No Risk - No Credits

Erster Teil: Der Schmuggler

1. Erschütterung der Macht

"Eine gute Verhandlung verfolgt stets das Ziel, alle Beteiligte zufrieden zu stellen"
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Piet O'Shir fluchte lautlos. Seit über einer Stunde lag er nun schon auf dem feuchten Waldboden. Seine Kleidung hing klamm an seinem Körper, und er hatte das Gefühl, als krieche ihm die kalte Feuchtigkeit langsam in die Knochen. Wenn er doch wenigstens seine Piloten-Uniform tragen dürfte! Aber das leuchtende Orange wäre inmitten der Grün- und Brauntöne des Waldes sofort aufgefallen. Dann hätte er sich wohl kaum bis hierher anschleichen können, um die Lichtung zu beobachten, die vor ihm in der weiten Bodensenke lag. Mit einem Seufzer aktivierte er seinen Tele-Spector und schaute hindurch. Er beobachtete die Arbeiter, die Wachen in ihren charakteristischen weißen Schutzpanzern, die Bau- und Lastdroiden, die Repulsortransporter, die Landeplattform mit der Lambdafähre - und das Bauwerk, um dass sich alles drehte. Ein weißes Stahlgerüst, das mittlerweile auf etwa 15 Standardmeter Höhe angewachsen war. Piet überlegte, entschied sich dann aber dagegen, neue Screenshots zu machen. Er hatte die Gesamtansicht und alle Details schon dutzendfach aufgenommen.

Ein leises Rascheln im Laub ließ ihn zusammenzucken. Er spannte seine Muskeln an und tastete nach dem Blaster. Ob es hier Schlangen gab? Oder giftige Insekten? Plötzlich fühlte Piet überall am Körper ein Kribbeln und Krabbeln. Er schüttelte sich. Wie er diesen Wald hasste! So hatte er sich den Einsatz nicht vorgestellt. Er wünschte, er wäre zurück im Raumgleiter. Durastahlplatten, Steuerkonsolen, Nahrungskonzentrate aus dem Automaten, sein Pilotensitz - das war seine Welt. Nicht dieser schmutzige, feuchte, von Baumriesen und Planzen bedeckte und womöglich von giftigen Lebewesen bevölkerter Mond. Wenn doch Obi-Nor endlich wieder auftauchte! Seit 55 Standardminuten war er schon fort. Hoffentlich hatten sie ihn nicht geschnappt. Aber nein, dann wäre längst Bewegung in die Reihen der Sturmtruppen gekommen. Sie wären ausgeschwärmt und hätten nach weiteren Spionen gesucht.
Sturmtruppen ... Piet ließ den Gedanken in seinem Inneren nachklingen. Sturmtruppen als Wachpersonal für eine Baustelle - vielleicht waren sie ja doch endlich am Ziel, hatten nach ihrer sechsmonatigen Reise kreuz und quer durch die Galaxis endlich gefunden, wonach sie suchten.

Das Donnern aktivierter Sublichtaggregate erfüllte die Lichtung. Die Lambdafähre hob ab. Piet O'Shir wusste, dass es nun genau 2,35 Standardminuten dauern würde, bis der nächste Frachter landete. Wer auch immer für diese Baustelle verantwortlich war, es musste ein guter Organisator sein.
Er fröstelte. Es war dämmrig und kalt geworden. Jetzt wurde es wirklich Zeit, dass sein Freund und Teampartner zurück kam. Es war sowieso eine verrückte Idee gewesen, in die Senke zu schleichen, um die Baustelle aus nächster Nähe auszuforschen. Aber Obi-Nor war ja bekannt für derartige Aktionen. Seit er mit gerade 18 Jahren die technischen Daten des berüchtigten "Todessterns" gestohlen hatte, galt er als Star unter den Agenten der Rebellion. Diesen Status nutzte er von Anfang an weidlich aus. So hatte er sich über alle Vorschriften hinweg gesetzt, indem er seine Tochter, damals noch ein Baby, in die Agentenzentrale mitgebracht hatte. Hatte einfach behauptet, sie wäre aktiv an der "Todesstern"-Operation beteiligt gewesen, wodurch sie sich den Status einer Agentin erworben hätte. Junge, Junge, so dreist musste man erst einmal sein. General Madine hatte zwar die Stirn gerunzelt, ihn aber gewähren lassen. Er hatte ein Kindermädchen aufgetrieben und Obi-Nor gleich den nächsten Auftrag erteilt. Seitdem waren Obi-Nor Gildorian und Piet O'Shir Partner. Während ihrer zahlreichen Operationen waren sie enge Freunde geworden.

Piet zuckte zusammen und duckte sich tief in das feuchte Laub. Da war doch ein Geräusch? Richtig, zwei Speeder-Bikes schossen vorbei, kaum 50 Schritte von seinem Versteck entfernt. Zum Glück hatten die beiden Sturmtruppler ihn nicht bemerkt. Er entspannte sich, zog einen Getreideriegel aus der Tasche und begann zu kauen. Essen beruhigte ihn immer. Seine Gedanken wanderten wieder zu Obi-Nor zurück. Piet war mit Abstand der bessere Pilot in ihrem Team, aber Obi-Nor der Kopf der Operationen. Schon beeindruckend, wie er das Datennetzwerk zur Entwicklung der TIE-Prototypen infiltriert hatte. Er hatte nur eine Schwäche, wie Piet fand. Er war im Grunde immer noch auf der Suche nach dieser Jedi Wala Mal'Wan, der Mutter seiner Tochter. Lange Zeit konnte er nicht akzeptieren, dass sie ihn verlassen hatte. Erst als sich Gerüchte bestätigten, dass sie längst mit einem anderen Mann zusammen war, wurde auch Obi-Nor klar, was längst alle wussten: Es war vorbei, aus und vorbei. Die Veränderung, die der junge Agent durchmachte, war sichtbar und spürbar. Er wurde härter, mutiger, wie manche fanden, oder tollkühn, wie es Piet einschätzte. Und in den Phasen zwischen den Einsätzen war er verschlossen und trübsinnig. Liebeskummer, dachte Piet verächtlich. Wie konnte sich sein Freund nur derart an eine Frau binden? Ihm könnte das nie passieren! Er war sich sicher, dass Obi-Nor oft nur durch den Gedanken an seine Tochter davon abgehalten wurde, sein Leben mutwillig aufs Spiel zu setzen.
Bei dem Gedanken an Yo-Karah Mal'Wan verzog er den Mund. So eine verzogene und vorlaute Göre war ihm noch nie untergekommen. Nicht, dass er sich besonders gut mit Kindern auskannte, aber das war doch einfach nicht normal. Obi-Nor merkte überhaupt nicht, dass die Kleine ihn mühelos um den kleinen Finger wickeln konnte. Wie konnte man sich nur von einer Fünfjährigen tyrannisieren lassen? Ob sie wirklich damals bei der "Operation Todesstern" eine Rolle gespielt hat, wie ihr Vater ernsthaft behauptete?
Piet seufzte. Damals hatten sie gedacht, mit der Vernichtung der imperialen Kampfstation hätten sie die Rebellion so gut wie gewonnen. Aber im Grunde war das Gegenteil eingetreten. Das Imperium hatte brutal zurückgeschlagen. Stützpunkt um Stützpunkt war erobert worden. Bis es schließlich auf Hoth zu einem fast vollständigen Debakel gekommen war. Und dann gab es zu allem Überfluss auch noch Meldungen, dass das Imperium einen zweiten Todesstern bauen wolle. Und genau deshalb waren sie hier auf diesem verdammten Mond namens Endor.

"Na, träumst du gut?"
Piet zuckte zusammen und riss den Blaster hoch. Dann schloss er kurz die Augen und atmete durch. Neben ihm hockte Obi-Nor Gildorian und grinste über das ganze Gesicht.
"Feiner Spion bist du, wenn du noch nicht einmal bemerkst, dass sich jemand nähert."
"Mensch, hast du mich erschreckt. Wo kommst du überhaupt her? Bist du geflogen? Ich habe nicht das geringste gehört."
Obi-Nor ging darauf nicht ein. Statt dessen forderte er seinen Partner auf, mit zu kommen.
"Du hast lange genug in der Feuchtigkeit gelegen. Wir hauen ab. Und diesmal geht es nach Hause!"
"Also haben wir den Platz gefunden?"
"Ich bin mir sicher, dass unser Informant die Wahrheit gesagt hat. Ja, dort unten wird definitiv ein Schutzschild-Generator gebaut. Von einer Größe, wie sie nur für eine Kampfstation von der Größe des Todessterns benötigt wird. Dazu Sturmtruppen als Wachen. Aber das ist noch nicht alles." Obi-Nor sah nachdenlich aus. Als er weiter sprach, schien es, als rede er zu sich selbst. "Ich habe da unten eine Präsenz gespürt ... eine Frau ... Ich glaube, sie war machtsensitiv. Sie schien den Bauleiter zu kontrollieren. Sie war noch sehr jung, schien aber viel Einfluss zu besitzen."
"Hübsch?" Piet grinste neugierig.
Obi-Nor grinste zurück. "Sie hatte so rote Haare wie du. Sie hätte dir gefallen .... Okay, ich denke, wir können die Operation abschließen".
"Wird auch Zeit. Ich will endlich mal wieder ausschlafen".

Während des Gesprächs hatten sich die beiden Agenten vorsichtig von der Bodensenke entfernt. Nun gingen sie durch den Wald zu der Lichtung, auf der ihr Raumgleiter unter einem Tarnnetz warte. Es war inzwischen völlig dunkel geworden, so dass sie ihre Nachtsicht-Spectoren benutzen mussten.
"Ob Sturmtruppen auch bei Nacht patrouillieren?" fragte Piet nach einer Weile.
"Kann ich mir nicht vorstellen, Piet. Die sind doch auch froh, wenn sie mal schlafen ..."
Obi-Nor brach ab und warf sich zu Boden.
Dort lag bereits Piet und hatte den Blaster gezogen. "Dass die da vorn schlafen, glaube ich aber nicht, Obi-Nor", flüsterte er. "Warum müssen Sturmtruppen nur so pflichtbewusst sein?"
"Steck den Blaster weg, Piet. Wir dürfen uns auf keinen Kampf einlassen. Lass uns einen Umweg nehmen."
Sie krochen vorsichtig zurück und bogen nach links ab. Weit kamen sie nicht, ihr Weg endete an einer Felskante. Erst jetzt bemerkten sie, dass unter dem weichen Waldboden massiver Fels war. Und an dieser Stelle hatte es offenbar einmal ein Erdbeben gegeben. Das gewaltige Felsmassiv war auseinandergebrochen und wies nun einen Einschnitt von gut 30 Metern Tiefe und über 100 Metern Breite auf.
"Verdammt! Hier kommen wir nicht weiter", fluchte Obi-Nor.
"An der Kante entlang", schlug Piet vor. "Wenn wir hier die ursprüngliche Richtung einschlagen, haben wir fast 200 Meter Abstand zu der Patrouille."

Sie tasteten sich an der Felskante entlang. Da der Wald bis zur Schlucht reichte, mussten sie zuweilen direkt am Abgrund balancieren, um Baumstämmen und Wurzeln auszuweichen. Piet O'Shir bewegte sich wie eine Katze. Obi-Nor ging ein wenig schwerfälliger hinterher.
Nach einer Weile wandte Piet sich um. "So, gleich sind wir auf der Höhe der Lichtung. Wir ... Was ist mit dir?"
Obi-Nor war stehen geblieben und schien zu lauschen. Dann krümmte er sich plötzlich wie von einem Hieb getroffen. Er schwankte.
"Hey, pass auf! Du fällst gleich runter!" Mit einigen Sätzen war Piet bei seinem Freund und hielt ihn fest. "Obi-Nor! Was ist los?"
Obi-Nor keuchte und taumelte. Er ließ sich zu Boden gleiten. Schweiß stand auf seiner Stirn.
"Wala", flüsterte er. "Wala ..." Dann vergrub er sein Gesicht in seinen Händen.
"Was hast du gespürt? Ist etwas mit Wala?"
Piet O'Shir hatte im Laufe der Jahre akzeptiert, dass es diese geheimnisvolle ‚Macht' gab, von der ihm sein Freund oft erzählte.
Obi-Nor atmete tief durch. "Eine Erschütterung der ‚Macht'. Es war ... Sie ist ... Wala Mal'Wan ist tot".
Mehr sagte er nicht. Er erhob sich und machte Anstalten, weiter zu gehen.
Piet hielt ihn fest. "Ist das alles, was du dazu sagst?"
Obi-Nor seufzte. "Piet, es ist vorbei. Aus und vorbei. Nicht erst seit eben. Es ist doch schon lange Schluss. Das Band, was zwischen uns existierte, hatte nur noch für mich eine Bedeutung. Nicht mehr für sie. Als ich gerade ihren Tod gespürt habe, da ..." - er suchte nach den richtigen Worten - "... da war es wie eine Befreiung. Ich habe es wie eine Botschaft von ihr gespürt. Als wollte sie mir zurufen ‚Gib mich endlich frei'. Ich weiß, es klingt verrückt", fügte er angesichts von Piets skeptischem Gesichtsausdruck schnell hinzu, "und vielleicht war es auch nur meine eigene innere Stimme, die es mir gesagt hat. Aber ich muss endlich von ihr Abschied nehmen."
Er machte eine Pause.
Als er wieder sprach, war seine Stimme nur noch ein Flüstern. "Wie soll ich es bloß Yo-Karah beibringen ..."
Piet legte seinen Arm um die Schultern seines Freundes. "Komm Alter, ich bringe dich erst mal nach Hause. Wird sich schon alles finden".

Der Rebellenstützpunkt befand sich mitten im Nichts, weit außerhalb der letzten Welten des "Äußeren Randes" der Galaxis. Es gab eine Raumstation, einige Wohn- und Lazarettschiffe, ein paar Frachter und natürlich eine Menge Raumkreuzer. Aber was die Rebellion nicht mehr hatte, war ein militärischer Stützpunkt auf festem Boden. Kein Planet, kein Mond in der riesigen Galaxis war mehr vor dem Zugriff des Imperiums sicher. Es existierten zwar noch subversive Operationsbasen und geheime Nachschub-Depots, aber die Raumflotte der Rebellen hatte keinen anderen Zufluchtsort als die Weite des Weltalls.
Obi-Nor und Piet suchten nach ihrer Ankunft unverzüglich General Crix Madine auf. Der Koordinator sämtlicher Agenten-Operationen der Rebellion hörte nachdenklich zu, wie die beiden von ihrem Irrflug kreuz und quer durch die Galaxis berichteten, von den Informationen, die sie Stück für Stück zu einem stimmigen Bild zusammengesetzt hatten, und schließlich von ihren Beobachtungen auf Endor.
Madine schwieg eine Zeit lang nachdenklich, als sie geendet hatten.
"Also ist es wahr", meinte er schließlich. "Ein neuer Todesstern." Er seufzte. "Hört das denn niemals auf?"
"Können wir gehen, Sir?" fragte Piet ungeduldig. "Wir können etwas Ruhe gebrauchen."
"Einen Moment noch," hielt ihn Madine zurück. "Morgen müssen wir noch ausführlich darüber reden, aber ich kann es Ihnen auch jetzt schon mitteilen: Endor war wohl der letzte Agenten-Einsatz für Sie beide."
"WAS?!" Piet wollte aufbrausen, doch Madine hob beschwichtigend die Hand.
"Sie bleiben natürlich im Dienst der Allianz. Aber wir haben eine ganz neue Verwendung für Sie. Wir benötigen dringend mehr finanzielle Mittel. Eigentlich sind wir so gut wie bankrott. Es gibt viele Händler, die sich nicht um Zölle und Steuern kümmern und so jede Menge Credits verdienen. Ich habe schon länger gedacht, dass das genau der richtige Job für Sie ist."
Obi-Nor zog die Augenbraue hoch. "Verstehe ich das richtig, dass wir Schmuggler werden sollen, Sir?"
Madine lächelte. "Moralische Probleme? Nennen Sie es ‚schmuggeln', nennen Sie es ‚freier Handel'. Wenn Sie keine Probleme haben, das Imperium besiegen zu wollen, dürfen Sie auch nicht davor zurückschrecken, ihm Steuern vorzuenthalten."
"Das waren nicht meine Bedenken, Sir", entgegnete Gildorian. "Ich frage mich vielmehr, was für uns dabei herausspringt."
Piet starrte seinen Freund verständnislos an. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Auch Madine runzelte die Stirn. "Sie reden von Gewinnbeteiligung?"
"Sir, Sie wollen, dass wir Geschäftsleute werden. Also fangen wir gleich damit an. Mein Partner und ich bieten Ihnen eine Gewinnbeteiligung von 40%. Sind Sie damit einverstanden?"
Piet rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.
Madine lief rot an. "Sie wollen 60% des Gewinns behalten?!"
"Gewiss, Sir. Ein faires Angebot. Vergleichen Sie doch einmal das Risiko: Wir setzen Leib und Leben ein. Sie nur das Raumschiff, das Sie uns zur Verfügung stellen, also lediglich Investitionskapital."
Plötzlich begann General Madine über das ganze Gesicht zu grinsen. "Das war die Bestätigung", meinte er zufrieden. "Wenn jemand für den Job geeignet ist, dann Sie. Okay, Sie kriegen 50%. Nehmen Sie an, oder soll ich Sie unter Arrest stellen?"
"Sir, bei dieser Alternative würde ich sagen: Wir sind im Geschäft."
"Also gut." Madine erhob sich. "Alles weitere hat Zeit bis morgen."

"Papa!"
Yo-Karah ließ ihre Puppe fallen und rannte mit ausgestreckten Armen auf Obi-Nor zu. Der fing seine Tochter auf und wirbelte sie durch die Luft.
"Ich bin so froh, dass ich wieder bei dir bin, meine Prinzessin!"
Er trug das Mädchen zu einem der Sessel in ihrer Wohneinheit.
"Erzähl mal Yo, wie ist es dir ergangen, als ich weg war."
"Och, ganz gut, so lange Tante Leia noch da war, aber die ist weggefahren, um Master Solo zu befreien, und Mistress Winter hat mit mir oft geschimpft, weil ich andere Kinder gehauen habe, aber die haben mich doch geärgert, und Space-Pocken hab ich gehabt und Captain Antilles hat mich in den Flugsimulator mitgenommen und ich hab dir ein Bild gemalt und ..."
Unvermittelt fing Yo-Karah an zu weinen.
"Ich habe von Mama geträumt. Der böse Mann hat ihr weh getan. Der hat sie gehauen mit einem Lichtschwert, wie Luke Skywalker eins hat. Sie hat ..."
Sie schluchzte laut.
Obi-Nor nahm seine Tochter in den Arm. "Hast du es auch gespürt?" flüsterte er.
Yo-Karah blickte ihn mit großen Augen an. "Ist Mama tot?"
"Ja", nickte er. "Mama ist tot."
Das Mädchen schmiegte sich an ihn und weinte. Er streichelte zärtlich ihr Haar, wiegte sie sanft hin und her und beruhigte sie mit Hilfe der ‚Macht'.
"Ich glaube, es ist gut, wenn du von deinem ‚Traum' erzählst", meinte er nach einer Weile. "Was ist passiert?"
Es gelang ihm nicht auf Anhieb herauszubekommen, was Yo-Karah gespürt hatte. Sie erzählte recht wirr und hatte furchtbare Angst vor dem "bösen Mann", der ihre Mutter getötet hatte. Obi-Nor reimte sich einiges zusammen und ergänzte die Schilderung seiner Tochter aufgrund seiner eigenen Erfahrung auf Endor. Auch Yo-Karah hatte die Erschütterung der Macht gespürt. Sie hatte gefühlt, wie Darth Vader - nur um ihn konnte es sich handeln - ihre Mutter in einem Lichtschwert-Duell getötet hatte. Und auch sie hatte so etwas wie eine Botschaft, einen Auftrag ihrer Mutter empfangen.
"Mama will, dass ich ihr Lichtschwert bekomme", wiederholte sie mehrere Male. "Bringst du es mir, Papa?"
‚Gib mich endlich frei', ‚nimm mein Lichtschwert', dachte Obi-Nor. Zwei Vermächtnisse von Wala Mal'Wan.
"Ja," sagte er schließlich. "Ich werde es dir bringen."
"Wirklich?"
"Wirklich!"
"Versprochen?" insistierte Yo-Karah.
"Versprochen!"
"Großes Rebellen-Ehrenwort?"
Obi-Nor runzelte die Stirn. "Yo-Karah, wenn ich sage, ich besorge dir das Lichtschwert deiner Mutter, dann tue ich es. Ich verspreche es dir hiermit feierlich mit dem großen intergalaktischen Ehrenwort, okay?"
Yo-Karah dachte nach.
"Gut", sagte sie schließlich. "Damit bin ich zufrieden."

Einige Tage später begab sich General Madine zur Andockschleuse der Raumstation, um die frisch gebackenen Schmuggler zu verabschieden. Obi-Nor Gildorian und Piet O'Shir hatten den kleinen alten Raumfrachter, der ihnen zur Verfügung gestellt wurde, in einer schlichten Zeremonie auf den Namen Courier I getauft. Die Zahl sollte andeuten, dass sie hofften, im Laufe der Zeit ein besseres und größeres Schiff zu erwirtschaften. Bei dieser Vorstellung schüttelte Madine innerlich den Kopf. Die Allianz stand kurz vor dem Untergang, und dieser Gildorian plante bereits für eine in weiter Ferne liegende ökonomische Zukunft. Diesen unerschütterlichen Optimismus hätte er auch gern.
Die letzten Ladedroiden verließen das Schiff, und der Catering-Controller gab das Zeichen, dass alles zum Abflug bereit war.
Madine musterte die kleine Crew, die sich anschickte, an Bord zu gehen. Ein naiv wirkender, bleich aussehender blonder Jüngling, ein kleiner rothaariger, sommersprossiger Kerl in einem zu groß geratenen Piloten-Overall und - ein frech dreinblickendes fünfjähriges Mädchen mit einer Puppe in der Hand.
"Sie haben es sich nicht anders überlegt, Gildorian?" fragte er skeptisch. "Sie wollen wirklich Ihre Tochter mitnehmen? Das Schmuggler-Geschäft ist kein Kinderspiel!"
"Ich weiß, Sir. Aber ich lasse sie nicht noch einmal so lange allein."
"Nun gut. Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun. Möge die 'Macht' mit Ihnen sein!"
Die Crew ging an Bord, und die Schleuse wurde eingefahren.
Madine beobachtete, wie sich der Frachter langsam von der Raumstation entfernte, an Fahrt gewann und schließlich in den Hyperraum sprang.
Madine starrte nachdenklich in die Schwärze des Weltraums hinaus. Er fragte sich, ob er die beiden Agenten - Ex-Agenten, verbesserte er sich - jemals wiedersehen würde.

