keinen Luftzug mehr", berichtete er außer Atem. "Die haben die Belüftung abgestellt."
Tosh nickte. "Das hatte ich schon die ganze Zeit befürchtet. Sie wollen uns alle umbringen."
"Und die Mine geben sie auch gleich auf?" schnappte ein anderer. "Die sind wahnsinnig!"
"Das wissen wir doch längst", nickte Tosh grimmig. "Los, beeilt euch, ihr beiden! Jetzt wird die Zeit knapp!"

Tnarguol und Yo-Karah machten sich auf den Weg. Sie gingen den Transportstreb bis zur zentralen Halle unter dem Förderschacht zurück und bogen dann in einen anderen Gang ein. Die Luft war merklich stickiger geworden, der stetige Luftzug verschwunden.
"Wie lange reicht die Luft zum Atmen ohne Belüftung?" wollte Yo-Karah wissen. "Und was heißt das, 'sie geben die Mine auf'?"
"Oh, die Atemluft reicht noch Tage, vielleicht Wochen". Tnarguol verzog das Gesicht. "Aber die Gasbildung macht uns Sorgen. Die Belüftung hat vor allem die Funktion, die Bildung von Myran-Blasen zu verhindern. Diese Gasblasen sind nicht nur giftig, sie können sich auch entzünden. Und eine Explosion hier unten hat verheerende Folgen. Das ist der einzige Grund, warum die da oben die Lüftung nicht schon längst angestellt hatten. Sie hatten Angst um ihre Mine, nicht um uns."
"Und das Entwässerungssystem?"
"Nicht weniger problematisch. Wir haben uns in eine sehr feuchte Schicht vorgearbeitet. In den Streben muss das Tropfwasser ständig abgepumpt werden. Wenn sich ein Wasserstau bildet und der Druck eine Wand oder eine Decke durchbricht - ich habe das einmal erlebt. Das hat mir gereicht."
Yo-Karah nahm mit einem Male die Feuchtigkeit in der Mine mit anderen Augen wahr. An der Decke hingen unzählige Wassertropfen, wurden langsam dicker und fielen mit einem "plitsch" auf den Boden. Manche Wandstellen waren wie von Wasseradern durchzogen; hier lief die Flüssigkeit in kleinen Bächen herunter. Und an einigen Stellen hatten sich breite Pfützen auf dem unebenen Boden gebildet. Es war kein Vertrauen erweckender Anblick.

Was für eine Riesenschweinerei!
M'zinis starrte für einen Moment fassungslos auf das Chaos. Eine brennende Baracke, ein völlig zerstörtes Generatorenhaus, zu Schrott geschossene Landgleiter, die linke Tragfläche des Moskitos. Es war einfach unmöglich, dass ein 15-jähriges Menschenmädchen einen derartigen Schaden anrichten konnte.
"Nun, M'zinis, sehen Sie ein, dass wir hier weg müssen?"
Kniz Teh'roff konnte die Panik in seiner Stimme nur mühsam unterdrücken.
"Ja, Sir. Wir können die Mine nicht halten. Nicht nach der Zerstörung der Generatoren. Aber wir dürfen nicht sofort abfliegen. Sie wollen doch nicht die Arbeiter entkommen lassen?"
"Vergeuden Sie nicht ihre Zeit mit billigen Rachegedanken. Was kümmern uns die Arbeiter? Wir packen die Edelquarzproduktion des letzten Monats ein und verschwinden. Je eher, desto besser."
"Was ich meine, hat mit Rache nichts zu tun. Aber wir können es uns nicht leisten, Zeugen hier zurückzulassen."
Teh'roff nickte nachdenklich. "Das ist etwas anderes. - Was haben Sie vor?"
"Da wir auf die Unversehrtheit der Mine keine Rücksicht mehr nehmen müssen: eine geballte Ladung Thermo-Detonatoren in den Transportschacht werfen. Wenn sie nicht von der Druckwelle erledigt werden, dann von einem Wassereinbruch oder einer Myranexplosion."
Kniz Teh'roff rieb sich grinsend das Kinn. "Nicht schlecht, M'zinis, nicht schlecht. Aber nehmen Sie nicht den Transportschacht, sondern den Entlüftungsschacht. Das Erdreich ist an der Stelle brüchiger. Außerdem gibt es dort mehr Wasser führende Schichten. Da kann gar nichts schief gehen"
Die Sicherheitschefin nickte. "Okay. Ich frage mich nur, ob die anderen Sicherheitsleute bei der Sache mitmachen. Haben sie nicht - Skrupel?" Lächerliche menschliche Skrupel, fügte sie in Gedanken hinzu.
"Sie haben Recht. Ich nehme sie mit in die Raumfähre. Sie machen das allein. Dann kommen sie mit dem Atmosphärengleiter nach. Wir treffen uns in Ra'ari, wo ich die anderen auszahle. Und danach verschwinden wir von diesem Planeten. Ich setze mich irgendwo zur Ruhe. Sie finden leicht einen anderen Job als Sicherheitschefin."

