"Ein erfolgreiches Handelsunternehmen
ist niemals nur das Werk einer einzigen Person. Gleich, wer letztlich die Fäden
in der Hand hält - immer ist es ein Team kreativer und geschäftstüchtiger
Köpfe, die eine Firma zu dem machen, was sie ist. So auch im Fall der 'Gildorian
Enterprises': Neben dem begnadeten Gründer und Inhaber der Handelsgesellschaft,
der der Firma den Namen gab, war es stets das Führungsteam in der Verwaltungszentrale,
das den erstaunlichen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zum führenden
Handelshaus im H'olk-Sektor maßgeblich mitbestimmt hat. Allen voran die
verstorbene Verwaltungsdirektorin Stella Likori, die mit Umsicht, Energie und
Charme die Firma durch die gefährlichsten Klippen zahlreicher wirtschaftlicher
Turbulenzen gesteuert hat ..."
Trexxanisches Wirtschaftministerium, Entwurf eines Nachrufes, Textvorlage
für den Wirtschaftsminister
"Mit Erschütterung haben wir heute vom Tod Stella Likoris erfahren.
Wir verneigen uns vor unserer langjährigen Präsidentin und Impulsgeberin.
Vielen von uns war ihr Beispiel Ansporn, Vorbild und Ermutigung, ebenso wie
sie die Chancen und Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Karriere zu nutzen."
Union of Business Women, Stellungnahme des Vorstandes
"Stella Likori war in allem der perfekte Gegenpart zu Obi-Nor Gildorian.
Während der verschlagene Händler nie seine zweifelhafte Vergangenheit
als Waffen- und Spice-Schmuggler verleugnen und deshalb nur begrenzte Akzeptanz
in den gesellschaftlichen Kreisen des Planeten-Adels und des "Alten Geldes"
erreichen konnte, war Mrs. Likori jederzeit und zu allen Gelegenheiten die "Grande
Dame" der Handelsszene - eine Lady durch und durch."
Middle Rim Society Review, HoloMagazin, Rubrik 'Aktuelles'
"Jetzt wird viel über Stella Likori geredet und geschrieben werden.
Aber die Medien schauen nur auf die Fassade. Sie haben keine Ahnung von dem
Menschen hinter dieser Fassade ..."
Cooleesha, Chefsekretärin bei 'Gildorian Enterprises', Privatgespräch
"Mit Stella Likori verlieren wir eine der faszinierendsten Persönlichkeiten
des interstellaren Handelsgeschäftes. Vielleicht aber auch eine der rätselhaftesten.
Denn das geheimnisvolle Verschwinden der Verwaltungsdirektorin von 'Gildorian
Enterprises' und schließlich ihr tragisches Ende auf einem abgelegenen
Planeten wirft viele Fragen auf, die einer Antwort harren. Doch im Augenblick
ist für Spekulationen kein Platz. Unser Mitgefühl gilt Obi-Nor Gildorian.
Von dem engen Vertrauten von Stella Likori war heute keine Stellungnahme zu
bekommen. Doch Kenner der Szene wissen: Er ist ein gebrochener Mann."
Gator McClusky, Economic HoloNewsNet, Manuskript für die Sendung "Holo4u"
Der Wind peitschte über Palm Island
und trieb die Regenböen vom aufgewühlten Meer über die kleine
Insel. Queenspalmen und exotische Sträucher bogen sich unter der Wucht
heranstürmender Luftmassen. Der Regen prasselte auf das Dach des niedrigen
Holzhauses, verwandelte die geräumige Veranda in einen See, nahm die Sicht
auf die nur einhundert Meter entfernt liegenden Firmengebäude der 'Gildorian
Enterprises'.
Obi-Nor Gildorian seufzte bei Anblick der außer Rand und Band geratenen
Natur. An 350 von 402 Tagen im Jahr war dieses Domizil im südlichen Ozean
des Planeten Trexx ein tropisches Paradies mit blühenden Halee-Bäumen
und duftenden Calanuss-Büschen, mit zwitschernden Yellowbirds und Mini-P'Elohs.
Doch die restlichen Wochen, auf dem Höhepunkt der Regenzeit, ertrank Palm
Island beinahe in Wassergüssen.
Die äußeren Bedingungen waren jedenfalls kein gutes Omen für
die Krisensitzung des "Kleinen Rates", der immer dann zusammen kam,
wenn Entscheidungen von strategischer Bedeutung für das Unternehmen zu
fällen waren. Heute ging es um die Frage, ob man die Handelsrouten nach
Ma'Li V aufrecht halten sollte oder nicht. Eine heikle Entscheidung, war doch
das einzige Frachtgut, das die 'Gildorian Enterprises' in jene Region des Outer
Rim beförderte, das seltene Scarium-Erz: eine Ware, deren Einfuhr auf Ma'Li
V seit neuestem streng verboten war.
Im Klartext standen sie vor der Entscheidung, ob ihr angesehenes und ehrbares
Handelshaus zu seinen Ursprüngen zurückkehren sollte - zum Schmuggel.
Nach einer hitzigen und kontroversen Debatte hatte Obi-Nor eine kleine Pause
vorgeschlagen. Nicht allein, damit sich die Gemüter beruhigen und Sachargumente
Gehör finden konnten. Sondern auch, weil Stella Likori seltsam abwesend
und unkonzentriert wirkte. Merkwürdig, das passte doch gar nicht zu ihr
...
Obi-Nor verließ das Fenster und gesellte sich wieder zu der kleinen Runde.
"Nun, ist jemandem noch etwas Schlaues eingefallen in der Zwischenzeit?"
fragte er.
Chagnurgha, der Sicherheitschef, ließ ein leises Wookie-Heulen ertönen,
was sein Einverständnis mit jeder gefundenen Position signalisierte.
Ruwen Flyyr, der Chefpilot, zuckte die Achseln. "Ich habe meine Position
lange genug begründet. Wenn Stella und du etwas anderes entscheidet ...
Pech. Ich trage alle Beschlüsse mit."
"Und du, Stella?" wandte sich Obi-Nor an seine Verwaltungsdirektorin.
"Hm, was?" schreckte die Angesprochene hoch. "Entschuldige, ich
war gerade in Gedanken. Wiederholst du deine Frage noch einmal?"
"Nein, das tue ich nicht!" entgegnete Obi-Nor mit scharfer Stimme.
"Was ist los mit dir? Wir diskutieren hier eine wichtige Sache, und du
bist abwesend?!"
Stella blickte verlegen drein. "Entschuldige bitte, mir geht es nicht gut."
Ruwen Flyyr schaute peinlich berührt zu Boden, und selbst Chagnurgha schien
sich plötzlich sehr für die Details der Schalter seines Comlinks zu
interessieren.
"Okay, wir vertagen die Entscheidung auf morgen", entschied Obi-Nor.
"Ruwen, Chagnurgha, lasst Stella und mich bitte allein."
Die beiden gingen aus dem Raum, offenbar erleichtert, die unangenehme Situation
hinter sich zu lassen.
"Dich brauche ich auch nicht mehr, George. Lad' deine Energiezellen auf
und ruh dich aus!"
"Sehr wohl, Mylord!"
Der Kammerdienerdroide GL 02, der sich diskret im Hintergrund aufgehalten hatte,
trippelte davon.
"Was ist eigentlich los mit dir?"
Obi-Nor setzte sich in einen Formsteinsessel und bot Stella einen Whis-Drink
an, den diese jedoch kopfschüttelnd ablehnte.
"Es ist nichts, Obi-Nor. Ich fühle mich einfach mies ..."
"Stella, bitte! Tu mir das nicht an! Du brauchst mir nicht zu sagen, was
dich besorgt, aber lüg mich nicht an!"
"Verzeih mir, Obi-Nor. Ja, es ist etwas vorgefallen, aber ich kann nicht
darüber sprechen. Bitte glaub mir, ich kann einfach nicht!"
Ihre Stimme zitterte, und ihre Augen flackerten unruhig.
"Ist es wegen ..." Obi-Nor zögerte. Durfte er dieses heikle Thema
anschneiden? "... wegen deiner Vergangenheit?"
Stella zuckte zusammen, als hätte sie ein Blasterschuss durchbohrt.
"Bitte frag nicht weiter!" Ihr Gesicht wirkte gequält. Offensichtlich
hatte Obi-Nor ins Schwarze getroffen.
"In Ordnung, Stella!" Obi-Nor strich ihr beruhigend über den
Arm. "Ich lasse dich in Ruhe. Tut mir Leid."
Stella erhob sich und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
"Es tut mir Leid, glaub mir ..." Sie kämpfte jetzt mit den Tränen.
"Danke, Obi-Nor. Danke für alles ..."
Dann war sie verschwunden.
Obi-Nor blieb ratlos zurück.
Er starrte in seinen Trinkbecher, als lägen dort die Antworten auf seine
Fragen.
Warum war Stella so verschlossen, wenn es um ihre Vergangenheit ging? Er hatte
sie damals eingestellt vor ... nun, etwa 20 Jahre mochte es her sein. Auf Coruscant
war es gewesen, nach dem Sturz des Imperators. Als eine von vielen Arbeitslosen
aus der ehemals gigantischen imperialen Verwaltung hatte sie sich um die Stelle
in der kleinen, unbedeutenden Handelsfirma beworben. Ihre Lebensgeschichte vor
diesem Zeitraum kannte er nicht.
Zwar wurden sie schnell miteinander vertraut, entpuppten sich rasch als ideales
Team. Stella stieg bald zur Verwaltungschefin der expandierenden Firma auf und
wurde de facto Miteigentümerin von 'Gildorian Enterprises'. Und obwohl
es über 15 Jahre dauerte, bis sie sich eingestanden, dass sie mehr als
eine rein geschäftliche Beziehung verband, kannten sie längst die
Ansichten, Interessen, ja, oft sogar die Gedanken des jeweils anderen.
Doch über ihre Zeit vor der Tätigkeit in der imperialen Administration
wollte Stella nie sprechen. Diese Vergangenheit war zwischen ihnen stets tabu
gewesen, wie ein unheimliches, lebensfeindliches Schattenreich.
Und nun waren die Schatten der Vergangenheit offenbar zurückgekehrt.
Stella wischte sich die Tränen aus den Augen. Eine sinnlose Geste angesichts
des Regens, dachte sie sarkastisch. Triefend vor Nässe stand sie auf dem
breiten Sandstrand und starrte hinaus aufs Meer. Wie hatte sie diese Insel geliebt!
Die Vegetation, den sonnendurchfluteten Strand, das Meer. Die Firma, deren Aufstieg
sie von Anfang an mit gelenkt und vorangetrieben hatte. Und natürlich -
Obi-Nor.
