"Eine
gute Verhandlung verfolgt stets das Ziel, alle Beteiligte zufrieden zu stellen"
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler
Piet O'Shir fluchte lautlos. Seit über einer Stunde lag er nun schon
auf dem feuchten Waldboden. Seine Kleidung hing klamm an seinem Körper, und
er hatte das Gefühl, als krieche ihm die kalte Feuchtigkeit langsam in die Knochen.
Wenn er doch wenigstens seine Piloten-Uniform tragen dürfte! Aber das leuchtende
Orange wäre inmitten der Grün- und Brauntöne des Waldes sofort aufgefallen.
Dann hätte er sich wohl kaum bis hierher anschleichen können, um die Lichtung
zu beobachten, die vor ihm in der weiten Bodensenke lag. Mit einem Seufzer aktivierte
er seinen Tele-Spector und schaute hindurch. Er beobachtete die Arbeiter, die
Wachen in ihren charakteristischen weißen Schutzpanzern, die Bau- und Lastdroiden,
die Repulsortransporter, die Landeplattform mit der Lambdafähre - und das Bauwerk,
um dass sich alles drehte. Ein weißes Stahlgerüst, das mittlerweile auf etwa
15 Standardmeter Höhe angewachsen war. Piet überlegte, entschied sich dann aber
dagegen, neue Screenshots zu machen. Er hatte die Gesamtansicht und alle Details
schon dutzendfach aufgenommen.
Ein leises Rascheln im Laub ließ ihn zusammenzucken. Er spannte seine Muskeln
an und tastete nach dem Blaster. Ob es hier Schlangen gab? Oder giftige Insekten?
Plötzlich fühlte Piet überall am Körper ein Kribbeln und Krabbeln. Er schüttelte
sich. Wie er diesen Wald hasste! So hatte er sich den Einsatz nicht vorgestellt.
Er wünschte, er wäre zurück im Raumgleiter. Durastahlplatten, Steuerkonsolen,
Nahrungskonzentrate aus dem Automaten, sein Pilotensitz - das war seine Welt.
Nicht dieser schmutzige, feuchte, von Baumriesen und Planzen bedeckte und womöglich
von giftigen Lebewesen bevölkerter Mond. Wenn doch Obi-Nor endlich wieder auftauchte!
Seit 55 Standardminuten war er schon fort. Hoffentlich hatten sie ihn nicht
geschnappt. Aber nein, dann wäre längst Bewegung in die Reihen der Sturmtruppen
gekommen. Sie wären ausgeschwärmt und hätten nach weiteren Spionen gesucht.
Sturmtruppen ... Piet ließ den Gedanken in seinem Inneren nachklingen. Sturmtruppen
als Wachpersonal für eine Baustelle - vielleicht waren sie ja doch endlich am
Ziel, hatten nach ihrer sechsmonatigen Reise kreuz und quer durch die Galaxis
endlich gefunden, wonach sie suchten.
Das Donnern aktivierter Sublichtaggregate erfüllte die Lichtung. Die Lambdafähre
hob ab. Piet O'Shir wusste, dass es nun genau 2,35 Standardminuten dauern würde,
bis der nächste Frachter landete. Wer auch immer für diese Baustelle verantwortlich
war, es musste ein guter Organisator sein.
Er fröstelte. Es war dämmrig und kalt geworden. Jetzt wurde es wirklich Zeit,
dass sein Freund und Teampartner zurück kam. Es war sowieso eine verrückte Idee
gewesen, in die Senke zu schleichen, um die Baustelle aus nächster Nähe auszuforschen.
Aber Obi-Nor war ja bekannt für derartige Aktionen. Seit er mit gerade 18 Jahren
die technischen Daten des berüchtigten "Todessterns" gestohlen hatte, galt er
als Star unter den Agenten der Rebellion. Diesen Status nutzte er von Anfang
an weidlich aus. So hatte er sich über alle Vorschriften hinweg gesetzt, indem
er seine Tochter, damals noch ein Baby, in die Agentenzentrale mitgebracht hatte.
Hatte einfach behauptet, sie wäre aktiv an der "Todesstern"-Operation beteiligt
gewesen, wodurch sie sich den Status einer Agentin erworben hätte. Junge, Junge,
so dreist musste man erst einmal sein. General Madine hatte zwar die Stirn gerunzelt,
ihn aber gewähren lassen. Er hatte ein Kindermädchen aufgetrieben und Obi-Nor
gleich den nächsten Auftrag erteilt. Seitdem waren Obi-Nor Gildorian und Piet
O'Shir Partner. Während ihrer zahlreichen Operationen waren sie enge Freunde
geworden.
Piet zuckte zusammen und duckte sich tief in das feuchte Laub. Da war doch ein
Geräusch? Richtig, zwei Speeder-Bikes schossen vorbei, kaum 50 Schritte von
seinem Versteck entfernt. Zum Glück hatten die beiden Sturmtruppler ihn nicht
bemerkt. Er entspannte sich, zog einen Getreideriegel aus der Tasche und begann
zu kauen. Essen beruhigte ihn immer. Seine Gedanken wanderten wieder zu Obi-Nor
zurück. Piet war mit Abstand der bessere Pilot in ihrem Team, aber Obi-Nor der
Kopf der Operationen. Schon beeindruckend, wie er das Datennetzwerk zur Entwicklung
der TIE-Prototypen infiltriert hatte. Er hatte nur eine Schwäche, wie Piet fand.
Er war im Grunde immer noch auf der Suche nach dieser Jedi Wala Mal'Wan, der
Mutter seiner Tochter. Lange Zeit konnte er nicht akzeptieren, dass sie ihn
verlassen hatte. Erst als sich Gerüchte bestätigten, dass sie längst mit einem
anderen Mann zusammen war, wurde auch Obi-Nor klar, was längst alle wussten:
Es war vorbei, aus und vorbei. Die Veränderung, die der junge Agent durchmachte,
war sichtbar und spürbar. Er wurde härter, mutiger, wie manche fanden, oder
tollkühn, wie es Piet einschätzte. Und in den Phasen zwischen den Einsätzen
war er verschlossen und trübsinnig. Liebeskummer, dachte Piet verächtlich. Wie
konnte sich sein Freund nur derart an eine Frau binden? Ihm könnte das nie passieren!
Er war sich sicher, dass Obi-Nor oft nur durch den Gedanken an seine Tochter
davon abgehalten wurde, sein Leben mutwillig aufs Spiel zu setzen.
Bei dem Gedanken an Yo-Karah Mal'Wan verzog er den Mund. So eine verzogene und
vorlaute Göre war ihm noch nie untergekommen. Nicht, dass er sich besonders
gut mit Kindern auskannte, aber das war doch einfach nicht normal. Obi-Nor merkte
überhaupt nicht, dass die Kleine ihn mühelos um den kleinen Finger wickeln konnte.
Wie konnte man sich nur von einer Fünfjährigen tyrannisieren lassen? Ob sie
wirklich damals bei der "Operation Todesstern" eine Rolle gespielt hat, wie
ihr Vater ernsthaft behauptete?
Piet seufzte. Damals hatten sie gedacht, mit der Vernichtung der imperialen
Kampfstation hätten sie die Rebellion so gut wie gewonnen. Aber im Grunde war
das Gegenteil eingetreten. Das Imperium hatte brutal zurückgeschlagen. Stützpunkt
um Stützpunkt war erobert worden. Bis es schließlich auf Hoth zu einem fast
vollständigen Debakel gekommen war. Und dann gab es zu allem Überfluss auch
noch Meldungen, dass das Imperium einen zweiten Todesstern bauen wolle. Und
genau deshalb waren sie hier auf diesem verdammten Mond namens Endor.
"Na, träumst du gut?"
Piet zuckte zusammen und riss den Blaster hoch. Dann schloss er kurz die Augen
und atmete durch. Neben ihm hockte Obi-Nor Gildorian und grinste über das ganze
Gesicht.
"Feiner Spion bist du, wenn du noch nicht einmal bemerkst, dass sich jemand
nähert."
"Mensch, hast du mich erschreckt. Wo kommst du überhaupt her? Bist du geflogen?
Ich habe nicht das geringste gehört."
Obi-Nor ging darauf nicht ein. Statt dessen forderte er seinen Partner auf,
mit zu kommen.
"Du hast lange genug in der Feuchtigkeit gelegen. Wir hauen ab. Und diesmal
geht es nach Hause!"
"Also haben wir den Platz gefunden?"
"Ich bin mir sicher, dass unser Informant die Wahrheit gesagt hat. Ja, dort
unten wird definitiv ein Schutzschild-Generator gebaut. Von einer Größe, wie
sie nur für eine Kampfstation von der Größe des Todessterns benötigt wird. Dazu
Sturmtruppen als Wachen. Aber das ist noch nicht alles." Obi-Nor sah nachdenlich
aus. Als er weiter sprach, schien es, als rede er zu sich selbst. "Ich habe
da unten eine Präsenz gespürt ... eine Frau ... Ich glaube, sie war machtsensitiv.
Sie schien den Bauleiter zu kontrollieren. Sie war noch sehr jung, schien aber
viel Einfluss zu besitzen."
"Hübsch?" Piet grinste neugierig.
Obi-Nor grinste zurück. "Sie hatte so rote Haare wie du. Sie hätte dir gefallen
.... Okay, ich denke, wir können die Operation abschließen".
"Wird auch Zeit. Ich will endlich mal wieder ausschlafen".
Während des Gesprächs hatten sich die beiden Agenten vorsichtig von der Bodensenke
entfernt. Nun gingen sie durch den Wald zu der Lichtung, auf der ihr Raumgleiter
unter einem Tarnnetz warte. Es war inzwischen völlig dunkel geworden, so dass
sie ihre Nachtsicht-Spectoren benutzen mussten.
"Ob Sturmtruppen auch bei Nacht patrouillieren?" fragte Piet nach einer Weile.
"Kann ich mir nicht vorstellen, Piet. Die sind doch auch froh, wenn sie mal
schlafen ..."
Obi-Nor brach ab und warf sich zu Boden.
Dort lag bereits Piet und hatte den Blaster gezogen. "Dass die da vorn schlafen,
glaube ich aber nicht, Obi-Nor", flüsterte er. "Warum müssen Sturmtruppen nur
so pflichtbewusst sein?"
"Steck den Blaster weg, Piet. Wir dürfen uns auf keinen Kampf einlassen. Lass
uns einen Umweg nehmen."
Sie krochen vorsichtig zurück und bogen nach links ab. Weit kamen sie nicht,
ihr Weg endete an einer Felskante. Erst jetzt bemerkten sie, dass unter dem
weichen Waldboden massiver Fels war. Und an dieser Stelle hatte es offenbar
einmal ein Erdbeben gegeben. Das gewaltige Felsmassiv war auseinandergebrochen
und wies nun einen Einschnitt von gut 30 Metern Tiefe und über 100 Metern Breite
auf.
"Verdammt! Hier kommen wir nicht weiter", fluchte Obi-Nor.
"An der Kante entlang", schlug Piet vor. "Wenn wir hier die ursprüngliche Richtung
einschlagen, haben wir fast 200 Meter Abstand zu der Patrouille."
Sie tasteten sich an der Felskante entlang. Da der Wald bis zur Schlucht reichte,
mussten sie zuweilen direkt am Abgrund balancieren, um Baumstämmen und
Wurzeln auszuweichen. Piet O'Shir bewegte sich wie eine Katze. Obi-Nor ging
ein wenig schwerfälliger hinterher.
Nach einer Weile wandte Piet sich um. "So, gleich sind wir auf der Höhe der
Lichtung. Wir ... Was ist mit dir?"
Obi-Nor war stehen geblieben und schien zu lauschen. Dann krümmte er sich plötzlich
wie von einem Hieb getroffen. Er schwankte.
"Hey, pass auf! Du fällst gleich runter!" Mit einigen Sätzen war Piet bei seinem
Freund und hielt ihn fest. "Obi-Nor! Was ist los?"
Obi-Nor keuchte und taumelte. Er ließ sich zu Boden gleiten. Schweiß stand auf
seiner Stirn.
"Wala", flüsterte er. "Wala ..." Dann vergrub er sein Gesicht in seinen Händen.
"Was hast du gespürt? Ist etwas mit Wala?"
Piet O'Shir hatte im Laufe der Jahre akzeptiert, dass es diese geheimnisvolle
‚Macht' gab, von der ihm sein Freund oft erzählte.
Obi-Nor atmete tief durch. "Eine Erschütterung der ‚Macht'. Es war ... Sie ist
... Wala Mal'Wan ist tot".
Mehr sagte er nicht. Er erhob sich und machte Anstalten, weiter zu gehen.
Piet hielt ihn fest. "Ist das alles, was du dazu sagst?"
Obi-Nor seufzte. "Piet, es ist vorbei. Aus und vorbei. Nicht erst seit eben.
Es ist doch schon lange Schluss. Das Band, was zwischen uns existierte, hatte
nur noch für mich eine Bedeutung. Nicht mehr für sie. Als ich gerade ihren Tod
gespürt habe, da ..." - er suchte nach den richtigen Worten - "... da war es
wie eine Befreiung. Ich habe es wie eine Botschaft von ihr gespürt. Als wollte
sie mir zurufen ‚Gib mich endlich frei'. Ich weiß, es klingt verrückt", fügte
er angesichts von Piets skeptischem Gesichtsausdruck schnell hinzu, "und vielleicht
war es auch nur meine eigene innere Stimme, die es mir gesagt hat. Aber ich
muss endlich von ihr Abschied nehmen."
Er machte eine Pause.
Als er wieder sprach, war seine Stimme nur noch ein Flüstern. "Wie soll ich
es bloß Yo-Karah beibringen ..."
Piet legte seinen Arm um die Schultern seines Freundes. "Komm Alter, ich bringe
dich erst mal nach Hause. Wird sich schon alles finden".
Der Rebellenstützpunkt befand sich mitten im Nichts, weit außerhalb der letzten
Welten des "Äußeren Randes" der Galaxis. Es gab eine Raumstation, einige
Wohn- und Lazarettschiffe, ein paar Frachter und natürlich eine Menge Raumkreuzer.
Aber was die Rebellion nicht mehr hatte, war ein militärischer Stützpunkt auf
festem Boden. Kein Planet, kein Mond in der riesigen Galaxis war mehr vor dem
Zugriff des Imperiums sicher. Es existierten zwar noch subversive Operationsbasen
und geheime Nachschub-Depots, aber die Raumflotte der Rebellen hatte keinen
anderen Zufluchtsort als die Weite des Weltalls.
Obi-Nor und Piet suchten nach ihrer Ankunft unverzüglich General Crix Madine
auf. Der Koordinator sämtlicher Agenten-Operationen der Rebellion hörte nachdenklich
zu, wie die beiden von ihrem Irrflug kreuz und quer durch die Galaxis berichteten,
von den Informationen, die sie Stück für Stück zu einem stimmigen Bild zusammengesetzt
hatten, und schließlich von ihren Beobachtungen auf Endor.
Madine schwieg eine Zeit lang nachdenklich, als sie geendet hatten.
"Also ist es wahr", meinte er schließlich. "Ein neuer Todesstern." Er seufzte.
"Hört das denn niemals auf?"
"Können wir gehen, Sir?" fragte Piet ungeduldig. "Wir können etwas Ruhe gebrauchen."
"Einen Moment noch," hielt ihn Madine zurück. "Morgen müssen wir noch ausführlich
darüber reden, aber ich kann es Ihnen auch jetzt schon mitteilen: Endor war
wohl der letzte Agenten-Einsatz für Sie beide."
"WAS?!" Piet wollte aufbrausen, doch Madine hob beschwichtigend die Hand.
"Sie bleiben natürlich im Dienst der Allianz. Aber wir haben eine ganz neue
Verwendung für Sie. Wir benötigen dringend mehr finanzielle Mittel. Eigentlich
sind wir so gut wie bankrott. Es gibt viele Händler, die sich nicht um Zölle
und Steuern kümmern und so jede Menge Credits verdienen. Ich habe schon länger
gedacht, dass das genau der richtige Job für Sie ist."
Obi-Nor zog die Augenbraue hoch. "Verstehe ich das richtig, dass wir Schmuggler
werden sollen, Sir?"
Madine lächelte. "Moralische Probleme? Nennen Sie es ‚schmuggeln', nennen Sie
es ‚freier Handel'. Wenn Sie keine Probleme haben, das Imperium besiegen zu
wollen, dürfen Sie auch nicht davor zurückschrecken, ihm Steuern vorzuenthalten."
"Das waren nicht meine Bedenken, Sir", entgegnete Gildorian. "Ich frage mich
vielmehr, was für uns dabei herausspringt."
Piet starrte seinen Freund verständnislos an. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Auch Madine runzelte die Stirn. "Sie reden von Gewinnbeteiligung?"
"Sir, Sie wollen, dass wir Geschäftsleute werden. Also fangen wir gleich damit
an. Mein Partner und ich bieten Ihnen eine Gewinnbeteiligung von 40%. Sind Sie
damit einverstanden?"
Piet rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.
Madine lief rot an. "Sie wollen 60% des Gewinns behalten?!"
"Gewiss, Sir. Ein faires Angebot. Vergleichen Sie doch einmal das Risiko: Wir
setzen Leib und Leben ein. Sie nur das Raumschiff, das Sie uns zur Verfügung
stellen, also lediglich Investitionskapital."
Plötzlich begann General Madine über das ganze Gesicht zu grinsen. "Das war
die Bestätigung", meinte er zufrieden. "Wenn jemand für den Job geeignet ist,
dann Sie. Okay, Sie kriegen 50%. Nehmen Sie an, oder soll ich Sie unter Arrest
stellen?"
"Sir, bei dieser Alternative würde ich sagen: Wir sind im Geschäft."
"Also gut." Madine erhob sich. "Alles weitere hat Zeit bis morgen."
"Papa!"
Yo-Karah ließ ihre Puppe fallen und rannte mit ausgestreckten Armen auf Obi-Nor
zu. Der fing seine Tochter auf und wirbelte sie durch die Luft.
"Ich bin so froh, dass ich wieder bei dir bin, meine Prinzessin!"
Er trug das Mädchen zu einem der Sessel in ihrer Wohneinheit.
"Erzähl mal Yo, wie ist es dir ergangen, als ich weg war."
"Och, ganz gut, so lange Tante Leia noch da war, aber die ist weggefahren, um
Master Solo zu befreien, und Mistress Winter hat mit mir oft geschimpft, weil
ich andere Kinder gehauen habe, aber die haben mich doch geärgert, und Space-Pocken
hab ich gehabt und Captain Antilles hat mich in den Flugsimulator mitgenommen
und ich hab dir ein Bild gemalt und ..."
Unvermittelt fing Yo-Karah an zu weinen.
"Ich habe von Mama geträumt. Der böse Mann hat ihr weh getan. Der hat sie gehauen
mit einem Lichtschwert, wie Luke Skywalker eins hat. Sie hat ..."
Sie schluchzte laut.
Obi-Nor nahm seine Tochter in den Arm. "Hast du es auch gespürt?" flüsterte
er.
Yo-Karah blickte ihn mit großen Augen an. "Ist Mama tot?"
"Ja", nickte er. "Mama ist tot."
Das Mädchen schmiegte sich an ihn und weinte. Er streichelte zärtlich ihr Haar,
wiegte sie sanft hin und her und beruhigte sie mit Hilfe der ‚Macht'.
"Ich glaube, es ist gut, wenn du von deinem ‚Traum' erzählst", meinte er nach
einer Weile. "Was ist passiert?"
Es gelang ihm nicht auf Anhieb herauszubekommen, was Yo-Karah gespürt hatte.
Sie erzählte recht wirr und hatte furchtbare Angst vor dem "bösen Mann", der
ihre Mutter getötet hatte. Obi-Nor reimte sich einiges zusammen und ergänzte
die Schilderung seiner Tochter aufgrund seiner eigenen Erfahrung auf Endor.
Auch Yo-Karah hatte die Erschütterung der Macht gespürt. Sie hatte gefühlt,
wie Darth Vader - nur um ihn konnte es sich handeln - ihre Mutter in einem Lichtschwert-Duell
getötet hatte. Und auch sie hatte so etwas wie eine Botschaft, einen Auftrag
ihrer Mutter empfangen.
"Mama will, dass ich ihr Lichtschwert bekomme", wiederholte sie mehrere Male.
"Bringst du es mir, Papa?"
‚Gib mich endlich frei', ‚nimm mein Lichtschwert', dachte Obi-Nor. Zwei Vermächtnisse
von Wala Mal'Wan.
"Ja," sagte er schließlich. "Ich werde es dir bringen."
"Wirklich?"
"Wirklich!"
"Versprochen?" insistierte Yo-Karah.
"Versprochen!"
"Großes Rebellen-Ehrenwort?"
Obi-Nor runzelte die Stirn. "Yo-Karah, wenn ich sage, ich besorge dir das Lichtschwert
deiner Mutter, dann tue ich es. Ich verspreche es dir hiermit feierlich mit
dem großen intergalaktischen Ehrenwort, okay?"
Yo-Karah dachte nach.
"Gut", sagte sie schließlich. "Damit bin ich zufrieden."
Einige Tage später begab sich General Madine zur Andockschleuse der Raumstation,
um die frisch gebackenen Schmuggler zu verabschieden. Obi-Nor Gildorian und
Piet O'Shir hatten den kleinen alten Raumfrachter, der ihnen zur Verfügung
gestellt wurde, in einer schlichten Zeremonie auf den Namen Courier I
getauft. Die Zahl sollte andeuten, dass sie hofften, im Laufe der Zeit ein besseres
und größeres Schiff zu erwirtschaften. Bei dieser Vorstellung schüttelte
Madine innerlich den Kopf. Die Allianz stand kurz vor dem Untergang, und dieser
Gildorian plante bereits für eine in weiter Ferne liegende ökonomische
Zukunft. Diesen unerschütterlichen Optimismus hätte er auch gern.
Die letzten Ladedroiden verließen das Schiff, und der Catering-Controller
gab das Zeichen, dass alles zum Abflug bereit war.
Madine musterte die kleine Crew, die sich anschickte, an Bord zu gehen. Ein
naiv wirkender, bleich aussehender blonder Jüngling, ein kleiner rothaariger,
sommersprossiger Kerl in einem zu groß geratenen Piloten-Overall und -
ein frech dreinblickendes fünfjähriges Mädchen mit einer Puppe
in der Hand.
"Sie haben es sich nicht anders überlegt, Gildorian?" fragte
er skeptisch. "Sie wollen wirklich Ihre Tochter mitnehmen? Das Schmuggler-Geschäft
ist kein Kinderspiel!"
