No Risk - No Credits

Zweiter Teil: Der Geschäftsmann

1. Die Bedrohung

"Neue Absatzmärkte bekommt man nicht geschenkt. Die muss man sich erobern."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

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Die Leuchtzifferanzeige am Display der Steuerkonsole sprang langsam Zahl um Zahl weiter. Die beiden Förderbänder luden unermüdlich das hochwertige Silas-Erz in die weit geöffnete Ladeluke der Gil Schalosch. Drei der vier riesigen Massengutmodule des Frachters waren bereits gefüllt. Die Crew von Captain Mike N'Koyo führte an Bord soeben den Abflug-Check durch. In wenigen Minuten würde das Schiff die Ladebucht von Lacari IV verlassen und Platz für die Gil Schesch machen, die schon mit geöffneten Luken in Warteposition lag.
Lacari IV war innerhalb des "Äußeren Randes" der Galaxis der wichtigste Umschlagplatz für Erz. Alle bedeutenden Silas- und Thermium-Minen des Sektors benutzen die im Orbit des Lacari-Mondes schwebende Station als Umschlagplatz für die großen Frachtrouten.
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"Gil Schalosch, hier ist Cargo Control. 100 Standardregistertonnen im vierten Modul. Fertig für Lift off!"
"Verstanden, Cargo Control. Alle Systeme grün. Legen jetzt ab."
Die Luke schloss sich, und der Erzfrachter schwebte langsam von der Verladestation weg.
Mike N'Koyo schaute zu seinem Co-Piloten, dem Droiden TK014 hinüber.
"Viertel Schub, 014. Sind schon etwas spät dran. Lass uns sehen, dass wir Fahrt gewinnen."
Der Droide setzte den Sublichtantrieb in Gang.
Plötzlich wurde das Cockpit von einem durchdringenden Warnton erfüllt, und eine rote Lampe blinkte unheilvoll.
"Gravitationsfeld in Frachtmodul eins ausgefallen, Sir", kommentierte der Droide überflüssigerweise.
N'Koyo fluchte. "Sind wir noch im Gravitationsfeld von Lacari IV?"
"Negativ, Sir, haben es soeben passiert."
Weitere Lampen blinkten auf.
"Gravitationsfeld Frachtmodul vier ausgefallen, Sir. Modul zwei ausgefallen, Sir. Modul ..."
"Schon gut, 014, ich sehe es. Notaggregat ein!"
"Notaggregat eingeschaltet, Sir - Notaggregat ausgefallen, Sir."
N'Koyos Flüche wurde lauter.
"Richtung und Geschwindigkeit konstant halten! Flugbahnberechnung?"
"Bin schon dabei, Sir."
N'Koyo spürte, wie sein Mund trocken wurde. Dafür waren seine Handflächen umso feuchter. Hinter dem Steuermodul mit dem Cockpit lagen vier Frachtmodule mit jeweils 100 Standardregistertonnen Silas-Erz. Wenn das Massengut jetzt völlig ohne Gravitation in den Laderäumen schwebte, und sie würden Flugrichtung oder -geschwindigkeit auch nur um wenige Prozent ändern, würden sich die Erzbrocken aufgrund der Trägheit in Geschosse verwandeln. N'Koyo bezweifelte, ob die Wände und Schotte einer solche Masse überhaupt standhalten würden. Aber selbst wenn - das Schiff wäre augenblicklich manövrierunfähig. Er stellte sich eine Schüssel mit schwappendem Wasser vor, eine sehr, sehr große Schüssel. Nein, lieber würde er mit scharfen Thermodetonatoren jonglieren.
"Sir, ich fürchte, bei unserem derzeitigen Kurs werden wir mit Lacari III kollidieren", riss ihn TK014 aus den Gedanken.
"Okay 014, wir haben keine Wahl. Wir steigen aus. Die Crew soll sich bei den Rettungskapseln sammeln. Informiere Lacari IV. Die sollen uns einsammeln. Und sag Lacari III Bescheid, dass die den Vogel abschießen, wenn wir draußen sind."
Als er in die Rettungskapsel stieg, überschlug er im Kopf grob den Schaden. Ein nagelneuer Frachter und eine Ladung Silas würden sich auf etwa 7,5 Millionen Credits summieren.

Im Orbit von Cae Alpha bereitete sich die Aurea XIII auf den Hyperraumsprung vor. Sie war randvoll beladen mit Erz aus den berühmten Tarlit-Minen des Cae-Systems. Die Fahrt sollte sie zu den Raumwerften von Ghumira bringen.
"Daten für Hyperraumflug bestätigt, Captain", sagte Slim Fasto. "Wir - bei allen Mynocks, was ist das?"
Captain Moffy Tarks konnte auf die Frage ihres Co-Piloten keine Antwort geben. Sie starrte selbst mit offenem Mund auf den Telespectorschirm, durch die Sichtfenster und wieder auf den Schirm. Mit bloßem Auge war das gute Dutzend Schiffe nur als kleine, aber rasch größer werdende Punkte zu erkennen. Aber der Sichtschirm ließ keinen Zweifel: Die Schiffe, die soeben den Hyperraum verlassen und sie umringt hatten, waren Kriegsschiffe.
"Kanonenboote, leichte Raumkreuzer und - das darf nicht wahr sein!"
Moffy Tarks ließ den Satz unvollendet. Aber das spielte keine Rolle; Slim Fasto brauchte ihre Erklärung nicht. Auch wenn er Zivilist war, die Silhouette eines Sternzerstörers konnte er ohne weiteres identifizieren.
"Traktorstrahl hat uns erfasst", rief er. "Wir sitzen fest."
Moffy Tarks aktivierte das Multifrequenz-HoloKomgerät.
"Hier ist Erzfrachter Aurea XIII im Orbit von Cae Alpha. Wer auch immer mich hört und diese Übertragung sieht: Wir werden von 13, äh, nein, 14 Kriegsschiffen eingekreist, darunter ein imperialer Sternzerstörer ohne Kennzeichnung. Ich lasse die Holo-Übertragung eingeschaltet. Captain Moffy Tarks, Aurea XIII."
"Sie blockieren gar nicht die Frequenzen", wunderte sich Fasto. "Was haben die nur vor?"
Der Traktorstrahl zog den Frachter bis auf wenige Meilen an die Flotte und den riesigen Sternzerstörer heran.
"Aurea XIII, deaktivieren Sie Ihre Deflektorschilde", befahl eine Stimme über ComLink. "Sie können nicht entkommen. Leisten Sie keinen Widerstand!"
"Hören Sie, wir ...", begann Moffy Tarks, doch ein Warnschuss direkt vor den Bug des Frachters, abgefeuert aus einem Turbolasergeschütz des Sternzerstörers, ließ sie verstummen.
"Tun Sie, was er sagt, Slim. Die meinen es ernst. Unsere Schilde halten dem Angriff sowieso nicht stand. Außerdem: Was immer man von imperialen Truppen halten mag, kaltblütige Mörder sind sie jedenfalls nicht."
Ihre Waffen erwähnte sie erst gar nicht. Die Laserkanonen, die sie an Bord hatten, waren geeignet, einen Piratenangriff zurückzuschlagen. Aber für den Kampf gegen Sternzerstörer war der Frachter natürlich nicht ausgerüstet.
Slim Fasto schaltete die Deflektorschilde ab. Der Frachter war den Geschützen der Angreifer jetzt völlig schutzlos ausgeliefert.
Einen Moment passierte gar nichts.
Dann blitzten die Geschütze des Sternzerstörers auf, und zwei Turbolaserstrahlen trafen die Aurea XIII, die in tausend Stücke zerbarst.

Kabbaleesh hatte eigentlich auf jedem seiner Flüge mit Piratenüberfällen gerechnet. Es war wie ein ständig wiederkehrender Albtraum gewesen. Einst hatte er seine gesamte Sippe bei einem Überfall auf ein Passagierschiff verloren. Tagelang hatte er allein in seinem Versteck im Wrack des Raumschiffes ausgeharrt, bis ein Patrouillenboot ihn aufgelesen hatte. Als er später selbst Pilot wurde, konnte er den Gedanken, dass er einmal Piraten in die Hände fallen würde, nie abstreifen. Er wusste, dass er schuldig geworden war, weil er als einziger seiner Sippe den Angriff überlebt und damit gegen sein Schicksal verstoßen hatte. Die wenigen Menschen, mit denen er über seine Schuldgefühle reden konnte, hatten ihm versichert, er brauche kein schlechtes Gewissen zu haben. Aber was wussten Menschen schon von Schuld und Schicksal! Jeder Dinka hätte sofort kapiert, wie Kabbaleesh sich fühlte.
Jahr um Jahr, Flug um Flug wartete Kabbaleesh darauf, dass auch er überfallen wurde. Als es tatsächlich dazu kam, war er lediglich überrascht, dass der Angriff nicht im freien Raum, sondern in einer orbitalen Schiffswerft erfolgte.
Kabbaleesh hatte den Auftrag, die Starlight Shadow von der Ca'Bash-Werft abzuholen und auf ihrer Jungfernfahrt zu testen. Es war das erste Mal, dass er einen Frachter dieser Größenordnung übernehmen sollte.
Es kam nie dazu.
Die Crew wurde im Schiffshangar plötzlich von als Techniker getarnten - ja, was? Soldaten? Piraten? Milizen? - umstellt, als sie an Bord gehen wollte. ZP4T13, der als Co-Pilot vorgesehene Droide, wurde von einem Blasterschuss in seine Einzelteile zerlegt. Die anderen Besatzungsmitglieder - Heather Frame, die Kommunikationsoffizierin, Troy Kemp, der Bordingenieur und Kabbaleesh selbst - mussten sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen der Reihe nach aufstellen.
Einer ihrer Bewacher drückte einen Knopf an seinem am Handgelenk befestigten Komgerät, und wenig später schwebte ein kleiner kugelförmiger Raumgleiter in den Hangar. Die Einstiegsluke öffnete sich, und eine Menschenfrau stieg aus.
Eine Menschenfrau? Kabbaleesh war sich plötzlich nicht mehr so sicher. Die Gestalt, die sich dem Frachter näherte, schien tödliche Kälte auszustrahlen. Kabbaleesh spürte, wie sich sein Fell sträubte. Auch bei den anderen Besatzungsmitgliedern nahm er Furcht und Schrecken wahr. Sogar ihre Bewacher schienen sich unbehaglich zu fühlen.
Die Frau trug ein langes schwarzes Gewand, das gemeinsam mit ihren pechschwarzen Haaren, die ihr in Strähnen herunterhingen, einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer blassen, beinahe unnatürlich hellen Haut bildete. Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Aber der Blick aus diesen Augen war eiskalt, streng und auf gefährliche Art lebendig.
Mit einer Handbewegung bedeutete sie den Wachen, sich zu entfernen, was diese auch schnell und offenbar mit großer Erleichterung taten. Eine weitere Geste, und Kabbaleesh verspürte eine Lähmung, die es ihm fast unmöglich machte, sich zu bewegen. Troy Kemp schien ebenfalls wie erstarrt.
Das ist Magie, dachte Kabbaleesh. Sie hatten es offenbar mit einem Wesen zu tun, das die Dinka "T'Shaleesh" nannten.
Schweigend taxierte ihn die Hexe, wandte sich dann aber Heather Frame zu. Sie trat dicht vor die Kommunikationsoffizierin und fixierte sie mit ihren Augen. Neue Wogen von Kälte schienen von ihr auszugehen, und Kabbaleesh wurde wiederum von Furcht und Schrecken befallen.
Während sie Heather starr anblickte, schien sich die Haut der Hexe zu verändern. Langsam gewann sie an Farbe, verlor die unnatürliche Blässe. Ihre Wangen waren nicht mehr hohl. Selbst die strähnig herabfallenden Haare richteten sich auf. Nein, sie richteten sich nicht nur auf, sie begannen sogar, sich zu bewegen, ja, wie Flammen zu züngeln. Es war, als ob die Hexe sich verjüngte und an Kraft gewann.
Kabbaleesh wollte die Erkenntnis erst nicht wahrhaben, aber schließlich konnte er sich nicht mehr gegen den Gedanken wehren: Die Hexe saugte Heather Frame auf geistigem Wege aus.
Nach einer Minute war es vorbei.
Heather brach zusammen, äußerlich völlig unverletzt. Aber Kabbaleesh war sich sicher, dass sie tot war.
Die Hexe begann die gleiche Prozedur mit Troy Kemp. Als auch er zu Boden fiel, strahlte die Hexe Jugend, Schönheit - und tödliche Kälte aus.
Vielleicht hat sie genug, dachte Kabbaleesh; vielleicht verschmäht sie einen Dinka.
Aber als sie sich ihm zuwandte, wusste er, dass er nie einen Frachter von der Größe der Starlight Shadow fliegen würde.

Die Queenspalmen wiegten sich sanft im Wind. Dutzende von zwitschernden Vögeln - Papageien, Kuranocs, Yellowbirds und Mini-P'Elohs - flatterten um die Calanuss-Sträucher, hüpften über den gepflegten Rasen oder hockten in den Baumwipfeln. Die Halee-Bäume standen in voller Blüte und verströmten ihren sinnlichen, betörenden Duft über das Gelände. Die Sternblumen, von Insekten umschwirrt, reckten ihre Hälse. Und im Hintergrund, etwa einhundert Meter enfernt und ein Stück unterhalb des leicht abfallenden, an einer Bruchkante endenden Hanggrundstücks breitete sich der strahlend weiße, von Kokosalmen gesäumte Sandstrand aus. Dahinter erstreckte sich das tiefblaue Meer in endloser, majestätischer Weite und schickte seinen salzigen, nach Freiheit schmeckenden Geruch herüber.
Obi-Nor Gildorian liebte diesen Anblick, diese Geräusche, diese Gerüche. Er stand oft minutenlang - stundenlang, wie es ihm vorkam - auf seiner Holzveranda und genoss die tropische Natur von Palm Island.
Heute jedoch kam ihm der Anblick vor, als wolle ihn die Natur verhöhnen. Und er half ihm kein bischen, seine Gedanken zu ordnen.
Alle vier Gravitationsgeneratoren fallen gleichzeitig aus?
Eigentlich hatte er gehofft, es werde jetzt alles ein wenig ruhiger. Die Firma war wirtschaftlich gesund, er selbst schon seit langem finanziell gut situiert. Falls das der richtige Ausdruck war angesichts eines Privatvermögens von über 10 Millionen Credits - das um ein Vielfaches größere Firmenvermögen nicht mitgerechnet. Er hatte vorgehabt, die operative Verantwortung in andere Hände zu legen und das Leben mehr zu genießen. Wie viele erstklassige Kunstmuseen gab es in der Galaxis? Und wie viele davon hatte er in den letzten Jahren besucht? Was war mit der Dozentur in der Akademie der Wissenschaften, die man ihm angeboten hatte? Wie sollte er auf Leias Drängen reagieren, Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Senats der Neuen Republik zu werden? Bei allen Währungsreformen, er war erst 41 Jahre alt, da konnte er doch nicht den Rest seines Lebens damit vergeuden, noch mehr Credits zu scheffeln!
Ein wehrloser Frachter von einem imperialen Sternzerstörer vernichtet?
Hier in Bet Hayam hatte er sich ein Zuhause geschaffen. Ein schmuckes, niedriges Holzhaus mit echten Glasfenstern, die man sogar öffnen konnte, eingebettet in eine phantastische tropische Natur. Nichts, rein gar nichts hatte dieses Haus mit den schrecklichen Wohnsilos auf Coruscant gemein. Er hatte sich mit dem Kauf von Palm Island, einer Insel im Südmeer des Planeten Texx, einen Traum erfüllt, aus dem er so schnell nicht aufwachen wollte. Selbst die Durastahlgebäude der wenige hundert Meter entfernten Firmenzentrale von Gildorian Enterprises waren nicht höher gebaut als die Wipfel der Queenspalmen, so dass sie die Idylle in keiner Weise störten.
Das Gehirn porös wie ein trockener Schwamm?
Er drehte sich um, schaute durch die offene Tür und betrachtete die kleine, hitzig diskutierende Runde in seinem Wohnzimmer.
Stella Likori, die hochgewachsene Verwaltungschefin von Gildorian Enterprises, saß ganz aufrecht, würdevoll und elegant wie immer. Ihr blütenweißes ärmelloses Kleid, die schneefarbenen Sandalen und die hellen Perlenketten an Hals und Handgelenken sowie die weiß lackierten Fingernägel setzten einen starken Kontrapunkt zu ihrer dunklen Haut und ihren pechschwarzen, krausen Haaren. Die hohen Wangenknochen und die schräg stehenden Augen gaben ihrem schmalen, länglichen Gesicht eine exotische Note; der offene, lebendige Blick und ihr typisches glockenhelles Lachen lenkten schnell von den ersten Fältchen ab, die sich in ihrem 38 Jahre alten Gesicht niedergelassen hatten.
Ihr gegenüber saß das Geschwisterpaar Ruwen und My Flyyr. Die beiden, die in einer Raumstation aufgewachsen waren und bis zu ihrem 35. Lebensjahr nie auf einem Planeten gelebt hatten, waren verantwortlich für das fliegende Personal, die Frachter und die technische Kontrolle des Handelsgeschäftes. Äußerlich waren sie in allem das Gegenteil von Stella Likori. Wenn man Menschen je als farblos bezeichnen konnte, dann die Flyyr-Geschwister. Ihre Haut hatte den fahlen Glanz einer im Dunst verschwundenen Sonne. Ihr Haar war eine seltsame Mischung aus verwaschenem Hellbraun und schmutzigblond; es war ein Farbton, den Trexxaner 'Straßenköterfarbe' nannten. Ihre mondförmigen Gesichter sahen ebenso plump aus wie ihre groben, mit wurstartigen Fingern bestückten Hände. Beide waren mindestens einen Kopf kleiner als Obi-Nor, Ruwen möglicherweise einen halben Zentimeter größer als seine Zwillingsschwester. Aber vom äußeren Eindruck durfte man sich keinesfalls täuschen lassen, Ruwen und My Flyyr wussten mehr über Raumschiffe als der Zentralcomputer des Handelsarchivs auf Coruscant.
Die vierte Person in der Runde war Chagnurgha. Wäre Obi-Nor ihm allein im Dunkeln begegnet, er hätte vielleicht sofort seinen Blaster gezogen. Chagnurgha wirkte nicht besonders brutal (was bedeutete schon die unzweifelhaft von einer Vibroklinge stammende Narbe an seiner linken Wange!), auch nicht gemeingefährlich (es gab gewiss viele, die mit einem Blitzwerfer mittags zum Essen in die Firmenkantine gingen). Aber irgendetwas strahlte er aus, das es angeraten sein ließ, keinen Streit mit ihm anzufangen. Ob es der Umfang seiner Oberarme war, mit denen selbst Obi-Nors Oberschenkel nicht mithalten konnten? Oder seine Größe von 2,35 Standardmetern? Vielleicht lag es auch einfach daran, dass er ein Wookie war. Chagnurgha war der Sicherheitschef von Bet Hayam, und er befehligte weitere 25 Wookies. Obi-Nor konnte richtig gut schlafen, seit er Chagnurgha und seine Leute eingestellt hatte.
Diese vier bildeten zusammen mit Obi-Nor den "Kleinen Rat", eine informelle Runde, die immer dann zusammentrat, wenn Gildorian Enterprises eine schwierige Situation oder gar eine Krise zu meistern hatte.
Heute war noch eine weitere Person anwesend: Dr. Marcus Welby, der Firmenarzt, ein etwa 65 Jahre alter Mann mit grauen Haaren und tierf zerfurchter Stirn. Seine Mitteilungen hatten für erheblichen Diskussionsstoff gesorgt.

Obi-Nor verließ die Veranda, kehrte ins Haus zurück und setzte sich wieder zu den anderen.
"Das Gehirn porös wie ein trockener Schwamm?" sagte er laut. "Und keine äußeren Verletzungen?"
"Nein", bestätigte Dr. Welby. "Aber das ist noch nicht alles. Ich ... ich habe gezögert, es Ihnen zu sagen, Obi-Nor, aber ich denke, ich sollte es doch tun."
Er machte eine Pause und starrte auf die Obstschale auf dem Glastisch. Dann seufzte er.
"Also gut: Der Wert der Midichlorianer war sowohl bei den beiden Menschen als auch bei Kabbaleesh auf Null!"
"Midi-was?" fragte My Flyyr.
"Midichlorianer", erklärte Obi-Nor. "Irgendwelche Dinger in unseren Zellen. Manche behaupten, sie wären für das Wirken der 'Macht' zuständig, nicht wahr, Marc?"
"Sie können es ruhig, leugnen, Obi-Nor", ereiferte sich der Mediziner. "Tatsache bleibt Tatsache, ob Sie es glauben oder nicht!"
"Ach ja?" erregte sich jetzt auch Obi-Nor. "Und irgendwann wollen Sie mit einem Bluttest herauskriegen, ob jemand machtsensitiv ist! Lächerlich!"
"Aber Gentlemen!" schaltete sich Stella Likori ein. "Ich weiß, dass das ein Reizthema zwischen unserem geschätzten Herrn Direktor und unserem geschätzten Arzt ist. Im Moment führt uns das aber nicht weiter. Wir sollten lieber überlegen, wie wir die Vorfälle bewerten und was wir zu tun gedenken."
"Danke, Stella, du hast recht", gab Obi-Nor zu. "Ich versuche mal zusammenzufassen. Wir haben sechs Unfälle und Sabotageakte in den vergangenen drei Wochen gehabt. Und dann gestern weitere drei Zwischenfälle. Ein Frachter mit defekten Gravitationsfeldern im Ladebereich, ein Angriff einer unbekannten Raumflotte, von der wir annehmen, dass es sich keinesfalls um das Imperium handelt, auch wenn der Eindruck möglichweise bewusst erweckt werden sollte - was aber zweifelhaft ist", fügte er mit Blick auf Ruwen Flyyr hinzu, der unwirsch den Mund verzogen hatte.
"Es könnte auch ein äußerst makabres Spiel gewesen sein; lassen wir diese Einschätzung offen", fuhr Obi-Nor fort. "Sodann als drittes ein Angriff auf die Besatzung der Starlight Shadow. Der Droide wurde mit einem Blasterschuss getötet, die drei übrigen Besatzungsmitglieder wurden tot aufgefunden. Medizinisch ist der Angriff ein Rätsel. Zwei Dinge weisen untrüglich darauf hin, dass es sich bei den ganz verschiedenen Vorfällen um ein und dieselbe, sorgfältig koordinierte Aktion handelt: Wie auch in den Fällen vorher wurde ausschließlich unser Erzgeschäft betroffen. Und die gestrigen Vorfälle fanden alle exakt zum gleichen Zeitpunkt statt. Hab ich noch was vergessen?"
Chagnurgha ließ ein gefährlich klingendes Brummen ertönen.
"Richtig", bestätigte Obi-Nor. "Wir vermuten Loco Luferno als Urheber. Aber wir haben keinerlei Beweise."
Er blickte in die Runde.
"Jetzt sind gute Vorschläge willkommen."
Ruwen Flyyr meldete sich als erster. "Ich könnte nach Coruscant fliegen. Im dortigen Militärarchiv könnte ich etwas über die Identität des Sternzerstörers in Erfahrung bringen. Wenn ein alter imperialer Sternzerstörer in Privatbesitz übergegangen ist, müsste das doch rauszukriegen wein."
"Gute Idee", fiel Dr. Welby ein. "Dann nehmen Sie mich gleich mit. Ich möchte die medizinischen Daten mit den Kollegen aus dem Medizentrum des Senates diskutieren."
"Ich forsche in der Ca'Bash-Werft nach, ob sich Spuren von den Eindringlingen finden lassen", meinte My Flyyr.
"Gut", bestätigte Obi-Nor. "Bleibt eigentlich jemand hier?"
Chagnurgha gab wieder ein Brummen von sich.
"Ja, du hast recht, Chagnurgha. Wir müssen uns um das Sicherheitsloch kümmern. Der Angriff konnte nur so gut koordiniert werden, wenn der Gegner Zugriff auf unsere Daten hatte. Vielleicht waren wir zu sorglos, was unsere Daten angeht."
"Darum kümmere ich mich", versprach Stella. "Ich engagiere einen Experten für Datensicherheit."

Der HoloProjektor erzeugte ein lebensgroßes Bild von Cooleesha, der Twi'Lek, die in der Kommunikationszentrale von Gildorian Enterprises arbeitete.
"Holoübertragung von Ruune Maari, Sir. Soll ich umschalten?"
Obi-Nor seufzte. Wenn sich dieser Neimodianer freiwillig bei ihm meldete, konnte das nichts Gutes bedeuten.
"Also gut, Cooleesha, her mit ihm."
Das Bild verblasste, und nach einem Flackern trat die Projektion des Neimodianers an seine Stelle.
"Ah, Ruune Maari, welche Ehre, dass Ihr Abbild mein bescheidenes Büro verziert. Was kann ich für Sie tun?"
Es war nicht festzustellen, ob der Angesprochene die Ironie der Begrüßung bemerkt hatte. Jedenfalls antwortete er in sachlich-geschäftlichem Ton.
"Sie haben Probleme mit Ihren Schiffen, Gildorian. Wir machen uns große Sorgen. Wenn sich die Unglücksfälle häufen ..."
"Hören Sie", unterbrach ihn Obi-Nor, "Ihre Versicherung hat Jahr für Jahr saftige Prämien von mir kassiert, ohne auch nur einen Credit für einen Schadenfall auszuzahlen. Auch wenn es gerade eine kleine Unglücksserie gibt, ist die Anzahl der Schadenfälle über die gesamte Vertragslaufzeit gesehen nicht signifikant hoch!"
"Bis jetzt, Gildorian! Wir fürchten offen gestanden eine negative Entwicklung in der Zukunft."
Was sollte Obi-Nor darauf antworten? Er hegte schließlich die gleiche Befürchtung. Nach ihrer Krisensitzung in seinem Privathaus vor vier Tagen hatte es drei weitere Sabotageakte gegeben, zwei davon wiederum mit Todesopfern.
Dieser Gedanke machte ihn plötzlich wütend. Denn diesen schleimigen Neimodianer interessierte es einen Dreck, ob Menschen oder andere Wesen zu Schaden kamen. Ihn kümmerte nur der materielle Verlust.
"Ihr Schweigen nehme ich als Zustimmung, Gildorian. Ein weiterer Zwischenfall, und wir kündigen den Versicherungsvertrag. Guten Tag!"
Das Holo verblasste.
Obi-Nor starrte dumpf brütend vor sich hin. Eine Kündigung der Versicherung wäre der Anfang vom Ende seiner Handelsfirma. Das finanzielle Risiko eines nicht abgesicherten Verlustes würde Gildorian Enterprises nie tragen können.
"Obi-Nor?"
Er schreckte hoch. Stella Likori stand in seinem Büro; er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie hereingekommen war.
"Stella, was gibt's?"
"Ich denke, ich habe eine Datensicherheitsexpertin gefunden. Helen Moonlight. Sie ist schon hier auf Palm Island."
"Okay, schick sie rein."
"Sie wartet in deinem Privathaus. - Ich habe es ihr angeboten", fügte sie angesichts Obi-Nors kritischem Blick hinzu. "Ich dachte, es geht in Ordnung, dass du deine verschollene Schwester dort wiedersiehst und nicht hier im Büro."

Auf dem Weg zu seinem Holzhaus ließ sich Obi-Nor noch einmal durch den Kopf gehen, was Stella Likori ihm erzählt hatte. Ja, er hatte eine Schwester namens Helen; zumindest hatte er eine gehabt, damals ... Aber nach den schrecklichen Ereignissen, die zum Tod seines Vaters und zur Trennung von Mutter und Schwester geführt hatten, war die Erinnerung an seine Familie nach und nach verblasst. Er selbst war damals sechs Jahre alt gewesen. Wie alt mochte Helen damals gewesen sein? Vier? Er hatte sich längst damit abgefunden, nie wieder einem Mitglied seiner Familie zu begegnen. Wenn er daran dachte, was der Bürgerkrieg mit dem Imperium für Massenvernichtungen gebracht hatte - seine zweite Heimat, der Planet Alderaan, war vollständig zerstört worden -, da erschien es ihm ein unglaublicher Zufall, dass jetzt, nach so vielen Jahren, plötzlich seine Schwester auftauchte. Aber war es Zufall? Oder ein seltsames, nicht durchschaubares Wirken der 'Macht'?