Es waren keine einzelnen Pfützen mehr, es war eine geschlossene Wasserfläche. Ihre Schritte patschten durch das Wasser, von der Decke troff immer neue Flüssigkeit.
"Stop!" gebot Tnarguol. "Wir sind gleich da. Aber als ich vorhin hier war, war dieser Gang noch trocken. Das sieht nicht gut aus. Wir müssen .."
Yo-Karah spürte den Wassereinbruch Sekundenbruchteile, bevor die Wand hinter ihnen einbrach. Ein gewaltiger Wasserstrahl donnerte hervor, überschwemmte den Streb und riss die beiden von den Füßen.
Tnarguol spuckte Wasser und schnappte nach Luft. "Wir müssen weiter. Wir ..." In einem gurgelnden Laut gingen seine Worte unter.
Yo-Karah packte ihn und zog ihn hoch über die Wasseroberfläche. Sie kämpften sich gegen eine starke Strömung voran.
Plötzlich spürte Yo-Karah einen Stich an ihrem Bein. Oder war es ein Biss? Dann noch einer und noch einer.
"Tnarguol, ich ..."
Und dann kamen sie zu Hunderten, bissen sich fest, brannten sich in ihre Haut, sogen ihr Blut.
"Vampir-Egel!" Tnarguols Stimme überschlug sich vor Panik.
Yo-Karah versuchte, einen Egel abzuziehen, riss sich aber nur eine noch tiefere Wunde, in die sich sofort ein neuer Egel stürzte. Sie konnte die primitiven Wesen nicht mit der Macht beeinflussen, ihr Bewusstsein war dafür nicht weit genug entwickelt.
Sie glitt aus, schlug mit dem Kopf auf den Fels. Die Strömung riss sie fort. Plötzlich wurde sie gepackt.
"Ich halte dich fest!" schrie Tnarguol.
Sie hing in der reißenden Strömung, über und über mit Vampir-Egeln bedeckt. Und sie spürte, dass Tnarguol sie nicht mehr lange halten konnte.
Noch nie hatte sie sich so hilflos gefühlt. -
Und dann waren sie plötzlich verschwunden.
Es war unwahrscheinlich, dass sich alle Egel gleichzeitig satt gesogen hatten. Doch wie auf einen Befehl hatten sich alle von ihrem Körper gelöst. Es war fast wie eine Flucht gewesen.
Einen Augenblick später erkannte Yo-Karah den Grund. Sie spürte eine Präsenz, eine gewaltige, unheimliche Präsenz. Es war kein einzelnes Wesen, sondern ein kollektives Selbst, gespeist aus Hunderttausenden von Kleinstlebewesen. Zusammen bildeten sie ein mentales Cluster, eine Bewusstseins-Einheit.
Es war eine hungrige, gierige Präsenz, die Yo-Karah fühlte.
Und diese Präsenz kam mit hoher Geschwindigkeit direkt auf sie zu.