"Ich weiß, Sir. Aber ich lasse sie nicht noch einmal so lange allein."
"Nun gut. Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun. Möge die 'Macht' mit
Ihnen sein!"
Die Crew ging an Bord, und die Schleuse wurde eingefahren.
Madine beobachtete, wie sich der Frachter langsam von der Raumstation entfernte,
an Fahrt gewann und schließlich in den Hyperraum sprang.
Madine starrte nachdenklich in die Schwärze des Weltraums hinaus. Er fragte
sich, ob er die beiden Agenten - Ex-Agenten, verbesserte er sich - jemals wiedersehen
würde.
"Preis
und Leistung sollten stets in einem ausgewogenen Verhältnis stehen"
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler
Unter allen bewohnten Planeten im C'sis-Sektor war Crispin III sicherlich
der trostloseste. Die wenigen Inseln, die aus dem beinahe die gesamte Oberfläche
bedeckenden, stark schwefelhaltigen Meer emporragten, bestanden aus hartem,
unfruchtbarem Gestein. Nur hier und da wuchsen in Felsspalten rot schimmernde,
giftige Flechten. Einige Insektenspezies und wurmartige Weichtiere, die mit
Hilfe von Saugnäpfen an den Felsen klebten, bildeten die gesamte Fauna,
wenn man von Mikroben einmal absah. Die Atmosphäre war für Sauerstoff-Kohlenstoff-Atmer
gerade noch erträglich, doch die meisten Menschen, die sich mehr als ein
paar Stunden im Freien aufhielten, benutzen ein Atemgerät, um Lungenerkrankungen
vorzubeugen. Eigentlich gab es überhaupt nur zwei Gründe, diesen Planeten
anzusteuern. Einmal, weil er mitten im Kreuzungspunkt wichtiger Handelsrouten
des "Äußeren Randes" der Galaxis lag. Der Raumhafen von
Crispin III beherbergte deshalb mehrere kleine Werften sowie Catering-, Tool-
und Logistik-Services, die alles auf Lager hatten, was ein Handelsschiff je
brauchen könnte - zu horrenden Preise, versteht sich. Der andere Grund
war die Cantina von F'flhorrt "Spider" U'zzmorrh.
Weit und breit gab es keine größere Auswahl an hochprozentigen Drinks,
die U'zzmorrh selbst herstellte und zum Teil auch an andere Planeten des "Äußeren
Rands" verkaufte. Das Ale war vom feinsten. Stets spielten hervoragende
Nachwuchs-Jizzbands - auch Max Rebo und Sy Snootles hatten hier Engagements
gehabt, bevor sie berühmt wurden - und von Zeit zu Zeit gastierten Tanzgruppen.
Der eigentliche Star aber war F'flhorrt U'zzmorrh selbst. Er war ein etwa menschgroßer
Insektoid, was ihm bei seinen Gästen den Namen "Spider" eingebracht
hatte. Mit seinen sechs Armen konnte er gleichzeitig drei verschiedene Drinks
mixen, einem Kunden Wechselgeld herausgeben, einen zahlungsunwilligen Gast mit
einem Blaster bedrohen und die Theke abwischen. Die Theke war übrigens
kreisrund. Schon das war eine Sensation, die nur möglich war, weil U'zzmorrhs
Rücken und Hinterkopf stark gepanzert waren. Kein anderer Barkeeper hätte
es riskiert, ständig einem Teil seiner Gäste den Rücken zuzukehren.
Jetzt bestand freilich keine Gefahr eines hinterhältigen Angriffs. Es war
früh am Abend, und bislang hatten sich nur acht Gäste in der Cantina
eingefunden, die U'zzmorrh alle gut im Blick behalten konnte. Drei Kynocks waren
mit einem Würfelspiel beschäftigt, kippten einen Drink nach dem anderen
und diskutierten lautstark in einer kehligen Sprache, die U'zzmorrh nicht verstand.
Zwei weibliche Sirolaner hatten ihre Rüssel in große Suppenschalen
getaucht und genossen schweigend ihre Mahlzeit. Außerdem waren noch drei
Menschen anwesend. Natürlich Dentor Jarnix, der jeden Tag an der Theke
saß und sein bescheidenes Vermögen versoff. Und diese beiden Schmuggler,
die seit gestern auf Crispin III herumhingen.
Schon bei ihrem ersten Besuch in der Cantina vor sechs Wochen hatte U'zzmorrh
auf den ersten Blick erkannt, dass diese Menschen blutige Anfänger im Schmugglergeschäft
waren. Der Anblick des kleinen Rothaarigen, der in einem überdimensionierten
Pilotendress herumlief, reichte aus, dass niemand, der in der Freihandelsbranche
tätig war oder einen Schmuggler anheuern wollte, diese beiden Gestalten
ernst nahm. Und die rührende Art, wie der Blonde versucht hatte, an Aufträge
zu kommen, hatte allseits für Erheiterung gesorgt. Als er dann noch verlauten
ließ, dass er auf der Suche nach einem verschollenen Lichtschwert sei,
hatte er regelrecht Mitleid ausgelöst. Nicht dass U'zzmorrh selbst irgendwelche
Emotionen gespürt hätte, dazu war er nicht fähig. Er hatte lediglich
konstatiert, was er an Sinneseindrücken aufnahm, und es in rationales Kalkül
umgesetzt. Zwei Monate würden die beiden durchhalten, vielleicht drei.
Dann würden sie pleite sein - oder tot. Immerhin war er es dann gewesen,
der ihnen einen Auftrag verschafft hatte. Nur eine Schiffsladung reinen Alkohol,
keine große Sache. Aber sie waren froh gewesen, überhaupt ein wenig
verdienen zu können. Weil sie ordnungsgemäß geliefert hatten,
hatte er ihnen weitere Aufträge in Aussicht gestellt. Deshalb waren sie
jetzt wieder hergekommen. Doch vergebens: U'zzmorrh war rundum versorgt. Und
nun saßen sie in seiner Cantina und stocherten trübe in ihrem Essen.
In diesem Augenblick winkte der Blonde herüber und bestellte noch einmal
ein Getränk.
"Nochmal ein Ale, Spider!"
Obi-Nor Gildorian zeigte dem Wirt sein leeres Glas, dann wandte er sich wieder
seiner Mahlzeit zu. Eigentlich hatte er gar keinen Appetit. Piet schien auch
nichts essen zu wollen, denn er schob den Teller weg und erhob sich.
"Ich gehe zum Schiff zurück. Yo-Karah wacht bestimmt gleich auf."
Gildorian nickte abwesend.
"Ja, ist gut. Ich komme auch gleich. Bin total müde. Die Zeitverschiebung
macht mich fertig."
Als Piet gegangen war, starrte Obi-Nor grübelnd vor sich hin. Nein, so
hatte er sich seine Schmuggler-Karriere nicht vorgestellt. Seit vier Monaten
waren sie nun unterwegs, aber alles, was sie bisher vorzuweisen hatten, waren
ein paar Schnapslieferungen. Bitter stellte er fest, dass Schnapshändler
auf der untersten Stufe der heimlichen Hierarchie unter den Schmugglern rangierten.
Er wusste, dass die älteren und lange im Schmuggel-Geschäft tätigen
Händler ihn nicht ernst nahmen. Wenn ihnen doch einmal eine richtig große
Herausforderung unterkommen würde ... Er hätte nie gedacht, dass es
so schwer sein würde, an Aufträge zu kommen.
Das einzige, was in den letzten Monaten erstaunlich gut geklappt hatte, war
die Entwicklung ihres Teams. Nicht nur, weil Piet als Techniker und Pilot und
er als eine Art Geschäftsführer sich ideal ergänzten. Sondern
auch, weil sich Yo-Karah als nützliches Crew-Mitglied entpuppte. Sie musste
eine Stunde am Tag lesen, schreiben und rechnen lernen, sonst aber übte
sie sich in praktischeren Dingen. Schon bald konnte sie nähen und stopfen,
den Reinigungsdroiden programmieren und den Nahrungsautomaten bedienen. Darüber
hinaus saß sie bei Hyperraumflügen stundenlang im Cockpit und löcherte
Piet mit Tausenden von Fragen.
"Warum blinkt die Lampe da? Wohin sind die Sterne verschwunden? Kann ich
mal auf den roten Knopf drücken? Was ist ein Suppenlichtmovator?"
Am Anfang war der Pilot von der Fragerei genervt. Aber als er spürte, dass
sie echtes Interesse zeigte und sogar zu verstehen versuchte, was ein Sublichtmotivator
war, begann er, ihr die Instrumente, die Grundlagen der Navigation und Details
der Antriebssysteme zu erklären. Wahrscheinlich würde sie eher fliegen
als die Pilotenhandbücher lesen können.
Jedenfalls war das Wagnis, das Mädchen mitzunehmen, bis jetzt gutgegangen.
Aber an ihrem Status in der Schmugglerwelt musste sich dringend etwas ändern.
Obi-Nor war auch klar, wie sie das erreichen konnten. Das Zauberwort hieß
"Spice". Mit der weichen, nichtsdestotrotz illegalen Droge konnte
man auf manchen Planeten riesige Gewinnspannen erzielen, die höchsten selbstverständlich
auf Coruscant. Natürlich stieg aufgrund der Kontrollen in den Raumhäfen
das Risiko, erwischt zu werden, proportional zu den Gewinnmargen. Außerdem
würde es einen weiteren Schritt in die Illegalität bedeuten. Als Schnapsschmuggler
umgingen sie nur Zollvorschriften; der Schnapshandel an sich war erlaubt. Im
Unterschied dazu war bereits der Besitz von Spice strafbar. Doch das war nicht
ihr Hauptproblem. Denn erst einmal brauchten sie eine Menge Credits, um eine
Schiffsladung in einem Spice-Anbaugebiet zu kaufen. Und damit stand er wieder
am Anfang seiner Überlegungen. Ein Dilemma.
Die Tür der Cantina ging auf, und ein weiterer Gast betrat den Raum. Obi-Nor
blickte auf. Es war ein Mensch, der sich im dämmrigen Licht des Raumes
umschaute, dann aber zielstrebig auf ihn zusteuerte.
"Ich hab' was du suchs'", begann er.
"Ach ja?" Obi-Nor musterte ihn. Der Mann sah furchteinflößend
aus. Mindestens zwei Meter groß, breitschultrig und mit muskulösen
Armen ausgestattet. Sein kantiger Schädel kahl rasiert. Die Nase von früheren
Brüchen schief. Über die linke Wange zog sich eine lange, schlecht
verheilte Narbe. Bedrohlich war aber vor allem der große Hand-Blaster,
der in einem Halfter am Oberschenkel steckte.
"Du suchs' doch ein Lich'schwert oder nich'?"
"Schon möglich..."
"Ich habs hier drin". Er klopfte auf den Beutel aus grobem Tuch, den
er auf die Theke gelegt hatte.
"Hör mal, ich suche nicht irgendein Lichtschwert. Ich brauche ein
ganz bestimmtes." Obi-Nor versuchte, desinteressiert zu klingen. Doch seine
Müdigkeit war bei dem Thema 'Lichtschwert' sofort verflogen.
"Du suchs' das Lich'schwert von Wala Mal'Wan, nich'?"
Obi-Nor bemühte sich erst gar nicht, seine Überraschung zu verbergen.
"Du hast ihr Lichtschwert dort im Beutel? Zeig her!"
"Langsam, Jungchen, langsam. Was is' mit den Credits?"
"Die habe ich hier." Obi-Nor zog einige Goldmünzen aus der Tasche.
"500 Credits, wie angekündigt. Mein Motto ist: 'gute Ware - gute Bezahlung'"
Beim Anblick der Münzen kroch Gier in die Augen des Fremden.
"Gib her. Hier is' das Lich'schwert".
Er zog einen länglichen, metallenen Gegenstand aus dem Beutel. Es war unverkennbar
der Griff eines Lichtschwertes.
"Weiß nich', obs noch funktioniert. War aber auch nich' abgemacht."
Obi-Nor nahm den Griff in die Hand, wog ihn, betrachtete ihn, strich über
das Metall. Schließlich legte er ihn wieder auf die Theke.
"Das ist nicht Wala Mal'Wans Lichtschwert", sagte er ruhig. "Das
ist überhaupt kein Lichtschwert. Es ist eine Fälschung. Du wolltest
mich reinlegen."
Der Fremde riss den Blaster aus dem Halfter und richtete ihn auf Obi-Nors Kopf.
"Spuck nich' so große Töne, Jungchen. Ich bin Schwerverbrecher,
auf 12 Planeten zum Tode verurteilt. Dich mache ich fer ..."
Er brach plötzlich ab, erstarrt in seiner Bewegung. Sein Mund war weit
aufgerissen, als wollte er aufschreien. Aber er brachte keinen Ton heraus. Die
Vibro-Klinge in seiner Kehle verhinderte es. Dann brach er lautlos zusammen
und schlug hart auf dem Boden auf.
Obi-Nor zog sein Messer aus dem Hals des Toten und wischte die Klinge ab. Dann
sammelte er seine Credits ein. Eine Münze schob er Spider U'zzmorrh hin.
"Hier. Ist für den Dreck, den ich gemacht habe."
Er ging zur Tür, wandte sich ab noch einmal um. Als er sprach, waren seine
Worte nicht nur an den Wirt gerichtet, sondern auch an die übrigen Gäste,
die die Szene verfolgt hatten.
"Mein Motto hat noch einen zweiten Teil: 'schlechte Ware - schlechte Bezahlung'".
Dann war er verschwunden.
Als sich F'flhorrt U'zzmorrh daran machte, die Leiche fortzuschaffen, überdachte
er seine Prognose über die Zukunft der beiden Schmuggler-Neulinge. Noch
nie hatte er einen Menschen derart schnell mit einem Messer hantieren sehen.
Vielleicht würden der Blonde und sein Partner doch länger überleben
als zwei Monate.
"Anflugkontrolle Rus Bator, hier ist die Courier I auf dem Flug
von Crispin III. Bitten um Landeerlaubnis."
"Courier I, hier ist Anflugkontrolle Rus Bator. Landerlaubnis negativ.
Wiederhole: negativ."
Piet O'Shir schaute erstaunt zur Seite.
Obi-Nor zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, was das los ist. Frag
nochmal. Die müssen uns einfach reinlassen!"
"Anflugkontrolle, dies ist ein ordnungsgemäß registriertes Schiff.
Wir müssen landen. Die Steuerung für unsere Frontaldeflektoren ist
defekt. Wir brauchen Hilfe von einer Ihrer Raumwerften."
"Courier I, ich wiederhole: Landerlaubnis negativ. In der Tarlit-Minenkolonie
Bator 2 ist eine Epidemie ausgebrochen. Rus Bator steht unter Quarantäne.
Ein- und Ausreisen sind untersagt. Tut mir Leid, aber Sie müssen ohne Frontaldeflektor
weiter."
"Epidemie?" Piet O'Shir runzelte die Stirn. "Können Sie
uns mitteilen, um welche Krankheit es sich handelt?"
"Narma-Fieber. Seit zwei Wochen."
Piet unterbrach die Komverbindung. "Ach du Scheiße. Narma-Fieber.
Nichts wie weg hier."
"Warte mal!" Obi-Nor zog die Stirn kraus. "Ich glaube, ich habe
da eine Idee."
Er aktivierte die Komverbindung.
"Anflugkontrolle Rus Bator. Hier spricht Obi-Nor Gildorian, der Captain
der Courier I. Wir haben Medikamente gegen Narma-Fieber an Bord. Wir erbitten
Landeerlaubnis."
Er grinste zu Piet herüber, dessen Gesicht ein einziges Fragezeichen war.
"Courier I, Sie haben Narmathan an Bord? Der Besitz von Narmathan
ist illegal."
"Äh, nein. Es ist ein anderes Mittel. Frisch aus dem Testlabor von
Carvis. Wir, äh, können es wohl verantworten, unsere Frachtpläne
zu ändern."
"Warten Sie einen Moment."
Die Komverbindung brach ab.
O'Shir konnte sich nicht mehr zurückhalten.
"Was redest du da! Medikamente gegen Narma-Fieber! Was soll das Ganze überhaupt?"
"Piet, was weißt du über Narma-Fieber?"
"Hm, nicht viel. Befällt Menschen und Humanoide. Nicht lebensgefährlich,
aber furchtbar ansteckend. Das Imperium hat schon ganze Sonnensysteme unter
Quarantäne gestellt."
"Ja, und die Symptome sind laut 'Datathek der Medizin': 'hohe Körpertemperatur,
bohrende Kopf- und Gliederschmerzen und allgemeines Schwächegefühl'.
Die Krankheit dauert bei den meisten Menschen wochenlang und zieht meist eine
längere Erholungsphase nach sich, in der die Patienten nur langsam zu Kräften
kommen. Tja, Piet", lächelte Obi-Nor. "Ich bevorzuge halt andere
Lektüre als 'Handbuch des Hyperraumflugs' oder 'Helden der Raumfahrt'.
Jedenfalls gibt es nur ein bekanntes Gegenmittel, die Halluzinationsdroge Narmathan.
Die macht aber süchtig und ist deswegen verboten."
Er machte eine Pause und starrte durch die Sichtfenster auf den grau-braunen
Planeten vor ihnen.
"Was meinst du", fuhr er fort, "wie viele Menschen leben in einer
Minenkolonie wie Bator 2? Zehntausend? Wenn die alle krank sind, bedeutet das
für die Minengesellschaft ruinöse Verluste."
"Alles gut und schön, aber wir haben nun mal keine Medikamente
gegen Narma-Fieber an Bord. Was hast du bloß vor?"
Obi-Nor wollte antworten, doch da wurde die Komlinkverbindung wieder aktiviert.
"Courier I, hier spricht Colonel Timozz B'Metty, der Sicherheitschef von
Rus Bator Spaceport. Sie behaupten, Sie haben ein Gegenmittel gegen Narma-Fieber
an Bord? Einen solchen Zufall soll ich Ihnen glauben?"
"Aber Sir, wenn Sie uns landen lassen, kann ich es beweisen. Lassen Sie
mich einfach in das befallene Gebiet. Meinen Sie, ich würde mich freiwillig
in die Minenkolonie begeben, wenn ich keine Medikamente dabei hätte?"
Piet O'Shir ließ mehrere Tropfen einer klaren Flüssigkeit auf einen
Löffel tropfen. Dann tauchte er den Löffel in ein Glas Wasser und
nahm einen Schluck.
"Auch nicht besser", meinte er enttäuscht. "Schmeckt immer
noch wie verdünnter Schnaps. Auf keinen Fall wie Arznei. Das kauft dir
nie einer ab!"
"Soll ich noch etwas Pfeffer reinschütten?" bot Yo-Karah an.
"Bloß nicht!" wehrte Obi-Nor ab. "Nein, ich habe eine andere
Idee. Bin gleich wieder da."
Er ging in seine Schlafkabine und kam mit einem kleinen Fläschchen zurück.
"Hier. Parfüm. 'Corellianische Rosen'. Rein damit!"
Piet staunte nicht schlecht. Es war das sündhaft teure Lieblingsparfüm
von Wala Mal'Wan gewesen. Obi-Nor hatte ihm erzählt, dass er es für
Yo-Karah aufbewahren wollte. Und jetzt schüttete er es einfach in den Kanister
mit der selbst zusammengepanschten "Medizin"!
Obi-Nor gab das leere Fläschchen seiner Tochter. "Hier, Yo-Karah,
riech mal, was für ein schöner Duft 'Corellianische Rosen' ist. Heb
das Fläschchen gut auf. Wer weiß, vielleicht kannst du eines Tages
das gleiche Parfüm für dich selbst darin aufbewahren."
Yo-Karah schnupperte an dem Fläschchen und strahlte vor Freude. "Riecht
das gut!"
Piet probierte erneut einige Tropfen. "Schon besser. Viel besser. Das kann
jetzt als Medizin durchgehen. Nur heilen kannst du damit gewiss nichts."
"Dafür brauche ich nicht die Medizin", entgegnete Obi-Nor, "sondern
die 'Macht'".
Der Administrator von Bator 2, ein kleiner und jetzt sehr krank aussehender
bleicher Mann von etwa 60 Jahren, begrüßte Obi-Nor, nachdem dieser
mit einem Landgleiter die dreifach gesicherte Quarantäne-Sperre passiert
hatte. Es bereitete ihm sichtlich Mühe, sich auf den Beinen zu halten.
"Ich bin Donko Stasera. Ich freue mich, dass Sie sich zu uns in die Quarantäne
begeben. Wenn Sie uns wirklich helfen können, dann weiß ich nicht,
wie ich Ihnen danken soll."
"Credits", antwortete Obi-Nor, "sind mir lieber als Dankesbezeugungen."
Sie gingen in eine Art Versammlungsraum, wo sich Dutzende von fiebrigen Menschen
auf Stühlen oder einfach auf dem Boden kauerten.
"Die Freiwilligen für den ersten Test", erklärte Stasera.
"Ich gehöre auch zu ihnen."
Obi-Nor schluckte innerlich. Mit so vielen Testpatienten hatte er nicht gerechnet.
Doch dann straffte er sich: Augen zu und durch!
"Ich brauche ein Behandlungszimmer mit einer Liege", erklärte
er. "Und dann kommen alle einzeln der Reihe nach dran."
In den nächsten Stunden hielt Obi-Nor "Sprechstunde"
in einem umgestalteten Büroraum ab. Erst verabreichte er den Patienten
einige Tropfen der Medizin. Dann mussten diese sich hinlegen; angeblich, damit
das Mittel nicht zu schnell in die Blutbahn geriet. In Wirklichkeit tastete
Obi-Nor mit Hilfe der 'Macht' nach dem Schmerzzentrum der Patienten, um die
Symptome der Erkrankung zu lindern. Als endlich alle Personen behandelt waren,
fühlte er sich ausgelaugt. Der intensive Gebrauch der Macht hatte ihn völlig
erschöpft. Er rollte sich einfach selbst auf der Liege zusammen und schlief
sofort ein.
Am nächsten Tag wiederholte er die Prozedur. Am Ende war er noch müder
als am Vortag. Er fragte sich, ob er überhaupt noch einen weitere Behandlungstag
würde durchhalten können. Hoffentlich hatte Piet inzwischen den Deflektorschild
reparieren und Lebensmittelvorräte einkaufen können. Da Obi-Nor das
Narma-Fieber unweigerlich auch bekommen und seine Crew anstecken würde,
mussten sie die nächsten Wochen isoliert im Weltraum bleiben. Keine verlockende
Aussicht, aber absolut notwendig, um die Krankheit nicht in jedes Sternsystem
einzuschleppen, das sie ansteuerten.