Wieder liefen ihr Tränen die Wange hinunter und mischten sich mit den Regentropfen.
Es war hier wie ein Paradies gewesen. Endlich war sie dort angekommen, wo sie
hingehörte. Das hier war ihre Welt, ihr Zuhause.
Sie hatte gedacht, die Vergangenheit sei auf immer begraben, vergessen im Fortgang
der Zeiten.
Doch nun war sie wieder aufgetaucht wie ein geklonter, wiederauferstandener
Imperator. Und sie richtete ebenso schreckliche Verwüstungen an.
Ihr Zeitmesser piepte.
Es war so weit, sie musste sich melden.
Wie in Trance ging sie zurück zu ihrer Wohneinheit. Sie streifte lediglich
die Schuhe ab, als sie die Räume betrat, achtete nicht auf die Pfützen,
die sie auf dem Textilboden hinterließ. Schnurstracks ging sie zum HoloCom-Gerät
und stellte eine Verbindung auf einer abgesicherten Frequenz her.
Das HoloBild baute sich auf, und ein Mann von etwa 50 Jahren erschien. Schon
vor einigen Stunden hatte Stella mit ihm Kontakt gehabt. Und wie beim ersten
Mal waren nicht seine grünen Augen oder die lockigen braunen Haare das
Erste, was sie sah. Auch nicht das energische, vorgestreckte Kinn. Nicht die
breiten Schultern oder die kräftigen Oberarme. Ihr Blick fiel unwillkürlich
wieder auf seine linke Gesichtshälfte, auf die von der Schläfe bis
zum Unterkieferknochen wellige, narbige Haut einer alten Brandwunde.
Grinsend strich er mit seiner Hand über das entstellte Gesicht.
"Gefällt dir mein Anblick, Süße? Hübsch meine Haut,
nicht wahr?"
Stella erwiderte nichts.
"Sprachlos, meine Wildkatze? Egal, bald wirst du das Vergnügen haben,
die Gegenwart des guten alten Tuvv Cotingo aus allernächster Nähe
zu genießen. Na? Freust du dich schon darauf?"
Wieder blieb Stella die Antwort schuldig. Ihr Gesicht war wie versteinert, die
Lippen hatte sie zusammengepresst.
"Also, wie hast du dich entschieden?" Das Grinsen in seinen Augen
war wie weggeblasen. "Los, sag schon! Kommst du oder nicht?"
Stella schluckte. Sie musste es ihm jetzt sagen, doch es fiel ihr schwer, einen
Ton herauszubringen.
Schließlich nickte sie.
"Ja, Tuvv, ich komme."
Ein höhnisches Lachen quittierte ihre Zustimmung.
"Brav. Ein braves Mädchen bist du geworden, Stella. Wurd' auch Zeit
nach all den Jahren. Du kommst also zu mir zurück, wie es sich für
eine gute Ehefrau geziemt."
Und mit einem weiteren Lachen deaktivierte er die Verbindung.
Stella war minutenlang unfähig, sich zu bewegen.
Sie hatte gehofft, niemals wieder von diesem Kerl zu hören, doch jetzt
fing alles wieder von vorn an.
Ein Alptraum, genau wie damals ...
In einer langen Reihe standen die Frauen
des Dorfes nebeneinander in dem wasserbedeckten Feld und pflückten die
reifen Fruchtkapseln von den kniehohen N'Carh-Pflanzen. Erbarmungslos brannte
das heiße, gleißende Licht der Sonne auf den feuchten Boden und
verwandelte die Luft in eine unerträglich drückende, schwüle
Treibhausatmosphäre. Die langen, bunt gemusterten Wickelkleider klebten
den Frauen am Leib, Schweiß rann ihnen in Strömen den Körper
hinunter. Die nackten Füße knöcheltief im trüben braunen
Wasser, standen sie mit gebeugtem Rücken und mit von den harten Kapseln
wundgerissenen Händen Stunde um Stunde auf dem Feld. Einige von ihnen,
es waren die Ärmsten der Dorffrauen, hatten sogar ihr Baby in einem Tragetuch
auf den Rücken gebunden: N'Joni vom Clan Daru, deren Mann zu krank zum
Jagen war, und die nun trotz der Still-Zeit allein für den Lebensunterhalt
der Familie sorgen musste. Oder Ayee vom Clan M'Kwomo, deren Mann und deren
Bruder bei der großen Fehde der Piraten-Lords umgekommen waren. Oder Deratu
vom Clan Motawir, die nicht sagen konnte, wer der Vater ihres Kindes war.
Ein langgezogener Ton aus einem Signalhorn ertönte.
Endlich!
Stella vom Clan Likori richtete sich stöhnend auf. Ihr Kreuz fühlte
sich an wie von einem Hirsestampfer malträtiert.
Als sie sich in die Schlange der Frauen einreihte, die ihr Erntenetz in den
großen Sammeltrog schütteten, bemerkte sie zu spät, dass vor
ihr Kira vom Clan Rakos stand. Eine schreckliche Person, doch Stella war einfach
zu müde, um ihr auszuweichen.
Kira drehte sich um und sprach absichtlich laut, damit auch andere Frauen hörten,
was sie sagte.
"Ah, die große Stella. Wieder mal mehr gepflückt als wir alle?"
Dann lachte sie gehässig. "Aber nicht fähig, sich einen Mann
zu pflücken!"
Stella ballte ihre Fäuste. Am liebsten hätte sie dieser blöden
Gans das Lachen aus dem Gesicht geprügelt. Aber im Grunde hatte sie ja
Recht. Stella war nun schon 17 Jahre alt und noch immer nicht versprochen, geschweige
denn verheiratet. Kira dagegen hatte mit ihren 19 Jahren schon zwei Kinder.
"Dich will wohl keiner", stichelte Kira weiter. "Oder wollen
dich deine Eltern nicht weggeben? War nicht neulich erst der Seher bei euch
zu Gast? Kannst du vielleicht gar keine Kinder bekommen? Würdest du deinem
Clan Schande bereiten?"
Bevor Stella reagieren konnte, drängte sich Zil vom Clan B'Afo dazwischen.
"Schluss jetzt! Kira, hör auf mit dem Gerede! Stella, achte einfach
nicht auf sie!"
Doch Stella hatte die Worte sehr wohl gehört. Und sie brannten ihr wie
Feuer in der Seele.
Als sie ins Dorf zurück kamen, wurde gerade ein Atmosphärengleiter
mit N'Carh-Sammeltrögen beladen. Stella wusste, dass dieser Gleiter nach
A'Cra zum einzigen Raumhafen auf Ghan fliegen und eines der riesigen Frachtschiffe
beliefern würde. N'Carh war eine vielseitig eingesetzte Nutzpflanze auf
Ghan, vor allem als Färbemittel für Stoffe geeignet. Doch auf fremden
Planeten fand sie eine ganz andere Verwendung: Große Labors nahmen sie
als Zutat für ein Spice-Rauschmittel, das für Unsummen in der gesamten
Galaxis verkauft wurde.
Und wir bekommen lediglich einen imperialen Credit am Tag, dachte Stella bitter.
"Na, schöne Frau, träumst du?"
Die Stimme riss Stella aus ihren Gedanken. Einer der Männer, die den Gleiter
beluden, hatte sie angesprochen.
"Ich habe nur daran gedacht, wie es ist, mit einem Raumschiff von hier
wegzufliegen", antwortete Stella verträumt. "Ganz weit weg ..."
Der Mann lachte. "Willst hier weg, was? Nun, wenn du nett bittest, könnte
ich dich mitnehmen. Ich bin nämlich zufällig der Cargo-Master der
Golden Mynock, des Frachters, den wir beliefern. Der Boss hat bestimmt
nichts dagegen, wenn wir solch charmanten Besuch an Bord haben."
Jetzt erst betrachtete Stella den Mann genauer. Er mochte zehn Jahre älter
sein als sie. Mit seinen hellbraunen Haaren, seiner hellen Haut und seinen grünen
Augen sah er ganz anders aus als die Männer des Dorfes. Sein Aussehen schien
den Geschmack von Ferne, Weite und Freiheit auszustrahlen.
"Stella, was treibst du dich da rum?! Komm sofort her!"
Stella zuckte zusammen. "Ich muss gehen, meine Mutter ruft mich!"
"Warte!" sagte der Cargo-Master rasch. "Wie heißt du?"
"Mein Name ist Stella von Clan Likori. Und deiner?"
"Tuvv Cotingo. Ich bin sicher, wir sehen uns wieder ..."
Was für eine Frau!
Nun ja, eigentlich eher ein Mädchen. Tuvv grinste. Wenn er Glück hatte,
war sie noch Jungfrau. Das rote Kopftuch, Zeichen der verheirateten Frauen auf
Ghan, trug sie jedenfalls nicht.
Aber es war egal. Diese Stella war einfach umwerfend. Fast einen Kopf größer
als die meisten Frauen dieser Region, strahlte ihre aufrechte, schlanke Gestalt
etwas würdevolles, beinahe königliches aus. Ihre Haut hatte die dunkelbraune
Farbe der Choc-Bohnen, das bis zur Taille herab reichende krause Haar war pechschwarz.
Einen exotischen Touch gaben ihr die dunklen Mandelaugen und die hohen Wangenknochen.
Und ihre glockenhelle Stimme sowie das feurige Blitzen ihrer Augen zeugten von
Energie und Temperament.
Tuvv spürte, wie ihm heiß wurde. Diese schwarze Katze musste er besitzen
...
Die übrige Besatzung grinste über das ganze Gesicht, als Tuvv zum
Gleiter zurückkehrte.
"Na, wieder in Sachen Weiberröcke unterwegs?" feixte ein grünhäutiger
Rodianer.
"Teedo, was weißt du schon von menschlichen Bedürfnissen? Die
Braut werd ich mir jedenfalls schnappen."
"Ha! Das glaubst du doch selbst nicht!" rief der dritte in der Runde,
ein Twi'Lek. "So wahr ich Rab Tefano heiße - die kriegst du nie rum!"
"Um was wetten wir, dass ich's doch schaffe?" Tuvv fühlte, wie
sein Kampfgeist ebenso erwachte wie seine Spielernatur.
"Tuvv, die Leute hier passen gut auf ihre Töchter auf. Du wirst sie
heiraten müssen, wenn du sie haben willst."
Alle drei lachten dröhnend.
Heiraten! Welch ein Scherz!
Doch Tuvv wurde plötzlich ernst. "Rab, wir wetten um die Schmuggelprämie
von sechs Monaten, dass sie innerhalb der nächsten zwei Tage freiwillig
in meiner Koje landet."