 

 

2. Schnapsschmuggler

"Preis und Leistung sollten stets in einem ausgewogenen Verhältnis stehen"
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Unter allen bewohnten Planeten im C'sis-Sektor war Crispin III sicherlich der trostloseste. Die wenigen Inseln, die aus dem beinahe die gesamte Oberfläche bedeckenden, stark schwefelhaltigen Meer emporragten, bestanden aus hartem, unfruchtbarem Gestein. Nur hier und da wuchsen in Felsspalten rot schimmernde, giftige Flechten. Einige Insektenspezies und wurmartige Weichtiere, die mit Hilfe von Saugnäpfen an den Felsen klebten, bildeten die gesamte Fauna, wenn man von Mikroben einmal absah. Die Atmosphäre war für Sauerstoff-Kohlenstoff-Atmer gerade noch erträglich, doch die meisten Menschen, die sich mehr als ein paar Stunden im Freien aufhielten, benutzen ein Atemgerät, um Lungenerkrankungen vorzubeugen. Eigentlich gab es überhaupt nur zwei Gründe, diesen Planeten anzusteuern. Einmal, weil er mitten im Kreuzungspunkt wichtiger Handelsrouten des "Äußeren Randes" der Galaxis lag. Der Raumhafen von Crispin III beherbergte deshalb mehrere kleine Werften sowie Catering-, Tool- und Logistik-Services, die alles auf Lager hatten, was ein Handelsschiff je brauchen könnte - zu horrenden Preise, versteht sich. Der andere Grund war die Cantina von F'flhorrt "Spider" U'zzmorrh.

Weit und breit gab es keine größere Auswahl an hochprozentigen Drinks, die U'zzmorrh selbst herstellte und zum Teil auch an andere Planeten des "Äußeren Rands" verkaufte. Das Ale war vom feinsten. Stets spielten hervoragende Nachwuchs-Jizzbands - auch Max Rebo und Sy Snootles hatten hier Engagements gehabt, bevor sie berühmt wurden - und von Zeit zu Zeit gastierten Tanzgruppen. Der eigentliche Star aber war F'flhorrt U'zzmorrh selbst. Er war ein etwa menschgroßer Insektoid, was ihm bei seinen Gästen den Namen "Spider" eingebracht hatte. Mit seinen sechs Armen konnte er gleichzeitig drei verschiedene Drinks mixen, einem Kunden Wechselgeld herausgeben, einen zahlungsunwilligen Gast mit einem Blaster bedrohen und die Theke abwischen. Die Theke war übrigens kreisrund. Schon das war eine Sensation, die nur möglich war, weil U'zzmorrhs Rücken und Hinterkopf stark gepanzert waren. Kein anderer Barkeeper hätte es riskiert, ständig einem Teil seiner Gäste den Rücken zuzukehren.

Jetzt bestand freilich keine Gefahr eines hinterhältigen Angriffs. Es war früh am Abend, und bislang hatten sich nur acht Gäste in der Cantina eingefunden, die U'zzmorrh alle gut im Blick behalten konnte. Drei Kynocks waren mit einem Würfelspiel beschäftigt, kippten einen Drink nach dem anderen und diskutierten lautstark in einer kehligen Sprache, die U'zzmorrh nicht verstand. Zwei weibliche Sirolaner hatten ihre Rüssel in große Suppenschalen getaucht und genossen schweigend ihre Mahlzeit. Außerdem waren noch drei Menschen anwesend. Natürlich Dentor Jarnix, der jeden Tag an der Theke saß und sein bescheidenes Vermögen versoff. Und diese beiden Schmuggler, die seit gestern auf Crispin III herumhingen.

Schon bei ihrem ersten Besuch in der Cantina vor sechs Wochen hatte U'zzmorrh auf den ersten Blick erkannt, dass diese Menschen blutige Anfänger im Schmugglergeschäft waren. Der Anblick des kleinen Rothaarigen, der in einem überdimensionierten Pilotendress herumlief, reichte aus, dass niemand, der in der Freihandelsbranche tätig war oder einen Schmuggler anheuern wollte, diese beiden Gestalten ernst nahm. Und die rührende Art, wie der Blonde versucht hatte, an Aufträge zu kommen, hatte allseits für Erheiterung gesorgt. Als er dann noch verlauten ließ, dass er auf der Suche nach einem verschollenen Lichtschwert sei, hatte er regelrecht Mitleid ausgelöst. Nicht dass U'zzmorrh selbst irgendwelche Emotionen gespürt hätte, dazu war er nicht fähig. Er hatte lediglich konstatiert, was er an Sinneseindrücken aufnahm, und es in rationales Kalkül umgesetzt. Zwei Monate würden die beiden durchhalten, vielleicht drei. Dann würden sie pleite sein - oder tot. Immerhin war er es dann gewesen, der ihnen einen Auftrag verschafft hatte. Nur eine Schiffsladung reinen Alkohol, keine große Sache. Aber sie waren froh gewesen, überhaupt ein wenig verdienen zu können. Weil sie ordnungsgemäß geliefert hatten, hatte er ihnen weitere Aufträge in Aussicht gestellt. Deshalb waren sie jetzt wieder hergekommen. Doch vergebens: U'zzmorrh war rundum versorgt. Und nun saßen sie in seiner Cantina und stocherten trübe in ihrem Essen. In diesem Augenblick winkte der Blonde herüber und bestellte noch einmal ein Getränk.

"Nochmal ein Ale, Spider!"
Obi-Nor Gildorian zeigte dem Wirt sein leeres Glas, dann wandte er sich wieder seiner Mahlzeit zu. Eigentlich hatte er gar keinen Appetit. Piet schien auch nichts essen zu wollen, denn er schob den Teller weg und erhob sich.
"Ich gehe zum Schiff zurück. Yo-Karah wacht bestimmt gleich auf."
Gildorian nickte abwesend.
"Ja, ist gut. Ich komme auch gleich. Bin total müde. Die Zeitverschiebung macht mich fertig."
Als Piet gegangen war, starrte Obi-Nor grübelnd vor sich hin. Nein, so hatte er sich seine Schmuggler-Karriere nicht vorgestellt. Seit vier Monaten waren sie nun unterwegs, aber alles, was sie bisher vorzuweisen hatten, waren ein paar Schnapslieferungen. Bitter stellte er fest, dass Schnapshändler auf der untersten Stufe der heimlichen Hierarchie unter den Schmugglern rangierten. Er wusste, dass die älteren und lange im Schmuggel-Geschäft tätigen Händler ihn nicht ernst nahmen. Wenn ihnen doch einmal eine richtig große Herausforderung unterkommen würde ... Er hätte nie gedacht, dass es so schwer sein würde, an Aufträge zu kommen.

Das einzige, was in den letzten Monaten erstaunlich gut geklappt hatte, war die Entwicklung ihres Teams. Nicht nur, weil Piet als Techniker und Pilot und er als eine Art Geschäftsführer sich ideal ergänzten. Sondern auch, weil sich Yo-Karah als nützliches Crew-Mitglied entpuppte. Sie musste eine Stunde am Tag lesen, schreiben und rechnen lernen, sonst aber übte sie sich in praktischeren Dingen. Schon bald konnte sie nähen und stopfen, den Reinigungsdroiden programmieren und den Nahrungsautomaten bedienen. Darüber hinaus saß sie bei Hyperraumflügen stundenlang im Cockpit und löcherte Piet mit Tausenden von Fragen.
"Warum blinkt die Lampe da? Wohin sind die Sterne verschwunden? Kann ich mal auf den roten Knopf drücken? Was ist ein Suppenlichtmovator?"
Am Anfang war der Pilot von der Fragerei genervt. Aber als er spürte, dass sie echtes Interesse zeigte und sogar zu verstehen versuchte, was ein Sublichtmotivator war, begann er, ihr die Instrumente, die Grundlagen der Navigation und Details der Antriebssysteme zu erklären. Wahrscheinlich würde sie eher fliegen als die Pilotenhandbücher lesen können.
Jedenfalls war das Wagnis, das Mädchen mitzunehmen, bis jetzt gutgegangen. Aber an ihrem Status in der Schmugglerwelt musste sich dringend etwas ändern. Obi-Nor war auch klar, wie sie das erreichen konnten. Das Zauberwort hieß "Spice". Mit der weichen, nichtsdestotrotz illegalen Droge konnte man auf manchen Planeten riesige Gewinnspannen erzielen, die höchsten selbstverständlich auf Coruscant. Natürlich stieg aufgrund der Kontrollen in den Raumhäfen das Risiko, erwischt zu werden, proportional zu den Gewinnmargen. Außerdem würde es einen weiteren Schritt in die Illegalität bedeuten. Als Schnapsschmuggler umgingen sie nur Zollvorschriften; der Schnapshandel an sich war erlaubt. Im Unterschied dazu war bereits der Besitz von Spice strafbar. Doch das war nicht ihr Hauptproblem. Denn erst einmal brauchten sie eine Menge Credits, um eine Schiffsladung in einem Spice-Anbaugebiet zu kaufen. Und damit stand er wieder am Anfang seiner Überlegungen. Ein Dilemma.

Die Tür der Cantina ging auf, und ein weiterer Gast betrat den Raum. Obi-Nor blickte auf. Es war ein Mensch, der sich im dämmrigen Licht des Raumes umschaute, dann aber zielstrebig auf ihn zusteuerte.
"Ich hab' was du suchs'", begann er.
"Ach ja?" Obi-Nor musterte ihn. Der Mann sah furchteinflößend aus. Mindestens zwei Meter groß, breitschultrig und mit muskulösen Armen ausgestattet. Sein kantiger Schädel kahl rasiert. Die Nase von früheren Brüchen schief. Über die linke Wange zog sich eine lange, schlecht verheilte Narbe. Bedrohlich war aber vor allem der große Hand-Blaster, der in einem Halfter am Oberschenkel steckte.
"Du suchs' doch ein Lich'schwert oder nich'?"
"Schon möglich..."
"Ich habs hier drin". Er klopfte auf den Beutel aus grobem Tuch, den er auf die Theke gelegt hatte.
"Hör mal, ich suche nicht irgendein Lichtschwert. Ich brauche ein ganz bestimmtes." Obi-Nor versuchte, desinteressiert zu klingen. Doch seine Müdigkeit war bei dem Thema 'Lichtschwert' sofort verflogen.
"Du suchs' das Lich'schwert von Wala Mal'Wan, nich'?"
Obi-Nor bemühte sich erst gar nicht, seine Überraschung zu verbergen.
"Du hast ihr Lichtschwert dort im Beutel? Zeig her!"
"Langsam, Jungchen, langsam. Was is' mit den Credits?"
"Die habe ich hier." Obi-Nor zog einige Goldmünzen aus der Tasche. "500 Credits, wie angekündigt. Mein Motto ist: 'gute Ware - gute Bezahlung'"
Beim Anblick der Münzen kroch Gier in die Augen des Fremden.
"Gib her. Hier is' das Lich'schwert".
Er zog einen länglichen, metallenen Gegenstand aus dem Beutel. Es war unverkennbar der Griff eines Lichtschwertes.
"Weiß nich', obs noch funktioniert. War aber auch nich' abgemacht."
Obi-Nor nahm den Griff in die Hand, wog ihn, betrachtete ihn, strich über das Metall. Schließlich legte er ihn wieder auf die Theke.
"Das ist nicht Wala Mal'Wans Lichtschwert", sagte er ruhig. "Das ist überhaupt kein Lichtschwert. Es ist eine Fälschung. Du wolltest mich reinlegen."
Der Fremde riss den Blaster aus dem Halfter und richtete ihn auf Obi-Nors Kopf.
"Spuck nich' so große Töne, Jungchen. Ich bin Schwerverbrecher, auf 12 Planeten zum Tode verurteilt. Dich mache ich fer ..."
Er brach plötzlich ab, erstarrt in seiner Bewegung. Sein Mund war weit aufgerissen, als wollte er aufschreien. Aber er brachte keinen Ton heraus. Die Vibro-Klinge in seiner Kehle verhinderte es. Dann brach er lautlos zusammen und schlug hart auf dem Boden auf.
Obi-Nor zog sein Messer aus dem Hals des Toten und wischte die Klinge ab. Dann sammelte er seine Credits ein. Eine Münze schob er Spider U'zzmorrh hin.
"Hier. Ist für den Dreck, den ich gemacht habe."
Er ging zur Tür, wandte sich ab noch einmal um. Als er sprach, waren seine Worte nicht nur an den Wirt gerichtet, sondern auch an die übrigen Gäste, die die Szene verfolgt hatten.
"Mein Motto hat noch einen zweiten Teil: 'schlechte Ware - schlechte Bezahlung'".
Dann war er verschwunden.
Als sich F'flhorrt U'zzmorrh daran machte, die Leiche fortzuschaffen, überdachte er seine Prognose über die Zukunft der beiden Schmuggler-Neulinge. Noch nie hatte er einen Menschen derart schnell mit einem Messer hantieren sehen. Vielleicht würden der Blonde und sein Partner doch länger überleben als zwei Monate.

"Anflugkontrolle Rus Bator, hier ist die Courier I auf dem Flug von Crispin III. Bitten um Landeerlaubnis."
"Courier I, hier ist Anflugkontrolle Rus Bator. Landerlaubnis negativ. Wiederhole: negativ."
Piet O'Shir schaute erstaunt zur Seite.
Obi-Nor zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, was das los ist. Frag nochmal. Die müssen uns einfach reinlassen!"
"Anflugkontrolle, dies ist ein ordnungsgemäß registriertes Schiff. Wir müssen landen. Die Steuerung für unsere Frontaldeflektoren ist defekt. Wir brauchen Hilfe von einer Ihrer Raumwerften."
"Courier I, ich wiederhole: Landerlaubnis negativ. In der Tarlit-Minenkolonie Bator 2 ist eine Epidemie ausgebrochen. Rus Bator steht unter Quarantäne. Ein- und Ausreisen sind untersagt. Tut mir Leid, aber Sie müssen ohne Frontaldeflektor weiter."
"Epidemie?" Piet O'Shir runzelte die Stirn. "Können Sie uns mitteilen, um welche Krankheit es sich handelt?"
"Narma-Fieber. Seit zwei Wochen."
Piet unterbrach die Komverbindung. "Ach du Scheiße. Narma-Fieber. Nichts wie weg hier."
"Warte mal!" Obi-Nor zog die Stirn kraus. "Ich glaube, ich habe da eine Idee."
Er aktivierte die Komverbindung.
"Anflugkontrolle Rus Bator. Hier spricht Obi-Nor Gildorian, der Captain der Courier I. Wir haben Medikamente gegen Narma-Fieber an Bord. Wir erbitten Landeerlaubnis."
Er grinste zu Piet herüber, dessen Gesicht ein einziges Fragezeichen war.
"Courier I, Sie haben Narmathan an Bord? Der Besitz von Narmathan ist illegal."
"Äh, nein. Es ist ein anderes Mittel. Frisch aus dem Testlabor von Carvis. Wir, äh, können es wohl verantworten, unsere Frachtpläne zu ändern."
"Warten Sie einen Moment."
Die Komverbindung brach ab.
O'Shir konnte sich nicht mehr zurückhalten.
"Was redest du da! Medikamente gegen Narma-Fieber! Was soll das Ganze überhaupt?"
"Piet, was weißt du über Narma-Fieber?"
"Hm, nicht viel. Befällt Menschen und Humanoide. Nicht lebensgefährlich, aber furchtbar ansteckend. Das Imperium hat schon ganze Sonnensysteme unter Quarantäne gestellt."
"Ja, und die Symptome sind laut 'Datathek der Medizin': 'hohe Körpertemperatur, bohrende Kopf- und Gliederschmerzen und allgemeines Schwächegefühl'. Die Krankheit dauert bei den meisten Menschen wochenlang und zieht meist eine längere Erholungsphase nach sich, in der die Patienten nur langsam zu Kräften kommen. Tja, Piet", lächelte Obi-Nor. "Ich bevorzuge halt andere Lektüre als 'Handbuch des Hyperraumflugs' oder 'Helden der Raumfahrt'. Jedenfalls gibt es nur ein bekanntes Gegenmittel, die Halluzinationsdroge Narmathan. Die macht aber süchtig und ist deswegen verboten."
Er machte eine Pause und starrte durch die Sichtfenster auf den grau-braunen Planeten vor ihnen.
"Was meinst du", fuhr er fort, "wie viele Menschen leben in einer Minenkolonie wie Bator 2? Zehntausend? Wenn die alle krank sind, bedeutet das für die Minengesellschaft ruinöse Verluste."
"Alles gut und schön, aber wir haben nun mal keine Medikamente gegen Narma-Fieber an Bord. Was hast du bloß vor?"
Obi-Nor wollte antworten, doch da wurde die Komlinkverbindung wieder aktiviert.
"Courier I, hier spricht Colonel Timozz B'Metty, der Sicherheitschef von Rus Bator Spaceport. Sie behaupten, Sie haben ein Gegenmittel gegen Narma-Fieber an Bord? Einen solchen Zufall soll ich Ihnen glauben?"
"Aber Sir, wenn Sie uns landen lassen, kann ich es beweisen. Lassen Sie mich einfach in das befallene Gebiet. Meinen Sie, ich würde mich freiwillig in die Minenkolonie begeben, wenn ich keine Medikamente dabei hätte?"

Piet O'Shir ließ mehrere Tropfen einer klaren Flüssigkeit auf einen Löffel tropfen. Dann tauchte er den Löffel in ein Glas Wasser und nahm einen Schluck.
"Auch nicht besser", meinte er enttäuscht. "Schmeckt immer noch wie verdünnter Schnaps. Auf keinen Fall wie Arznei. Das kauft dir nie einer ab!"
"Soll ich noch etwas Pfeffer reinschütten?" bot Yo-Karah an.
"Bloß nicht!" wehrte Obi-Nor ab. "Nein, ich habe eine andere Idee. Bin gleich wieder da."
Er ging in seine Schlafkabine und kam mit einem kleinen Fläschchen zurück.
"Hier. Parfüm. 'Corellianische Rosen'. Rein damit!"
Piet staunte nicht schlecht. Es war das sündhaft teure Lieblingsparfüm von Wala Mal'Wan gewesen. Obi-Nor hatte ihm erzählt, dass er es für Yo-Karah aufbewahren wollte. Und jetzt schüttete er es einfach in den Kanister mit der selbst zusammengepanschten "Medizin"!
Obi-Nor gab das leere Fläschchen seiner Tochter. "Hier, Yo-Karah, riech mal, was für ein schöner Duft 'Corellianische Rosen' ist. Heb das Fläschchen gut auf. Wer weiß, vielleicht kannst du eines Tages das gleiche Parfüm für dich selbst darin aufbewahren."
Yo-Karah schnupperte an dem Fläschchen und strahlte vor Freude. "Riecht das gut!"
Piet probierte erneut einige Tropfen. "Schon besser. Viel besser. Das kann jetzt als Medizin durchgehen. Nur heilen kannst du damit gewiss nichts."
"Dafür brauche ich nicht die Medizin", entgegnete Obi-Nor, "sondern die 'Macht'".

Der Administrator von Bator 2, ein kleiner und jetzt sehr krank aussehender bleicher Mann von etwa 60 Jahren, begrüßte Obi-Nor, nachdem dieser mit einem Landgleiter die dreifach gesicherte Quarantäne-Sperre passiert hatte. Es bereitete ihm sichtlich Mühe, sich auf den Beinen zu halten.
"Ich bin Donko Stasera. Ich freue mich, dass Sie sich zu uns in die Quarantäne begeben. Wenn Sie uns wirklich helfen können, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen danken soll."
"Credits", antwortete Obi-Nor, "sind mir lieber als Dankesbezeugungen."
Sie gingen in eine Art Versammlungsraum, wo sich Dutzende von fiebrigen Menschen auf Stühlen oder einfach auf dem Boden kauerten.
"Die Freiwilligen für den ersten Test", erklärte Stasera. "Ich gehöre auch zu ihnen."
Obi-Nor schluckte innerlich. Mit so vielen Testpatienten hatte er nicht gerechnet. Doch dann straffte er sich: Augen zu und durch!
"Ich brauche ein Behandlungszimmer mit einer Liege", erklärte er. "Und dann kommen alle einzeln der Reihe nach dran."

In den nächsten Stunden hielt Obi-Nor "Sprechstunde" in einem umgestalteten Büroraum ab. Erst verabreichte er den Patienten einige Tropfen der Medizin. Dann mussten diese sich hinlegen; angeblich, damit das Mittel nicht zu schnell in die Blutbahn geriet. In Wirklichkeit tastete Obi-Nor mit Hilfe der 'Macht' nach dem Schmerzzentrum der Patienten, um die Symptome der Erkrankung zu lindern. Als endlich alle Personen behandelt waren, fühlte er sich ausgelaugt. Der intensive Gebrauch der Macht hatte ihn völlig erschöpft. Er rollte sich einfach selbst auf der Liege zusammen und schlief sofort ein.
Am nächsten Tag wiederholte er die Prozedur. Am Ende war er noch müder als am Vortag. Er fragte sich, ob er überhaupt noch einen weitere Behandlungstag würde durchhalten können. Hoffentlich hatte Piet inzwischen den Deflektorschild reparieren und Lebensmittelvorräte einkaufen können. Da Obi-Nor das Narma-Fieber unweigerlich auch bekommen und seine Crew anstecken würde, mussten sie die nächsten Wochen isoliert im Weltraum bleiben. Keine verlockende Aussicht, aber absolut notwendig, um die Krankheit nicht in jedes Sternsystem einzuschleppen, das sie ansteuerten.