Abends kam Stasera zu ihm. Er sah immer noch bleich aus, doch seine Stimme klang
bereits kräftiger.
"Das Medikament scheint zu wirken, Mr. Gildorian. Ich fühle mich schon
deutlich besser."
"Gut, morgen werden wir eine letzte Behandlungsrunde machen, aber die Finanzfrage
hätte ich gern heute noch geklärt."
"Ich habe über Ihr Angebot nachgedacht. 10 Credits pro Portion. Und
das mal 10.483 Personen! Ich darf eigentlich nicht über so viel Geld verfügen."
"Nun, runden wir es ab auf 100.000 Credits. Dafür ist die Mine in
zwei Wochen wieder voll einsatzbereit. Ansonsten ruht die Tarlit-Produktion
noch drei Monate. Sie müssen die Minengesellschaft nicht über unser
Geschäft informieren. Denken Sie sich was aus. Fehldiagnose oder sonstwas.
Wir regeln die ganze Sache inoffiziell. Ich muss ja auch erklären, wie
ich die Medizin unterwegs verloren habe."
Er beugte sich vor und schaute Donko Stasera direkt in die Augen.
"Kommen Sie, Sie haben doch hier irgendwo noch ein Finanzdepot für
Notfälle. Für Fälle wie diesen hier. Geben Sie mir das Geld,
und ich verschwinde morgen. Und wir beide haben uns nie gesehen."
Stasera nickte. "Goldbarren. Ohne Prägestempel. Sie kriegen Goldbarren
im Wert von 100.000 Credits. Und danach sehen wir uns nie wieder!"
Obi-Nor grinste. "Abgemacht. Sie bestechen die Flugkontrolle, damit wir
hier wieder rauskommen. Und dann werde ich Rus Bator nie wieder anfliegen. Darauf
gebe ich Ihnen mein Wort."
Als sie in den Hyperraum gesprungen waren, stieß Piet O'Shir einen Jubelschrei
aus.
"100.000 Credits! WAHNSINN! Madine wird Augen machen. Und für uns
bleibt immer noch genug übrig, um uns einen nagelneuen, doppelt so großen
Frachter zu kaufen!"
Obi-Nor lehnte sich erschöpft zurück. "Puh, das war richtig harte
Arbeit für das Geld!"
Yo-Karah schnallt sich von dem dritten Sitz im Cockpit ab und umarmte ihren
Vater. "Und du hast alle zehntausend Menschen geheilt, Papa?"
Piets Euphorie war sofort verflogen.
"Ich, äh, schau mal nach dem Laderaum ...", murmelte er und verschwand.
Obi-Nor seufzte.
"Ich habe nicht alle Zehntausend geheilt. Es waren eigentlich nur ein paar.
Die anderen müssen warten, bis das Fieber von selbst weggeht."
"Und die paar haben dir so viel dafür bezahlt, dass wir uns einen
neuen Frachter kaufen können?"
"Tja, weißt du, Yo, es gibt eben großzügige Menschen ...".
Kyle Fjellravn war der Prototyp des imperialen Verwaltungsbeamten, unkreativ,
aber penibel. Seit 15 Jahren versah er seinen Dienst im Wirtschaftsministerium.
Genauer gesagt in der Hauptabteilung Produktion, Abteilung Bodenschätze,
Bereich Schwermetalle, Sektion "Äußerer Rand", Referat
Tarlit und Thermium, Sachgebiet Produktionsstatistik. Gewissenhaft prüfte
er Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr die Zahlen aus
den diversen Minenkolonien, analysierte sie mit Hilfe der standardisierten Datenverarbeitung
und erstellte seine Monatsberichte. Er konnte nichts Langweiliges an den immer
gleichen Routineaufgaben finden. Er tat nur seine Pflicht, das war alles. Ebenso
war es für ihn nicht aufregend gewesen, dass aufgrund eines seiner Berichte
der große Thermium-Skandal vor drei Jahren aufgeflogen war. Der Skandal
hatte den Wirtschaftsminister den Kopf gekostet (im wörtlichen Sinne),
doch Fjellravn war davon nicht weiter beeindruckt. Er hatte seine Pflicht getan,
nicht mehr und nicht weniger.
Als Fjellraven die Monatsstatistik aus Bator 2 auf den Tisch bekam, war ihm
auf den ersten Blick klar, dass etwas nicht stimmte. Dennoch ließ er es
sich vorschriftsmäßig durch das Analyseprogramm bestätigen.
Dann legte er einen Aktenvermerk vom Typ C35 an ("Kontrolle erforderlich;
Anforderung weiterer verfügbarer Daten; Wiedervorlage") und wandte
sich der nächsten Minenkolonie zu. Drei Tage später brachte ihm der
Computer den Vorgang automatisch wieder auf den Bildschirm. Fjellravn las die
einander widersprechenden Berichte des Minenadministrators und des Leiters der
Anflugkontrolle und überprüfte verschiedene Datenbanken. Schließlich
bildete er sich ein Urteil über die Angelegenheit und hielt seine Überlegungen
in einem Memo an seinen Vorgesetzten fest. Danach kümmerte er sich wieder
um seine tägliche Routinearbeit. So wurde im Wirtschaftsministerium ein
Bericht auf den Weg gebracht, wonach es in der Minenkolonie Bator 2 zu einem
Ausbruch einer Narma-Epidemie gekommen war. Ein Händler namens Gildorian
hatte offenbar die Krankheit mit Hilfe eines bislang noch nicht registrierten
Medikaments binnen Tagen unter Kontrolle gebracht, doch der Administrator der
Mine, Donko Stasera, hatte augenscheinlich trotzdem weiterhin das Andauern der
Epidemie vorgetäuscht und drei Monate mit der Produktion ausgesetzt. Die
in dieser Zeit erzielten Gewinne waren vermutlich in Staseras eigene Tasche
gewandert.
Fjellravns Vorgesetzter, der Leiter des Referates Tarlit und Thermium, las das
Memo, setzte eine Bemerkung hinzu ("Wer ist Gildorian"?) und gab den
Vorgang weiter an den Sektionschef "Äußerer Rand". Dieser
fügte die Notiz "Empfehle Verhör Donko Stasera" hinzu und
reichte die Angelegenheit weiter an seinen Bereichsleiter. Dort erhielt der
Vorgang den Status "Untersuchungsakte - Priorität 4b" sowie eine
Forderung zur Festnahme des Minenadministrators. Der Abteilungsleiter Bodenschätze
erhöhte die Priorität auf 2a und empfahl, den Händler Gildorian
zur Fahndung auszuschreiben. So gelangte der Fall schließlich zur Ministrerialdirigent
Fizz Garni, dem Leiter der Hauptabteilung Produktion im imperialen Wirtschaftsministerium.
Garni las das Datapad mit allen Unterlagen durch. Dann schaute er lange nachdenklich
aus dem Transparistahlfenster der 133. Etage des Büroturms. Alle bisher
mit der Angelegenheit befassten Mitarbeiter hatten vorschriftsmäßig
reagiert. Aber keiner hatte die entscheidende Fragen gestellt: Wie konnte ein
Händler an ein noch nicht freigegebenes Medikament aus dem berühmten
Testlabor von Carvis gelangen? Und: Wieviel Geld konnte man mit dem Verkauf
eines derartigen Mittels machen?
Garni gab sich einen Ruck und ging an seine Arbeitskonsole. Dort löschte
er das Datapad und alle Informationen über den Fall im Zentralcomputer.
Anschließend setzte er eine verschlüsselte HoloNet-Botschaft ab.
Josh Mansi lächelte zufrieden, als er die Botschaft von Fizz Garni entschlüsselt
hatte. Seit Jahren war der leitende Wirtschaftsbeamte schon auf seiner Gehaltsliste.
Seine Berater hatten ihm mehrfach zu verstehen gegeben, dass sie diese Kosten
für sinnlose Verschwendung hielten. Doch Mansi hatte sie immer zurückgewiesen.
Irgendwann, hatte er immer gesagt, irgendwann wird sich diese Investition auszahlen.
Und nun wusste er, dass er Recht gehabt hatte. Er war länger im Schmuggel-Geschäft
tätig als jeder andere in dieser Galaxis, und noch nie hatte ihn sein Instinkt
getrogen. So auch jetzt. Da war also ein Neuling mit einer Fracht unterwegs,
die ein Vermögen wert war. Ein Medikament, mit dem man Narma-Fieber heilen
konnte.
Narma-Fieber! Mansi schnaubte verächtlich. Eine Krankheit, die nur diese
schwächlichen Menschen und Humanoide befallen konnte. Aber die medizinischen
Aspekte waren ihm völlig egal. Er wusste, was ihm ein solches Medikament
einbringen würde.
Er würde diesen Gildorian finden.
Und er würde ihn ausschalten.
"Geschäft
und Vergnügen sind jederzeit strikt zu trennen."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler
Der Rebellentreffpunkt bot einen atemberaubenden Anblick. Dutzendweise
hingen Sternenschiffe jeder Bauart und Größe bewegungslos im Raum.
Kanonenboote, Spähschiffe, fliegende Lazarette und große Mon Calamari
Raumkreuzer. Dazwischen huschten kleine Shuttle-Fähren und X-Wings hin
und her. Die meisten von ihnen steuerten die große Raumstation im Zentrum
an. Als die Courier I aus dem Hyperraum fiel, wurde sie blitzschnell
von einem Geschwader X-Wings umringt. Selbst als Piet O'Shir den geheimen Erkennungscode
gesendet hatte, blieben die Jäger bis zum Andocken an der Station an der
Seite des alten Frachters.
Obi-Nor sah Piet erstaunt an. "Das hier muss der Aufmarsch der gesamten
Flotte sein. Wir ... Sieh mal", unterbrach er sich, "das ist ja der
Millenium Falke! Ob sie Han Solo befreit haben?"
Lange musste er nicht auf eine Antwort warten. Direkt nach dem Passieren der
Luftschleuse schlangen sich zwei zottelige Riesenarme um ihn, dass ihm die Luft
wegblieb.
"Chewie, nicht so fest!" keuchte er, "Du erdrückst mich
ja."
"Immer noch so zart besaitet, Junior?" fragte er trockene Stimme.
"Han! Du lebst! Ich bin so froh, dass du Jabba entkommen bist!"
"Diese Schleimschnecke wird niemanden mehr in Karbonit einfrieren. Aber
wir haben jetzt keine Zeit. Es gibt gleich eine Einsatzbesprechung im Kommandozentrum.
Du hast ja gesehen, wer draußen so alles parkt."
Obi-Nor nickte. "Das sieht mir verdammt nach der Vorbereitung für
eine Entscheidungsschlacht aus. Wollt ihr da wirklich mitmischen?"
Chewbacca stieß ein empörtes Brüllen aus. Wie konnte Obi-Nor
das nur anzweifeln?
"Kommst du nicht mit, Junior?" fragte Han. "Einen wie dich könnten
wir gebrauchen. Warum bist du überhaupt hier?"
"Ich muss Madine nur den vereinbarten Anteil an unserem Gewinn geben. Dann
fliegen wir wieder. Es geht in die Kernwelten, nach D'Sothlar. Weißt du
Han, ich stehe weiterhin auf der Seite der Rebellion. Aber mit dem Krieg habe
ich nichts mehr zu tun."
"Tja, Junior. So ist das nun mal. Ich bin vom Schmuggler zum Rebell geworden.
Und du vom Rebellen zum Schmuggler. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen."
Für einen Han Solo waren diese Sätze schon fast ein philosophischer
Vortrag. Er beeilte sich deshalb sogleich, diesen Eindruck wieder zu verwischen.
"Womit handelst du denn so, Junior? Ich wette, du hast eine Schiffsladung
Spice dabei." Er setzte ein verschwörerisches Grinsen auf. "Wenn
das alles hier vorbei ist", meinte er, "dann zeige ich dir ein paar
wirklich gute Schmuggler-Tricks."
Dann machten sich Han Solo und Chewbacca auf zum Kommandozentrum. Obi-Nor sah
ihnen nach. Nein, der Krieg gegen das Imperium war nicht mehr seine Welt.
Als die Courier I auf D'Sothlar, einem der größten Planeten
der sogenannten "Kernwelten" der Galaxis landete, fragte sich Obi-Nor,
ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, ausgerechnet hier ihre erste Ladung
Spice verkaufen zu wollen. Han hatte Recht gehabt. Die Laderäume des Schiffs
waren bis oben voll mit Spice. Und von Coruscant abgesehen wurden erwischte
Spice-Schmuggler nirgendwo so gnadenlos bestraft wie in den Kernwelten, den
treuesten Territorien des Imperiums. Piet war von Anfang an dagegen gewesen,
D'Sothlar anzusteuern, aber Obi-Nor hatte sich durchgesetzt. Schließlich
hatte er in "Smugglers' Run" einen "todsicheren Tipp" bekommen,
wie er Spice hier verkaufen könnte. Er musste nur in Darktown, einem Stadtteil
von Sothlar Spaceport, eine Großdealerin finden, die allgemein "die
Kräuterhexe" genannt wurde. Das hatte sich nicht besonders kompliziert
angehört. Doch als ihr Frachter von einem Trupp Wachsoldaten umstellt wurde,
war er sich nicht mehr so sicher.
Als vier schwer bewaffnete Soldaten und ein Zollbeamter an Bord kamen, kaute
Piet O'Shir nervös auf seinen Fingernägeln. Das war's, dachte er.
Gefängnis, Kerker oder Zwangsarbeit. Vielleicht auch alles zusammen.
Der Zollbeamte fragte ohne Umschweife nach der Ladung.
"Textilien", antwortete Obi-Nor. "Für die Weberei von Sothlar
Downs. Hier sind die Fracht-Datapad."
Piet traute seinen Ohren kaum. Textilien! Ein Blick in die Frachtcontainer,
und jedem Kurzsichtigen war klar, dass sie Tausende von Beutel mit einem grünlichen
Pulver an Bord hatte.
"Wollen Sie die Ladung sehen?" setzte Obi-Nor mit freundlichem Lächeln
hinzu.
"Natürlich", brummte der Zöllner. "Aber erst sehen
wir uns mal anderweitig um."
Zuerst kontrollierten die Imperialen das Cockpit. Piet wusste genau, wonach
sie suchten: nach Schaltungen und Steuerungen für versteckte Laserkanonen,
Funkpeil-Manipulatoren, Frequenz-Blocker, HoloNet-Hacker oder Dreifach-Kurzsprungprogrammierungen
für eine Zickzack-Flucht in den Hyperraum. Alle diese illegalen Extras
waren ein sicheres Erkennungszeichen für Schmuggler-Schiffe. Aber nichts
davon würden sie an Bord der Courier I finden. Aus dem einfachen
Grund, dass Piet und Obi-Nor noch nicht genug Geld übrig hatten, auch nur
eines dieser Zusatzteile auf dem schwarzen Markt zu erwerben.
"In Ordnung", meinte der Zollbeamte. Nun zu den Quartieren. Wer gehört
zur Besatzung?"
"Nur mein Partner, Mr. O'Shir, meine Tochter und ich", antworte Obi-Nor
freundlich.
"Tochter?" Der Beamte runzelte die Stirn. "Also sehen wir uns
die Räume an."
Zwei Soldaten postierten sich vor der Tür zum Cockpit. Damit war der tollkühne
Fluchtplan, den Piet sich insgeheim ausgedacht hatte - Notstart mit voller Repulsorleistung
bei gleichzeitigem Dauerfeuer aus der Laserkanone - schon im Ansatz gescheitert.
Mutlos schlurfte er hinter den vier anderen Männern her.
Die Soldaten inspizierten die Wohn- und Schlafräume und staunten nicht
schlecht, dass ihnen dort ein kaum sechsjähriges Mädchen begegnete.
Yo-Karah war niedlich zurecht gemacht mit ihren Zöpfen und geflochtenen
Haarbändern. Von dem frechen Schmugglerkind war keine Spur mehr zu sehen.
Dann ging es zu den Laderäumen.
Als Obi-Nor den ersten Container öffnete, spürte Piet, wie das Blut
aus seinem Gesicht wich. Der Deckel schwang zurück und Piet starrte auf
die Spice-Päckchen.
"Textilien, wie ich sagte", meinte Obi-Nor. "Wollen Sie die anderen
Container auch sehen?"
Piet stockte der Atem. War er verrückt geworden? Da war doch das Spice
klar und deutlich zu sehen!
Aber der Zöllner nickte bloß, und Obi-Nor öffnete auch die anderen
Frachtkisten. Jedes Mal deutete er auf das Rauschgift und sagte etwas von Textilien,
Stoffballen oder Wolle. Und jedes Mal nickte der Beamte bestätigend.
Schließlich drückte er einen 'elektronischen Stempel' in das Datapad
mit den gefälschten Frachtangaben und reichte es Obi-Nor.
"In Ordnung. Guten Aufenthalt auf D'Sothlar."
Mit diesen Worten gingen er und die Soldaten von Bord.
Piet rang nach Fassung.
"Was war das nun wieder? Die haben doch das Spice gesehen!"
Obi-Nor grinste vielsagend. "Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mehr
Vertrauen haben sollst in das Wirken der 'Macht'."
Am nächsten Tag zogen die beiden Schmuggler diskrete Erkundigungen über
den möglichen Aufenthaltsort der "Kräuterhexe" ein. Yo-Karah
hatten sie zu diesem Zweck bei einer Frau untergebracht, die der Rebellenallianz
gelegentlich geheime Informationen über das Imperium geliefert hatte. Die
Kontakte aus der Agentenzeit zahlten sich jetzt aus. Trotzdem war Obi-Nor nicht
wohl bei dem Gedanken, seine Tochter allein zu lassen. Aber es war unumgänglich.
Schließlich musste Piet im Rückendeckung geben, wenn er in sich Cantinas
mit möglichen Informanten traf. Und Yo-Karah allein auf dem Frachter zu
lassen, war ihm noch riskanter erschienen.
Nach einigen Stunden hatte er genug über die Lage auf D'Sothlar erfahren.
Sothlar Spaceport war eine Stadt mit zwei Gesichtern. Ein breiter Fluss trennte
zwei völlig unterschiedliche Stadtteile. Auf der einen Seite lag Newtown,
eine Mustersiedlung des Imperiums. Helle, saubere Gebäude säumten
breite, schnurgerade angelegte Straßen. Das Zentrum verfügte über
genügend Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten für die etwa
100.000 Einwohner. In den Randbezirken lagen Lagerhäuser, moderne Industrieanlagen
und der Raumhafen.
Auf der anderen Flussseite lag Darktown, eine Ansammlung niedriger, dunkler
Hütten und alter bröckelnder Steingebäude. Die dort hausenden
Menschen und anderen Spezies lebten im Wesentlichen von der Verwertung des Metallschrotts,
der auf riesigen Halden lagerte. Viele mussten aber auch die zahlreichen Müllberge
nach Brauchbarem durchwühlen. Und fast alle Einwohner waren von Jugend
an in kriminelle Aktivitäten verwickelt. Eine große, bewachte Mauer
umschloss Darktown und seine 20.000 Bewohner. Der einzige legale Weg, in den
Ortsteil hinein und später wieder herauszukommen, war eine Pontonbrücke
über den Fluss, die nachts abgeriegelt wurde.
Die "Kräuterhexe" kontrollierte von Darktown aus den gesamten
Spicehandel des örtlichen Sonnensystems. Es gelang Obi-Nor, über einen
Mittelsmann für Mitternacht ein Treffen zu vereinbaren. Er würde sich
mit einer Spice-Probe allein zum Tor der ehemaligen Durastahlfabrik begeben,
deren Schlote man von Newtown aus sehen konnte. Er fragte sich, ob die Formulierung
"todsicherer Tipp" unter diesen Umständen nicht eine gefährliche
Nebenbedeutung hatte.
Piet dachte ebenso. "Du willst also wirklich heute Nacht rüber? Ganz
allein?"
"Natürlich allein. Du musst hier bei Yo-Karah auf dem Schiff bleiben.
- Kopf hoch, Piet", munterte Obi-Nor seinen Freund auf. "Ein bischen
Risiko ist nun mal dabei. No risk, no credits!"
Während Piet loszog, um einige Ersatzteile für die Backbord-Steuerdüsen
zu besorgen, holte Obi-Nor seine Tochter ab. Sie kam ihm schon weinend an der
Haustür entgegen.
"Papa!" schluchzte sie. "Mistress Malgur hat mit mir geschimpft!"
Obi-Nor nahm sie in den Arm. Was war denn hier passiert? Er ging in das einfache
Wohnhaus hinein und sah sich einer wütenden Frau gegenüber. Der kleine
Joraam, etwa in Yo-Karahs Alter, saß weinend in der Zimmerecke und hielt
sich den Mund. Zwischen seinen Fingern tropfte Blut hervor.
"Neben Sie ihr wild gewordenes Blag und verschwinden Sie!" fauchte
seine Mutter. "Sie hat meinem Joraam einen Zahn ausgeschlagen."
"Er hat dich beleidigt, Papa!" verteidigte sich Yo-Karah. "Er
hat behauptet, du wärst ein Schmuggler. Aber du bist doch freier Händler!"
Obi-Nor warf rasch die vereinbarte Summe für die Betreuung auf den Tisch,
nahm seine Tochter bei der Hand und verließ das Haus.
Als sie einige Straßen entfernt waren, beugte er sich zu seiner Tochter
hinunter und meinte: "Gut gemacht, Kleine. Lass dir bloß nichts gefallen!"
Als sie über den Markt gingen, um Lebensmittel einzukaufen, blieb Yo-Karah
plötzlich wie angewurzelt stehen. "Papa, was ist das?" Sie schmiegte
sich ängstlich an ihren Vater.
Obi-Nor spürte es auch. Eine Kälte, die sich plötzlich in sein
Herz bohrte. Eine Präsenz, eine Bedrohung ...
Er schaute sich um, konnte aber nichts Verdächtiges sehen. Dennoch spürte
er, wie die Bedrohnung näher kam.
"Ich will hier weg!" jammerte Yo-Karah.
Das rüttelte ihren Vater auf. Er zog sie hastig durch die Reihen der Marktstände,
verließ den Platz und eilte mit ihr durch die belebte Hauptstraße.
Doch er spürte, dass er das Wesen, das sie verfolgte, nicht abschütteln
konnte.
Wenn er wenigstens wüsste, wer sie verfolgte! Alles, was er spürte,
war diese kalte, drohende Nähe.
Sie befanden sich gerade vor der Einmündung einer kleinen Seitengasse,
als ein Chaos ausbrach.