GL02, der Kammerdiener-Droide, öffnete ihm die Tür.
"Eure Lordschaft haben Besuch; die Lady wartet im Wohnzimmer", sagte er würdevoll.
"Ich weiß, George, danke."
Im Wohnzimmer wartete eine Frau, die sich bei seinem Eintreten vom Diwan erhob. Sie war ganz nach der traditionellen Art der freien trexxanischen Frauen gekleidet: ein nachtblaues, enges, ihre schmale Gestalt betonendes kurzärmliges Seidenkleid mit silberfarbenem Gürtel, offenes Haar und Sandalen an den nackten Füßen. Natürlich waren heutzutage alle Bewohner auf Trexx frei, aber seit dem Kampf gegen das Imperium wurde diese alte Kleidung von vielen Frauen als Zeichen ihres Freiheitsdranges getragen. Dem erfahrenen Betrachter sagte Helen Moonlights Outfit aber noch mehr. Als Schmuck trug sie eine dünne Halskette und Ohrringe, jeweils mit einem silbernen Anhänger in Form eines Halbmondes. Der Verzicht auf Armreifen und jeglichen Goldschmuck war für geschichtsbewusste Trexxaner ein Zeichen der Abgrenzung gegen die frühere adelige Oberschicht und ihre verhängnisvolle Rolle in vielen Revolutions- und Befreiungskriegen. Vor ihrer Schulter verzierte ein Abzeichen der Akademie der Wissenschaften in Erdres, der größten Stadt auf Trexx, ihr Kleid.
Das alles hatte Obi-Nor mit einem raschen Blick erfasst; wesentlich länger schaute er seine Besucherin selbst an. Ganz entfernt spürte er das Echo einer anderen Frau. Die grünbraunen Augen, der warme, satte Kastanienfarbton ihres glatten Haares, die schmalen Wangen, die Mund und Nase flankierenden Falten, vor allem aber die Ausstrahlung kühler Intelligenz weckten in ihm verschwommene Bilder seiner Mutter. Aber auch ohne dieses Echo fühlte er eine Bewegung in der 'Macht'. Kein Zweifel, Helen Moonlight war seine Schwester.
Eine Zeitlang standen sie sich stumm und etwas verlegen gegenüber.
"Tja, äh, herzlich willkommen", begann Obi-Nor wenig souverän.
"Ich freue mich, Obi-Nor, dass ich dich endlich gefunden habe - meinen Bruder", sagte Helen steif.
Zum Glück kam GL02 herein und rettete die Situation.
"Im Salon ist K'Fe-Trank serviert, Mylord. Wenn Ihr Euch zusammen mit Ihrer Ladyschaft ein wenig stärken wollt ..."

Als das erste Eis zwischen ihnen gebrochen war, saßen sie stundenlang zusammen. Sie hatten sich viel zu erzählen. Helen hatte gar keine Erinnerung an ihre Familie gehabt. Sie war bei ihren Großeltern aufgewachsen, die ihr einiges über ihren Vater und ihren Bruder erzählt hatten. Was aus ihrer Mutter geworden war, wusste sie nicht. Nach ihrer wissenschaftlichen Ausbildung in Akademien des Imperiums - mit konfliktreichen Auseinandersetzungen wegen systemkritischer Äußerungen - hatte sie sich selbständig gemacht, bevor sie vor drei Jahren nach Trexx zurückgekommen war.
"Selbständig?", grinste Obi-Nor. "Stella hat mir erzählt, du seist mit der Superhackerin identisch, die unter dem Pseudonym 'Gaya' die Galaxis unsicher gemacht hat."
"Das hat sie rausgekriegt?" Helen wirkte im ersten Moment erschrocken. "Ach, egal", entspannte sie sich, "ist sowieso alles verjährt. - Ja, ich war 'Gaya'. Jetzt arbeite ich aber nur noch legal."
Obi-Nor nickte. So unähnlich waren sich ihre Lebensläufe offenbar gar nicht.
"Und die Brosche? Ist ja ein beeindruckendes Statussymbol."
"Ich bin Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Aber ich bin eher Gast als aktives Mitglied", schwächte Helen ab.
"Was mich schon die ganze Zeit interessiert", lenkte Obi-Nor zu einem anderen Thema über, "ist, wie du mich als deinen Bruder wiedergefunden hast."
"Oh, ich weiß es schon seit eineinhalb Jahren, seit ich Aufzeichnungen von Großmutter gefunden habe. Aber ich wollte nicht einfach nach Coruscant fliegen und bei dir hereinplatzen. Dann hast du die 'Ittim' hier gekauft -"
"Nicht die ganze Inselgruppe", protestierte Obi-Nor, "Nur Palm Island!"
"Egal, es gab hier auf Trexx eine Menge hässlicher Gerüchte über den reichen Industriellen, der die schönen Inseln in eine Fabriklandschaft verwandeln würde. Da wollte ich erstmal abwarten, wer du überhaupt bist. Zum Glück hat sich dieses Gerede nicht bestätigt. Tja, und der Aufruf wegen der Datensicherheit war dann so was wie der Wink des Schicksals."
"Gutes Stichwort", meinte Obi-Nor. "Du solltest dir nachher unser Datennetz anschauen. Aber George müsste gleich das Abendessen servieren."
"George?"
"GL02, mein Droide. Ich nenne ihn George."
"Ein komischer Kauz. Warum sagt er immer 'Mylord' zu dir?"
"Er hat früher einem Adeligen auf einem anderen Planeten gehört. Diese Marotte ist ihm nicht auszutreiben. Aber das lasse ich ihm. Wir haben viel miteinander durchgemacht."
"So sieht er auch aus. War er mal silbern? Er wirkt wie blau-schwarz angelaufen."
"Ach ja, das ist eine lange Geschichte ..."
Bevor Obi-Nor sie erzählen konnte, trippelte der blau-schwarz angelaufene Droide herein.
"Das Abendessen ist aufgetragen, Mylord. Wäre ein trockener 67er Galil-Rotwein zur Begleitung der Mahlzeit angenehm?"

Nach einem exquisiten Abendessen machten sich die beiden an die Arbeit.
"Eine 'THX-Blasterwall' zum Schutz gegen unberechtigte Datenzugriffe; neuester Stand der Technik", konstatierte Helen anerkennend. "Aber eure Krypto-Software ist miserabel. Jeder Student im zweiten Jahr hat den Code innerhalb von einem Tag geknackt."
"Na hör mal", protestierte Obi-Nor. "Das ist immerhin ein 64-Kilobit-Schlüssel. Als wir unser erstes Firmenbüro eröffneten, haben wir noch mit 128-Bit-Schlüssel gearbeitet!"
"Dann bist du länger im Geschäft als ich dachte", grinste Helen. "Schau mal, was ich von zuhause mitgebracht habe: Die Kundenkarte von Prinzessin Leia. Interessant, sie bestellt also vorwiegend gefrorene Süßigkeiten und Kuchen bei Gil Frost? Wieso hat sie im letzten Monat nichts mehr gekauft?"
Obi-Nor riss Helen das Datapad aus der Hand und starrte entsetzt auf die Anzeige.
"Woher hast du das?" flüsterte er tonlos.
"Sag ich doch, von zuhause. Ich habe als erstes getestet, wie sicher das System ist. Als ich mich problemlos bis zur Kundendatei vorarbeiten konnte, da wusste ich, dass meine Arbeit hier gebraucht wird."
"Helen, hier geht es nicht allein um ein Ausspähen der Kundendaten. Unsere Handelsrouten werden gezielt sabotiert. Die Existenz von Gildorian Enterprises hängt davon ab, dass du das Netzwerk dicht machst!"
"Ich muss das gleich noch in Ruhe prüfen, aber ich denke, du solltest mehrere Dinge gleichzeitig tun. Erstens brauchst du eine 2-Megabit-Krypto-Software. Zweitens sollte der Zugriff auf besonders wichtige Daten nur mit einer Übermittlung eines 'genetischen Fingerabdrucks' möglich sein. Und drittens muss ein Random-Variationssynchronisator dafür sorgen, dass dich deine Genanalyse heute zum Beispiel als Wookie und morgen als Twi'Lek ausweist. Auf diese Art und Weise kommt niemand an die Daten, nur weil er dir einige Körperzellen entnommen hat. Und zur Sicherheit kann immer noch ein Zugriffstracing mitlaufen; für den Fall, dass doch jemand alle Hindernisse überwindet."
"Ehrlich gesagt hab ich nicht alles verstanden", gab Obi-Nor zu. "Aber sag mir nur eines: Würde 'Gaya' dann noch unbemerkt an alle Daten kommen?"
Helen lächelte geheimnisvoll. "Das ist was anderes. Gaya käme überall dran ..."

Es war demütigend.
Nichts hasste er mehr, als wie ein Bittsteller warten zu müssen. Aber was hieß schon wie ein Bittsteller? Er war schließlich einer. Wie oft hatte er im Gefühl des überlegenen Ich-habe-was-du-dringend-brauchst-Bewusstseins andere warten und zappeln lassen. Ja, er liebte solche Spielchen; sie machten einen nicht unbeträchtlichen Reiz im Geschäftsleben aus. Und er, Loco Luferno, war der erfolgreichste unabhängige Geschäftsmann in der Galaxis.
Aber jetzt war er in der schwächeren Position eines abhängigen Bettlers. Er war auf Shri-Lilith und ihre Hexenkünste angewiesen. Nur sie konnte seinen Alterungsprozess verlangsamen und beinahe zum Stillstand bringen. Er sah aus und fühlte sich wie ein Sechzigjähriger. Keine schlechte Sache für einen Menschen, der bereits 194 Jahre alt war.
Alle ernstzunehmenden Konkurrenten hatte er bis jetzt überlebt. Er hatte sie aus dem Geschäft gedrängt und in den Ruin getrieben. Bei nicht wenigen hatte er den physischen und psychischen Verfall miterlebt. Und bei einigen ganz hartnäckigen Gegnern hatte er es sich nicht nehmen lassen, nach dem Tod seines Konkurrenten persönlich auf dessen Grab zu pissen. Bei langlebigen Spezies wie Targaus oder Hutts hatte er zuweilen auf sehr direkte Weise nachhelfen müssen, um sie sich endgültig vom Hals zu schaffen, aber es war ihm schließlich immer gelungen.
Auch dieser Gildorian würde nicht mehr lange im Geschäft sein. Nein, da war er schon mit ganz anderen Widersachern fertig geworden. Es würde diesem Einfaltspinsel auch nichts nützen, dass er diese - wie hieß sie gleich? - Helen Moonlight engagiert hatte. Er verzog angewidert den Mund. Eine Frau im Computergeschäft, einfach lächerlich! Nun gut, sie hatte das System nach außen abgeschottet, selbst ein gutes Dutzend LogIn-Versuche waren gescheitert. Aber das war unwichtig. Luferno hatte sich sowieso gewundert, dass er so lange Zeit unbehelligt auf Gildorians Daten hatte zugreifen können. Er brauchte diesen Weg gar nicht für seine Planungen. Er konnte immer noch seine Trumpfkarte aus dem Ärmel ziehen. Und genau das würde er auch tun.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, da ein Droide in den Raum rollte, in welchem er wartete. Er sagte etwas in einer fremden, unverständlichen Sprache, aber Luferno wusste Bescheid. Er durfte endlich zu Shri-Lilith, um die magische Substanz zu empfangen, die er so sehr brauchte.

My Flyyr schaute sich nervös um. Nein, niemand war ihr in die Cantina der Ca'Bash Werft gefolgt. Hoffentlich verlief diese Spur nicht genauso im Sande wie alle vorherigen.
Seit sie den Schauplatz des Überfalls auf die Crew der Starlight Shadow aufgesucht hatte, war sie zunächst auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Und nun watete sie durch einen Nebel der Verschleierung. Die örtlichen Behörden hatten offenbar Angst, wegen Verletzung der Sicherheitsvorschriften zur Rechenschaft gezogen zu werden. Niemand wollte etwas gesehen oder gehört haben. Angeblich existierte keine einzige Holo-Aufzeichnung, obwohl überall im Werftbereich HoloRecorder platziert waren. Die Anflugkontrolle vermisste ausgerechnet die Daten der Flugbewegungen vom Tag des Überfalls. Und auf die Frage, warum das Abfeuern eines Blasterschusses auf den Droiden der Crew keinen automatischen Alarm ausgelöst hatte, beantwortete der zuständige Sicherheitschef mit der Spekulation, dass der Überfall möglicherweise woanders stattgefunden habe und die Crew anschließend in die Werft gebracht worden sein könne.
Aber jetzt sollte sie in der Cantina einen Informanten treffen, der ihr nähere Auskünfte geben wollte.
Nach einer Viertelstunde Wartezeit in einer abgelegenen Wandnische war es soweit. Der Fremde, der sie zuvor angesprochen hatte, kam herein und setzte sich zu ihr. Welcher Spezies er angehörte, hätte My nicht zu sagen vermocht. Es war ein nichtmenschlicher Zweibeiner, so viel stand fest. Und offenbar kein Sauerstoff-Stickstoff-Atmer, denn eine Atemmaske, von der ein schwarzer Gummischlauch herabhing wie ein Rüssel, bedeckte sein Gesicht. Seine grüne Haut war ledrig, statt der Ohren schien er Stummelantennen zu haben. Und seine Arme mündeten in dreifingrigen Händen. Aber die Klassifizierung der Spezies war für My jetzt nicht so wichtig. Denn was der Fremde mitzuteilen hatte, war sensationell.

"Nein, das ist sie nicht."
"Nein, nächstes Holo bitte."
"Drehen Sie die Projektion mal."
"Und vergrößern!"
"Was sind denn das für Luken?"
"Das waren Einstiegsöffnungen. Gab es nur in einer kleinen Baureihe von, warten Sie ... Ist ja auch egal. Irgendwann vor der Schlacht von Hoth jedenfalls."
"Könnten die entfernt worden sein?"
"Unwahrscheinlich. Aufwand ohne Nutzen. Das ist sie auch nicht."
"Sie haben recht. Nächstes bitte."
"Hm, das kommt eher hin. Was meinen Sie?"
"Geben Sie mal ne Detailansicht der Triebwerke."
"Ah, jetzt seh ichs. Bemerken Sie den Aufbau dort? Wieder Fehlanzeige. Nächstes bitte."
"Major Triggs, mir verschwimmt fast alles vor den Augen. Brauchen Sie denn nie eine Pause?"
"Ja, trinken wir eine Tasse K'Feh. Wenn Ihr Arbeitgeber das Zeug schon in der halben Galaxis bekannt gemacht hat, sollten wir uns das zunutze machen. - Seargent, Mister Flyyr und ich gehen in die Offizierscantina. Wir machen in 30 Standardminuten weiter."
Ruwen Flyyr reckte und streckte sich. Er hatte keine Ahnung, wie viele Holos von Sternzerstörern sie jetzt bereits angeschaut hatten; es erschien ihm wie eine endlose Kette von Holos. Nie hätte er gedacht, wie viele imperiale Sternzerstörer es gab, über deren Verbleib nichts bekannt war. Er fragte sich, ob sie den richtigen überhaupt fanden.
Das Oberkommando der Kriegsmarine war natürlich äußerst hellhörig gewesen, als es von der Holoaufzeichnung der Aurea XIII erfuhr, und hatte sofort Hilfe in Person von Major Triggs angeboten. Dieser hatte Ruwens Erwartungen jedoch sogleich wieder gedämpft. Denn was nützte es, fragte er den Piloten, wenn sie zum Beispiel herausfanden, dass der Zerstörer XY, der seit der Schlacht von Z vor 25 Jahren vermisst wurde, an dem Überfall beteiligt war? Den jetzigen Eigentümer hätten sie dadurch immer noch nicht gefunden.

Die Pause in der Cantina war viel zu kurz. Major Triggs und Ruwen Flyyr saßen bald wieder im Büro des Flottenarchivs und betrachteten Holos. Mal sahen sie auf den ersten Blick, dass der Sternzerstörer aus einer anderen Baureihe war. Mal mussten sie über 20 Minuten schauen und diskutieren, bis sie sich einig waren, dass es wieder der falsche war.
Aber endlich hatten sie, was sie suchten.
"Die Assault", las Major Triggs die Informationen von seiner Computerkonsole vor. "Indienststellung unbekannt, beteiligt an der Schlacht von Cairn Beta, Generalüberholung in der Werft von He Zajin, vermisst in den Wirren nach der Schlacht von Endor. Letzter gesicherter Aufenthaltsort: U'Lamyra-System."
Der Major schaute nachdenklich auf. "Hm, U'Lamyra. Da gab es doch diesen Aufstand nach der Schlacht von Endor. Aber was hilft es uns?"
Ruwen zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Wir haben einen Namen und ein Sternsystem. Mehr als ich heute morgen wusste. Herzlichen Dank, Major, für Ihre Bemühungen."

"Du willst was? Viel zu gefährlich!"
Das war Stella.
"Könnte eine Falle sein!"
Das kam von Helen.
Chagnurgha steuerte ein empörtes Heulen bei.
"Mylord, wenn ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben dürfte ..."
"Nein, darfst du nicht, George", schnitt Obi-Nor dem Droiden das Wort ab. "Und ihr übrigen - ihr müsst nicht auf mich einreden. Ich weiß selbst, dass es gefährlich ist, eine Falle sein kann. Aber My hatte den Eindruck, dass der Informant vertrauenswürdig ist. Und er verlangte ausdrücklich, dass ich allein komme."
Wieder ein Wookie-Heulen.
"Nein, Chag, es hieß nicht 'keine anderen Menschen', es hieß allein. Das schließt auch Wookies aus."
Stella legte ihre Hand auf Obi-Nors Arm.
"Du musst sehr verzweifelt sein, wenn du dich darauf einlässt", sagte sie sanft. "Ich sehe unsere Situation. Aber mir ist lieber, wir sind bankrott als wenn du tot bist."
Obi-Nor seufzte. "Wenn ich den Informanten treffe, bekomme ich vielleicht wichtige Hinweise oder bin vielleicht tot. Wenn ich nicht fliege, sind wir sicher bankrott. Stella, sieh doch: Beweise gegen Trash Luferno! Ein Augenzeuge für einen Überfall! Holo-Aufzeichnungen, Funkverkehr-Mitschnitte! Das ist es doch, was wir die ganze Zeit gewollt haben, oder nicht?"
"Ja, schon", gab die Verwaltungschefin zu. "Aber ich hab ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Selbst wenn es vom Informanten keine Falle ist: My hat die Treffpunkt-Koordinaten auf einem noch nicht gesicherten Kanal gesendet."
"Deshalb solltest du die Koordinaten auf jeden Fall ändern", schlug Helen vor. "Das U'Lamyra-System ist groß. Schlag doch einen Punkt am anderen Ende vor. Die sichere Übertragung kann ich gewährleisten."
"Abgemacht", willigte Obi-Nor ein. "Das kann ja nichts schaden."

Die Nachricht von Ruwen Flyyr erreichte Bet Hayam erst, als Obi-Nor schon mit der Courier II in den Hyperraum gesprungen war.
Stella Likori starrte die HoloMail minutenlang an. Es war zu spät, Obi-Nor zu warnen oder zur Rückkehr zu bewegen. Auf was hatte er sich nur eingelassen? Der Sternzerstörer war gerade in dem System verschollen, in das Obi-Nor soeben flog.
"U'Lamyra", flüsterte Stella.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
Sie war sich sicher, dass Obi-Nor in eine Falle geraten war.

 

 

2. Gefährte des Todes

"Seriöse Geschäftsleute drohen nicht damit, einander umzubringen. Sie kündigen dem Konkurrenten lediglich an, dass dieser demnächst vom Markt verschwunden sein wird."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

 

Eine Galaxis besteht zu 99,9999999999.... % aus freiem Raum. Eigentlich ist es ein gigantisches, unvorstellbar großes Nichts. Lediglich hier und da sind mikroskopisch kleine Materie-Körnchen eingestreut, die wir Sterne, Planeten, Monde oder Asteroiden nennen. Deshalb liegt zum Beispiel die Chance, einen Hyperraumflug ausgerechnet inmitten eines Asteroidenfeldes zu beenden, bei etwa 1:23000000000000000000000. Ein durchaus akzeptables Risiko. Dennoch verspürt fast jede Crew in den Augenblicken unmittelbar vor dem Sprung aus dem Hyperraum eine gewisse Anspannung, als bereite sie sich unbewusst auf eine drohende Gefahr vor.
Obi-Nor musste bei jedem seiner Hyperraumflüge an die Schilderung Han Solos denken, der einmal mitten in den Trümmern des Planeten Alderaan aus dem Hyperraum gekommen war; eine besonders traurige Schilderung, denn Obi-Nor hatte auf dem vom Imperium zerstörten Planeten den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht.
Nach dem Flug ins U'Lamyra-System benötigte er nicht länger einen fremden Bericht, um Spannung zu empfinden, sondern konnte auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Schließlich gelang ihm das Kunststück, nach einem Hyperraumflug mitten in einer feindlichen Kriegsflotte aufzutauchen.
Kanonenboote, leichte Kreuzer, Kurzstreckenjäger und - ein Sternzerstörer.
Obi-Nor hätte lieber Badeurlaub auf Hoth gemacht, als diesen Anblick zu erleben.
"Herzlich willkommen, Mister Gildorian", ertönte eine Stimme in seinem Comgerät.
Obi-Nor schaltete den HoloSchirm ein, und B'al Zevuv, die rechte Hand Loco Lufernos, erschien.
"Mister Luferno erwartet Sie. Wenn Sie so freundlich wären anzudocken? Auf unserem Sternzerstörer reist es sich zwar nicht so bequem, aber viel sicherer als in der Courier."
Ein Schuss vor den Bug unterstrich diese Worte.
Da der Frachter in Reichweite des Fangstrahls war, hatte es keinen Sinn, an eine Flucht zu denken. Immerhin, wenn er Trash Luferno vorgeführt werden sollte, blieb ihm eine kleine Schonfrist. Das war weit besser als das, was Moffy Tarks und Slim Fasto widerfahren war.
"Okay, holen Sie mich mit Ihrem Fangstrahl an Bord, Zevuv. Ich bin kein guter Pilot."

Helen Moonlight trommelte mit ihren Fingern nervös auf die Arbeitsplatte.
Eine Stunde war Obi-Nor schon überfällig. Er war offensichtlich in einen Hinterhalt geraten. Hatte der Informant eine Falle gestellt? Oder war die undichte Stelle hier in Bet Hayam zu suchen?
Nach außen war das Computersystem abgeschottet, das hatte sie zweimal überprüft. Aber es bestand die Möglichkeit, dass es unberechtigte Zugriffe von innen gab. Ein Maulwurf bei Gildorian Enterprises - warum hatte von den anderen niemand an diese Möglichkeit gedacht?
Nun, sie würde es herausfinden. Sie hatte soeben eine 'Tretmine' gelegt.
Dieser etwas martialische Ausdruck bezeichnete in der Sprache der Datensicherheitsexperten eine manipulierte Datei, die sich veränderte, wenn auf sie zugegriffen wurde. Anhand der Veränderungen konnten unberechtigte Eingriffe in eine Datenbank nachgewiesen werden.
Helen fand, die Datei "Geheim-Dossier über Loco Luferno" in Obi-Nors persönlichem Datenverzeichnis bot genügend Anreiz für einen Maulwurf.
Jetzt konnte sie nichts anderes tun als warten.
Sie begann wieder zu trommeln.
Gerade erst hatte sie ihren Bruder nach all den Jahren wiedergesehen. Sie wollte ihn nicht gleich am nächsten Tag wieder verlieren.

Es war eine Inszenierung des schlechten Geschmacks, wie aus einer Holo-Unterhaltung der billigsten Sorte.
Loco "Trash" Luferno regierte sein Wirtschaftsimperium von einem zwanzig Meter breiten, fünfzig Metern langen und fünfzehn Meter hohen Thronsaal aus. Die riesige Halle bestand aus mit Transparistahlfenstern durchsetzten schwarzen Basaltwänden, einer blau getünchten, mit goldenen Sternen gesprenkelten Steindecke und einem scharz-weiß gemusterten Marmorfußboden. An der Stirnwand prangte ein goldener Thronsessel auf einem vier Meter hohen Podest, auf dessen breiten Stufen sich eine pittoreske Mischung aus leicht bekleideten Twi'Lek-Tänzerinnen, zahmen Löwen und schwer bewaffneten Leibgardisten tummelte. Im Thronsessel selbst saß Loco Luferno, mit einem perlenbesetzten, rubinroten Samtmantel bekleidet.
Obi-Nors ästhetisches Empfinden erlitt einen leichten Schock, als er mit gefesselten Händen von zwei wenig intelligent aussehenden, schweinsköpfigen Gamorraner-Wachen in den Saal geführt wurde.
Jede Wette, dachte er, dass er mich mit 'Wurm' anreden wird.
"Auf die Knie, du elender Wurm!" donnerte Luferno.
Gewonnen, dachte Obi-Nor.
Eine Wache trat ihm in die Kniekehle, so dass er einknickte und unfreiwillig dem Befehl Lufernos Folge leistete.
"Tja, mein lieber Gildorian", fuhr Luferno mit einer Stimme fort, die falsche Freundlichkeit ausstrahlen sollte. "Du wirst leider vom Markt verschwinden. Du verstehst mich: Die Galaxis ist zu klein für uns beide."
Das waren noch schlimmere Phrasen, als Obi-Nor befürchtet hatte. Es schien ihm jetzt sicher, dass sich der Spitzname "Trash" von Lufernos Art der Konversation ableitete. Doch trotz der unbeabsichtigten Komik machte er sich keine Illusion: Hier ging es nicht allein um eine billige Inszenierung, um lächerliche Drohgebärden. Luferno war ein ernstzunehmender Gegner.
"Schafft ihn ins Verlies!" befahl Luferno mit einem Wink.
Das hörte sich schon nicht mehr so lächerlich an.

Das Verlies bestand aus unterirdischen Katakomben, grob aus dem Fels herausgebohrt oder gesprengt. Die Luft war modrig, von der Decke tropfte Wasser und nässte den Boden, auf dem sich stellenweise trübe Pfützen bildeten. Schwere Stahlgitter schlossen einzelne Zellen ab, in denen stinkende, brummende, winselnde, fauchenden Wesen eingesperrt waren, die Obi-Nor wegen der schummrigen Beleuchtung zum Glück nicht genau erkennen konnte.
Einmal konnte er einen Blick auf eine leblose grünliche Gestalt werfen, deren Gesicht mit einer Atemmaske bedeckt war. Offenbar war auch der Informant, den My Flyyr in Ca'Bash gefunden hatte, Trash Luferno zum Opfer gefallen.
Die Wachen zerrten ihn grunzend in eine geräumige Zelle, in deren Wände Ketten, Handfesseln und Halsringe verankert waren. An einer dieser Vorrichtungen war ein Wesen angekettet. Der fast mannshohe braune, zottelige Körper erinnerte an einen Bären, der Kopf sah aus wie der eines Beutelwolfs. Und ein Beutel war auch am Bauch erkennen, also war es ein Weibchen. Ein Warlucca-Weibchen, erinnerte sich Obi-Nor an die Darstellungen in dem "Handbuch der Spezies in unserer Galaxis". Warlucca waren äußerlich gesehen größere, zweibeinige Verwandte der Beutelwölfe, aber sie galten als zivilisierte Vernunftwesen. Nun ja, zumindest als technisierte Vernunftwesen.
Diese Warlucca sah übel aus. Ihr Fell war an mehreren Stellen angesengt - offensichtlich Folterspuren. An der linken Schulter klaffte eine blutende Wunde; der Kopf hing geschwächt zur Seite. Sie litt augenscheinlich Durst, denn die lange Zunge hing ihr aus dem offenen Maul. Obi-Nor konnte eine beeindruckende Reihe spitzer Zähne sehen, von denen keiner kürzer war als sein Mittelfinger. Reflexartig öffnete und schloss die Warlucca ihre Hände - oder sagte man "Pfoten"? -, die mit vier krallenbewehrten Fingern und einer sichelförmigen, mindestens fünfzehn Zentimeter langen, rasiermesserscharfen Jagdklaue bestückt waren.
In einer Ecke der Zelle lagen zwei weitere, offenbar tote Warlucca. Fliegen und andere Kleininsekten umschwirrten ihre Kadaver.
Obi-Nor hatte sich bislang nicht gewehrt, weil er gegen die Übermacht der schwer bewaffneten Wachen keine Chance gehabt hätte. Hier in der Zelle waren nur zwei Gamorraner bei ihm. Doch bevor er sich überlegen konnte, wie er sich aus der Situation befreien konnte, fühlte er einen kleinen Stich im Nacken. Er drehte sich um und sah, wie einer der beiden Wächter eine Medi-Spritze in der Hand hielt.
Der Raum schwankte plötzlich, die Geräusche verebbten, eine dumpfe Schwere breitete sich in Obi-Nors Körper aus.
Dann wurde es dunkel.

Patsch.
"Aufwachen!"
Patsch, patsch.
"Ich sagte, du sollst aufwachen!"
Patsch.
Obi-Nor stemmte mit Mühe seine tonnenschweren Augenlieder hoch.
Blinzelnd sah er, wie Loco Luferno erneut zu einer Ohrfeige ausholtte.
Patsch.
"Oh, er kommt zu sich. Wird auch Zeit. Hast wieder zu viel in die Betäubungsspritze gefüllt, was? Ich werde dich auspeitschen lassen."
Obi-Nor hob den Kopf. Durch einen sich langsam auflösenden Nebel konnte er erkennen, dass er neben der Warlucca, die nun wacher zu sein schien und ein leises Grollen ausstieß, an der Wand angekettet war. Vor ihm stand Luferno und hielt eine Vibroklinge in der Hand.
"Du steckst deine Finger wohl gern in Angelegenheiten, die dich nichts angehen, was?"
'Nase', dachte Obi-Nor. Es heißt 'Nase'. Aber er war zu erschöpft, um Luferno zu korrigieren.
"Das Erzgeschäft gehört mir. Das hättest du wissen müssen. Wer da seine Finger reinsteckt, verliert schon mal seinen Finger."
Wieso redet der immer von 'Finger', dachte Obi-Nor benommen. Es heißt doch 'Nase'.
Aber dann war er froh, dass er Luferno nicht verbessert hatte. Denn auf einen Wink packte einer der beiden Gamorraner Obi-Nors linke Hand und spreizte den kleinen Finger ab.
"Der Finger ist ein kleines Souvenier für eine Freundin von mir", grinste Luferno. "Als Appetitanreger. Den Rest wird sie sich demnächst selbst holen."
Er setzte das Messer am ersten Fingerglied, direkt an der Handfläche, an.
Und schnitt.
Der abgetrennte Finger fiel in ein Glas mit einer Konservierungsflüssigkeit, das der andere Gamorraner bereit hielt.
Luferno stillte die Blutung mit einem kleinen Laserschweißgerät und nahm das Glas an sich.
"Du schaffst den toten grünhäutigen Verräter weg", wies er einen der beiden Wächter an. "Und du passt hier auf, dass der Gefangene nicht abkratzt", befahl er dem zweiten. "Und keine Folter, verstanden?!"