Tnarguol mobilisierte die letzten Kräfte, stemmte den Fuß gegen einen Felsvorsprung und zog mit aller Kraft. Endlich gelang es ihm, Yo-Karah hoch zu ziehen. Beim ihrem Anblick traf es ihn wie einen Schlag. Die Tunika hing in Fetzen, die Haut war voller blutender Wunden. Vor allem aber: Die Vampir-Egel waren verschwunden. Tnarguol stockte der Atem; er wusste, was das zu bedeuten hatte.
"Können Sie gehen? Wir müssen sofort von hier weg!"
"Ja", antwortete Yo-Karah. "Ich weiß."
Sie wateten durch das Wasser, das ihnen mittlerweile bis zu Brust reichte.
Wir sind zu langsam! dachte Tnarguol. So entkommen wir niemals!
Meter um Meter kämpften sie sich voran. Schon war der Entlüftungsschacht zu sehen. Noch ein paar Meter, nur noch wenige Schritte ...
Yo-Karah blieb abrupt stehen. "Es hat keinen Sinn, Tnarguol, wir können nicht fliehen."
Sie wandte sich um und Tnarguol tat es ihr nach.
Jetzt realisierte er es auch.
Es näherte sich mit der Geschwindigkeit eines Landgleiters. Die Luft zwischen der Wasseroberfläche und der Decke war schwarz. Es war wie eine heranrasende Wolke .
Es war zu schnell, sie konnten nicht entkommen.

 

 

9.

Kaya blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit in ihrem Versteck. Es hatte keinen Sinn, im hellen Sonnenschein über das Gelände zu laufen. Einmal war sie entkommen, aber sie durfte das Schicksal nicht herausfordern. Kurz nachdem die Sonne untergegangen war, schlich sie durch das Buschwerk zum Minengelände zurück.
Sie stoppte, als eine Raumfähre mit ohrenbetäubendem Lärm das Tal verließ. Dann lief sie geduckt weiter.
Der Hof lag völlig verlassen da. Auch mit Hilfe der Macht konnte sie keine versteckten Wachposten entdecken. Mit raschen Schritten überquerte sie den Hof und erreichte den Transportturm. Nun spürte Kaya doch eine Präsenz. Dort im Innern des Gebäudes befand sich jemand.

Carbo M'Tilles war wütend. Alle anderen Sicherheitsleute waren mit der Fähre abgeflogen, nur er musste hier noch Wache schieben. Lächerlich! Wer sollte wohl unbefugt den Förderkorb benutzen? Hier war doch niemand mehr. Niemand außer dieser verrückten M'zinis. Ihm war schleierhaft, wie man einer derart durchgeknallten Person die Security eines ganzen Unternehmens anvertrauen konnte. Irgendwie geschah es ihr Recht, dass dieses Mädchen ihren geliebten Atmosphärenjäger geschrottet hatte. Ha! Eine Jugendliche mischte die gesamte Mine auf!
Wenn er es recht bedachte, war es vielleicht doch ganz gut gewesen, dass er hier im Transportturm hatte Wache schieben müssen, anstatt durch den Laserhagel des Moskito zu fliehen. Und der komische Anblick der am Lasthaken hängen Sicherheitschefin ...
Egal, der Job war sowieso zu Ende. Er hatte den Auftrag, noch eine halbe Stunde hier zu warten und dann mit dem Luftgleiter zu verschwinden. Genau das würde er auch tun. Und in der Zwischenzeit ...
Was war das? Wo kam denn auf einmal diese Musik her? Solche lieblichen Harmonien hatte er schon Ewigkeiten nicht mehr gehört. Und - wow! - ein leibhaftiger Engel schwebte in den Raum! Dieses Lächeln ...
Natürlich erklärte er dem Engel, wie der Transportkorb zu bedienen war, er war schließlich zuvorkommend. Solange nur diese Musik nicht aufhörte!
Entspannen? Hinlegen? Klar warum nicht, tat er doch gerne. Solange nur diese ...
Moment mal, wo war die Musik geblieben?
Und was hatte er gerade für einen Blödsinn geträumt von einem Engel - als wenn sich Engel für Fördertürme interessieren würden.
Hey, wieso lag er hier gefesselt auf dem Boden?
Wenn er doch wenigstens um Hilfe schreien könnte, aber dieser blöde Knebel ...
Oh nein, was für eine Mynockscheiße!