Abends kam Stasera zu ihm. Er sah immer noch bleich aus, doch seine Stimme klang bereits kräftiger.
"Das Medikament scheint zu wirken, Mr. Gildorian. Ich fühle mich schon deutlich besser."
"Gut, morgen werden wir eine letzte Behandlungsrunde machen, aber die Finanzfrage hätte ich gern heute noch geklärt."
"Ich habe über Ihr Angebot nachgedacht. 10 Credits pro Portion. Und das mal 10.483 Personen! Ich darf eigentlich nicht über so viel Geld verfügen."
"Nun, runden wir es ab auf 100.000 Credits. Dafür ist die Mine in zwei Wochen wieder voll einsatzbereit. Ansonsten ruht die Tarlit-Produktion noch drei Monate. Sie müssen die Minengesellschaft nicht über unser Geschäft informieren. Denken Sie sich was aus. Fehldiagnose oder sonstwas. Wir regeln die ganze Sache inoffiziell. Ich muss ja auch erklären, wie ich die Medizin unterwegs verloren habe."
Er beugte sich vor und schaute Donko Stasera direkt in die Augen.
"Kommen Sie, Sie haben doch hier irgendwo noch ein Finanzdepot für Notfälle. Für Fälle wie diesen hier. Geben Sie mir das Geld, und ich verschwinde morgen. Und wir beide haben uns nie gesehen."
Stasera nickte. "Goldbarren. Ohne Prägestempel. Sie kriegen Goldbarren im Wert von 100.000 Credits. Und danach sehen wir uns nie wieder!"
Obi-Nor grinste. "Abgemacht. Sie bestechen die Flugkontrolle, damit wir hier wieder rauskommen. Und dann werde ich Rus Bator nie wieder anfliegen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort."

Als sie in den Hyperraum gesprungen waren, stieß Piet O'Shir einen Jubelschrei aus.
"100.000 Credits! WAHNSINN! Madine wird Augen machen. Und für uns bleibt immer noch genug übrig, um uns einen nagelneuen, doppelt so großen Frachter zu kaufen!"
Obi-Nor lehnte sich erschöpft zurück. "Puh, das war richtig harte Arbeit für das Geld!"
Yo-Karah schnallt sich von dem dritten Sitz im Cockpit ab und umarmte ihren Vater. "Und du hast alle zehntausend Menschen geheilt, Papa?"
Piets Euphorie war sofort verflogen.
"Ich, äh, schau mal nach dem Laderaum ...", murmelte er und verschwand.
Obi-Nor seufzte.
"Ich habe nicht alle Zehntausend geheilt. Es waren eigentlich nur ein paar. Die anderen müssen warten, bis das Fieber von selbst weggeht."
"Und die paar haben dir so viel dafür bezahlt, dass wir uns einen neuen Frachter kaufen können?"
"Tja, weißt du, Yo, es gibt eben großzügige Menschen ...".

Kyle Fjellravn war der Prototyp des imperialen Verwaltungsbeamten, unkreativ, aber penibel. Seit 15 Jahren versah er seinen Dienst im Wirtschaftsministerium. Genauer gesagt in der Hauptabteilung Produktion, Abteilung Bodenschätze, Bereich Schwermetalle, Sektion "Äußerer Rand", Referat Tarlit und Thermium, Sachgebiet Produktionsstatistik. Gewissenhaft prüfte er Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr die Zahlen aus den diversen Minenkolonien, analysierte sie mit Hilfe der standardisierten Datenverarbeitung und erstellte seine Monatsberichte. Er konnte nichts Langweiliges an den immer gleichen Routineaufgaben finden. Er tat nur seine Pflicht, das war alles. Ebenso war es für ihn nicht aufregend gewesen, dass aufgrund eines seiner Berichte der große Thermium-Skandal vor drei Jahren aufgeflogen war. Der Skandal hatte den Wirtschaftsminister den Kopf gekostet (im wörtlichen Sinne), doch Fjellravn war davon nicht weiter beeindruckt. Er hatte seine Pflicht getan, nicht mehr und nicht weniger.

Als Fjellraven die Monatsstatistik aus Bator 2 auf den Tisch bekam, war ihm auf den ersten Blick klar, dass etwas nicht stimmte. Dennoch ließ er es sich vorschriftsmäßig durch das Analyseprogramm bestätigen. Dann legte er einen Aktenvermerk vom Typ C35 an ("Kontrolle erforderlich; Anforderung weiterer verfügbarer Daten; Wiedervorlage") und wandte sich der nächsten Minenkolonie zu. Drei Tage später brachte ihm der Computer den Vorgang automatisch wieder auf den Bildschirm. Fjellravn las die einander widersprechenden Berichte des Minenadministrators und des Leiters der Anflugkontrolle und überprüfte verschiedene Datenbanken. Schließlich bildete er sich ein Urteil über die Angelegenheit und hielt seine Überlegungen in einem Memo an seinen Vorgesetzten fest. Danach kümmerte er sich wieder um seine tägliche Routinearbeit. So wurde im Wirtschaftsministerium ein Bericht auf den Weg gebracht, wonach es in der Minenkolonie Bator 2 zu einem Ausbruch einer Narma-Epidemie gekommen war. Ein Händler namens Gildorian hatte offenbar die Krankheit mit Hilfe eines bislang noch nicht registrierten Medikaments binnen Tagen unter Kontrolle gebracht, doch der Administrator der Mine, Donko Stasera, hatte augenscheinlich trotzdem weiterhin das Andauern der Epidemie vorgetäuscht und drei Monate mit der Produktion ausgesetzt. Die in dieser Zeit erzielten Gewinne waren vermutlich in Staseras eigene Tasche gewandert.

Fjellravns Vorgesetzter, der Leiter des Referates Tarlit und Thermium, las das Memo, setzte eine Bemerkung hinzu ("Wer ist Gildorian"?) und gab den Vorgang weiter an den Sektionschef "Äußerer Rand". Dieser fügte die Notiz "Empfehle Verhör Donko Stasera" hinzu und reichte die Angelegenheit weiter an seinen Bereichsleiter. Dort erhielt der Vorgang den Status "Untersuchungsakte - Priorität 4b" sowie eine Forderung zur Festnahme des Minenadministrators. Der Abteilungsleiter Bodenschätze erhöhte die Priorität auf 2a und empfahl, den Händler Gildorian zur Fahndung auszuschreiben. So gelangte der Fall schließlich zur Ministrerialdirigent Fizz Garni, dem Leiter der Hauptabteilung Produktion im imperialen Wirtschaftsministerium. Garni las das Datapad mit allen Unterlagen durch. Dann schaute er lange nachdenklich aus dem Transparistahlfenster der 133. Etage des Büroturms. Alle bisher mit der Angelegenheit befassten Mitarbeiter hatten vorschriftsmäßig reagiert. Aber keiner hatte die entscheidende Fragen gestellt: Wie konnte ein Händler an ein noch nicht freigegebenes Medikament aus dem berühmten Testlabor von Carvis gelangen? Und: Wieviel Geld konnte man mit dem Verkauf eines derartigen Mittels machen?
Garni gab sich einen Ruck und ging an seine Arbeitskonsole. Dort löschte er das Datapad und alle Informationen über den Fall im Zentralcomputer. Anschließend setzte er eine verschlüsselte HoloNet-Botschaft ab.

Josh Mansi lächelte zufrieden, als er die Botschaft von Fizz Garni entschlüsselt hatte. Seit Jahren war der leitende Wirtschaftsbeamte schon auf seiner Gehaltsliste. Seine Berater hatten ihm mehrfach zu verstehen gegeben, dass sie diese Kosten für sinnlose Verschwendung hielten. Doch Mansi hatte sie immer zurückgewiesen. Irgendwann, hatte er immer gesagt, irgendwann wird sich diese Investition auszahlen. Und nun wusste er, dass er Recht gehabt hatte. Er war länger im Schmuggel-Geschäft tätig als jeder andere in dieser Galaxis, und noch nie hatte ihn sein Instinkt getrogen. So auch jetzt. Da war also ein Neuling mit einer Fracht unterwegs, die ein Vermögen wert war. Ein Medikament, mit dem man Narma-Fieber heilen konnte.
Narma-Fieber! Mansi schnaubte verächtlich. Eine Krankheit, die nur diese schwächlichen Menschen und Humanoide befallen konnte. Aber die medizinischen Aspekte waren ihm völlig egal. Er wusste, was ihm ein solches Medikament einbringen würde.
Er würde diesen Gildorian finden.
Und er würde ihn ausschalten.

 

 

3. Die "Kräuterhexe"

"Geschäft und Vergnügen sind jederzeit strikt zu trennen."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Der Rebellentreffpunkt bot einen atemberaubenden Anblick. Dutzendweise hingen Sternenschiffe jeder Bauart und Größe bewegungslos im Raum. Kanonenboote, Spähschiffe, fliegende Lazarette und große Mon Calamari Raumkreuzer. Dazwischen huschten kleine Shuttle-Fähren und X-Wings hin und her. Die meisten von ihnen steuerten die große Raumstation im Zentrum an. Als die Courier I aus dem Hyperraum fiel, wurde sie blitzschnell von einem Geschwader X-Wings umringt. Selbst als Piet O'Shir den geheimen Erkennungscode gesendet hatte, blieben die Jäger bis zum Andocken an der Station an der Seite des alten Frachters.
Obi-Nor sah Piet erstaunt an. "Das hier muss der Aufmarsch der gesamten Flotte sein. Wir ... Sieh mal", unterbrach er sich, "das ist ja der Millenium Falke! Ob sie Han Solo befreit haben?"
Lange musste er nicht auf eine Antwort warten. Direkt nach dem Passieren der Luftschleuse schlangen sich zwei zottelige Riesenarme um ihn, dass ihm die Luft wegblieb.
"Chewie, nicht so fest!" keuchte er, "Du erdrückst mich ja."
"Immer noch so zart besaitet, Junior?" fragte er trockene Stimme.
"Han! Du lebst! Ich bin so froh, dass du Jabba entkommen bist!"
"Diese Schleimschnecke wird niemanden mehr in Karbonit einfrieren. Aber wir haben jetzt keine Zeit. Es gibt gleich eine Einsatzbesprechung im Kommandozentrum. Du hast ja gesehen, wer draußen so alles parkt."
Obi-Nor nickte. "Das sieht mir verdammt nach der Vorbereitung für eine Entscheidungsschlacht aus. Wollt ihr da wirklich mitmischen?"
Chewbacca stieß ein empörtes Brüllen aus. Wie konnte Obi-Nor das nur anzweifeln?
"Kommst du nicht mit, Junior?" fragte Han. "Einen wie dich könnten wir gebrauchen. Warum bist du überhaupt hier?"
"Ich muss Madine nur den vereinbarten Anteil an unserem Gewinn geben. Dann fliegen wir wieder. Es geht in die Kernwelten, nach D'Sothlar. Weißt du Han, ich stehe weiterhin auf der Seite der Rebellion. Aber mit dem Krieg habe ich nichts mehr zu tun."
"Tja, Junior. So ist das nun mal. Ich bin vom Schmuggler zum Rebell geworden. Und du vom Rebellen zum Schmuggler. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen."
Für einen Han Solo waren diese Sätze schon fast ein philosophischer Vortrag. Er beeilte sich deshalb sogleich, diesen Eindruck wieder zu verwischen.
"Womit handelst du denn so, Junior? Ich wette, du hast eine Schiffsladung Spice dabei." Er setzte ein verschwörerisches Grinsen auf. "Wenn das alles hier vorbei ist", meinte er, "dann zeige ich dir ein paar wirklich gute Schmuggler-Tricks."
Dann machten sich Han Solo und Chewbacca auf zum Kommandozentrum. Obi-Nor sah ihnen nach. Nein, der Krieg gegen das Imperium war nicht mehr seine Welt.

Als die Courier I auf D'Sothlar, einem der größten Planeten der sogenannten "Kernwelten" der Galaxis landete, fragte sich Obi-Nor, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, ausgerechnet hier ihre erste Ladung Spice verkaufen zu wollen. Han hatte Recht gehabt. Die Laderäume des Schiffs waren bis oben voll mit Spice. Und von Coruscant abgesehen wurden erwischte Spice-Schmuggler nirgendwo so gnadenlos bestraft wie in den Kernwelten, den treuesten Territorien des Imperiums. Piet war von Anfang an dagegen gewesen, D'Sothlar anzusteuern, aber Obi-Nor hatte sich durchgesetzt. Schließlich hatte er in "Smugglers' Run" einen "todsicheren Tipp" bekommen, wie er Spice hier verkaufen könnte. Er musste nur in Darktown, einem Stadtteil von Sothlar Spaceport, eine Großdealerin finden, die allgemein "die Kräuterhexe" genannt wurde. Das hatte sich nicht besonders kompliziert angehört. Doch als ihr Frachter von einem Trupp Wachsoldaten umstellt wurde, war er sich nicht mehr so sicher.

Als vier schwer bewaffnete Soldaten und ein Zollbeamter an Bord kamen, kaute Piet O'Shir nervös auf seinen Fingernägeln. Das war's, dachte er. Gefängnis, Kerker oder Zwangsarbeit. Vielleicht auch alles zusammen.
Der Zollbeamte fragte ohne Umschweife nach der Ladung.
"Textilien", antwortete Obi-Nor. "Für die Weberei von Sothlar Downs. Hier sind die Fracht-Datapad."
Piet traute seinen Ohren kaum. Textilien! Ein Blick in die Frachtcontainer, und jedem Kurzsichtigen war klar, dass sie Tausende von Beutel mit einem grünlichen Pulver an Bord hatte.
"Wollen Sie die Ladung sehen?" setzte Obi-Nor mit freundlichem Lächeln hinzu.
"Natürlich", brummte der Zöllner. "Aber erst sehen wir uns mal anderweitig um."
Zuerst kontrollierten die Imperialen das Cockpit. Piet wusste genau, wonach sie suchten: nach Schaltungen und Steuerungen für versteckte Laserkanonen, Funkpeil-Manipulatoren, Frequenz-Blocker, HoloNet-Hacker oder Dreifach-Kurzsprungprogrammierungen für eine Zickzack-Flucht in den Hyperraum. Alle diese illegalen Extras waren ein sicheres Erkennungszeichen für Schmuggler-Schiffe. Aber nichts davon würden sie an Bord der Courier I finden. Aus dem einfachen Grund, dass Piet und Obi-Nor noch nicht genug Geld übrig hatten, auch nur eines dieser Zusatzteile auf dem schwarzen Markt zu erwerben.
"In Ordnung", meinte der Zollbeamte. Nun zu den Quartieren. Wer gehört zur Besatzung?"
"Nur mein Partner, Mr. O'Shir, meine Tochter und ich", antworte Obi-Nor freundlich.
"Tochter?" Der Beamte runzelte die Stirn. "Also sehen wir uns die Räume an."
Zwei Soldaten postierten sich vor der Tür zum Cockpit. Damit war der tollkühne Fluchtplan, den Piet sich insgeheim ausgedacht hatte - Notstart mit voller Repulsorleistung bei gleichzeitigem Dauerfeuer aus der Laserkanone - schon im Ansatz gescheitert. Mutlos schlurfte er hinter den vier anderen Männern her.
Die Soldaten inspizierten die Wohn- und Schlafräume und staunten nicht schlecht, dass ihnen dort ein kaum sechsjähriges Mädchen begegnete. Yo-Karah war niedlich zurecht gemacht mit ihren Zöpfen und geflochtenen Haarbändern. Von dem frechen Schmugglerkind war keine Spur mehr zu sehen.
Dann ging es zu den Laderäumen.
Als Obi-Nor den ersten Container öffnete, spürte Piet, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. Der Deckel schwang zurück und Piet starrte auf die Spice-Päckchen.
"Textilien, wie ich sagte", meinte Obi-Nor. "Wollen Sie die anderen Container auch sehen?"
Piet stockte der Atem. War er verrückt geworden? Da war doch das Spice klar und deutlich zu sehen!
Aber der Zöllner nickte bloß, und Obi-Nor öffnete auch die anderen Frachtkisten. Jedes Mal deutete er auf das Rauschgift und sagte etwas von Textilien, Stoffballen oder Wolle. Und jedes Mal nickte der Beamte bestätigend.
Schließlich drückte er einen 'elektronischen Stempel' in das Datapad mit den gefälschten Frachtangaben und reichte es Obi-Nor.
"In Ordnung. Guten Aufenthalt auf D'Sothlar."
Mit diesen Worten gingen er und die Soldaten von Bord.
Piet rang nach Fassung.
"Was war das nun wieder? Die haben doch das Spice gesehen!"
Obi-Nor grinste vielsagend. "Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mehr Vertrauen haben sollst in das Wirken der 'Macht'."

Am nächsten Tag zogen die beiden Schmuggler diskrete Erkundigungen über den möglichen Aufenthaltsort der "Kräuterhexe" ein. Yo-Karah hatten sie zu diesem Zweck bei einer Frau untergebracht, die der Rebellenallianz gelegentlich geheime Informationen über das Imperium geliefert hatte. Die Kontakte aus der Agentenzeit zahlten sich jetzt aus. Trotzdem war Obi-Nor nicht wohl bei dem Gedanken, seine Tochter allein zu lassen. Aber es war unumgänglich. Schließlich musste Piet im Rückendeckung geben, wenn er in sich Cantinas mit möglichen Informanten traf. Und Yo-Karah allein auf dem Frachter zu lassen, war ihm noch riskanter erschienen.
Nach einigen Stunden hatte er genug über die Lage auf D'Sothlar erfahren. Sothlar Spaceport war eine Stadt mit zwei Gesichtern. Ein breiter Fluss trennte zwei völlig unterschiedliche Stadtteile. Auf der einen Seite lag Newtown, eine Mustersiedlung des Imperiums. Helle, saubere Gebäude säumten breite, schnurgerade angelegte Straßen. Das Zentrum verfügte über genügend Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten für die etwa 100.000 Einwohner. In den Randbezirken lagen Lagerhäuser, moderne Industrieanlagen und der Raumhafen.
Auf der anderen Flussseite lag Darktown, eine Ansammlung niedriger, dunkler Hütten und alter bröckelnder Steingebäude. Die dort hausenden Menschen und anderen Spezies lebten im Wesentlichen von der Verwertung des Metallschrotts, der auf riesigen Halden lagerte. Viele mussten aber auch die zahlreichen Müllberge nach Brauchbarem durchwühlen. Und fast alle Einwohner waren von Jugend an in kriminelle Aktivitäten verwickelt. Eine große, bewachte Mauer umschloss Darktown und seine 20.000 Bewohner. Der einzige legale Weg, in den Ortsteil hinein und später wieder herauszukommen, war eine Pontonbrücke über den Fluss, die nachts abgeriegelt wurde.
Die "Kräuterhexe" kontrollierte von Darktown aus den gesamten Spicehandel des örtlichen Sonnensystems. Es gelang Obi-Nor, über einen Mittelsmann für Mitternacht ein Treffen zu vereinbaren. Er würde sich mit einer Spice-Probe allein zum Tor der ehemaligen Durastahlfabrik begeben, deren Schlote man von Newtown aus sehen konnte. Er fragte sich, ob die Formulierung "todsicherer Tipp" unter diesen Umständen nicht eine gefährliche Nebenbedeutung hatte.
Piet dachte ebenso. "Du willst also wirklich heute Nacht rüber? Ganz allein?"
"Natürlich allein. Du musst hier bei Yo-Karah auf dem Schiff bleiben. - Kopf hoch, Piet", munterte Obi-Nor seinen Freund auf. "Ein bischen Risiko ist nun mal dabei. No risk, no credits!"

Während Piet loszog, um einige Ersatzteile für die Backbord-Steuerdüsen zu besorgen, holte Obi-Nor seine Tochter ab. Sie kam ihm schon weinend an der Haustür entgegen.
"Papa!" schluchzte sie. "Mistress Malgur hat mit mir geschimpft!"
Obi-Nor nahm sie in den Arm. Was war denn hier passiert? Er ging in das einfache Wohnhaus hinein und sah sich einer wütenden Frau gegenüber. Der kleine Joraam, etwa in Yo-Karahs Alter, saß weinend in der Zimmerecke und hielt sich den Mund. Zwischen seinen Fingern tropfte Blut hervor.
"Neben Sie ihr wild gewordenes Blag und verschwinden Sie!" fauchte seine Mutter. "Sie hat meinem Joraam einen Zahn ausgeschlagen."
"Er hat dich beleidigt, Papa!" verteidigte sich Yo-Karah. "Er hat behauptet, du wärst ein Schmuggler. Aber du bist doch freier Händler!"
Obi-Nor warf rasch die vereinbarte Summe für die Betreuung auf den Tisch, nahm seine Tochter bei der Hand und verließ das Haus.
Als sie einige Straßen entfernt waren, beugte er sich zu seiner Tochter hinunter und meinte: "Gut gemacht, Kleine. Lass dir bloß nichts gefallen!"