Die Firmengebäude der Gildorian Enterprises lagen fast völlig verlassen in der Dunkelheit der warmen Tropennacht von Palm Island. Nur zwei Räume waren hell erleuchtet. In der Kommunikationszentrale herrschte Tag und Nacht ganz normaler Betrieb. Allein wegen der unterschiedlichsten Zeitzonen in der Galaxis mussten Frachterpiloten, aber auch Kunden immer jemanden in der Zentrale der Handelsfirma erreichen können. Und zwei Gebäude weiter, im Direktionstrakt, saß Helen Moonlight in dem Büro, das Stella Likori ihr zur Verfügung gestellt hatte.
17 Stunden lang hatte Helen ununterbrochen periphere Sicherheitssysteme überprüft. Jetzt konnte sie die Müdigkeit nicht länger ignorieren. Zwar machte es ihr nichts aus, ganze Nächte lang allein an einem Computer-Terminal durchzuarbeiten - diese Fähigkeit hatte sie veranlasst, sich den Namen "Moonlight" zuzulegen -, doch in den letzten vier Tagen hatte sie sich nur ein paar Stunden Schlaf gegönnt. Es war mittlerweile vier Uhr morgens, da durfte sie auch mal Feierabend machen.
Nur noch schnell in Obi-Nors Ordner gucken, gähnte sie, dann ab ins Bett.
Geheim-Dossier über Loco Luferno, Dateigröße 1139 Zeichencluster
Helen war schlagartig wach. Na also, lächelte sie grimmig, jemand hatte die 'Tretmine' gezündet. Die Datei hatte sich um ein Cluster vergrößert. Jetzt musste sie nur noch schauen, woher der Zugriff stammte.
Anzeige: Zugriffstracing Ordner 'Obi-Nor persönlich' ? Datum='aktuell' + Zeitraum=2Tage
Die Antwort spuckte der Computer ohne Verzögerung aus.
Ergebnis Zugriffstracing Ordner 'Obi-Nor persönlich'
1) Helen Moonlight - aktuell minus 1Tag
Ende Ergebnis Zugriffstracing

Wie bitte? Das konnte doch nicht sein!
Ihr eigener Zugriff war registriert worden, als sie die 'Tretmine' ausgelegt hatte. Aber danach musste noch jemand die Datei geöffnet haben. Ein Zugriff, der von der Überwachungssoftware nicht verzeichnet worden war?
Helen stand von ihrem Arbeitsplatz auf und reckte sich. Das war ein härterer Brocken, als sie gedacht hatte. Sie ging schweigend in dem Büro auf und ab. Es war still im Gebäude, nur das Heer der Reinigungsdroiden, das jede Nacht die Herrschaft über die Firmenzentrale übernahm, brummte durch die Flure.
Wie viele Hacker gab es in der Galaxis, die ihre Tracingsoftware austricksen konnten? Sie selbst hätte es geschafft, vielleicht noch vier oder fünf andere. Aber das hätte tagelange Vorbereitungen gekostet. Nein, unwahrscheinlich, entschied sie.
Eigentlich blieben nur zwei Möglichkeiten. Es konnte ein 'Vormieter' sein, der seinen Schlüssel nicht abgegeben hatte. Helen fragte sich oft, wer diesen Ausdruck erfunden hatte. Offenbar ein Computerspezialist, der zur Miete wohnte. Der 'Vormieter' war eine Benutzerkennung, die ungültig geworden war, deren Löschung eine manipulierte Registrierung aber verhindert hatte. Diese Variante konnte Helen jedoch ausschließen. Natürlich hatte sie das System auf mögliche 'Vormieter' überprüft.
Somit blieb nur die andere Möglichkeit: ein 'implantiertes falsches Gen'. Das war ein Programm, das fälschlich bei der Installation einer Software und beim Booten des Systems als Teil der BIOS-Routine identifiziert worden war und es einem Benutzer ermöglichte, sich in allen Dateien ungehindert bewegen konnte, ohne erkannt zu werden. Es war nicht gerade einfach, sich als 'falsches Gen' in ein System einzuschleichen. Hier war ganz eindeutig ein Top-Profi am Werk.
Helen runzelte die Stirn. Eine Identifikation des "Maulwurfs" war ausgeschlossen, wenn sie ihn nicht auf frischer Tat ertappte. Sie konnte höchstens das 'Gen herausoperieren'. Dazu musste sie allerdings das gesamte System herunterfahren. Ob sie das allein entscheiden durfte? Oder musste sie Stella Likori wecken? Ach was, sie war engagiert worden, um das System wasserdicht zu machen. Und genau das würde sie jetzt tun.
Zehn Minuten, dachte sie, höchsten fünfzehn. Länger würde das Computersystem nicht außer Betrieb sein.
"Also los!" murmelte sie.
Als erstes gab sie eine Nachricht, eine Art Abwesenheitsschaltung, für die möglichen externen Zugriffe ein.
Danach sperrte sie das System für jeden LogIn von außen.
Hunderte von Piloten und Kunden würden jetzt wilde Flüche ausstoßen. Und die vier Frauen in der Kommunikationszentrale waren für ein paar Minuten arbeitslos.
Au weia, die Kom-Zentrale! Sie hatte ganz vergessen, die vier zu warnen.
Die Müdigkeit, dachte Helen. Ausgeschlafen wär mir das nicht passiert.
Egal, jetzt musste sie weitermachen.
Sie gab den Befehl zur Abschaltung des Systems.
Interne LogIns beenden?
Logo, dachte Helen. Aber dann stutzte sie. Es war verrückt, aber ...
Anzeige
interne LogIns
Das Ergebnis erschien sofort.
Helen starrte auf die Anzeige
Das durfte nicht wahr sein.
1) Kommunikationszentrale - Veeda Cardoso
2) Kommunikationszentrale - Cariana Ü'Morthjoil
3) Kommunikationszentrale - Cari Hillside
4) Kommunikationszentrale - Rashee Senoij
5) Direktionstrakt - Helen Moonlight
6) Direktionstrakt - Stella Likori

Hellen sprang auf, und rannte hinaus auf den Flur.
Dort prallte sie beinahe mit der Verwaltungschefin von Gildorian Enterprises zusammen, die schlaftrunken, nur mit einem Nachthemd bekleidet, den Korridor entlangstolperte.
"Was'n los", gähnte Stella. "Ich krieg gerade 'n Anruf, dass das Computersystem ausgeschaltet ist ..."
"Waren Sie in ihrem Büro?" fragte Helen.
"Was? Wieso? Nein, ich komme gerade aus dem Bett. Das sehen Sie doch. Wieso ..."
Sie brach ab. Denn hinter ihr öffnete sich die automatische Tür zu ihrem Büro.
Ein Reinigungsdroide glitt hinaus, brummte ein Stück den Flur entlang, blieb vor Obi-Nors Bürotür stehen, gab den Türcode ein und glitt in das Büro.
"Wir sollten uns dringend über Droiden unterhalten", flüsterte Helen. "Besonders über Reinigungsdroiden."

Shig T'Rohrrmi war verunsichert.
Nun war er schon so viele Jahre im Dienst, doch diesen Befehl verstand er einfach nicht.
"Und keine Folter, verstanden?!" hatte der Meister gesagt.
Nein, er hatte nicht verstanden.
Der Sinn, Gefangene zu machen, bestand doch darin, sie zu foltern! Nie hatte es auch nur eine winzige Ausnahme gegenen.
Und jetzt das!
Niemals? Nicht eine einzige Ausnahme?
Nein, niemals. Alle Gefangenen, ausnahmslos alle hatte er foltern dürfen.
Nur diesen Menschen nicht.
Was hatte das zu bedeuten?
Vielleicht war dieser Mensch gar kein Gefangener?
Blödsinn! Klar war er Gefangener! Sonst wäre er ja nicht angekettet.
Aber - konnte es nicht ein Irrtum sein? Vielleicht war er fälschlicherweise angekettet?
Hm, dieser Gedanke war neu. Aber er hatte was für sich: Alle Gefangenen wurden gefoltert - dieser durfte nicht gefoltert werden - also war es kein Gefangener.
Ja, das klang überzeugend.
Der schaute auch so unschuldig drein. Andere zerrten und fauchten, dieser nicht.
Weil er ein Gast war?
Was, ein Gast? Blödsinn, einen Gast fesselte man doch nicht!
Richtig, das tat man nicht. Vielleicht war es ja auch falsch, dass er gefesselt war? Oder sogar - ein Test?
Wieso ein Test?
Vielleicht wollte der Meister ihn, Shig T'Rohrrmi, testen, ob er in der Lage war, einen Gefangenen von einem Gast zu unterscheiden?
Der Meister? Ihn, Shig T'Rohrrmi, testen? Ein Test vom Meister? Und wenn er nun versagte?
Er durfte nicht versagen!
Nein, versagen durfte er nicht. Aber was sollte er nur tun?
Was macht man denn mit einem Gast?
Gast? Oh, einen Gast musste man befreien. Ja, ja, gewiss musste man ihn befreien.
Aber wenn er nun doch ein Gefangener ... nein, er hatte ja schon entschieden, dass dieser Mensch hier zu Gast war.
Dann durfte er aber auch keine Sekunde zögern.
Klick, ja, das war die eine Handfessel. Und klick, das war die andere. Und hier, zack, die Fußketten; so, das war erledigt.
Ja, er hatte den Test bestanden. Er, Shig T'Rohrrmi, war ein guter Wächter.
Aber hatte er nicht auch die Aufgabe, den Zustand der Ketten und Fesseln zu überprüfen? Wenn sie nun zu locker waren? Wenn das nun der Test war, den der Meister ihm auferlegt hatte?
Zu locker? Die Fesseln?
Ja, sie schienen doch arg locker zu sein. Ob er sie nicht einmal ausprobieren sollte? Er konnte sie ja selbst mal anlegen.
Schnapp, das war die linke Hand; schnapp, die rechte. Klapp, die Fußfesseln.
Nein, das war in Ordnung, zum Glück.
Prima, die Fesseln waren sicher. Ja, er würde von selbst nie frei kommen.
Sein Blaster? Wieso nahm der Gast jetzt seinen Blaster?
Er wollte wieder aus den Ketten raus. Der Test war erfolgreich, aber jetzt wollte er wieder frei sein.
Danke? Wieso sagte der Gast jetzt danke?
Er wollte nicht mehr angekettet sein.
Hilfe...!

"Danke", sagte Obi-Nor, und überprüfte den Blaster, den er dem nun an seiner Stelle angeketteten Gamorraner abgenommen hatte.
Er fühlte sich immer noch nicht ganz fit. Seine linke Hand sandte einen pochenden Scherz aus. Und den schweinsköpfigen Wächter mit Hilfe der 'Macht' dahin zu bringen, ihn loszuketten und sich selbst an seiner Stelle zu fesseln, hatten ihn außergewöhnlich viel Kraft gekostet.
Aber das zählte jetzt nicht. Er musste von hier verschwinden.
Er wandte sich zur Zellentür, drehte sich aber noch einmal um.
Die Warlucca schaute an. Sie ließ ein leises Grollen ertönen.
"Du gehörst auch nicht hierhin", meinte Obi-Nor.
Er zielte mit dem Blaster und durchschoss ihre Fesseln.
Sofort sprang sie zu den beiden toten Warlucca in der Zellenecke und stieß ein markerschütterndes Geheul aus.
Obi-Nor kümmerte sich nicht weiter um sie, sondern eilte davon.

"Wir können den Reinigungsdroiden deaktivieren", schlug Stella vor. "Notfalls können wir sogar alle Droiden abschalten."
"Nein", entgegnete Helen. "Ein identifizierter Spion stellt keine Gefahr dar. Im Gegenteil: Wir können ihn für uns arbeiten lassen. Hm, ich könnte ein virtuelles Variofont-Netzwerk aufbauen und ..."
"O, bitte, Helen", unterbrach sie Stella. "Sie müssen schon auf diese Fachbegriffe verzichten, wenn ich Ihnen folgen soll."
Helen lächelte. "Berufskrankheit, verzeihen Sie bitte. Grob gesagt, werden wir dem Droiden nur noch die Informationen geben, die wir wollen. Sehr grob gesagt."
"Das reicht mir. Für Feinheiten sind Sie zuständig."
Stella wurde plötzlich sehr ernst. "Aber was wird es uns nützen? Obi-Nor ist schon so lange überfällig ..."
Helen spürte eine Angst, die mehr war als die Sorge einer leitenden Angestellten um ihren Chef.
"Was ist mit den andern? Mit Dr. Welby, mit Ruwen Flyyr?" versuchte sie, Stella abzulenken.
"Der Arzt kommt morgen zurück. Er hat leider nichts erreicht, weil die Berichte sofort als geheim eingestuft und unter Verschluss gehalten wurden. Und Ruwen ist unterwegs zu seiner Schwester. Die beiden wollen die Starlight Shadow von den Ca'Bash-Werften abholen."
Sie machte eine Pause.
Mit einem Seufzer fuhr sie fort: "Aber ich mache mir Gedanken um Obi-Nor."

Es ging leichter, als er gedacht hatte. Nirgendwo war eine Wache.
Er hatte bereits drei Gänge passiert, schaute gerade vorsichtig in den vierten.
Links war nichts zu sehen, rechts war nichts zu sehen.
Und geradeaus war die Tür, die ihn aus den Gewölben ans Tageslicht führen würde.
Obi-Nor ging zur Türkonsole. Welchen Code musste er eingeben? Er konnte doch nicht auf Verdacht hin irgendeine Zahlenkombination eintippen!
"Keine Bewegung! Blaster weg!"
Er hatte B'al Zevuv nicht kommen gehört.
Obi-Nor ließ den Blaster fallen. Dann drehte er sich vorsichtig um.
"Keine Panik, Zevuv, ich hätte den Code sowieso nicht geknackt. Ich wette, du kennst ihn auch nicht."
Es war ein alter Trick, aber er funktionierte. Unwillkürlich dachte Zevuv an die Zahlenkombination, und Obi-Nor spürte, das sein Gegenüber den Code wusste.
Ob er ihn mit Hilfe der 'Macht' zwingen konnte ...?
Ein langgezogener, schrecklicher Schrei unterbrach seine Gedanken.
"Was war das?" fragte Zevuv erschreckt.
"Ein Todesschrei", stellte Obi-Nor nüchtern fest. "Wahrscheinlich einer der Gamorraner."
"Aber wer ..."
"Die Warlucca", erklärte Obi-Nor. "Sie muss - oh!"
Erneut war ein Todesschrei ertönt, diesmal wesentlich näher an der Stelle, wo sie sich befanden.
Zevuv schaute sich nervös um. "Sie kommt näher. Wir müssen weg."
"Schon mal eine Warlucca gesehen, die in Raserei geraten ist? Keine spaßige Sache", meinte Obi-Nor leichthin, als ob er jeden Tag mit rasenden Warlucca zu tun hätte. "Am besten, ich nehme meinen Blaster wieder an mich", fuhr er fort. "Wir zwei können ..."
"Nichts da!" schnappte Zevuv. "Hände weg vom Blaster! Du willst mich reinlegen!"
"Schon gut - aber mach wenigstens die Tür auf, damit wir hier raus sind, bevor das Vieh ankommt!"
Obi-Nor spürte die Präsenz der Warlucca den Gang hinter ihnen herankommen. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, blieb sie offenbar stehen und schien zu lauern. Seltsam, dachte Obi-Nor, das wirkt nicht wie ein Zustand der Raserei.
"Die Tür", erinnerte Obi-Nor. "Mach schon, wir haben keine Zeit!"
Mit Hilfe der Macht verstärkte er diesen Gedanken.
Zevuv gab mit zittrigen Fingern den Türcode ein.
Die Tür öffnete sich und ließ hellen Sonnenschein herein, der Obi-Nor nach all den Stunden im schummrigen Licht des Verlieses blendete.
"Raus mit dir!" befahl Zevuv.
Obi-Nor machte einen Schritt zur Türöffnung, spürte plötzlich, wie sich die Präsenz der Warlucca veränderte, machte eine blitzschnelle Drehung und warf seinen Körper gegen Zevuv, der in den Gang zurück taumelte.
Zevuv stieß einen überraschten Ruf aus, fing sich und richtete den Blaster auf Obi-Nor.
In diesem Moment sprang ein Schatten aus dem rückwärtigen Gang und warf sich auf ihn. Ein Schatten mit einer gewaltigen, rasiermesserscharfen Jagdklaue.
Obi-Nor drehte sich schnell weg. Den Anblick von spritzendem Blut hatte er noch nie gemocht.
Er hörte den Todesschrei von B'al Zevuv, hörte ein Knacken, ein Röcheln. Dann war alles still.
Vorsichtig drehte er sich um.
Wenige Meter vor ihm stand die Warlucca, den toten Zevuv zu ihren Füßen. Ihr Fell mit Blut besudelt, das Maul war geöffnet, die lange Zunge hing wie hechelnd heraus.
Obi-Nor hob abwehrend die Hände.
"Ich hab keine Ahnung, ob du mich verstehst, aber ich schmecke furchtbar, bin völlig ungenießbar. Hör zu, ich zeig dir ein paar Gamorraner, wenn du willst."
Die Warlucca schaute ihn verständnislos an, kam dann einen Schritt auf ihn zu. Sie fuhr ihre Jagdklaue ein und neigte ihren Kopf weit zur Seite.
Die Halsschlagader, erkannte Obi-Nor. Sie zeigt mir ihre Halsschlagader.
Und er hatte das Gefühl, soeben eine primitive Lebensform aufgelesen zu haben.

Loco Luferno hielt triumphierend das Glas mit dem abgeschnittenen Finger direkt vor den HoloProjektor.
"Hier, Shri-Lilith, als kleiner Appetitanreger. Ich werde ihn dir sofort mit einer Raumfähre schicken."
"Nur ein Finger? Was soll das, Luferno? Willst du mich hinhalten? Wenn du ein Spiel mit mir treiben willst, werde ich dich vernichten!"
Die Hexe war wütend. Ihre Augen blitzten, und ihre Haare züngelten besonders wild empor. Obwohl sie viele Lichtjahre entfernt war, konnte Luferno die eiskalte Ausstrahlung ihres Zorns beinahe körperlich spüren.
"Nein, meine Liebe, ganz und gar nicht. Du bekommst den ganzen Gildorian früh genug. Ich brauche ihn aber auch noch. Erst muss ich ihm einige Firmengeheimnisse entreißen, dann gehört er dir. Ich habe ihm den Finger abgeschnitten, damit du dich überzeugen kannst, ob diese geheimen Kräfte, von denen du gesprochen hast, wirklich in ihm sind."
Er registrierte mit zufriedenem Lächeln, dass Shri-Liliths Augen einen gierigen Glanz bekamen. Er selbst glaubte nicht eine Minute, dass dieser Emporkömmling Gildorian über so etwas wie 'Kräfte der Macht' verfügte. Aber wenn die Hexe sich einen besonderen Kraftzuwachs davon versprach, ausgerechnet diesen Händler auszusaugen, konnte ihm das nur recht sein. Endlich hatte er etwas, das sie brauchte.
"Schick mir den Finger!" willigte Shri-Lilith ein.
Luferno deutete eine leichte Verbeugung an und schaltete das Holo ab.
Er hatte richtig gute Laune.

Vorsichtig lugte Obi-Nor ins Freie. Hier am Fuß von Lufernos Felsenpalast herrschte reges Treiben. Menschen und Humanoide verschiedenster Spezies gingen offenbar ihren Geschäften nach, beluden Lasttiere oder Frachtgleiter, lungerten in der Nähe eines Brunnens und spielten mit Würfeln oder Sabacc-Karten. Soeben kam eine Karawane von sechs banthagroßen Vierbeinern an, beladen mit Kisten und Körben. Bei diesem Durcheinander, entschied Obi-Nor, würde niemand auf ihn achten. Er durfte nur nicht verdächtig umherschleichen, sondern er musste sich bewegen, als gehörte er zur Szenerie. Er steckte den Blaster des Gamorraners an den Gürtel und drehte sich zu der Warlucca um. Die sah mit ihrem angesengten und blutbesudelten Fell nun nicht gerade unauffällig aus, aber sie mussten es riskieren.
"Wir müssen dort drüben zu den Raumfähren", deutete er auf den einige Hundert Meter entfernt liegenden kleinen Landeplatz. "Da finden wir bestimmt eine Fähre, die für den Hyperraumflug ausgerüstet ist, vielleicht sogar meine Courier. Äh, du verstehst doch Basic?"
"Ja, ikch sprrrekche Basic."
Der Klang ihrers Akzents war rau und kehlig, aber es war eindeutig die allgemein gebräuchliche Umgangssprache der Galaxis.
"Prima, wir gehen einfach hinüber, als ob wir hier zum Laden gehören."

Sie legten den Weg tatsächlich ohne Zwischenfälle zurück. Auf dem Landeplatz hielt Obi-Nor vergeblich Ausschau nach der Courier II. Damit stand neben einem Finger noch ein zwei Millionen Credits teures Raumschiff auf der Verlustliste. Nun, es hätte schlimmer kommen können. Obi-Nor musste an seine Zeit als Schmuggler zurückdenken. Die Wunde an der Hand hatte vor ein paar Minuten angefangen, schmerzhaft zu pochen, aber kein Schmuggler würde dies als ernsthafte Verletzung ansehen.
"Da steht Carrrialische Fährrre! Hyperrrrraumtauglikch", konstatierte die Warlucca.
Obi-Nor war erstaunt, dass sie sich so gut mit Raumschifftypen auskannte.
"Was hast du jetzt eigentlich vor?" fragte er. "Ich muss zum Planeten Trexx. Kann ich dich irgendwo absetzen?"
"Ikch komme mit dirrr."
"Äh, tja, ich meine, wohin willst du jetzt hin?"
"Ikch komme mit dirrr. Du bist Gefährrrte des Todes."
Obi-Nor hatte sich schon viele nicht sehr schmeichelhafte Bezeichnungen anhören müssen. Aber 'Gefährte des Todes' fand er doch reichlich übertrieben.
"Du hast mikch gerrrettet. Ikch habe dikch gerrrettet. Wirrr sind Gefährrrten des Todes."
Das klang verdächtig nach einer dieser merkwürdigen Lebensschuld-Ideen.
"Also, ich hab dich gerettet, klar, hätte doch jeder getan, weil du - äh, wie heißt du eigentlich?"
"Rrrhysberrrashitzykcherra."
"Ich werde dich Rhysbe nennen, okay? Mein Name ist übrigens Obi-Nor. Pass auf, du kannst nicht mit mir kommen. Ich könnte eine gute Finanzbuchhalterin gebrauchen, aber danach siehst du mir nicht aus. Gibt es was, was du besonders gut kannst?"
"Ikch bin Pilotin."
"Du bist - was?! Pilotin? Worauf warten wir dann noch? Lass uns die Tür knacken und an Bord gehen. Wir können nicht ewig hier rumstehen und diskutieren. Die werden bestimmt gleich unsere Flucht entdecken."

Alle im Thronsaal zitterten; Loco Luferno vor Wut, die übrigen vor Angst. Eine falsche Bewegung, und man konnte tot sein, von Lufernos Blaster niedergestreckt wie der bedauernswerte Wächter, der die schlechte Nachricht überbrachte hatte. Selbst dass er in einem Wutanfall seine zahmen Löwen erschossen hatte, schien Luferno nicht zu beruhigen. Nein, er war wirklich außergewöhnlich zornig.
Die Leibgardisten hielten ebenso den Atem an wie die Twi'lek-Tänzerinnen, als sich ihr Meister erhob. Wen würde es jetzt erwischen?
Erstaunlicherweise steckte Luferno jedoch den Blaster weg, was ein kollektives Aufatmen zur Folge hatte.
Nun gut, dachte Luferno grimmig. Er ist entflohen. Aber das wird ihm nichts nützen. Ich hole jetzt zum entscheidenden Schlag aus. Den wird dieser Gildorian nicht überstehen.
Laut forderte er eine Kom-Verbindung zu seinem Verbindungsmann bei den Raumwerften von Ca'Bash.

Ruwen Flyyr erledigte die letzten Formalitäten zur Übernahme der Starlight Shadow. Er füllte die Überführungsbescheinigung aus und hinterließ seinen digitalen Daumenabdruck als fälschungssichere Unterschrift.
"Was macht ihr eigentlich, wenn ein Wookie einen Frachter abholt?" grinste er.
Der Angestellte der Raumwerft stöhnte. "Sie glauben gar nicht, was wir manchmal für Scherereien haben. Manche Zivilisationen haben noch nicht einmal ein funktionierendes Meldesystem. Was nützt dann eine Unterschrift oder ein Fingerabdruck? Aber Raumschiffe fliegen, das wollen alle."
Er gab Ruwen die Zweitausfertigung des schreibgeschützten Datapads.
"So, das wars. Gute Reise, Mister Flyyr. Ich, äh, ich wollte noch sagen, dass mir das mit der ersten Crew Leid tut. Ich hoffe, die Starlight Shadow bringt von jetzt ab ihre Besatzung immer sicher nach Hause."
"Danke für den Wunsch. Können wir brauchen. So, meine Schwester führt soeben den letzten Motivatortest durch, aber dann geht es los."
"Aber das ist doch nicht nötig, Sir. Heute morgen hat das doch Ihr Mechaniker schon getan."
"Unser Mechaniker?" Ruwen runzelte die Stirn. "Aber wir haben doch gar keinen - sind Sie sicher?"
"Ja, kein Zweifel. Heute morgen war ein Techniker in der Starlight Shadow".
Ruwen wurde kreidebleich. Er riss das Kom-Gerät von Gürtel.
"My?! My!! Melde dich!"
Laut fluchend rannte er aus dem Büro und hetzte die Durastahlflure des Verwaltungstrakts entlang. Im Laufen versuchte er immer wieder, Kontakt zu seiner Schwester aufzunehmen.
"My, Verdammt, melde dich!"
Er passierte das Tor zu den Hangars und Wartungsbuchten. Nirgendwo war ein Gleiter oder Räderfahrzeug zu sehen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Weg bis zum Hangar 94 zu laufen. Er rannte an Hangar 1 vorbei, an Hangar 2 ...
Ein falscher Mechaniker im Frachter? Das konnte nur bedeuten - bitte nicht auch noch My! Nicht auch noch My!
"My! Verdamt, wo bist du denn? Melde dich!"
Wenn sie zur Zeit nicht im Cockpit war, sondern irgendwo Bauch des Schiffes herumkroch, konnte er sie nicht erreichen.
Hangar 25 ... 26 ...
Ihm klopfte das Herz bis zum Hals, seine Lungen brannten. Aber er ließ in seiner Geschwindigkeit nicht nach.
Er kam bis Hangar 86.
Ein Beben, ein Schlag, ein erneutes Beben.
Die Druckwelle der Explosion riss ihn von den Füßen.
Als er sich wieder aufrappeln konnte, sah er durch den sich verziehenden Rauch, dass es keinen Hangar 94 mehr gab.