"Das ist unmöglich. So schnell können die gar nicht sein!" Tosh kratzte sich am Kopf. "Kann mir einer erklären, wieso der Transportkorb jetzt schon herunter kommt?"
Die Arbeiter um ihn herum schüttelten den Kopf. Sie wussten nur, dass Tnarguol und diese Yo-Karah noch nicht oben sein konnten.
"Nun, wir werden es ja sehen", brummte Tosh. Er konnte nur die Arbeiter in der zentralen Halle vor dem Boden des Förderschachtes erkennen, aber er wusste, dass sich in den angrenzenden Gängen sämtliche 400 Streikenden versammelt hatten. Sie alle hofften darauf, dass es Tnarguol und Yo-Karah gelingen würde, die Kontrolle über den Transportturm zu übernehmen und sie heraufzuholen.
Mit einem Ruck blieb der Korb stehen. Das Absperrgitter glitt auf.
Die Arbeiter starrten in den leeren Korb.
"Was soll das denn jetzt? Eine Einladung zum K'Feh?" murmelte einer.
"Könnte eine Falle sein!" warnte ein anderer.
In diesem Augenblick glitt das Gitter wieder zu.
Tosh hechtete im letzten Moment in den Korb, der sich augenblicklich wieder nach oben bewegte.
"Schlimmer als hier unten kann es oben gar nicht sein!" rief er. "Ich hol euch alle rauf!"

Die Kontrollanzeige sprang auf blau, ein Zeichen, dass der Korb unten angekommen war.
Was jetzt? Wie konnte Kaya den Arbeitern ein Zeichen geben, dass sie in den Korb steigen konnten? Hielten sie sich überhaupt in der Nähe des Transportschachtes auf?
Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung. Das Tor zur Lagerhalle wurde geöffnet, und M'zins trat mit einer Handlampe heraus in den Hof. An der anderen Hand zog sie etwas hinter sich her, offenbar eine Schwebetrage.
Kaya hatte mit einem Mal ein ganz mieses Gefühl.
Ohne zu zögern stellte sie den Kontrollschalter auf Position "Höhe Null" und verließ den Turm.
Das tanzende Licht verriet ihr, dass M'zinis das Gelände verlassen hatte und sich durch das Gebüsch bewegte. In einem Abstand von etwa 50 Metern schlich Kaya hinter ihr her.

Die Wolke raste heran. Es war eine formlose metamorphe Masse, fast wie - Tnarguol traf die Erkenntnis wie ein Blitz. Es sind Tausende, dachte er. Abertausende von Wesen, nicht ein einzelnes.
Instinktiv tastete er nach Yo-Karahs Hand. Sie würden gemeinsam sterben, er und diese ... Was war denn mit ihr? Sie stand völlig ruhig, wie in Gedanken versunken oder wie in Trance. Die Augen hatte sie fest geschlossen.
Meditierte sie? Bereitete sie sich mental auf ihren Tod vor?
Er schaute wieder hinüber zur Wolke. Wieso hatte sie sie noch nicht längst verschluckt? Er schien fast, als ob diese Wesen gestoppt hätten ...
Einige Sekunden passierte rein gar nichts.
Dann schlug Yo-Karah die Augen auf und lächelte ihn an. "Danke, dass du meine Hand gehalten hast. Es hat mir zusätzliche Kraft gegeben."
"Aber ... aber ..." Tnarguol holte tief Luft. "Warum frisst es uns nicht einfach?"
"Weil ich es darum gebeten habe. Komm jetzt, wir gehen weiter."
Tnarguol packte ihren Arm. "Was geht hier vor? Wer bist du und was hast du getan?"
"Ich bin eine Jedi. Ich habe mit Hilfe der Macht Kontakt zu diesem Kollektiv-Wesen aufgenommen. Es lässt uns gehen."
"ES LÄSST UNS GEHEN? Einfach so?!"
"Nicht einfach so. Ich habe ihm versprochen, für Nahrung zu sorgen. Es ernährt sich von Metall. Die Vampir-Egel speichern die Metallspuren, die sie im Laufe der Zeit aufnehmen. Auch wir haben Metallspuren in unserem Körper. Die Minengesellschaft hätte nicht das Metall verbieten, sondern das Wesen mit Metall füttern müssen, dann wäre es nie zu den Überfällen gekommen."
Tnarguol stand mit offenem Mund wie betäubt. Er konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte.
Yo-Karah stieß ihn an. "Was ist, kommst du jetzt mit oder muss ich allein hoch klettern?"