Als sie über den Markt gingen, um Lebensmittel einzukaufen, blieb Yo-Karah plötzlich wie angewurzelt stehen. "Papa, was ist das?" Sie schmiegte sich ängstlich an ihren Vater.
Obi-Nor spürte es auch. Eine Kälte, die sich plötzlich in sein Herz bohrte. Eine Präsenz, eine Bedrohung ...
Er schaute sich um, konnte aber nichts Verdächtiges sehen. Dennoch spürte er, wie die Bedrohnung näher kam.
"Ich will hier weg!" jammerte Yo-Karah.
Das rüttelte ihren Vater auf. Er zog sie hastig durch die Reihen der Marktstände, verließ den Platz und eilte mit ihr durch die belebte Hauptstraße. Doch er spürte, dass er das Wesen, das sie verfolgte, nicht abschütteln konnte.
Wenn er wenigstens wüsste, wer sie verfolgte! Alles, was er spürte, war diese kalte, drohende Nähe.
Sie befanden sich gerade vor der Einmündung einer kleinen Seitengasse, als ein Chaos ausbrach.
"Der Imperator ist tot!"
Erst war es nur ein einzelner Ruf, dann erscholl es von allen Seiten.
"Der Imperator ist tot! Die Rebellen haben gesiegt!"
Aus allen Gebäuden strömten Menschen auf die Straße, angelockt von den schier unfassbaren Nachrichten.
Binnen Sekunden war der gesamte Verkehr zum Stillstand gekommen.
Obi-Nor quetschte sich mit Yo-Karah durch die wogende Menge in eine Gasse und weiter zu einer weniger belebten Parallelstraße. Dort erwischten sie ein Landgleiter-Taxi, dass sie zum Raumhafen brachte. Zu ihrer Erleichterung war von der unheimlichen Präsenz nichts mehr zu spüren.
An Bord begrüßte sie Piet mit freudestrahlender Miene. Er hatte die Nachricht schon über das lokale NewsNet erfahren.
"Der Imperator ist tot! Wenn das kein gutes Omen für unsere Geschäfte hier ist!"
Obi-Nor nickte geistesabwesend. Er hoffte, dass seine Freunde beim Angriff auf den Todesstern nicht umgekommen waren. Und er zerbrach sich den Kopf darüber, wer sie auf dem Markt verfolgt hatte.

Fröstelnd zog Obi-Nor seinen Mantel enger um seinen Körper. Ein unangenehm kalter Wind fegte durch die schummrigen Gassen von Darktown. Er hoffte, dass die Kräuterhexe bald kam. Mitternacht war inzwischen vorbei, und er wollte nicht ewig im Schatten des großen Fabriktores warten. Mehrfach waren Gestalten vorübergeschlichen, denen Obi-Nor selbst bei Tageslicht nicht gern begegnet wäre. Im trüben Mondschein sahen sie noch bedrohlicher aus. Automatisch tastete er nach seinem Blaster. Er fragte sich, ob ihm die Waffe viel nützen würde, sollte sich dieser Treff als Falle entpuppen. Ihm wäre wesentlich wohler, wenn er nicht dauernd dieses Gefühl hätte, dass ihn jemand beobachtete.
Plötzlich hielt er den Atem an.
Da war sie wieder, die gleiche Präsenz, das gleiche Gefühl der Bedrohung wie am Tag!
Etwas verfolgte ihn hier auf D'Sothlar.
Er spürte, dass von rechts dieses "Etwas" näher kam.
Was es auch immer war, Obi-Nor verspürte nicht die geringste Lust, dieses Wesen zur Nachtzeit in Darktown kennenzulernen. Er schob sich vorsichtig aus dem Torschatten und schlich nach links an der Fabrikmauer entlang.
Er war nicht mehr als 20 Schritte weit gekommen, da wurde ihm bewusst, dass ihm dieser Weg versperrt war.
100 Meter vor ihm standen mindestens zehn schwer bewaffnete Worgs. Sie schienen auf jemanden zu warten. Auf ihn?
Obi-Nor merkte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Das Wesen, das ihn verfolgte, war höchstens noch 30 Schritte entfernt. Er schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken.
Eingeschlossen zwischen den Worgs und dem unsichtbaren, unheimlichem Verfolger, entschloss sich Obi-Nor für einen dritten Weg. Er nahm Anlauf und sprang an der Fabrikmauer hoch. Seine Finger erwischten gerade den oberen Rand. Er schrie unwillkürlich auf, als sich Glasscherben, die oben in die Mauer eingelassen waren, in die Finger schnitten. Ohne auf die Scherben zu achten, zog er sich hoch.
Auf der Mauerkrone blickte er sich um. Sein Schrei hatte die Worgs aufmerksam gemacht. Sie hatten ihre Blaster gezogen und stürmten herbei.
Obi-Nor ließ sich auf der anderen Seite herunterfallen und landete auf einem Schutthaufen. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Knöchel.
Nur jetzt keinen Fußbruch, dachte er.
Er trat vorsichtig auf. Nein, gebrochen war nichts, aber jeder Schritt tat weh. Weglaufen konnte er in diesem Zustand vergessen.
Er humpelte über den Fabrikhof und hielt Ausschau nach einem zweiten Ausgang.
In diesem Augenblick explodierte die Mauer an der Stelle, wo er herübergeklettert war. Die Worgs waren offensichtlich nicht nur mit Handfeuerwaffen ausgerüstet.
Obi-Nor verschwand so rasch er konnte in der großen Fabrikhalle. Trotz der Dunkelheit erahnte er, dass es hier kaum eine Versteckmöglichkeit gab. Der riesige Raum schien völlig leer zu sein. Immerhin gab es in einer Ecke eine Treppe, die zu einem Kellergeschoss führte. Das war in jedem Fall besser, als in einer leeren Halle eine Zielscheibe abzugeben.
Er hatte gerade die oberste Stufe erreicht, als zwei Worgs in die Halle stürmten. Sie rissen sofort ihre Blastergewehre hoch und feuerten. Obi-Nor ließ sich reflexartig die Treppe herunterpurzeln, während die ein Funken- und Steinregen auf ihn herabprasselte.
Hier unten war es völlig dunkel.
Obi-Nor zog einen Leuchtstab aus dem Gürtel und zündete ihn an. Im fahlen Lichtschein erkannte er einen langen Flur, von dem rechts und links mehrere Türöffnungen abgingen.
Schnell legte er den Leuchtstab auf den Boden und hinkte auf die erste Tür zu.
Er verschwand gerade rechtzeitig in der Öffnung, denn schon polterten die schweren Stiefel der Worgs die Treppe herab. Einige kurze, unverständliche Befehle wurden gerufen. Dann blitzten Blasterschüsse auf, und der Leuchtstab erlosch. Die Worgs waren wohl doch nicht so dumm, wie man immer behauptete. Es hieß allgemein, dass sie rücksichtslose Killer waren, aber nicht beonders viel Hirn aufweisen konnten. Immerhin hatten sie kapiert, dass sie im Schein des Leuchtstabes hervorragende Ziele abgaben.
Jetzt war es stockfinster. Schwer lag der modrige Geruch des Kellergewölbes in der Luft. Obi-Nor hatte den Blaster gezogen und lauschte. Die Worgs schienen sehr vorsichtig zu sein. Ihre Stiefel machten kaum ein Geräusch. Dennoch schien es Obi-Nor so, als hätten sie die Treppe verlassen und den feuchten Kellerboden betreten. Er konnte sich irren, aber ...
Ohne weiter zu überlegen, warf er sich in den Flur und feuerte in Richtung Treppe. Dann rollte er sich durch die gegenüberliegende Türöffnung. Aber es ertönten keine Schmerzensschreie, wie er gehofft hatte. Vielmehr verwandelten die Worgs den Flur in ein einziges Blastergewitter.
Obi-Nor zog sich von der Tür zurück und humpelte tiefer in den dunklen Raum hinein. Er stieß mit dem Fuß an einen harten Gegenstand und verzog schmerzhaft das Gesicht. Es sah nicht gerade gut aus. Der Fuß verletzt, die Finger von Glasscherben aufgeschnitten, Prellungen von Treppensturz - keine guten Voraussetzungen, den Worgs zu entkommen.
Wie zur Bestätigung flammte plötzlich ein grelles Licht auf. Obi-Nor kniff für einen Moment geblendet die Augen zu. Als er durch die tanzenden Lichtpunkte vor seinen Augen wieder halbwegs gucken konnte, sah er sich den zwei Worgs gegenüber. Beide hatten Blastergewehre auf ihn gerichtet, zwischen ihnen lag eine Magnesiumfackel.
"Cha quandra mistekk Blastero!"
Obi-Nor hatte noch nie eine Wort Worgsprache gehört, aber diese Aufforderung war unschwer zu verstehen. Er legte seinen Blaster vorsichtig auf die Erde.
"Quari mjellno chagross?"
"Ich, äh, ich verstehe nur Basic."
Der Worg schaubte verächtlich, wechselte dann aber in die Universalsprache.
"Wo ist Meddizinn?"
"Wie bitte?" Obi-Nor verstand kein Wort. Kannte der Worg das Wort für Spice nicht?
Der Worg verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. Seine Oberarmmuskeln zuckten, als wollte er den Menschen vor ihm erwürgen. Er hätte es mühelos geschafft. Worgs wurden zwar selten größer als zwei Meter, doch an Kraft konnten sie es mit einem Wookie jederzeit aufnehmen.
"Meddizinn. Für Narma-Fibber!"
"Für - ach so!" Obi-Nor lachte laut auf. Das war doch zu komisch. Diese Worgs waren gar nicht hinter der Spice-Probe her.
Der Worg packte ihn und schüttelte ihn hin und her. "Wass lachen?"
"Schon gut! Lass mich los!" Obi-Nor war der Spaß schlagartig vergangen.
"Es gibt keine Medizin. Gab es nie."
Die Worgs glotzten ihn an. Nein, allzu schlau sahen sie doch nicht aus.
"Hört mal, Jungs. Wenn ihr auf Bator 2 anspielt - das war ein Trick. Eine Täuschung. Betrug! Ich hatte gar keine Medizin."
Die Worgs blickten sich verunsichert an. Plötzlich hielt der zweite sein Blastergewehr direkt an Obi-Nors Stirn.
"Charganev!"
"Du lüggen", übersetzte der erste Worg.
"Nein, sag ihm, ich lüge nicht. Hey, auf C'Reeh ist doch Narma-Fieber ausgebrochen. Meint ihr, ich würde hier rumlaufen, wenn ich dort ein gutes Geschäft mit einem Medikament machen könnte?"
Die Worgs sahen sich wieder an. Das schien sie zu überzeugen.
"Gutt. Glaubenn dirr. Trotzdemm mittkommen zu Boss!"
Der Worg entspannte sich ein wenig.
Das war ein Fehler.
Sein letzter, wie sich herausstellte.
Er würde nie erfahren, wo die Vibroklinge herkam, die plötzlich in seinem Hals steckte. Er begriff noch nicht einmal, dass er erstochen wurde. Denn bevor sein Gehirn diese Erkenntnis verarbeiten konnte, lag er bereits tot auf dem Steinboden.
Bevor der andere Worg reagieren konnte, hatte Obi-Nor ihm das Blastergewehr aus der Hand geschlagen. Es schlidderte über den Boden und blieb irgendwo im Dunkeln liegen.
Damit war aber der Überrumpelungsbonus verbraucht.
Der Worg schleuderte Obi-Nor mit einem Schlag an die Wand. Er kam lässig hinterher und betrachtete den vor Schmerzen am Boden gekrümmten Menschen. Er verzog seinen Mund zu einem hässlichen Grinsen, was seine vier Zahnreihen aufblitzen ließ. Er brauchte keinen Blaster. Mit diesem Wicht würde er auch so fertig werden.
Obi-Nor dröhnte der Kopf. Ihm tanzten Sterne vor den Augen. Er blinzelte hoch und sah den Worg breitbeinig über ihm stehen.
Er wusste nicht gerade viel über den Körperbau von Worgs. Immerhin, er konnte es versuchen.
Er riss das Knie hoch und rammte es dem Worg zwischen die Beine - und sank mit lautem Schrei wieder zu Boden. Womöglich hatte er sich jetzt auch noch die Kniescheibe gebrochen. Der Trick funktionierte also bei Worgs definitiv nicht.
Sein Gegner glotzte verdutzt. So einen dummen Angriff hatte er noch nie erlebt.
Jemand anders offenbar auch nicht. Denn aus einer dunklen Ecke des Kellerraums erscholl ein helles Lachen.
"Das ist drollig! Versucht der Junge, einem Worg in die Eier zu treten!"
Nun schaute auch Obi-Nor kaum intelligenter drein als sein Gegner. Es war unverkennbar eine menschliche Frauenstimme gewesen.
Eine Frau trat in den Lichtschein und hielt einen Blaster auf den Worg gerichtet.
"Geh! Sag den anderen da oben, sie sollen auch verschwinden! Und sag deinem Boss, das hier ist das Revier der Kräuterhexe. Tragt eure Angelegenheiten woanders aus."
Der Worg schien die Worte zu verstehen, denn er eilte sofort hinaus.
"So, nun zu dir. Ist kaum auf D'Sothlar und legt sich schon mit den Worgs an. Scheinst ja ein süßes Früchtchen zu sein."
Obi-Nor erwiderte nichts. Er schnaufte erst einmal durch. Wer auch immer diese Frau war, jedenfalls schien sie ihn nicht gleich umbringen zu wollen. Das war eine eindeutige Verbesserung der Situation.
"Du bist also die 'Kräuterhexe'", stellte er fest.
"Die Worgs und die meisten Schmuggler nennen mich so. Andere sagen 'Spice Girl' zu mir. Ich heiße Kitty Ommis. Sag einfach Kitty zu mir. Dann müssen wir keine Zeit für Formalitäten verschwenden."
Sie machte eine Geste in die Dunkelheit hinein. "Ihr könnt gehen. Bewacht das Gelände, obwohl ich nicht glaube, dass die Worgs zurück kommen. Aber diese andere Gestalt ... Wir sollten besser vorsichtig sein."
Erst jetzt, als sich Schritte entfernten, bemerkte Obi-Nor, dass noch andere Menschen in der Dunkelheit gelauert hatten. Die Kräuterhexe ging anscheinend kein Risiko ein.
Er betrachtete die Frau. Sie war etwa einen Kopf kleiner als er und sehr dünn. Mit ihrem kurzgeschnittenen Haar und ganz in braunes Leder gekleidet - Hose, Jacke, Stiefel - sah sie fast ein wenig jungenhaft aus.
Als sie ihm aufhalf, merkte er, dass sie erstaunlich kräftig war. Den Arm um ihre Schultern gelegt, humpelte er mit ihr die Treppe hinauf und auf den Hof hinauf. Sie dirigierte ihn in ein Nebengebäude, wo eine spartanische Unterkunft eingerichtet war.
Sie zündete eine Lampe an und wandte sich Obi-Nor zu.
"Jetzt versorge ich erstmal deine Verletzungen, dann reden wir über das Geschäft."
Mit geschickten Fingern säuberte sie seine Wunden, verband seine Finger, und umwickelte seinen Knöchel mit einer elastischen Binde.
Nach Obi-Nors Schätztung war sie einige Jahre älter als er, vielleicht 30 Jahre alt. Vielleicht war sie früher einmal schön gewesen, doch davon war nicht mehr viel zu sehen. Ihre grauen Augen blickten ernst. Um den Mund hatte sie einen harten, entschlossenen Zug. In die Stirn, neben die Augen und die Mundwinkel hatten sich erste Falten eingegraben. Nun, Darktown war nicht gerade eine Beauty Farm, und eine Frau, die sich im rücksichtslosen Rauschgiftgeschäft behaupten wollte, hatte andere Sorgen als Makeup und Faltencremes.

Nachdem Obi-Nors Wunden versorgt waren, kamen sie zum Geschäft.
Kitty Ommis hatte in einem Nebenraum ein kleines improvisiertes Labor eingerichtet. Sie riss das Päckchen mit Spice auf und schütte das grüne Pulver auf den Arbeitstisch. Mit einer Messerspitze füllte sie ein winziges Häufchen in ein Reagenzglas, das sie auf einer Flamme erhitzte. Die chemische Reaktion, eine rötliche Verfärbung, schien sie zufrieden zu stellen. Anschließend nahm sie eine kleine Menge Spice und probierte die Droge vorsichtig mit der Zunge.
Dann lehnte sie sich zurück und setzte ein zufriedenes Grinsen auf.
"Süßer, das Zeug ist gut. Verboten gut." Sie kicherte über ihren eigenen Witz. "Xon-Bas oder Lamed Shin. Auf jeden Fall aus dem Napa-System."
Obi-Nor staunte nicht schlecht.
"Ja, das Zeug haben wir von Lamed Shin. - Gut erkannt", fügte er mit ehrlicher Anerkennung hinzu.
"Ist mein Job. Und ihr habt 36 Container davon?" Jetzt trat ein leichter Anflug von Gier in ihre Augen.
"Exakt", bestätigte Obi-Nor. "Und das ist nur die erste Lieferung. Wenn wir uns einig werden, fliegen wir D'Sothlar regelmäßig an. Das heißt, wenn du so viel absetzen kannst."
"Verlass dich drauf. Was auch immer du mir an Mengen lieferst, ich werde das Zeug schon los."
"Gut", erwiderte Obi-Nor, "ich nehme an, wir können dann in die Preisverhandlungen einsteigen?"
Sie feilschten nicht lange. Schon nach wenigen Minuten einigten sie sich auf 1.500 Credits pro Container.
Obi-Nor vollführte innerlich Jubelsprünge. Nach Abzug aller Kosten würde ihnen dieser Flug fast 20.000 Credits Reingewinn einbringen. Damit könnten sie die Courier I endlich mit all den Extras ausstatten, auf die Piet O'Shir schon sehnlichst wartete.
Auch Kitty Ommis wirkte hoch zufrieden. Auf den kleinen Endverbraucher-Märkten konnte sie für das Spice sicherlich den dreifachen Preis erzielen.
"Gut, das wars dann", meinte sie. Aber dann wurde sie nachdenklich. "Du solltest den Rest der Nacht hier bleiben. Ich bin sicher, deine liebreizenden Freunde lauern dir draußen auf. Und ich verliere so ungern Lieferanten durch ein Worg-Killerkommando."
Obi-Nor nickte erleichtert. Er hatte nicht das geringste Interesse, durch das nächtliche Darktown zu humpeln.
"Hier ist ein kleiner Schlafraum", erklärte Kitty Ommis, indem sie eine Tür zu einem Nebenraum öffnete. "Da kannst du dich hinlegen. Auch wenn es hier furchtbar kalt ist."
Sie schlang die Arme um sich. "Ich friere sowieso schon den ganzen Tag", ergänzte sie.
Kein Wunder bei deinem dürren Gerippe, dachte Obi-Nor.
"Ich kann dich ja aufwärmen", sagte er laut.
Die Kräuterhexe sah ihn durchdringend an. "Bietest du das allen deinen Kundinnen an?"
"Nun, eigentlich nicht", antwortete Obi-Nor grinsend, "aber du bist was Besonderes."
Er wunderte sich über sich selbst. Was war nur mit ihm los? Diese Dealerin war doch gar nicht sein Typ. Und er war gewiss keiner von diesen Frauenhelden, denen es egal war, mit wem sie ins Bett stiegen. Nach Wala Mal'Wans Tod hatte er nur zwei kurze, wenn auch leidenschaftliche Affären gehabt. Er dachte kurz an die beiden Frauen, Lola La Mer und Melody Moonshadow, die beide in der Unterhaltungsbranche tätig waren. "Unterhaltungsbranche" war natürlich ein dehnbarer Begriff. Die Frauen gehörten nicht zur etwa ersten Besetzung des imperialen Staatstheaters auf Coruscant. Eigentlich hatten weder sie noch ihre "künstlerischen Darbietungen" noch die schäbigen Etablissements, in denen sie auftraten, einen guten Ruf. Aber das war Obi-Nor herzlich egal gewesen. Schließlich verfügte er als Schmuggler selbst über keinerlei gesellschaftliche Reputation. Ihm war in den letzten Wochen klar geworden, dass er sich unbewusst auf Frauen eingelassen hatte, die ihn zumindest vage an Wala Mal'Wan erinnert hatten. Diese Gefahr bestand bei Kitty Ommis in keiner Weise. Ob er ihr gerade deshalb das Angebot gemacht hatte?
Er hatte keine Gelegenheit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Denn die Kräuterhexe hatte bereits begonnen, sein Angebot anzunehmen.
In dieser Nacht würden sie beide nicht mehr frieren.

Am nächsten Morgen wartete Kitty mit einer Überraschung auf.
"Wenn du nur die Route Lamed Shin - D'Sothlar fliegst, hast du immer eine Leerfracht. Du könntest doch einen kleinen Umweg über Coruscant nehmen. Denn für Coruscant habe ich eine sehr interessante Ladung."
Obi-Nor wurde hellhörig. Für den Handel mit Coruscant brauchte man eine spezielle Lizenz. Da sich das Imperium im Kriegszustand befand, befürchtete man Sabotageakte und Infiltrationskommandos. Deshalb wurden Handelsschiffe in den Raumhäfen der galaktischen Metropole besonders scharf kontrolliert.
Kitty führte ihn in ein langgestrecktes Kühlhaus am anderen Ende des Fabrikhofes. Als er die in den Regalen gelagerten Waren sah, wurde ihm trotz der Kälte sofort warm ums Herz.
Hier lagerte nichts anderes als der pure Luxus, die feinsten und teuersten Speisen, die man für Geld kaufen konnte: Konserven mit Entenpaté und Sjörfischeier-Pastete, eingelegte Tré-Perlen und fein geschnittene Rancorzungenfiletstreifen, getrocknete Kraytdrachenschwanzsuppe und Elori-Eier, Z'peh-Nüsse, Vat-Schoten und Scalim-Körner. Zahlreiche Fässer waren mit den besten Öle und Saucen gefüllt. Und in Dutzenden Kisten warteten die erlesensten Getränke darauf, die Zunge eines Kenners zu erfreuen. Obi-Nor erblickte Jaijn, das anregende, perlende, weinhaltige Modegetränk der Superreichen, ferner Rotwein aus den besten Lagen der berühmtesten Anbaugebiete, und schließlich Weinbrand mit Abfüllsiegel aus den Tagen der Alten Republik.
Und das war noch nicht alles.
In einem Schuppen neben dem Kühlhaus lagerten mehrere Ballen eines hauchdünnen, durchscheinenden Stoffes. Es waren Textilien aus den berühmten Seidenspinnereien von Olan. Ein Kleid aus reinen Goldfäden wäre vermutlich billiger als eine Olan-Tunika. Die Krönung der gesamten Pracht waren zwei Kisten mit Raurica-Gläsern, perfekt geschliffenen, langstieligen Glaspokalen, die mit mundgeblasenen feinen Verästelungen und eingeschlossenen Diamanten verziert waren.
"Für ein gutes Frühstück müsste der Krempel eigentlich reichen." Obi-Nor versuchte, cool zu bleiben, aber er wusste selbst, dass er vor Aufregung leuchtende Augen hatte.
Kitty lächelte ihn nachsichtig an. "Kannst du alles haben. Dazu noch eine völlig legale Handelslizenz für Coruscant."
Und sie erklärte dem verduzten Schmuggler, dass sie seit einiger Zeit aus der gesamten Galaxis Luxusprodukte "aus Sonderposten" aufkaufte, was wohl bedeutete, dass es sich um Diebesgut handelte. Da der Handel mit Coruscant aufgrund der politischen Lage eingeschränkt war, und weil der Planet alle notwendigen Güter importieren musste, war die Einfuhr von Luxusartikeln verboten. Aber da gab es diese kleine, extrem reiche Oberschicht: Familien, die bereits in der Alten Republik ganze Monde besaßen, und die im Imperium neben der politischen und militärischen Elite eine von der Öffentlichkeit wenig beachtete, hinter den Kulissen jedoch einflussreiche und vor allem unantastbare eigene Klasse bildeten. Diese Schicht wollte natürlich nicht von ihren dekadenten Lebensgewohnheiten lassen, nur weil gerade irgendwelche Rebellen gegen irgendeinen Imperator kämpften. Also zahlten sie Schwindel erregende Preise für alle Luxusgüter, die nach Coruscant geschmuggelt wurden. Und Kitty Ommis wollte in diesen Handel einsteigen. Nur leider lag der Pilot, den sie angeheuert hatte, von Blasterschüssen durchlöchert neben seinem Frachter auf einem Landefeld von Sothlar Spaceport.
Obi-Nor nickte bedächtig, nachdem er Kittys Schlilderung gehört hatte.
Nach einer Weile meinte er schließlich: "Sieht so aus, als könnten wir in eine zweite Preisverhandlung einsteigen."
Und noch bevor sie sich hinsetzten, um über Preise, Risikoverteilung und Gewinnmargen zu diskutieren, wusste er, dass er auch von Coruscant nach Lamed Shin nicht mit leeren Frachträumen reisen würde. Denn wenn es auf Coruscant etwas preiswert zu erwerben gab, dann waren es Handfeuerwaffen. Und Obi-Nor konnte sich beim besten Willen kein Spice-Anbaugebiet vorstellen, in dem man Schwierigkeiten hatten, Blaster zu verkaufen.