 

 

3. Wirtschaftskrieg

"Wer ein erfolgreicher Händler sein will, darf nicht nur Frachten hin und her transportieren. Er muss vielmehr auch die Gesetze des Kapitalmarktes kennen."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Die Freude über die Rückkehr Obi-Nors und das Erstaunen über die mitgebrachte neue Warlucca-Pilotin währte auf Palm Island nicht lange. Die niederschmetternde Nachricht von der Zerstörung der Starlight Shadow und den Tod My Flyyrs holte alle brutal auf den Boden der Tatsachen zurück.
Obi-Nor saß an seinem Bürotisch und hielt seinen Kopf in die Hände gestützt.
"17 Jahre", murmelte er. "Seit 17 Jahren ist My schon für uns tätig. Sie hat noch die wilde Schmuggler-Zeit mit den Spice-Lieferungen in die imperialen Kernwelten mitgemacht. Und nun soll sie tot sein?"
Stella legte ihre Hand auf seine Schulter.
"Du hast viel mitgemacht zuletzt. Du musst dich unbedingt ausruhen."
"Nein, Stella, das geht nicht. Jetzt geht es doch erst richtig los. Ich wette, gleich meldet sich dieser Geier ..."
Er wurde durch ein aufflackerndes Holo von Cooleesha unterbrochen.
"Ruune Maari, Sir. Soll ich durchstellen?"
"Wenn man vom Geier spricht ... Stella, kümmerst du dich um Ruwen?"
Stella nickte. "Ich sorge dafür, dass ihn jemand abholt."
Sie ging hinaus.
"Also, Cooleesha, her mit dem Widerling!"
Das Bild flackerte und verwandelte sich in den Neimodianer.
"Guten morgen, Mister Gildorian. Leider muss ich mich schon wieder bei Ihnen melden."
"Sparen Sie sich die Floskeln und machen Sie's kurz!" knurrte Obi-Nor.
"Nun, bedauerlicherweise sieht sich unsere Gesellschaft gezwungen, nach dem neuerlichen Unglücksfall den Versicherungsvertrag mit Gildorian Enterprises zu kündigen. Die Vertragsauflösung tritt um Mitternacht Ihrer Ortszeit in Kraft. Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass es nicht zu einer fristlosen Kündigung kam, sondern dieser zugegebenermaßen kleine Aufschub ..."
Klick.
Obi-Nor hatte den HoloProjektor abgeschaltet. Noch lieber hätte er mit seinem Blaster in das Holo hineingefeuert.
Er angelte sich das Voice-Kom.
"Cooleesha, wenn sich Rune Maari jemals wieder meldet: Ich will diese schleimige Ausgeburt nie wieder sehen!"
Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Keine Versicherung mehr. Das bedeutete, kein Minenbesitzer würde Gildorian Enterprises ohne Sicherheitszahlung auf ein Treuhandkonto eine Ladung Erz anvertrauen. Und das wiederum würde gewaltige Barmitteltranfers erfordern. Barmittel, die die Firma nicht hatte. Ganz abgesehen davon, dass ein weiterer Verlust eines Schiffes nicht mehr ersetzt würde.
Obi-Nor wusste, er konnte sich aus dem Erz-Geschäft zurückziehen und Luferno den Markt überlassen. Er wäre dann bald in der ganzen Galaxis bekannt als 'Verlierer im Erzkrieg', aber er könnte die Firma halbwegs retten. In Kauf nehmen musste er nur den Verkauf einiger Frachter, die Entlassung von Hunderten von Angestellten, eine Verkleinerung der Firmenzentrale, den Umzug zurück nach Coruscant und die Beschränkung auf die Tochterfirma Gil Frost.
Gil Frost ...
Das war der Geschäftszweig, auf den Luferno keinen Anschlag verübt hatte. Gil Frost war eine rechtlich selbständige Aktiengesellschaft, deren Anteilscheine zu über 75 % im Besitz der Gildorian Holding waren. Und die Aktien waren zugleich die einzige Möglichkeit, in kurzer Zeit flüssiges Kapital zu beschaffen.
Obi-Nor aktivierte erneut das Kom-Gerät.
"Stella? Ich muss unbedingt mit dir reden."

Die Wellen rollten sanft und rhytmisch an den weißen Sandstrand. Barfuß über den Strand zu gehen und das Meer in unmittelbarer Nähe zu spüren, war für Obi-Nors Psyche eine noch größere Erholung als der Blick von der Veranda seines Holzhauses. Oft schon hatte er mit Stella Likori lange Spaziergänge unternommen, wenn es Entscheidungen von existenzieller Bedeutung für die Firma zu treffen galt. Entscheidungen, die er nicht einmal im "Kleinen Rat", sondern nur mit seiner Verwaltungschefin besprechen wollte.
Sie waren schon ein ganzes Stück von Bet Hayam entfernt, als Stella endlich auf die Ausführungen Obi-Nors antworte.
"Wir können also klein beigeben, den Laden hier dicht machen und wieder da weiter machen, wo wir vor 17 Jahren angefangen haben."
Sie machte eine Pause, hob eine fächerförmige Muschel auf und betrachtete sie nachdenklich.
"Von all den zigtausend Muscheln im Meer ist gerade diese hier gelandet. Und von all den tausenden Inseln hat sie sich ausgerechnet Palm Island ausgesucht. Zufall?"
Sie legte die Muschel wieder in den Sand und ging weiter.
"Dass du hier bist, Obi-Nor, ist kein Zufall. Es ist dein Weg. Und du wirst ihn sicher nicht wegen eines Trash Luferno verlassen. Das, was du hier aufgebaut hast, ist deine Firma, dein Lebenswerk!"
"Unser, Stella. Gildorian Enterprises ist auch deine Firma, das weißt du. Du willst also nicht aufgeben?"
Stella schüttelte den Kopf.
"Nein. Nie"
"Gut", lächelte Obi-Nor. "Hab ich mir gedacht. Und deshalb hab ich auch schon eine Idee, wie wir diesen Luferno zur Strecke bringen können. Was, meinst du, hat der Kerl vor?"
"Außer dir noch ein paar Finger abschneiden? Und außer, dass er uns aus dem Erzgeschäft drängen will? Nun, ich habe gehört, dass er über Strohmänner heimlich Gil Frost Aktien aufkauft. Ich vermute, er will sich Gil Frost einverleiben."
Obi-Nor nickte. "Das denke ich auch. Schließlich ist ein Aktienverkauf unsere einzige Möglichkeit, massenhaft flüssiges Kapitel aufzutreiben."
"Womit wir ihm in die Hände spielen ..."
"Was wir auch tun werden!"
Stella blieb abrupt stehen. "Wie bitte? Du opferst Gil Frost?"
Obi-Nor starrte auf das Meer.
"Hast du je von General Ben Nun gehört?"
"Nein", sagte Stella, "wer ist das?"
"Ein trexxanischer General vor ... ach, vor Urzeiten, jedenfalls vor der Raumfahrt-Ära. Damals haben die Armeen noch ganz anders Krieg geführt. Ben Nun hat einmal eine Schlacht gewonnen, obwohl seine Stellung vom Feind überrollt wurde. Er hat seiner Artillerie einfach 'Feuer auf Eigenstellung' befohlen. Die eigene Stellung wurde vernichtet und mit ihr die gesamte feindliche Armee."
Er drehte sich um und sah Stella in die Augen.
"Das ist es, was ich vorhabe: Feuer auf Eigenstellung."
"Und die Eigenstellung, die überrollt wird, ist Gil Frost", ergänzte Stella.
"Genau. Und die Artillerie ist der Aktienmarkt."
"Ja, aber Luferno wird sich kaum auf eine rein wirtschaftliche Auseinandersetzung einlassen. Was er ja zur Genüge bewiesen hat."
Obi-Nor nickte. "Deshalb sollten wir uns zusätzlich noch um andere Geschütze kümmern."

Als sie zurückkehrten, kam ihnen Helen entgegen.
"Geschafft", sagte sie müde, aber zufrieden. "Das System ist so sicher wie das bei Computern heute möglich ist." Zu Stella gewandt fuhr sie fort: "Was unseren Freund, den Reinigungsdroiden angeht, so habe ich Ihnen ja das nötigste gezeigt."
"Ich werde schon zurecht kommen."
"Tja, dann breche ich auf. Ich habe jetzt vier Aufträge hintereinander erledigt. Ich muss unbedingt mal ausspannen."
"Danke, Helen", sagte Obi-Nor. "Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Schade nur, dass wir so wenig Zeit füreinander hatten."
"Na, ich bin ja nicht aus der Welt. Ich drücke euch die Daumen, dass ihr die Krise meistern könnt. Und danach kommst du mich besuchen, versprochen? Und ich war bestimmt nicht das letzte Mal hier. Aber wenn ich wiederkomme, dann als Urlauberin."
"Du bist jederzeit willkommen!" Obi-Nor umarmte seine Schwester. "Machs gut. Pass auf dich auf!"
"Du auch, großer Bruder. Lass dir keine Finger mehr abschneiden! Ach ja - du warst noch gar nicht in der biomechanischen Medi-Station. Willst du etwa mit neun Fingern herumlaufen? Und das, obwohl du nächste Woche die Rede vor dem Senat der Neuen Republik halten musst?"
"Ja", lächelte Obi-Nor geheimnisvoll. "Gerade deshalb."

Jeden Tag das gleiche: Produktionszahlen, Soll-Ist-Vergleich, Rentabilitätsberechnungen, Preisverhandlungen. Eine Thermit-Mine zu leiten, war manchmal schrecklich langweilig.
Lando Calrissian seufzte. War diese Eintönigkeit der Grund, warum er alle fünf bis sechs Jahre eine neue Förderstätte aufbaute, zur Blüte brachte, den Profit einstrich und an anderer Stelle die nächste Mine aufbaute? Nun ja, wahrscheinlich musste er immer eine neue Herausforderung suchen, um nicht einzurosten. Ab und zu gab es ja noch die Hilferufe von Han und Leia, die ihn veranlassten, seine Arbeit vorübergehend im Stich zu lassen, um die Neue Republik zu retten.
Ein kleines Abenteuer wäre mal wieder dran, dachte er.
"Administrator? Die Besucherin wartet in Raum C 45."
Nun, das wäre eine ganz andere Art von Abenteuer, dachte Lando, erneut seufzend. Aber leider war bei ihr nicht das geringste zu machen, egal, wie er seinen Charme spielen ließ. Nun, egal, er war ein guter Verlierer. Er ging schneller in den Gästebereich hinüber, als er eigentlich vorgehabt hatte. Was sie jetzt nur wollte? Es hatte sehr dringend geklungen.
"Danke, Lando, dass Sie mich sogleich empfangen haben", sagte Stella, als er in den Raum kam. Sie wirkte außergewöhnlich ernst und angespannt.
"Aber es ist mir doch ein Vergnügen und eine Ehre, solch reizenden Besuch in dieser bescheidenen Behausung bewirten zu dürfen."
Er küsste ihre Hand. Genausogut hätte er auch einen Eisblock küssen können. Damit hätte er nicht weniger Emotionen entfacht.
"Also gut", meinte er resigniert, "kommen wir zur Sache. Was führt sie her? Die jüngsten Schwierigkeiten von Gildorian Enterprises, nehme ich an."
"Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten", begann Stella. "Sie treffen sich doch in den kommenden Tagen mit den unabhängigen Minenbesitzern. Können Sie ein kleines Gerücht in die Welt setzen? Dass nämlich Gil Frost die Firma 'Interstellar Catering' übernimmt. Es ist sehr wichtig für uns, dass sich das herumspricht."
"Hm, Interstellar Catering, sagen Sie? Das ist ein dicker Fisch. Klingt ganz so, als ob Sie das Erzgeschäft aufgeben und sich ganz auf den Lebensmittelsektor konzentrieren."
"Genau diesen Eindruck wollen wir auch erwecken."
"Moment mal. Das ist nur eine Falschinformation? Das Gerücht wird Gil-Frost-Aktien sogleich in die Höhe schießen lassen. Aber wenn es sich als Ente herausstellt, dann purzeln die Werte umso steiler nach unten."
"Deshalb sollten Sie Ihre eigenen Anteile möglichst nicht behalten, Lando. Den Tipp könnten Sie vielleicht auch Prinzessin Leia geben, sehr diskret, versteht sich."
"So, so. Das ist ja einiges im Busch. Ich will mein Gewissen gar nicht mit Details belasten. Also gut, ich tu Ihnen den Gefallen."
"Gut, danke Lando. Das hilft uns wirklich weiter. Ich muss natürlich aus dem Spiel bleiben!"
"Sie waren nie hier ..."
"Ausgezeichnet." Stella erhob sich.
"Wollen Sie nicht noch ein wenig hier bleiben?" fragte Lando schnell. "Ich habe einen ausgezeichneten Wein ..."
"Vielen Dank für Ihr Angebot, Lando. Aber ich muss weiter."

Zehn Minuten später war Stella wieder an Bord des kleinen, unauffälligen Frachters, den sie für ihre Mission benutzte. Sie war froh, die Mine wieder verlassen zu haben. Landos Avancen waren ihr unangenehm, obwohl die Komplimente ihr natürlich schmeichelten. Allerdings zweifelte sie, dass der Charmeur es überhaupt ernst meinte. Vermutlich umgarnte er jede seiner Besucherinnen.
Was den Gefallen anging, konnte sie sich jedoch hundertprozentig auf Lando verlassen. Nur einige Minuten, nachdem sie fort waren, würden sämtliche Aufzeichnungen der Anflugkontrolle gelöscht sein. Für das Gelingen des Planes war es wichtig, dass niemand dahinter kam, dass das Übernahmegerücht von Gildorian Enterprises selbst kam.
"Wir sind bereit zum Abflug", informierte der Pilotendroide. "Zurück nach Trexx?"
"Nein, B05A, wir fliegen nach Tarpess VI."
Noch nie hatte sie den berühmten Schmuggler-Treff Smuggler's Den betreten. Ihr war ein wenig mulmig bei dem Gedanken, sich allein und unbewaffnet in die Cantina zu begeben. Aber wie lautete Obi-Nors Wahlspruch? No risk - no credits. Also Augen zu und durch.
Sie hoffte nur, dass Talon Karrde ihre Nachricht bekommen hatte und schon in Smuggler's Den auf sie wartete.

Das Marineministerium der Neuen Republik residierte in einem gewaltigen Büroturm im Central District von Imperial City auf Coruscant. Und doch klagten alle Beschäftigten über Platzmangel. Tatsächlich gab es von der ersten bis zur 250. Etage kein einziges leerstehendes Büro. Seit Monaten wurde in der Regierung hitzig über eine Auslagerung einzelner Abteilungen diskutiert, ein Unterfangen, das wieder und wieder an der Kostenfrage gescheitert war.
Dabei gab es längst eine Abteilung, die in einem weit entfernten Büroturm, ganz unscheinbar auf einer Etage inmitten von Import- und Exportfirmen, untergebracht war. Freilich hatte diese Auslagerung einen völlig anderen Grund: Die Abteilung C73 gab es offiziell nämlich gar nicht. Es existierte kein Personalplan, es gab keine Mittelzuweisung aus Steuereinnahmen, und keine der 43 Personen, die hier arbeiteten, hatte Anspruch auf eine staatliche Altersversorgung.
Es hatte aber auch Vorteile, für die "Abteilung zur Erforschung außergewöhnlicher Phänomene und innovativer Entwicklungen auf dem Gebiet der Kriegsmarine in der Galaxis", so der vollständige, jedoch von niemandem benutzte Titel, tätig zu sein. Vor allem musste man sich nicht mit der Admiralität, mit Politikern oder Bürokraten herumschlagen. Der Leiter, Captain a.D. Tawny Portman, war zwar nominell Flottenchef Admiral Ackbar unterstellt, doch legte er das Dienstverhältnis recht großzügig aus, sehr zum Missfallen des Mon Calamar.
Die ganze Konstruktion der Abteilung C73 ging zurück auf General Crix Madine, dem ehemaligen Koordinator aller geheimdienstlichen Operationen der Rebellion gegen das Imperium. Er war es auch gewesen, der - ganz im Sinne alter Seilschaften - mit Captain Portman einen ehemaligen Rebellenspion an die Spitze der Abteilung gesetzt hatte.
Obi-Nor kannte Portman aus der Zeit des Krieges gegen das Imperium. Und diese alte Verbindung wollte er jetzt ausnutzen.

Leider verlief das Wiedersehen nicht einmal halb so erfreulich, wie er geplant hatte.
"Sie haben vieleicht Nerven", brummte Portman. "Kommen hier reingeschneit und erzählen mir irgendwas von einem Sternzerstörer, den ein Konkurrent von Ihnen angeblich besitzt. Sie wollen mich in ihre schmutzigen Privatangelegenheiten einspannen, aber da haben Sie sich verrechnet."
"Ein imperialer Sternzerstörer ist niemals nur eine Privatangelegenheit. Kommen Sie, stellen Sie sich nicht stur. Ich habe damals meinen Arsch genauso riskiert wie Sie."
"Ach, was Sie nicht sagen." Portmans Stimme wurde eisig. "Sie waren mal ein guter Spion. Ein erstklassiger Agent. Und was haben Sie daraus gemacht? Mit Hilfe der Kriegskasse der Rebellion haben Sie sich eine Handelsfirma aufgebaut und können Ihren Arsch, wie Sie es nennen, jetzt in eine goldene Badewanne legen. Aber wenn Ihnen jemand in die Quere kommt, dann sind Sie wieder Rebell, was?!"
Obi-Nor schluckte. Das hatte gesessen. Also daher wehte der Wind. Nein, er würde jetzt nicht erwähnen, dass er damals die Rebellion vor dem Bankrott gerettet hatte. Und er würde auch nicht darauf hinweisen, dass er von General Madine höchstpersönlich zum Geschäftsmann gemacht worden war.
"Okay", lenkte er ein. "Wahrscheinlich haben Sie sogar Recht. Warum sollten Sie mir helfen? Ich bin nur irgendein stinkreicher Unternehmer, der gerade vom Markt gepustet wird. Meine Güte, andere gehen auch pleite. Was soll's? Kann Ihnen egal sein."
"Genau, ist mir auch egal." Portman biss sich auf die Lippen. "Wenn's nach mir ginge, dann würde ich Sie kalt lächelnd abservieren. Aber leider haben wir hier tatsächlich einen Sternzerstörer. Und deshalb hielt man es für opportun, Ihnen diese Daten zu übergeben:"
Er legte ein Datapad auf den Tisch.
Donnerwetter, dachte Obi-Nor, da muss jemand von ganz oben eingegriffen haben.
"Übermittlungsfrequenz und Zugriffscode für die Assault", erklärte Portman. "Ist schon sehr alt; keine Garantie, dass die Daten nicht verändert wurden."
"Dieses Risiko gehe ich ein. Herzlichen Dank für Ihre Bemühungen."
Obi-Nor erhob sich.
"Ach ja, Portman, denken Sie daran: Wenn ich mich um diesen Sternenzerstörer kümmere, dann spannen auch Sie mich in Ihre schmutzigen Angelegenheiten ein. Guten Tag."

Der Schankraum der Cantina in Smuggler's Den war düster und verraucht. Etwa zwei Dutzend übel aussehende Gestalten hingen an der Theke, standen in kleinen Gruppen zusammen oder hockten an den Tischen. Es waren Menschen, nichtmenschliche Humanoide und merkwürdig aussehende Aliens, die nur deshalb sofort als Vernunftswesen erkennbar waren, weil sie einen Drink in der Hand hielten oder an einer Wasserpfeife sogen.
Seltsam, dachte Stella, der Genuss hochprozentiger Alkohol-Drinks als Eintrittskarte in die Zivilisation ...
Bei manchen Wesen fragte sie sich allerdings, wie sie ihren Drink überhaupt zu sich nehmen konnten. Ein rundes, vielbeiniges Pelzknäuel ließ keinerlei mundartige Öffnung erkennen. Und das auf einem Hocker zusammengerollte schlangenartige Wesen sah nicht so aus, als ob es ein Glas hochheben könnte.
"Was zu trinken?"
Stella zuckte leicht zusammen, als sie die drohend grollende Stimme des Barkeepers an ihrem Ohr hörte.
"Ja, ein Erfrischungswasser bitte. Calvass-Geschmack."
Der Barkeeper machte sich achselzuckend an die Arbeit. Allzu viele Bestellungen alkoholfreier Getränke nahm er wohl nicht entgegen.
Stella nahm ihr Glas in Empfang, warf ein paar Credit-Chips auf die Theke und schaute sich um.
Keine Spur von Talon Karrde zu sehen. Ob er im hinteren Zimmer bei den Sabacc-Tischen war?
Sie schob sich durch das Gewühl auf die hintere Tür zu.
Doch plötzlich versperrte ihr ein brutal aussehender Kerl den Weg.
Es war ein Mensch, der hässlichste, den Stella je zu Gesicht bekommen hatte. Sein linkes Auge fehlte, das rechte war blutunterlaufen. Der Rest seiner einst großen Nase hing wie ein verlassenes Windsegel in seinem vernarbten Gesicht. Aus seinem mit einer lückenhaften Reihe gelber Zähne besetzen Mund quoll ein erbärmlicher Gestank von Fäulnis und Schnaps.
"Na, Kleine? Gehst du anschaffen? Du brauchst nicht weiterzusuchen, den Freier hast du soeben gefunden."
"Lassen Sie mich vorbei, Mister." Stella war bemüht, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, was ihr aber aufgrund der Trockenheit, die sich schlagartig in ihrem Mund ausbreitete, nicht gelang.
Der Kerl grinste breit.
"Du gefällst mir, mein Täubchen. Ich mag es, wenn Frauen Widerstand leisten. Macht umso mehr Spaß."
Er zog Stella mit kräftigen Armen an sich heran und wollte sie küssen.
Sie wand sich, kratzte durch sein Gesicht, trat ihm auf den Fuß, schüttete ihm den Drink über den Kopf.
Ein lautes Lachen war die Antwort. "Ja, wehr dich! Du gefällst mir immer besser. Du machst mich richtig scharf!"
Ohne Vorwarnung schlug er ihr seine Faust ins Gesicht. Stella konnte gerade noch ihren Kopf zur Seite werfen, so dass der Schlag sie nicht mit voller Wucht seitlich an ihrer Kinnlade traf. Trotzdem wurde sie zu Boden geworfen. Das schwere Henkelglas, das sie reflexartig umklammert hielt, zerbarst. Ihr Kopf dröhnte; für einen Moment tanzten Sterne vor ihren Augen.
"Hey, lass die Lady in Ruhe!" mischte sich ein anderer Gast ein, ein bläulich aussehender nichtmenschlicher Humanoid.
"Halt dich da raus! Das ist meine Puppe!" Der Mensch, der Stella angegriffen hatte, schlug blitzschnell eine Rechts-Links-Kombination in den Bauch des anderen, der nach Luft japsend zusammenklappte.
"So, jetzt wieder zu dir, meine Wildkatze!" Er beugte sich grinsend über Stella und zog sie hoch.
Der Zwischenfall hatte ihr eine kleine Verschnauf- und Denkpause verschafft; das Glas in ihrer Hand die rettende Idee geliefert.
Mit aller Kraft donnerte sie ihrem Angreifer die spitzen Splitter ins Gesicht.
Ein unmenschliches Brüllen ausstoßend taumelte dieser umher und brach nach wenigen Schritten zusammen.
Einige Gäste schleiften seinen Körper hinaus, andere kümmerten sich um den blauhäutigen Gast.
Die meisten wandten sich gleichmütig wieder ihren Drinks zu.
"Bravo! Das war allererste Klasse! Sie sind Stella Likori, nehme ich an?"
Stella drehte sich um. Talon Karrde war endlich gekommen.

"Ehrlich gesagt hatte ich mir unter einer Verwaltungschefin immer eine etwas blasse Buchhalterin vorgestellt", meinte Karrde, als sie wenig später in einer Nische saßen.
"Enttäuscht?" grinste Stella, die schmerzende Kinnlade ignorierend.
"Ich weiß nicht, wie Sie in Buchhaltung sind, aber Ihre Selbstverteidung ist ausgezeichnet. Tja, und blass sind Sie auch nicht."
"Ich habe Sie mir auch ganz anders vorgestellt, viel größer. Vielleicht, weil Obi-Nor so viel und so anerkennend von Ihnen gesprochen hat."
"So, hat er das? Nun, es schmeichelt mir, dass Sie das sagen. Obwohl ich vermute, dass Sie mir nur deshalb Honig um den Bart schmieren, damit ich bei dem, was Sie mir vorschlagen wollen, schneller zustimme."
"Sie haben Recht, Mister Karrde", gab Stella zu. "Das war ein plumper Trick. Verzeihen Sie, ich habe Sie unterschätzt."
Karrde grinste. "Das ist aber kein Grund, die Komplimente einzustellen. - Nein, jetzt mal im Ernst: Sagen Sie mir, was Sie wollen. Obi-Nor weiß, dass ich ihm gern einen Gefallen tue. Aber letztlich werde ich sowieso nur nach meinen Geschäftsinteressen entscheiden."
"Also gut", erwiderte Stella, und begann zu erzählen.

Han Solo sank in seinen Sessel, legte die Füße hoch, griff sich eine Schale K'Feh und schaltete die NewsNet-Übertragung auf die Flachschirm-Projektionsfläche.
"... konnten keine Einigung erzielten. Die Verhandlungen werden nächste Woche fortgesetzt.
Coruscant. Die Gerüchte über die bevorstehende Übernahme von 'Interstellar Catering' durch Gil Frost ließen die Aktienkurse der zur Gildorian Holding gehörenden Firma in die Höhe schießen. Obi-Nor Gildorian, der heute beim Hearing über den Entwurf der neuen Zollgesetze vor dem republikanischen Senat sprechen wird, war zu keiner Stellungnahme bereit.
Ord Mandrell. Die planetarische Regierung von Ord Mandrell plant die Verdoppelung ihrer Torky-Produktion in den nächsten fünf Jahren. Wie gut unterrichtete Kreise ..."
Han Solo bekam die folgenden Nachrichten nicht mehr mit. Er konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte. Obi-Nor stand das Wasser bis zum Hals. Gestern abend hatten sie noch zusammen bis spät in die Nacht in einer Cantina gehockt - das war der Grund, warum er heute ausschließlich K'Feh zu sich nahm - und sein Freund hatte ihm das Herz ausgeschüttet. Trash Luferno war drauf und dran, Gildorian Enterprises vom Markt zu verdrängen, und jetzt stiegen die Gil-Frost-Aktien? Das passte doch nicht zusammen. Aber hatte Obi-Nor nicht irgendwas von "Trumpf im Ärmel" erzählt? Na, der alte Gauner gab sich bestimmt nicht so schnell geschlagen. Uh, wenn er doch den "Correlianischen Orkan" nicht probiert hätte ...
Er goss sich noch etwas Ka'Feh ein. Dann nahm die NewsNet-Übertragung seine Aufmerksamkeit wieder in Beschlag.
"... schalten nun um in den Senat der Neuen Republik zum Hearing über die Zollgesetze."
Die Kamera schwenkte durch die gewaltige Kuppel. Etwa vier Fünftel der schwebenden Senatoren-Plattformen waren besetzt, ein Zeichen, dass die geplante Gesetzgebung großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung vieler Planeten hatte. Die Regierungsplattform war vollständig besetzt. Han sah seine Frau jetzt groß im Bild. Leia sah ein wenig nervös aus. Schließlich hatte sie die Anhörung sachverständiger Nicht-Senatsmitglieder in einem zähen Streit um die Geschäftsordnung durchgesetzt. Gestern war sie fast in Ohnmacht gefallen, als sie sah, dass Obi-Nor seinen fehlenden Finger noch nicht im Biomechanik-Zentrum hatte ersetzen lassen. Bestimmt machte sie sich jetzt Sorgen, welchen Eindruck Obi-Nor hinterließ. Nun, der Händler war immerhin einmal ihr Hofpage gewesen, also wusste er gewiss, wie man sich auf dem glatten Parkett der Politik bewegen musste. Für Han wäre ein solcher Auftritt bestimmt nicht das Richtige gewesen ...
Obi-Nor wurde als Redner aufgerufen.
Er trat ans Rednerpult, ließ seine Blicke durch das riesige Gebäude schweifen und begann mit seiner Rede.
"Sehr veehrte Frau Präsidentin, veehrter Herr Senatspräsident, ehrenwerte Senatorinnen und Senatoren ..."
Han verzog den Mund. Wenn alle protokollarischen Begrüßungen gestrichen würden, hätte Leia jedes Jahr mindestens drei Tage mehr Zeit für ihre Familie. Ob das auch wieder nur eine langweilige Durchschnittsrede werden würde?
Doch wenige Minuten später wurde er eines besseren belehrt.

Obi-Nor war zu Beginn seiner Rede von der Atmosphäre der gewaltigen Senatskuppel beeindruckt. Nach seiner formellen Begrüßung und den ersten harmlos formulierten Sätzen spürte er mit Hilfe seiner 'Macht'-Sensitivität, dass sich ein distanziert-freundliches Desinteresse im weiten Rund ausbreitete. Er konnte nun eine glatte Rede halten, die ein paar Wirtschaftsexperten wohlwollend aufnehmen, die meisten der Anwesenden und der Zuschauer an den Holo-Geräten jedoch sofort wieder vergessen würden. Aber deshalb war er nicht hierhergekommen.
Verzeih mir, Leia! dachte er. Dann schlug er einen anderen Ton an.
"Manche von Ihnen wollen also Zölle auf den interplanetarischen Warenhandel erheben. Mit welchem Recht eigentlich? Eine Zollschranke schafft keinerlei neue Werte. Zölle sind Ausdruck einer Willkürherrschaft! Zölle sind unmoralisch!"
Zum ersten Mal registrierte ein eine leichte Erhöhung der Aufmerksamkeit. Es war wie ein leises Raunen, das durch den Kuppelbau floss.
"Wenn Sie Händlern mit Wegelagerer-Methoden Geld abpressen, ist das lediglich die staatlich sanktionierte Form der Piraterie!"
Nun war es schon ein reales und keineswegs leises Raunen. Obi-Nor spürte ein Flackern in Leias Aura. Diese Rede würde sie ihm übel nehmen.
"Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe gar nicht gegen Zollbeamte. Ich kenne viele Zöllner, die durchaus in der Lage gewesen wären, einen anständigen und sinnvollen Beruf zu ergreifen."
"Pfui! Unerhört!" Die ersten Zwischenrufe.
Der Senatspräsident rief die aufgebrachten Zwischenrufer zur Ordnung; Obi-Nor stachelte sie weiter auf.
"Ach, das finden Sie unerhört, ja? Kommen Sie etwa von einem Planeten, auf dem der Lohn ehrbarer Leistung verachtet wird? Plädieren Sie dafür, durch einfaches Handaufhalten Credits zu scheffeln? Ist es das, was Sie dieser Galaxis beibringen wollen?"
Die Zwischenrufe wurden heftiger. Zum ersten Mal brandete aber auch Applaus auf. Er kam von den Plattformen der Neimodianer und Si'Chloria, die traditionelle Handelsvölker waren. Auch die Wookies, die Warlucca und andere eher rauere Spezies fielen in den Beifall ein. Ob es aus einem tiefen Freiheitsdrang war oder aus dem Vergnügen des sich abzeichnenden Tumultes, war Obi-Nor unklar.
"Ich garantiere Ihnen, für jeden Zollbeamten, den Sie einstellen, wird es zwei neue freie Händler geben, die die Zölle umgehen werden."
Er spürte Leias Blicke wie Dolche in seinem Rücken.
Der Senatspräsident bemühte sich vergeblich, die Ruhe im Saal wiederherzustellen.
"Sie sind doch stolz darauf, dass wir das Imperium besiegt haben", fuhr er fort. "Haben Sie etwa die Fesseln des Imperiums abgestreift, um die Galaxis mit den Ketten der Zollgesetze neu zu binden?"
Jetzt brach das Chaos aus.
"Unverschämt! Aufhören! Skandal!" erklang ebenso wie "Recht hat er! Ihr Sklaventreiber!"
Auf mehreren Plattformen erhoben sich Senatoren und wandten sich zum Gehen, in Gedanken bereits neue Geschäftsordnungsanträge formulierend, die hinfort den Auftritt von Nicht-Senatsmitgliedern verhindern sollten.
"Ja, gehen Sie ruhig", schleuderte Obi-Nor ihnen hinterher. "Sie können vermeiden, meine Rede zu hören, aber Sie können nicht verhindern, dass die Fischeierpastete, mit der Sie sich gleich Ihren dekadenten Magen vollschlagen, von einem freien Händler wie mir geliefert wird!"