"Der Imperator ist tot!"
Erst war es nur ein einzelner Ruf, dann erscholl es von allen Seiten.
"Der Imperator ist tot! Die Rebellen haben gesiegt!"
Aus allen Gebäuden strömten Menschen auf die Straße, angelockt
von den schier unfassbaren Nachrichten.
Binnen Sekunden war der gesamte Verkehr zum Stillstand gekommen.
Obi-Nor quetschte sich mit Yo-Karah durch die wogende Menge in eine Gasse und
weiter zu einer weniger belebten Parallelstraße. Dort erwischten sie ein
Landgleiter-Taxi, dass sie zum Raumhafen brachte. Zu ihrer Erleichterung war
von der unheimlichen Präsenz nichts mehr zu spüren.
An Bord begrüßte sie Piet mit freudestrahlender Miene. Er hatte die
Nachricht schon über das lokale NewsNet erfahren.
"Der Imperator ist tot! Wenn das kein gutes Omen für unsere Geschäfte
hier ist!"
Obi-Nor nickte geistesabwesend. Er hoffte, dass seine Freunde beim Angriff auf
den Todesstern nicht umgekommen waren. Und er zerbrach sich den Kopf darüber,
wer sie auf dem Markt verfolgt hatte.
Fröstelnd zog Obi-Nor seinen Mantel enger um seinen Körper. Ein unangenehm
kalter Wind fegte durch die schummrigen Gassen von Darktown. Er hoffte, dass
die Kräuterhexe bald kam. Mitternacht war inzwischen vorbei, und er wollte
nicht ewig im Schatten des großen Fabriktores warten. Mehrfach waren Gestalten
vorübergeschlichen, denen Obi-Nor selbst bei Tageslicht nicht gern begegnet
wäre. Im trüben Mondschein sahen sie noch bedrohlicher aus. Automatisch
tastete er nach seinem Blaster. Er fragte sich, ob ihm die Waffe viel nützen
würde, sollte sich dieser Treff als Falle entpuppen. Ihm wäre wesentlich
wohler, wenn er nicht dauernd dieses Gefühl hätte, dass ihn jemand
beobachtete.
Plötzlich hielt er den Atem an.
Da war sie wieder, die gleiche Präsenz, das gleiche Gefühl der Bedrohung
wie am Tag!
Etwas verfolgte ihn hier auf D'Sothlar.
Er spürte, dass von rechts dieses "Etwas" näher kam.
Was es auch immer war, Obi-Nor verspürte nicht die geringste Lust, dieses
Wesen zur Nachtzeit in Darktown kennenzulernen. Er schob sich vorsichtig aus
dem Torschatten und schlich nach links an der Fabrikmauer entlang.
Er war nicht mehr als 20 Schritte weit gekommen, da wurde ihm bewusst, dass
ihm dieser Weg versperrt war.
100 Meter vor ihm standen mindestens zehn schwer bewaffnete Worgs. Sie schienen
auf jemanden zu warten. Auf ihn?
Obi-Nor merkte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Das Wesen, das ihn verfolgte,
war höchstens noch 30 Schritte entfernt. Er schaute sich um, konnte aber
niemanden entdecken.
Eingeschlossen zwischen den Worgs und dem unsichtbaren, unheimlichem Verfolger,
entschloss sich Obi-Nor für einen dritten Weg. Er nahm Anlauf und sprang
an der Fabrikmauer hoch. Seine Finger erwischten gerade den oberen Rand. Er
schrie unwillkürlich auf, als sich Glasscherben, die oben in die Mauer
eingelassen waren, in die Finger schnitten. Ohne auf die Scherben zu achten,
zog er sich hoch.
Auf der Mauerkrone blickte er sich um. Sein Schrei hatte die Worgs aufmerksam
gemacht. Sie hatten ihre Blaster gezogen und stürmten herbei.
Obi-Nor ließ sich auf der anderen Seite herunterfallen und landete auf
einem Schutthaufen. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Knöchel.
Nur jetzt keinen Fußbruch, dachte er.
Er trat vorsichtig auf. Nein, gebrochen war nichts, aber jeder Schritt tat weh.
Weglaufen konnte er in diesem Zustand vergessen.
Er humpelte über den Fabrikhof und hielt Ausschau nach einem zweiten Ausgang.
In diesem Augenblick explodierte die Mauer an der Stelle, wo er herübergeklettert
war. Die Worgs waren offensichtlich nicht nur mit Handfeuerwaffen ausgerüstet.
Obi-Nor verschwand so rasch er konnte in der großen Fabrikhalle. Trotz
der Dunkelheit erahnte er, dass es hier kaum eine Versteckmöglichkeit gab.
Der riesige Raum schien völlig leer zu sein. Immerhin gab es in einer Ecke
eine Treppe, die zu einem Kellergeschoss führte. Das war in jedem Fall
besser, als in einer leeren Halle eine Zielscheibe abzugeben.
Er hatte gerade die oberste Stufe erreicht, als zwei Worgs in die Halle stürmten.
Sie rissen sofort ihre Blastergewehre hoch und feuerten. Obi-Nor ließ
sich reflexartig die Treppe herunterpurzeln, während die ein Funken- und
Steinregen auf ihn herabprasselte.
Hier unten war es völlig dunkel.
Obi-Nor zog einen Leuchtstab aus dem Gürtel und zündete ihn an. Im
fahlen Lichtschein erkannte er einen langen Flur, von dem rechts und links mehrere
Türöffnungen abgingen.
Schnell legte er den Leuchtstab auf den Boden und hinkte auf die erste Tür
zu.
Er verschwand gerade rechtzeitig in der Öffnung, denn schon polterten die
schweren Stiefel der Worgs die Treppe herab. Einige kurze, unverständliche
Befehle wurden gerufen. Dann blitzten Blasterschüsse auf, und der Leuchtstab
erlosch. Die Worgs waren wohl doch nicht so dumm, wie man immer behauptete.
Es hieß allgemein, dass sie rücksichtslose Killer waren, aber nicht
beonders viel Hirn aufweisen konnten. Immerhin hatten sie kapiert, dass sie
im Schein des Leuchtstabes hervorragende Ziele abgaben.
Jetzt war es stockfinster. Schwer lag der modrige Geruch des Kellergewölbes
in der Luft. Obi-Nor hatte den Blaster gezogen und lauschte. Die Worgs schienen
sehr vorsichtig zu sein. Ihre Stiefel machten kaum ein Geräusch. Dennoch
schien es Obi-Nor so, als hätten sie die Treppe verlassen und den feuchten
Kellerboden betreten. Er konnte sich irren, aber ...
Ohne weiter zu überlegen, warf er sich in den Flur und feuerte in Richtung
Treppe. Dann rollte er sich durch die gegenüberliegende Türöffnung.
Aber es ertönten keine Schmerzensschreie, wie er gehofft hatte. Vielmehr
verwandelten die Worgs den Flur in ein einziges Blastergewitter.
Obi-Nor zog sich von der Tür zurück und humpelte tiefer in den dunklen
Raum hinein. Er stieß mit dem Fuß an einen harten Gegenstand und
verzog schmerzhaft das Gesicht. Es sah nicht gerade gut aus. Der Fuß verletzt,
die Finger von Glasscherben aufgeschnitten, Prellungen von Treppensturz - keine
guten Voraussetzungen, den Worgs zu entkommen.
Wie zur Bestätigung flammte plötzlich ein grelles Licht auf. Obi-Nor
kniff für einen Moment geblendet die Augen zu. Als er durch die tanzenden
Lichtpunkte vor seinen Augen wieder halbwegs gucken konnte, sah er sich den
zwei Worgs gegenüber. Beide hatten Blastergewehre auf ihn gerichtet, zwischen
ihnen lag eine Magnesiumfackel.
"Cha quandra mistekk Blastero!"
Obi-Nor hatte noch nie eine Wort Worgsprache gehört, aber diese Aufforderung
war unschwer zu verstehen. Er legte seinen Blaster vorsichtig auf die Erde.
"Quari mjellno chagross?"
"Ich, äh, ich verstehe nur Basic."
Der Worg schaubte verächtlich, wechselte dann aber in die Universalsprache.
"Wo ist Meddizinn?"
"Wie bitte?" Obi-Nor verstand kein Wort. Kannte der Worg das Wort
für Spice nicht?
Der Worg verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. Seine Oberarmmuskeln
zuckten, als wollte er den Menschen vor ihm erwürgen. Er hätte es
mühelos geschafft. Worgs wurden zwar selten größer als zwei
Meter, doch an Kraft konnten sie es mit einem Wookie jederzeit aufnehmen.
"Meddizinn. Für Narma-Fibber!"
"Für - ach so!" Obi-Nor lachte laut auf. Das war doch zu komisch.
Diese Worgs waren gar nicht hinter der Spice-Probe her.
Der Worg packte ihn und schüttelte ihn hin und her. "Wass lachen?"
"Schon gut! Lass mich los!" Obi-Nor war der Spaß schlagartig
vergangen.
"Es gibt keine Medizin. Gab es nie."
Die Worgs glotzten ihn an. Nein, allzu schlau sahen sie doch nicht aus.
"Hört mal, Jungs. Wenn ihr auf Bator 2 anspielt - das war ein Trick.
Eine Täuschung. Betrug! Ich hatte gar keine Medizin."
Die Worgs blickten sich verunsichert an. Plötzlich hielt der zweite sein
Blastergewehr direkt an Obi-Nors Stirn.
"Charganev!"
"Du lüggen", übersetzte der erste Worg.
"Nein, sag ihm, ich lüge nicht. Hey, auf C'Reeh ist doch Narma-Fieber
ausgebrochen. Meint ihr, ich würde hier rumlaufen, wenn ich dort ein gutes
Geschäft mit einem Medikament machen könnte?"
Die Worgs sahen sich wieder an. Das schien sie zu überzeugen.
"Gutt. Glaubenn dirr. Trotzdemm mittkommen zu Boss!"
Der Worg entspannte sich ein wenig.
Das war ein Fehler.
Sein letzter, wie sich herausstellte.
Er würde nie erfahren, wo die Vibroklinge herkam, die plötzlich in
seinem Hals steckte. Er begriff noch nicht einmal, dass er erstochen wurde.
Denn bevor sein Gehirn diese Erkenntnis verarbeiten konnte, lag er bereits tot
auf dem Steinboden.
Bevor der andere Worg reagieren konnte, hatte Obi-Nor ihm das Blastergewehr
aus der Hand geschlagen. Es schlidderte über den Boden und blieb irgendwo
im Dunkeln liegen.
Damit war aber der Überrumpelungsbonus verbraucht.
Der Worg schleuderte Obi-Nor mit einem Schlag an die Wand. Er kam lässig
hinterher und betrachtete den vor Schmerzen am Boden gekrümmten Menschen.
Er verzog seinen Mund zu einem hässlichen Grinsen, was seine vier Zahnreihen
aufblitzen ließ. Er brauchte keinen Blaster. Mit diesem Wicht würde
er auch so fertig werden.
Obi-Nor dröhnte der Kopf. Ihm tanzten Sterne vor den Augen. Er blinzelte
hoch und sah den Worg breitbeinig über ihm stehen.
Er wusste nicht gerade viel über den Körperbau von Worgs. Immerhin,
er konnte es versuchen.
Er riss das Knie hoch und rammte es dem Worg zwischen die Beine - und sank mit
lautem Schrei wieder zu Boden. Womöglich hatte er sich jetzt auch noch
die Kniescheibe gebrochen. Der Trick funktionierte also bei Worgs definitiv
nicht.
Sein Gegner glotzte verdutzt. So einen dummen Angriff hatte er noch nie erlebt.
Jemand anders offenbar auch nicht. Denn aus einer dunklen Ecke des Kellerraums
erscholl ein helles Lachen.
"Das ist drollig! Versucht der Junge, einem Worg in die Eier zu treten!"
Nun schaute auch Obi-Nor kaum intelligenter drein als sein Gegner. Es war unverkennbar
eine menschliche Frauenstimme gewesen.
Eine Frau trat in den Lichtschein und hielt einen Blaster auf den Worg gerichtet.
"Geh! Sag den anderen da oben, sie sollen auch verschwinden! Und sag deinem
Boss, das hier ist das Revier der Kräuterhexe. Tragt eure Angelegenheiten
woanders aus."
Der Worg schien die Worte zu verstehen, denn er eilte sofort hinaus.
"So, nun zu dir. Ist kaum auf D'Sothlar und legt sich schon mit den Worgs
an. Scheinst ja ein süßes Früchtchen zu sein."
Obi-Nor erwiderte nichts. Er schnaufte erst einmal durch. Wer auch immer diese
Frau war, jedenfalls schien sie ihn nicht gleich umbringen zu wollen. Das war
eine eindeutige Verbesserung der Situation.
"Du bist also die 'Kräuterhexe'", stellte er fest.
"Die Worgs und die meisten Schmuggler nennen mich so. Andere sagen 'Spice
Girl' zu mir. Ich heiße Kitty Ommis. Sag einfach Kitty zu mir. Dann müssen
wir keine Zeit für Formalitäten verschwenden."
Sie machte eine Geste in die Dunkelheit hinein. "Ihr könnt gehen.
Bewacht das Gelände, obwohl ich nicht glaube, dass die Worgs zurück
kommen. Aber diese andere Gestalt ... Wir sollten besser vorsichtig sein."
Erst jetzt, als sich Schritte entfernten, bemerkte Obi-Nor, dass noch andere
Menschen in der Dunkelheit gelauert hatten. Die Kräuterhexe ging anscheinend
kein Risiko ein.
Er betrachtete die Frau. Sie war etwa einen Kopf kleiner als er und sehr dünn.
Mit ihrem kurzgeschnittenen Haar und ganz in braunes Leder gekleidet - Hose,
Jacke, Stiefel - sah sie fast ein wenig jungenhaft aus.
Als sie ihm aufhalf, merkte er, dass sie erstaunlich kräftig war. Den Arm
um ihre Schultern gelegt, humpelte er mit ihr die Treppe hinauf und auf den
Hof hinauf. Sie dirigierte ihn in ein Nebengebäude, wo eine spartanische
Unterkunft eingerichtet war.
Sie zündete eine Lampe an und wandte sich Obi-Nor zu.
"Jetzt versorge ich erstmal deine Verletzungen, dann reden wir über
das Geschäft."
Mit geschickten Fingern säuberte sie seine Wunden, verband seine Finger,
und umwickelte seinen Knöchel mit einer elastischen Binde.
Nach Obi-Nors Schätztung war sie einige Jahre älter als er, vielleicht
30 Jahre alt. Vielleicht war sie früher einmal schön gewesen, doch
davon war nicht mehr viel zu sehen. Ihre grauen Augen blickten ernst. Um den
Mund hatte sie einen harten, entschlossenen Zug. In die Stirn, neben die Augen
und die Mundwinkel hatten sich erste Falten eingegraben. Nun, Darktown war nicht
gerade eine Beauty Farm, und eine Frau, die sich im rücksichtslosen Rauschgiftgeschäft
behaupten wollte, hatte andere Sorgen als Makeup und Faltencremes.
Nachdem Obi-Nors Wunden versorgt waren, kamen sie zum Geschäft.
Kitty Ommis hatte in einem Nebenraum ein kleines improvisiertes Labor eingerichtet.
Sie riss das Päckchen mit Spice auf und schütte das grüne Pulver
auf den Arbeitstisch. Mit einer Messerspitze füllte sie ein winziges Häufchen
in ein Reagenzglas, das sie auf einer Flamme erhitzte. Die chemische Reaktion,
eine rötliche Verfärbung, schien sie zufrieden zu stellen. Anschließend
nahm sie eine kleine Menge Spice und probierte die Droge vorsichtig mit der
Zunge.
Dann lehnte sie sich zurück und setzte ein zufriedenes Grinsen auf.
"Süßer, das Zeug ist gut. Verboten gut." Sie kicherte über
ihren eigenen Witz. "Xon-Bas oder Lamed Shin. Auf jeden Fall aus dem Napa-System."
Obi-Nor staunte nicht schlecht.
"Ja, das Zeug haben wir von Lamed Shin. - Gut erkannt", fügte
er mit ehrlicher Anerkennung hinzu.
"Ist mein Job. Und ihr habt 36 Container davon?" Jetzt trat ein leichter
Anflug von Gier in ihre Augen.
"Exakt", bestätigte Obi-Nor. "Und das ist nur die erste
Lieferung. Wenn wir uns einig werden, fliegen wir D'Sothlar regelmäßig
an. Das heißt, wenn du so viel absetzen kannst."
"Verlass dich drauf. Was auch immer du mir an Mengen lieferst, ich werde
das Zeug schon los."
"Gut", erwiderte Obi-Nor, "ich nehme an, wir können dann
in die Preisverhandlungen einsteigen?"
Sie feilschten nicht lange. Schon nach wenigen Minuten einigten sie sich auf
1.500 Credits pro Container.
Obi-Nor vollführte innerlich Jubelsprünge. Nach Abzug aller Kosten
würde ihnen dieser Flug fast 20.000 Credits Reingewinn einbringen. Damit
könnten sie die Courier I endlich mit all den Extras ausstatten,
auf die Piet O'Shir schon sehnlichst wartete.
Auch Kitty Ommis wirkte hoch zufrieden. Auf den kleinen Endverbraucher-Märkten
konnte sie für das Spice sicherlich den dreifachen Preis erzielen.
"Gut, das wars dann", meinte sie. Aber dann wurde sie nachdenklich.
"Du solltest den Rest der Nacht hier bleiben. Ich bin sicher, deine liebreizenden
Freunde lauern dir draußen auf. Und ich verliere so ungern Lieferanten
durch ein Worg-Killerkommando."
Obi-Nor nickte erleichtert. Er hatte nicht das geringste Interesse, durch das
nächtliche Darktown zu humpeln.
"Hier ist ein kleiner Schlafraum", erklärte Kitty Ommis, indem
sie eine Tür zu einem Nebenraum öffnete. "Da kannst du dich hinlegen.
Auch wenn es hier furchtbar kalt ist."
Sie schlang die Arme um sich. "Ich friere sowieso schon den ganzen Tag",
ergänzte sie.
Kein Wunder bei deinem dürren Gerippe, dachte Obi-Nor.
"Ich kann dich ja aufwärmen", sagte er laut.
Die Kräuterhexe sah ihn durchdringend an. "Bietest du das allen deinen
Kundinnen an?"
"Nun, eigentlich nicht", antwortete Obi-Nor grinsend, "aber du
bist was Besonderes."
Er wunderte sich über sich selbst. Was war nur mit ihm los? Diese Dealerin
war doch gar nicht sein Typ. Und er war gewiss keiner von diesen Frauenhelden,
denen es egal war, mit wem sie ins Bett stiegen. Nach Wala Mal'Wans Tod hatte
er nur zwei kurze, wenn auch leidenschaftliche Affären gehabt. Er dachte
kurz an die beiden Frauen, Lola La Mer und Melody Moonshadow, die beide in der
Unterhaltungsbranche tätig waren. "Unterhaltungsbranche" war
natürlich ein dehnbarer Begriff. Die Frauen gehörten nicht zur etwa
ersten Besetzung des imperialen Staatstheaters auf Coruscant. Eigentlich hatten
weder sie noch ihre "künstlerischen Darbietungen" noch die schäbigen
Etablissements, in denen sie auftraten, einen guten Ruf. Aber das war Obi-Nor
herzlich egal gewesen. Schließlich verfügte er als Schmuggler selbst
über keinerlei gesellschaftliche Reputation. Ihm war in den letzten Wochen
klar geworden, dass er sich unbewusst auf Frauen eingelassen hatte, die ihn
zumindest vage an Wala Mal'Wan erinnert hatten. Diese Gefahr bestand bei Kitty
Ommis in keiner Weise. Ob er ihr gerade deshalb das Angebot gemacht hatte?
Er hatte keine Gelegenheit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Denn die Kräuterhexe
hatte bereits begonnen, sein Angebot anzunehmen.
In dieser Nacht würden sie beide nicht mehr frieren.
Am nächsten Morgen wartete Kitty mit einer Überraschung auf.
"Wenn du nur die Route Lamed Shin - D'Sothlar fliegst, hast du immer eine
Leerfracht. Du könntest doch einen kleinen Umweg über Coruscant nehmen.
Denn für Coruscant habe ich eine sehr interessante Ladung."
Obi-Nor wurde hellhörig. Für den Handel mit Coruscant brauchte man
eine spezielle Lizenz. Da sich das Imperium im Kriegszustand befand, befürchtete
man Sabotageakte und Infiltrationskommandos. Deshalb wurden Handelsschiffe in
den Raumhäfen der galaktischen Metropole besonders scharf kontrolliert.
Kitty führte ihn in ein langgestrecktes Kühlhaus am anderen Ende des
Fabrikhofes. Als er die in den Regalen gelagerten Waren sah, wurde ihm trotz
der Kälte sofort warm ums Herz.
Hier lagerte nichts anderes als der pure Luxus, die feinsten und teuersten Speisen,
die man für Geld kaufen konnte: Konserven mit Entenpaté und Sjörfischeier-Pastete,
eingelegte Tré-Perlen und fein geschnittene Rancorzungenfiletstreifen,
getrocknete Kraytdrachenschwanzsuppe und Elori-Eier, Z'peh-Nüsse, Vat-Schoten
und Scalim-Körner. Zahlreiche Fässer waren mit den besten Öle
und Saucen gefüllt. Und in Dutzenden Kisten warteten die erlesensten Getränke
darauf, die Zunge eines Kenners zu erfreuen. Obi-Nor erblickte Jaijn, das anregende,
perlende, weinhaltige Modegetränk der Superreichen, ferner Rotwein aus
den besten Lagen der berühmtesten Anbaugebiete, und schließlich Weinbrand
mit Abfüllsiegel aus den Tagen der Alten Republik.
Und das war noch nicht alles.
In einem Schuppen neben dem Kühlhaus lagerten mehrere Ballen eines hauchdünnen,
durchscheinenden Stoffes. Es waren Textilien aus den berühmten Seidenspinnereien
von Olan. Ein Kleid aus reinen Goldfäden wäre vermutlich billiger
als eine Olan-Tunika. Die Krönung der gesamten Pracht waren zwei Kisten
mit Raurica-Gläsern, perfekt geschliffenen, langstieligen Glaspokalen,
die mit mundgeblasenen feinen Verästelungen und eingeschlossenen Diamanten
verziert waren.
"Für ein gutes Frühstück müsste der Krempel eigentlich
reichen." Obi-Nor versuchte, cool zu bleiben, aber er wusste selbst, dass
er vor Aufregung leuchtende Augen hatte.