Es war der perfekte Wirtschaftskreislauf, ein "goldenes Dreieck": Spice von Lamed Shin nach D'Sothlar, Luxusgüter von D'Sothlar nach Coruscant und Waffen von Coruscant nach Lamed Shin. Und mit jeder Fracht wuchs das Bankkonto von "Gildorian und Partner", das Obi-Nor bei ihrem ersten Aufenthalt auf Coruscant eröffnet hatte. Piet meinte mehrmals, das er von dem ganzen Geld eigentlich gar nichts haben wolle. Er war einfach glücklich, dass er Schritt für Schritt die kleinen Extras in die Courier I einbauen konnte, von denen er schon immer geträumt hatte. Obi-Nor ließ ihm in dieser Hinsicht freie Hand. Von einigen dieser kleinen Spielzeuge kannte er nicht einmal den Namen, geschweige denn die Funktionsweise.
Seine Beziehung zu Kitty Ommis war bar jeder Romantik. Immer wenn Obi-Nor sich in die alte Durastahlfabrik begab, führten sie zunächst nüchtern-sachliche Geschäftsverhandlungen, bevor sie die Nacht zusammen verbrachten. Sie wussten beide, dass es keine Liebe war, auch keine Leidenschaft, die von Dauer sein würde. Kitty sprach einmal davon, dass sie ein "hervorragendes Team zu Bekämpfung von Kälte" waren, und traf damit so ziemlich ins Schwarze.

Nach einigen Wochen wurde deutlich, dass die Courier I allein die gewaltige Nachfrage nicht mehr befriedigen konnte. Obi-Nor und Piet heuerten daher eine zweite Crew an. Dies war ein historischer Augenblick in ihrer Schmuggler-Karriere, ein Zeichen, dass sie über den Schnapshändler-Status längst hinausgewachsen waren. Sie entschieden sich für ein junges, ehrgeiziges Team, dass mit ihrem ersten eigenen Frachter, der Spacegull, unterwegs war. Ruwen Flyyr und seine Zwillingsschwester My waren nie auf einem Planeten zu Hause gewesen. Geboren und aufgewachsen waren sie in einer Raumstation, eine ideale Voraussetzung für das unstete, vagabundierende Leben eines Schmugglerpaares. Die Spacagull wurde mit einer gefälschten Handelslizenz für Coruscant ausgestattet. Schwieriger war die Zolkontrolle von D'Sothlar zu überwinden, weil die Flyyr-Geschwister niemanden mit Hilfe der 'Macht' manipulieren konnten. Hier half nur ein tiefer Griff in die Reiseschatulle, um den Zollbeamten "gehaltsergänzende Zuwendungen" zukommen zu lassen. Das schmälerte zwar den Gewinn, doch als die Rebellen begannen, Coruscant zu belagern, schossen die Preise für Luxusgüter derart in die Höhe, dass die Bestechungssummen nicht mehr der Rede wert waren.
Obi-Nor war mehr als zufrieden. In wenigen Monaten von unbedarften Neulingen, die Alkohol durch die Gegend kutschierten, zu Händlern mit jeder Menge Kapital auf der hohen Kante. Das war nicht nur mehr, als er je erwartet hatte, das war geradezu atemberaubend schnell. Und er fragte sich manchmal, ob er sich nur in einem Traum befand, der in einem bösen Erwachen enden würde.

Lamed Shin - D'Sothlar - Coruscant. Ein perfekter Wirtschaftskreislauf.
Ganz schön clever, dieser Gildorian, aber nicht clever genug.
Josh Mansi schaltete das Datapad mit den neuesten Informationen über den Aufstieg dieses menschlichen Schmugglers ab. Er legte seinen schweren Kopf in seine Klauen und dachte nach.
Vielleicht hatte er diesen Mann am Anfang unterschätzt. Auf D'Sothlar hatte er unbegreiflicherweise die Verfolgung durch Josh Mansi bemerkt. Und als sich dann herausgestellt hatte, dass er gar kein Medikament gegen Narma-Fieber besaß, da war Josh Mansi klar geworden, dass dieser Gildorian nicht einfach nur ein Schmuggler war. Er war auch ein Trickser und Betrüger.
Also auch ein Spieler.
Josh Mansis Augen blitzten vor Freude, und der schuppige Schwanz schlug leicht hin und her.
Ein Spieler.
Er wusste, wie er ihn zur Strecke bringen konnte. Es würde jede Menge Credits einbringen und großes Vergnügen bereiten.
Normalerweise machte er sich immer zuerst auf die Suche nach einer Schwachstelle, einem verwundbaren Punkt bei seinem Opfer. Aber bei Gildorian war das nicht nötig. Josh Mansi hatte die schwache Stelle schon auf D'Sothlar entdeckt. Gildorian hatte nämlich - eine Tochter.
Wieder schlug der Schwanz leicht hin und her.
Oh ja, das würde wirklich einen Spaß geben.
Und seit er gehört hatte, dass dieser Mensch nach einem verschollenen Lichtschwert suchte, wusste er auch, welchen Köder er benutzen würde.
Er musste sich nur noch ein wenig gedulden. Dieser Schmuggler müsste erst noch wohlhabender werden, damit sich die Sache auch richtig lohnen würde. Schließlich schlachtete man das Malitza-Schwein auch erst, wenn es gemästet war.
Aber in dem Tempo, in dem Gildorian die Credits scheffelte, würde es bald so weit sein. Sehr bald.
Er war schon fast reif für die Schlachtbank.

 

 

4. Sabacc

"Wirtschaftlicher Erfolg ist zuweilen Glückssache. Man kann sein Glück aber auch erzwingen.
Eigentlich ist es genau wie beim Sabacc-Spiel."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Obi-Nor seufzte. Wieder war ein Vorstellungsgespräch im Sand verlaufen. Wenn es so weiter ging, konnte er die ganze Aktion abschreiben. Dabei war das Echo am Anfang unvorstellbar gewesen. Nie wieder würde er auf Coruscant über das lokale HoloNet eine Stellenanzeige aufgeben. Seine Mailbox war schier übergequollen. Er hätte sich nie träumen lassen, dass der knappe Text - "Junge, dynamische, flexible, kreative Verwaltungskraft für die Leitung des Büros einer kleinen, aber aufstrebenden Handelsgesellschaft gesucht. Mensch / Humanoid angenehm, aber nicht Bedingung" - eine so gewaltige Resonanz auslösen würde. Er hatte nur 150 HoloMails, etwa 10 Prozent der Bewerbungen, angeschaut; den Rest hatte er ungesehen gelöscht. Aber es war einleuchtend: Nach der Einnahme Coruscants durch die Rebellen-Allianz und der Auflösung vieler imperialer Administrationen waren über Nacht Hunderttausende arbeitslos geworden. Es würde Monate, vielleicht Jahre dauern, bis eine Neue Republik eine adäquate Verwaltung aufgebaut hatte. Von den zahlreichen "Entimperialisierungsverfahren" für hochrangige Verwaltungsbeamte ganz zu schweigen.
Der Sieg der Allianz hatte auch sein hübsches kleines Schwarzmarktgeschäft mit Luxuswaren zusammenbrechen lassen. Nachdem der Coruscant-Handel wieder uneingeschränkt zugelassen war, konnte sich die reiche Oberschicht auf ganz legalem Wege und zu deutlich verminderten Preisen versorgen. Man hatte Obi-Nor auch sofort durch Mittelsleute mit unverhohlener Verachtung zu verstehen gegeben, dass man auf die Dienste eines Schmugglers keinerlei Wert mehr legte. Nun, die Verachtung beruhte auf Gegenseitigkeit. Die von allen Stürmen des Schicksals unberührte, wie Maden im Corellia-Speck lebende dekadente Schicht der Superreichen hatte ihn nur angewidert. Er war im Grunde froh, dass das Geschäft vorbei war.
Ein Problem war allerdings gewesen, dass sie die Fracht, die sie geladen hatte, nicht mehr los wurden. Piet und er hatten mindestens 20.000 Credits abschreiben können. Sie hatten erst geflucht und getobt, sich dann aber besonnen und das Beste aus der Situation gemacht. Es war eine schon fast perverse Siegesparty gewesen, die sie veranstaltet hatten. Und alle waren sie gekommen, um sich mit feinsten Speisen und Getränken den Bauch vollzuschlagen: Leia, Luke, Han, Chewie, Lando, sogar General Madine.
Aber nun mussten sie sich etwas anderes für ihr kleines Unternehmen einfallen lassen. Und bald hatten sie auch schon eine zündende Idee gehabt.

Obi-Nor schaute sich in den Büroräumen um. Nein, das war nicht besonders repräsentativ. Eine kleine Dreizimmer-Einheit in einem recht heruntergekommenen Büroturm in Eastport. Und dann auch nur in der 35. Etage! Deutlicher konnten sie nicht signalisieren, dass sie mit ihrer Gesellschaft erst am Anfang standen. Kein Wunder, dass die meisten Bewerberinnen und Bewerber enttäuscht wirkten, als sie zu den Vorstellungsgesprächen kamen. Obi-Nor strich gerade den fünften Namen von der Liste. Wieder nichts. Er hatte in stundenlanger Überlegung die Zahl der in Frage kommenden Bewerbungen auf zehn gekürzt. Und die ersten fünf hatten ihn nicht besonders überzeugt. Niemand schien ihm der Herausforderung gewachsen, aus dem Nichts den "Gil-Frost-Service" aufzubauen. Das war es nämlich, was er vorhatte - einen Lieferservice für gefrorene Fertiggerichte zu gründen. Er fragte sich, warum nicht schon vor ihm jemand auf diese Idee gekommen war, schließlich fand er den Gedanken nahe liegend. Wie die Reichen sich ernährten, hatte er in den letzten Monaten erfahren können. Die ärmeren Bevölkerungsschichten, hatte er bei Recherchen erfahren, kauften billige Gemüsereste und Schlacht-Abfälle ein. Aber die häuslichen Mahlzeiten der breiten Mittelschicht bestanden im wesentlich aus in Automaten gelagerten Nahrungskonzentraten. Er selbst hatte vor Jahren als Agent der Rebellion hier auf Coruscant die zwar gesunden, doch künstlich schmeckenden Nahrungswürfel essen müssen. Es musste doch möglich sein, mit Kühlfrachtern tief gefrorene, gute Fertiggerichte auf diesen Planeten zu bringen und dann mit Hilfe von Luftgleitern in einer Art "Haustürservice" zu verkaufen? Nun, jedenfalls wollte er es versuchen. Es wäre außerdem der erste Schritt weg von der kriminellen Schmuggler-Existenz hin zu einem ganz und gar legalen Geschäft. Nun ja, "legal" war insofern relativ, weil ihr gesamtes Unternehmenskapital illegal erworben war. Aber in dem Nahrungsmittelhandel würden alle Credits, die sie verdienten, so sauber sein wie Neuschnee auf den Gipfeln des Har-Nefesch-Gebirges auf Trexx.

Das Türsignal summte. Das musste Stella Likori sein, die nächste Bewerberin. Er drückte auf den Öffner und eine dunkelhäutige, hoch gewachsene, schlanke Frau mit lebendigen, fröhlichen Augen trat ein.
Nachdem sie Platz genommen hatte, deutete Obi-Nor auf die schlichte Einrichtung. "Wie Sie sehen, sind wir erst dabei, uns auf dem Markt zu etablieren."
Sie lächelte. "Nun, es immer gut, wenn man noch Spielraum nach oben hat. Wenn Sie mir eine Chance geben, werde ich Ihnen helfen, ein paar Etagen höher zu kommen."
Nun lächelte auch Obi-Nor. Endlich hörte er die Antwort, die er erwartet hatte.
Nach einer halben Stunde war die Einstellung besiegelt.
"Dass ich mit 21 Jahren schon Büroleiterin eines Handelsunternehmens werden würde, hätte ich auch nie für möglich gehalten", grinste Stella Likori.
"Und Sekretärin, Aquisitorin, Disponentin, Marketing-Leiterin, Buchhalterin", ergänzte Obi-Nor.
"Putzfrau nicht?" feixte sie.
"Nein", erwiderte Obi-Nor ernsthaft. "Aber Stewardess."
Sie schaute ihn fragend an. "Stewardess?"
"Hm, ja, sehen Sie, wir brauchen noch etwas Eigenkapital, und das werden wir mit einer kleinen, sagen wir, Ausflugsfahrt für Touristen beschaffen. Ich, äh, ich frage mich gerade, ob Ihr Sinn für Humor größer ist als Ihre moralischen Skrupel ..."
Und er erklärte ihr seinen Plan.

"Verehrte Fluggäste, hier spricht Captain Vari Svetlakk. Wir haben soeben den Hyperraum verlassen und Hoth erreicht. Bitte machen Sie sich bereit, in das Shuttle hinüber zu wechseln. Legen Sie daher die Thermo-Kleidung an und verstauen Sie alle Wertsachen wie vereinbart in den Stahlcassetten, damit unsere Stewardess sie in unserem Bordsafe deponieren kann. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Hyperraumflug."
Obi-Nor schaltete den Bordfunk ab und lehnte sich entspannt zurück.
In spätestens 20 Minuten würden sie das Vermögen von "Gildorian und Partner" mindestens verdreifacht haben.
12 Gäste hatten sie an Bord. Allen quoll der Reichtum förmlich aus den Knopflöchern; es traf also gewiss keine Armen. Diese hätten sich auch keinen "Tourismus-Flug zu den Stätten der Rebellion" leisten können. Hoth, Yavin, Endor, so lautete der offizielle Reiseplan. Als Programmpunkte waren vorgesehen: Besichtigung der Rebellen-Stützpunkte, simuliertes Gefecht mit Sturmtruppen, Darbietung einer Ewok-Tanzgruppe, Festbankett inkl. Auftritts eines Darth-Vader-Doubles. Und für diesen Unsinn zahlten diese reichen alten Typen doch tatsächlich 10.000 Credits! Nun, Obi-Nor war es recht. Nie wieder würde er die Chance haben, so leicht 120.000 Credits zu kassieren.
Aber das war ja noch nicht alles. Stella Likori hatte sich als echter Glücksgriff erwiesen. Von ihr stammte nämlich die Idee des Festbanketts, verbunden mit dem Bestreben, vor allem Frauen als Fluggäste zu gewinnen, "weil die alle mit ihrem Schmuck protzen wollen." Nein, Skrupel hatte Stella nicht gehabt. Und deshalb würde allein an Perlen und Diamanten noch einmal eine Summe von Zigtausend Credits zusammen kommen. Dem standen als Ausgaben nur die Mietkosten für den unter falschem Namen geliehenen Passagiertransporter gegenüber.
"So, das war's!" Stella steckte den Kopf ins Cockpit. "Hast du Piet auf der Peilung?"
"Ja", nickte Obi-Nor. "Er wartet schon auf uns. Bring schon mal den Schmuck in die Rettungskapsel. Ich erkläre derweil unseren Touristen die kleine Programmänderung, dann komme ich nach."

Obi-Nor ging in den Gemeinschaftsraum, wo er von zwölf erwartungsfrohen Menschen in Thermo-Anzügen aufgeregt begrüßt wurde.
"Ist es wirklich so kalt auf Hoth? Werden wir Wampas sehen? Ist der Stützpunkt noch intakt? Waren Sie wirklich ein Rebell?"
"Oh ja", antwortete Obi-Nor auf die letzte Frage. Ich war sogar auf Hoth dabei, als das Imperium angriff!"
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
"Und jetzt arbeiten Sie in der Tourismus-Branche?"
"Hm, nein, eigentlich nicht." Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Bedauerlicherweise habe ich von Reiseveranstaltung keine Ahnung."
Er zog einen Blaster.
"Tut mir Leid, aber ich muss Sie enttäuschen. Aus dem Ausflug nach Hoth wird nichts. Wir verlassen Sie jetzt. - Aber keine Angst", fügte er rasch angesichts der bleich gewordenen Gesichter hinzu. "Sie werden hier abgeholt. Ich habe das Notrufsignal aktiviert. Die Eisforschungsstation auf Hoth wird es auffangen. In spätestens drei Stunden ist jemand hier, der einen Raumgleiter fliegen kann. Ich muss Ihnen wohl nicht eigens sagen, dass die Rettungskapseln deaktiviert sind - bis auf eine, aber die werden meine Mitarbeiterin und ich benutzen."
Er lächelte in die Runde. "Nun schauen Sie doch nicht so entgeistert! Sie wollten ein Abenteuer - Sie haben ein Abenteuer. Sie befinden sich in einer der schönsten Gegenden der Galaxis. Wenn Sie links aus den Sichtluken schauen, können Sie Hoth erkennen. Rechts erblicken Sie Millionen von Sternen. Entspannen Sie sich und genießen Sie die Aussicht!"

Als sie an Bord der Courier I waren, rief Obi-Nor seine HoloNet-Mails ab. Inmitten der veschlüsselt formulierten Fracht-Angebote von seinen Kontaktleuten in "Smugglers' Den" und "Smugglers' Run" und jeder Menge Werbesendungen waren zwei Mails, die sofort seine Aufmerksamkeit weckten.
Die eine war von Kitty Ommis. Sie blickte sachlich-kühl in das Aufzeichnungsgerät und sprach auch völlig emotionslos. Aber was sie mitzuteilen hatte, war eine dicke Überraschung.
"Hallo Obi-Nor. Vielleicht interessiert es dich, dass du nochmal Vater wirst. Ja, du hast richtig gehört, ich bin schwanger. Nicht dass ich mir Illusionen mache: Ich erwarte nicht, dass du dich in irgendeiner Weise um mich kümmerst. Schließlich habe ich gewusst, dass ich mich auf einen Schmuggler einlasse und nicht auf einen Kinderpfleger. Du fliegst D'Sothlar ja sowieso nicht mehr persönlich an. Und jetzt wirst du sicherlich erst recht einen weiten Bogen um unseren Planeten machen. Ich komme auch so gut klar. Nur eines will ich: Du zahlst Unterhalt für mein Baby, klar? Ich selbst will nichts und brauch nichts. Aber du zahlst für das Kind! Tja, Süßer, das war's."
Obi-Nor starrte den wieder verdunkelten Holo-Projektor an. Noch ein Kind! Kitty hatte natürlich völlig Recht. Er hatte genug an der Verantwortung für seine Tochter zu tragen. Nein, das wurde ihm einfach zu viel. Mit etwas schlechtem Gewissen, aber ohne zu zögern linkte er sich in sein Privatkonto bei "Interstellar Banking" ein und wies er eine monatliche Zahlung von 500 Credits an. Danach beschloss er, nie jemandem von seiner Affäre mit Kitty und von seinem zweiten Kind zu erzählen.
Schließlich rief er die andere Mail ab. Es war eine anonym versandte reine Textnachricht und bestand nur aus wenigen Worten.
Obi-Nor las sie mehrmals durch, und fragte sich, warum er auf einmal so ein ungutes Gefühl verspürte. Aber brauchte nicht lange zu überlegen. Er musste einfach auf das Angebot eingehen.
Noch einmal las er die Mail.
"Lichtschwert wartet - Smugglers' Den - Sabacc-Tische."