Han Solo wusste nicht, ob er sich köstlich über den Skandal amüsieren oder seine Frau bedauern sollte. Leia wurde mehrmals von der Kamera eingefangen, wie sie mit bleichem Gesicht und zusammengepressten Lippen die Vorgänge verfolgte. Wie versteinert saß sie auf ihrem Platz, bis die Rede zu Ende war. Dann erhob sie sich wortlos und verließ den Saal. Obi-Nor hatte soeben seine durchaus im Bereich des Möglichen liegende politische Karriere im Ansatz zerstört. Warum hatte er das getan? Er musste doch wissen, dass sich die Senatoren von einer derartigen Show nicht von seiner Meinung überzeugen ließen.
Show, dachte Han, das ist die Erklärung. Der Auftritt war gar nicht für die Senatoren gedacht, sondern für die Holo-Übertragung. Deshalb auch der nicht wiederhergestellte Finger. Es konnte nur ein Signal an die Schmuggler sein. Obi-Nor hatte gleichsam in alle Welt hinausgerufen: Seht her, ich bin immer noch einer von euch! Spekulierte er auf die Hilfe von Schmugglern? Jetzt, nach so vielen Jahren? Er musste wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen.
Immerhin, wenn diese Erklärung stimmte, würde das Leia einigermaßen besänftigen.

Zu behaupten, Loco Luferno sei verärgert, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Tatsächlich platzte er fast vor Wut. Die Gil-Frost-Aktien waren schon wieder um vierzehn Punkte gestiegen. Natürlich war das alles eine abgekartete Sache, das war ihm klar. Dieses lächerliche Gerücht von der Übernahme der Catering-Firma war ein schlechter Witz. Und ein teurer obendrein.
Gil Frost war mittlerweile völlig überbewertet. Da sich zu allem Unglück noch herumgesprochen hatte, dass der berühmte Loco Luferno massenhaft Aktien dieses Tiefkühl-Lieferanten aufkaufte, galt Gil Frost als der beste Anlagetipp der Saison. Dieser blöde Gildorian machte ein gutes Geschäft, während er, Luferno, kräftig draufzahlte. Aber jetzt durfte er nicht locker lassen. Noch hatte er nicht 50% der Anteilscheine in seinem Besitz, auch nicht, wenn er alle Aktienpakete seiner Mittelsmänner hinzurechnete. Aber lange würde es nicht mehr dauern.
In der Zwischenzeit musste er dafür sorgen, dass Gildorian einige Zahlungen auf die Treuhandkonten nie wiedersah. Es war eindeutig Zeit für einen weiteren Überfall.
Ein dafür ausgebildetes Team hatte er schon nach Nalor II geschickt. Dorthin war, wie er von seinem Spion bei Gildorian Enterprises wusste, ein Frachter mit Barsael-Erz unterwegs. Die Besatzung bestand lediglich aus drei Piloten-Droiden, offenbar scheute Gildorian bereits davor zurück, Vernunftwesen einzusetzen. Umso besser, mit den Droiden würde sein Kommando schnell fertig werden.
Blieb nur nach das Problem Shri-Lilith. Das war das unangenehmste von allen. Sie war regelrecht versessen darauf, Gildorian auszusaugen, und hatte herrisch die sofortige Übergabe verlangt. Als er ihr gestehen musste, dass sein Gefangener entkommen war, hatte sie getobt. Lange konnte er sie nicht mehr hinhalten.
Nein, hier ging es bald nicht mehr nur um einen Wirtschaftskrieg um Marktanteile und Aktien. Er musste Gildorian selbst in seine Gewalt bringen.

Während des Hyperraumfluges von Coruscant nach Tarpess VI gönnte sich Obi-Nor endlich ausreichend Schlaf. Die letzten Tage und Wochen hatten ihn doch sehr ermüdet. Kurz vor dem Einschlafen dachte er an Leia. Ob sie ihn verstehen würde? Er hatte ihr eine verschlüsselte HoloMail geschickt, in der er ihr in aller Ausführlichkeit und schonungslosen Offenheit seine Lage, seine Befürchtungen und seinen Plan erklärte. Er hatte um Verständnis geworben und sich entschuldigt. Doch, dachte er einschlummernd, sie wird mich verstehen.
Gut erfrischt machte er sich 14 Stunden später in seiner Kabine über ein reichhaltiges Frühstück her. Er hatte sich mit Rhysbe, die darauf bestanden hatte, bei allen seiner künftigen Flüge als Pilotin mitzukommen, darauf geeinigt, die Mahlzeiten getrennt einzunehmen. Ihm mochte einfach keine Trüffelpizza schmecken, wenn sie sich lebende Ratten ins Maul stopfte. Und Rhysbe fand es empörend, dass er das wunderbare zarte, blutige Fleisch briet, bevor er es verspeiste. Ansonsten hatten sie sich erstaunlich schnell aneinander gewöhnt. Rhysbe war nicht gerade eine Plaudertasche; eigentlich redete sie nur das nötigste. Humor oder gar Ironie war ihr völlig fremd. Aber sie war eine ausgezeichnete Pilotin, und das war schließlich das wichtigste.
Immerhin hatte Obi-Nor einiges über ihre Lebensgeschichte erfahren. Sie war 145 Jahre alt und damit bereits im letzten Viertel der üblichen Lebenszeit einer Warlucca angekommen. Ihre soziale Stellung auf dem Planeten Warlucc hatte er nicht ganz verstanden. Sie war wohl so etwas wie die Tante eines Clanchefs. Da sie das jüngste von acht (oder waren es neun?) Geschwistern war, hatte sie keine Aussicht auf eine leitende Stelle, falls dieser Ausdruck die komplizierte soziale Wirklichkeit der Warlucca adäquat wiedergab. Und da sie zu alt war, um Nachwuchs zu bekommen - ihr Beutel, der immerhin schon 15 junge Warlucca getragen hatte, begann bereits zuzuwachsen - hatte sie die Erlaubnis des Clans bekommen, als Frachterpilotin den Planeten zu verlassen. Auf ihrem letzten Flug war sie Trash Luferno in die Hände gefallen. Besonders schmerzlich war für sie, dass die beiden getöteten Warlucca in Lufernos Verlies ihr Sohn und ihre Nichte waren. Durch die Ermordung eines Warlucca war Luferno automatisch zum Todfeind des ganzen Volkes geworden. Und ihre Aufgabe als Augenzeugin würde es sein, ihr Volk zu informieren und die Bestrafung zu überwachen.
Obi-Nor fragte sie, welche Strafe Luferno auf Warlucc erwartete.
Rhysbe erklärte es ihm, und Obi-Nor war daraufhin lange Zeit sehr still.

Nach dem Frühstück bereitete sich Obi-Nor auf das Treffen vor. Stella hatte Talon Karrde überzeugen können, und der hatte eine beachtliche Schmuggler-Konferenz einberufen. Sogar Arkhinah, die Hinly, die sich noch nie besonders gut mit Obi-Nor verstanden hatte, wollte kommen. Aber die Anzahl zusammengerufener Schmuggler garantierte noch längst keinen Erfolg. Obi-Nor würde einiges tun müssen, um die anderen zu überzeugen, dass sie letzlich in einem Boot saßen. Die Rede im Senat war nur der Anfang. Sie würde kaum ausreichen, das Misstrauen gegenüber ihm, dem reichen und erfolgreichen Händler zu beseitigen. Er konnte sich vorstellen, welches Bild sich die anderen von ihm machten. Sie hielten ihn bestimmt für einen verweichlichten Prasser. Sie würden gewiss Witze darüber reißen, dass er seinen Landgleiter immer im Schatten parkte. Und hämisch über die Wassertemperatur in seinem Erfrischer spekulieren. Mit Sicherheit rechneten sie damit, dass er eine aufgedonnerte Blondine oder gar eine Twi'Lek-Tänzerin mitbringen und als seine "Reisesekretärin" ausgeben würde. Nun, er würde tatsächlich in weiblicher Begleitung zum Treffen kommen. Allerdings würde er den anderen Rhysbe nicht als Sekretärin vorstellen.

Stella Likori bestätigte den Verkauf des letzten Aktienpaketes. Der Preis war aufgrund der gewaltigen Menge an Aktien, die diese Verkaufsaktion auf den Markt brachte, deutlich gefallen. Aber das kümmerte Stella nicht weiter. Gildorian Enterprises besaß nur noch rund 15 % der Anteile an Gil Frost, Luferno hatte mittlerweile über 40%. Sie zweifelte aber nicht daran, dass viele der im Streubesitz befindlichen Aktienpakete von Lufernos Strohmännern aufgekauft worden waren. Und damit war Luferno der Kontrolleur von Gil Frost.
Zeit zu handeln, dachte Stella.
Wie hatte sich Obi-Nor ausgedrückt? "Feuer auf Eigenstellung"? Nun, sie musste nur noch den Feuerbefehl geben.
"Cooleesha?"
Das Holo der Twi'Lek erschien.
"Ja, Mistress Likori?"
"Sie können jetzt den Laborbericht über die Lebensmittelproben C79-Beta und U304-Gamma an den besprochenen Verteiler versenden."
"Ja, Mistress Likori, nur ..." Cooleesha zögerte.
"Ja?" Stella zog die Augenbrauen hoch.
"Nichts, verzeihen Sie."
"Nun kommen Sie, reden Sie schon!" Stella lächelte aufmunternd. "Ich reiße Ihnen nicht gleich den Kopf ab."
"Nun ja, verstehen Sie mich nicht falsch", sprudelte Cooleesha los. "Ich bin immer dafür, die Wahrheit nicht zu vertuschen, Mistress Likori. Aber die Berichte gleich an die HoloNet-Stationen zu geben, und das über den Umweg der anonymen Adresse auf Tatooine, nun, das ist doch merkwürdig, nicht wahr? Es wird Gil Frost ruinieren. Ich frage mich, was, verzeihen Sie, was Direktor Gildorian dazu sagen würde."
"Seien Sie unbesorgt, Cooleesha. Es war sogar seine Idee. Aber Sie haben natürlich Recht: Es wird Gil Frost ruinieren ..."

"Ach ja?!" polterte Col'Bash los. "Sie wollen mal eben eine kleine Privatflotte aufstellen? Wir sollen uns abknallen lassen, damit Sie noch mehr Profit einstreichen können?"
"Sachte, Col'Bash", warf Aves ein. "Gildorian kann soviel Kohle machen, wie er will. Um Lufernos Vermögen geht es ihm nicht, das hat er doch klar gesagt. Das verteilen wir unter uns."
"Oder wir machen was ganz anderes damit." Obi-Nor versuchte, ruhig zu klingen. Ein schwieriges Unterfangen angesichts einer seit einer Stunde andauernden hitzigen Debatte. Immerhin gelang es ihm, wieder die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zu ziehen.
"Was denn sonst?" höhnte Col'Bash. "Etwa den Zollbehörden schenken?" Damit hatte er zumindest die Lacher auf seiner Seite.
"Nein", schüttelte Obi-Nor den Kopf. "Aber wir könnten eine eigene Versicherung gründen. Sie haben ja bestimmt gehört, dass mich 'Global Insurance' vor die Tür gesetzt hat."
Ein kollektives Nicken bestätigte ihm, dass sich in dieser Galaxis nichts so schnell verbreitete wie schlechte Nachrichten.
"Nun", fuhr er fort. "Warum sollen freie Händler immer auf die großen Gesellschaften angewiesen sein? Warum nicht eine Genossenschaft gründen oder einen Versicherungsverein, wenn Ihnen diese Bezeichnung lieber ist?"
Das verblüffte Schweigen wurde erst durch die scharfe Stimme Arkhinahs unterbrochen.
"Der ersstte vernünfttige Ssatzz von dir, Obi-Nor."
Die anderen pflichteten ihr stumm oder mit zustimmendem Murmeln bei.
"Bleibtt noch ein Problem, Ssüssser: Lufernoss Flottte!"
Jetzt mischte sich auch Talon Karrde ein: "Obi-Nor, du weißt, dass ich mit von der Partie bin. Ich bringe sieben schwer bewaffnete Frachter ein, oder, Aves?"
Sein Vertrauter nickte.
"Noch einmal: Wir sind dabei. Aber Sternzerstörer bleibt Sternzerstörer."
"Der Sternzerstörer wird nicht bei den anderen Schiffen sein", warf Obi-Nor ein.
"Sicher?" konterte Karrde und musterte seinen Freund scharf.
"Nein", gab Obi-Nor zu. "Nicht sicher. Aber ich arbeite dran."
"Er arbeitet dran!" Col'Bash's Stimme triefte vor Sarkasmus. "Und darauf sollen wir uns verlassen?"
Ein gefährliches Grollen antwortete ihm. Zum ersten Mal erhob Rhysbe ihre Stimme.
"Ikch warrr in Luferrrnos Verrrlies. Hat mikch gefolterrrt." Sie deutete auf die versengten Stellen in ihrem Brustfell. "Hat meinen Sohn gefolterrrt. Hat ihm Augen ausgestokchen."
Obi-Nor schluckte. Das hatte Rhsybe ihm auf dem Hyperraumflug gar nicht erzählt.
"Hat Tokchterrr von Brrruderrr gefolterrrt. Hat ihrrr Augen ausgestokchen. Hat ihrrren Beutel abgeschnitten. Hatte kleine Warrrlucca in Beutel gehabt. Hat kleine Warrrlucca in kokchendem Wasserrr verrrbrrrannt. Luferrrno ist Monster. Ikch werrrde bekämpfen. werrr nokch?"
Es war vollkommen still geworden in der Runde. Rhysbes in nüchternem, emotionslosen Tonfall vorgetragene Schilderung hatte mehr bewirkt als jede Debatte zuvor.
Die neben ihr sitzende Arkhinah legte zwei ihrer vier Arme um Rhysbes Schulter.
"Luferno issst ein Sscheussal, dasss wissssen wir alle", sagte sie leise. Und sie fügte hinzu: "Ich bin dabei."
Einer nach dem anderen fiel ein.
Zuletzt räusperte sich Col'Bash.
"Ich finde es kompletten Wahnsinn. Aber es soll niemand sagen, Col'Bash wäre ein Feigling. Also, wann geht's los? Ohne Luferno wird diese Galaxis viel schöner sein."

Das Team auf Nalor II hatte leichtes Spiel. Kaum war der Frachter mit dem goldenen G auf blauem Grund gelandet, war er schon umstellt. Ein paar gezielte Schüsse aus der schweren Laserkanone, und die Luke zum Cockpit war geöffnet.
Einer der Pilotendroiden kam mit wedelnden Armen herausgelaufen.
"Wir ergeben uns! Wir ergeben uns!" rief er aufgeregt.
Ein gezielter Schuss machte seinem Rufen ein Ende.
Auch die anderen beiden Droiden waren schnell in ihre Einzelteile zerlegt.
Die sechs Personen des Überfallkomandos, vier Menschen und zwei Worgs, machten sich daran, die Frachtluken zu öffnen.
Jetzt galt es, schnell zu handeln: eine Sprengladung in jeden Frachtraum, und dann rasch wieder verschwinden.
Nach ein paar Sekunden war der Code geknackt. Die Ladeluke glitt auf.
Doch Frachter befand sich kein Barsael-Erz.
Die Ladung bestand vielmehr aus einem Dutzend Wookies.
Sie eröffneten gleichzeitig das Feuer. Von Blitzwerfer-Schüssen getroffen, sanken die Saboteure zu Boden.
Chagnurgha ließ ein Triumphheulen ertönen. Zum ersten Mal hatten sie einen Angriff von Lufernos Leuten abgewehrt.
Das Blatt hatte sich gewendet.

 

 

4. Pi-Hachirot

"Viele Unternehmer machen einen schweren Fehler. Sie konzentrieren sich so sehr auf ihr Ziel und auf die Zukunft, dass sie ihre Wurzeln, ihre Tradition vergessen."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für frei Händler

Die Zeit unmittelbar vor Sonnenaufgang war für Menschen die angenehmste auf dem Dschungelmond Yavin 4. Der riesige Gasplanet Yavin reflektierte genügend Licht, um sich visuell orientieren zu können. Die Temperaturen waren erträglich mild, die Luft frisch und rein. Von der drückenden, stickigen Atmosphäre, die tagsüber den Mond beherrschte, war noch nichts zu spüren.
Einige Schüler der in der ehemaligen Rebellenfestung angesiedelten, von Luke Skywalker neu gegründeten Jedi-Akademie nutzten diese Zeit, um im Freien zu meditieren und um die lebendige 'Macht', die sie durchströmte, besser verstehen zu lernen. So auch Yo-Karah Mal'Wan.
Yo-Karah saß jeden Morgen eine Stunde auf einer wenige hundert Meter von der Akademie entfernt gelegenen Waldlichtung neben einem Fels-Monolithen. In dieser Zeit der Stille und der Konzentration, der Besinnung und der Harmonie fühlte sie sich nicht nur eins mit der 'Macht'. Sie empfand auch das seltene Gefühl des Friedens und des Einverständnisses mit Master Skywalker. So auch heute.

Elf Jahre war sie nun schon auf der Akademie. Und die meisten dieser Jahre war nicht ohne ernste Krise zwischen Meister und Schülerin vergangen, von ihren häufigen kleineren Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten ganz zu schweigen. Mehrmals hatte der Jedi-Meister ihr angedroht, sie von der Akademie auszuschließen. Und mehr als einmal hatte sie kurz davor gestanden, von sich aus Yavin 4 zu verlassen. Nur ihre Sturheit und ihr ungezähmter Wille hatten sie dazu gebracht weiterzumachen. Dabei waren es gerade diese beiden Eigenschaften gewesen, die ihr all diese Schwierigkeiten eingebrockt hatten. Und ein dritter Charakterzug: ihre Ungeduld.
Zu Beginn der Ausbildung war sie derart begierig gewesen, eine Jedi zu werden, dass sie keine ihrer Übungen richtig abgeschlossen hatte, bevor sie sich an die nächste wagte. Dann hatte sie sich in Master Skywalker verliebt. Es war zwar eher eine mädchenhafte Schwärmerei gewesen, trug jedoch nicht zum guten Fortgang ihrer Ausbildung bei. Vor allem aber hatte sie gegen die Vielzahl der Regeln und Gebote opponiert. Selbst jetzt noch rebellierte sie gegen Sätze, die nach dem Muster "Eine Jedi tut das nicht" oder "Eine Jedi verlangt nicht nach ..." oder "Das Bedürfnis einer Jedi ist ..." gebaut waren. Was wusste denn Luke Skywalker, welche Bedürfnisse sie hatte? Und wenn er es wusste, was ging es ihn an?
Die Jedi-Ausbildung schien aus lauter Gesetzen und Vorschriften zu bestehen. Da hätte sie doch gleich dem "Orden der kleinen Schwestern vom Sternenglanz" beitreten können! Nein, mit Vorschriften stand sie auf Kriegsfuß.
Doch Master Skywalker hatte ihr klar gemacht, dass sie die Regeln befolgen müsse, wenn sie eine Jedi werden wolle.
Darauf hatte sie mit blitzenden Augen geantwortet: "Niemals werdet Ihr fortan einen Regelverstoß bei mir feststellen können."
Und mit der ihr eigenen Willenskraft und Sturheit hatte sie alle Vorschriften eingehalten.
Und als der Jedi-Meister hatte ihr schließlich erklärt hatte, dass es nicht allein darauf ankomme, die Regeln zu befolgen, man müsse sie vielmehr verstehen und einsehen, da schien ihre Ausbildung in einer Sackgasse zu stecken.
"Du bist stark in der 'Macht', Yo-Karah", hatte er ihr gesagt. "Du hast außergewöhnliche Fähigkeiten. Die Neue Republik wird dir einmal viel zu verdanken haben, wenn du eine Wächterin des Friedens und der Gerechtigkeit sein wirst. Aber du hast die Sturheit einer ..." Er suchte nach der richtigen Formulierung.
"Einer Schmugglertochter?" Yo-Karah war wütend. "Endlich kommen wir auf das zentrale Thema. Ihr mögt mich nicht, weil ich die Tochter eines Schmugglers bin!"
Luke Skywalker schaute verdutzt, dann lachte er schallend.
"Das denkst du von mir? Glaubst du wirklich, ich würde dich nicht mögen? Und du denkst, der Grund wäre die Vergangenheit deines Vaters?"
Er wurde ernst.
"Yo-Karah, mein bester Freund war früher einmal ein Schmuggler. Meine Schwester ist mit ihm verheiratet. Schmuggler haben uns gegen Großadmiral Thrawn geholfen." Er schüttelte den Kopf. "Nein, mir macht es nichts aus, dass du eine Schmugglertochter bist. Aber dir vielleicht?"
Yo-Karah traten die Tränen in die Augen.
"Ihr habt recht", presste sie heraus. "Ich schäme mich meiner Herkunft. Andere Schüler haben mich auch schon deswegen belei... oh, ich wollte nicht niemanden verraten!"
Sie errötete.
"Wenn du die Sticheleien von Terr Zabragh meinst, von denen weiß ich schon lange", lächelte der Jedi-Meister milde. "Ich denke, es wird Zeit, dass du dich mit deiner Herkunft ein wenig gründlicher auseinandersetzt. Das täte euch allen gut."

Das war vor fünf Jahren gewesen. Yo-Karah hatte wie alle anderen Schüler auch sich intensiv mit der Geschichte ihrer Familie oder besser mit dem, was sie davon wusste, auseinandergesetzt. Luke Skywalker hatte sogar das Prinzip eingeführt, dass alle künftigen Jedi vor ihrer abschließenden Prüfung ihre Heimatwelten besuchen mussten, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu werden, aber auch um noch klarer zu sehen, welche Welt sie für ihr künftiges Leben als Jedi zurückließen.

Yo-Karah öffnete die Augen.
Die Sonne schob sich soeben über den Horizont. Zeit zum Frühstück.
Sie erhob sich und ging zurück zur Akademie. Heute war der Tag gekommen, an dem sie Yavin 4 verließ, um ihren Vater auf Trexx zu besuchen. "Ihre Heimatwelt" konnte man nicht sagen. Im Grunde gab es keinen Ort außerhalb von Yavin 4, der ihr Zuhause war. Da hatte es Isaphàn Dera Sh'sandrò, ihre Freundin, die mit ihr zusammen die Reise unternehmen würde, viel besser. Sie wusste, dass sie ebenso wie all ihre Ahninnen vom Planeten Dathomir stammte. Der Planet der Hexen würde ihre zweite Station werden. Zuerst sollte es jedoch nach Trexx gehen.
Was sie dort wohl erwartete? Wie würde das Wiedersehen mit ihrem Vater verlaufen?
Unwillkürlich griff sie an ihren Gürtel. An die Stelle, an der bei allen anderen Jedi-Schülern das Lichtschwert hing. Sie hingegen trug keine Waffe.
Es war die bislang letzte Krise zwischen Master Skywalker und ihr gewesen. Er hatte ihr nicht gestattet, sich selbst ein eigenes Lichtschwert zu konstruieren, weil er erfahren hatte, dass ihr Vater die verschollene Waffe ihrer Mutter, der Jedi Wala Mal'Wan, suchte.
Yo-Karah spürte, dass er sie damit auf eine erneute Geduldsprobe stellen wollte, aber dennoch hatte sie sich gegenüber den anderen Schülern schmerzhaft zurückgesetzt gefühlt.
Keine gute Voraussetzung für eine Begegnung mit ihrem Vater.

Es war ein Absturz. Ein freier Fall.
Gestern noch hatte Gil Frost zu den Spitzenwerten der Zentralbörse auf Coruscant gezählt. Heute dagegen war bereits die Bezeichnung "Wertpapier" ein Hohn. Und das nicht deshalb, weil Aktien schon seit Jahrhunderten als Datachips und nicht mehr als Papier ausgegeben wurden. Sondern weil Anteilscheine von Gil Frost keinen Wert mehr besaßen.
Die Laborberichte über angeblich vergiftete Lebensmittel konnten zwar nicht bestätigt werden. Das war auch schlecht möglich, waren sie doch frei erfunden. Aber die Börse reagierte auf nichts so schnell und so panisch wie auf Gerüchte. Und nachdem alle lokalen, regionalen und interstellaren NewsNet-Systeme die Nachricht verbreitet hatten, bekam die Falschmeldung allein aufgrund ihrer ständigen Wiederholung den Status einer unumstößlichen Wahrheit. Die Gil-Frost-Zentrale war per HoloMail nicht erreichbar, der neue Mehrheitsaktionär Loco Luferno zu keiner Stellungnahme bereit. Das Dementi der ehemaligen Gil-Frost-Präsidentin Likori wurde sofort als Versuch zur Abwendung von Regressansprüchen abgetan (was nicht völlig aus der Luft gegriffen war). Die Bestellungen sanken auf eine Zahl von unter 2% der Gesamtkunden. Und in den Cantinas tauchten die ersten Gil-Frost-Witze auf.
Kurz: Die Firma war erledigt.

Für seine Verhältnisse war Loco Luferno erstaunlich ruhig. Er hatte ein sinkendes Schiff gekapert, daran gab es nichts zu deuteln. Wirtschaftlich war es ein harter Schlag, den er aber verkraften konnte. Schlimmer war da schon, dass eines seiner Sabotage-Teams offenbar in eine Falle gelockt worden war. Denn das bedeutete, dass er sich auf seinen Informanten bei Gildorian Enterprises, den manipulierten Reinigungsdroiden, nicht mehr verlassen konnte. Das schlimmste aber war, dass Shri-Lilith ihm im Nacken saß. Und das war fast wörtlich zu verstehen.
"Du bist also nicht in der Lage, mir diesen Gildorian zu bringen!" Shri-Lilith ging wütend im Raum auf und ab. Sie hatte sich persönlich ins U'Lamyra-System begeben. Ihre Ausstrahlung tödlicher Kälte war es, die Luferno die meisten Sorgen machte. Wenn ihr Zweckbündnis zerbrach und er von ihr keine Substanz mehr erhielt, die seinen Alterungsprozess verlangsamte - nein, nicht auszudenken.
"Versteh doch endlich, hier geht es nicht um einen dahergelaufenen Schmuggler. Gildorian ist reich und mächtig, ein ernstzunehmender Gegner!" Luferno tupfte sich die Schweißtropfen von der Stirn.
"Bislang hast du immer behauptet, es sei ein Naivling, mit dem du spielend fertig wirst!"
"Nun, ich ..."
"Schweig!" Ihre Stimme war schneidend; Luferno verstummte sofort.
"Du wirst ein Treffen zwischem ihm und dir arrangieren. Wenn es sein muss, auch auf Trexx. Ich selbst werde hinzukommen und ihn in meine Gewalt bringen. Er gehört mir. Niemand wird mich aufhalten."

"In drei Tagen?" Stella Likori verzog sorgenvoll ihren Mund. "Das geht mir etwas zu rasch. Aber ich nehme an, du hast bereits zugestimmt?"
Obi-Nor nickte. "Wenn ich was hasse, dann Hängepartien. Hopp oder top! In drei Tagen ist es vorbei, so oder so."
Stella seufzte. "Sturer Kerl! Trash Luferno kommt also in drei Tagen. Ob deine Tochter dann noch hier ist?"
"Nein, auf keinen Fall", wehrte Obi-Nor ab. "Die schicke ich vorher weg. Ich will sie auf keinen Fall gefährden."
"Karrde hast du wohl schon informiert?"
"Das habe ich als erstes getan. Er wird ab übermorgen mit den anderen auf der Lauer liegen. Rhysbe und Ruwen führen unsere Piloten an."
"Gut, dann mache ich mich jetzt auf den Weg. Ich denke, ich sollte deiner Schwester einen kleinen Besuch abstatten ..."
"Ja", pflichtete Obi-Nor ihr bei. "Helen muss jetzt zeigen, was sie kann. - Ach noch was: Du könntest unterwegs bei der Altmetall-Verwertung Station machen. Ich fürchte, wir müssen einen Reinigungsdroiden entsorgen."