Tosh sprang aus dem Transportkorb, rannte in den Kontrollturm und schickte den Korb wieder nach unten. Erst danach nahm er sich die Zeit, die Lage zu sondieren. Ein Sicherheitmann gefesselt und geknebelt auf dem Boden, die sonst üppige Beleuchtung des Geländes ausgeschaltet, im fahlen Mondlicht schwach erkennbare Rauchsäulen über den Baracken, das Generatorenhaus verschwunden - ganz offensichtlich hatte eine Spezialeinheit die Mine überfallen, wahrscheinlich Elitesoldaten. Tosh wunderte sich nur, wo sie alle geblieben waren.

Kaya betrachtete den kleinen Holzturm, der mitten in der Wildnis errichtet worden war. Warum war M'zinis ausgerechnet in diesem Gebäude verschwunden? Was hatte sie vor?
Was es auch immer war - Kaya wusste, dass sie es verhindern musste.
Sie lief zum Turm, aktivierte ihr Lichtschwert und stürmte zur Tür hinein.
Zwei, drei Blasterblitze empfingen sie.
Reflexartig riss sie das Lichtschwert hoch und wehrte die Schüsse ab. Einen lenkte sie gegen die Hand der Schützin. Mit einem Aufschrei ließ M'zinis die Waffe fallen.
In der Mitte des Raumes befand sich ein kreisrundes Loch im Boden, offenbar ein weiterer Schacht. Kaya trat auf M'zinis zu und stieß den Blaster mit dem Fuß in die Tiefe.
Mit einer Geschwindigkeit, die ihr die Jedi-Hexe nicht zugetraut hätte, sprang die Humanoidin zur Schwebetrage und griff einen darauf liegenden Gegenstand.
Ein hässliches Grinsen umspielte ihren Mund, als sie ihn hoch hob. Es war ein Thermo-Detonator.
"Wirf dein albernes Lichtschwert weg", befahl sie. "Los, wirf es in den Schacht, sonst lasse ich uns beide hochgehen."
Kaya zögerte.
"Wird's bald?" drängte M'zinis. "Ich ohne Blaster und du ohne Lichtschwert. Wollen doch mal sehen, ob du mehr drauf hast als Generatorenhäuser in die Luft zu jagen."
Kaya trat an die Schachtöffnung und starrte in die Tiefe. Sie schien einen Moment zu lauschen, dann ließ sie ihr Lichtschwert in die Öffnung fallen.
M'zinis entschärfte den Detonator und legte ihn zurück auf die Schwebetrage.
Und schon griff sie an.