Kitty lächelte ihn nachsichtig an. "Kannst du alles haben. Dazu noch
eine völlig legale Handelslizenz für Coruscant."
Und sie erklärte dem verduzten Schmuggler, dass sie seit einiger Zeit aus
der gesamten Galaxis Luxusprodukte "aus Sonderposten" aufkaufte, was
wohl bedeutete, dass es sich um Diebesgut handelte. Da der Handel mit Coruscant
aufgrund der politischen Lage eingeschränkt war, und weil der Planet alle
notwendigen Güter importieren musste, war die Einfuhr von Luxusartikeln
verboten. Aber da gab es diese kleine, extrem reiche Oberschicht: Familien,
die bereits in der Alten Republik ganze Monde besaßen, und die im Imperium
neben der politischen und militärischen Elite eine von der Öffentlichkeit
wenig beachtete, hinter den Kulissen jedoch einflussreiche und vor allem unantastbare
eigene Klasse bildeten. Diese Schicht wollte natürlich nicht von ihren
dekadenten Lebensgewohnheiten lassen, nur weil gerade irgendwelche Rebellen
gegen irgendeinen Imperator kämpften. Also zahlten sie Schwindel erregende
Preise für alle Luxusgüter, die nach Coruscant geschmuggelt wurden.
Und Kitty Ommis wollte in diesen Handel einsteigen. Nur leider lag der Pilot,
den sie angeheuert hatte, von Blasterschüssen durchlöchert neben seinem
Frachter auf einem Landefeld von Sothlar Spaceport.
Obi-Nor nickte bedächtig, nachdem er Kittys Schlilderung gehört hatte.
Nach einer Weile meinte er schließlich: "Sieht so aus, als könnten
wir in eine zweite Preisverhandlung einsteigen."
Und noch bevor sie sich hinsetzten, um über Preise, Risikoverteilung und
Gewinnmargen zu diskutieren, wusste er, dass er auch von Coruscant nach Lamed
Shin nicht mit leeren Frachträumen reisen würde. Denn wenn es auf
Coruscant etwas preiswert zu erwerben gab, dann waren es Handfeuerwaffen. Und
Obi-Nor konnte sich beim besten Willen kein Spice-Anbaugebiet vorstellen, in
dem man Schwierigkeiten hatten, Blaster zu verkaufen.
Es war der perfekte Wirtschaftskreislauf, ein "goldenes Dreieck":
Spice von Lamed Shin nach D'Sothlar, Luxusgüter von D'Sothlar nach Coruscant
und Waffen von Coruscant nach Lamed Shin. Und mit jeder Fracht wuchs das Bankkonto
von "Gildorian und Partner", das Obi-Nor bei ihrem ersten Aufenthalt
auf Coruscant eröffnet hatte. Piet meinte mehrmals, das er von dem ganzen
Geld eigentlich gar nichts haben wolle. Er war einfach glücklich, dass
er Schritt für Schritt die kleinen Extras in die Courier I einbauen
konnte, von denen er schon immer geträumt hatte. Obi-Nor ließ ihm
in dieser Hinsicht freie Hand. Von einigen dieser kleinen Spielzeuge kannte
er nicht einmal den Namen, geschweige denn die Funktionsweise.
Seine Beziehung zu Kitty Ommis war bar jeder Romantik. Immer wenn Obi-Nor sich
in die alte Durastahlfabrik begab, führten sie zunächst nüchtern-sachliche
Geschäftsverhandlungen, bevor sie die Nacht zusammen verbrachten. Sie wussten
beide, dass es keine Liebe war, auch keine Leidenschaft, die von Dauer sein
würde. Kitty sprach einmal davon, dass sie ein "hervorragendes Team
zu Bekämpfung von Kälte" waren, und traf damit so ziemlich ins
Schwarze.
Nach einigen Wochen wurde deutlich, dass die Courier I allein die gewaltige
Nachfrage nicht mehr befriedigen konnte. Obi-Nor und Piet heuerten daher eine
zweite Crew an. Dies war ein historischer Augenblick in ihrer Schmuggler-Karriere,
ein Zeichen, dass sie über den Schnapshändler-Status längst hinausgewachsen
waren. Sie entschieden sich für ein junges, ehrgeiziges Team, dass mit
ihrem ersten eigenen Frachter, der Spacegull, unterwegs war. Ruwen Flyyr
und seine Zwillingsschwester My waren nie auf einem Planeten zu Hause gewesen.
Geboren und aufgewachsen waren sie in einer Raumstation, eine ideale Voraussetzung
für das unstete, vagabundierende Leben eines Schmugglerpaares. Die Spacagull
wurde mit einer gefälschten Handelslizenz für Coruscant ausgestattet.
Schwieriger war die Zolkontrolle von D'Sothlar zu überwinden, weil die
Flyyr-Geschwister niemanden mit Hilfe der 'Macht' manipulieren konnten. Hier
half nur ein tiefer Griff in die Reiseschatulle, um den Zollbeamten "gehaltsergänzende
Zuwendungen" zukommen zu lassen. Das schmälerte zwar den Gewinn, doch
als die Rebellen begannen, Coruscant zu belagern, schossen die Preise für
Luxusgüter derart in die Höhe, dass die Bestechungssummen nicht mehr
der Rede wert waren.
Obi-Nor war mehr als zufrieden. In wenigen Monaten von unbedarften Neulingen,
die Alkohol durch die Gegend kutschierten, zu Händlern mit jeder Menge
Kapital auf der hohen Kante. Das war nicht nur mehr, als er je erwartet hatte,
das war geradezu atemberaubend schnell. Und er fragte sich manchmal, ob er sich
nur in einem Traum befand, der in einem bösen Erwachen enden würde.
Lamed Shin - D'Sothlar - Coruscant. Ein perfekter Wirtschaftskreislauf.
Ganz schön clever, dieser Gildorian, aber nicht clever genug.
Josh Mansi schaltete das Datapad mit den neuesten Informationen über den
Aufstieg dieses menschlichen Schmugglers ab. Er legte seinen schweren Kopf in
seine Klauen und dachte nach.
Vielleicht hatte er diesen Mann am Anfang unterschätzt. Auf D'Sothlar hatte
er unbegreiflicherweise die Verfolgung durch Josh Mansi bemerkt. Und als sich
dann herausgestellt hatte, dass er gar kein Medikament gegen Narma-Fieber besaß,
da war Josh Mansi klar geworden, dass dieser Gildorian nicht einfach nur ein
Schmuggler war. Er war auch ein Trickser und Betrüger.
Also auch ein Spieler.
Josh Mansis Augen blitzten vor Freude, und der schuppige Schwanz schlug leicht
hin und her.
Ein Spieler.
Er wusste, wie er ihn zur Strecke bringen konnte. Es würde jede Menge Credits
einbringen und großes Vergnügen bereiten.
Normalerweise machte er sich immer zuerst auf die Suche nach einer Schwachstelle,
einem verwundbaren Punkt bei seinem Opfer. Aber bei Gildorian war das nicht
nötig. Josh Mansi hatte die schwache Stelle schon auf D'Sothlar entdeckt.
Gildorian hatte nämlich - eine Tochter.
Wieder schlug der Schwanz leicht hin und her.
Oh ja, das würde wirklich einen Spaß geben.
Und seit er gehört hatte, dass dieser Mensch nach einem verschollenen Lichtschwert
suchte, wusste er auch, welchen Köder er benutzen würde.
Er musste sich nur noch ein wenig gedulden. Dieser Schmuggler müsste erst
noch wohlhabender werden, damit sich die Sache auch richtig lohnen würde.
Schließlich schlachtete man das Malitza-Schwein auch erst, wenn es gemästet
war.
Aber in dem Tempo, in dem Gildorian die Credits scheffelte, würde es bald
so weit sein. Sehr bald.
Er war schon fast reif für die Schlachtbank.
"Wirtschaftlicher
Erfolg ist zuweilen Glückssache. Man kann sein Glück aber auch erzwingen.
Eigentlich ist es genau wie beim Sabacc-Spiel."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler
Obi-Nor seufzte. Wieder war ein Vorstellungsgespräch im Sand
verlaufen. Wenn es so weiter ging, konnte er die ganze Aktion abschreiben. Dabei
war das Echo am Anfang unvorstellbar gewesen. Nie wieder würde er auf Coruscant
über das lokale HoloNet eine Stellenanzeige aufgeben. Seine Mailbox war
schier übergequollen. Er hätte sich nie träumen lassen, dass
der knappe Text - "Junge, dynamische, flexible, kreative Verwaltungskraft
für die Leitung des Büros einer kleinen, aber aufstrebenden Handelsgesellschaft
gesucht. Mensch / Humanoid angenehm, aber nicht Bedingung" - eine so gewaltige
Resonanz auslösen würde. Er hatte nur 150 HoloMails, etwa 10 Prozent
der Bewerbungen, angeschaut; den Rest hatte er ungesehen gelöscht. Aber
es war einleuchtend: Nach der Einnahme Coruscants durch die Rebellen-Allianz
und der Auflösung vieler imperialer Administrationen waren über Nacht
Hunderttausende arbeitslos geworden. Es würde Monate, vielleicht Jahre
dauern, bis eine Neue Republik eine adäquate Verwaltung aufgebaut hatte.
Von den zahlreichen "Entimperialisierungsverfahren" für hochrangige
Verwaltungsbeamte ganz zu schweigen.
Der Sieg der Allianz hatte auch sein hübsches kleines Schwarzmarktgeschäft
mit Luxuswaren zusammenbrechen lassen. Nachdem der Coruscant-Handel wieder uneingeschränkt
zugelassen war, konnte sich die reiche Oberschicht auf ganz legalem Wege und
zu deutlich verminderten Preisen versorgen. Man hatte Obi-Nor auch sofort durch
Mittelsleute mit unverhohlener Verachtung zu verstehen gegeben, dass man auf
die Dienste eines Schmugglers keinerlei Wert mehr legte. Nun, die Verachtung
beruhte auf Gegenseitigkeit. Die von allen Stürmen des Schicksals unberührte,
wie Maden im Corellia-Speck lebende dekadente Schicht der Superreichen hatte
ihn nur angewidert. Er war im Grunde froh, dass das Geschäft vorbei war.
Ein Problem war allerdings gewesen, dass sie die Fracht, die sie geladen hatte,
nicht mehr los wurden. Piet und er hatten mindestens 20.000 Credits abschreiben
können. Sie hatten erst geflucht und getobt, sich dann aber besonnen und
das Beste aus der Situation gemacht. Es war eine schon fast perverse Siegesparty
gewesen, die sie veranstaltet hatten. Und alle waren sie gekommen, um sich mit
feinsten Speisen und Getränken den Bauch vollzuschlagen: Leia, Luke, Han,
Chewie, Lando, sogar General Madine.
Aber nun mussten sie sich etwas anderes für ihr kleines Unternehmen einfallen
lassen. Und bald hatten sie auch schon eine zündende Idee gehabt.
Obi-Nor schaute sich in den Büroräumen um. Nein, das war nicht besonders
repräsentativ. Eine kleine Dreizimmer-Einheit in einem recht heruntergekommenen
Büroturm in Eastport. Und dann auch nur in der 35. Etage! Deutlicher konnten
sie nicht signalisieren, dass sie mit ihrer Gesellschaft erst am Anfang standen.
Kein Wunder, dass die meisten Bewerberinnen und Bewerber enttäuscht wirkten,
als sie zu den Vorstellungsgesprächen kamen. Obi-Nor strich gerade den
fünften Namen von der Liste. Wieder nichts. Er hatte in stundenlanger Überlegung
die Zahl der in Frage kommenden Bewerbungen auf zehn gekürzt. Und die ersten
fünf hatten ihn nicht besonders überzeugt. Niemand schien ihm der
Herausforderung gewachsen, aus dem Nichts den "Gil-Frost-Service"
aufzubauen. Das war es nämlich, was er vorhatte - einen Lieferservice für
gefrorene Fertiggerichte zu gründen. Er fragte sich, warum nicht schon
vor ihm jemand auf diese Idee gekommen war, schließlich fand er den Gedanken
nahe liegend. Wie die Reichen sich ernährten, hatte er in den letzten Monaten
erfahren können. Die ärmeren Bevölkerungsschichten, hatte er
bei Recherchen erfahren, kauften billige Gemüsereste und Schlacht-Abfälle
ein. Aber die häuslichen Mahlzeiten der breiten Mittelschicht bestanden
im wesentlich aus in Automaten gelagerten Nahrungskonzentraten. Er selbst hatte
vor Jahren als Agent der Rebellion hier auf Coruscant die zwar gesunden, doch
künstlich schmeckenden Nahrungswürfel essen müssen. Es musste
doch möglich sein, mit Kühlfrachtern tief gefrorene, gute Fertiggerichte
auf diesen Planeten zu bringen und dann mit Hilfe von Luftgleitern in einer
Art "Haustürservice" zu verkaufen? Nun, jedenfalls wollte er
es versuchen. Es wäre außerdem der erste Schritt weg von der kriminellen
Schmuggler-Existenz hin zu einem ganz und gar legalen Geschäft. Nun ja,
"legal" war insofern relativ, weil ihr gesamtes Unternehmenskapital
illegal erworben war. Aber in dem Nahrungsmittelhandel würden alle Credits,
die sie verdienten, so sauber sein wie Neuschnee auf den Gipfeln des Har-Nefesch-Gebirges
auf Trexx.
Das Türsignal summte. Das musste Stella Likori sein, die nächste Bewerberin.
Er drückte auf den Öffner und eine dunkelhäutige, hoch gewachsene,
schlanke Frau mit lebendigen, fröhlichen Augen trat ein.
Nachdem sie Platz genommen hatte, deutete Obi-Nor auf die schlichte Einrichtung.
"Wie Sie sehen, sind wir erst dabei, uns auf dem Markt zu etablieren."
Sie lächelte. "Nun, es immer gut, wenn man noch Spielraum nach oben
hat. Wenn Sie mir eine Chance geben, werde ich Ihnen helfen, ein paar Etagen
höher zu kommen."
Nun lächelte auch Obi-Nor. Endlich hörte er die Antwort, die er erwartet
hatte.
Nach einer halben Stunde war die Einstellung besiegelt.
"Dass ich mit 21 Jahren schon Büroleiterin eines Handelsunternehmens
werden würde, hätte ich auch nie für möglich gehalten",
grinste Stella Likori.
"Und Sekretärin, Aquisitorin, Disponentin, Marketing-Leiterin, Buchhalterin",
ergänzte Obi-Nor.
"Putzfrau nicht?" feixte sie.
"Nein", erwiderte Obi-Nor ernsthaft. "Aber Stewardess."
Sie schaute ihn fragend an. "Stewardess?"
"Hm, ja, sehen Sie, wir brauchen noch etwas Eigenkapital, und das werden
wir mit einer kleinen, sagen wir, Ausflugsfahrt für Touristen beschaffen.
Ich, äh, ich frage mich gerade, ob Ihr Sinn für Humor größer
ist als Ihre moralischen Skrupel ..."
Und er erklärte ihr seinen Plan.
"Verehrte Fluggäste, hier spricht Captain Vari Svetlakk. Wir haben
soeben den Hyperraum verlassen und Hoth erreicht. Bitte machen Sie sich bereit,
in das Shuttle hinüber zu wechseln. Legen Sie daher die Thermo-Kleidung
an und verstauen Sie alle Wertsachen wie vereinbart in den Stahlcassetten, damit
unsere Stewardess sie in unserem Bordsafe deponieren kann. Ich hoffe, Sie hatten
einen angenehmen Hyperraumflug."
Obi-Nor schaltete den Bordfunk ab und lehnte sich entspannt zurück.
In spätestens 20 Minuten würden sie das Vermögen von "Gildorian
und Partner" mindestens verdreifacht haben.
12 Gäste hatten sie an Bord. Allen quoll der Reichtum förmlich aus
den Knopflöchern; es traf also gewiss keine Armen. Diese hätten sich
auch keinen "Tourismus-Flug zu den Stätten der Rebellion" leisten
können. Hoth, Yavin, Endor, so lautete der offizielle Reiseplan. Als Programmpunkte
waren vorgesehen: Besichtigung der Rebellen-Stützpunkte, simuliertes Gefecht
mit Sturmtruppen, Darbietung einer Ewok-Tanzgruppe, Festbankett inkl. Auftritts
eines Darth-Vader-Doubles. Und für diesen Unsinn zahlten diese reichen
alten Typen doch tatsächlich 10.000 Credits! Nun, Obi-Nor war es recht.
Nie wieder würde er die Chance haben, so leicht 120.000 Credits zu kassieren.
Aber das war ja noch nicht alles. Stella Likori hatte sich als echter Glücksgriff
erwiesen. Von ihr stammte nämlich die Idee des Festbanketts, verbunden
mit dem Bestreben, vor allem Frauen als Fluggäste zu gewinnen, "weil
die alle mit ihrem Schmuck protzen wollen." Nein, Skrupel hatte Stella
nicht gehabt. Und deshalb würde allein an Perlen und Diamanten noch einmal
eine Summe von Zigtausend Credits zusammen kommen. Dem standen als Ausgaben
nur die Mietkosten für den unter falschem Namen geliehenen Passagiertransporter
gegenüber.
"So, das war's!" Stella steckte den Kopf ins Cockpit. "Hast du
Piet auf der Peilung?"
"Ja", nickte Obi-Nor. "Er wartet schon auf uns. Bring schon mal
den Schmuck in die Rettungskapsel. Ich erkläre derweil unseren Touristen
die kleine Programmänderung, dann komme ich nach."
Obi-Nor ging in den Gemeinschaftsraum, wo er von zwölf erwartungsfrohen
Menschen in Thermo-Anzügen aufgeregt begrüßt wurde.
"Ist es wirklich so kalt auf Hoth? Werden wir Wampas sehen? Ist der Stützpunkt
noch intakt? Waren Sie wirklich ein Rebell?"
"Oh ja", antwortete Obi-Nor auf die letzte Frage. Ich war sogar auf
Hoth dabei, als das Imperium angriff!"
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
"Und jetzt arbeiten Sie in der Tourismus-Branche?"
"Hm, nein, eigentlich nicht." Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Bedauerlicherweise
habe ich von Reiseveranstaltung keine Ahnung."
Er zog einen Blaster.
"Tut mir Leid, aber ich muss Sie enttäuschen. Aus dem Ausflug nach
Hoth wird nichts. Wir verlassen Sie jetzt. - Aber keine Angst", fügte
er rasch angesichts der bleich gewordenen Gesichter hinzu. "Sie werden
hier abgeholt. Ich habe das Notrufsignal aktiviert. Die Eisforschungsstation
auf Hoth wird es auffangen. In spätestens drei Stunden ist jemand hier,
der einen Raumgleiter fliegen kann. Ich muss Ihnen wohl nicht eigens sagen,
dass die Rettungskapseln deaktiviert sind - bis auf eine, aber die werden meine
Mitarbeiterin und ich benutzen."
Er lächelte in die Runde. "Nun schauen Sie doch nicht so entgeistert!
Sie wollten ein Abenteuer - Sie haben ein Abenteuer. Sie befinden sich in einer
der schönsten Gegenden der Galaxis. Wenn Sie links aus den Sichtluken schauen,
können Sie Hoth erkennen. Rechts erblicken Sie Millionen von Sternen. Entspannen
Sie sich und genießen Sie die Aussicht!"
Als sie an Bord der Courier I waren, rief Obi-Nor seine HoloNet-Mails
ab. Inmitten der veschlüsselt formulierten Fracht-Angebote von seinen Kontaktleuten
in "Smugglers' Den" und "Smugglers' Run" und jeder Menge
Werbesendungen waren zwei Mails, die sofort seine Aufmerksamkeit weckten.
Die eine war von Kitty Ommis. Sie blickte sachlich-kühl in das Aufzeichnungsgerät
und sprach auch völlig emotionslos. Aber was sie mitzuteilen hatte, war
eine dicke Überraschung.
"Hallo Obi-Nor. Vielleicht interessiert es dich, dass du nochmal Vater
wirst. Ja, du hast richtig gehört, ich bin schwanger. Nicht dass ich mir
Illusionen mache: Ich erwarte nicht, dass du dich in irgendeiner Weise um mich
kümmerst. Schließlich habe ich gewusst, dass ich mich auf einen Schmuggler
einlasse und nicht auf einen Kinderpfleger. Du fliegst D'Sothlar ja sowieso
nicht mehr persönlich an. Und jetzt wirst du sicherlich erst recht einen
weiten Bogen um unseren Planeten machen. Ich komme auch so gut klar. Nur eines
will ich: Du zahlst Unterhalt für mein Baby, klar? Ich selbst will nichts
und brauch nichts. Aber du zahlst für das Kind! Tja, Süßer,
das war's."
Obi-Nor starrte den wieder verdunkelten Holo-Projektor an. Noch ein Kind! Kitty
hatte natürlich völlig Recht. Er hatte genug an der Verantwortung
für seine Tochter zu tragen. Nein, das wurde ihm einfach zu viel. Mit etwas
schlechtem Gewissen, aber ohne zu zögern linkte er sich in sein Privatkonto
bei "Interstellar Banking" ein und wies er eine monatliche Zahlung
von 500 Credits an. Danach beschloss er, nie jemandem von seiner Affäre
mit Kitty und von seinem zweiten Kind zu erzählen.
Schließlich rief er die andere Mail ab. Es war eine anonym versandte reine
Textnachricht und bestand nur aus wenigen Worten.
Obi-Nor las sie mehrmals durch, und fragte sich, warum er auf einmal so ein
ungutes Gefühl verspürte. Aber brauchte nicht lange zu überlegen.
Er musste einfach auf das Angebot eingehen.
Noch einmal las er die Mail.
"Lichtschwert wartet - Smugglers' Den - Sabacc-Tische."
"Smugglers' Den" gehörte zu den fünf bedeutendsten Schmuggler-Treffpunkten
in der Galaxis. Diesen Status verdankte der Ort nicht etwa einem besonders schwierigen
und versteckten Zugang wie das in einem Asteroidenfeld gelegene "Smugglers'
Run", sondern der Tatsache, dass der Planet Tarpess VI, auf dem er lag,
seit jeher außerhalb des Blickfeldes der großen imperialen Expansionspolitik
lag. Witschaftlich und militärisch zu unbedeutend, als dass sich die Stationierung
von Bodentruppen oder Sternenzerstörern lohnte, fristete das Tarpess-System
ein bescheidenes, unbeachtetes Dasein. Die Bewohner von Tarpess VI, die Smoig,
ein zwergenhaftes, friedliches Volk, hatten keinerlei Interesse an Beziehungen
zu Wesen außerhalb ihres Planeten. Und solange die Schmuggler, die eine
große felsige Halbinsel an der Nordspitze des "Großen Kontinents"
okkupiert hatten, sich nicht über den Planeten ausbreiteten, konnten beide
Gruppen gut aneinander vorbei leben.