Stella lag an diesem Abend noch lange wach.
Noch immer brannten die verletzenden Worte von Kira in ihrer Seele. Ob sie mit
ihren Schmähungen Recht hatte? Konnte sie keine Kinder bekommen? Der Seher
hatte nur bedenklich den Kopf geschüttelt, sich aber zu keinem Urteil durchringen
können. Der Wurf der Magischen Steine hatte kein eindeutiges Muster ergeben.
Aber darauf kam es schon gar nicht mehr an. Wenn sich erst einmal das Gerücht
ihrer Unfruchtbarkeit verbreitet hatte - und Kira würde schon dafür
sorgen -, dann würde sich kein Bewerber mehr im Hause Likori blicken lassen.
Und dann wäre sie dazu verdammt, für immer als Dienstmagd im Haushalt
ihrer Schwester Myra oder ihres Bruders N'Ton zu leben ...
Nein!
Das wollte, das konnte sie nicht zulassen.
In ihrem Dorf hatte sie keine Chance, aus diesem unerbittlichen System auszubrechen.
Vielleicht nicht einmal in der Hauptstadt A'Cra.
Aber es gab noch andere Welten.
Und es gab Raumschiffe, die dorthin flogen.
In dieser Nacht ließ sie das Bild von Tuvv Cotingo nicht mehr los.
Am nächsten Tag ging sie nicht zum N'Carh-Feld.
Sie schlich sich in aller Frühe zum Atmosphärengleiter und hämmerte
so lange vor die Luke, bis die Besatzung aufwachte.
Tuvv Cotingo grinste von einem Ohr zum anderen, als er sie hineinließ.
Noch bevor Obi-Nor das Verwaltungsgebäude
betrat, wusste er, dass etwas vorgefallen war. Es war wie ein instinktives Warnsignal,
wie ein Kräuseln in der 'Macht'. Als er das Gesicht von Cooleesha, seiner
Sekretärin sah, war das nur die Bestätigung für seine Ahnung.
"Obi-Nor, Stella ist noch nicht da."
Sonst hatte die Verwaltungsdirektorin um diese Zeit bereits mindestens eine
Stunde Büroarbeit hinter sich.
Obi-Nor wurde blass. "Ich schaue in ihrem Büro nach."
Auf Stellas Arbeitstisch lag ein HoloVid-Datapad. Ein Zettel mit der Beschriftung
"Für Obi-Nor" lag daneben.
Obi-Nor spürte, wie sich sein Magen verkrampfte und wie sein Mund staubtrocken
wurde. Seine Hände zitterten, als er das Pad aktivierte.
Flackernd baute sich Stellas HoloBild auf. Ihr Anblick gab Obi-Nor einen Stich
ins Herz.
Durchnässt, mit strähnig herabhängenden Haaren schaute sie ihn
an. Ihr Blick war verzweifelt und leer, ohne jede Hoffnung.
"Obi-Nor, bitte verzeih mir, was ich jetzt tue. Ich kann dir nicht den
Grund für mein Tun erklären. Aber glaub mir, ich habe keine andere
Wahl ..."
Tränen schossen ihr in die Augen. Sie hatte Mühe, weiter zu sprechen.
"Ich werde dich jetzt verlassen. Für immer. Dich, diese Insel, dieses
Leben."
Sie rieb sich die Tränen aus den Augen.
Tief Luft holend fuhr sie fort: "Du hattest Recht. Meine Vergangenheit
hat mich wieder eingeholt. Und nun fordert sie ihr Recht. Das Leben, das ich
die 20 Jahre geführt habe, es war auf Sand gebaut. Und nun ist es vorbei.
Bitte verzeih mir, dass ich mich dir nicht persönlich anvertraut habe.
Ich weiß, du hättest nicht zugelassen, dass ich gehe. Und dadurch
hätte ich uns alle ins Verderben gestürzt. Bitte folge mir nicht,
forsche nicht nach meinem Aufenthaltsort. Es ist vorbei, Obi-Nor, für immer."
Wieder hielt sie inne, um sich Tränen abzuwischen.
Ihre Augen waren unendlich traurig, als sie fortfuhr: "Bitte verzeih mir
alle meine Boshaftigkeiten in den Jahren, mein loses Mundwerk und meine Sturheit.
Und auch, dass ich jetzt einfach so verschwinde. Du warst das Beste, was mir
in meinem Leben passieren konnte, ich ..."
Sie schluchzte, war unfähig weiterzusprechen.
Nach einer Weile hatte sie sich so weit gefangen, dass sie unter Tränen
noch ein einziges Wort herausbringen konnte.
"Danke ..."
Die HoloAufzeichnung brach ab.
Obi-Nor saß wie versteinert in Stellas Bürosessel.
Noch Minuten später war er nicht in der Lage, sich zu bewegen. In seinem
Inneren war alles leergefegt.
Schließlich zwang er sich dazu, das ComGerät zu aktivieren.
"Cooleesha", sprach er mit tonloser Stimme. "Trommel alle zusammen.
Vollversammlung in 10 Minuten."
Kreidebleich verließ Obi-Nor die Bühne des Versammlungsraumes. Die
Gesichter der Angestellten in der Verwaltungszentrale von 'Gildorian Enterprises'
spiegelten den Schrecken wider, den die Nachricht von Stellas Verschwinden ausgelöst
hatte. Sie erhoben sich von ihren Plätzen und strömten aus dem Gebäude,
jeder und jede mit einem eigenen Auftrag versehen. Die Nachforschungen zum Verbleib
der Direktorin hatten höchste Priorität. Die einen würden die
interstellaren Raumhäfen auf Trexx kontaktieren und sich Informationen
über alle abgehenden Schiffe besorgen. Andere hatten die Aufgabe, sämtliche
HoloNet-Verbindungen zu rekonstruieren. Zwar hatten sie sofort festgestellt,
dass Stella mehrere Verbindungs-Logs gelöscht hatte, aber wenn die Techniker
nur tief genug ins Com-System eindrangen, konnte es ihnen vielleicht gelingen,
den Weg des Kontaktes zu rekonstruieren. Außerdem wurde eine planetenweite
Suchmeldung nach dem Atmosphärengleiter aufgegeben, den Stella offenbar
benutzt hatte, um Palm Island zu verlassen. Und Cooleesha sollte schließlich
Sagi Cheljo, die "Informationshändlerin" kontaktieren. Vielleicht
konnte sie auf Coruscant etwas über Stellas Vorleben in Erfahrung bringen.
Als alle den Raum verlassen hatten, setzte sich Obi-Nor allein auf einen Stuhl
und legte den Kopf in seine Hände.
Was war nur passiert? Welche Vergangenheit hatte Stella wieder eingeholt?
Und warum, warum bloß hatte sie sich ihm nicht anvertraut?
Er spürte eine näher kommende Präsenz.
Als er den Kopf hob, sah er Rhysbe, die Warlucca-Pilotin herbeikommen.
Sie setzte sich neben ihn, legte ihre Pranke auf seine Schulter und stupste
ihn mit ihrer wolfsähnlichen Schnauze an die Wange.
"Wirrr werrrden Stella finden, Obi-Norrr. Das weiß ickh. Glaub mirrr.
Wirrr werrrden sie finden."
Obi-Nor nickte.
"Ja, Rhysbe, das werden wir."
Stella schloss sich den Passagieren an, die das Schiff der 'White Star Line'
ins Outer Rim bestiegen. Hier in der Raumstation Tagnus VIII war der ideale
Ort, um die Route zu wechseln und ihre Spuren zu verwischen.
Sie musste unbedingt verhindern, dass Obi-Nor ihr folgte. Cotingo hatte gewiss
nicht geblufft, als er sie mit seiner Drohung konfrontiert hatte.
Bomben an Bord der Silver Ocean und der Pride of Trexx, zwei der
Modulfrachter der 'Gildorian Enterprises', außerdem in den Lagerkomplexen
von Ord Pargell und im Bürogebäude auf Coruscant. Er war verrückt
genug, um unschuldige Angestellte in die Luft zu sprengen, wenn sie nicht zu
ihm zurück kam. Sie durfte die Leute einfach nicht gefährden.
Aber tief in ihrem Innern, wusste sie, dass sie noch aus einem anderen Grund
zu Contingo zurückkehrte.
Es war das Gesetz des Clans.
Sie hatte es gebrochen, als sie damals aus ihrem Dorf geflohen war. Sie war
schuldig geworden an ihrer Familie, an ihren Traditionen. An dem Erbe von Generationen.
All die Jahre hatte sie geglaubt, sie könnte dieses Erbe einfach ignorieren.
Doch jetzt war es wieder da, unerbittlich.
"Sie haben zwar den Atmosphärengleiter in Erdres gefunden, in der
Nähe des Raumhafens. Doch von Stella gibt es nach wie vor keine Spur."
Ruwen Flyyr machte eine hilflose Geste. "Tut mir Leid, Obi-Nor, das ist
alles, was wir bisher haben."
"Danke Ruwen. - Lass mich bitte allein."
Hier zu sitzen und nichts zu tun, war das Schlimmste. Obi-Nor malte sich in
furchtbaren Szenarien aus, was mit Stella passiert war, um dann wieder zu hoffnungsvollen,
erlösenden Bildern zu wechseln. Er konnte nichts gegen diese Gedanken und
Phantasien tun, sie kamen und gingen, ohne dass er sie beeinflussen konnte.
Stella in der Gewalt einer Verbrecher-Organisation, von irgendeinem planetarischen
Gerichtshof zum Tode verurteilt oder - das schrecklichste Bild von allen - von
einem Blasterschuss niedergestreckt. Und dann wieder eine Stella, die ihm um
den Hals fiel und ihm mitteilte, alles sei nur ein furchtbares Missverständnis
gewesen.
War es die 'Macht', die ihm diese Bilder sandte? Visionen der Zukunft? Einer
möglichen Zukunft, wie er in Gedanken präzisierte?
Das HoloCom piepte.
Obi-Nor aktivierte die Verbindung, und das Bild Cooleeshas erschien.
"Sagi Cheljo hat sich soeben gemeldet. Sie hat herausgefunden, dass Stella
vor ihrer Coruscant-Zeit auf einem Planeten namens Ghan gelebt hat. Jedenfalls
ist das in einem ehemaligen Archiv des Imperiums verzeichnet."
"Ghan? Nie gehört", antwortete Obi-Nor. "Weißt du,
wo das ist?"
"Im Outer Rim, mehr weiß ich auch nicht. Ich schicke dir aber gleich
die Angaben aus der Databank der galaktographischen Gesellschaft rüber."