Meter um Meter kämpften sie sich hoch. Tnarguol war ein hervorragender Kletterer, äußerst geschickt darin, die richtigen Stellen zu finden, an denen er die improvisierten Haken einschlagen konnte. Zum Glück waren die Schachtwände sehr uneben, so dass sie meist mit Händen und Füßen sicheren Halt hatten.
Von Zeit zu Zeit machten sie eine kleine Pause, während der sie sich an einem Felsvorsprung fest banden, um sich ein wenig auszuruhen. Jedes Mal war es Yo-Karah, die ihn zum Weiterklettern antrieb.
Wo nahm diese Frau nur die Energie her? Sie ging die Wand hoch wie ein Dreifinger-W'ok. Jede andere Frau, die er kannte, hätte sich mit ihren Wunden und ihrem Blutverlust eine Woche in eine Medistation begeben. Und wenn er ehrlich war, hätte er das auch getan. Statt dessen beschwichtigte diese Yo-Karah unheimliche Monster und kletterte anschließend eine Meile in einem Schacht hoch.
Aber Tnarguol fühlte nicht nur Respekt und Bewunderung für Yo-Karah. Wenn er an ihr hübsches Gesicht dachte, die hinreißend lebendig blitzenden Augen ...
Ruhig, Junge, ermahnte er sich. Sieh erstmal zu, dass du die Wand hier hoch kommst. Verlieben kannst du dich oben immer noch.
Sie waren fast am Ziel angelangt, da fiel von oben ein Gegenstand herunter, polterte gegen die Wand und sauste an ihnen vorbei in die Tiefe. Tnarguol zog instinktiv den Kopf ein und schloss die Augen, weil er befürchtete, der Gegenstand könnte ihn treffen und in die Tiefe reißen.
"Bei allen Tuskenräubern, was war das?" fragte er.
"Ein Blaster", gab Yo-Karah ihm zur Antwort. Sie schien einen Moment zu lauschen. Dann setzte sie den Aufstieg mit doppelter Geschwindigkeit fort. "Ich werde da oben gebraucht."

Kaya schleuderte M'zinis mit einem Macht-Stoß an die Holzwand. Doch im nächsten Augenblick wurde sie von einem Energieschlag getroffen. Ihr ganzer Körper war einen Moment gelähmt, Lichtpunkte tanzten vor ihren Augen. Sie fühlte mehr als dass sie es sah: M'zinis hielt einen länglichen Gegenstand in der Hand und zielte auf sie.
Wieder sprang eine Energieentladung durch die Luft, doch diesmal tauchte die Jedi-Hexe blitzartig unter dem Strahl hindurch. Sie riss den Fuß nach oben und trat M'zinis die Waffe aus der Hand. Doch die Humanoidin hatte ebenfalls hervorragende Reflexe. Sie donnerte ihre Faust in Kayas Gesicht.
Der explosionsartige Schmerz und das krachende Geräusch waren unbeschreiblich. Kayas Mund füllte sich mit einer warmen Flüssigkeit, zwischen ihren Zähnen knirschte es. Oder waren es die ausgeschlagenen Zähne, die so knirschten?
Kaya lag benommen am Boden, die Hand vor den Mund gepresst. Zwischen ihren Fingern tropfte Blut hervor.
Grinsend stand M'zinis über ihr und verpasste ihr einen Tritt.
"Na, schon genug? Was willst du jetzt machen, deine große Schwester rufen?"
"Die ist schon hier!"
M'zinis wirbelte herum. Hinter ihr, am Rand des Entlüftungsschachtes stand Yo-Karah Mal'Wan, Kayas Lichtschwert in der Hand.
Die Klinge schimmerte grün und gefährlich.
Eine halbe Sekunde später durchbohrte sie M'zinis Herz.
Yo-Karah deaktivierte das Lichtschwert und kniete sich neben ihre Schwester.
"Danke, dass du mir dein Lichtschwert zugeworfen hast, ich hatte schon befürchtet, nicht schnell genug oben zu sein. - Wie geht es dir? Alles in Ordnung?"
Kaya nickte. Und obwohl es ihr schwer fiel, mit gebrochenen Kiefer und ohne Schneidezähne zu sprechen, gab sie zurück: "Ich möchte meinen, ich sehe weniger angegriffen aus als du."

Ächzend erklomm Tnarguol das letzte Stück, zog sich über den Rand und ließ sich keuchend auf den Boden fallen.
"Puh, die nächsten fünf Jahre keine Kletterpartie mehr!"
"Tnarguol, darf ich dir meine Schwester Kaya vorstellen?"
"Freut mich. Ich bin Tnarguol, der Mensch, der den Streik angezettelt hat." Er wischte sich grinsend mit seiner dreckigen Hand über das verschwitzte Gesicht. "Schade, dass kein HoloNet-Newsteam hier ist. Ich wette, wir sehen alle drei ganz toll aus."
Dann beugte er sich über die tote M'zinis. "Dieses Monster hat uns das alles eingebrockt. Ich könnte sie ... Moment mal, Monster ... da fällt mir ein - Ist Blaster als Speise nicht etwas trocken?"
Er packte die Leiche der Humanoidin und rollte sie über den Rand des Schachtes.
Mit lauter Stimme rief er hinunter: "Hey da unten, heute kriegt ihr Blaster à la M'zinis!"