"Lady Yo-Karah, vermute ich. Ich bin außerordentlich erfreut, Euch kennenlernen zu dürfen. Meine Bezeichnung ist GL02, Kammerdiener-Droide, aber auf Palm Island heiße ich nur 'George'".
Yo-Karah war verblüfft. Sie hatte alles andere erwartet als einen blau-schwarz angelaufenen Droiden, der einer ähnlichen Bauart entstammte wie C3PO, der des öfteren bei Master Skywalker auf Yavin 4 weilte. Dieser hier hatte offenbar noch bessere Umgangsformen als der goldene Protokoll-Droide.
"Seine Lordschaft bedauert es sehr, Euch nicht persönlich empfangen zu können. Er bittet Euch um etwas Geduld. Sobald er kann, wird er kommen. Seine Lordschaft hat mir übrigens viel von Euch erzählt. - Nur Gutes, wie ich hinzufügen möchte."
Lordschaft? Der Kammerdiener-Droide schien etwas schrullig zu sein. Oder verlangte etwa ihr Vater, dass man ihn so anredete?
"Auch Euch ein herzliches Willkommen, Mistress Isaphàn. Ich hoffe, Ihr habt einen angenehmen Aufenthalt. Wenn ich Euch zu Diensten sein kann, dann aktiviert einfach diesen Universal-Kommunikator."
George gab beiden Frauen ein kleines Übertragungsgerät.
"Bitte kümmert Euch nicht um Euer Gepäck. Der Page wird es auf Eure Gästezimmer bringen. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt ..."
Der "Page" war eine Art intelligente Schwebetrage mit eingebautem Greifarm. Dieser wuchtete die Gepäckstücke auf die Tragfläche. Dann schwebte der Last-Droide davon.
George trippelte hinterher, Yo-Karah und Isaphàn folgten ihm.
Beim Weg vom Landeplatz zu Obi-Nors Gästehaus konnten sie die exotische Pracht der tropischen Natur bewundern. Die goldgelben Rettus-Blüten ebenso wie die azurblauen Fruchtstauden, die rüsselartig von den Hegbi-Bäumen herabhingen und mit ihrem Duft Hunderte von Schmetterlingen und Kleininsekten anzogen. "Max-Rebo-Stauden" hießen sie im Volksmund, weil sie an den blauen Rüssel des berühmten elefantenähnlichen Musikers erinnerten. Auf dem von Palmen gesäumten Weg schritt ihnen ein Proudvogel entgegen und verwandelte sein farbenfrohes Gefieder zu einem Rad, als wolle er den beiden Frauen seine Aufwartung machen.
"Hier lässt sich's aushalten", murmelte Isaphàn. Sie hatte zufrieden festgestellt, dass zum Firmengelände der Gildorian Enterprises auch ein Sportareal mit einer niedrigen Gymnastikhalle - oder Fechthalle - und ein Schwimmbad gehörten. Was immer Yo-Karah mit ihrem Vater auszuhandeln hatte - sie würde sich ein paar schöne Tage am Strand und auf dem Trainigsplatz machen.

Sie hatten ihre Unterkunft noch nicht ganz erreicht, da kam Yo-Karahs Vater aus seinem neben dem Gästebungalow liegenden Privathaus. Er eilte ihnen entgegen.
"Entschuldigt bitte", schnaufte er. "Ich bin aufgehalten worden. Tut mir Leid, dass ich euch nicht abholen konnte."
Er hielt inne und schaute erst Yo-Karah und dann Isaphàn an.
Yo-Karah hatte ihre schönen langen Haare abgeschnitten. Sie waren jetzt ganz kurz gestutzt, mit Ausnahme eines dünnen Zopfes, der ihr bis zur Taille hing. Isaphàn trug dieselbe Frisur, nur mit dem Unterschied, dass ihre Haare feuerrot leuchteten. Auch die Kleidung war gleich. Obi-Nor vermutete, dass das Outfit auf irgendeine alte Jedi-Tradition zurückging, die Luke Skywalker wieder aufgegriffen hatte. Die beiden angehenden Jedi trugen einfache cremefarbene Tuniken, die mit einem Gürtel zusammengebunden waren. An Isaphàns Gürtel hing ein überdimensionierter Lichtschwertgriff, ein starker Kontrast zu Yo-Karahs leerem Gürtel. Als Obi-Nor den Umstand des fehlenden Lichtschwertes bemerkte, spürte er ein Flackern in der Aura seiner Tochter.
Er riss sich zusammen.
"Willkommen auf Palm Island. Ich freue mich, dass du gekommen bist, Yo. Und ich freue mich, Sie kennenzulernen, Isaphàn Tochter von Sirpa."
"Nicht so förmlich, Mister Gildorian. Sagen Sie einfach Isaphàn zu mir."
"Nur wenn du mich Obi-Nor nennst."
"Ich freue mich, dass ich Yos Vater kennenlernen darf. Ich, äh, ich geh schon mal ins Gästehaus."
Isaphàn huschte davon. Da sich auch George mit dem "Pagen" diskret entfernte, blieb Yo-Karah mit ihrem Vater allein zurück.
Sie schauten einander lange an.
"Wir haben uns einiges zu erzählen, Vater", sagte Yo-Karah ernst.
"Oh ja", bestätigte er. "Aber das hat Zeit bis morgen. Jetzt solltet ihr erst einmal eure Zimmer beziehen. Und dann treffen wir uns bei mir zum Abendessen."
Er machte eine kleine Pause. "Yo, ich bin wirklich froh, dass du hierher gekommen bist. Ich habe dich vermisst. Und, na ja, ich muss mich erstmal an deinen Anblick gewöhnen. Zuletzt habe ich dich gesehen, als du ein zwölfjähriges Mädchen warst. Und jetzt bist du eine erwachsene Frau."

Als Stella Likori den Turbolift in der 25. Etage des großen Wohnblocks im Akademie-Viertel von Erdres verließ, wartete Helen Moonlight schon auf sie.
"Hallo Stella. Kommen Sie herein. Ich freue mich, dass Sie da sind."
Die beiden Frauen betraten die Wohnung. Der große Wohnraum war ganz unauffällig eingerichtet. Nichts wies auf eine Bewohnerin mit besonderem technischen Interesse hin. Ansprechende kleine Marmor-Skulpturen und ausgefallene HoloGemälde bezeugten Helens Kunstsachverstand, ein langes weich gepolstertes Sofa ihren Hang zur Gemütlichkeit.
"Ihre Nachricht klang sehr geheimnisvoll. Was führt Sie zu mir?"
"Eigentlich besuche ich gar nicht Helen Moonlight", lächelte Stella. "Ich will vielmehr zur Hackerin 'Gaya'".
Helen zog eine Augenbraue hoch. "Gaya? Na, dann kommen Sie mal mit."
Sie führte Stella in ein Nebenzimmer.
Hier war es wie in einer anderen Welt. Es wimmelte von Computern, Datapads, HoloProjektoren, Spracheingabe-Geräten und verschiedenen technischen Konsolen, deren Funktion Stella nicht identifizieren konnte.
"Nun, was kann Gaya für Sie tun?"
"Können Sie sich Zugang zu Trash Lufernos Zentralcomputer verschaffen?"
"Um was zu tun?"
"Es geht um eine Programmierung für einen Hyperraumflug, die geändert werden muss. Aber dafür müssen Sie erst einmal in Lufernos System reinkommen. Schaffen Sie das?"
"Kein Problem", sagte Helen bestimmt.
"Gut". Stella seufzte erleichtert. "Wie schnell schaffen Sie das denn?"
"Oh, ich denke mal, so ein System ist in fünf oder sechs Tagen geknackt."
"Was?! So lange dauert das?" Stella war bestürzt. "O nein, wir haben keine Zeit. Ich dachte ... ich dachte, Sie kommen sofort rein."
Ein breites Grinsen legte sich über Helens Gesicht.
"Da trifft es sich ja gut, dass Gaya dem Herrn Luferno vor Wochen schon mal einen Besuch abgestattet hat. Damals hat es mich tatsächlich fünf oder sechs Tage gekostet. Heute dauert es fünf oder sechs Minuten."

"Ich hoffe sehr, das Essen wird Euch zusagen. Ich habe den Koch persönlich überwacht. Hier, Myladies, haben wir Tockey-Schoten und Tré-Perlen, jeweils mit verschieden gewürzten Dressings und Dips - sodann Gonki-Filetstreifen und Zeri-Brüstchen, in P'Troh eingelegt - das hier ist mit Min-Käse überbackener Xrolauch - und hier mit gerriebenen Calanüssen bestreuter Z'Dej-Reis. Mylord, soll ich jetzt die ... die gebratenen Rancorzungen servieren?"
"Die - was?!" Isaphàn starrte entsetzt den Droiden und danach den Gastgeber an.
"Nun", erklärte Obi-Nor, "bei einem Festessen scheue ich keine Kosten und Mühen. Ich lasse immer das Essen vom jeweiligen Heimatplaneten des Gastes einfliegen. - Besonders wenn es ein so reizender Gast ist", fügte er mit öligem Charme hinzu.
Isaphàn kniff die Lippen missbilligend zusammen.
Yo-Karah blickte betroffen zu Boden. War ihr Vater wirklich so ein reicher Prasser und drittklassiger Charmeur geworden?
Obi-Nor begann plötzlich, lauthals zu lachen. "Ihr habt das wirklich geglaubt, ja? Dass ich den dicken Max markiere und die Speisen durch die halbe Galaxis importiere?" Er gab George einen Wink, und der Droide brachte eine Platte mit Fleisch.
"Es ist mir außerordentlich peinlich, aber Seine Lordschaft hat befohlen, dass ich diese Watussirind-Bratenstücke als Rancorzungen ausgebe. Es ist mir wirklich unangenehm, gelogen zu haben."
Obi-Nor wurde wieder ernst. "Ich dachte, wenn ihr schon herkommt, dann könnt ihr auch bei mir etwas lernen. Das war die erste Lektion. Ihr werdet als Jedi bestimmt mit wichtigen Missionen betraut. Da halte ich es für wichtig, dass ihr nicht gleich dem ersten Anschein glaubt. Tja, das wollte ich euch damit zeigen. Ich mag zwar ein wohlhabender Geschäftsmann sein, aber" - er warf seiner Tochter einen Blick zu - "ich bin kein reicher Prasser."
Yo-Karah errötete.
"Jedenfalls", fuhr Obi-Nor fort, "das Rindfleisch stammt hier von Trexx. Und jetzt sollten wir zugreifen."

Die Mahlzeit verlief entspannt. Yo-Karah und Isaphàn berichteten ausführlich von ihrer Jedi-Ausbildung. Obi-Nor war einerseits stolz auf seine Tochter, verspürte aber doch ein leises Bedauern, dass sie sich für eine Welt entschieden hatte, die von seiner so verschieden war.
Die ungezwungene Atmosphäre verflog, als sie auf Obi-Nors Geschäfte zu sprechen kamen.
"Du hast Probleme, haben wir gehört. Steht es sehr schlimm?" wollte Yo-Karah wissen.
Obi-Nor nickte. "Zur Zeit tobt ein harter Konkurrenzkampf im Erzgeschäft, der mit harten Bandagen ausgetragen wird. Ich musste sogar Gil Frost opfern, um meinen Widersacher unter Druck zu setzen."
"Wieso ist Gil Frost eigentlich immer noch auf Coruscant angesiedelt, während du mit dem übrigen Unternehmen hier nach Trexx gezogen bist?" fragte Isaphàn.
"Nun, das hat was mit dem Steuersystem der Neuen Republik zu tun", begann Obi-Nor. "Gildorian Enterprises ist eine Personalgesellschaft und wird nach dem Steuersatz des Planeten besteuert, auf dem sie beheimatet ist. Gil Frost ist eine Aktiengesellschaft, und da ...". Er brach ab. Was verstand denn diese Hexe schon von Steuern und Abgaben, von Bilanzen und Buchführung? "Jedenfalls aus Steuergründen", schloss er.
"Was den Konkurrenzkampf angeht ..." Yo-Karah ließ nicht locker. "Hast du deshalb einen künstlichen Finger?"
Obi-Nor betrachtete seine Hand. Der Unterschied war nicht zu sehen. Seine Tochter musste außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeiten haben.
Er seufzte. "Also gut, ich erzähl es euch. Mein Konkurrent, Loco Luferno, trachtet mir nach dem Leben. Er hat mir auch den Finger abgeschnitten. Er kommt übrigens übermorgen hierher. Deshalb will ich, dass ihr morgen abend wieder abreist. Ich will euch nicht gefährden."
Der Protest kam synchron von beiden Jedi-Schülerinnen. "Kommt gar nicht in Frage!" "Wir können keinen Krieg für dich führen, aber wir beschützen dich!"
Yo-Karahs Augen blitzten. "Außerdem ist es der Wille der 'Macht', dass wir gerade jetzt hier sind. Ich werde jedenfalls nicht gehen." Sie verschränkte demonstrativ die Arme vor ihrem Körper.
"Nein, ich auch nicht", ergänzte Isaphàn.
Obi-Nor hob hilflos die Arme. "Was soll ich dagegen schon ausrichten? Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat. Also gut, wir trinken noch einen K'Feh, und dabei erzähle ich euch alles, was ich über Trash Luferno weiß".

Helen Moonlight schaute auf ihr Computerdisplay.
"Sie sammeln sich also bei QR34. Das ist ganz in der Nähe von Trexx. Ein Hyperraumsprung von höchstens vier Stunden."
"Ja, und bis Ghlo Beta sind es nur 15 Stunden", nickte Stella Likori.
"Ghlo Beta? Nie gehört."
"Oh, völlig unbedeutend. Nur zufällig der Ort, an dem die vierte Flotte der Neuen Republik unter dem Kommando von Admiral Finch eine taktische Übung abhält." Stella zwinkerte mit den Augen. "Kein guter Ort, um dort mit einem Sternzerstörer zufällig hinzufliegen."
Helen lachte. "Eine Sache von drei Minuten. Danach haben wir uns aber ein Glas Wein verdient. Und bei einem Glas 73er Galil können wir auch gleich das förmliche 'Sie' begraben."
Stella lächelte zufrieden. "Die Zusammenarbeit mit dir gefällt mir immer besser."

Die Landschaft raste in der Morgendämmerung unter ihnen dahin.
Der Atmosphärengleiter war schnell, und Obi-Nor reizte die Geschwindigkeit des kleinen Fahrzeugs voll aus.
Yo-Karah gähnte. Kaum vier Stunden hatte sie geschlafen. Gestern abend hatte ihr Vater noch darauf bestanden, dass sie diese Fahrt mit ihm machen musste. Er konnte genauso stur sein wie sie - wahrscheinlich hatte sie diese Charaktereigenschaft von ihm geerbt -, und so hatte sie schließlich nachgegeben. Aber dass sie unbedingt mitten in der Nacht aufbrechen mussten ...
Isaphàn stand bestimmt jetzt erst auf. Sie würde ihre Meditation machen, zum Training in die Sporthalle gehen und später faul am Strand liegen.
Sie dagegen musste ihren Vater zu diesem seltsamen historischen Ort begleiten.
Das Meer hatten sie schon längst hinter sich gelassen. Auch die südliche Küste des Kontinents, wo nach Obi-Nors Auskunft Ölfrüchte und hervorragender Wein angebaut wurden. Sie hatten auch eine Gebirgskette passiert und überquerten nun die hügelige Zentrallandschaft von Trexx. Sie bestand aus sanft geschwungenen Hügeln und weiten Tälern. Die Landschaft war grün, saftige Wiesen und dichte Wälder wechselten sich ab. Sie überflogen riesige Schaf- und Rinderherden, und Yo-Karah gewann den Eindruck, dass Viehzucht eine der größten Einnahmequellen des Planeten sein musste. Von Zeit zu Zeit sahen sie meist an Flüssen oder Seen gelegene große Städte. Auch Erdres, das in der gesamten Galaxis bekannte wissenschaftliche Zentrum und die einzige Millionenstadt auf Trexx, konnte man in der Ferne ausmachen. Schließlich gelangten sie zu einem gewaltigen Binnenmeer, das von verschiedenen Flüssen gespeist wurde, die in einem nördlich gelegenen, schneebedeckten Gebirge entsprangen.
"Der Yamsuf, der Große Binnensee", erklärte Obi-Nor. "Wegen der Uferbepflanzung oft auch 'Schilfmeer' genannt."
Er steuerte den Gleiter langsam nach unten.
"Dort drüber liegt die mittlere Gebirgskette, die man auch das 'Migdol-Gebirge' nennt. Wir sind gleich da."
Er dirigierte das Fahrzeug zu einer Stelle, an der das Gebirge bis aus wenige Standardmeilen an den Binnensee heranreichte. Yo-Karah konnte einen Ort erkennen, der wie eine alte Kultstätte aussah.
Der Gleiter setze auf, und sie stiegen aus.
Es war wesentlich kälter als auf Palm Island, ein rauer, feuchter Wind ließ Yo-Karah die braune Robe anziehen, die sie von Yavin 4 mitgebracht hatte. Auch Obi-Nor trug jetzt einen Umhang.
"Gut, dass Herbst ist", meinte er. "Im Frühjahr hätten wir hier gar nicht landen können, weil die Schneeschmelze alles in ein Sumpfgebiet verwandelt. Und im Sommer wirst du hier von Moskitos zerstochen. Im Winter haben wir hier eine herrliche Schneelandschaft, aber da ist auf Palm Island Regenzeit. Also dein Besuch auf Trexx ist gut terminiert."
Er führte seine Tochter zu der Stelle, die sie auch von nahem als Kultstätte identifizierte.
Sechs etwa drei Meter hohe rötliche Steine bildeten einen Kreis. Zwischen ihnen waren mit flachen Steinplatten Verbindungslinien angelegt. Es waren zwei ineinander gelegte Dreiecke, die einen sechszackigen Stern bildeten. Yo-Karah griff unwillkürlich an das alte Amulett an ihrer Halskette, dass ihr Vater ihr geschenkt hatte, als sie noch ein Säugling war.
"Ja", bestätigte er ihre Geste. "Es ist das gleiche Symbol wie auf dem trexxanischen Glücksamulett."
Er deutete mit seiner Hand auf die Gegend ringsum.
"Das hier ist Pi-Hachirot. Der Engpass zwischen dem Migdol-Gebirge und dem Schilfmeer. Machen wir einen kleinen Spaziergang."
Sie gingen langsam zum Seeufer, während Obi-Nor seine Tochter über die Bedeutung des Ortes informierte.
"Hier, an dieser Stelle hat ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte des Planeten stattgefunden. Es ist sehr lange her, lange bevor es Raumschiffe gab. Damals lebten außer den Menschen keine anderen Vernunftwesen hier. Es gab zwei Völker, die Mizrim, die herrschende Schicht, und die Trexxaner, ihre Sklaven. Eine große Gruppe der Trexxaner floh aus der Residenzstadt der Mizrim, um zu den Inseln südöstlich des Kontinent zu gelangen und dort in Freiheit zu leben. Doch die Armee der Mizrim jagde hinterher. Hier bei Pi-Hachirot holten sie sie ein. Die Überlieferung spricht von 10000 Fußsoldaten und 600 von Vierbeinern gezogenen Kampfwagen mit Lanzenträgern und Bogenschützen."
Er machte eine Pause, und Yo-Karah betrachtete die flache Landschaft zwischen dem steil aufragenden Gebirge und dem See. Eine große Schar, womöglich mit alten Menschen und kleinen Kindern, hätte nie eine Chance gehabt, einer derart großen Armee zu entkommen.
Sie gingen weiter, am Ufer entlang, und Obi-Nor nahm seine Schilderung auf.
"Da geschah plötzlich ein Wunder: Rauchwolken nahmen den Verfolgern die Sicht und verwirrten sie. Soldaten und Vierbeiner gerieten in Panik, so dass sie nicht vorwärts kamen. Dann öffnete sich die Erde und verschlang die gesamte Armee. Die Trexxaner konnten entkommen. Nun, der Name unseres Planeten deutet ja schon an, dass sich dieser Volksstamm im Laufe der Geschichte durchsetzen konnte. Später bauten sie diese Stätte, die jedes Kind auf Trexx kennt."
Yo-Karah blieb stehen und schaute ihren Vater an. "Glaubst du diese Geschichte?"
Obi-Nor nickte ernsthaft. "Ja. - Aber natürlich nicht wörtlich", fügte er angesichts des skeptischen Blicks seiner Tochter hinzu.
"Es gibt eine ganz einfache natürliche Erklärung. Die Rauchwolken, das muss Nebel gewesen sein. Wir haben heute Glück, aber im Frühjahr und Herbst ist es morgens oftmals so neblig, dass man keine drei Schritte weit sehen kann. Und die verschlingende Erde, das war natürlich der Sumpf. Im Frühjahr können hier an vielen Stellen Kampfwagen oder Soldaten in Rüstung stecken bleiben und versinken. Ich denke nicht, dass die gesamte Armee verschlungen wurde, viele werden auch geflohen sein. Aber im Kern halte ich die Geschichte für wahr."
Sie entfernten sich vom Seeufer und kehrten in einem Bogen zur Kultstätte zurück.

"Du hast mich bestimmt nicht hierher gebracht, um mir alte Geschichten zu erzählen, Vater", sagte Yo-Karah schließlich. "Was willst du mir sagen?"
"Yo, morgen wird es wahrscheinlich zu einem Kampf kommen. Ich weiß nicht, ob ich die Begegnung mit Trash Luferno überlebe. Ich will, dass du folgendes weißt: Was auch immer ich in meinem Leben getan habe, die dominierende Triebfeder war die der Kampf für die Freiheit in der Galaxis. Ob ich Spion war oder Rebellenschmuggler, selbst jetzt als Händler und erfolgreicher Geschäftsmann ist das mein größtes Anliegen. Diese Stätte hier ist das Symbol für die Identität aller Trexxaner. Das Symbol der Freiheit. Ein trexxanischer Dichter hat mal geschrieben: 'Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Die Freiheit überstrahlt selbst Sternenlicht'."
"Vergiss Frieden und Gerechtigkeit nicht!" warf Yo-Karah ein.
Obi-Nor lächelte. "Da spricht die Jedi. Nein, diese Werte vergesse ich nicht. Ohne sie artet Freiheit in Willkür aus. - Aber genug der weisen Reden. Wir sollten nicht nur über die Galaxis, sondern auch über uns reden."
Yo-Karah hob ratlos die Hände. "Ich habe mir auf der Akademie so oft ausgemalt, was ich dir sagen werde, wenn wir uns wiedersehen. Aber jetzt sind alle Worte wie verschwunden."
Sie starrte den Ring aus Steinen an.
"Ich habe viel von deinen Aktivitäten gehört, Vater. Auch vieles von dem erfahren, was du getan hast, als ich noch bei dir war."
"Au weia", entfuhr es Obi-Nor unwillkürlich, was Yo-Karahs angespannte Miene etwas lockerte.
"Medikamentenbetrug auf Rus Bator, Spice-Schmuggel, Bestehlen von reichen Touristen ... Dein Lebenslauf hat einige dunkle Flecken. Auf der anderen Seite die Unterstützung der Sklaverei-Opfer und des Waisenheimes auf Monastair. Das passt nicht ganz zusammen."
"Yo, du wirst eine Jedi. Du gehörst zu den Guten. Wenn du der dunklen Seite der Macht verfällst, wirst du eine Sith wie Darth Vader. Deine Alternative ist schwarz oder weiß. Aber für normale Leute wie mich gibt es dazwischen einen riesigen Bereich, der grau ist, von weißgrau bis anthrazitgrau."
"Ja, ich weiß. Manchmal bin ich auch zumindest weißgrau ..."
"Hör mal, Yo, lass uns keine Farbenlehre betreiben. Du schleichst wie eine Katze um ein Thema: Das Sabacc-Spiel und Josh Mansi, stimmt's?"
Yo-Karah nickte.
"Yo, ich habe damals Schreckliches getan. Das steht seit all den Jahren zwischen uns. Ich würde mich so gern mit dir versöhnen. Bitte verzeih mir."
"Die Ereignisse haben mich oft in meinen Träumen verfolgt", sagte Yo-Karah leise. "Das schlimmste war immer das Gefühl des Verlassenwerdens. Ich habe auch damals nie daran gezweifelt, das du mich befreist, aber dass du mich überhaupt diesem Scheusal ausgeliefert hast ... Aber" - ihre Stimme wurde kräftiger - "Ich verzeihe dir, ich will mich auch mit dir versöhnen."
Sie reichte ihrem Vater die Hand.
Der ergriff sie mit einem Seufzer der Erleichterung. "Danke, Yo. Du weißt gar nicht, welche Last jetzt von meinen Schultern gefallen ist."
"Das einzige, was ich nach wie vor unbefriedigend finde, ist, dass ich immer noch kein Lichtschwert habe."
"Ach ja, das Lichtschwert!" Obi-Nor öffnete den Lederbeutel, den er mitgenommen hatte, zog ein Lichtschwert heraus und reichte ihn Yo-Karah.
"Das Lichtschwert deiner Mutter."
Seine Tochter nahm die Waffe und aktivierte sie; eine blaue Klinge zischte heraus. Yo-Karah führte einige beidhändig geführte Trainingsschläge und -bewegungen aus, bevor sie das Schwert wieder deaktivierte. Strahlend fiel sie ihrem Vater um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
"Danke! Du hast es also doch noch gefunden. Wo hast du es aufgespürt? War es schwer, die Waffe zu bekommen? Seit wann hast du sie?"
"Oh, das ist eine lange Geschichte. Es war vor etwa eineinhalb Jahren. Damals habe ich auch George, den Droiden, gekauft. Ich erzähle es dir ein anderes Mal. - Jetzt, mit dem Lichtschwert am Gürtel, siehst du aus wie eine richtige Jedi. Wenn ich daran denke, dass deine Ausbildung bald schon vorbei ist ... Der Tag, an dem Luke dich in die Akademie aufgenommen hat, kommt mir vor wie gestern." Er grinste. "Damals hatte ich Sorge, ob du in der Akademie genug zu essen bekommst. Aber wie ich sehe, bist du immer satt geworden."
"Dich hatte ich auch schlanker in Erinnerung", gab Yo-Karah ungerührt zurück.
Sie lachten beide.
In wesentlich entspannterer Atmosphäre tauschten sie Erinnerungen aus oder erzählten einander über die vergangenen elf Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten. Obi-Nor berichtete ihr insbesondere von dem Wiedersehen mit seiner Schwester Helen.

Nach einer Weile wurde Obi-Nor ernst.
"Zu Pi-Hachirot musst du noch etwas wissen, Yo. Hier fand nämlich viel später noch einmal ein denkwürdiger Kampf statt. Es ist erst 35 Jahre her. Das Imperium beherrschte diesen Planeten wie fast die gesamte Galaxis. Auf Trexx gab es immer wieder Widerstandsaktionen, Sabotageakte, sogar richtige Aufstände - ohne Erfolg. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern und Aktivisten konnte bei einer Säuberungsaktion fliehen und wählte den gleichen Weg hier am Schilfmeeer entlang wie die Trexxaner vor vielen tausend Jahren auf der Flucht vor den Mizrim. Sie bauten hier eine provisorische, aber gut gesicherte Basis auf. Das Imperium versuchte daraufhin, das Lager mit schweren Kampfläufern zu erobern. Und wiederum wurden die Angreifer vom Nebel überrascht: Die schweren Maschinen versanken im Sumpf, der Angriff war ein einziges Desaster für das Imperium. Die Widerstandskämpfer räumten zwar die Basis, konnten aber fliehen und ihren Kampf an anderen Stellen fortsetzen."
"Fast eine genaue Parallele", sagte Yo-Karah nachdenklich. "Und wie die Mizrim sind schließlich auch die Imperialen hier vertrieben worden."
"Ja, aber das ist noch nicht alles. Der Anführer der Widerstandskämpfer wurde beim Angriff des Imperiums getötet. Es war ein Schmuggler namens Tsutur Gildorian."
"Dein Vater."
"Ja, Pi-Hachirot ist nicht nur ein Teil der trexxanischen Historie, sondern gehört auch zur Geschichte unserer Familie. Ich war damals bei dem Angriff dabei, sechs Jahre alt. Helen wurde zusammen mit unserer Mutter von mir getrennt. Und ich kam über Umwegen nach Alderaan, dem Zentrum der Rebellion gegen das Imperium. - Yo, ich wollte unbedingt, dass du das Lichtschwert hier bekommst, an diesem Ort. Pi-Hachirot soll dich immer an deine Wurzeln erinnern und an die Tradition deiner Familie."
"Ich werde diesen Ort bestimmt nie vergessen, Vater. Aber jetzt verstehe ich auch, warum Master Skywalker nicht wollte, dass ich mir auf Yavin 4 ein Lichtschwert konstruiere. Du hast mit ihm darüber gesprochen."
"Ja", gab Obi-Nor zu. "Eine kleine Absprache unter alten Freunden. Aber sei ihm nicht böse, du hast die Waffe jetzt bekommen - und ich fürchte, du wirst sie morgen bereits brauchen."
"Dann lass uns zurückfliegen, Vater. Ich will mit Isaphàn noch ein wenig trainieren."