"Und ist sich Sagi ganz sicher? Imperiales Archiv - ich wusste gar nicht,
dass so etwas noch existiert ..."
"Sie hat behauptet, diese Archive seien eines der am besten gehüteten
Geheimnisse der Neuen Republik." Cooleesha schien ein wenig verlegen. "Der
Preis, den sie für die Information verlangt hat, war ungeheuerlich. Aber
ich wollte nicht mit ihr feilschen ..."
Obi-Nor winkte ab. "Was bedeutet schon Geld? Wenn es nur hilft, Stella
zurück zu bekommen."
Das Bild Cooleeshas verschwand, und Obi-Nor schaute sich die Daten über
den Planeten Ghan an.
Ein ärmlicher Himmelskörper, dessen Einkünfte hauptsächlich
aus dem Export landwirtschaftschaftlicher Produkte stammten. Früher hatte
er eine Rolle in der Herstellung diverser Spice-Produkte gespielt. Abseits der
großen Handelsrouten liegend, gab es dort nur einen einzigen interstellaren
Raumhafen.
Das passte. Wenn Stella von diesem Planeten stammte, war sie zur Blütezeit
des Imperiums dort aufgewachsen. Das Imperium hatte jegliche Art von Spice-Handel
verboten und strenge Kontrollen zur Einhaltung dieser Vorschriften verfügt.
Es war ein idealer Anreiz für skrupellose Schmuggler, den Planeten Ghan
aufzusuchen und illegale Geschäfte zu tätigen.
Sollte Stellas Vergangenheit etwas damit zu tun haben?
Obi-Nor speicherte die Daten und kontaktierte die Pilotin seiner Privatyacht.
"Rhysbe, mach die Courier III startklar. Wir fliegen nach Ghan.
Sag George, er soll meine Sachen packen. Wir nehmen ihn mit."
Danach rief er Ruwen Flyyr und Cooleesha herbei.
"Ich fliege nach Ghan. Vielleicht finde ich dort etwas heraus, denn der
Schlüssel zu dieser ganzen Angelegenheit muss in Stellas Vergangenheit
liegen. Ruwen, du übernimmst kommissarisch die Leitung der Firma. Lass
es einfach so weiterlaufen wie bisher. Strategische Entscheidungen werden vorerst
ausgesetzt. - Noch Fragen?"
Ruwen schüttelte den Kopf. "Viel Glück, Obi-Nor."
"Wenn wir etwas in Erfahrung bringen, melde ich mich sofort bei dir",
ergänzte Cooleesha. "Dann kannst du ja notfalls sofort zurück
kommen."
"Nein Cooleesha", entgegnete Obi-Nor. "Ohne Stella kehre ich
nicht hierher zurück. Niemals."
Tuvv Cotingo starrte Stella entgeistert an.
"Wir müssen was?!"
"Ich sagte, wir müssen heiraten, sonst komme ich nicht mit auf euer
Schiff. Hältst du mich für eine Hure?"
Tuvv verkniff sich eine Antwort. Er würde ihr bei Gelegenheit schon zeigen,
wofür er sie hielt. Jetzt beherrschten ihn nur zwei Gedanken: Wie er sie
erobern konnte - und dass er eine halbe Jahresprämie gegen Rab Tefano gewettet
hatte.
"Also gut", lenkte er ein. "Wir gehen zum imperialen Distriktbeamten,
der wird die nötigen Formulare ausfüllen."
Was bedeutete schon eine Heirat? Eine imperiale Formalie mehr, nichts weiter.
Am selben Tag wurde Stella vom Clan Likori zu Mrs. Cotingo.
Die ersten Wochen waren wild und aufregend. Tuvv war des öfteren grob zu
ihr, besonders wenn er mit seinen Kumpanen in einer Cantina gewesen war. Doch
Stella ertrug seine Ausrutscher. Die neu gewonnene Freiheit und das Gefühl,
über Kiras böse Sticheleien triumphiert zu haben, überwog. Zumal
Tuvv am nächsten Morgen stets höflich und zuvorkommen, manchmal sogar
zärtlich war.
Er prahlte damit, dass er irgendwann ein eigenes Schiff haben werde. Einen Frachter,
mit dem er die gesamte Galaxis bereisen würde. Er sprach immerfort von
einem Planeten namens Coruscant, der der Mittelpunkt der Welt zu sein schien.
Stella genoss es, mit ihrem neu gekauften roten Kopftuch durch die Stadt zu
spazieren, im Bewusstsein, es geschafft zu haben: Sie war nicht länger
die Übriggebliebene, die Schande des Clans. Sie war die Frau eines Cargo-Masters,
der weite Reisen zu fernen Planeten unternahm.
Allerdings hatte sie gehofft, Tuvv in der Golden Mynock begleiten zu
können, doch der Captain hatte dies strikt abgelehnt. Bisweilen beschlich
sie sogar der Verdacht, Tuvv hätte von Anfang an gewusst, dass sie nicht
mit durfte. Und vielleicht war es ihm sogar recht so ...
Nach drei Monaten war das Gefühl der Freiheit und des Triumphes verschwunden.
Stella fragte sich, was sie eigentlich erreicht hatte. Sie hauste tagelang allein
in der billigen Wohnung, die sie in A'Cra gemietet hatten, und wenn Tuvv von
einer Fahrt zurückkam, trieb er sich die meiste Zeit mit irgendwelchen
Saufkumpanen in der Cantina herum oder spielte stundenlang Sabacc.
Und die Nächte waren brutal.
Er stank widerlich nach billigem Fusel und kaltem Wasserpfeifen-Rauch, wenn
er aus der Cantina kam. Hatte er beim Sabacc-Spiel verloren - und das kam oft
vor -, dann ließ er seinen Frust an ihr aus. Er beschimpfte sie, schlug
ihr ins Gesicht und fiel dann mit Gewalt über sie her.
Ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit war Stella am Boden zerstört.
Es war ein fürchterlicher Fehler gewesen, mit Tuvv wegzulaufen. Als wäre
sie dem Biss einer Wasserschlange entkommen, nur um von einer Skorpionspinne
gestochen zu werden. Sollte sie wieder in ihr Dorf zurückgekehren? Aber
dann wäre sie wieder in der kleinen engen Welt, die sie hinter sich lassen
wollte. Und konnte sie überhaupt zurückkehren? Sie hatte mit ihrer
Vergangenheit, mit ihrem Clan gebrochen. Wenn sie jetzt zurückging, dann
würde sie in die totale Isolation geraten. Von Kiras Triumpf ganz abgesehen.
Niedergeschlagen ging sie über den alten Markt von A'Cra. Fast mechanisch
kaufte sie Lebensmittel für die kommenden Tage ein. Ihre Umgebung nahm
sie gar nicht richtig wahr.
Mit einem Male berührte sie jemand von hinten an der Schulter. Sie fuhr
herum - und blickte ihrem Bruder N'Ton ins Gesicht.
"Stella, wie siehst du denn aus?!"
N'Ton stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Unwillkürlich bedeckte
sie mit ihrer Hand die geschwollene, bläulich schimmernde Stelle unter
dem linken Auge.
"Es ist nichts ... Was machst du hier?"
"Nichts?!" schnappte N'Ton.
Vorsichtig, aber unerbittlich zog er ihre Hand vom Gesicht.
"Er hat dich geschlagen. Dieser Mistkerl hat dich geschlagen!" N'Tons
Stimme bebte vor Zorn. "Stella, was ist nur aus dir geworden? Warum bist
du fortgelaufen? Komm zurück zum Clan. Du gehst hier vor die Hunde."
Stella traten die Tränen in die Augen. "Ich kann nicht zurückkommen,
N'Ton."
Ihr Bruder starrte sie verständnislos an. "Warum denn nicht? Du gehörst
doch zu uns. Ich bin doch nicht den weiten Weg hierher gekommen, um mich von
dir so abspeisen zu lassen! Was willst du denn bei diesem Kerl?"
"Ach, N'Ton, es geht mir nicht um diesen Mann. Am liebsten wäre ich
weder hier noch in unserem Dorf ..."
Sie schaute zum nahen Raumhafen hinüber. Dort lagen große Frachter,
die entfernte Planeten ansteuerten. Vielleicht sogar Coruscant? Dieser Name
war für Stella in letzter Zeit zum Symbol der Freiheit geworden, zum Ziel
ihrer Träume.
"Hey, mit wem quatscht du da?!"
Stella zuckte zusammen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Tuvv sich ihnen genähert
hatte.
"Das ist mein Bruder N'Ton, der ..."
"Interessiert mich nicht!" schnitt er ihr das Wort ab. "Komm
nach Hause, du Schlampe! Und du, Freundchen, verpiss dich, aber schnell!"
N'Ton trat Tuvv entgegen. "Nicht so hastig! Niemand schlägt meine
Schwester, schon gar nicht du!"
"Ach ja? Auch noch frech werden, Bubi?"
Mit diesen Worten donnerte Tuvv N'Ton die Faust in den Magen.
N'Ton klappte zusammen, mühsam nach Luft ringend.
Tuvv wollte nachsetzen, doch Stella klammerte sich an ihn. "Hör auf!
Es ist mein Bruder! Lass ihn!"
Er drehte sich langsam zu ihr um. Seine Augen wurden schmal, seine Stimme gefährlich
leise.
"Also gut. Gehen wir nach Hause."
Diesmal schlug er sie nicht nur mit der Hand, diesmal nahm er seinen Gürtel.
Er war nicht wütend oder rasend vor Zorn wie sonst. Nein, er war ruhig,
fast kaltblütig.
Mit beinahe sachlicher Stimme erklärte er Stella, warum er sie verprügelte.
"Du taugst nichts, Stella. Ich habe dir eine Wohnung verschafft und gebe
dir Geld, damit du zu essen und zu trinken hast. Und wie dankst du es mir? Du
redest heimlich mit Leuten aus deiner verlausten Sippe! Du hast vor die Luke
des Gleiters gehämmert und mich angefleht, dich mitzunehmen. Und schon
nach wenigen Monaten hast du heimlich Kontakt zu deinem Dorf? Dafür muss
ich dich jetzt bestrafen. Das verstehst du doch sicher."
Stella sagte nichts. Sie schrie auch nicht. Keine Träne quoll aus ihren
Augen.
Sie rührte sich nicht, wehrte die Schläge nicht ab, bettelte nicht
um Gnade.
Aber als Tuvv in die Cantina gegangen war, um sich mit seinen Kumpanen zu besaufen,
und sie vor Schmerzen gekrümmt in der Zimmerecke kauerte, fasste sie einen
Entschluss.
Nie wieder würde sie sich von Tuvv Cotingo berühren lassen.