 

 

10.

Orn Carnis schüttelte Tosh zum Abschied die Hand.
"Nachdem ich mich selbst hier von den Zuständen, besonders von den mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen überzeugen konnte, wird die Regierung der Minenbaugesellschaft die Konzession ganz sicher entziehen. Die Sseri Mining Company ist damit aus dem Geschäft. Kniz Teh'roff ist leider entkommen, aber er ist bereits auf der interstellaren Fahndungsliste. Es dürfte ihm schwer fallen, als Manager irgendwo Fuß zu fassen."
Tosh trat von einem Bein aufs andere. "Aber hier wird doch weiter Edelquarz abgebaut werden, Herr Minister? Wer nimmt das Geschäft denn in die Hand?"
"Nun, wir werden mit der Neuen Republik über die Bildung einer halbstaatlichen Gesellschaft verhandeln. Schließlich haben wir es der republikanischen Regierung zu verdanken, dass wir den Machenschaften hier auf die Spur gekommen sind. Aber - ah, ich kann mir denken, worauf Sie hinaus wollen: Sie suchen einen neuen Job!" Carnis schmunzelte. "Habe ich Recht?"
"Offen gestanden: Ja. Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich habe mich an diese Mine gewöhnt. Und es reizt mich, wirklich humane Arbeitsbedingungen einzuführen und zu gestalten."
Orn Carnis nickte. "Nun, wenn es zu einer neuen Konzession kommt, werde ich Sie für einen Posten im Management vorschlagen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. - Aber hat der junge Mann, der den Streik angestiftet hat, nicht auch Interesse an einer Weiterbeschäftigung hier?"
"Tnarguol? Oh, der hat den Planeten bereits verlassen. Der hat ganz andere Pläne."

"Und was hast du nun vor?" Kaya schaute Tnarguol fragend an.
Der warf einen raschen Seitenblick hinüber zu Yo-Karah. Er konnte ja wohl schlecht antworten: "Ich habe vor, um deine Schwester zu werben". Also versuchte er, eine gelassene Mine aufzusetzen.
"Och, ich will nach Tatooine; ich habe dort früher als Mechaniker gearbeitet. Jetzt will ich da eine eigene Werkstatt eröffnen."
Er biss sich auf die Zunge. Ich Idiot! dachte er. Was ist, wenn die jetzt sagen: Tut uns Leid, wir fliegen in die entgegengesetzte Richtung, wir setzen dich am nächsten größeren Raumhafen ab, Machs gut!?
"Aber ich könnte auch woanders arbeiten", fügte er rasch hinzu. "Gute Mechaniker werden eigentlich überall gebraucht."
"Tatooine liegt in der entgegengesetzten Richtung", meinte Kaya.
"Wir müssen sowieso nach Tatooine", sagte Yo-Karah gleichzeitig.
Kaya schaute ihre Schwester fragend an. "Was müssen wir? Sollen wir denn nicht nach Coruscant, um zu berichten? Oder nach Yavin?"
Yo-Karahs Gesicht drückte nichts anderes aus als Unschuld, Naivität und Ahnungslosigkeit.
"Später, ich muss vorher noch eine alte Jedi-Seherin besuchen, die auf Tatooine lebt. Nach dieser anstrengenden Mission brauche ich ein gemeinsame Meditationen mit der alten Meisterin."
"Ah, ich verstehe", grinste Kaya. "Hat die nicht auch einen alten Landgleiter, der repariert werden muss? Gute Mechaniker sind so selten auf Tatooine."
"Kaya, würdest du bitte in deine Kabine gehen? Du hast die morgendlichen Meditationen in den letzten Tagen arg vernachlässigt."
"Ja, Meisterin." Mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung, aber einem spöttischen Lächeln verließ Kaya den Raum.
"Du willst also eine eigene Werkstatt eröffnen", nahm Yo-Karah den Gesprächsfaden wieder auf. "Hast du denn die nötigen finanziellen Mittel dazu?"
"Ja, hab ich." Grinsend kramte Tnarguol in einer seiner Taschen. Mit den Worten "Enteignung der Enteigner!" zog er einen glänzenden Klumpen Edelquarz hervor. "Den habe ich aus der Mine mitgehen lassen. Kleine Anschubfinanzierung seitens der Minengesellschaft. Ich muss schon sagen: Der Streik hat sich wahrlich gelohnt."