"Smugglers' Den" gehörte zu den fünf bedeutendsten Schmuggler-Treffpunkten in der Galaxis. Diesen Status verdankte der Ort nicht etwa einem besonders schwierigen und versteckten Zugang wie das in einem Asteroidenfeld gelegene "Smugglers' Run", sondern der Tatsache, dass der Planet Tarpess VI, auf dem er lag, seit jeher außerhalb des Blickfeldes der großen imperialen Expansionspolitik lag. Witschaftlich und militärisch zu unbedeutend, als dass sich die Stationierung von Bodentruppen oder Sternenzerstörern lohnte, fristete das Tarpess-System ein bescheidenes, unbeachtetes Dasein. Die Bewohner von Tarpess VI, die Smoig, ein zwergenhaftes, friedliches Volk, hatten keinerlei Interesse an Beziehungen zu Wesen außerhalb ihres Planeten. Und solange die Schmuggler, die eine große felsige Halbinsel an der Nordspitze des "Großen Kontinents" okkupiert hatten, sich nicht über den Planeten ausbreiteten, konnten beide Gruppen gut aneinander vorbei leben.
Natürlich wäre es für das Imperium problemlos möglich gewesen, den Schmuggler-Treff auszuräuchern. Doch der imperiale Geheimdienst hatte es stattdessen vorgezogen, ein paar seiner Leute hier einzuschleusen, um über die wichtigsten Entwicklungen im Bereich des "freien Handels" auf dem Laufenden zu sein. Inzwischen hatte der Geheimdienst des untergehenden Großreiches freilich wichtigeres zu tun als hier herumzuschnüffeln. Obi-Nor vermutete, dass schon bald einige von Madines Leute in dieses Vakuum stoßen und sich in Smugglers' Den niederlassen würden.
Nun, den meisten Schmugglern war es ohnehin egal, ob sie das Imperium oder die gerade entstehende Neue Republik austricksten.

Die Cantina von "Smugglers' Den" war ein niedriger Bau, der sich eng an eine steile Felswand lehnte. Die Sabacc-Tische befanden sich in einem separaten Raum, einem direkt in den Fels getriebenen Gewölbe. Dass es keinen Hinterausgang gab, hatte schon viele professionelle Spieler davon abgehalten, mit gezinkten oder doppelten Karten zu betrügen. Wer sich im Notfall erst durch einen mit Schmugglern voll besetzten Schankraum kämpfen musste, hatte wenig Chance zu entkommen. Denn wenn sich auch die meisten Gäste nicht um allzu viele Gesetze kümmerten, hier in der Cantina galt eine eherne Regel, die man besser nicht übertrat: Betrüge nie beim Sabacc!
Obi-Nor hatte nicht vor zu betrügen. Jedenfalls war es von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet kein Betrug, wenn er mit Hilfe der 'Macht' die Gedanken und Gefühle seiner Gegenspieler ausforschte, um zu erfahren, ob sie ein gutes Blatt auf der Hand hatten oder nur blufften.

Drei Stunden saß er nun schon an einem der Spieltische. Nachdem sie Stella Likori unterwegs an einem Raumhafen abgesetzt hatten, damit sie eine Passagierfähre nach Coruscant nehmen konnte, waren sie Tarpess VI geflogen. Seitdem wartete Piet bei Yo-Karah in der Courier I, während Obi-Nor sich unverzüglich zur Cantina begeben hatte. Er wusste, dass er nur lange genug an einem der Sabacc-Tische bleiben musste; wenn hier wirklich jemand Walas Lichtschwert anzubieten hatte, würde er sich schon bemerkbar machen. In der Zwischenzeit konnte er die Gelegenheit nutzen, ihre Reisekasse aufzubessern, indem er Menschen, P'Elohs und Zorassu kräftig ausnahm. Ihm kam dabei zugute, dass in Smugglers' Den die seltene Variante des Bluff-Sabacc gespielt wurde: Nach den Wechsel-, Sprech- und Zugphasen durfte nochmals Geld gesetzt werden. Obi-Nor hätte ansonsten den Einfluss der 'Macht' nur einsetzen können, indem er das Rollen des Würfels manipuliert hätte, und das wäre von jedem Standpunkt aus ein Regelverstoß gewesen.
Als er bereits einen ganzen Haufen Credits vor sich aufgeschichtet hatte und gerade eine kleine Pause machen wollte, war es endlich so weit. Der unbekannte Absender der Textmail gesellte sich zu ihm. Und Obi-Nor war sich sicher, dass es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen.

Zuerst kamen ein paar Worgs herein und postierten sich auffällig-unauffällig an verschiedenen Stellen im Raum. Es war nicht ungewöhnlich, dass Worgs hierher kamen. Sie waren allgemein als Piraten und Sklavenhändler bekannt. In "Smugglers' Den" waren sie zwar wenig geachtet, aber immerhin geduldet. Doch dann spürte Obi-Nor wieder diese bedrohliche Präsenz des unsichtbaren Verfolgers von D'Sothlar. Er schaute zur Eingangstür und sah - einen weiteren Worg. Das war allerdings eine Überraschung. Diese seltsame Ausstrahlung spürte er bei den anderen Worgs nicht.
Der Neuankömmling steuerte zielstrebig auf den freien Platz an Obi-Nors Tisch zu.
"Was dagegen, wenn ich einsteige?"
Das war die übliche rhetorische Frage, wenn man sich an einen Sabacc-Tisch setzte.
Erstaunlich war nur, dass sie in akzentfreiem Basic gestellt wurde. Mit diesem Worg stimmte ganz offensichtlich etwas nicht.
Bevor die Karten für die nächste Runde ausgeteilt wurden, wandte sich der Neue direkt an Obi-Nor.
"Ich habe was für dich. Einen Gegenstand, nach dem du schon lange suchst."
Obi-Nor nickte. "Okay, nach diesem Spiel können wir ins Geschäft kommen. Meine Herren, das ist meine letzte Runde."
"Nein", erwiderte der Worg. "Spielen wir darum!"
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Ich trenne Spiel und Geschäft. Kein Interesse."
"Feigling!" zischte der Worg.
Sofort erstarben alle Gespräche rund um den Tisch. Eine solche Beleidigung führte an diesem Ort mit tödlicher Sicherheit zu einer bewaffneten Auseinandersetzung.
Doch Obi-Nor schüttelte erneut den Kopf.
"Du hältst mich wohl für reichlich dumm. Meinst du, ich habe deine Leute mit ihren Blastern nicht gesehen?"
Er deutete auf die übrigen Worgs.
"Sieht eher so aus, als wenn du Angst hast", fügte er hinzu.
Der Worg fauchte und zog seine Augen drohend zusammen.
"Josh Mansi hat keine Angst!"
"Nun, dann sind wir uns einig. - Also gut, spielen wir!"
Obi-Nor wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als auf das Spiel einzugehen. Sonst würde in "Smugglers' Den" tatsächlich der Ruf eines Feiglings an ihm haften bleiben.

In den ersten vier Spielen passierte nichts aufregendes. Weder Obi-Nor noch Josh Mansi konnten gewinnen. Der P'Eloh hatte eine kleine Glückssträhne, die ihn dermaßen in Aufregung versetzte, dass er sich ständig mit seinem scharfen Schnabel durch das grüne Gefieder fuhr und putzte.
Im fünften Spiel hatte Obi-Nor zunächst ein gutes Blatt auf der Hand. Mit Coins 7 und Staves Commander hatte er 19 Punkte, was ihn ermutigte, dreimal den Wetteinsatz zu erhöhen. Er würfelte anschließend eine 2, und die Staves Commander wurde ihm entzogen. Bei der Neuverteilung erhielt er die Sabres 8. Als er danach die Flasks 5 zog, hatte er mit 20 Punkten eine noch bessere Ausgangsposition. Er spürte allerdings, dass Josh Mansi ebenfalls ein viel versprechendes Blatt in seinen Klauen hielt.
Als der Einsatz auf rund 300 Credits angestiegen war, kam es zum Aufdecken der Karten. Josh Mansi hatte ebenfalls 20 Punkte, der P'Eloh hatte 19, die beiden anderen waren mit Werten von über 23 Punkten "ausgebombt".
Es musste also ein Stechen zwischen Josh Mansi und Obi-Nor geben.

Die Karten wurden neu gemischt.
Obi-Nor erhielt eine Sabres Master und eine Coins 10.
24 Punkte. Er konnte es nicht fassen - "ausgebombt" nach zwei Karten!
Da keiner von beiden eine Zahl von 1 bis 3 würfelte, blieb er auf dem Verliererblatt sitzen.
Nun, was soll's, dachte er. Ich verliere ein paar Hundert Credits, steige aus, und das war's dann.
Er zog eher mechanisch neue Karten. Ob er nun 24 Punkte oder 40 Punkte hatte, war einerlei. Alle Werte über 23 waren "ausgebombt".
Zunächst erhielt er die Staves 11, dann die Flasks 3, was seine Punktzahl auf 38 erhöhte.
Mit einem Anflug von Galgenhumor zog er noch eine Karte.
The Evil One.
Obi-Nor spürte einen Adrenalinstoß.
Minus 15 Punkte.
Er rechnete noch einmal im Kopf nach, um ganz sicher zu sein.
Nein, es stimmte, er hatte 23 Punkte.
'Sabacc'!
Josh Mansi verzichtete darauf, noch eine Karte zu ziehen.
Obi-Nor runzelte die Stirn. Er spürte genau, dass Mansi ein ganz mieses Blatt hatte. Das war nichts anderes als Bluff. Nun, dieser Worg würde sein blaues Wunder erleben.
Bevor sie mit der abschließenden Wettphase anfangen konnten, spürte Obi-Nor plötzlich die Präsenz von Yo-Karah in der Cantina.
Er schaute zur Tür, und tatsächlich kam Piet mit seiner Tochter herein.
Obi-Nor war sauer.
"Was soll das, Piet?" knurrte er. "Du solltest doch mit Yo in der Courier warten!"
Piet war ganz erstaunt. "Aber du hast uns doch eine Nachricht geschickt, dass wir hierher kommen sollen!"
"Was redest du da? Nachricht?"
Obi-Nor wusste nicht, was er von der Sache halten sollte. Aber er hatte mit einem Male ein ganz schlechtes Gefühl.
Josh Mansi unterbrach seine Gedanken, indem er mit dem Einsatz begann.
"300 Credits", sagte er, als er die Chips auf den Tisch schob.
Obi-Nor hielt dagegen und erhöhte zugleich um 500.
Eine innere Stimme gebot ihm aufzuhören und zu verschwinden, doch er schlug diese Warnung in den Wind. Erst würde er diesen Mansi ausnehmen.
Schnell schaukelten sich die Einsätze auf eine Gesamtsumme von rund 2000 Credits hoch.
Josh Mansi schien damit aber noch nicht zufrieden.
"Das ist alles Kleinkram, Junge", verzog er sein Gesicht zu einem gefährlichen Grinsen. "Lass uns jetzt richtig loslegen!"
Bei diesen Worten zog der Worg einen Lederbeutel von seinem Gürtel und schüttete etwa zwei Dutzend Darkstone-Diamanten auf den Tisch.
Schlagartig verstummten alle Gespräche rund um den Tisch. Andere Gäste, die spürten, dass hier etwas Besonderes geschah, drängten heran.
Obi-Nor starrte auf die funkelnden Edelsteine.
"Tut mir Leid", sagte er achselzuckend. "Ich habe keinen vergleichbaren Einsatz. Selbst mein Frachter ist nicht annähernd so viel wert. Du musst die Diamanten zurücknehmen."
Wieder grinste Josh Mansi.
"Ich setze die Diamanten. Du setzt - deine Tochter!"
Obi-Nor versetzte es einen Stich.
Deshalb waren Piet und Yo-Karah hier! Josh Mansi hatte die beiden herbei gelockt. Das konnte nur eine Falle sein.
Andererseits ...
Obi-Nor konzentrierte sich noch einmal und ließ sich von der 'Macht' durchströmen.
Josh Mansi hatte eindeutig ganz schlechte Karten. Er bluffte, dessen war sich Obi-Nor einhundertprozentig sicher.
Er nahm in Gedanken Kontakt zu seiner Tochter auf
Yo?
Ich will bei dir bleiben, Papa, ich will nicht zu dem Worg!
Vertraue mir, Yo!
"Okay", sagte er laut.
Piet stieß einen unterdrückten Schrei aus. "Bist du wahnsinnig!?"
Obi-Nor sah seinen Freund an. "Ich weiß genau, was ich tue. Vertrau mir!"
Dann legte er die Karten auf den Tisch.
"23 Punkte, Mansi, 'Sabacc'!"
Der Worg nickte anerkennend. Dann deckte auch er seine Karten auf.
Es waren Sabres 2 und Coins 3.
Obi-Nor blieb das Herz stehen.
Eine Kombination von einer 2 und einer 3 hieß "Blatt des Idioten".
Es war das einzige Blatt, dass einen "Sabacc" noch übertraf.

Obi-Nor wurde schwarz vor Augen. Wie durch einen Schleier sah er, wie Josh Mansi seine Edelsteine einsammelte, die Credits in die Taschen stopfte und sich erhob.
Zwei Worgs hatten Yo-Karah gepackt und zerrten sie von Piet weg, während andere den Piloten mit Blastern in Schach hielten.
"Papa!" schrie Yo-Karah. "Ich will nicht mit dem Mann gehen!"
Das rüttelte Obi-Nor auf.
Ich lass dich nicht im Stich! Ich werde dich zurückholen!
Im Moment konnte er allerdings nichts tun. Zwei Worgs hatten noch immer die Waffen gezogen und sicherten den Rückzug Mansi und den anderen den Rückzug.
Er nahm die Angst seiner Tochter aufgrund des Bandes der 'Macht' zwischen ihnen deutlich wahr.
Papa! Hilf mir!
Yo! Ich werde dich zurückholen!

Dann wurde die Präsenz schwächer. Mansi war mit Yo-Karah offenbar schon auf dem Weg zum Raumhafen.
Piet sagte nichts. Er schaute Obi-Nor nur mit grenzenlosem Vorwurf in den Augen an. Dieser konnte seinem Blick nicht standhalten.
Was hatte er nur getan?!
Er war sich doch sicher gewesen, dass sein Kontrahent ein schlechtes Blatt hatte.
Noch einmal blickte er auf den Tisch. Sabres 2 und Coins 3.
Irgend etwas erregte sein Misstrauen.
Coins 3 ...
Plötzlich sprang er auf.
"Mansi hat falsch gespielt!" rief er. "Die Coins 3 hatte ich vorher schon abgelegt!"
Die anderen Gäste, die gerade über den Spielverlauf und die Naivität des jungen Schmugglers diskutierten, wandten ihm wieder ihre Aufmerksamkeit zu.
Obi-Nor drehte den Stapel der abgelegten Karten um.
Und inmitten der anderen aus dem Spiel genommenen Karten lag eine zweite Coins 3.
Der Anblick löste ein erzürntes Grummeln aus. Vereinzelt wurden auch Drohungen ausgestoßen für den Fall, dass sich "der Betrüger hier noch mal blicken lassen" sollte. Aber als Obi-Nor in die Runde fragte, ob ihm jemand helfen wolle, Mansi zu bestrafen, drehten sich alle nur weg. Wie kamen sie dazu, diesem Naivling zu helfen? Die ganze Geschichte ging sie schließlich nichts an.
Nach und nach leerte sich der Tisch. Außer Piet und Obi-Nor blieb nur ein einzelner Mensch zurück.
"Sieht so aus, als ob der alte Mansi Sie schwer reingelegt hat", meinte er. "Ist mir auch schon mal passiert."
Obi-Nor musterte den Mann. Er war etwa 30 Jahre alt, mit schmalem, aber drahtigen Körperbau. Seine markante Kinnpartie und sein entschlossener Zug um den Mund ließen auf Tatkraft und Durchsetzungsvermögen schließen. Dieser Eindruck wurde durch eisgraue Augen noch unterstrichen.
"Was halten sie davon, wenn ich ihnen helfe, der Kerl zu schnappen?"
"Warum sollten Sie das tun?" Obi-Nor war misstrauisch. "Warum wenden Sie sich nicht ab wie alle anderen?"
"Ich sagte schon, Mansi hat auch mich beim Sabacc schon betrogen. Außerdem ..." Er machte eine kleine Pause. "Außerdem brauche ich Geld. Ich will die Hälfte der Diamanten."
Obi-Nor lachte bitter auf. "Die Diamanten interessieren mich gar nicht, Mister ..."
"Talon Karrde. Ich bin mit meiner gesamten Mannschaft hier. Drei Schiffe, gut bewaffnete Frachter. Wir sollten sofort zum Sklaven- und Viehmarkt nach Pharsi. Ich verwette meine rechte Hand, dass Mansi dorthin ist."
Obi-Nor war bei dem Ausdruck "Sklaven- und Viehmarkt" zusammengezuckt. Es brach ihm fast das Herz. Seine Tochter auf einem Sklavenmarkt zum Kauf angeboten ...?
Er sprach wie in Trance. "Ich habe keine andere Idee. Also nach Pharsi. Und ... Danke, Mister Karrde."
"Danken Sie mir hinterher. Also - die Hälfte der Diamanten, okay?"
Obi-Nor nickte mit versteinertem Gesicht.
"Ich will nur meine Tochter zurück."

 

 

5. Am Abgrund

"Wirtschaften bedeutet, Aufwand und Ertrag in ein akzeptables Verhältnis zu bringen. Es gibt freilich Situationen, in denen man nur verlieren kann."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Langsam und majestätisch senkte sich der schwarz-graue Frachter in eine der Landebuchten von Pharsi Spaceport. Dutzende von Raumschiffen unterschiedlichster Bauart und Größe waren angedockt, wurden be- oder entladen, machten Anstalten zum "lift off" oder wurden von Reparaturdroiden inspiziert. Aber kein Schiff war auch nur annähernd so groß wie die neu ankommende Extortioner, das Flaggschiff Josh Mansis. Drei Decks boten Raum für unterschiedlichste Ladung. Das unterste Deck tief im Bauch des Schiffes war eine einzige, nur von versenkbaren Schotts unterteilte Fläche für Massengut. Darüber befand sich das Containerdeck für Stückgut. Das oberste Frachtdeck war für die wertvollste Fracht reserviert, mit der Josh Mansi zu handeln pflegte - Lebewesen. Zahlreiche Käfige mit Gitterstäben aus Durastahl zu beiden Seiten des Mittelganges und der erbärmliche Gestank von verfaulten Fleischresten, Blut und Kot gaben beredtes Zeugnis ab, in welcher Branche der Schiffseigner zu Hause war.
Jetzt war nur ein einziger Käfig behaust.

Nachdem die Extortioner aufgesetzt hatte, begab sich Josh Mansi zum Vieh- und Sklaven-Deck. Er schlurfte mit schweren Schritten durch den Mittelgang bis zum allerletzten Käfig. Dort gab er an einer Steuerkonsole einen Zahlencode ein, und sofort schwang die Tür auf, während im Innern des Käfigs eine fahle Deckenleuchte aufflackerte. Das Menschenmädchen kauerte in einer Ecke. Sie war schmutzig; eine fleckige Tunika klebte an ihrem Körper. Sie blinzelte angesichts der ungewohnten Lichtquelle nach mehr als 24 Stunden in völliger Dunkelheit.
Mansi betrat den Käfig.
Er genoss ihren Anblick, ihre angstgeweiteten Augen, die hilflose Abwehrhaltung ihrer um den Leib geschlungenen Arme.
Aber noch mehr genoss er den Geruch. Nichts roch so erregend wie menschlicher Angstschweiß.
Er beugte sich über sie, öffnete seinen Mund zu einem hinterhältigen Grinsen und fuhr mit einer Klaue über die zarte Haut ihrer Wange.
"Na, meine Kleine, hast du den Flug genossen?"
Sie zuckte bei der Berührung zusammen, sagte aber nichts.
Wieder bemerkte er den Angstschweiß.
Unvermittelt zog er seine Hand zurück und schob ihr ein Nahrungsmittelpack zu.
"Du musst was essen."
Mit diesen Worten ging er hinaus.
Nein, er würde diesem Menschenmädchen nichts antun. Er war doch kein Idiot. Er wollte sie schließlich noch verkaufen, und ihr Preis würde auf die Hälfte fallen, wenn er sie misshandelte. Er hatte für die anderen Händler auf Pharsi, die ihr Vieh schlugen oder ihre Sklavinnen missbrauchten, nur Verachtung übrig. Das waren gar keine richtigen Geschäftsleute. Er würde niemals den Wert seiner Ware vor dem Verkauf mindern.
Nein, Gildorians Tochter hatte noch eine winzige Schonfrist. Bis er sie an Sleda the Hutt verkauft hatte.
Mansi grinste bei dem Gedanken an den Hutt. Wenn die Gildorian-Tochter erst einmal bei Sleda war, würde sie wünschen, im Käfig auf der Extortioner gestorben zu sein ...
Ein Warnton aus seinem Kom-Gerät unterbrach seine Gedanken.
Sieh an, dachte er, Gildorian kommt. Dieser Mensch hatte also seine Spur bis Pharsi verfolgt. Nun, er war darauf vorbereitet. Nachdem er Talon Karrde in der Cantina gesehen hatte, war er sogar überzeugt davon, dass dieser dem jungen Schmuggler den Tipp geben würde, nach Pharsi zu fliegen. Und genau deshalb hatte er einen Peilsender an der Courier I anbringen lassen.

Piet O'Shir steuerte das Raumschiff schweigend über die Pharsi-Steppe, bis er einen geeigneten Landeplatz entdeckte. Er fuhr die Landestützen aus, schaltete die Repulsoraggregate ab und fuhr das Steuerungssystem herunter.
Er redete kein Wort.
Schon seit dem Ablug von Smugglers' Den hatte er nicht mehr gesprochen.
Auch Obi-Nor hatte nur dumpf vor sich hin gebrütet. Aber jetzt hielt er es nicht mehr aus.
"Piet ..."
"Lass mich in Ruh!"
Obi-Nor schluckte. Er wusste, in ihrer Freundschaft war ein Riss entstanden, der vielleicht nie mehr heilen würde.
Aber er versuchte es noch einmal.
"Piet, ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich ... Was hab ich nur getan?"
"Was du getan hast?" schrie Piet. Endlich war es mit seinem eisernen Schweigen vorbei. "Du hast deine Tochter als Spieleinsatz verwettet! Das hast du getan! Kannst du dir vorstellen, was sie jetzt für Ängste durchmacht? Was man ihr gerade antut? Kannst du dir das vorstellen?"
Obi schloss die Augen. Er hatte den letzten Tag an nichts anderes denken können.
Piets Stimme wurde leiser und trauriger. "Ich habe die Kleine ins Herz geschlossen. Ich kann mir ein Leben an Bord ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Ich ..."
Er unterbrach sich, um Tränen aus seinen Augen zu wischen.
"Obi-Nor, ich würde mein Leben geben, um sie zu befreien."