Natürlich wäre es für das Imperium problemlos möglich gewesen,
den Schmuggler-Treff auszuräuchern. Doch der imperiale Geheimdienst hatte
es stattdessen vorgezogen, ein paar seiner Leute hier einzuschleusen, um über
die wichtigsten Entwicklungen im Bereich des "freien Handels" auf
dem Laufenden zu sein. Inzwischen hatte der Geheimdienst des untergehenden Großreiches
freilich wichtigeres zu tun als hier herumzuschnüffeln. Obi-Nor vermutete,
dass schon bald einige von Madines Leute in dieses Vakuum stoßen und sich
in Smugglers' Den niederlassen würden.
Nun, den meisten Schmugglern war es ohnehin egal, ob sie das Imperium oder die
gerade entstehende Neue Republik austricksten.
Die Cantina von "Smugglers' Den" war ein niedriger Bau, der sich eng
an eine steile Felswand lehnte. Die Sabacc-Tische befanden sich in einem separaten
Raum, einem direkt in den Fels getriebenen Gewölbe. Dass es keinen Hinterausgang
gab, hatte schon viele professionelle Spieler davon abgehalten, mit gezinkten
oder doppelten Karten zu betrügen. Wer sich im Notfall erst durch einen
mit Schmugglern voll besetzten Schankraum kämpfen musste, hatte wenig Chance
zu entkommen. Denn wenn sich auch die meisten Gäste nicht um allzu viele
Gesetze kümmerten, hier in der Cantina galt eine eherne Regel, die man
besser nicht übertrat: Betrüge nie beim Sabacc!
Obi-Nor hatte nicht vor zu betrügen. Jedenfalls war es von einem gewissen
Standpunkt aus betrachtet kein Betrug, wenn er mit Hilfe der 'Macht' die Gedanken
und Gefühle seiner Gegenspieler ausforschte, um zu erfahren, ob sie ein
gutes Blatt auf der Hand hatten oder nur blufften.
Drei Stunden saß er nun schon an einem der Spieltische. Nachdem sie Stella
Likori unterwegs an einem Raumhafen abgesetzt hatten, damit sie eine Passagierfähre
nach Coruscant nehmen konnte, waren sie Tarpess VI geflogen. Seitdem wartete
Piet bei Yo-Karah in der Courier I, während Obi-Nor sich unverzüglich
zur Cantina begeben hatte. Er wusste, dass er nur lange genug an einem der Sabacc-Tische
bleiben musste; wenn hier wirklich jemand Walas Lichtschwert anzubieten hatte,
würde er sich schon bemerkbar machen. In der Zwischenzeit konnte er die
Gelegenheit nutzen, ihre Reisekasse aufzubessern, indem er Menschen, P'Elohs
und Zorassu kräftig ausnahm. Ihm kam dabei zugute, dass in Smugglers' Den
die seltene Variante des Bluff-Sabacc gespielt wurde: Nach den Wechsel-, Sprech-
und Zugphasen durfte nochmals Geld gesetzt werden. Obi-Nor hätte ansonsten
den Einfluss der 'Macht' nur einsetzen können, indem er das Rollen des
Würfels manipuliert hätte, und das wäre von jedem Standpunkt
aus ein Regelverstoß gewesen.
Als er bereits einen ganzen Haufen Credits vor sich aufgeschichtet hatte und
gerade eine kleine Pause machen wollte, war es endlich so weit. Der unbekannte
Absender der Textmail gesellte sich zu ihm. Und Obi-Nor war sich sicher, dass
es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen.
Zuerst kamen ein paar Worgs herein und postierten sich auffällig-unauffällig
an verschiedenen Stellen im Raum. Es war nicht ungewöhnlich, dass Worgs
hierher kamen. Sie waren allgemein als Piraten und Sklavenhändler bekannt.
In "Smugglers' Den" waren sie zwar wenig geachtet, aber immerhin geduldet.
Doch dann spürte Obi-Nor wieder diese bedrohliche Präsenz des unsichtbaren
Verfolgers von D'Sothlar. Er schaute zur Eingangstür und sah - einen weiteren
Worg. Das war allerdings eine Überraschung. Diese seltsame Ausstrahlung
spürte er bei den anderen Worgs nicht.
Der Neuankömmling steuerte zielstrebig auf den freien Platz an Obi-Nors
Tisch zu.
"Was dagegen, wenn ich einsteige?"
Das war die übliche rhetorische Frage, wenn man sich an einen Sabacc-Tisch
setzte.
Erstaunlich war nur, dass sie in akzentfreiem Basic gestellt wurde. Mit diesem
Worg stimmte ganz offensichtlich etwas nicht.
Bevor die Karten für die nächste Runde ausgeteilt wurden, wandte sich
der Neue direkt an Obi-Nor.
"Ich habe was für dich. Einen Gegenstand, nach dem du schon lange
suchst."
Obi-Nor nickte. "Okay, nach diesem Spiel können wir ins Geschäft
kommen. Meine Herren, das ist meine letzte Runde."
"Nein", erwiderte der Worg. "Spielen wir darum!"
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Ich trenne Spiel und Geschäft.
Kein Interesse."
"Feigling!" zischte der Worg.
Sofort erstarben alle Gespräche rund um den Tisch. Eine solche Beleidigung
führte an diesem Ort mit tödlicher Sicherheit zu einer bewaffneten
Auseinandersetzung.
Doch Obi-Nor schüttelte erneut den Kopf.
"Du hältst mich wohl für reichlich dumm. Meinst du, ich habe
deine Leute mit ihren Blastern nicht gesehen?"
Er deutete auf die übrigen Worgs.
"Sieht eher so aus, als wenn du Angst hast", fügte er
hinzu.
Der Worg fauchte und zog seine Augen drohend zusammen.
"Josh Mansi hat keine Angst!"
"Nun, dann sind wir uns einig. - Also gut, spielen wir!"
Obi-Nor wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als auf das Spiel einzugehen.
Sonst würde in "Smugglers' Den" tatsächlich der Ruf eines
Feiglings an ihm haften bleiben.
In den ersten vier Spielen passierte nichts aufregendes. Weder Obi-Nor noch
Josh Mansi konnten gewinnen. Der P'Eloh hatte eine kleine Glückssträhne,
die ihn dermaßen in Aufregung versetzte, dass er sich ständig mit
seinem scharfen Schnabel durch das grüne Gefieder fuhr und putzte.
Im fünften Spiel hatte Obi-Nor zunächst ein gutes Blatt auf der Hand.
Mit Coins 7 und Staves Commander hatte er 19 Punkte, was ihn
ermutigte, dreimal den Wetteinsatz zu erhöhen. Er würfelte anschließend
eine 2, und die Staves Commander wurde ihm entzogen. Bei der Neuverteilung
erhielt er die Sabres 8. Als er danach die Flasks 5 zog, hatte
er mit 20 Punkten eine noch bessere Ausgangsposition. Er spürte allerdings,
dass Josh Mansi ebenfalls ein viel versprechendes Blatt in seinen Klauen hielt.
Als der Einsatz auf rund 300 Credits angestiegen war, kam es zum Aufdecken der
Karten. Josh Mansi hatte ebenfalls 20 Punkte, der P'Eloh hatte 19, die beiden
anderen waren mit Werten von über 23 Punkten "ausgebombt".
Es musste also ein Stechen zwischen Josh Mansi und Obi-Nor geben.
Die Karten wurden neu gemischt.
Obi-Nor erhielt eine Sabres Master und eine Coins 10.
24 Punkte. Er konnte es nicht fassen - "ausgebombt" nach zwei Karten!
Da keiner von beiden eine Zahl von 1 bis 3 würfelte, blieb er auf dem Verliererblatt
sitzen.
Nun, was soll's, dachte er. Ich verliere ein paar Hundert Credits, steige aus,
und das war's dann.
Er zog eher mechanisch neue Karten. Ob er nun 24 Punkte oder 40 Punkte hatte,
war einerlei. Alle Werte über 23 waren "ausgebombt".
Zunächst erhielt er die Staves 11, dann die Flasks 3, was
seine Punktzahl auf 38 erhöhte.
Mit einem Anflug von Galgenhumor zog er noch eine Karte.
The Evil One.
Obi-Nor spürte einen Adrenalinstoß.
Minus 15 Punkte.
Er rechnete noch einmal im Kopf nach, um ganz sicher zu sein.
Nein, es stimmte, er hatte 23 Punkte.
'Sabacc'!
Josh Mansi verzichtete darauf, noch eine Karte zu ziehen.
Obi-Nor runzelte die Stirn. Er spürte genau, dass Mansi ein ganz mieses
Blatt hatte. Das war nichts anderes als Bluff. Nun, dieser Worg würde sein
blaues Wunder erleben.
Bevor sie mit der abschließenden Wettphase anfangen konnten, spürte
Obi-Nor plötzlich die Präsenz von Yo-Karah in der Cantina.
Er schaute zur Tür, und tatsächlich kam Piet mit seiner Tochter herein.
Obi-Nor war sauer.
"Was soll das, Piet?" knurrte er. "Du solltest doch mit Yo in
der Courier warten!"
Piet war ganz erstaunt. "Aber du hast uns doch eine Nachricht geschickt,
dass wir hierher kommen sollen!"
"Was redest du da? Nachricht?"
Obi-Nor wusste nicht, was er von der Sache halten sollte. Aber er hatte mit
einem Male ein ganz schlechtes Gefühl.
Josh Mansi unterbrach seine Gedanken, indem er mit dem Einsatz begann.
"300 Credits", sagte er, als er die Chips auf den Tisch schob.
Obi-Nor hielt dagegen und erhöhte zugleich um 500.
Eine innere Stimme gebot ihm aufzuhören und zu verschwinden, doch er schlug
diese Warnung in den Wind. Erst würde er diesen Mansi ausnehmen.
Schnell schaukelten sich die Einsätze auf eine Gesamtsumme von rund 2000
Credits hoch.
Josh Mansi schien damit aber noch nicht zufrieden.
"Das ist alles Kleinkram, Junge", verzog er sein Gesicht zu einem
gefährlichen Grinsen. "Lass uns jetzt richtig loslegen!"
Bei diesen Worten zog der Worg einen Lederbeutel von seinem Gürtel und
schüttete etwa zwei Dutzend Darkstone-Diamanten auf den Tisch.
Schlagartig verstummten alle Gespräche rund um den Tisch. Andere Gäste,
die spürten, dass hier etwas Besonderes geschah, drängten heran.
Obi-Nor starrte auf die funkelnden Edelsteine.
"Tut mir Leid", sagte er achselzuckend. "Ich habe keinen vergleichbaren
Einsatz. Selbst mein Frachter ist nicht annähernd so viel wert. Du musst
die Diamanten zurücknehmen."
Wieder grinste Josh Mansi.
"Ich setze die Diamanten. Du setzt - deine Tochter!"
Obi-Nor versetzte es einen Stich.
Deshalb waren Piet und Yo-Karah hier! Josh Mansi hatte die beiden herbei gelockt.
Das konnte nur eine Falle sein.
Andererseits ...
Obi-Nor konzentrierte sich noch einmal und ließ sich von der 'Macht' durchströmen.
Josh Mansi hatte eindeutig ganz schlechte Karten. Er bluffte, dessen war sich
Obi-Nor einhundertprozentig sicher.
Er nahm in Gedanken Kontakt zu seiner Tochter auf
Yo?
Ich will bei dir bleiben, Papa, ich will nicht zu dem Worg!
Vertraue mir, Yo!
"Okay", sagte er laut.
Piet stieß einen unterdrückten Schrei aus. "Bist du wahnsinnig!?"
Obi-Nor sah seinen Freund an. "Ich weiß genau, was ich tue. Vertrau
mir!"
Dann legte er die Karten auf den Tisch.
"23 Punkte, Mansi, 'Sabacc'!"
Der Worg nickte anerkennend. Dann deckte auch er seine Karten auf.
Es waren Sabres 2 und Coins 3.
Obi-Nor blieb das Herz stehen.
Eine Kombination von einer 2 und einer 3 hieß "Blatt
des Idioten".
Es war das einzige Blatt, dass einen "Sabacc" noch übertraf.
Obi-Nor wurde schwarz vor Augen. Wie durch einen Schleier sah er, wie Josh Mansi
seine Edelsteine einsammelte, die Credits in die Taschen stopfte und sich erhob.
Zwei Worgs hatten Yo-Karah gepackt und zerrten sie von Piet weg, während
andere den Piloten mit Blastern in Schach hielten.
"Papa!" schrie Yo-Karah. "Ich will nicht mit dem Mann gehen!"
Das rüttelte Obi-Nor auf.
Ich lass dich nicht im Stich! Ich werde dich zurückholen!
Im Moment konnte er allerdings nichts tun. Zwei Worgs hatten noch immer die
Waffen gezogen und sicherten den Rückzug Mansi und den anderen den Rückzug.
Er nahm die Angst seiner Tochter aufgrund des Bandes der 'Macht' zwischen ihnen
deutlich wahr.
Papa! Hilf mir!
Yo! Ich werde dich zurückholen!
Dann wurde die Präsenz schwächer. Mansi war mit Yo-Karah offenbar
schon auf dem Weg zum Raumhafen.
Piet sagte nichts. Er schaute Obi-Nor nur mit grenzenlosem Vorwurf in den Augen
an. Dieser konnte seinem Blick nicht standhalten.
Was hatte er nur getan?!
Er war sich doch sicher gewesen, dass sein Kontrahent ein schlechtes Blatt hatte.
Noch einmal blickte er auf den Tisch. Sabres 2 und Coins 3.
Irgend etwas erregte sein Misstrauen.
Coins 3 ...
Plötzlich sprang er auf.
"Mansi hat falsch gespielt!" rief er. "Die Coins 3 hatte
ich vorher schon abgelegt!"
Die anderen Gäste, die gerade über den Spielverlauf und die Naivität
des jungen Schmugglers diskutierten, wandten ihm wieder ihre Aufmerksamkeit
zu.
Obi-Nor drehte den Stapel der abgelegten Karten um.
Und inmitten der anderen aus dem Spiel genommenen Karten lag eine zweite Coins
3.
Der Anblick löste ein erzürntes Grummeln aus. Vereinzelt wurden auch
Drohungen ausgestoßen für den Fall, dass sich "der Betrüger
hier noch mal blicken lassen" sollte. Aber als Obi-Nor in die Runde fragte,
ob ihm jemand helfen wolle, Mansi zu bestrafen, drehten sich alle nur weg. Wie
kamen sie dazu, diesem Naivling zu helfen? Die ganze Geschichte ging sie schließlich
nichts an.
Nach und nach leerte sich der Tisch. Außer Piet und Obi-Nor blieb nur
ein einzelner Mensch zurück.
"Sieht so aus, als ob der alte Mansi Sie schwer reingelegt hat", meinte
er. "Ist mir auch schon mal passiert."
Obi-Nor musterte den Mann. Er war etwa 30 Jahre alt, mit schmalem, aber drahtigen
Körperbau. Seine markante Kinnpartie und sein entschlossener Zug um den
Mund ließen auf Tatkraft und Durchsetzungsvermögen schließen.
Dieser Eindruck wurde durch eisgraue Augen noch unterstrichen.
"Was halten sie davon, wenn ich ihnen helfe, der Kerl zu schnappen?"
"Warum sollten Sie das tun?" Obi-Nor war misstrauisch. "Warum
wenden Sie sich nicht ab wie alle anderen?"
"Ich sagte schon, Mansi hat auch mich beim Sabacc schon betrogen. Außerdem
..." Er machte eine kleine Pause. "Außerdem brauche ich Geld.
Ich will die Hälfte der Diamanten."
Obi-Nor lachte bitter auf. "Die Diamanten interessieren mich gar nicht,
Mister ..."
"Talon Karrde. Ich bin mit meiner gesamten Mannschaft hier. Drei Schiffe,
gut bewaffnete Frachter. Wir sollten sofort zum Sklaven- und Viehmarkt nach
Pharsi. Ich verwette meine rechte Hand, dass Mansi dorthin ist."
Obi-Nor war bei dem Ausdruck "Sklaven- und Viehmarkt" zusammengezuckt.
Es brach ihm fast das Herz. Seine Tochter auf einem Sklavenmarkt zum Kauf angeboten
...?
Er sprach wie in Trance. "Ich habe keine andere Idee. Also nach Pharsi.
Und ... Danke, Mister Karrde."
"Danken Sie mir hinterher. Also - die Hälfte der Diamanten, okay?"
Obi-Nor nickte mit versteinertem Gesicht.
"Ich will nur meine Tochter zurück."
"Wirtschaften
bedeutet, Aufwand und Ertrag in ein akzeptables Verhältnis zu bringen.
Es gibt freilich Situationen, in denen man nur verlieren kann."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler
Langsam und majestätisch senkte sich der schwarz-graue Frachter
in eine der Landebuchten von Pharsi Spaceport. Dutzende von Raumschiffen unterschiedlichster
Bauart und Größe waren angedockt, wurden be- oder entladen, machten
Anstalten zum "lift off" oder wurden von Reparaturdroiden inspiziert.
Aber kein Schiff war auch nur annähernd so groß wie die neu ankommende
Extortioner, das Flaggschiff Josh Mansis. Drei Decks boten Raum für
unterschiedlichste Ladung. Das unterste Deck tief im Bauch des Schiffes war
eine einzige, nur von versenkbaren Schotts unterteilte Fläche für
Massengut. Darüber befand sich das Containerdeck für Stückgut.
Das oberste Frachtdeck war für die wertvollste Fracht reserviert, mit der
Josh Mansi zu handeln pflegte - Lebewesen. Zahlreiche Käfige mit Gitterstäben
aus Durastahl zu beiden Seiten des Mittelganges und der erbärmliche Gestank
von verfaulten Fleischresten, Blut und Kot gaben beredtes Zeugnis ab, in welcher
Branche der Schiffseigner zu Hause war.
Jetzt war nur ein einziger Käfig behaust.
Nachdem die Extortioner aufgesetzt hatte, begab sich Josh Mansi zum Vieh-
und Sklaven-Deck. Er schlurfte mit schweren Schritten durch den Mittelgang bis
zum allerletzten Käfig. Dort gab er an einer Steuerkonsole einen Zahlencode
ein, und sofort schwang die Tür auf, während im Innern des Käfigs
eine fahle Deckenleuchte aufflackerte. Das Menschenmädchen kauerte in einer
Ecke. Sie war schmutzig; eine fleckige Tunika klebte an ihrem Körper. Sie
blinzelte angesichts der ungewohnten Lichtquelle nach mehr als 24 Stunden in
völliger Dunkelheit.
Mansi betrat den Käfig.
Er genoss ihren Anblick, ihre angstgeweiteten Augen, die hilflose Abwehrhaltung
ihrer um den Leib geschlungenen Arme.
Aber noch mehr genoss er den Geruch. Nichts roch so erregend wie menschlicher
Angstschweiß.
Er beugte sich über sie, öffnete seinen Mund zu einem hinterhältigen
Grinsen und fuhr mit einer Klaue über die zarte Haut ihrer Wange.
"Na, meine Kleine, hast du den Flug genossen?"
Sie zuckte bei der Berührung zusammen, sagte aber nichts.
Wieder bemerkte er den Angstschweiß.
Unvermittelt zog er seine Hand zurück und schob ihr ein Nahrungsmittelpack
zu.
"Du musst was essen."
Mit diesen Worten ging er hinaus.
Nein, er würde diesem Menschenmädchen nichts antun. Er war doch kein
Idiot. Er wollte sie schließlich noch verkaufen, und ihr Preis würde
auf die Hälfte fallen, wenn er sie misshandelte. Er hatte für die
anderen Händler auf Pharsi, die ihr Vieh schlugen oder ihre Sklavinnen
missbrauchten, nur Verachtung übrig. Das waren gar keine richtigen Geschäftsleute.
Er würde niemals den Wert seiner Ware vor dem Verkauf mindern.
Nein, Gildorians Tochter hatte noch eine winzige Schonfrist. Bis er sie an Sleda
the Hutt verkauft hatte.
Mansi grinste bei dem Gedanken an den Hutt. Wenn die Gildorian-Tochter erst
einmal bei Sleda war, würde sie wünschen, im Käfig auf der Extortioner
gestorben zu sein ...
Ein Warnton aus seinem Kom-Gerät unterbrach seine Gedanken.
Sieh an, dachte er, Gildorian kommt. Dieser Mensch hatte also seine Spur bis
Pharsi verfolgt. Nun, er war darauf vorbereitet. Nachdem er Talon Karrde in
der Cantina gesehen hatte, war er sogar überzeugt davon, dass dieser dem
jungen Schmuggler den Tipp geben würde, nach Pharsi zu fliegen. Und genau
deshalb hatte er einen Peilsender an der Courier I anbringen lassen.
Piet O'Shir steuerte das Raumschiff schweigend über die Pharsi-Steppe,
bis er einen geeigneten Landeplatz entdeckte. Er fuhr die Landestützen
aus, schaltete die Repulsoraggregate ab und fuhr das Steuerungssystem herunter.
Er redete kein Wort.
Schon seit dem Ablug von Smugglers' Den hatte er nicht mehr gesprochen.
Auch Obi-Nor hatte nur dumpf vor sich hin gebrütet. Aber jetzt hielt er
es nicht mehr aus.
"Piet ..."
"Lass mich in Ruh!"
Obi-Nor schluckte. Er wusste, in ihrer Freundschaft war ein Riss entstanden,
der vielleicht nie mehr heilen würde.
Aber er versuchte es noch einmal.
"Piet, ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich ... Was hab
ich nur getan?"
"Was du getan hast?" schrie Piet. Endlich war es mit seinem eisernen
Schweigen vorbei. "Du hast deine Tochter als Spieleinsatz verwettet! Das
hast du getan! Kannst du dir vorstellen, was sie jetzt für Ängste
durchmacht? Was man ihr gerade antut? Kannst du dir das vorstellen?"
Obi schloss die Augen. Er hatte den letzten Tag an nichts anderes denken können.
Piets Stimme wurde leiser und trauriger. "Ich habe die Kleine ins Herz
geschlossen. Ich kann mir ein Leben an Bord ohne sie gar nicht mehr vorstellen.