 

 

5. Vom Markt verschwunden

"Ein freier Händler wird häufig in eine Situation geraten, die hoffnungslos scheint. Doch erst, wenn selbst Hutts keine Kredite mehr bewilligen würden, steht man im Begriff, vom Markt zu verschwinden."
Obi-Nor Gildorian, Management-Handbuch für freie Händler

Schweigend schenkte der Kammerdienerdroide GL02 die Getränke ein. Deutlicher hätte er seine Missbilligung nicht signalisieren können. Ihm passte diese Gesellschaft überhaupt nicht, das hatte er Seiner Lordschaft am Nachmittag zu verstehen gegeben. Aber was konnte er schon tun? Er war bloß Droide, darauf programmiert, seinem Herrn und Meister zu gehorchen.
Menschen waren doch seltsame Geschöpfe. Sie versuchten, einander umzubringen, luden sich aber dennoch zum Essen ein. Nein, das würde er nie verstehen. Zwar erzeugte sein Emotionschip unzählige Gefühlssimulationen, damit er wie jeder Klasse-Zwei-Droide menschlich wirkte, doch dieses Verhalten blieb ihm fremd. Jeder andere, aber doch nicht dieser Loco Luferno!
Zuerst hatten sie zu viert verhandelt. Loco Luferno mit einem finster aussehenden hornköpfigen Humanoiden auf der einen, Seine Lordschaft und Mistress Stella auf der anderen Seite. Schließlich waren sie übereingekommen, einen "Erztransport-Duldungsvertrag" auszuarbeiten.
"Darf ich davon ausgehen, dass Mister Luferno kapituliert hat und wir diesen schrecklichen Konflikt gewonnen haben?" hatte er Lady Yo-Karah gefragt.
Doch die hatte den Kopf geschüttelt. "Ich spüre ein ungewöhnlich hohes Maß an Hass angesichts einer friedlichen Übereinkunft. Nein, George, es ist noch nicht vorbei."
Trotzdem hatte er ein großes Abendessen in Auftrag geben und persönlich die Bedienung der Tischgemeinschaft übernehmen müssen. Im Empfangsraum des Privathauses Seiner Lordschaft saßen sie nun einträchtig am runden Tisch: Seine Lordschaft selbst, Mistress Stella, Lady Yo-Karah, Mistress Isaphàn, Lady Helen, Loco Luferno und vier dieser merkwürdigen Hornköpfe, die für seinen Geschmack allzusehr nach Schurken aussahen. Aber selbst wenn sie friedlich waren: Ihre barbarischen Tischmanieren ließen seine Schaltkreise vor Entsetzen beinahe durchschmoren.
Erstaunlicherweise verzichteten alle am Tisch auf jeglichen, sonst bei einem Festessen selbstverständlichen Alkohol. Das war kein gutes Zeichen. Denn offenbar trauten alle diesem Frieden nicht und waren deshalb vorsichtig darauf bedacht, nüchtern zu bleiben. Alle bis auf Seine Lordschaft. Der hatte in bester Laune eine Karaffe 79er Resiak bestellt und schon bei der Vorspeise den ersten Becher leer getrunken.
George trippelte gerade mit der Karaffe T'Zut-Saft von der Anrichte zum Tisch, als sein Meister die Weinkaraffe mit einer ungeschickten Bewegung des Ellbogens umstieß.
"Verdammt!"
Der schöne Rotwein ergoss sich über den Tisch, und im Nu legte sich ein Weinduft über die Tischgesellschaft.
"Oh Verzeihung, Mylord. Wie ungeschickt von mir. Ich hätte die Karaffe nicht so nah an ihrem Ellbogen ..."
"Quatsch! Das war meine Schuld. Bring mir lieber Nachschub. Jetzt aber keinen 79er Resiak mehr, der ist doch zu süß. Hol 71er Galil. Davon gibt es noch was im Weindepot!"
"Sehr wohl, Mylord!"
Der Droide trippelte davon. Er war erleichtert. Mit dem 79er Resiak war er sowieso nicht einverstanden gewesen. Der 71er Galil war für diesen Anlass besser geeignet, viel besser ...

Arkinah kam mit ihren acht Schiffen als letzte.
"Ttutt mir Leidt, wir hattten einen Defektt an einem Sschildgenerattor. Aber ich ssehe, wir ssind noch rechttzzeitig angekommen."
"Uff, mir fällt ein Stein vom Herzen", antwortete Ruwen Flyyr. "Wir sind jetzt vollzählig. Arkinah, ihr nehmt die Flanke auf 03. Mister Karrde?"
"Hier spricht Talon Karrde. Ich habe formal das Kommando der Operation. Aber, hey, wir sind Händler, keine Marineoffiziere. Wenn es zur Schlacht kommt, seid ihr weitgehend auf euch allein gestellt. Col'Bash mit seinen Jungs und die Gildorian-Leute halten sich zurück, bis der Sternzerstörer kommt. - Falls er kommt. Noch Fragen?"
"Warrrum müssen wirrr warrrten?"
"Weil wir nicht blindlings auf das erste auftauchende Schiff feuern dürfen, Rhysbe. Ich kenne mich mit euch Warlucca nicht aus, aber ich nehme an, Geduld ist nicht eure Stärke. Heute musst du beweisen, dass du dich zurückhalten kannst!"
Niemand hatte mehr etwas anzumerken, dehalb schloss Talon Karrde die kurze Besprechung: "So Leute, jetzt können wir nur noch warten."

Es war die widerwärtigste Mahlzeit, die Yo-Karah Mal'Wan je eingenommen hatte. Über dem Tisch lag eine abscheuliche Atmosphäre von Heuchelei und Betrug. Isaphàn, Stella Likori und Helen Moonlight stocherten missmutig in ihrem Essen. Yo-Karah hätte ihre Tante lieber unter erfreulicheren Umständen kennen gelernt. Statt dessen mussten sie diese abstoßenden T'Arogs in Lufernos Begleitung ertragen. Noch schlimmer war wohl nur Luferno selbst, der in überheblicher Pose mit seinen Erfolgen prahlte.
"Ich hab damals mit einem einzigen Erztransport die Schwermetall-Föderation ausgehebelt. Die Route Wareesh - Turgu V war bis dato völlig unrentabel. Aber ich habe sie zu einem Kleinod in der Geschichte des Transportwesens gemacht." Oder: "Auf X'Salah XII nennt man mich den 'Silberkönig'. Stellt euch vor: Bevor ich kam, wussten die Bewohner dort mit Edelmetall gar nichts anzufangen!"
Auf diese Weise ging es die ganze Zeit.
Helen versuchte zwar, Luferno mit Sticheleien aus der Reserve zu locken - "Ich habe gehört, Sie haben die Firma Gil Frost übernommen, Mister Luferno. Wie macht sich das Unternehmen denn so?" - aber an diesem Widerling prallten alle Bosheiten einfach ab.
Yo-Karah machte sich aber vor allem Sorgen um ihren Vater. Der trank einen Becher Wein nach dem anderen und wurde bereits betrunken. Vermutlich war er der Nervenanspannung nicht gewachsen.
Vater! Halte dich mit dem Wein zurück! versuchte sie, mit ihm mentalen Kontakt aufzunehmen. Doch der wehrte ihre Gedanken strikt ab, fast wie ein trotziges Kind.
"Jetss müssihr mal mit mir tringn!" Obi-Nor erhob sich schwankend. "Auf unsere neue Freunschafd!"
Luferno erhob sich grinsend "Auf dich, Obi-Nor! Ich denke, du hast ein gutes Geschäft gemacht. Einen Finger investiert, aber die Hälfte des Erzgeschäftes gewonnen."
Es war demütigend, und Yo-Karah hatte den Eindruck, als wollte sich Stella Likori mit einem Messer auf Luferno stürzen.
Statt dessen ergriff die Verwaltungschefin das Wort: "Es ist schon spät. Herzlichen Dank, Mister Luferno, dass Sie uns Gesellschaft geleistet haben. Der Kammerdienerdroide geleitet Sie und Ihre Begleiter in Ihre Unterkünfte. Helen, würdest du deinen Bruder bitte ins Bett bringen?"
Das war das Ende des Abendessens, und Yo-Karah war froh, dass es vorbei war.

Pix Tersho blickte auf das große Sichtdisplay in der Kommandozentrale des Sternzerstörers. Schon die anderen Schiffe - Kanonenboote, leichte Kreuzer und Patrouillenschiffe - stellten eine furchteinflößende Flotte dar. Aber zusammen mit der Assault würde sie niemand aufhalten können.
Normalerweise hätte er diesen Anblick genossen. Aber normalerweise gehörte zu einer Raumflotte kein merkwürdiger kleiner kugelförmiger Gleiter mit einer Zauberhexe an Bord.
Das HoloKom wurde aktiviert, und Shri Lilith erschien.
"Nun Captain, wie steht es? Sind Sie bereit?"
Konnte sie Gedanken lesen? Hatte sie gespürt, dass er soeben an sie gedacht hatte?
"Wir sind bereit, Shri Lilith. Der Hyperraumsprung erfolgt in zwei Minuten."
Das Holo verblasste, und Tersho wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn. Er schaute sich um; auch die anderen auf der Brücke hatten die eiskalte, tödliche Präsenz gespürt. Er wollte lieber nicht wissen, wie es war, dieser Hexe persönlich gegenübertreten zu müssen.
Er schüttelte den Gedanken ab und aktivierte das Interkom.
"Bereit zum Hyperraumsprung. T minus 30... T minus 15 ... und los!"
Die erste Welle, die kleinen Patrouillenschiffe, verschwanden vom Display. Dann folgten die anderen leichten Kriegsschiffe zusammen mit dem Kugelgleiter von Shri Lilith.
Der Sternzerstörer wartete die vereinbarten fünf Minuten ab. Dann sprang auch er in den Hyperraum.

Ein Dreiviertelmond beleuchtete Palm Island mit fahlem Licht. Bis auf das Meeresrauschen und das Zirpen weniger nachtaktiver Insekten war alles still, wie stets, wenn sich die tropische Insel ausruhte.
In dieser Nacht jedoch hatten sich offensichtlich nicht alle Wesen zur Ruhe begeben.
Zwei graue Gestalten huschten vom Gästehaus zum Privatgebäude des Direktors von Gildorian Enterprises. Vorsichtig untersuchten sie die Haustür.
"Nicht abgeschlossen. Wie leichtsinnig!" flüsterte Isaphàn.
Die beiden Gestalten schlichen ins Haus und versuchten, sich in der Dunkelheit zu orientieren.
"Sein Schlafzimmer liegt wahrscheinlich dort drüben", zeigte Yo-Karah auf einen Flur. "Lass uns da drin verstecken."
"Wir könnten auch hier warten", gab Isaphàn leise zu bedenken.
"Aber wenn die Mörder durch ein Fenster einsteigen?"
"Ja", nickte Isaphàn. "Wir vermuten zwar nur, dass Lufernos Leute deinen Vater heute Nacht überfallen wollen. Aber wenn wir Recht haben, dann müssen wir in seinem Schlafzimmer warten."
Die beiden jungen Jedi gingen vorsichtig den Flur entlang und hielten jeweils an den Türen kurz an, um die Präsenz Obi-Nors zu erspüren. Aber die Benutzung der 'Macht' war gar nicht nötig. Der Händler war nicht zu überhören.
"Hier!" Yo-Karah öffnete lautlos die Tür.
Mondlicht fiel durch ein Fenster in das Zimmer. Im schummrigen Licht konnte sie ein Bett erkennen. Die Gestalt, die darin lag, schnarchte laut. Sie bot jedem Blasterschützen ein ausgezeichnetes Ziel.
Plötzlich schauten sich Isaphàn und Yo-Karah verblüfft an.
"Das ist nicht .."
"Psst! Kommt her und schließt die Tür!" Obi-Nor trat aus dem Schatten einer Zimmerecke. Er war offenbar stocknüchtern. In seiner Hand hielt er einen Blaster.
"Lektion Nummer 2", grinste er. "Wiege deinen Gegner in Sicherheit. Danke, dass ihr mich beschützen wolltet, aber wenn die T'Arogs nur dieses Holo dort im Bett erschießen, ist das halb so wild."
Er verzog den Mund. "Klingt das Schnarchen nicht schrecklich? Stammt tatsächlich von mir. Hat George letzte Nacht aufgenommen."
"Und der Wein vorhin?" wollte Isaphàn wissen.
"Oh, in der ersten Karaffe war tatsächlich Wein. Deshab musste ich sie ja auch umstoßen. Danach hat George mir nur noch gefärbtes Wasser serviert."
Yo-Karah lauschte. "Ich glaube, da kommt jemand!"
Obi-Nor zog sich wieder in seine dunkle Ecke zurück, Yo-Karah verschwand hinter einem Schrank und Isaphàn versteckte sich hinter der Tür.
Mit ihren durch die 'Macht' geschärften Sinne nahmen die Jedi leise Schritte wahr. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und die vier T'Arogs stürmten in den Raum. Sie richteten ihre Blaster auf das Hologramm im Bett. Zwei Lichtschwerter blitzen auf, die Klingen fuhren gleißend durch die Luft. Zwei T'Arogs sackten tödlich getroffen zusammen. Isaphàn streckte die Hand aus, und die beiden andern wurden an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Bevor sie sich wieder aufrichten konnten, hielt sie Yo-Karah bereits mit ihrem Lichtschwert in Schach.
"Keine Bewegung, sonst ergeht es euch so wie den anderen zwei!"
"Verdammt", brummte Obi-Nor. "Das war zu einfach!"
"Was ist, Vater?"
"Trash Luferno ist nicht blöd! Das hier war nur eine Ablenkung. Ich wette, Luferno hat uns gerade die dritte Lektion erteilt: Unterschätze nie deinen Gegner!"
Er riss sein Komgerät von Gürtel.
"Chagnurgha? Alarm! Es geht los!"
Wie zur Bestätigung erfolgte in diesem Augenblick einige hundert Meter entfernt eine gewaltige Explosion.
"Mynockdreck! Bleibt hier und bewacht die Gefangenen. Ich muss rüber zum Firmengelände!"
Mit diesen Worten schnappte er sich einen Lederbeutel, den er offenbar schon vorbereitet hatte, und eilte hinaus.
"Vater!" Yo-Karah rief vergeblich hinter ihm her. Kurzentschlossen sprang auch sie zur Tür.
"Bewach du die Gefangenen!" warf sie Isaphàn noch zu. Dann war auch sie verschwunden.

Die ersten Patrouillenbote tauchten auf und wurden sogleich unter Beschuss genommen. Dann sprangen Kanonenbotte und andere leichte Kriegsschiffe aus dem Hyperraum. Mehr als ein Dutzend gegnerische Schiffe konnte Ruwen Flyyr ausmachen. Ihnen standen über 40 schwer bewaffnete Frachter gegenüber. Sofort begann ein heftiges Gefecht. Die Kriegsschiffe waren meist wendiger und hatten größere Feuerkraft, aber die Frachter, gegen Piratenangriffe gerüstet, hatten außergewöhnlich starke Schutzschilde.
"Da! Ein Kugelgleiterrr fliegt Rrrikchtung Trrrexx!"
"Hab ich gesehen, Rhysbe. Lass ihn fliegen. Ein einzelner Gleiter kann da unten nicht viel anrichten. Das könnte ein Ablenkungsmanöver sein. Wir müssen auf den Sternzerstörer warten." Ruwen Flyyr starrte dem Gleiter nach. Er konnte Rhysbe nur zu gut verstehen. Hier abwarten zu müssen, anstatt die Mörder seiner Schwester zu bestrafen, das war schwer auszuhalten.
Ein Frachter der Akinah-Gruppe verlor einen Schutzschild. In einem verzweifelten Manöver wollte der Pilot aus der Gefahrenzone navigieren, da erwischte ihn ein Volltreffer einen Hilfskreuzers. Der Frachter zerbarst in unzählige Stücke.
Die Karrde-Frachter griffen koordiniert zwei Patruillenboote an. Eines konnte sich schwer beschädigt zurückziehen, das andere explodierte.
Noch aber wurde die Schlacht nicht mit letzter Entschlossenheit durchgeführt. Die Kanonenboote hielten die Verteidiger nur auf Abstand, und mehr als 15 Frachter hatten noch gar nicht in den Kampf eingegriffen. Alle Beteiligten warteten auf das Erscheinen des Sternzerstörers.

Obi-Nor hetzte durch die Nacht. Seine Atem keuchte, sein Herz klopfte bis zum Hals. Wenn er doch mehr Sport betrieben hätte! Er schwor sich, gleich morgen mit dem Training anzufangen - falls er die heutige Nacht überlebte.
Jenseits des Firmengeländes quollen dichte schwarze Rauchwolken in die Höhe. Dort lag die Relaisstation, die den lokalen Insel-Schutzschild und zugleich die Anflugkontrolle steuerte. Vom Komplex der Firmengebäude blitzte heftiges Blasterfeuer auf. Die Blitzwerfer von Chagnurghas Wookies antworteten.
Luferno hatte also bereits Verstärkung erhalten. Mindestens ein Gleiter musste den Verteidigungsring der Frachter bereits passiert haben. Oder war die gesamte Verteidigung im Orbit zusammengebrochen? In diesem Fall waren sie alle verloren.
Plötzlich spürte Obi-Nor eine Präsenz, eine lauernde Gefahr. Er blieb schwer atmend stehen. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Yo-Karah holte ihn ein.
"Spürst du diese Präsenz, Vater?"
"Du solltest doch ... ach, egal. Ja, ich spüre sie. Und, merkwürdig, auf einmal scheint mein künstlicher Finger zu schmerzen."
Er griff an seine linke Hand.
"Yo, ich hab ein ganz mieses Gefühl."
"Wer immer hier eingedrungen ist, wartet jetzt dort drüben bei den Lagerhallen", konstatierte Yo-Karah. "Ich werde mir das mal ansehen."
"Halt, warte! Nicht übereilt handeln. Lass uns erst überlegen, was die Angreifer vorhaben. Dort drüben das Feuergefecht - die Verwaltung - sie wollen an die Datenspeicher! Luferno will mich nicht nur umbringen, er will meine Geschäftsdaten! Hilf du Chagnurgha, ich laufe zum Landeplatz. Der Raumgleiter, mit dem Lufernos Leute gekommen sind - ich habe da so eine Idee."
"Ist gut, Vater." Yo-Karah rannte Richtung Firmengebäde davon.

Obi-Nor eilte weiter zum Landeplatz.
Direkt vor dem fremden kugelförmigen Gleiter liefen ihm Stella und Helen über den Weg.
"Wir wollten ... hast du etwa das gleiche vor?" keuchte Stella und holte zwei glänzende Kugeln aus einer Tasche.
Obi-Nor deutete auf seinen Beutel. "Hier sind noch drei. Damit kannst du die halbe Insel in die Luft jagen. Gebt her, ich mach das schon!"
"Nichts da", protestierte Helen. "Du wirst dort drüben gebraucht. Ich verbinde den Zünder mit der Computersteuerung der Sublichtaggregate. Sag jetzt nicht, das kannst du besser als ich!"
"Schon gut. Passt bloß auf euch auf."
Er drückte Stella den Beutel in die Hand und rannte zurück.
Helen hatte derweil ein handtellergroßes Gerät an die Türsteuerung des Gleiters montiert. Einige Lampen blinkten, und eine Reihe hoher Töne waren zu hören. Dann klappte die Einstieg lautlos auf.
Die beiden Frauen gingen an Bord.

"Wie lange sollen wir noch auf diesen verdammten Sternzerstörer warten?" knurrte Col'Bash.
"Okay, du hast Recht", erwiderte Ruwen Flyyr. "Leute, wir greifen ein! Rhysbe: Du nimmst das erste Kanonenboot da drüben. Thorwald, McJush, ihr flankiert. Wennor, wir beiden machen die zweite Welle, die übrigen sichern die Außenflanken."
Die Frachter schossen auf die Formation der Kanonenboote zu. Die schweren Modulfrachter der Gildorian-Enterprises waren zu fliegenden Festungen umgebaut. Anstelle der Frachtmodule waren zusätzlich Waffenmodule eingesetzt worden, schwere Vierlingslaserkanonen und Turbolaser. Von der Seite kamen die Schiffe der Col'Bash-Gruppe. Diese kleinen Mittelstreckenfrachter waren fast so wendig wie der Millenium Falcon und spielten die Rolle der schnellen Begleitjäger.
Der erste Angriff erfolgte ohne jede Taktik. Frontal steuerte Rhysbe das erste Kriegsschiff an, während ihre Gefechtsbesatzung aus allen Rohren feuerte. Der Gegner konterte mit stärkstem Feuer, und Ruwen Flyyr befürchtete für einen Moment, dass Rhysbes Schiff explodierte. Die Schilde hielten jedoch, und sie zog den Frachter hoch. Jetzt waren Wennor und er an der Reihe. Sie beschossen das Schiff und drehten ab. Seine Sensoren zeigten an, dass die Schutzschilde des Gegners fast gänzlich ausgeschaltet waren, doch sie konnten jetzt nicht nachsetzen. Denn beim Wendemanöver sah er, wie zwei andere Kanonenboote herankamen.
"Da vorn, die beiden Kanonenboote!"
"Hab ikch gesehen, Rrruwen", antwortete Rhysbe. Sie zog ihren Frachter herum und nahm einen der beiden Neuankömmlinge unter Beschuss.
Ruwen erkannte, dass die Schlacht eine neue Dimension angenommen hatte. Jetzt ging es bis zum bitteren Ende.

Yo-Karah verlangsamte ihren Schritt. Das Feuergefecht war noch etwa 20 Schritte von ihr entfernt, aber sie wollte nicht blindlings in einen Hinterhalt geraten. Lufernos Leute und Chagnurghas Wookies hatten sich offenbar gegenseitig festgesetzt.
Sie konzentrierte sich auf die 'Macht' und versuchte, die einzelnen Wesen genauer zu lokalisieren. Doch plötzlich wurde sie selbst von einer fremden mentalen Macht erfasst. Weil sie ihre Jedi-Sinne bereit waren, auch feine Signale zu empfangen, traf sie die Botschaft mit voller Wucht.
Komm her!
Yo-Karah wurde beinahe herumgewirbelt. Die Botschaft stammte von einer Frau, die offenbar stark im Gebrauch der 'Macht' war. Die Jedi wappnete sich gegen den mentalen Zugriff. Aber sie ging dennoch in die Richtung, die ihr gewiesen wurde. Denn ihr war klar geworden, dass hier eine viel größere Herausforderung lauerte als ein Dutzend Blasterschützen.
Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Dort stand sie, im Mondschein nur schemenhaft zu sehen, aber aufgrund ihrer überwältigenden mentalen Präsenz umso deutlich zu erspüren. Eine Frau, die sowohl die Schönheit der Jugend als auch die Weisheit von Jahrhunderten ausstrahlte. Zugleich eine Hexe, von der eine eiskalte tödliche Bedrohung ausging, die Yo-Karah zu lähmen drohte.
Shri Lilith streckte die Hand aus, und Yo-Karah wurde von einer unsichtbaren 'Macht'-Welle erfasst. Dann ballte die Hexe ihre Faust, und die junge Jedi rang röchelnd nach Luft. Shri Liliths Haare züngelten wie Flammen, ihre Kraft schien von Sekunde zu Sekunde zu wachsen.
Konzentrier dich auf die lebendige 'Macht'!
Wie ein fernes Echo klang der Satz in ihrem Innern, den sie so oft von Master Skywalker gehört hatte.
Yo-Karah spürte die Stärke der 'Macht' in sich wachsen, konzentrierte sich und schleuderte die Hexe zurück. Sofort war sie von dem unsichtbaren Würgegriff befreit. Sie zündete ihr Lichtschwert und ging ihrerseits zu Angriff über.
Die Hexe war im Nu auf den Beinen und sprang mit wenigen Sätzen durch eine nahegelegene Tür in eine der weiten Lagerhallen auf dem Firmengelände.
Yo-Karah eilte hinterher - und erkannte zu spät, dass sie in eine Falle geraten war. Ein Hagel von Geschossen empfing sie. In Dutzenden von Regalen lagerten Schrauben, Bolzen, kurze Metallstangen, Ersatzteile für unbekannte Geräte. Jetzt dienten sie Shri Lilith als Waffen.
Yo-Karah parierte mit dem Lichtschwert, wehrte die heranfliegenden Teile ab. Aber immer mehr Metallstücke stürzten auf sie ein, trafen sie an der Schulter, am Bein, am Kopf. Sie blutete bereits aus zahlreichen Wunden, als ein gesamtes Stahlregal umstürzte und sie unter sich begrub.
Als sie sich wieder aufrappeln wollte, stand Shri Lilith über sie gebeugt.
Sie lächelte kalt.
"Jetzt gehörst du mir."
Eine Lähmung erfasste die geschwächte Jedi, und entsetzt erkannte sie, dass die Hexe sie mental ausaugen wollte.
"HALT!"
Das war die Stimme ihres Vaters, der durch einen anderen Eingang in die Halle gekommen war.
Aus den Augenwinkel erkannte Yo-Karah eine heranfliegende Vibroklinge.
Doch beinahe gelangweilt hob Shri Lilith die Hand, und das Messer blieb in der Luft stehen. Dann ballte sie erneut die Hand zur Faust, und die Stahlklinge zerbröselte in kleine Späne, die zu Boden rieselten.
Obi-Nor riss den Blaster hoch, doch eine Bewegung der Hexe schleuderte ihn durch das geschlossene Fenster nach draußen.
Shri Lilith wandte sich wieder Yo-Karah zu.
Doch dann stieß die Hexe einen Schmerzensschrei aus.
Ihre Haare züngelten nicht nur wie Flammen empor. Sie brannten tatsächlich.

Isaphàn war sauer. Sie sollte allein bei diesen T'Arogs bleiben? Das konnte Yo-Karah und ihrem Vater so passen! Nichts dergleichen würde sie tun.
Sie riss einen Faden von ihrer Tunika und murmelte eine der alten Zauberformeln, die sie von ihrer Mutter auf Dathomir gelernt hatte. Der Faden schien lebendig zu werden, zu wachsen. Er wurde länger und dicker, wuchs zum dünnen Seil und schließlich zum festen Strick. Er wickelte sich von allein um die beiden Gefangenen und verschnürte sie zu einem Paket.
Das müsste reichen, dachte Isaphàn.
"Versucht nicht, euch loszumachen", befahl sie den beiden T'Arogs. "Der Strick würde sich wehren und euch erwürgen."
Das war zwar gelogen, aber eine zusätzliche Sicherung konnte schließlich nicht schaden.
Sie eilte aus dem Zimmer und verließ das Haus. Die Präsenz Yo-Karahs und die Wahrnehmung einer fremden Bedrohung wiesen ihr den Weg. Sie spürte, dass ihre Freundin in Bedrängnis war. So schnell sie konnte, rannte sie auf das langgestreckte Gebäude zu, aus dem sie Yo-Karahs Aura wahrgenommen hatte.
Sie hatte den Eingang fast erreicht, da sah sie, wie Obi-Nor durch ein Fenster nach draußen geschleudert wurde. Er fluchte, rappelte sich auf, wischte sich Blut von der Stirn und griff nach seinem Komgerät. Offenbar war er nicht ernsthaft verletzt. Mit wem wollte er ausgerechnet jetzt Kontakt aufnehmen? Egal, sie musste Yo-Karah zu Hilfe kommen.
Sie lief durch die Tür in die Halle und sah die bedrohliche Angreiferin über ihre Freundin gebeugt. Sie schloss kurz die Augen, streckte ihre Hand aus und setzte die Haare der Hexe in Brand.

Die Blitzwerferschüsse prasselten ihm förmlich um die Ohren. Geduckt, den Kopf tief in seinen Armen verborgen, kauerte Loco Luferno hinter einem Stahlschrank. Er hatte es bis in den Computerraum geschafft, wo er von diesen verdammten Wookies festgenagelt wurde. Vier T'Arogs kämpften noch auf seiner Seite, die anderen waren erschossen. Auch mehrere Wookies hatte es erwischt, aber Luferno hatte keine Zeit, irgendwelche Todesbilanzen aufzustellen. Mittlerweile waren ihm auch die Datenspeicher egal. Er wollte nur hier raus, egal wie. Wenn er doch nur das Fenster dort auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes erreichen konnte! Die T'Arogs mussten ihm Feuerschutz geben. Natürlich würden sie die Aktion nicht überleben, aber was zählten schon ein paar T'Arogs gegen ihn, Loco Luferno?
"Halish ganoiah trakk!" rief er mit lauter Stimme.
"Ganoiah?" knurrte einer der T'Arogs zurück.
Was für ein Feigling! Er hätte ihn am liebsten sofort erschossen, aber das würden schon die Wookies erledigen.
"Ganoiah! Trakk! Trakk!!"
Jetzt gehorchten sie. Mit lauten Schreien sprangen sie aus ihrem Versteck und feuerten wild auf die verschanzten Wookies.
Luferno kümmerte sich nicht darum, wie seine Leute tödlich getroffen zu Boden sanken. Mit drei raschen Sprüngen war er am Fenster. Noch im Laufen zerschoss er die Scheiben. Und mit einem gewaltigen Satz war er aus dem Gebäude verschwunden.