Endlich Licht.
Es war so schrecklich gewesen in der völligen Finsternis. Eingesperrt in einem dreckigen und entsetzlichen stinkenden Käfig.
Sie konnte auch jetzt noch beinahe die Aura der Wesen fühlen, die hier eingesperrt gewesen waren, Wookies, Twi'Lek, Menschen, Echsen, Ga'Mories, Rodianer. Sie fühlte das Echo von Furcht und Schmerz, von Verzweiflung und Scham.
Ihr eigenes Gefühl war vor allem Ekel. Ekel vor diesem Dreckloch.
Aber stärker als der Ekel war der Hunger.
Yo-Karah aß gierig die Nahrungskonzentrate, die dieses Monster ihr da gelassen hatte.
Vorhin hatte sie geglaubt, es würde sie fressen.
Sie hatte plötzlich eine ungeheure Angst gehabt.
Doch dann war er verschwunden.
Sie trank den letzten Schluck Wasser, der ihr geblieben war.
Plötzlich horchte sie auf. Sie spürte ...
Papa?
Nein, sie konnte mit ihrem Vater nicht in Kontakt treten. Aber sie spürte ganz deutlich, dass er hier in der Nähe war.
Sie atmete tief durch.
Sie hatte es von Anfang an gewusst, ihr Vater würde sie retten.
In dem Gang zwischen den Käfigen erklangen Schritte. Zwei bewaffnete Worgs kamen mit finsterer Miene herbei.
Sie öffneten die Tür und zerrten sie heraus.
Yo-Karah wusste nicht, wohin sie gebracht wurde. Aber sie ahnte, ihr Vater würde sich mit der Rettungsaktion beeilen müssen ...

Nichts.
Auf dem gesamten Vieh- und Sklavenmarkt war nicht die geringste Spur von Josh Mansi und seinen Worgs zu sehen.
Talon Karrde hatte mit seinen Leuten das gesamte Gebiet durchgekämmt, ohne Erfolg.
Sie hatten improvisierte Bühnen gesehen, auf denen Sklaven feilgeboten wurden. Sie hatten in geschlossenen Läden und in großen Hallen nachgeschaut. Vergeblich.
Nun standen sie auf dem großen Zentralplatz und berieten, wie es weitergehen sollte.
"Mansis Schiff liegt in Spaceport", meinte Hilo Trinid, einer der Piloten. "Wir könnten ihn da ohne weiteres einkreisen."
"Viel zu riskant", erntete er sofort Widerspruch. "Gildorians Tochter ist seine Geisel, die dürfen wir nicht gefährden."
"Wir sollten uns an die Käufer halten", schlug Miles Carnucci, der Sicherheitschef der Gruppe vor. "Ohne Käufer kein Verkauf. Wenn wir bei den Hutts und den anderen Gangstern rumlungern, kriegen wir Mansi irgendwann zu Gesicht."
"Wir machen beides", entschied Karrde. "Hilo, du kümmerst dich mit zwei Besatzungen um den Raumhafen. Ihr dürft aber erst zuschlagen, wenn ihr das Signal kriegt, dass die Kleine in Sicherheit ist. Und wenn ihr was unternehmt: Bringt die Diamanten mit! Und du, Miles, verteilst dich mit deinen Leuten hier bei den in Frage kommenden Käufern. Mansi wird nur mit Top-Leuten handeln, das dürften nicht zu viele sein. Ich versuche inzwischen, mit Gildorian Kontakt aufzunehmen. Mittlerweile müsste er hier sein."

Das Kom-Gerät piepte zweimal und verstummte.
Danach meldete es sich viermal, bevor es sich wieder abschaltete.
Beim dritten Mal gab es zwei Piepser von sich.
"Karrde versucht, mich zu erreichen", sagte Obi-Nor. "Ich fahre zum verabredeten Treffpunkt. Kommst du mit dem Umbau klar?"
Piet schaute von dem Drahtgewirr auf, das aus der geöffneten Konsole herausquoll.
"Ich schaff' das schon. Sieh du nur zu, dass du nicht mit Karrde zusammen gesehen wirst. Seine Hilfe ist das einzige Überraschungsmoment, das uns geblieben ist."
Obi-Nor nickte. Karrde hatte gut daran getan, ihnen den Außenhaut-Funkpeildetektor zu leihen. Dadurch wussten sie, dass Mansi über den Aufenthalt der Courier I informiert war.
Und Piet war gerade dabei, Vorkehrungen zu treffen, damit dem Sklavenhändler dieses Wissen nichts nutzen würde.
Obi-Nor verließ die Courier I, schwang sich auf den mitgeführten Minigleiter und schwebte in Richtung Pharsi-Markt davon.

Sleda the Hutt residierte in einer der großen, direkt am Zentralplatz gelegenen Hallen. Dreimal im Jahr kam er nach Pharsi, um sich mit allem einzudecken, was er für seine Geschäfte brauchte. Zum Abschluss einer jeden Reise gönnte er sich etwas Besonderes für seinen Palast. Die Aufgabe, das verfügbare Angebot zu begutachten und die richtige Ware auszusuchen, fiel Trachyyk, Sledas Majordomus, zu.
Die große Seitenkammer der Halle war mit Sklavenhändlern überfüllt. Es war eine Prestige-Sache, Sleda als Kunden zu gewinnen. Schon eine Stunde lang hatte Trachyyk Holos von Sklaven angeschaut. Und wenn er sich nicht völlig täuschte, hatte er soeben das Richtige entdeckt. Diesmal würde es also ein Menschenmädchen sein.
"Ihr könnt gehen", wies er die vor ihm stehenden Worgs an. "Sagt eurem Herrn, ich habe Interesse an dem Mädchen. Er soll in zwei Stunden persönlich vorbeikommen, um mit mir den Preis auszuhandeln. Aber mit Josh Mansi bin ich noch immer einig geworden. Das Holo der Sklavin behalte ich so lange - als Vorvertrag."
Die beiden Worgs zogen ab, und andere Sklavenhändler drängten nach vorn, um Trachyyks Aufmerksamkeit zu gewinnen.
In dem Gewühl achtete niemand auf die Gestalt in einem grauen Mantel, das Gesicht in eine Kapuze gehüllt. Unmittelbar nach den beiden Worgs verließ die Gestalt das Gebäude.
Miles Carnucci hatte gleich geahnt, dass er bei Sleda the Hutt an der richtigen Adresse war. Nun kannten sie Mansis Stützpunkt, Pharsi Spaceport, und Mansis Ziel, Sledas Halle. Der Sklavenhändler konnte ihnen nicht mehr entkommen.
Carnucci folgte den beiden Worgs und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich zum Raumhafen zurückgingen.
Dass auch er verfolgt wurde, bemerkte er nicht.

Josh Mansi war wütend, als er hinter Carnucci herschlich.
Das war einer von Karrdes Männern, er hatte ihn gleich erkannt.
Es hatte sich also als nützlich erwiesen, dass er, einer alten Gewohnheit folgend, die Verkaufsverhandlungen seiner Leute belauscht hatte. Er hatte damit eigentlich nur die Loyalität der Worgs testen wollen. Dass er über Karrde und seine Leute stolperte, damit hatte er nicht gerechnet.
Karrde hatte Gildorian demnach nicht nur einen Tipp gegeben, er war sogar selbst hier.
Das änderte natürlich alles.

"Sie haben also einen Funkpeilsender gefunden", fragte Talon Karrde. "Welcher Typ?"
"Mein Pilot meint, es ist ein THX 1138."
"Hm, Kombipeiler für Fern- und Nahortung." Karrde nippte nachdenklich an seinem Drink. "Dann weiß Mansi also genau, wo Sie sich hier befinden. Aber er weiß nicht, dass ich mit meinen Leuten hier bin. Sie können also mit der Courier ein Ablenkungsmanöver fliegen, und wir holen Ihre Tochter."
"Das kommt gar nicht in Frage, Karrde", protestierte Obi-Nor. "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich in der Gegend rumfliege, während Sie meine Tochter befreien! Außerdem ist Piet O'Shir soeben dabei, den Peilsender in einen Vorteil für uns zu verwandeln."
Bevor Karrde fragen konnte, was das bedeuten sollte, wurden sie durch ein Piepen unterbrochen.
Karrde las die verschlüsselte Textnachricht auf seinem Kompad.
"Wir haben den Käufer", informierte er sein Gegenüber. "Sleda the Hutt. Die Übergabe ist in knapp zwei Stunden. Wir werden mitten auf dem Markt zuschlagen."

Der Transporter, eine Antriebseinheit mit zwei angehängten Ladeplattformen, schwebte dicht an die Backbordluke der Extortioner heran. Sofort begannen Droiden, Container auf den Ladeplattformen aufzureihen. Elektronik-Müll und verwertbares Altmetall, entschied Hilo Trinid. Für den nahe gelegenen Schrottplatz bestimmte Entsorgung. Nicht weiter interessant.
Er schwenkte seinen Tele-Spector herum und betrachtete den Personenausgang. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ja, das war schon viel bedeutsamer.
Vier Worgs verließen den Frachter. Zwei von ihnen trugen ein längliches Bündel und brachten es zu einem offenen Langleiter mit vier Sitzen und einer kleinen Ladefläche. Sie verstauten es auf der Fläche und stiegen mit den anderen beiden Worgs in den Gleiter, der langsam davon schwebte.
Kein Zweifel, Gildorians Tochter war von Bord gebracht worden; das Bündel hatte genau die Größe eines sechsjährigen Mädchens gehabt.
Trinid gab das vereinbarte Funksignal. Jetzt waren Karrde und Carnucci genauso alarmiert wie die Männer, die er rund um die Landebucht der Extortioner postiert hatte. Er suchte mit dem Tele-Spector die Umgebung ab, konnte aber zu seiner Zufriedenheit niemanden entdecken. Gute Tarnung, genauso musste es sein. Den Frachter würden sie im Handstreich einnehmen. Sie brauchten nur Karrdes Nachricht vom erfolgten Überfall abzuwarten.
Nun legte auch der Transporter mit den Containern vom Frachter ab und schwebte Richtung Schrottplatz davon.
In der Ladebucht war alles ruhig.
Die Extortioner lag da wie eine reife Frucht, die man nur zu pflücken brauchte.

Talon Karrde deutete auf das blinkende Licht.
"Sie sind unterwegs. Sie laufen uns direkt in die Arme. Wir ... Was schauen Sie denn so skeptisch?"
Obi-Nor schüttelte geistesabwesend den Kopf. Dann wandte er sich Karrde zu.
"Sie kommen nicht hierher. Yo-Karah ist definitiv nicht auf dem Weg zum Markt. Ich spüre es."
Karrde runzelte die Stirn. "Was soll das, Gildorian? Wir können uns in dieser Situation nicht auf Ahnungen und Gefühle verlassen."
"Irrtum, Karrde, das ist das einzige, worauf ich mich verlassen kann", widersprach Obi-Nor. "Was liegt in dieser Richtung dort?" Er zeigte nach Norden.
"Da? Gar nichts. Außer dem Schrottplatz."
"Dann bringen sie sie zum Schrottplatz. Los Karrde, wir müssen zum Schrottplatz!"
Obi-Nor erhob sich aus ihrem Versteck, aber Karrde winkte ab.
"Gehen Sie, wenn Sie Ihren Ahnungen folgen müssen. Ich bleibe hier und ziehe die Sache durch wie geplant."
Obi-Nor nickte. "Gut, dann trennen wir uns. Sie werden früher oder später ohnehin nachkommen."
Er eilte zu seinem Minigleiter. Noch im Laufen schaltete er das Kom-Gerät an seinem Handgelenk ein.
"Piet? Der Plan ist geändert! Komm zum Schrottplatz im Norden der Stadt!"

Wieder in völliger Finsternis.
Wenigstens war die Metallkiste, in die man sie gesteckt hatte, sauber. Yo-Karah wunderte sich, warum auf einmal alle recht nett zu ihr waren. Die Worgs hatten ihr eine saubere Tunika gereicht und sie auf einem höher gelegenen Deck in einen hellen Raum eingesperrt. Dort hatte ein anderer Worg Holo-Aufnahmen von ihr gemacht.
Danach wurde sie für Stunden allein gelassen.
Jetzt steckte sie in dieser Kiste und wurde abtransportiert.
Wenn doch nur ihr Vater käme!
Ob diese Worgs wirklich so böse waren wie sie aussahen? Vielleicht gab es etwas, womit sie sie besänftigen konnte? Vielleicht mochten sie Schmetterlinge? Yo-Karah liebte Schmetterlinge. Sie hatte sich diese hübschen bunten Flattertiere während des Hyperraumfluges vorgestellt, um nicht in der Dunkelheit zu verzweifeln. Yo-Karah konnte nicht glauben, dass es je ein Wesen geben würde, das keine Schmetterling mochte. Andererseits wusste sie nicht das geringste über Worgs.

Der mit vier Worgs besetzte Landgleiter hatte den belebten Zentralplatz des Marktes erreicht und schwebte langsam der großen Halle zu, in der Sleda the Hutt sein Quartier aufgeschlagen hatte. Talon Karrde konnte das verschnürte Bündel auf der Ladefläche erkennen, als das Fahrzeug sein Versteck passierte. In wenigen Sekunden würden es von Carnucci und seinen Leuten unter Beschuss genommen werden, während er, Karrde, das Mädchen befreite. Carnucci hatte den Auftrag, die Worgs nur zu verwirren und abzulenken, auf keinen Fall aber das Fahrzeug zu treffen, aber Karrde konnte sich auf seinen Sicherheitschef verlassen.
Soeben erreichte der Gleiter den Punkt, an dem der Überfall erfolgen sollte.
Jetzt! dachte Karrde.
Aber es passierte nichts.
Gar nichts.
Der Gleiter schwebte unbehelligt weiter und verschwand im geöffneten Tor der großen Halle.
Warum, verdammt, hatte Carnucci nicht gefeuert?
Karrdes Mund wurde plötzlich ganz trocken.
Der Schmuggler sprang auf und rannte hinüber zu dem Kistenstapel, hinter dem Carnucci mit seinen Männern lauern sollte. Er hatte mit einem Mal ein ganz mieses Gefühl.
Er umkurvte den Stapel - und fand seine Befürchtung bestätigt.
Carnucci und seine vier Leute lagen auf dem Boden, die Augen weit aufgrissen, den Mund geöffnet.
Alle Körper von Blasterschüssen durchbohrt.
Sie hatten einen Hinterhalt legen wollen und waren selbst in eine Falle geraten.
Karrde drückte den Toten die Augen zu und bedeckte die Leichen mit Einigen Kisten als Schutz vor Aasvögeln. Mehr konnte er im Moment nicht für sie tun.
Er musste sich dringend einen Gleiter besorgen.
Gildorian hatte Recht gehabt. Er würde auch zum Schrottplatz kommen.

Hügel von Altmetall, Berge von Stahlteilen, Gebirge von ausgeschlachteten Fahrzeugwracks - der Schrottplatz von Pharsi war ein riesiges Gewirr von Metallhalden, die durch schachbrettartig angelegte schmale Straßen in einzelne Blocks unterteilt waren. Schwebekräne, Transporter und Lastdroiden glitten hin und her, luden ihre Fracht auf den Halden ab oder brachten Metallteile zu der großen Verarbeitungsanlage im Zentrum des Geländes. Hierbei handelte es sich im wesentlichen um einen Schmelzofen, einen tief in die Erde reichenden, etwa 20 Meter breiten Schacht, in dessen Feuer alle abgeladenen Teile verflüssigt wurden, um sie in neue Formen gießen zu können. Zu dem Ofen führten kreuzförmig vier 50 Meter lange, ca. fünf Meter tiefe und ebenso breite Kanäle, auf deren Grund mächtige Förderbänder den einzuschmelzenden Schrott transportierten. Diese Kanäle wurden von schmalen Metallstegen überquert, um Inspektionsgänge rund um den Schmelzofen zu ermöglichen. Über der gesamten Anlage lag eine unwirtliche Atmosphäre aus stinkendem Rauch, dröhnendem Lärm und brütender Hitze.

Trachyyk war mehr als überrascht gewesen, als ihm Josh Mansi mitteilen ließ, die Übergabe der Sklavin finde keineswegs auf dem Markt statt, sondern auf dem Schrottplatz am Nordrand der Stadt. Aber er hatte eingewilligt, schließlich hatte Mansi immer erstklassige Ware geliefert und würde ihn auch jetzt bestimmt nicht enttäuschen.
Und wirklich - das Menschenmädchen, das einem kleinen Container entstieg, war ein entzückendes Geschenk für Sleda the Hutt, seinen Herrn.
Trachyyk verzog sein längliches Maul zu einer Art Lächeln, und seine klebrige Zunge leckte durch das Gesicht der Sklavin.
"Das ist mal wieder A-Ware, die du lieferst, Mansi", sagte er begeistert. "Nicht diese jämmerlichen Wesen, die die anderen Händler feilbieten."
Aber dann brach er ab. Erst jetzt bemerkte er, dass die Worgs aus den anderen Metallkisten Einzelteile für ein Lasergeschütz holten und zusammenbauten.
"Wir bekommen Besuch", erklärte Mansi. "Aber mach dir keine Sorgen, ich habe alles unter Kontrolle."

Der Funkpeilsender zeigte an, dass sich die Courier I langsam näherte. Sie war bereits über dem Schrottplatz, hielt sich dicht über den Spitzen der Metallberge und bewegte sich langsam auf den Mittelteil der Anlage zu.
Josh Mansi zog Trachyyk in den Schutz zerbeulter Gleiter-Wracks.
"Halt lieber den Kopf unten. Für alle Fälle. Obwohl der Frachter leichte Beute sein wird. Hier in der Atmosphäre sind die Deflektorschilde wirkungslos."
Mit diesen Worten schlich der Sklavenhändler davon.
Trachyyk warf schnell einen Blick auf das zwischen aufgetürmten Wracks stehende, von Worgs bediente Lasergeschütz. Dann schaute er hinüber zu dem Worg, der das Menschenmädchen festhielt.
Nein, das war eine Angelegenheit, in die er sich lieber nicht einmischen wollte. Er duckte sich tief in sein Versteck und blickte auch nicht auf, als das Chaos ausbrach.

Die Courier I hatte nicht die geringste Chance. Unmittelbar, nachdem sie in Sicht kam, begann das Lasergeschütz zu feuern. Die Einschüsse durchbohrten die Außenhülle, das Cockpit, brannten Löcher in die Steuerruder. Dann traf ein Schuss den Antriebsreaktor.
Der Frachter barst in einer gewaltigen Explosion auseinander. Die Druckwelle schleuderte die Worgs zu Boden und riss das Geschütz um. Glühende Wrackteile prasselten herab und verfehlten die Angreifer nur knapp.
Die Worgs sprangen auf und stimmten ein wildes Jubelgeheul an.
Doch plötzlich fielen auch sie tödlich getroffen zu Boden.
Von zwei Schrotthügeln aus wurden sie von Blaster-Kreuzfeuer eingedeckt.

Piet O'Shir feuerte einen letzten Schuss auf die Worgs, die dem Frachter aufgelauert hatten.
Der Trick mit der Fernsteuerung hatte funktioniert, wenngleich der Verlust der Courier ihm weh tat.
Aber er schüttelte den Gedanken an das Schiff ab. Jetzt galt es, Yo-Karah zu retten.
Piet hatte gesehen, wie der Worg, der dass Mädchen bewachte, zwischen zwei Schrotthaufen verschwunden war.
Er kletterte die Halde hinab und schlich, den Blaster gezogen, durch die schmale Gasse.
"Piet!" flüsterte es aus seinem Kom-Gerät.
"Ja?" wisperte er zurück.
"Zwei Worgs, vier Wegkreuzungen östlich der Stelle, wo das Geschütz stand. Direkt an dem südlichen Förderband-Kanal. Ich komme von Norden."
"Okay, ich nähere mich von Westen her!"
Piet bewegte sich lautlos in die Richtung, die Obi-Nor angegeben hatte.
Er sah die Worgs; sie schienen unschlüssig, als wenn sie auf jemanden warteten. Yo-Karah befand sich nicht bei ihnen.
Er drückte eine Taste an seinem Kom-Gerät. An Obi-Nors Gegenstück würde nun lediglich eine kleine Lampe blinken, eine lautlose Botschaft, dass er bereit war. Jetzt leuchtete auch an Piets Handgelenk ein Lämpchen.
Er sprang vor und eröffnete das Feuer.
Zugleich kamen von links Blasterschüsse.
Die Worgs brachen getroffen zusammen.
Piet war mit raschen Sätzen bei ihnen, um ihnen die Waffen und Comgeräte abzunehmen.
"Piet! Hinter dir!"
Er hatte kaum die Warnung gehört, da ließ er sich fallen und rollte zur Seite. Blasterschüsse zischten ihm von zwei Seiten um die Ohren.
Westlich und südlich waren die Worgs, die ihn angriffen, im Osten endete die Gasse am Förderkanal. Es blieb nur die nördliche Richtung zur Flucht.
Er sprang auf und rannte im Zickzack auf Obi-Nors Versteck zu. Er sah, wie sein Freund feuerte, um ihm Schutz zu geben.
Nur noch wenige Meter, dann war er in Sicherheit ...
Plötzlich fuhr es ihm heiß in den Rücken.
Er wurde er zu Boden geschleudert.
Ein stechender Schmerz breitete sich im ganzen Körper aus.
Er nahm wie durch einen Schleier wahr, dass Obi-Nor ihn hinter ein Maschinenwrack zog.
"PIET!"
Warum schrie Obi-Nor so?
Und was war das für eine Flüssigkeit in seinem Mund?
Er spuckte und würgte.
Obi-Nors Stimme war plötzlich weit weg.
Alles verschwamm vor seinen Augen.
Dann wurde es dunkel.