Spät in der Nacht kam er zurück.
Mit glasigen Augen schwankte er in die nur von einer Gasflamme schummrig beleuchte
Wohnung.
Er stutzte, als sah, dass Stella noch wach war.
"Oh, noch auf den Beinen?" Er grinste. "Umso besser. Komm her,
Süße, wir vertragen uns wieder ..."
Stella wich einen Schritt zurück. "Du stinkst. Komm mir nicht zu nahe."
Sofort wurde Tuvv wütend. "Hast du nichts gelernt heute? Hast du immer
noch nicht genug?"
Stella versuchte, ihre Schmerzen zu ignorieren. Es gelang ihr nicht, und auch
ihre Stimme hatte nicht den festen Klang, den sie erhofft hatte. Dennoch brachte
sie klar und deutlich heraus, was sie sagen wollte.
"Ich habe heute gelernt, dass du ein Widerling bist, Tuvv. Du bist der
letzte Abschaum. Ich werde hier im Wohnzimmer schlafen. Und morgen gehe ich
fort."
Seine Antwort bestand aus einem schallenden Lachen. Er schlug sich brüllend
auf die Schenkel, als hätte sie einen wunderbaren Witz gemacht.
"Du hast Humor, Süße, das muss ich schon sagen. Komm jetzt her
zu mir. Wenn du so witzig bist, machst du mich richtig heiß!"
Er drängte sich zu ihr und fuhr mit seinen Händen verlangend über
ihre Brüste und ihre Hüften.
Stella stieß ihn mit aller Macht zurück und spuckte ihm ins Gesicht.
"Ich sagte, du sollst mich nicht berühren!" rief sie mit schriller
Stimme.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. "Du hast also wirklich noch nicht
genug ..."
Ohne Ausholbewegung schlug er ihr mit dem rechten Handrücken ins Gesicht.
Stella prallte zurück gegen die Wand. Ein rascher Schritt, und er war bei
ihr, aber sie rammte ihr Knie zwischen seine Beine.
Mit einem Schrei ging er zu Boden.
Stella nahm einen Stuhl, um ihn auf seinen Kopf zu schlagen, doch es gelang
ihm, sich rechtzeitig wegzudrehen. Seine Hand packte ihren Knöchel und
riss sie von den Beinen.
Tuvv rappelte sich auf und wich ein paar Meter zurück. Er keuchte vor Schmerzen,
doch seine Augen waren wach und erstaunlich nüchtern.
Stella war kaum in der Lage, sich rasch zu bewegen. Noch immer taten ihr sämtliche
Knochen weh.
Aber dieses Mal verprügelt er mich nicht, schwor sie sich.
Langsam kam Tuvv heran. Als er noch zwei Schritte von ihr entfernt war, sprang
Stella so schnell sie konnte vor und trat gegen sein Schienenbein. Fast gleichzeitig
krachte seine Faust gegen ihre Schulter. Beide gingen zu Boden, aber Tuvv fing
sich schneller. Er ergriff mit beiden Händen ihren Hals und drückte
zu.
Im ersten Schock war Stella völlig gelähmt. Dann schoss die Panik
durch ihren Körper. Blindlings kratzte sie mit ihren langen Fingernägeln
durch sein Gesicht - bis er mit einem Schrei los ließ.
Aber Stella hatte keine Zeit, sich aufzurappeln. Eine Faust traf sie am Kopf
und schleuderte sie gegen den Schrank. Zwei weitere Schläge, und sie ging
zu Boden.
Sie schmeckte Blut in ihrem Mund.
Brutal riss er sie an den Haaren wieder hoch und schlug ihr erneut ins Gesicht.
Zweimal, dreimal, rechts, links, wieder rechts.
Dann schleuderte er sie nochmals gegen den Schrank.
Er setzte nach und schlug sie gegen die Schläfe, gegen den Unterkiefer,
gegen die Brust. Versetzte ihr Hiebe mit der Faust, mit der hohlen Hand, mit
dem Handrücken.
Als sie zusammensank, trat er ihr vor die Rippen, vor die Beine, in den Bauch.
Wie von Sinnen riss er sie an den Haaren hoch und schlug sie erneut zu Boden.
Schließlich landete sie auf dem Tisch direkt neben der Gasflamme.
Er kam näher, holte aus -
und Stella fasste mit einer letzten verzweifelten Bewegung den Gasbrenner, hielt
ihn in Richtung seines Gesichtes und drehte am Regulator.
Eine Stichflamme schoss Tuvv ins Gesicht, verschmorte seine Haut, setzte sein
Haar in Brand. Mit einem gellenden Schrei prallte er zurück, taumelte.
Stella warf ihm den Gasbrenner an den Kopf.
Tuvv ging brüllend zu Boden, die Hände vor das verbrannte Gesicht
geschlagen.
Der Brenner polterte durch das Zimmer, setzte eine Decke in Flammen.
Halb betäubt wankte Stella aus der Tür, fiel hin, kroch auf allen
vieren aus dem Haus.
Mühsam raffte sie sich auf und stolperte die dunklen Straßen entlang
Richtung Raumhafen.
Ein Blick zurück verriet ihr, dass ihre Wohnung lichterloh brannte.
Sie kämpfte sich weiter, bis ihre Kräfte sie am Rande des Raumhafens
verließen.
Sie stürzte und verlor das Bewusstsein.
Wie durch einen Nebelschleier hörte sie Stimmen. Erst langsam, ganz allmählich
konnte sie verstehen, was sie sagten.
"Die Lady scheint aufzuwachen, Skip!"
Stella versuchte, die Augen zu öffnen, bekam aber nur das linke einen Spalt
weit auf. Verschwommen sah sie das Gesicht eines Mannes, der sich über
sie beugte.
"Strengen Sie sich nicht an, Lady. Ihr rechtes Auge ist zugeschwollen.
Am besten, sie lassen auch das andere Auge eine Weile zu."
Stella war unfähig zu sprechen und sich zu bewegen. Sie schloss das Auge.
Die erste Stimme meldete sich wieder: "Da hat Sie einer ganz schön
zugerichtet, Lady. Aber seien Sie unbesorgt. Als wir Sie fanden, haben wir den
Feuerschein und den Menschenauflauf gesehen. Auch die Sturmtruppen. Wir haben
Sie einfach auf unser Schiff gebracht. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber
an einer langwierigen Untersuchung durch imperiale Beamte haben wir kein Interesse
..."
"Mensch, Cord, das interessiert doch überhaupt nicht", schaltete
sich der Mann ein, der "Skip" genannt wurde. "Wichtig ist doch
nur, dass sie den Kerl, der ihr das angetan hat, los ist. - Bei uns sind Sie
in Sicherheit, Lady. Wir sind schon im Hyperraum, hier kann uns keiner folgen.
Wir bringen Sie weit weg von Ghan. Zu einem Planeten namens Coruscant ..."
Als die Courier III den Hyperraum
verließ, rief Obi-Nor als erstes seine HoloMails ab. Cooleesha hatte ein
HoloBild von Stella geschickt, das noch aus der Gründerzeit von 'Gildorian
Enterprises' stammte. Obi-Nor starrte das Bild an. Wie jung Stella damals gewesen
war! Kaum älter als 20 Jahre. Er selbst war auch erst 24 gewesen.
Eine so lange Zeit - und jetzt sollte es einfach so vorbei sein?
Rhysbe setzte die Courier sanft auf dem sandigen Boden der Landebucht
94 des Raumhafens von A'Cra auf und stellte Kontakt mit der Hafenverwaltung
her, um die behördlichen Formalitäten zu erledigen.
Obi-Nor steckte das Datapad mit Stellas HoloBild ein.
"George, ich hör mich draußen ein bisschen um. Bleib in der
Nähe des Comlinks. Und informiere mich sofort, wenn es von Trexx etwas
Neues gibt!"
Der Händler stieg aus, verließ den Raumhafen und ging zum nicht weit
entfernt liegenden Marktplatz. Der gesamte Ort machte den Eindruck einer Kultur
der Vor-Raumfahrt-Ära. Niedrige Holzhütten säumten schmale, staubbedeckte
Straßen. Einfache Ladengeschäfte offerierten Stoffe, Haushaltsgegenstände
und Lebensmittel. Von bulligen Vierbeinern gezogene Lastkarren schafften Waren
durch die engen Gassen. Die wenigen Repulsorgleiter, die Obi-Nor sah, wirkten
fast deplatziert.
Der Markt war ein lärmiger, hektisch-geschäftiger Ort. Händler
und Käufer überboten sich beim Feilschen in Lautstärke und Tonlage.
Untereinander benutzten die Leute einen kehligen Dialekt, von dem Obi-Nor kein
Wort verstand. Aber er fühlte sich gleich wie zuhause, schließlich
war er ja selbst im Handelsgeschäft tätig - wenn auch in größerem
Stil.
Mit seiner kunstvoll gewebten Tunika aus kostbarem Stoff erregte er Aufsehen
inmitten der einfach gekleideten Menschen und Humanoiden. Sofort drängten
sich verschiedene Händler um ihn und priesen ihre Waren an. Aber Obi-Nor
wollte weder einen Teppich noch Geschirr kaufen. Was er brauchte, waren Informationen.
Er aktivierte sein Datapad und zeigte Stellas Bild.
"Kennt von Ihnen jemand diese Frau? Sie heißt Stella Likori. Das
Bild ist etwa 20 Jahre alt."
Die Händler und neugierig gewordene Käufer betrachteten das Holo,
schüttelten aber allesamt den Kopf.
Nein, diese Frau hatten sie noch nie gesehen.
Obi-Nor ging weiter über den Markt. Immer wieder zeigte er das Bild vor,
aber jedes Mal erntete er nur Kopfschütteln.
Schließlich stieß ihn ein alter Mann an.
"Mein Herr, ich beobachte Sie schon eine ganze Weile, und ich habe auch
gehört, wie sie die Leute hier befragen. Sie suchen offenbar jemanden,
und hier auf dem Markt haben Sie kein Glück. Die Händler interessieren
sich nur für ihr Tagesgeschäft. Die Kunden von heute sind morgen schon
vergessen. Wie soll sich jemand an eine Frau erinnern, wenn ihr Bild 20 Jahre
alt ist? Gehen Sie doch in die Cantinas am Ende des Platzes, vielleicht kann
man Ihnen dort weiterhelfen."
Obi-Nor nickte. Der Mann hatte Recht. Hier auf dem Markt kam er nicht weiter.
Er dankte für den Tipp und steuerte auf die Reihe der billigen Cantinas
zu, die den Platz seitlich begrenzten.