Shri Lilith schrie auf.
In wilder Hast löschte sie den Brand auf ihrem Kopf.
Noch eine Gegnerin, die stark war in der 'Macht'. Noch eine Jedi. Es war schwieriger als sie gedacht hatte. Aber der Sieg würde umso lohnender sein. Die mentale Kraft von zwei Jedi, dazu dieser Gildorian, das würde ihr Nahrung für Jahrzehnte geben. Und ungeheure Kräfte verleihen.
Diese beiden Jedi waren stark, aber sie schienen noch nicht ganz ausgebildet zu sein. Noch verstanden sie nicht, ihr 'Macht'-Potenzial ganz einzusetzen. Die beiden hatten keine Chance gegen sie.
Bislang war alles nur leichtes Geplänkel gewesen. Jetzt würde sie zeigen, wozu sie in der Lage war.
Die zweite Jedi zündete ihr Lichtschwert. Es war ein doppelseitiges, mit zwei blauen Klingen. Sie kam näher.
Ha, ein Lichtschwert - lächerlich. Brennende Haare - wie kindisch.
Shri Lilith konzentrierte sich. Sie spürte den Hass von Jahrhunderten, die Furcht tausender bezwungener Gegner, die mentale Nahrung unzähliger Opfer. In ihr stieg ein verzehrendes Feuer auf. Es wurde heißer, loderte auf ...
Mit einer raschen Handbewegung deutete sie auf Isaphàn. Eine Feuerkugel entsprang ihrem Arm, raste auf die Jedi zu und riss sie von den Beinen.
Nein, niemand konnte sich Shri Lilith widersetzen.

"Halt mal bitte die Zange!"
Helen reichte Stella das Werkzeug und dreht vorsichtig zwei blanke Drähte zusammen. Ihre Hände waren feucht, Schweiß rann ihr von der Stirn. Es war stickig und furchbar eng im Hohlraum unter den metallenen Bodenplatten des Maschinenraums. Zwischen Luftschläuchen, Hydraulikleitungen und unzähligen Kabelsträngen kauerten die beiden Frauen und versuchten, fünf Thermodetonatoren an die Sublichtsteuerung anzuschließen. In der Therorie war der Plan kinderleicht gewesen, aber dieser Gleiter war von einer Bauart, wie sie Helen noch nie gesehen hatte. Keine Kabelverbindung war an der Stelle, die die noch aus alten imperialen Zeiten stammende "Dritte galaktische Vorschrift zur Installation von Elektronik-Verbindungen in Raumgleitern" vorschrieb.
Sie seufzte. "Manchmal denke ich, nicht alles war im Imperium schlecht."
"Was?" Stella runzelte die Stirn.
"Ach nichts. Vergiss es. Leg jetzt mal den zweiten Kippschalter um."
Stella betätigte den Schalter an dem kleinen Steuergerät, das Helen mitgebracht hatte, aber alle Kontrolllämpchen blieben dunkel.
"Mist, so geht das nicht. Ich brauche einen Kupfer-Überbrückungsdraht von mindestens einem Meter."
"Ich könnten einen holen", überlegte Stella. "Aber dauert das nicht viel zu lange? Wenn nun Lufernos Leute zurückkommen ..."
"Geh nur", meinte Helen. "Ich warte oben im Eingangsbereich. Dann kann ich schnell verschwinden, wenn jemand kommt. Oder mich notfalls im Gleiter einschließen und verschanzen."
So machten sie es. Sie kletterten aus ihrer unbequemen Arbeitsstätte hervor und gingen zum Einstieg des Schiffes. Stella lief die Rampe herunter und verschwand in der Dunkelheit.
Helen wartete am Eingang.
Draußen quollen noch immer dicke Rauchwolken von der Relaisstation empor. In der Ferne war Kampfeslärm zu hören. Zum Feuerlöschen hatte unter diesen Umständen natürlich niemand Zeit.
Feuerlöschen? Helen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Warum hatte sie nicht gleich daran gedacht? Die elektronische Steuerung der Feuerlöschanlage war die ideale Überbrückungsmöglichkeit. Damit konnte sie den Zünder anschließen.
Entschlossen wandte sie sich vom Eingang ab und ging wieder ins Innere des Schiffes.

Yo-Karah kämpfte sich unter dem schweren Regal hervor. Sie sah, wie sich Isaphàn in ihrer brennenden Tunika wälzte, bemüht, die Flammen zu ersticken. Dann sprang mit einem lauten Zischen die automatische Löschanlage in der Halle an. Ein flächendeckendes Besprühen des gesamtes Gebäudes war die eine Folge, ein von Wärmesensoren gesteuerter gezielter Strahl auf die brennende Isaphàn die andere.
Im Nu war die junge Jedi-Hexe wieder auf den Beinen, das doppelseitige Lichtschwert in den Händen. Sie sah recht mitgenommen, aber dafür umso entschlossener aus. Yo-Karah ignorierte ihre eigenen Schmerzen und zündete ebenfalls erneut ihr Lichtschwert.
Die dunkle Hexe schien einen Moment verwirrt, als die Löschanlage ansprang. Doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Auch sie zog nun eine Waffe aus ihrem Gürtel. Diese sah aus wie der Griff eines Lichtschwertes, doch als sie sie aktivierte, schoss ein flexibler, flackernder und tänzelnder Strahl in die Luft. Es gab keinen Zweifel: Die Hexe kämpfte mit einer Art Lichtpeitsche.
Yo-Karah hatte keine Zeit sich über diese Waffe, von der sie noch nie gehört hatte, zu wundern. Oder zu fragen, warum die Lichtstrahlen nicht starr geradeaus zeigten, sondern wie bei einer normalen Peitsche hin und her schwangen.
Denn schon sprang die Hexe auf sie zu und schwang das tödliche Instrument über dem Kopf.
Dem ersten Hieb konnte Yo-Karah mit einem seitlichen Sprung ausweichen. Den zweiten wehrte sie mit ihrem Lichtschwert ab. Doch im Unterschied zu einer Lichtschwertklinge wickelte sich die Lichtpeitsche um Yo-Karahs Klinge. Mit einer Bewegung ihrer Hand stieß Shri Lilith ihre Gegnerin zurück, während sie gleichzeitig ruckartig an der Peitsche zog. Das Lichtschwert wurde Yo-Karah aus der Hand gerissen. Deaktiviert polterte es auf den Hallenboden. Die junge Jedi war nun völlig unbewaffnet.
Wieder zischte ein Hieb heran. Yo-Karah warf sich blitzschnell nach rechts zu Boden. Sie rollte sich über die Schulter ab, konnte aber nicht schnell genug wieder aufstehen, denn erneut schlug die Hexe zu. Eine blitzschnelle Drehung nach links, und Yo-Karah spürte, wie die Lichtpeitsche unmittelbar neben ihren Kopf eine Kerbe in den Boden brannte.
Shri Lilith holte wiederum aus, wirbelte aber unvermittelt herum und schlug nach Isaphàn, die sich herangeschlichen hatte. Isaphàn wich zwei, drei Schlägen aus und verschaffte Yo-Karah ein wenig Luft, die zu ihrem Lichtschwert sprang und es erneut aktivierte.
Zwei weitere rasche Schläge von Shri Lilith, und der überlange, für zwei Klingen konstruierte Griff von Isaphans Lichtschwert wurde in der Mitte durchtrennt. Bei diesem Schlag streifte das zuckende Ende der Peitsche Isaphàns rechten Oberschenkel und hinterließ eine klaffende Wunde.
Yo-Karah griff Shri Lilith von hinten an, doch die hatte die Attacke gespürt. Sie wirbelte herum und hielt ihre Gegnerin auf Distanz.
Doch mit einem Mal blitzte Blasterfeuer auf, und die dunkle Hexe ließ mit einem Schrei ihre Lichtpeitsche fallen, die sich automatisch deaktivierte.
Vom Eingang der Halle trippelte GL02 heran. Mit seinem Blaster in seiner Metallhand sah er nicht sehr nach einem Kammerdiener aus.
Shri Lilith presste ihre Hand an ihre Seite. Sie wankte. Der Schuss schien sie schwer getroffen zu haben. Eine rasche Handbewegung, und ein gleißender Blitz blendete die Menschen und den Droiden.
Als Yo-Karah wieder sehen konnte, war die Hexe verschwunden.
Isaphàn hatte sich einen Stoffstreifen von ihrer zerfetzten und verbrannten Tunika abgerissen und stillte die Wunde an ihrem Oberschenkel.
"Wo kommst du den her, George?" fragte sie erschöpft.
"Oh, Seine Lordschaft hat mich über sein Komgerät gerufen. Er meinte, diese Hexe würde menschliche Präsenz spüren. Einen Droiden würde sie vielleicht nicht wahrnehmen. Es hat geklappt. - Ich muss aber hinzufügen, dass diese Schießerei nicht zu meiner ursprünglichen Programmierung gehört. Nur der ausdrückliche Befehl Seiner Lordschaft ..."
"Schon gut, George", unterbrach ihn Yo-Karah. "Du hast uns sehr geholfen. Aber es ist noch nicht vorbei. Noch ist diese Hexe hier auf der Insel. Isaphàn, kannst du gehen? Dann komm nach!"
"Ich versuchs." Vorsichtig stand Isaphàn auf und folgte humpelnd ihrer Freundin, die mit George die Halle bereits verlassen hatte.
Yo-Karah blieb draußen kurz stehen und orientierte sich.
"Ich glaube, sie ist zum Landeplatz gelaufen. Komm, George, wir müssen da rüber!"
Yo-Karah rannte los und ließ den langsamen Droiden rasch hinter sich.
Während sie lief, fragte sie sich, wo ihr Vater eigentlich abgeblieben war.

Obi-Nor steckte das Komgerät wieder an den Gürtel. George war unterwegs zur Halle. Jetzt musste er nur ein wenig Zeit gewinnen. Isaphàn war soeben in die Halle gelaufen, und er konnte zusätzlich versuchen, diese schreckliche Angreiferin zu beschäftigen.
Doch bevor er sich darüber klar wurde, was er unternehmen sollte, splitterte im nahe gelegenen Verwaltungsgebäude ein anderes Fenster. Ein Mann sprang durch die Öffnung und lief davon.
Trash Luferno! Obi-Nor erkannte die Silhouette im Mondschein sofort. Was sollte er tun? Den beiden Jedi helfen? In der Halle ertönte ein Schrei, dann sprang die Löschanlage an.
Luferno war inzwischen unterwegs in Richtung Strand. Es schien, als wollte er einen der Wassergleiter erreichen, um von der Insel zu fliehen.
Obi-Nor setzte hinterher. Er hoffte, dass die beiden Jedi mit der Hexe allein fertig wurden.
Luferno lief so schnell er konnte, doch Obi-Nor kam rasch näher. Luferno mochte noch so viele Zaubermittel gegen seinen Alterungsprozess genommen haben, aber er hatte den Körper eines etwa 60 Jahre alten Mannes. Kurz vor der Bruchkante des Firmengrundstücks holte Obi-Nor seinen Gegner ein.
Mit einem Sprung riss er Luferno von den Beinen. Sie wälzten sich über den Rasen, versuchten den anderen zu treten und zu schlagen.
Obi-Nor konnte einen Faustschlag an Lufernos Schläfe landen. Er drückte seinen auf dem Rücken liegenden zappelnden Gegner zu Boden.
"Das wars, Luferno", fauchte er ihn an.
Doch plötzlich knackte es in Lufernos Mund, und Luferno pustete ihm ins Gesicht. Beißender Nebel stieg in Obi-Nors Augen und nahm ihm die Sicht. Luferno riss sich los und sprang auf, doch Obi-Nor packte blindlings zu und krallte sich verbissen fest. Beide torkelten und taumelten auf die Bruchkante zu und stürzten in einer kleinen Sandlawine die zehn Meter zum Strand hinab.
Obi-Nor fluchte. Er konnte nichts sehen; seine Augen brannten furchtbar. Luferno hatte er verloren. Der war offenbar nicht darauf aus, seinen Widersacher nochmals anzugreifen, sondern hatte sich anscheinend leise davongeschlichen.

Als das vierte Kanonenboot explodierte, wendete sich das Blatt in der Raumschlacht. Die Gildorian-Gruppe hatte bereits drei Frachter verloren, Col-Bash vier seiner Schiffe. Karrde und seine Leute hatten die leichten Kreuzer aufgerieben. Die meisten an der Schlacht beteiligten Schiffe auf beiden Seiten waren bereits schwer beschädigt abgedreht oder trieben steuerlos im Raum.
So auch Ruwen und seine Crew mit ihrem schweren Frachter. Ein Treffer hatte die gesamte reguläre und den größten Teil der Notfall-Energieversorgung lahmgelegt. Das einzige noch funktionierende Notaggregat lieferte nur für eine von drei Funktionen genug Energie: fliegen, feuern oder schützen. Ruwen hatte sich für die Schutzschilde entschieden. Niemals hätten sie sich völlig wehrlos aus dem Schlachtgetümmel davonschleichen können.
Ruwen hatte daher die denkbar ungünstigste Rolle, wie er fand, nämlich die des ohnmächtigen Zuschauers. Und er musste erleben, wie Rhysbe in schwere Bedrängnis geriet.
Ein feindlicher Hilfskreuzer wurde offenbar von einem fanatischen Kämpfer und einem wahren Flieger-As gesteuert. Er wich geschickt jedem Feuer aus und belegte Rhysbes Modulfrachter mit immer neuen Treffern. Der dicke Kasten war einfach zu plump.
Offenbar war auch Rhysbe zu dieser Erkenntnis gekommen.
"Gefekchtsteams zurrr Brrrücke! Module prrräparrrierrren" hörte Ruwen über seinen Sprechfunk. Im Unterschied zur Holo-Übertragung funktionierte das Sprachnetz mit Niedrigspannung-Energie und wurde deshalb von einem separaten Aggregat betrieben. Ruwen hätte lieber auf den Funk verzichtet als auf seine Lasergeschütze, aber das war nunmal nicht zu ändern.
"Gefechtsmodule geräumt!" ertönte eine andere Stimme.
Rhysbe versuchte, dem angreifenden Hilfskreuzer auszuweichen. Sie zog eine enge Rechtskurve, doch der Angreifer blieb an ihrem Heck. Wild feuernd kam er immer näher an den Frachter heran. Plötzlich wurden die vier seitlichen Gefechtsmodule abgesprengt, und das nur noch aus Steuermodul, Längsachse und Antriebsmodul bestehende Schiff machte in einer gewaltigen Beschleunigung einen Satz nach vorn. Rhysbe zog das Schiff steil nach oben und drehte es um 180 Grad um die Querachse, so dass die Nase nach unten zeigte.
Donnerwetter, wo hat dieses Zotteltier nur das Fliegen gelernt? dachte Ruwen bewundernd.
Der Hilfskreuzer war von dem Manöver völlig überrascht. Er flog in nächster Nähe an den vier verlassenen Gefechtsmodule vorbei.
Jetzt! dachte Ruwen, und tatsächlich: Die vier Module explodierten mit ungeheurer Wucht. Der Kreuzer verlor seine Hauptdeflektoren, kam ins Trudeln und passierte Rhysbes Schiff schlingernd direkt unterhalb ihres Cockpits. Das Steuermodul war nur mit einer einzigen Laserkanone bestückt, doch die war in dieser Situation völlig ausreichend. Drei gezielte Schüsse reichten, um die ungeschützte Kommandobrücke des Kreuzers zu zerstören. Die Explosionen setzten sich in Kettenreaktionen fort, bis das gesamte Schiff auseinander gebrochen war.
Dieser Verlust gab Lufernos Leuten den Rest. Die wenigen noch intakten Schiffe zogen sich zurück und sprangen in den Hyperraum.
Ein Triumphgeheul von Dutzenden Wesen aus mindestens fünf verschiedenen Spezies erklang im Sprechfunk.
"Das wars, sammeln wir die beschädigten Schiffe ein", lautete Karrdes lapidarer Schlusssatz.
Ruwen schloss die Augen und dachte an seine Schwester. Jetzt war My gerächt.

Helen legte den Kippschalter um. Die drei grünen Kontrollämpchen leuchteten. Geschafft!
Mit vorsichtigen Bewegungen aktivierte sie die Thermodetonatoren. Wer jetzt das Sublichtaggregat einschaltete, brachte das Kunststück fertig, sich im wörtlichen Sinne restlos von dieser Galaxis zu verabschieden.
Helen musste über dieses Wortspiel lächeln, obwohl sie buchstäblich auf einer Bombe saß.
Auf einer? dachte sie, auf fünf!
Sie kletterte vorsichtig aus dem Hohlraum herauf, und befestigte die Abdeckplatten.
Mitten in der Bewegung erstarrte sie.
Mit einem Dröhnen waren die Repulsoraggregate angesprungen. Der Boden schwankte, und Helen spürte, dass der Raumgleiter abhob.
Ihr Herz hüpfte bis zum Hals, ihr Magen sackte bis in die Kniekehle. Dann waren ihre Nerven wie elektrisiert, eine Folge des Adrenalinstoßes.
Wie hoch flog man einen solchen Raumgleiter, bis man die Sublichtaggregate anschaltete? 50 Meter? 100 Meter? 200 Meter? Mehr sicher nicht.
Sie saß in der Falle ...

Obi-Nor blinzelte. Helle Punkte tanzten vor seinen Augen. Mehr konnte er nicht erkennen. Trotzdem schien das bereits eine Verbesserung zu sein, denn vorher hatte er nur dunkle Punkte gesehen. Jetzt konnte er schemenhaft seine Hand erkennen, den Strand, das Meer. Das Pulver, das Luferno in einer Kapsel im Mund aufbewahrt hatte, verlor seine Wirkung.
Er schaute sich um. Von Luferno war nichts zu sehen. Das war aber auch nicht nötig, er konnte einfach den Fußspuren folgen, die der Gangster hinterlassen hatte.
Er rannte durch den weichen Sand. Es war schwer, hier schnell voranzukommen. Doch er war sich sicher, dass Luferno noch mehr Probleme haben würde.
Nach etwa drei Minuten sah er ihn, wie er auf einen an einem Steg befestigten Wassergleiter zuhielt.
Luferno sprang in das Schwebeboot und hantierte am Steuerpult.
Der Motor sprang an, und das Boot legte ab, als Obi-Nor den Steg erreichte.
Er riss den Blaster hoch und feuerte mehrmals auf das Heck des Bootes. Mit einem lauten Knall ging der hintere Teil in Flammen auf.
Luferno sprang ins Wasser und schwamm ans Ufer. Völlig ausgepumpt hockte er am Strand.
Obi-Nor ging zu seinem Widersacher und hielt ihm den Blaster an den Kopf.
"Sag mir nur einen Grund, warum ich dich nicht sofort erschießen soll!" knurrte er.
"Machs doch!" keuchte Luferno.
"Das würde dir so passen. Nein, das wäre viel zu milde. Ich kenne da jemanden, die ältere Rechte an deinen Kopf hat. Sie ..."
Er wurde unterbrochen. Vom Landeplatz kam im niedrigen Gleitflug das kleine kugelförmige Raumschiff über den Strand geflogen. Über dem Meer gewann es an Höhe. Die Triebwerke wurden gestartet, und sogleich zerriss eine gewaltige Explosion die Nacht. In einer weißglühenden Feuerkugel stürzte der Raumgleiter ins Meer.

Stella blieb mit dem Kupferdraht in der Hand wie angewurzelt stehen.
"Helen! Oh, nein!"
Sie sah, wie die dunkle, offenbar verletzte Gestalt Shri Liliths die Rampe emporwankte und den Eingang schloss. Sekunden später sprangen die Repulsoraggregate an.
Yo-Karah rannte auf das Landefeld. "Was ist los, Stella? Wir kommen wohl zu spät?"
Der Gleiter hob ab.
"Helen ist noch an Bord. Die Bombe ..."
In diesem Augenblick löste sich eine Rettungskapsel vom Gleiter und stürzte ungebremst zu Boden.
Stella und Yo-Karah rannten zu der Absturzstelle. Sie öffneten die Kapsel und zogen eine leblos wirkende Helen Moonlight heraus.
"Helen, lebst du noch?" flüsterte Stella.
"So halbwegs." Helen schlug die Augen auf. "Mein Kopf brummt, als hätten mir Wookies ein paar Ohrfeigen verpasst. Und ich glaube, ich habe die Schulter ausgekugelt. Und mein Bein ..."
Eine Explosion erschütterte die Insel; der Gleiter stürzte in einem Feuerball ins Meer.
"Hätte schlimmer ausgehen können", konstatierte Stella trocken.

Es war beinahe ein Bild des Friedens. Zwei Händler saßen in einer lauen Tropennacht am Meerestrand. Nur hielt der eine dem anderen einen Blaster an den Kopf.
"Mylord, wenn ich die Bewachung übernehmen soll? Wenn ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben darf: Ich komme langsam auf den Geschmack ..."
"Mach das, George, dann kann ich mich um meine Wunde kümmern."
Lass mich das doch machen!" Stella eilte herbei. "Zeig mal her!"
Mit sanfter Gewalt drückte sie Obi-Nor wieder zu Boden und tupfte das Blut von seiner Stirn.
"Ruh dich aus, du hast genug mitgemacht", gebot sie, "leg deinen Kopf auf meinen Schoß."
"Aber hör mal", protestierte Obi-Nor. "Schau, die anderen hat es viel schlimmer erwischt!"
In der Tat boten die drei Frauen, die herbeigehumpelt kamen, einen traurigen Anblick. Helen hielt mit der rechten Hand ihren schmerzenden Kopf, ihr linker Arm schien schief im Schultergelenk zu hängen. Die beiden Jedi sahen noch übler aus. Isaphàn hatte Brandspuren im Gesicht. Mehr als verkohlte Fetzen waren von ihrer Tunika nicht übrig geblieben. Aus einer notdürftig abgebundenen Oberschenkelwunde sickerte Blut. Yo-Karah war über und über mit Hautabschürfungen, Prellungen und kleinen blutenden Wunden bedeckt. Ihre rechte Wange fing an, sich blau zu verfärben.
"Ja", meinte Stella, "die hat es schlimm erwischt. Die Medi-Droiden sind auch schon informiert. Sie werden gut versorgt werden." Damit tupfte sie wieder das Blut aus Obi-Nors Stirn.
Obi-Nor schloss die Augen, legte den Kopf auf Stellas Schoß und grinste wie ein satter Kater.

Als die vier eingeplanten Stunden um waren, ohne dass sie den Hyperraum verließen, beschlich Pix Tersho ein unangenehmes Gefühl.
"Basho, überprüfen Sie die Daten für den Hyperraumflug!"
"Ay, Sir ... oh, Sir, ich ... wir ... sie wurden nachträglich verändert!"
"Was?" Tersho war mit zwei Schritten selbst an der Computer-Konsole.
"Hier, Sir, unsere eigenen Daten wurden überschrieben. Die neuen Daten sind ... oh, der Zugriff ist blockiert. Sir, ich weiß nicht, wohin wir fliegen."
"Hyperraumflug sofort abbrechen!"
"Das, äh, das geht nicht." Basho holte tief Luft. "Sir, ich sage das nur ungern, aber wer immer uns diese Lage eingebrockt hat, war ein genialer Computerfachmann. Wir sind der neuen Programmierung hilflos ausgeliefert."
Tersho schluckte. Er starrte noch einige Sekunden nachdenklich auf die Konsole, dann begab er sich wieder zu seinem Platz.
Mit einer müde wirkenden Handbewegung aktivierte er die Bordsprechanlage.
"Hier spricht Captain Tersho. An Alle. Unsere Daten für den Hyperraumflug wurden manipuliert. Wir wissen nicht, wohin wir fliegen, wie lange wir unterwegs sein werden und was uns erwartet, wenn wir den Hyperraum verlassen. Ein Abbruch des Fluges ist ebenfalls nicht möglich."
Er machte eine kleine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.
"Ich sehe drei Möglichkeiten", fuhr er fort. "Erstens: Wir werden mitten durch einen Stern gelenkt. In diesem Fall gibt es nichts mehr zu bereden oder zu entscheiden. Zweitens: Wir landen irgendwo in den Tiefen der Galaxis, weil jemand lediglich verhindern wollte, dass wir unserer übrigen Flotte bei Trexx zu Hilfe kommen. In diesem Fall fliegen wir einfach nach Hause. Ich halte aber den dritten Fall für den wahrscheinlichsten: Wenn wir aus dem Hyperraum auftauchen, erwartet uns eine komplette Flotte der Neuen Republik. Wenn diese Vermutung stimmt, können wir uns zur Wehr setzen. Wir können heldenhaft kämpfen und ein oder zwei gegnerische Schiffe zerstören. Aber uns wird es auf alle Fälle ebenso erwischen. Leute, ich könnt mich unter Arrest stellen oder gleich erschießen, aber dieses Szenario passt mir nicht. Ich bin bereit, im Kampf gegen diesen Gildorian alles zu riskieren, deshalb hat uns Mr. Luferno angeheuert. Aber auf einen Kampf mit der Neuen Republik habe ich keine Lust. Sie steht auch nicht in unserer Vereinbarung."
Tersho machte wiederum eine kleine Pause.
"Also, was ist eure Meinung?"
Es war einige Augenblicke still, dann meldete sich eine Stimme über Bordfunk.
"Hier ist Rodden vom Maschinenraum. Tersho, wenn Sie uns hier lebend rausholen - ich kenne da eine Cantina auf Crispin III. Die erste Runde geht auf mich!"

Maxwell Finch war seit 30 Jahren bei der Marine. Früher hatte er auf der Seite der Rebellion gekämpft, auf Yavin 4, auf Hoth und in der Schlacht von Endor. Nach der Gründung der Neuen Republik hatte er rasch Karriere gemacht.
Nun war er Admiral. Ein oder zwei Dienstjahre noch, dann konnte er sich zur Ruhe setzen. Bis heute war er der Meinung gewesen, dass er in seiner Laufbahn schon alles erlebt hatte. Aber dieses von Admiral Ackbar persönlich angeordnete Manöver setzte ihn doch in Erstaunen.
Die gesamte vierte Flotte der Neuen Republik hatte sich nach Ghlo Beta begeben und Abfangformation einnehmen müssen.
Dann geschah stundenlang gar nichts.
Nur er selbst wusste, dass sie auf einen alten imperialen Sternzerstörer warteten, der angeblich in Privatbesitz war. Schon diese Vorstellung allein war ein Witz. Aber dass dieses Kriegsschiff ausgerechnet hier auftauchen sollte?
"Alarm! Sternzerstörer auf C08!" schallte es durch die Lautsprecher.
Tatsächlich, aus dem Nichts materialisierte sich ein alter Sternzerstörer.
"Schilde auf Maximum! Bereit zum Feuern!" bellte Finch.
Doch dann geschah das Unglaubliche.
Der Sternzerstörer deaktivierte alle Schutzschilde, und eine freundliche Stimme meldete sich über Funk.
"Hallo zusammen. Nettes Empfangskomitee. Hier spricht Pix Tersho, Captain der Assault. Meine Crew und ich haben das unrechtmäßig im Privatbesitz Loco Lufernos befindliche Schiff gekapert, um es der Neuen Republik zu übergeben. Wir verlangen lediglich freies Geleit und eine Passage nach Crispin III. Zu Übergabe bitte ich, an Bord kommen zu dürfen."

Die Courier III landete auf einer Lichtung inmitten des dichten Laubwaldes, der den größten Teil des nördlichen Kontinents auf dem Planeten Warlucc bedeckte.
Die Einstiegsrampe klappte auf, und zwei Menschen stiegen aus. Loco Luferno, die Hände mit einem Stahlband gefesselt, und Obi-Nor, mit einem Blaster bewaffnet.
Sie hatten sich ein paar Schritte von dem zur Privatyacht umgebauten Frachter entfernt, da gab Obi-Nor ein Zeichen anzuhalten.
"So, Luferno, hier trennen sich unsere Wege. Ich lass dich gleich frei, sollte dir aber vorher erklären, was auf dich zukommt. Oder warst du schon mal Zeuge einer rituellen Jagd der Warlucca?"
Luferno schnaubte. "Was hast du vor?"
"Dich freilassen, sag ich doch. - Pass auf, du bist hier auf Warlucc eine bedeutende Persönlichkeit. Der Rat der Warlucca hat dich zum "Feind des Volkes" erklärt. Wenn die Sonne über die Berge dort klettert, beginnt die rituelle Jagd auf dich. Du darfst alles machen, weglaufen, dich verstecken, dir aus Ästen eine Waffe schnitzen. Nicht dass es viel nützen würde ..."
"Das ist doch krank!" protestierte Luferno. "Die Warlucca sind Monster!"
"Das Monster bist du", erwiderte Obi-Nor kalt. "Beweise hast du ja genügend geliefert. Aber ich muss dir ja die Regeln weiter erklären. Du denkst vielleicht, dass du einfach hier warten kannst, bis sie dich aufspüren? Dass sie dich so schnell töten wie Zevuv in deinem Verlies? Nein, das ist hier eine rituelle Jagd. Sie werden dir zunächst die Finger abtrennen, dann die Zehen, daraufhin die ... was wirst du auf einmal so bleich?"
"Gildorian, bitte, schaff mich hier raus. Ich werde dich reich belohnen."
"Spar dir deine Floskeln. Weiter: Du solltest also fliehen. Du hast vielleicht eine Chance, die Klippen in nördlicher Richtung zu erreichen und dich dort hinabzustürzen. Dann bist du wenigstens sofort tot. Vor 100 Jahren soll das ein Opfer mal geschafft haben, die Warlucca sind immer noch wütend darüber. Deshalb werden sie diese Fluchtmöglichkeit auch als erstes abschneiden. Tja, Luferno, sieht nicht gut aus für dich."
Die ersten Sonnenstrahlen krochen über den Berg, und in der Ferne erklang ein hölzernes Signalinstrument.
"Es geht los. Die Jagd beginnt."
Obi-Nor löste die Handfesseln und ging, den Blaster immer noch auf Luferno gerichtet, rückwärts um Schiff zurück.
"Das wars, Luferno. Jetzt würden dir nicht einmal mehr Hutts Kredit geben. Ich fürchte, du bist vom Markt verschwunden."

Ende des zweiten Teils