Ich ..."
Er unterbrach sich, um Tränen aus seinen Augen zu wischen.
"Obi-Nor, ich würde mein Leben geben, um sie zu befreien."
Endlich Licht.
Es war so schrecklich gewesen in der völligen Finsternis. Eingesperrt in
einem dreckigen und entsetzlichen stinkenden Käfig.
Sie konnte auch jetzt noch beinahe die Aura der Wesen fühlen, die hier
eingesperrt gewesen waren, Wookies, Twi'Lek, Menschen, Echsen, Ga'Mories, Rodianer.
Sie fühlte das Echo von Furcht und Schmerz, von Verzweiflung und Scham.
Ihr eigenes Gefühl war vor allem Ekel. Ekel vor diesem Dreckloch.
Aber stärker als der Ekel war der Hunger.
Yo-Karah aß gierig die Nahrungskonzentrate, die dieses Monster ihr da
gelassen hatte.
Vorhin hatte sie geglaubt, es würde sie fressen.
Sie hatte plötzlich eine ungeheure Angst gehabt.
Doch dann war er verschwunden.
Sie trank den letzten Schluck Wasser, der ihr geblieben war.
Plötzlich horchte sie auf. Sie spürte ...
Papa?
Nein, sie konnte mit ihrem Vater nicht in Kontakt treten. Aber sie spürte
ganz deutlich, dass er hier in der Nähe war.
Sie atmete tief durch.
Sie hatte es von Anfang an gewusst, ihr Vater würde sie retten.
In dem Gang zwischen den Käfigen erklangen Schritte. Zwei bewaffnete Worgs
kamen mit finsterer Miene herbei.
Sie öffneten die Tür und zerrten sie heraus.
Yo-Karah wusste nicht, wohin sie gebracht wurde. Aber sie ahnte, ihr Vater würde
sich mit der Rettungsaktion beeilen müssen ...
Nichts.
Auf dem gesamten Vieh- und Sklavenmarkt war nicht die geringste Spur von Josh
Mansi und seinen Worgs zu sehen.
Talon Karrde hatte mit seinen Leuten das gesamte Gebiet durchgekämmt, ohne
Erfolg.
Sie hatten improvisierte Bühnen gesehen, auf denen Sklaven feilgeboten
wurden. Sie hatten in geschlossenen Läden und in großen Hallen nachgeschaut.
Vergeblich.
Nun standen sie auf dem großen Zentralplatz und berieten, wie es weitergehen
sollte.
"Mansis Schiff liegt in Spaceport", meinte Hilo Trinid, einer der
Piloten. "Wir könnten ihn da ohne weiteres einkreisen."
"Viel zu riskant", erntete er sofort Widerspruch. "Gildorians
Tochter ist seine Geisel, die dürfen wir nicht gefährden."
"Wir sollten uns an die Käufer halten", schlug Miles Carnucci,
der Sicherheitschef der Gruppe vor. "Ohne Käufer kein Verkauf. Wenn
wir bei den Hutts und den anderen Gangstern rumlungern, kriegen wir Mansi irgendwann
zu Gesicht."
"Wir machen beides", entschied Karrde. "Hilo, du kümmerst
dich mit zwei Besatzungen um den Raumhafen. Ihr dürft aber erst zuschlagen,
wenn ihr das Signal kriegt, dass die Kleine in Sicherheit ist. Und wenn ihr
was unternehmt: Bringt die Diamanten mit! Und du, Miles, verteilst dich mit
deinen Leuten hier bei den in Frage kommenden Käufern. Mansi wird nur mit
Top-Leuten handeln, das dürften nicht zu viele sein. Ich versuche inzwischen,
mit Gildorian Kontakt aufzunehmen. Mittlerweile müsste er hier sein."
Das Kom-Gerät piepte zweimal und verstummte.
Danach meldete es sich viermal, bevor es sich wieder abschaltete.
Beim dritten Mal gab es zwei Piepser von sich.
"Karrde versucht, mich zu erreichen", sagte Obi-Nor. "Ich fahre
zum verabredeten Treffpunkt. Kommst du mit dem Umbau klar?"
Piet schaute von dem Drahtgewirr auf, das aus der geöffneten Konsole herausquoll.
"Ich schaff' das schon. Sieh du nur zu, dass du nicht mit Karrde zusammen
gesehen wirst. Seine Hilfe ist das einzige Überraschungsmoment, das uns
geblieben ist."
Obi-Nor nickte. Karrde hatte gut daran getan, ihnen den Außenhaut-Funkpeildetektor
zu leihen. Dadurch wussten sie, dass Mansi über den Aufenthalt der Courier
I informiert war.
Und Piet war gerade dabei, Vorkehrungen zu treffen, damit dem Sklavenhändler
dieses Wissen nichts nutzen würde.
Obi-Nor verließ die Courier I, schwang sich auf den mitgeführten
Minigleiter und schwebte in Richtung Pharsi-Markt davon.
Sleda the Hutt residierte in einer der großen, direkt am Zentralplatz
gelegenen Hallen. Dreimal im Jahr kam er nach Pharsi, um sich mit allem einzudecken,
was er für seine Geschäfte brauchte. Zum Abschluss einer jeden Reise
gönnte er sich etwas Besonderes für seinen Palast. Die Aufgabe, das
verfügbare Angebot zu begutachten und die richtige Ware auszusuchen, fiel
Trachyyk, Sledas Majordomus, zu.
Die große Seitenkammer der Halle war mit Sklavenhändlern überfüllt.
Es war eine Prestige-Sache, Sleda als Kunden zu gewinnen. Schon eine Stunde
lang hatte Trachyyk Holos von Sklaven angeschaut. Und wenn er sich nicht völlig
täuschte, hatte er soeben das Richtige entdeckt. Diesmal würde es
also ein Menschenmädchen sein.
"Ihr könnt gehen", wies er die vor ihm stehenden Worgs an. "Sagt
eurem Herrn, ich habe Interesse an dem Mädchen. Er soll in zwei Stunden
persönlich vorbeikommen, um mit mir den Preis auszuhandeln. Aber mit Josh
Mansi bin ich noch immer einig geworden. Das Holo der Sklavin behalte ich so
lange - als Vorvertrag."
Die beiden Worgs zogen ab, und andere Sklavenhändler drängten nach
vorn, um Trachyyks Aufmerksamkeit zu gewinnen.
In dem Gewühl achtete niemand auf die Gestalt in einem grauen Mantel, das
Gesicht in eine Kapuze gehüllt. Unmittelbar nach den beiden Worgs verließ
die Gestalt das Gebäude.
Miles Carnucci hatte gleich geahnt, dass er bei Sleda the Hutt an der richtigen
Adresse war. Nun kannten sie Mansis Stützpunkt, Pharsi Spaceport, und Mansis
Ziel, Sledas Halle. Der Sklavenhändler konnte ihnen nicht mehr entkommen.
Carnucci folgte den beiden Worgs und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich
zum Raumhafen zurückgingen.
Dass auch er verfolgt wurde, bemerkte er nicht.
Josh Mansi war wütend, als er hinter Carnucci herschlich.
Das war einer von Karrdes Männern, er hatte ihn gleich erkannt.
Es hatte sich also als nützlich erwiesen, dass er, einer alten Gewohnheit
folgend, die Verkaufsverhandlungen seiner Leute belauscht hatte. Er hatte damit
eigentlich nur die Loyalität der Worgs testen wollen. Dass er über
Karrde und seine Leute stolperte, damit hatte er nicht gerechnet.
Karrde hatte Gildorian demnach nicht nur einen Tipp gegeben, er war sogar selbst
hier.
Das änderte natürlich alles.
"Sie haben also einen Funkpeilsender gefunden", fragte Talon Karrde.
"Welcher Typ?"
"Mein Pilot meint, es ist ein THX 1138."
"Hm, Kombipeiler für Fern- und Nahortung." Karrde nippte nachdenklich
an seinem Drink. "Dann weiß Mansi also genau, wo Sie sich hier befinden.
Aber er weiß nicht, dass ich mit meinen Leuten hier bin. Sie können
also mit der Courier ein Ablenkungsmanöver fliegen, und wir holen
Ihre Tochter."
"Das kommt gar nicht in Frage, Karrde", protestierte Obi-Nor. "Sie
glauben doch nicht im Ernst, dass ich in der Gegend rumfliege, während
Sie meine Tochter befreien! Außerdem ist Piet O'Shir soeben dabei, den
Peilsender in einen Vorteil für uns zu verwandeln."
Bevor Karrde fragen konnte, was das bedeuten sollte, wurden sie durch ein Piepen
unterbrochen.
Karrde las die verschlüsselte Textnachricht auf seinem Kompad.
"Wir haben den Käufer", informierte er sein Gegenüber. "Sleda
the Hutt. Die Übergabe ist in knapp zwei Stunden. Wir werden mitten auf
dem Markt zuschlagen."
Der Transporter, eine Antriebseinheit mit zwei angehängten Ladeplattformen,
schwebte dicht an die Backbordluke der Extortioner heran. Sofort begannen
Droiden, Container auf den Ladeplattformen aufzureihen. Elektronik-Müll
und verwertbares Altmetall, entschied Hilo Trinid. Für den nahe gelegenen
Schrottplatz bestimmte Entsorgung. Nicht weiter interessant.
Er schwenkte seinen Tele-Spector herum und betrachtete den Personenausgang.
Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ja, das war
schon viel bedeutsamer.
Vier Worgs verließen den Frachter. Zwei von ihnen trugen ein längliches
Bündel und brachten es zu einem offenen Langleiter mit vier Sitzen und
einer kleinen Ladefläche. Sie verstauten es auf der Fläche und stiegen
mit den anderen beiden Worgs in den Gleiter, der langsam davon schwebte.
Kein Zweifel, Gildorians Tochter war von Bord gebracht worden; das Bündel
hatte genau die Größe eines sechsjährigen Mädchens gehabt.
Trinid gab das vereinbarte Funksignal. Jetzt waren Karrde und Carnucci genauso
alarmiert wie die Männer, die er rund um die Landebucht der Extortioner
postiert hatte. Er suchte mit dem Tele-Spector die Umgebung ab, konnte aber
zu seiner Zufriedenheit niemanden entdecken. Gute Tarnung, genauso musste es
sein. Den Frachter würden sie im Handstreich einnehmen. Sie brauchten nur
Karrdes Nachricht vom erfolgten Überfall abzuwarten.
Nun legte auch der Transporter mit den Containern vom Frachter ab und schwebte
Richtung Schrottplatz davon.
In der Ladebucht war alles ruhig.
Die Extortioner lag da wie eine reife Frucht, die man nur zu pflücken
brauchte.
Talon Karrde deutete auf das blinkende Licht.
"Sie sind unterwegs. Sie laufen uns direkt in die Arme. Wir ... Was schauen
Sie denn so skeptisch?"
Obi-Nor schüttelte geistesabwesend den Kopf. Dann wandte er sich Karrde
zu.
"Sie kommen nicht hierher. Yo-Karah ist definitiv nicht auf dem Weg zum
Markt. Ich spüre es."
Karrde runzelte die Stirn. "Was soll das, Gildorian? Wir können uns
in dieser Situation nicht auf Ahnungen und Gefühle verlassen."
"Irrtum, Karrde, das ist das einzige, worauf ich mich verlassen kann",
widersprach Obi-Nor. "Was liegt in dieser Richtung dort?" Er zeigte
nach Norden.
"Da? Gar nichts. Außer dem Schrottplatz."
"Dann bringen sie sie zum Schrottplatz. Los Karrde, wir müssen zum
Schrottplatz!"
Obi-Nor erhob sich aus ihrem Versteck, aber Karrde winkte ab.
"Gehen Sie, wenn Sie Ihren Ahnungen folgen müssen. Ich bleibe hier
und ziehe die Sache durch wie geplant."
Obi-Nor nickte. "Gut, dann trennen wir uns. Sie werden früher oder
später ohnehin nachkommen."
Er eilte zu seinem Minigleiter. Noch im Laufen schaltete er das Kom-Gerät
an seinem Handgelenk ein.
"Piet? Der Plan ist geändert! Komm zum Schrottplatz im Norden der
Stadt!"
Wieder in völliger Finsternis.
Wenigstens war die Metallkiste, in die man sie gesteckt hatte, sauber. Yo-Karah
wunderte sich, warum auf einmal alle recht nett zu ihr waren. Die Worgs hatten
ihr eine saubere Tunika gereicht und sie auf einem höher gelegenen Deck
in einen hellen Raum eingesperrt. Dort hatte ein anderer Worg Holo-Aufnahmen
von ihr gemacht.
Danach wurde sie für Stunden allein gelassen.
Jetzt steckte sie in dieser Kiste und wurde abtransportiert.
Wenn doch nur ihr Vater käme!
Ob diese Worgs wirklich so böse waren wie sie aussahen? Vielleicht gab
es etwas, womit sie sie besänftigen konnte? Vielleicht mochten sie Schmetterlinge?
Yo-Karah liebte Schmetterlinge. Sie hatte sich diese hübschen bunten Flattertiere
während des Hyperraumfluges vorgestellt, um nicht in der Dunkelheit zu
verzweifeln. Yo-Karah konnte nicht glauben, dass es je ein Wesen geben würde,
das keine Schmetterling mochte. Andererseits wusste sie nicht das geringste
über Worgs.
Der mit vier Worgs besetzte Landgleiter hatte den belebten Zentralplatz des
Marktes erreicht und schwebte langsam der großen Halle zu, in der Sleda
the Hutt sein Quartier aufgeschlagen hatte. Talon Karrde konnte das verschnürte
Bündel auf der Ladefläche erkennen, als das Fahrzeug sein Versteck
passierte. In wenigen Sekunden würden es von Carnucci und seinen Leuten
unter Beschuss genommen werden, während er, Karrde, das Mädchen befreite.
Carnucci hatte den Auftrag, die Worgs nur zu verwirren und abzulenken, auf keinen
Fall aber das Fahrzeug zu treffen, aber Karrde konnte sich auf seinen Sicherheitschef
verlassen.
Soeben erreichte der Gleiter den Punkt, an dem der Überfall erfolgen sollte.
Jetzt! dachte Karrde.
Aber es passierte nichts.
Gar nichts.
Der Gleiter schwebte unbehelligt weiter und verschwand im geöffneten Tor
der großen Halle.
Warum, verdammt, hatte Carnucci nicht gefeuert?
Karrdes Mund wurde plötzlich ganz trocken.
Der Schmuggler sprang auf und rannte hinüber zu dem Kistenstapel, hinter
dem Carnucci mit seinen Männern lauern sollte. Er hatte mit einem Mal ein
ganz mieses Gefühl.
Er umkurvte den Stapel - und fand seine Befürchtung bestätigt.
Carnucci und seine vier Leute lagen auf dem Boden, die Augen weit aufgrissen,
den Mund geöffnet.
Alle Körper von Blasterschüssen durchbohrt.
Sie hatten einen Hinterhalt legen wollen und waren selbst in eine Falle geraten.
Karrde drückte den Toten die Augen zu und bedeckte die Leichen mit Einigen
Kisten als Schutz vor Aasvögeln. Mehr konnte er im Moment nicht für
sie tun.
Er musste sich dringend einen Gleiter besorgen.
Gildorian hatte Recht gehabt. Er würde auch zum Schrottplatz kommen.
Hügel von Altmetall, Berge von Stahlteilen, Gebirge von ausgeschlachteten
Fahrzeugwracks - der Schrottplatz von Pharsi war ein riesiges Gewirr von Metallhalden,
die durch schachbrettartig angelegte schmale Straßen in einzelne Blocks
unterteilt waren. Schwebekräne, Transporter und Lastdroiden glitten hin
und her, luden ihre Fracht auf den Halden ab oder brachten Metallteile zu der
großen Verarbeitungsanlage im Zentrum des Geländes. Hierbei handelte
es sich im wesentlichen um einen Schmelzofen, einen tief in die Erde reichenden,
etwa 20 Meter breiten Schacht, in dessen Feuer alle abgeladenen Teile verflüssigt
wurden, um sie in neue Formen gießen zu können. Zu dem Ofen führten
kreuzförmig vier 50 Meter lange, ca. fünf Meter tiefe und ebenso breite
Kanäle, auf deren Grund mächtige Förderbänder den einzuschmelzenden
Schrott transportierten. Diese Kanäle wurden von schmalen Metallstegen
überquert, um Inspektionsgänge rund um den Schmelzofen zu ermöglichen.
Über der gesamten Anlage lag eine unwirtliche Atmosphäre aus stinkendem
Rauch, dröhnendem Lärm und brütender Hitze.
Trachyyk war mehr als überrascht gewesen, als ihm Josh Mansi mitteilen
ließ, die Übergabe der Sklavin finde keineswegs auf dem Markt statt,
sondern auf dem Schrottplatz am Nordrand der Stadt. Aber er hatte eingewilligt,
schließlich hatte Mansi immer erstklassige Ware geliefert und würde
ihn auch jetzt bestimmt nicht enttäuschen.
Und wirklich - das Menschenmädchen, das einem kleinen Container entstieg,
war ein entzückendes Geschenk für Sleda the Hutt, seinen Herrn.
Trachyyk verzog sein längliches Maul zu einer Art Lächeln, und seine
klebrige Zunge leckte durch das Gesicht der Sklavin.
"Das ist mal wieder A-Ware, die du lieferst, Mansi", sagte er begeistert.
"Nicht diese jämmerlichen Wesen, die die anderen Händler feilbieten."
Aber dann brach er ab. Erst jetzt bemerkte er, dass die Worgs aus den anderen
Metallkisten Einzelteile für ein Lasergeschütz holten und zusammenbauten.
"Wir bekommen Besuch", erklärte Mansi. "Aber mach dir keine
Sorgen, ich habe alles unter Kontrolle."
Der Funkpeilsender zeigte an, dass sich die Courier I langsam näherte.
Sie war bereits über dem Schrottplatz, hielt sich dicht über den Spitzen
der Metallberge und bewegte sich langsam auf den Mittelteil der Anlage zu.
Josh Mansi zog Trachyyk in den Schutz zerbeulter Gleiter-Wracks.
"Halt lieber den Kopf unten. Für alle Fälle. Obwohl der Frachter
leichte Beute sein wird. Hier in der Atmosphäre sind die Deflektorschilde
wirkungslos."
Mit diesen Worten schlich der Sklavenhändler davon.
Trachyyk warf schnell einen Blick auf das zwischen aufgetürmten Wracks
stehende, von Worgs bediente Lasergeschütz. Dann schaute er hinüber
zu dem Worg, der das Menschenmädchen festhielt.
Nein, das war eine Angelegenheit, in die er sich lieber nicht einmischen wollte.
Er duckte sich tief in sein Versteck und blickte auch nicht auf, als das Chaos
ausbrach.
Die Courier I hatte nicht die geringste Chance. Unmittelbar, nachdem
sie in Sicht kam, begann das Lasergeschütz zu feuern. Die Einschüsse
durchbohrten die Außenhülle, das Cockpit, brannten Löcher in
die Steuerruder. Dann traf ein Schuss den Antriebsreaktor.
Der Frachter barst in einer gewaltigen Explosion auseinander. Die Druckwelle
schleuderte die Worgs zu Boden und riss das Geschütz um. Glühende
Wrackteile prasselten herab und verfehlten die Angreifer nur knapp.
Die Worgs sprangen auf und stimmten ein wildes Jubelgeheul an.
Doch plötzlich fielen auch sie tödlich getroffen zu Boden.
Von zwei Schrotthügeln aus wurden sie von Blaster-Kreuzfeuer eingedeckt.
Piet O'Shir feuerte einen letzten Schuss auf die Worgs, die dem Frachter aufgelauert
hatten.
Der Trick mit der Fernsteuerung hatte funktioniert, wenngleich der Verlust der
Courier ihm weh tat.
Aber er schüttelte den Gedanken an das Schiff ab. Jetzt galt es, Yo-Karah
zu retten.
Piet hatte gesehen, wie der Worg, der dass Mädchen bewachte, zwischen zwei
Schrotthaufen verschwunden war.
Er kletterte die Halde hinab und schlich, den Blaster gezogen, durch die schmale
Gasse.
"Piet!" flüsterte es aus seinem Kom-Gerät.
"Ja?" wisperte er zurück.
"Zwei Worgs, vier Wegkreuzungen östlich der Stelle, wo das Geschütz
stand. Direkt an dem südlichen Förderband-Kanal. Ich komme von Norden."
"Okay, ich nähere mich von Westen her!"
Piet bewegte sich lautlos in die Richtung, die Obi-Nor angegeben hatte.
Er sah die Worgs; sie schienen unschlüssig, als wenn sie auf jemanden warteten.
Yo-Karah befand sich nicht bei ihnen.
Er drückte eine Taste an seinem Kom-Gerät. An Obi-Nors Gegenstück
würde nun lediglich eine kleine Lampe blinken, eine lautlose Botschaft,
dass er bereit war. Jetzt leuchtete auch an Piets Handgelenk ein Lämpchen.
Er sprang vor und eröffnete das Feuer.
Zugleich kamen von links Blasterschüsse.
Die Worgs brachen getroffen zusammen.
Piet war mit raschen Sätzen bei ihnen, um ihnen die Waffen und Comgeräte
abzunehmen.
"Piet! Hinter dir!"
Er hatte kaum die Warnung gehört, da ließ er sich fallen und rollte
zur Seite. Blasterschüsse zischten ihm von zwei Seiten um die Ohren.
Westlich und südlich waren die Worgs, die ihn angriffen, im Osten endete
die Gasse am Förderkanal. Es blieb nur die nördliche Richtung zur
Flucht.
Er sprang auf und rannte im Zickzack auf Obi-Nors Versteck zu. Er sah, wie sein
Freund feuerte, um ihm Schutz zu geben.
Nur noch wenige Meter, dann war er in Sicherheit ...
Plötzlich fuhr es ihm heiß in den Rücken.
Er wurde er zu Boden geschleudert.
Ein stechender Schmerz breitete sich im ganzen Körper aus.
Er nahm wie durch einen Schleier wahr, dass Obi-Nor ihn hinter ein Maschinenwrack
zog.
"PIET!"
Warum schrie Obi-Nor so?
Und was war das für eine Flüssigkeit in seinem Mund?
Er spuckte und würgte.
Obi-Nors Stimme war plötzlich weit weg.
Alles verschwamm vor seinen Augen.
Dann wurde es dunkel.
Obi-Nor hielt fassungslos seinen sterbenden Freund in den Armen.
Er sah die klaffende Wunde im Rücken, wo der Blasterschuss ihn getroffen
hatte.