In drei Cantinas erntete er ebenso wie auf dem Marktplatz nur Kopfschütteln
und Achselzucken. Mit wenig Zuversicht betrat er das vierte Lokal.
Erneut sagte er seinen Spruch auf: "Kennt jemand von Ihnen diese Frau?
Sie heißt Stella Likori. Das Bild ist etwa 20 Jahre alt."
Einige Gäste warfen nur einen flüchtigen Blick auf das Holo, ohne
genauer hinzuschauen. Andere betrachteten es, schüttelten aber den Kopf.
Obi-Nor wollte gerade wieder hinausgehen, da sprach ihn ein dunkelhäutiger
Mann in einem bunten, langen Gewand an.
"Warum suchen Sie diese Frau, Mister?"
Obi-Nor entschloss sich, die Wahrheit zu sagen. "Es ist eine Freundin von
mir. Sie hat früher auf diesem Planeten gelebt. Ich fürchte, sie ist
entführt worden. Ich möchte mit ihrer Familie sprechen, falls das
möglich ist. - Kennen Sie sie?"
Der Mann verneinte. "Die Frau kenne ich nicht. Aber ich könnte mir
vorstellen, dass sie eine Fanté ist."
"Fanté? Ist das ein Volk?"
"Eine Volksgruppe im Südwesten des Kontinents. Fragen Sie in den Dörfern
am Djaliba-Fluss nach. Wie heißt die Frau, sagen sie?"
"Ihr Name ist Stella Likori."
"Likori? Könnte ein Ak'wab-Clan sein. Am besten fangen Sie dort an
zu suchen. Das Dorf Ak'wab liegt an der Mündung des Ghernak in den Djaliba."
Obi-Nor dankte dem Mann für die Auskunft.
Jetzt hatte er einen ersten Anhaltspunkt für seine Suche.
Tuvv Cotingo las mit Genugtuung die kurze Nachricht, die Stella ihm von der
Raumstation Tagnus VIII geschickt hatte. Sie war also tatsächlich auf dem
Weg zu ihm.
Bald hatte er Gelegenheit, es dieser Hexe heimzuzahlen.
Vergessen hatte er sie nie. Jeden Morgen, wenn er sich im Spiegel sah, erinnerte
ihn die linke Gesichtshälfte an damals. Sie hatte ihn entstellt, aufs schlimmste
gedemütigt und war dann einfach davon gelaufen. All die Jahre hatte er
sich mit Vergnügen ausgemalt, wie er sich an Stella rächen würde,
wenn er sie je wieder in die Finger bekam.
Aber nie hatte er ernsthaft daran gedacht, sie einmal wiederzusehen. Bis vor
zwei Monaten.
Er war Cargo-Master auf Thalis IV und fertigte von Zeit zu Zeit einen Massengut-Frachter
der 'Gildorian Enterprises' ab. Und eines Tages unterhielt sich die Crew über
ihre Führungsetage. Über den Chef der Firma, Obi-Nor Gildorian, und
über - Stella Likori.
Tuvv wäre fast durchgedreht.
Er stellte Nachforschungen über Stella an. Und als er erfuhr, dass sie
offenbar die Hure dieses schmierigen Händlers geworden war, begann er,
ihr eine Falle zu stellen.
Natürlich hatte er sich nicht die Mühe gemacht, bis nach Coruscant
zu fliegen, um dort eine Bombe in einem Büroturm zu platzieren. Aber zwei
der Modulfrachter hatte er präpariert. Für eine wirkungsvolle Demonstration
seiner Entschlusskraft musste dies genügen.
Doch Stella hatte sich auf den Weg gemacht, ohne dass er einen Frachter in die
Luft jagen musste. Schade eigentlich, denn er hätte zu gerne auch diesem
Gildorian und seiner Firma Schaden zugefügt.
Nun, so musste er sich damit begnügen, seine wilde schwarze Katze zu zähmen.
Die Courier schwebte mit donnernden Repulsor-Aggregaten über die
niedrigen Lehmhütten und setzte außerhalb des Dorfes auf einem unbebauten
Feld auf. Sofort strömten von überallher Kinder herbei. Auch Erwachsene
gesellten sich hinzu. Anscheinend war hier noch nie ein richtiges Raumschiff
gelandet, sondern allenfalls Atmosphären-Transporter. Denn eines war auf
den ersten Blick klar: Das Dorf Ak'wab war noch viel ärmlicher als A'Cra.
Obi-Nor verließ die Courier über die Einstiegsrampe. Die Luft
raubte ihm fast den Atem. Das Klima im Südwesten des Kontinents war wesentlich
feuchter als in der Hauptstadt; schwül-heiße Treibhausluft ließ
augenblicklich den Schweiß aus allen Poren treten.
Er ging auf die Menge zu, die sich in einigem Abstand von dem Schiff versammelt
hatte, und machte eine freundliche, grüßende Geste mit der geöffneten
Hand.
"Ich suche eine Familie Likori. Wohnt die hier in diesem Dorf?"
Ein Mann etwa in seinem Alter trat vor. "Ich bin N'Ton vom Clan Likori.
Was wollen Sie von uns?"
"Mein Name ich Obi-Nor Gildorian", stellte sich der Händler vor.
"Kann ich mit Ihnen unter vier Augen sprechen?"
Die Lehmhütten waren größer als vom Raumschiff aus vermutet.
Aber immer noch kleiner als seine Eigner-Kabine auf der Courier. Nie
hätte es Obi-Nor für möglich gehalten, dass sich derart viele
Personen in einer dieser Wohneinheiten aufhalten konnten. Er zählte sieben
Kinder und Jugendliche, eine Frau etwa in Stellas Alter, ein altes Paar - vermutlich
N'Tons Eltern - , mehrere Erwachsene, die anscheinend nicht zur engsten Familie,
sondern zur erweiterten Verwandtschaft gehörten, ferner diverse vierbeinige
Haustiere. Ein Gespräch "unter vier Augen" war hier natürlich
nicht möglich, aber immerhin schien man hier im Clan unter sich zu sein,
so dass nicht sofort das gesamte Dorf mithörte, was Obi-Nor zu sagen hatte.
Die Hütte war ärmlich, aber sauber und ordentlich gepflegt. Und ganz
offensichtlich war hier die Gastfreundschaft zuhause. Alle schauten ihn freundlich
an, obwohl niemand wusste, wer er eigentlich war oder was er wollte. Ein Mädchen
reichte ihm eine Schale mit Obst, ein älterer Junge goss ein heißes
Getränk in seinen Becher.
Schließlich ergriff N'Ton Likori das Wort.
"Sie wollen mit der Familie Likori sprechen. Der Clan Likori besteht aus
mehreren Familien. Wen suchen Sie genau?"
"Nun, eigentlich suche ich eine Person, die ich gar nicht in diesem Dorf
vermute", antwortete Obi-Nor. "Aber vielleicht ist sie hier aufgewachsen.
Ihr Name ist Stella Likori."
Schlagartig war es muckmäuschenstill im Raum. N'Ton starrte seinen Besucher
an.
"Stella?" flüsterte er. "Sie kennen Stella?"
Obi-Nor aktivierte dass Datapad mit Stellas HoloBild. "Wenn sie diese Frau
meinen - ja."
N'Ton nickte. "Das ist meine Schwester."
Neugierig drängten sich alle Kinder um das faszinierende 3D-Bild einer
Frau, die ihre Tante sein sollte.
Die alte Frau begann zu weinen.
"Woher haben Sie das Bild?" fragte N'Ton. "Woher kennen Sie Stella?
Und warum suchen Sie sie?"
Obi-Nor erfuhr alles über Stellas Vergangenheit. Dass sie als schön,
aber unfruchtbar galt. Dass sie mit 17 Jahren ausgerissen war, um einen Widerling
namens Tuvv Cotingo zu heiraten. Dass der sie misshandelt hatte, bis sie schließlich
auch von ihm floh. N'Ton erzählte nicht ohne Genugtuung von der fürchterlichen
Entstellung, die Stella ihrem Mann zugefügt hatte. Schon seit vielen Jahren
hatte der Clan weder von ihm noch von Stella etwas gehört.
Als Obi-Nor dann erzählte, wie er Stella kennen gelernt und mit ihr zusammen
seine erfolgreiche Handelsfirma aufgebaut hatte, als er von ihrem Geschick in
der Verwaltung und Führung des Unternehmens berichtete, als er das Ansehen
schilderte, das sie weithin genoss, trat ein stolzer Glanz in die Augen der
Leute.
Sie wollten ihn mit allen möglichen Fragen löchern, doch Obi-Nor war
in Eile.
"Ich bedaure, so schnell schon wieder aufbrechen zu müssen."
Er erhob sich. "Aber ich muss schnellstens los, um Stella zu suchen. Ich
fürchte, es wird ein Wettlauf mit der Zeit."
Zum Abschied ergriff die Mutter zum ersten Mal das Wort.
"Wenn Cotingo unsere Stella entführt hat, dann wirst du sie befreien."
Sie stellte dies ganz sachlich fest. "Du bist ein guter Mann, Obi-Nor.
Cotingo ist ein schlechter Mann. Deshalb wirst du sie retten."
Wenn es doch so einfach wäre! dachte Obi-Nor im stillen.
Auf dem Weg zur Courier aktivierte er das Comlink.
"George, ich will alles über einen Menschen namens Tuvv Cotingo wissen.
Kontaktiere Cooleesha: Sie soll alles in Erfahrung bringen, was es gibt. Hast
du gehört? Alles! Aufenthaltsort, Freunde, Waffen, Vorstrafen. Was er am
liebsten isst, welche HoloVids er sich anschaut. Und wenn er zur Fußpflege
geht, will ich den Namen der Pediküre. Einfach alles. Hast du das kapiert?"
Die Stimme des Kammerdienerdroiden GL 02 klang indigniert. "Selbstverständlich
Mylord. Ich denke, ich weiß, was Ihr mir sagen wollt."
Obi-Nor beschleunigte seine Schritte. Jetzt hatten sie nicht mehr nur einen
vagen Anhaltspunkt, sondern auch einen Namen.
Dieser Tuvv Cotingo würde eine deftige Überraschung erleben ...
Die Cantina des Raumhafens von H'Joris Delta
war ein verrufener, übler Ort. Ein Tummelplatz für Schmuggler, Piraten,
Kopfgeldjäger, Glücksspieler und Spice-Händler. Also genau das,
was Stella suchte. H'Joris Delta auf ihrem Flug nach Thalis IV anzufliegen,
war kein großer Umweg. Und nur hier konnte sie in aller Eile das kaufen,
was sie für ihre Begegnung mit Tuvv Cotingo mitnehmen wollte: einen Thermodetonator.