Mit einem leichten Vibrieren sprang die Fähre in den Hyperraum. Kaya verließ ihre Kabine und ging den Gang entlang zu Yo-Karahs Tür. Einen Augenblick zögerte sie. Sollte sie jetzt wirklich mit ihrer Schwester sprechen? Ach was, dachte sie, Yo-Karah hat meine Präsenz doch sowieso schon gespürt.
Sie klopfte an, und auf Yo-Karahs Rufen hin trat sie ein.
"Kaya? Was gibt es?"
"Yo-Karah, ich möchte mich entschuldigen für meine spöttische Bemerkung vorhin. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen."
"Hast du nicht, Kaya."
"Ich war nur sehr erstaunt. Ich dachte, eine Jedi lügt nicht."
"Oh, ich habe nicht gelogen." Yo-Karah lächelte. "Siehst du, eine Meditation mit der alten Meisterin tut mir jetzt wirklich gut. Ich habe also die Wahrheit gesprochen - von einem gewissen Standpunkt aus."
Jetzt lächelte auch Kaya. Hätte Obi-Wan Kenobi, der alte Meister von Master Skywalker, gewusst, wie viele Ausreden er künftigen Jedi liefern würde, er hätte damals auf Dagobah bestimmt eine andere Formulierung gewählt.
Yo-Karah wurde ernst. "Aber ich wollte dir noch etwas anderes sagen. Du hast dich hervorragend gehalten. Ohne dich wäre die Mission ganz sicher gescheitert. Weißt du noch, wie ich dir auf Yavin gesagt habe, es würde sich noch zeigen, ob du bereit bist?"
Kaya nickte. Das hatte sie nicht vergessen.
"Nun, Kaya, du bist bereit. Ich werde Master Skywalker bitten, dich von nun an öfters zusammen mit mir zu schicken. Ich fühle, aus dir wird eine mächtige Jedi werden."
Kaya ging nicht zurück in ihre Kabine, sie schwebte.
Ich fühle, aus dir wird eine mächtige Jedi werden.
Diese Mission hatte sich wahrlich gelohnt!

Yo-Karah lag noch lange wach.
Sie dachte nicht bewusst nach. Sie meditierte aber auch nicht.
Vielmehr ließ sie sich einfach in der Macht treiben, um zu schauen, welche Gedanken, Bilder und Fragen in ihr aufstiegen.
Es war immer nur ein und dasselbe Bild: das von Tnarguol.
Was war nur an diesem Mann so Besonderes? Es konnten doch nicht nur seine großen dunklen Augen sein oder sein strahlendes, verschmitzes Lächeln?
Was hatte dieser Mann nur mit ihr gemacht?
Sie war sich seit Jahren nicht mehr derart ihrer Weiblichkeit bewusst gewesen. Hatte diese physisch-psychische Realität nicht mehr gespürt, seit ...
Unsinn! schalt sie sich. Hör auf, in geschraubten Formulierungen zu denken. Du bist verliebt, Punkt.
Aber es war noch mehr als reines Verliebtsein. Sie hatte keinen Zweifel: Die Macht hatte sie zusammengeführt. Und wenn es der Wille der Macht war ...
Tnarguol wusste es noch nicht, aber sie würde ihn heiraten. Das stand fest.
Nie war sie sich einer Sache so sicher gewesen.
Ja, diese Mission hatte sich wahrlich gelohnt!

Obi-Nor