Obi-Nor hielt fassungslos seinen sterbenden Freund in den Armen.
Er sah die klaffende Wunde im Rücken, wo der Blasterschuss ihn getroffen hatte.
Sah, wie sein Freund Blut spuckte.
Sah, wie sein Atem flacher wurde.
Wie sein Blick starr wurde ...
Piet O'Shir, sein Partner, Co-Pilot und Freund, war tot.
Obi-Nor starrte auf die sich vergrößernde Blutlache.
Er spürte, wie sich Aggression und Hass in ihm regten.
Wie sich die 'Macht' in ihm meldete und diese Gefühle verstärkte.
Er merkte, wie alle anderen Gefühle in ihm verloschen, bis nur noch Aggression und Hass übrig blieben.
Mit Hilfe der 'Macht' schärfte sich seine Wahrnehmung. Er spürte, wie ihn drei Worgs einkreisten. Er konzentrierte sich auf die 'Macht', fühlte, wie sie ihn durchströmte, wie sie ihn stark machte.
Als die Worgs aus ihrer Deckung sprangen, schlug er zu.
Der erste Worg riss seinen Blaster hoch, richtete ihn auf seine eigene Brust und schoss.
Ein umstürzender Schrotthaufen begrub den zweiten.
Der dritte Worg presste seine Klauen an seinen Kopf, ließ einen Schmerzensschrei ertönen und sprang, vom Wahnsinn getrieben, in den nur wenige Schritte entfernten Transportkanal. Zusammen mit zahlreichen Altmetallteilen beförderte ihn das Band in den Schmelzofen.
Obi-Nor fuhr mit der Hand über die Augen.
Nein, er durfte sich nicht hinreißen lassen. Er hatte bereits früher einmal die dunkle Seite der Macht gespürt. Den Hass, die Wut, das Gefühl der Stärke und des Triumphs.
Er durfte es einfach nicht zulassen.
Langsam atmete er tief durch.
Beruhige dich!
Ganz allmählich erlangte er seine Selbstkontrolle wieder.
Er musste seine Tochter retten, aber er durfte sich nicht selbst verlieren.
Seine Tochter.
Er spürte ihre Präsenz ganz in der Nähe.
Vorsichtig schlich er in die Richtung, aus der er Yo-Karah wahrnahm.
Er bog um einen Schrotthaufen ...
"Blasster weck!"
Fünf Meter entfernt stand ein bewaffneter Worg. Er hielt Yo-Karah gepackt.
Langsam ließ Obi-Nor seinen Blaster fallen.
Der Worg zeigte ein breites Grinsen.
Er drehte seinen Blaster herum und hielt die Mündung an Yo-Karahs Kopf.
Dann drückte er ab.

Talon Karrde fuhr mit dem Gleiter-Bike, das er auf dem Markt gestohlen hatte, vorsichtig zwischen den Metallbergen hindurch. Unzählige, noch glühende Wrackteile zeugten von der Explosion eines Raumschiffs. Er nahm an, dass Gildorian und O'Shir wie geplant die Courier geopfert hatten, um einen Überraschungsangriff zu starten. Und tatsächlich: Da lagen erschossene Worgs neben einem umgestürzten Lasergeschütz.
Karrde glitt weiter durch das Gewirr von Gassen. Er wagte nicht, die Metallberge zu überfliegen, um einen besseren Überblick zu erhalten; er hätte lediglich ein hervorragendes Ziel für einen am Boden stehenden Schützen abgegeben.
Er bog um eine Ecke und erblickte in einer Seitengasse eine kleine Gestalt.
Sofort riss er den Blaster hoch, doch dann entspannte er sich wieder.
Es war nur ein Jawa, der in dem Schrott herumwühlte, nicht auf die Öllachen und den Matsch achtend, die ihn umgaben.
Er fuhr an ihm vorbei, folgte einer Biegung und fand sich plötzlich am Rand eines Förderkanals wieder.
Rasch überlegte er, ob er den Kanal mit dem überqueren sollte, was mit dem Fahrzeug kein Problem war, entschied sich aber dagegen.
Denn er bekam das Bild des Jawas, den er soeben passiert hatte, nicht aus dem Sinn. Irgendetwas stimmte mit der kleinen Gestalt nicht. Aber was? Sicher, es war ungewöhnlich, einem Angehörigen dieser Spezies auf Pharsi zu begegnen, aber nicht ausgeschlossen. Nein, es war etwas anderes.
Die Waffe!
Oder vielmehr die Tatsache, dass dieser Jawa unbewaffnet gewesen war.
Ein einzelner Jawa, an einem nicht gerade sicheren Ort, nach der Explosion eines Raumschiffs, ohne Waffe?
Karrde fuhr zurück, doch der Jawa war verschwunden.
Nur seine Fußspuren waren auf dem matschigen Boden zu sehen.
Talon Karrde traute seinen Augen nicht.
Er sah die charakteristischen Spuren eines Jawa, die in eine Ölpfütze hinein führten. Heraus führten - Spuren von Katzenpfoten.
Karrdes Herz setzte einen Schlag aus.
Sie hatten ihren Gegner von Anfang an unterscätzt. Es war keineswegs nur ein außergewöhnlich intelligenter Worg, mit dem sie es zu tun hatten. Ihr Gegner war - ein Gestaltwandler.

Josh Mansi kochte vor Wut.
Er hatte diesen Gildorian erneut falsch beurteilt. Den Trick mit dem ferngesteuerten Frachter hatte er erst geahnt, als es zu spät gewesen war. So ungeschützt, wie das Raumschiff herein geschwebt war - das hatte oberfaul gerochen. Gerade noch rechtzeitig war er vom Platz des Überfalls verschwunden. Nun lag die Hälfte seiner Leute, die er zum Schrottplatz beordert hatte, tot zwischen den Trümmern der Courier. Zu allem Überfluss war auch noch dieser Talon Karrde hier aufgetaucht. Er hatte sich zwar von seiner Jawa-Gestalt täuschen lassen, aber Mansi machte sich keine Illusionen. Karrde war kein Dummkopf; er würde bald wissen, dass mit dem Jawa etwas nicht stimmte.
Mansi hatte sich in eine Schleichkatze verwandelt und hockte oben auf einem Metallberg. Er musste sich unbedingt orientieren, wo die anderen Worgs waren und wo dieser Gildorian steckte.
Da sah und hörte er Blasterfeuer ganz in der Nähe des südlichen Förderkanals.
Er sprang auf leichten Pfoten den Berg herunter.
Unten verließ er die Katzen-Gestalt, die er - wie auf D'Sothlar oder dem Markt von Pharsi - nur für Beobachtungen benutzte, und nahm seine wahre Gestalt an. Die Gestalt einer zweibeinigen, schuppengepanzerten Raubechse.
Mit schnellen Schritten eilte er in die Richtung, aus der er den Schusswechsel gesehen hatte.

Als die Courier explodierte, meinte Yo-Karah, ihr Herz würde zerspringen. Sie schrie laut auf und fing an zu weinen.
Doch dann spürte sie Präsenz ihres Vaters. Er befand sich ganz in der Nähe. War er denn gar nicht im Frachter gewesen?
Dann wurde Blasterfeuer eröffnet, und die Worgs, die das Geschütz bedient hatten, fielen zu Boden. Mehr konnte sie nicht beobachten, da sie hastig fortgezerrt wurde.
Der Worg, der sie gepackt hielt, stolperte zwischen den Schrotthaufen hindurch. Yo-Karah konnte seine Verwirrung spüren.
Der Weg endete an einem Graben, in dem Altmetallteile auf einem Förderband transportiert wurden. Im ersten Moment befürchtete Yo-Karah, der Worg würde sie einfach hineinwerfen, doch er wandte sich um und zog sie hinter sich her. Nach wenigen Schritten stoppte er abrupt. Wieder war ein Schusswechsel zu hören, und ihr Vater schrie ein entsetztes "PIET!".
Dann, nach einer kleinen Pause ertönten abermals Schreie, und aufgetürmte Wracks stürzten um.
Danach spürte Yo-Karah, wie ihr Vater näher kam. Jetzt würde er sie retten.
Aber dann sah sie den Blaster in der Hand des Worgs. Sie durfte nicht zulassen, dass dieses Scheusal ihren Vater umbrachte.
Ob sie ihn besänftigen konnte? Aber womit?
Wieder überlegte sie, ob Worgs Schmetterlinge mochten.
"Blasster weck!"
Langsam ließ ihr Vater die Waffe fallen.
Jetzt war er völlig wehrlos.
Sie dachte an Schmetterlinge.
Zu ihrer Verwunderung zielte der Worg nicht auf ihren Vater, sondern richtete die Waffe auf ihren Kopf.
Sie konzentrierte sich ganz auf die bunten Falter, die sie so gern hatte, und sandte die Bilder in Gedanken dem Worg.
Aber welch eine Enttäuschung!
Der Worg konnte Schmetterlinge anscheinend nicht leiden.
Er feuerte auf die Bilder, die Yo-Karah ihm vorgegaukelt hatte.
Wie konnte man nur auf Schmetterlinge schießen?
Dann wurde er selbst vom Blaster ihres Vaters getroffen.
Geschah ihm ganz recht!

Obi-Nor wunderte sich, warum der Worg den Blaster von Yo-Karahs Kopf gerissen und sinnlos Löcher in die Luft geschossen hatte. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Denn er spürte wieder die bedrohliche Präsenz Josh Mansis, die er zum ersten Mal auf D'Sothlar wahrgenommen hatte. Obi-Nor wandte sich um und sah eine mannshohe Echse, die in großen Sätzen näher eilte.
Eine Echse? Etwa - ein Gestaltwandler?
Aber auch dieses Rätsel musste warten.
Er nahm Yo-Karah bei der Hand und lief weg, eine Gasse entlang, die parallel zum Transportkanal verlief.
Doch er spürte, wie Mansi unerbittlich näher kam. Zusammen mit dem Kind würde er es nie schaffen zu entkommen.
Als er den Metallsteg sah, der den Kanal überquerte, blieb er stehen.
"Los, Yo, lauf über den Steg! Versteck dich auf der anderen Seite!"
Er schubste seine Tochter in die Richtung, in der sie fliehen sollte.
Yo-Karah rannte auf den Steg, blieb dort aber stehen und drehte sich um.
"Papa ..."
"Hau ab! Lauf!"
Obi-Nor konnte sich nicht länger um sie kümmern, die Echse lief auf ihn zu.
Er riss den Blaster aus dem Holster und feuerte zweimal, doch die Schüsse prallten wirkungslos ab. Die Echse musste einen Schuppenpanzer besitzen, der es mit einer mandalorianischen Kampfrüstung aufnehmen konnte.
Nun war Josh Mansi herangekommen. Eine rasche Drehung des Körpers, und der schuppige Schwanz peitschte gegen den Waffenarm Obi-Nors. Der Blaster flog in hohem Bogen davon.
Mansi wirbelte herum, und hieb mit der Klaue auf den Menschen ein. Der konnte sich mit einer raschen Seitwärtsbewegung gerade noch in Sicherheit bringen.
Doch Mansi war sofort wieder über ihm und schleuderte ihn gegen einen Schrotthaufen. Mit einem Satz sprang er hinterher, das mit rasiermesserscharfen Zähnen bewehrte Maul zum Angriff geöffnet.
Obi-Nor griff eine Metallstange und schlug sie der Echse mit voller Wucht auf den Kopf.
Ein kurzes Zurückzucken und ein zorniger, fauchender Laut zeugten davon, dass der Schlag durchaus Eindruck hinterlassen hatte.
Aber einen zweiten Versuch bekam Obi-Nor nicht. Eine scharfe Klaue schlug ihm die Stange aus der Hand; ein zweiter Hieb hinterließ eine klaffende Wunde an seiner linken Schulter.
Mansi holte ein drittes Mal aus.
"PAPA!"
Mitten in der Bewegung hielt Mansi inne. Er drehte den Kopf und erblickte Yo-Karah auf dem Metallsteg. Sofort ließ er von Obi-Nor ab, sprang auf den schmalen Übergang und ergriff das Mädchen.
Obi-Nor rappelte sich auf, seine Schmerzen an der blutenden Schulter ignorierend.
Er lief, so schnell es seine Verletzung zuließ, ebenfalls zum Steg.
"Mansi! Lass meine Tochter los! Stell dich dem Zweikampf, du Feigling!"
Mansi fauchte. Dann packte er mit einer Klaue Yo-Karah am Arm und hielt sie weit über das Geländer.
Yo-Karah zappelte und strampelte. Fünf Meter unter ihr bewegte sich das Transportband und beförderte Schrott in den 30 Meter entfernten Schmelzofen.
"Ich soll deine Tochter loslassen, Gildorian?"
Obi-Nor stand wie angewurzelt. Mechanisch schüttelte er den Kopf.
"Mansi, bitte ..."
Josh Mansi ließ ein lautes, gefühlloses Lachen ertönen.
"Kleinlaut geworden, Gildorian? Na, was bist du jetzt? Immer noch der clevere Trickser? Oder ein winselnder Jammerlappen? Das Leben deiner Tochter ist in meiner Hand. Oder vielmehr - nicht mehr in meiner Hand."
Bei diesen Worten ließ er Yo-Karah in den Transportkanal fallen.
Ohne zu überlegen schwang sich Obi-Nor über das Geländer und sprang ebenfalls hinab.
Er eilte zu seiner Tochter, die mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag. Offenbar hatte sie sich beim Sturz den Fuß verletzt.
Obi-Nor beugte sich über sie.
"Klammer dich um meinen Hals, los!"
Er stützte sie mit dem rechten Arm, während sie wie ein Klammeraffe an ihm hing. Dann begann er, sich gegen die Transportrichtung des Bandes zurückzukämpfen.
Es war ein Hindernislauf um Leben und Tod. Und ein hoffnungsloses Unterfangen.
Das Förderband war übersät mit unzähligen Schrottteilen. Manche konnte er umgehen, dann gewann er ein paar Meter. Größere Teile aber musste er überklettern, wobei er den linken Arm wegen seiner verletzten Schulter kaum zu Hilfe nehmen konnte. Auch Yo-Karah konnte ihn nicht unterstützen. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, seine Tochter würde von Minute zu Minute schwerer.
Langsam aber sicher näherten sie sich dem Schacht.
Obi-Nor blickte sich nicht um, das hätte zu viel Zeit gekostet. Aber er spürte den Anstieg der Temperatur, bis die aus dem Schmelzofen heraufsteigende Hitze unerträglich wurde.
Er hatte keine Chance.
Nur noch wenige Meter trennten ihn und Yo-Karah vor dem sicheren Feuertod.
Immerhin würde er seine Tochter in den letzten Augenblicken nicht allein lassen.
Dieser Gedanke war ihm der einzige Trost.

Nichts, nichts und wieder nichts.
Die konnten sich doch nicht alle in Luft aufgelöst haben!
Doch da, lag da nicht ein Mensch?
Talon Karrde stoppte das Bike und starrte den Toten an.
Piet O'Shir, der Co-Pilot von Gildorian.
Er war ihnen also auf der Spur.
Es war eine Spur des Todes, denn einige Meter weiter fand er einen erschossenen Worg.
Danach hörte er die Kampfgeräusche.
Karrde ließ jetzt keine Vorsicht mehr walten. Er drückte aufs Tempo und fuhr die Gasse entlang. Nach wenigen Metern zog er das Bike hoch und überquerte die Schrotthügel.
Dann sah er sie.
Auf einem schmalen Metallsteg stand eine Echse - offenbar eine neue Gestalt Josh Mansis - und hielt Gildorians Tochter über das Geländer. Dieser war nur wenige Meter entfernt und machte eine bittende Geste.
Karrde war zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Hilflos musste er mit ansehen, wie erst das Mädchen auf das Transportband stürzte und dann Gildorian hinterher sprang.
Was jetzt?
Das Förderband trug die beiden unerbittlich Richtung Schmelzofen.
Sein Bike konnte nicht drei Personen tragen. Aber das Band musste doch irgendwo eine Steuerung haben. Hatte er vorhin nicht ein Kontollterminal gesehen?
Er riss sein Fahrzeug herum und raste in Richtung Feuerschacht.
Zwischen den Einmündungen zweier Kanäle stand ein einfacher Verschlag aus Metall.
Das Türschloss leistete keinen nennenswerten Widerstand.
Karrde betrat den kleinen Raum. Er hatte sich nicht getäuscht, das hier war ganz eindeutig eine Steuerkonsole.
Er zog den Blaster und feuerte blindlings auf die Schalter und blinkenden Lichter.
Dann aktivierte er sein Kom-Gerät und brüllte: "Hilo, es geht los!"

Noch einen Meter waren sie vom Schacht entfernt, da stoppte plötzlich das Band.
Von dem Ruck völlig überrascht und aus dem Gleichgewicht geraten, taumelte Obi-Nor am Abgrund. Er tat einen halben Schritt, ahnte die Leere unter seinen Füßen und warf sich dann mit aller Macht rückwärts auf das Förderband.
Yo-Karah landete auf seiner blutenden Schulter.
Obi-Nor stieß einen Schmerzensschrei aus.
Zugleich aber wurde ihm klar: Wer schreien kann, ist noch nicht tot.
Doch es war noch nicht vorbei.
Er brauchte Yo-Karahs Warnruf nicht; die Präsenz, die er spürte, sagte ihm genug.
Trotzdem jagten ihm die Worte seiner Tochter einen Adrenalinstoß durch den Körper.
"Papa, die Echse ist auf das Förderband gesprungen und kommt hierher!"
Obi-Nor erhob sich schwerfällig. Er keuchte, völlig außer Atem. Schweiß rann ihm von der Stirn. Seine Schulter war verletzt, vom Zweikampf mit Josh Mansi taten ihm alle Knochen weh. Außerdem war sein Blaster fort. Wie sollte er einen zweiten Kampf durchstehen?
Er nahm eine Metallstange vom Band und erwartete Mansis Angriff.
Schon beim ersten Schlag peitschte Mansis Schuppenschwanz ihm die Stange aus der Hand. Aber damit hatte er gerechnet, die Waffe hatte er nur zur Ablenkung genommen. Blitzschnell duckte er sich und zog sein Vibromesser aus dem Stiefel.
Als Mansi sich mit geöffnetem Rachen auf ihn stürzte, stach er von unten in den Unterkiefer.
Die Echse fauchte und trat einen Schritt zurück.
Ein zweites Mal unternahm Mansi nicht so einen ungestümen Angriff.
Sekundenlang standen sich die beiden Kämpfer lauernd gegenüber, Mansi mit Zähnen, Klauen und seinem Schuppenschwanz bewaffnet, Obi-Nor mit der Vibro-Klinge in der Hand.
Dann passierte etwas gänzlich Unerwartetes.
Aus einem an Mansis Arm befestigten Gerät ertönte ein durchdringender Alarmton. Zugleich konnte man vom nicht weit entfernten Raumhafen den Lärm einer Explosion hören.
Mansi war für einen Augenblick verwirrt, die Augen weit aufgerissen.
In diesem Moment sprang Obi-Nor vor und stieß seinem Gegner die Klinge in das ungeschützte Auge.
Mit lautem Brüllen taumelte Josh Mansi umher, sein Schwanz peitschte ungezielt, aber gefährlich durch die Luft.
Es sah aus, als wolle Mansi am Rand des Feuerschachtes einen Tanz aufführen.
Dann raste ein Gleiter-Bike den Kanal entlang.
Obi-Nor warf sich schützend auf seine Tochter und sah, wie Talon Karrde die Echse rammte.
Der Sklavenhändler stolperte, sein Fuß trat ins Leere, er wankte am Abgrund.
Ein letztes Mal versuchte er, sich durch einen Gestaltwandel zu retten.
Doch mitten im Verwandlungsprozess - die Schwingen eines P'Eloh-Vogels waren bereits ansatzweise zu erkennen - schleuderte ihm Obi-Nor einen Metallbolzen an den Körper.
Josh Mansi verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Schmelzofen.

Auf halbem Weg zwischen Pharsi und "Smugglers' Den", fernab von jedem Sternensystem, lag ein Frachter bewegungslos im Raum.
"14, 15, 16", zählte Talon Karrde. "32 Darkstone-Diamanten hat Hilo Trinid auf der Extortioner gefunden. Hier ist Ihre Hälfte, Gildorian, wie abgemacht."
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Ich will von dem Zeug nichts haben. Mein Freund und Co-Pilot ist tot. Diamanten können diesen Verlust nicht aufwiegen. Ich käme mir auch irgendwie schäbig vor, wenn ich mich durch diese Aktion bereichern würde."
"Ich verstehe, was Sie meinen. Auch ich habe zu viele Leute verloren. Aber bedenken Sie: Wenn Sie die Edelsteine nicht nehmen, wird er dann wieder lebendig? Und Sie müssen sich ein neues Frachtschiff kaufen. Kommen Sie, nehmen Sie die Steine!"
Obi-Nor blickte nachdenklich zur Sichtluke hinaus. Sie hatten den Hyperraumflug nach "Smugglers' Den", wo Ruwen und My Flyyr ihn und Yo-Karah abholen solten, auf seinen Wunsch hier unterbrochen.
Er seufzte.
"Okay, ich nehme die Steine. Aber acht Diamanten stehen meinem Co-Piloten zu. Ich werde sie ihm nicht wegnehmen."

Obi-Nor warf einen letzten Blick auf den Leichnam von Piet O'Shir. Dann deckte er ihn mit einem Tuch zu, deponierte den Beutel mit den acht Edelsteinen auf dem Boden und verließ die Rettungskapsel.
Karrde verriegelte das Schott. Dann drückte er auf einen Knopf, und die Kapsel schoss davon.
Obi-Nor hockte sich neben seine Tochter und wischte ihr sanft einige Tränen aus dem Gesicht.
"Piet war mit Leib und Seele Pilot, Yo, er hätte sich diese Bestattung gewünscht."
Gemeinsam beobachteten sie, wie die Kapsel davon flog und in der Weite des Alls verschwand.
Er strich ihr über den Kopf.
"Du warst tapfer, meine Kleine. Obwohl ich dich durch einen schrecklichen Fehler in Gefahr gebracht habe, hast du immer an die Rettung geglaubt. Das habe ich gespürt. Aus dir wird später gewiss eine mutige Frau werden."
Vielleicht sogar eine Jedi, dachte er.

Ende des ersten Teils