Als sie hochexplosive Kugel unter ihrem Gewand versteckte, wichen die Angst
und die Verzweiflung der letzten Tage und Stunden einer entschlossenen Kälte.
Sie wusste nicht, was Tuvv Cotingo im einzelnen mit ihr vorhatte, wie er sich
rächen wollte. Aber sie wusste, dass er den nächsten Tag nicht überleben
würde. Auf keinen Fall, niemals ließ sie sich noch einmal von ihm
berühren oder gar demütigen. Sie war bereit, sich selbst mit in die
Luft zu jagen, um Cotingo zu töten.
Sie durfte nur nicht den Fehler machen, an Obi-Nor zu denken.
Keine Sentimentalität, keine Schwäche! forderte sie sich selbst auf.
Sie verdrängte alle Gedanken, die sie an der Ausführung ihres Plan
hindern konnten.
Als sie das Schiff nach Thalis IV bestieg, war sie innerlich bereit für
die Begegnung mit Tuvv Cotingo.
"Er ist auf Thalis IV? Bist du sicher?"
Obi-Nor schaute das HoloBild Cooleeshas fragend an.
"Ganz sicher, Obi-Nor. Er ist dort Cargo-Master."
"Natürlich." Obi-Nor nickte. "Aber natürlich - das
ist das Verbindungsglied! Die Ocean und die Pride fliegen Thalis
regelmäßig an. Bestimmt hat er da von Stella erfahren."
"Und da gibt es einen merkwürdigen Zufall: Die Crew der Silver
Ocean hat eine Bombe in einem Versorgungsschacht entdeckt. Sie ist gerade
dabei, sie zu entschärfen."
"Nun, 'Zufall' würde ich das nicht nennen", entgegnete Obi-Nor.
"Eher 'Erklärung' für Stellas Handeln. Die Bombe muss ein Druckmittel
gewesen sein."
Das ist noch nicht alles", fuhr Cooleesha fort. "Die Techniker haben
die gelöschten Holo-Kontakte von Stella bis in den R'Hajk-Sektor zurück
verfolgt ..."
"... und Thalis liegt im R'Hajk-Sektor", ergänzte Obi-Nor. "Okay,
wir haben unser Ziel. Wir nehmen Kurs auf Thalis. Schick' die Ocean und
die Pride dorthin. Ich will sie in der Nähe haben. Ach ja - Bombenalarm
auf allen Frachtern. Am besten auch in allen Bürofilialen. Und zur Sicherheit
auch auf Palm Island. Wir fliegen jetzt nach Thalis."
Er schaltete das HoloCom ab. Rhysbe brauchte er keine Anweisungen mehr zu geben.
Sie berechnete bereits den Hyperraumsprung.
Unwillkürlich tastete Stella nach dem Thermodetonator, als sie auf das
Büro des Cargo-Masters zuging. Noch ein paar Minuten, und von Tuvv Cotingo
wäre nichts mehr übrig, was größer war als ein Fingernagel.
Ebenso von ihr ...
Auf dem mit Stahlblech ausgekleideten Korridor vor dem Büro blieb sie kurz
stehen. Dann straffte sie sich und schritt energisch auf seine Tür zu.
Plötzlich ertönte ein durchdringendes Piepen.
Stella erstarrte.
Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit einem versteckten Metallscanner.
"Sieh mal einer an", erscholl eine höhnische Stimme. "Was
bringst du mir da feines mit?"
Stella drehte sich um. Hinter ihr stand Tuvv, einen Blaster in der Hand.
Er schüttelte missbilligend den Kopf. "Ts ts ts ... auf einen Blaster
war ich eingestellt, aber gleich ein Thermodetonator? Wirklich, Stella, Manieren
hast du ..."
Mit einer raschen Bewegung nahm er den Detonator an sich.
Mit einer ironischen einladenden Geste hielt er ihr die Tür auf. "Wenn
Sie bitte in mein bescheidenes Büro treten wollen, Mylady?"
Stella presste die Lippen zusammen.
Ihr Plan war schon im Ansatz gescheitert.
Tuvv verriegelte die Tür.
"Endlich sehe ich dich also wieder." Ein gefährliches Grinsen
umspielte seinen Mund. "So lange musste ich darauf warten."
"Was willst du eigentlich von mir?" fragte Stella kalt. "Soll
ich dir die andere Gesichtshälfte auch noch verbrennen?"
Tuvv lachte nur. "Glaubst du, du könntest mich auf eine so billige
Art und Weise provozieren? Ich raste nicht mehr so schnell aus wie früher,
Süße. Aber" - seine Augen verengten sich zu Schlitzen - "das
Stichwort Verbrennen ist schon mal ein Volltreffer. Ich fürchte, ich bin
der letzte Mann, der dein hübsches Gesicht bewundern darf."
Er deutete auf einen niedrigen Schrank. Dort stand ein Gasbrenner.
"Du sollst selbst erleben, wie das ist, wenn man entstellt ist", zischte
Cotingo. "Aber das ist erst der Anfang. Du wirst mich anflehen, dich schnell
und sauber zu töten. Glaub mir, Stella, du wirst deinen Tod herbei sehen
..."
Ein Comlink piepte.
Tuvv Cotingo aktivierte die Verbindung.
"Ein Mr. Gildorian auf Holo 3, Sir. Er ist soeben mit der Courier III
eingetroffen. Soll ich durchstellen?"
"Was?!" Zum ersten Mal schien Cotingo aus dem Konzept zu geraten.
Stella spürte, wie die Erwähnung Obi-Nors ihr einen Stich versetzte.
Es war ein ambivalentes Gefühl, zwischen Freude, Hoffnung und Angst
Inzwischen hatte sich Cotingo dazu durchgerungen, das Gespräch anzunehmen.
Der Händler erschien als HoloBild im Raum.
"Ich will mit ihr sprechen, Cotingo", begann er. "Und keine Ausflüchte!
Ich weiß, dass sie bei Ihnen ist."
Tuvv gab sich keine Mühe, die Wahrheit zu leugnen. Im Gegenteil.
"Sie sind aus dem Rennen, Händler. Stella ist meine Frau, und sie
ist zu mir zurückgekehrt. Fliegen Sie nach Hause, Ihre Zeit ist vorbei."
Obi-Nor blieb völlig ruhig. "Mir scheint, Ihnen wurde nicht nur das
Gesicht, sondern auch das Hirn verbrannt. Lassen Sie mich einfach mit ihr sprechen."
Cotingo grinste. "Ganz wie Sie wünschen."
Er unterbrach die Übertragung für einen Moment, damit der Händler
nicht hören konnte, was er sagte.
"Denk dran, Süße, ein Blaster ist auf deinen Kopf gerichtet.
Und die Bomben kann ich auch noch hochgehen lassen. Wimmel ihn ab!"
Obi-Nor musste einen Moment warten, bis Stellas Bild erschien. Erleichtert registrierte
er, dass sie unversehrt schien. Aber sie stand offensichtlich unter totaler
Anspannung.
"Obi-Nor, warum bist du gekommen? Du machst alles noch schlimmer!"
"Du glaubst doch nicht, dass ich einfach auf Trexx sitze und Däumchen
drehte, wenn du abhaust?"
"Geh bitte, Obi-Nor. Ich habe es dir doch schon auf HoloVid gesprochen!
Geh! Bitte!"
"Aber Stella!"
"Kapierst du nicht?" rief sie mit schriller Stimme. "Geh endlich!"
"Wie du meinst", erwiderte Obi-Nor, und schaltete das HoloCom ab.
"Aber Mylord, Ihr lasst Euch einfach so abwimmeln? Lady Stella sagt, Ihr
sollt gehen, und Ihr geht?"
"Ja, George, ich gehe - zum Angriff über!"
"Captain Teckarrr auf Kanal Drrrei, Obi-Norrr", unterbrach Rhysbe.
Obi-Nor schaltete den Übertragungsprojektor ein.
Der massige Schädel einer Mon Calamari erschien. Es war Lynn Teckar, Captain
der Silver Ocean.
"Die Bombe ist entschärft, Mr. Gildorian. Wir können jetzt
landen."
"Ausgezeichnet, die Pride ist auch so weit. Sie wissen, was
Sie zu tun haben? Nur ein wenig Show, nichts weiter."
"Sie können sich auf mich verlassen, Sir."
Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: "Ich bin stolz darauf, bei
der Befreiung von Direktorin Likori mithelfen zu können."
Tuvv Cotingo starrte nervös aus dem Transparistahlfenster. Das war doch
einer der Modulfrachter von 'Gildorian Enterprises'! Was machte der denn hier?
Erst in drei Wochen erwarteten sie eine neue Lieferung. Da kam noch einer! Beide
setzten nicht in einer der Landebuchten auf, sondern donnerten über die
Verwaltungsgebäude. Bedrohlich tief fliegend kamen sie auf das Cargo-Büro
zu.
"Der Kerl hat gelogen! Der greift an, anstatt abzuhauen. Na, die werden
was erleben!"
Cotingo holte zwei Fernzünder aus der Tasche.
Bevor Stella etwas dagegen unternehmen konnte, drückte der Cargo-Master
auf die Auslöser.
Nichts geschah.
Die Silver Ocean donnerte über das Gebäude hinweg, kurz darauf
auch die Pride of Trexx.
"Sieht so aus, als wären deine armseligen Bomben gefunden und entschärft,
Tuvv", konstatierte Stella. "Und noch einen Trumpf hast du wohl nicht
im Ärmel?"
Er blickte sie wütend an. "Irrtum, Süße. Du bist
mein Trumpf."
Er packte Stella am Arm und zerrte sie aus dem Büro.
Stella folgte ohne Widerstand. Im Moment bestand für sie zumindest keine
Lebensgefahr. Denn ein "Trumpf" war sie für ihn nur, wenn er
sie am Leben ließ.
Cotingo zog Stella an Bord eines Atmosphärengleiters. Dort band er sie
auf einem Sitz im Cockpit fest.
"Sie können ruhig mit drei Crews hinter mir her sein. Auf diesem Planeten
kenne ich mich aus. Die erwischen mich nicht!"
Diese Zuversicht erwies sich als irrig. Denn kaum hatten sie den Raumhafen hinter
sich gelassen und das spärlich besiedelte Hügelland erreicht, tauchte
die Courier hinter ihnen auf.
"Nimm Energie vom Laser, Rhysbe. Ich will ihn nur zur Landung zwingen.
Bloß kein Abschuss, solange Stella an Bord ist."
"Verrrlass dikch auf mikch, Obi-Norrr."
Die Warlucca stellte den Laserimpulsgenerator ein und feuerte eine Salve aus
der Zwillingskanone am Bug.