Sah, wie sein Freund Blut spuckte.
Sah, wie sein Atem flacher wurde.
Wie sein Blick starr wurde ...
Piet O'Shir, sein Partner, Co-Pilot und Freund, war tot.
Obi-Nor starrte auf die sich vergrößernde Blutlache.
Er spürte, wie sich Aggression und Hass in ihm regten.
Wie sich die 'Macht' in ihm meldete und diese Gefühle verstärkte.
Er merkte, wie alle anderen Gefühle in ihm verloschen, bis nur noch Aggression
und Hass übrig blieben.
Mit Hilfe der 'Macht' schärfte sich seine Wahrnehmung. Er spürte,
wie ihn drei Worgs einkreisten. Er konzentrierte sich auf die 'Macht', fühlte,
wie sie ihn durchströmte, wie sie ihn stark machte.
Als die Worgs aus ihrer Deckung sprangen, schlug er zu.
Der erste Worg riss seinen Blaster hoch, richtete ihn auf seine eigene Brust
und schoss.
Ein umstürzender Schrotthaufen begrub den zweiten.
Der dritte Worg presste seine Klauen an seinen Kopf, ließ einen Schmerzensschrei
ertönen und sprang, vom Wahnsinn getrieben, in den nur wenige Schritte
entfernten Transportkanal. Zusammen mit zahlreichen Altmetallteilen beförderte
ihn das Band in den Schmelzofen.
Obi-Nor fuhr mit der Hand über die Augen.
Nein, er durfte sich nicht hinreißen lassen. Er hatte bereits früher
einmal die dunkle Seite der Macht gespürt. Den Hass, die Wut, das Gefühl
der Stärke und des Triumphs.
Er durfte es einfach nicht zulassen.
Langsam atmete er tief durch.
Beruhige dich!
Ganz allmählich erlangte er seine Selbstkontrolle wieder.
Er musste seine Tochter retten, aber er durfte sich nicht selbst verlieren.
Seine Tochter.
Er spürte ihre Präsenz ganz in der Nähe.
Vorsichtig schlich er in die Richtung, aus der er Yo-Karah wahrnahm.
Er bog um einen Schrotthaufen ...
"Blasster weck!"
Fünf Meter entfernt stand ein bewaffneter Worg. Er hielt Yo-Karah gepackt.
Langsam ließ Obi-Nor seinen Blaster fallen.
Der Worg zeigte ein breites Grinsen.
Er drehte seinen Blaster herum und hielt die Mündung an Yo-Karahs Kopf.
Dann drückte er ab.
Talon Karrde fuhr mit dem Gleiter-Bike, das er auf dem Markt gestohlen hatte,
vorsichtig zwischen den Metallbergen hindurch. Unzählige, noch glühende
Wrackteile zeugten von der Explosion eines Raumschiffs. Er nahm an, dass Gildorian
und O'Shir wie geplant die Courier geopfert hatten, um einen Überraschungsangriff
zu starten. Und tatsächlich: Da lagen erschossene Worgs neben einem umgestürzten
Lasergeschütz.
Karrde glitt weiter durch das Gewirr von Gassen. Er wagte nicht, die Metallberge
zu überfliegen, um einen besseren Überblick zu erhalten; er hätte
lediglich ein hervorragendes Ziel für einen am Boden stehenden Schützen
abgegeben.
Er bog um eine Ecke und erblickte in einer Seitengasse eine kleine Gestalt.
Sofort riss er den Blaster hoch, doch dann entspannte er sich wieder.
Es war nur ein Jawa, der in dem Schrott herumwühlte, nicht auf die Öllachen
und den Matsch achtend, die ihn umgaben.
Er fuhr an ihm vorbei, folgte einer Biegung und fand sich plötzlich am
Rand eines Förderkanals wieder.
Rasch überlegte er, ob er den Kanal mit dem überqueren sollte, was
mit dem Fahrzeug kein Problem war, entschied sich aber dagegen.
Denn er bekam das Bild des Jawas, den er soeben passiert hatte, nicht aus dem
Sinn. Irgendetwas stimmte mit der kleinen Gestalt nicht. Aber was? Sicher, es
war ungewöhnlich, einem Angehörigen dieser Spezies auf Pharsi zu begegnen,
aber nicht ausgeschlossen. Nein, es war etwas anderes.
Die Waffe!
Oder vielmehr die Tatsache, dass dieser Jawa unbewaffnet gewesen war.
Ein einzelner Jawa, an einem nicht gerade sicheren Ort, nach der Explosion eines
Raumschiffs, ohne Waffe?
Karrde fuhr zurück, doch der Jawa war verschwunden.
Nur seine Fußspuren waren auf dem matschigen Boden zu sehen.
Talon Karrde traute seinen Augen nicht.
Er sah die charakteristischen Spuren eines Jawa, die in eine Ölpfütze
hinein führten. Heraus führten - Spuren von Katzenpfoten.
Karrdes Herz setzte einen Schlag aus.
Sie hatten ihren Gegner von Anfang an unterscätzt. Es war keineswegs nur
ein außergewöhnlich intelligenter Worg, mit dem sie es zu tun hatten.
Ihr Gegner war - ein Gestaltwandler.
Josh Mansi kochte vor Wut.
Er hatte diesen Gildorian erneut falsch beurteilt. Den Trick mit dem ferngesteuerten
Frachter hatte er erst geahnt, als es zu spät gewesen war. So ungeschützt,
wie das Raumschiff herein geschwebt war - das hatte oberfaul gerochen. Gerade
noch rechtzeitig war er vom Platz des Überfalls verschwunden. Nun lag die
Hälfte seiner Leute, die er zum Schrottplatz beordert hatte, tot zwischen
den Trümmern der Courier. Zu allem Überfluss war auch noch
dieser Talon Karrde hier aufgetaucht. Er hatte sich zwar von seiner Jawa-Gestalt
täuschen lassen, aber Mansi machte sich keine Illusionen. Karrde war kein
Dummkopf; er würde bald wissen, dass mit dem Jawa etwas nicht stimmte.
Mansi hatte sich in eine Schleichkatze verwandelt und hockte oben auf einem
Metallberg. Er musste sich unbedingt orientieren, wo die anderen Worgs waren
und wo dieser Gildorian steckte.
Da sah und hörte er Blasterfeuer ganz in der Nähe des südlichen
Förderkanals.
Er sprang auf leichten Pfoten den Berg herunter.
Unten verließ er die Katzen-Gestalt, die er - wie auf D'Sothlar oder dem
Markt von Pharsi - nur für Beobachtungen benutzte, und nahm seine wahre
Gestalt an. Die Gestalt einer zweibeinigen, schuppengepanzerten Raubechse.
Mit schnellen Schritten eilte er in die Richtung, aus der er den Schusswechsel
gesehen hatte.
Als die Courier explodierte, meinte Yo-Karah, ihr Herz würde zerspringen.
Sie schrie laut auf und fing an zu weinen.
Doch dann spürte sie Präsenz ihres Vaters. Er befand sich ganz in
der Nähe. War er denn gar nicht im Frachter gewesen?
Dann wurde Blasterfeuer eröffnet, und die Worgs, die das Geschütz
bedient hatten, fielen zu Boden. Mehr konnte sie nicht beobachten, da sie hastig
fortgezerrt wurde.
Der Worg, der sie gepackt hielt, stolperte zwischen den Schrotthaufen hindurch.
Yo-Karah konnte seine Verwirrung spüren.
Der Weg endete an einem Graben, in dem Altmetallteile auf einem Förderband
transportiert wurden. Im ersten Moment befürchtete Yo-Karah, der Worg würde
sie einfach hineinwerfen, doch er wandte sich um und zog sie hinter sich her.
Nach wenigen Schritten stoppte er abrupt. Wieder war ein Schusswechsel zu hören,
und ihr Vater schrie ein entsetztes "PIET!".
Dann, nach einer kleinen Pause ertönten abermals Schreie, und aufgetürmte
Wracks stürzten um.
Danach spürte Yo-Karah, wie ihr Vater näher kam. Jetzt würde
er sie retten.
Aber dann sah sie den Blaster in der Hand des Worgs. Sie durfte nicht zulassen,
dass dieses Scheusal ihren Vater umbrachte.
Ob sie ihn besänftigen konnte? Aber womit?
Wieder überlegte sie, ob Worgs Schmetterlinge mochten.
"Blasster weck!"
Langsam ließ ihr Vater die Waffe fallen.
Jetzt war er völlig wehrlos.
Sie dachte an Schmetterlinge.
Zu ihrer Verwunderung zielte der Worg nicht auf ihren Vater, sondern richtete
die Waffe auf ihren Kopf.
Sie konzentrierte sich ganz auf die bunten Falter, die sie so gern hatte, und
sandte die Bilder in Gedanken dem Worg.
Aber welch eine Enttäuschung!
Der Worg konnte Schmetterlinge anscheinend nicht leiden.
Er feuerte auf die Bilder, die Yo-Karah ihm vorgegaukelt hatte.
Wie konnte man nur auf Schmetterlinge schießen?
Dann wurde er selbst vom Blaster ihres Vaters getroffen.
Geschah ihm ganz recht!
Obi-Nor wunderte sich, warum der Worg den Blaster von Yo-Karahs Kopf gerissen
und sinnlos Löcher in die Luft geschossen hatte. Aber er hatte keine Zeit,
darüber nachzudenken. Denn er spürte wieder die bedrohliche Präsenz
Josh Mansis, die er zum ersten Mal auf D'Sothlar wahrgenommen hatte. Obi-Nor
wandte sich um und sah eine mannshohe Echse, die in großen Sätzen
näher eilte.
Eine Echse? Etwa - ein Gestaltwandler?
Aber auch dieses Rätsel musste warten.
Er nahm Yo-Karah bei der Hand und lief weg, eine Gasse entlang, die parallel
zum Transportkanal verlief.
Doch er spürte, wie Mansi unerbittlich näher kam. Zusammen mit dem
Kind würde er es nie schaffen zu entkommen.
Als er den Metallsteg sah, der den Kanal überquerte, blieb er stehen.
"Los, Yo, lauf über den Steg! Versteck dich auf der anderen Seite!"
Er schubste seine Tochter in die Richtung, in der sie fliehen sollte.
Yo-Karah rannte auf den Steg, blieb dort aber stehen und drehte sich um.
"Papa ..."
"Hau ab! Lauf!"
Obi-Nor konnte sich nicht länger um sie kümmern, die Echse lief auf
ihn zu.
Er riss den Blaster aus dem Holster und feuerte zweimal, doch die Schüsse
prallten wirkungslos ab. Die Echse musste einen Schuppenpanzer besitzen, der
es mit einer mandalorianischen Kampfrüstung aufnehmen konnte.
Nun war Josh Mansi herangekommen. Eine rasche Drehung des Körpers, und
der schuppige Schwanz peitschte gegen den Waffenarm Obi-Nors. Der Blaster flog
in hohem Bogen davon.
Mansi wirbelte herum, und hieb mit der Klaue auf den Menschen ein. Der konnte
sich mit einer raschen Seitwärtsbewegung gerade noch in Sicherheit bringen.
Doch Mansi war sofort wieder über ihm und schleuderte ihn gegen einen Schrotthaufen.
Mit einem Satz sprang er hinterher, das mit rasiermesserscharfen Zähnen
bewehrte Maul zum Angriff geöffnet.
Obi-Nor griff eine Metallstange und schlug sie der Echse mit voller Wucht auf
den Kopf.
Ein kurzes Zurückzucken und ein zorniger, fauchender Laut zeugten davon,
dass der Schlag durchaus Eindruck hinterlassen hatte.
Aber einen zweiten Versuch bekam Obi-Nor nicht. Eine scharfe Klaue schlug ihm
die Stange aus der Hand; ein zweiter Hieb hinterließ eine klaffende Wunde
an seiner linken Schulter.
Mansi holte ein drittes Mal aus.
"PAPA!"
Mitten in der Bewegung hielt Mansi inne. Er drehte den Kopf und erblickte Yo-Karah
auf dem Metallsteg. Sofort ließ er von Obi-Nor ab, sprang auf den schmalen
Übergang und ergriff das Mädchen.
Obi-Nor rappelte sich auf, seine Schmerzen an der blutenden Schulter ignorierend.
Er lief, so schnell es seine Verletzung zuließ, ebenfalls zum Steg.
"Mansi! Lass meine Tochter los! Stell dich dem Zweikampf, du Feigling!"
Mansi fauchte. Dann packte er mit einer Klaue Yo-Karah am Arm und hielt sie
weit über das Geländer.
Yo-Karah zappelte und strampelte. Fünf Meter unter ihr bewegte sich das
Transportband und beförderte Schrott in den 30 Meter entfernten Schmelzofen.
"Ich soll deine Tochter loslassen, Gildorian?"
Obi-Nor stand wie angewurzelt. Mechanisch schüttelte er den Kopf.
"Mansi, bitte ..."
Josh Mansi ließ ein lautes, gefühlloses Lachen ertönen.
"Kleinlaut geworden, Gildorian? Na, was bist du jetzt? Immer noch der clevere
Trickser? Oder ein winselnder Jammerlappen? Das Leben deiner Tochter ist in
meiner Hand. Oder vielmehr - nicht mehr in meiner Hand."
Bei diesen Worten ließ er Yo-Karah in den Transportkanal fallen.
Ohne zu überlegen schwang sich Obi-Nor über das Geländer und
sprang ebenfalls hinab.
Er eilte zu seiner Tochter, die mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag.
Offenbar hatte sie sich beim Sturz den Fuß verletzt.
Obi-Nor beugte sich über sie.
"Klammer dich um meinen Hals, los!"
Er stützte sie mit dem rechten Arm, während sie wie ein Klammeraffe
an ihm hing. Dann begann er, sich gegen die Transportrichtung des Bandes zurückzukämpfen.
Es war ein Hindernislauf um Leben und Tod. Und ein hoffnungsloses Unterfangen.
Das Förderband war übersät mit unzähligen Schrottteilen.
Manche konnte er umgehen, dann gewann er ein paar Meter. Größere
Teile aber musste er überklettern, wobei er den linken Arm wegen seiner
verletzten Schulter kaum zu Hilfe nehmen konnte. Auch Yo-Karah konnte ihn nicht
unterstützen. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, seine Tochter würde
von Minute zu Minute schwerer.
Langsam aber sicher näherten sie sich dem Schacht.
Obi-Nor blickte sich nicht um, das hätte zu viel Zeit gekostet. Aber er
spürte den Anstieg der Temperatur, bis die aus dem Schmelzofen heraufsteigende
Hitze unerträglich wurde.
Er hatte keine Chance.
Nur noch wenige Meter trennten ihn und Yo-Karah vor dem sicheren Feuertod.
Immerhin würde er seine Tochter in den letzten Augenblicken nicht allein
lassen.
Dieser Gedanke war ihm der einzige Trost.
Nichts, nichts und wieder nichts.
Die konnten sich doch nicht alle in Luft aufgelöst haben!
Doch da, lag da nicht ein Mensch?
Talon Karrde stoppte das Bike und starrte den Toten an.
Piet O'Shir, der Co-Pilot von Gildorian.
Er war ihnen also auf der Spur.
Es war eine Spur des Todes, denn einige Meter weiter fand er einen erschossenen
Worg.
Danach hörte er die Kampfgeräusche.
Karrde ließ jetzt keine Vorsicht mehr walten. Er drückte aufs Tempo
und fuhr die Gasse entlang. Nach wenigen Metern zog er das Bike hoch und überquerte
die Schrotthügel.
Dann sah er sie.
Auf einem schmalen Metallsteg stand eine Echse - offenbar eine neue Gestalt
Josh Mansis - und hielt Gildorians Tochter über das Geländer. Dieser
war nur wenige Meter entfernt und machte eine bittende Geste.
Karrde war zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Hilflos musste er
mit ansehen, wie erst das Mädchen auf das Transportband stürzte und
dann Gildorian hinterher sprang.
Was jetzt?
Das Förderband trug die beiden unerbittlich Richtung Schmelzofen.
Sein Bike konnte nicht drei Personen tragen. Aber das Band musste doch irgendwo
eine Steuerung haben. Hatte er vorhin nicht ein Kontollterminal gesehen?
Er riss sein Fahrzeug herum und raste in Richtung Feuerschacht.
Zwischen den Einmündungen zweier Kanäle stand ein einfacher Verschlag
aus Metall.
Das Türschloss leistete keinen nennenswerten Widerstand.
Karrde betrat den kleinen Raum. Er hatte sich nicht getäuscht, das hier
war ganz eindeutig eine Steuerkonsole.
Er zog den Blaster und feuerte blindlings auf die Schalter und blinkenden Lichter.
Dann aktivierte er sein Kom-Gerät und brüllte: "Hilo, es geht
los!"
Noch einen Meter waren sie vom Schacht entfernt, da stoppte plötzlich das
Band.
Von dem Ruck völlig überrascht und aus dem Gleichgewicht geraten,
taumelte Obi-Nor am Abgrund. Er tat einen halben Schritt, ahnte die Leere unter
seinen Füßen und warf sich dann mit aller Macht rückwärts
auf das Förderband.
Yo-Karah landete auf seiner blutenden Schulter.
Obi-Nor stieß einen Schmerzensschrei aus.
Zugleich aber wurde ihm klar: Wer schreien kann, ist noch nicht tot.
Doch es war noch nicht vorbei.
Er brauchte Yo-Karahs Warnruf nicht; die Präsenz, die er spürte, sagte
ihm genug.
Trotzdem jagten ihm die Worte seiner Tochter einen Adrenalinstoß durch
den Körper.
"Papa, die Echse ist auf das Förderband gesprungen und kommt hierher!"
Obi-Nor erhob sich schwerfällig. Er keuchte, völlig außer Atem.
Schweiß rann ihm von der Stirn. Seine Schulter war verletzt, vom Zweikampf
mit Josh Mansi taten ihm alle Knochen weh. Außerdem war sein Blaster fort.
Wie sollte er einen zweiten Kampf durchstehen?
Er nahm eine Metallstange vom Band und erwartete Mansis Angriff.
Schon beim ersten Schlag peitschte Mansis Schuppenschwanz ihm die Stange aus
der Hand. Aber damit hatte er gerechnet, die Waffe hatte er nur zur Ablenkung
genommen. Blitzschnell duckte er sich und zog sein Vibromesser aus dem Stiefel.
Als Mansi sich mit geöffnetem Rachen auf ihn stürzte, stach er von
unten in den Unterkiefer.
Die Echse fauchte und trat einen Schritt zurück.
Ein zweites Mal unternahm Mansi nicht so einen ungestümen Angriff.
Sekundenlang standen sich die beiden Kämpfer lauernd gegenüber, Mansi
mit Zähnen, Klauen und seinem Schuppenschwanz bewaffnet, Obi-Nor mit der
Vibro-Klinge in der Hand.
Dann passierte etwas gänzlich Unerwartetes.
Aus einem an Mansis Arm befestigten Gerät ertönte ein durchdringender
Alarmton. Zugleich konnte man vom nicht weit entfernten Raumhafen den Lärm
einer Explosion hören.
Mansi war für einen Augenblick verwirrt, die Augen weit aufgerissen.
In diesem Moment sprang Obi-Nor vor und stieß seinem Gegner die Klinge
in das ungeschützte Auge.
Mit lautem Brüllen taumelte Josh Mansi umher, sein Schwanz peitschte ungezielt,
aber gefährlich durch die Luft.
Es sah aus, als wolle Mansi am Rand des Feuerschachtes einen Tanz aufführen.
Dann raste ein Gleiter-Bike den Kanal entlang.
Obi-Nor warf sich schützend auf seine Tochter und sah, wie Talon Karrde
die Echse rammte.
Der Sklavenhändler stolperte, sein Fuß trat ins Leere, er wankte
am Abgrund.
Ein letztes Mal versuchte er, sich durch einen Gestaltwandel zu retten.
Doch mitten im Verwandlungsprozess - die Schwingen eines P'Eloh-Vogels waren
bereits ansatzweise zu erkennen - schleuderte ihm Obi-Nor einen Metallbolzen
an den Körper.
Josh Mansi verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Schmelzofen.
Auf halbem Weg zwischen Pharsi und "Smugglers' Den", fernab von jedem
Sternensystem, lag ein Frachter bewegungslos im Raum.
"14, 15, 16", zählte Talon Karrde. "32 Darkstone-Diamanten
hat Hilo Trinid auf der Extortioner gefunden. Hier ist Ihre Hälfte,
Gildorian, wie abgemacht."
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Ich will von dem Zeug nichts haben.
Mein Freund und Co-Pilot ist tot. Diamanten können diesen Verlust nicht
aufwiegen. Ich käme mir auch irgendwie schäbig vor, wenn ich mich
durch diese Aktion bereichern würde."
"Ich verstehe, was Sie meinen. Auch ich habe zu viele Leute verloren. Aber
bedenken Sie: Wenn Sie die Edelsteine nicht nehmen, wird er dann wieder lebendig?
Und Sie müssen sich ein neues Frachtschiff kaufen. Kommen Sie, nehmen Sie
die Steine!"
Obi-Nor blickte nachdenklich zur Sichtluke hinaus. Sie hatten den Hyperraumflug
nach "Smugglers' Den", wo Ruwen und My Flyyr ihn und Yo-Karah abholen
solten, auf seinen Wunsch hier unterbrochen.
Er seufzte.
"Okay, ich nehme die Steine. Aber acht Diamanten stehen meinem Co-Piloten
zu. Ich werde sie ihm nicht wegnehmen."
Obi-Nor warf einen letzten Blick auf den Leichnam von Piet O'Shir. Dann deckte
er ihn mit einem Tuch zu, deponierte den Beutel mit den acht Edelsteinen auf
dem Boden und verließ die Rettungskapsel.
Karrde verriegelte das Schott. Dann drückte er auf einen Knopf, und die
Kapsel schoss davon.
Obi-Nor hockte sich neben seine Tochter und wischte ihr sanft einige Tränen
aus dem Gesicht.
"Piet war mit Leib und Seele Pilot, Yo, er hätte sich diese Bestattung
gewünscht."
Gemeinsam beobachteten sie, wie die Kapsel davon flog und in der Weite des Alls
verschwand.
Er strich ihr über den Kopf.
"Du warst tapfer, meine Kleine. Obwohl ich dich durch einen schrecklichen
Fehler in Gefahr gebracht habe, hast du immer an die Rettung geglaubt. Das habe
ich gespürt. Aus dir wird später gewiss eine mutige Frau werden."
Vielleicht sogar eine Jedi, dachte er.
Ende des ersten Teils