Sie registrierten den Einschlag, doch der Gleiter setzte seinen Flug fort.
Rhysbe feuerte erneut. Diesmal schoss eine Flamme aus dem Backbord-Triebwerk.
Um nicht ins Trudeln zu geraten und abzustürzen, blieb Cotingo nichts anderes
übrig, als beide Triebwerke abzuschalten und auf den relativ langsamen
Repulsor-Flug umzuschalten.
Der Courier konnte er jetzt nicht mehr entkommen.
Mit einem gewagten Flugmanöver setzte Cotingo den Gleiter hart auf den
Boden einer Waldlichtung auf. Er löste Stellas Fesseln und zerrte sie aus
der Maschine.
"Los! Wir müssen zu Fuß weiter!"
Im Wald konnten sie sich zu Fuß vielleicht versteckten. Die Courier
- wo war sie eigentlich? - konnte ja schlecht wie ein Speederbike zwischen den
Bäumen herumkurven.
Er hastete so schnell er konnte durch den Wald. Mit der rechten Hand hielt er
Stella gepackt, in der linken trug er einen Blaster. Stella tat so, als könnte
sie nicht so schnell laufen. Sie hoffte, dass jede Verzögerung Obi-Nor
die Chance geben würde, sie aufzustöbern.
Aber wo war bloß die Courier?
Als Stella schon die Hoffnung aufgeben und Cotingo bereits triumphieren wollte,
hörten sie das charakteristische tiefe Dröhnen der NSV-Biturbo-Triebwerke.
Nicht einmal eine Minute später hing die Courier wie ein gefräßiger
Aasvogel genau über ihnen, nur wenig höher als die Baumwipfel.
Das Außenbordcom, das normalerweise zur Kommunikation mit Wartungscrews
in Raumhäfen und Werften bestimmt war, übertrug die Stimme Obi-Nor
Gildorians.
"Stehenbleiben, Cotingo. Das Spiel ist aus! Werfen Sie Ihren Blaster weg!
Sie haben keine Chance!"
"Ha!" schrie Cotingo, obwohl ihn die Besatzung des Raumschiffes kaum
hören würde. "Wenn Sie mit dem Laser schießen, dann pusten
Sie ihre reizende Stella gleich mit um!"
"Deshalb nehme ich auch lieber den Blaster", sagte eine Stimme hinter
ihm.
Überrascht drehten sich Cotingo und Stella gleichzeitig um. Hinter ihnen
stand Obi-Nor. Seine Waffe zielte auf Cotingos Stirn.
"Wie gut, dass ich meinem Droiden einen Stimmen-Simulationschip eingebaut
habe", grinste der Händler. "Ich wusste doch, dass sich der mal
auszahlt. - Und jetzt den Blaster weg, Mister, aber ganz vorsichtig."
Cotingo ließ den Blaster fallen. Doch zugleich schleuderte er Stella in
Obi-Nors Richtung. Der wich ihr aus, kam ins Stolpern - und als er sich gefangen
hatte, hielt Cotingo den Blaster wieder in der Hand.
Obi-Nor machte einen Satz zur Seite, um dem Schuss auszuweichen. Ein zweiter
Schuss streifte seine rechte Hand. Mit einem Schmerzensschrei ließ er
seine Waffe fallen.
Wieder zielte Cotingo, doch da warf sich Stella auf ihn. Die beiden rangen miteinander.
Plötzlich löste sich ein Schuss.
Mitten in der Bewegung erstarrte Stella.
Erstaunt schaute sie auf das Loch in ihrem Bauch, nahm wahr, wie das Blut herausquoll.
Dann sank sie zu Boden.
"NEEEEIIINNN!!!!" Obi-Nor meinte, sein Herz bliebe stehen. Dennoch
warf er sich instinktiv auf Cotingo, trat ihm die Waffe aus der Hand und versetzte
ihm einen Kopfstoß.
Cotingo taumelte zurück.
Er fing sich und schlug mit der Faust zu. Der Schlag landete aber nicht auf
Obi-Nors Kinn, sondern in der Vibroklinge des Händlers, die dieser mit
der unverletzten linken Hand gezückt hatte. Cotingo war starr vor Schmerzen.
Obi-Nor stieß mit dem Messer erneut zu. Und wieder. Und wieder.
Die Klinge traf Cotingos Schulter, seine Brust, den Bauch.
Schon als Cotingo sterbend auf dem Boden lag, stieß Obi-Nor immer wieder
zu, besinnungslos, außer Kontrolle.
Schließlich kam er in die Realität zurück.
Er ließ das Messer fallen und eilte zu Stella.
Sie lag auf dem Rücken, unter ihrem Körper breitete sich eine Blutlache
aus.
Ihr Atem ging stoßweise, röchelnd.
"Stella!"
Obi-Nor warf sich auf sie.
"Stella!!"
Tränen quollen aus seinen Augen. Er sah durch den Tränenschleier,
dass ihr Atem schwächer ging.
Mühsam versuchte Stella zu sprechen.
"Es ... tut ... mir ... Leid ..."
"Bitte, Stella! Du darfst nicht sterben! Ich brauche dich!"
Doch Stella konnte ihn nicht mehr hören.
Die Container des mobilen Medizentrums glänzten
im hellen Sonnenlicht. In fliegender Hast hatte man die Stahlblöcke mit
ihrer fertig installierten medizinischen Einrichtung aufgebaut. Aber allem Anschein
nach nicht schnell genug. Die Ärzte gaben Stella Likori keine Überlebenschance.
Ruwen Flyyr seufzte, als er das HoloCom aktivierte.
Cooleeshas Bild erschien über dem Projektor.
"Gibt es was Neues, Ruwen?" Die Besorgnis stand ihr ins Gesicht geschrieben.
"Leider nein, Cooleesha. Die Leute von der alten Medistation hier in A'Cra
haben ihr Bestes getan, aber ihre Mittel waren begrenzt. Ich fürchte, das
Medizentrum von Trexx kam nicht rechtzeitig an. Die Ärzte ..."
Eine hilflose Geste beendete stumm den angefangenen Satz.
"Ruwen, die Medien bringen schon Nachrufe! Stella lebt aber doch noch?"
"Nachrufe?" Ruwen lachte bitter. "Diese Medien sind schlimmer
als Mynocks! Ich weiß nicht, wer die informiert hat. Ja, noch lebt
Stella."
"Dann muss Obi-Nor die Meldungen sogleich dementieren!"
Ruwen schüttelte den Kopf. "Obi-Nor wacht bei Stella am Krankenbett.
Medien interessieren ihn jetzt mit Sicherheit nicht. Und ehrlich gesagt fürchte
ich, dass die Medien nur zu bald schon Recht haben werden ..."
Der kleine Raum, in dem Stella lag, war vollgestopft mit Hightech-Geräten
und Überwachungsmonitoren. Leuchtanzeigen stellten Herzfrequenz, Gehirnströme,
Blutdruck und weitere Körperwerte dar. Zwei Ärzte und ein Medidroide
hatten sich bis jetzt um die Patientin gekümmert, nun verließen sie
das Zimmer.
Der Spezialist vom Planeten Trexx wandte sich im Gehen an Obi-Nor.
"Wir können nichts mehr tun, Mister Gildorian. Wir waren einfach zu
spät hier. Die inneren Verletzungen sind wahrscheinlich zu stark. Wir haben
alles veranlasst, was möglich war. Ich fürchte, es war zu wenig ..."
"Aber noch gibt es doch Hoffnung?" Obi-Nor war leichenblass.
Der Arzt seufzte. "Hoffnung gibt es immer. Aber ich will nicht, dass Sie
sich falsche Illusionen machen."
Obi-Nor nickte. "Ich danke Ihnen. Aber ich weiß: Sie wird wieder
aufwachen."
Der Arzt zuckte mit den Schultern und ging hinaus.
Als er gegangen war, setzte sich Obi-Nor an Stellas Bett. Inmitten von Schläuchen
und Kabeln lag Stella auf dem Rücken, die Augen geschlossen, die Arme an
ihrem Körper ausgestreckt.
Vorsichtig berührte Obi-Nor ihre Hand.
"Ich bin bei dir, Stella", sprach er leise. Sein Verstand sagte ihm,
dass sie ihn nicht hören konnte. Aber er hatte das Gefühl, dass seine
Worte bei ihr ankamen.
So saß er stundenlang da, hielt ihre Hand und wachte am Krankenbett.
Am nächsten Morgen schaute Ruwen herein.
"Obi-Nor, du musst mal was essen. Oder schlafen. Hast du die ganze Nacht
hier gesessen?"
"Ja, Ruwen. Und ich werde hier sitzen bleiben. Bis Stella wieder aufwacht."
Ruwen Flyyr schaute verlegen zu Boden. "Obi-Nor ..."
"Ich weiß, was du sagen willst. Aber auch wenn Stella nicht wieder
aufwacht, bleibe ich hier. Bis zum Ende."
Am Nachmittag sackte Stellas Kreislauf für einige Minuten bedrohlich weg.
Bange Augenblicke für Obi-Nor, der beobachtete, wie sich die automatisch
Mediversorgung aktivierte.
Schließlich gelang es ihr, den Kreislauf zu stabilisieren.
Der Tag ging zu Ende, und ohne Dämmerung brach die Nacht herein.
Regungslos blieb Obi-Nor an Stellas Bett sitzen, Stellas Hand in seiner.
Von Zeit zu Zeit streichelte er ihr über die Wange, küsste sanft ihre
geschlossenen Augenlieder oder flüsterte ihr zu, dass er bei ihr sei.
Die meiste Zeit über saß er jedoch stumm an ihrer Seite und war einfach
da.
Mit einem Male schreckte er hoch. Was war los?
Er blinzelte.
Offenbar war er eingenickt und hatte geschlafen.
Soeben ging die Sonne auf.
Er schaute Stella an -
und blickte in ihre geöffneten Augen.
Schlagartig war er hellwach.
"Stella!"
Er beugte sich über sie und strich ihr durchs Haar. Tränen rannen
seine Wangen herab, tropften auf ihr Gesicht. Zärtlich küsste er sie
fort.
"Stella, ich wusste, dass du aufwachst!"
Stella bewegte ihre Lippen. Sie wollte sprechen, brachte aber keinen Ton heraus.
Obi-Nor schüttelte den Kopf. "Du darfst dich nicht anstrengen, Stella.
Aber ich weiß auch so, was du mir sagen willst. - Ja, ich liebe dich auch."
Er schaute sie an.
Stella war noch zu schwach, um zu sprechen.
Aber ihre Augen lächelten.
Obi-Nor