Yo-Karah

Eine Geschichte aus dem Star Wars Universum

1.

Ich spürte ihre Präsenz in dem Augenblick, als sie auf Alderaan landete.
Sie ist wieder hier!
Mein Herz begann, wild zu klopfen. Nein, ich konnte jetzt nicht einfach in den Palast laufen. Ich musste noch den Chip des Reinigungsdroiden in der Reparaturwerkstatt umtauschen. Aber wenn ich mich beeilte, konnte ich vor ihr zurück sein!
Wie ein Wirbelwind eilte ich durch die belebten Straßen, hetzte zu „Shrinka’s All Droid Workshop“, knallte ihm den defekten Chip auf die Theke und stieß hervor: „Hier. Spätestens morgen. Neue Platine!“
Ohne auf sein verdutztes Gesicht zu achten, eilte ich wieder hinaus. Jetzt schnell zum Blumenmarkt!
Gegenüber dem Stand von N’firi blieb ich stehen. Ich war völlig außer Atem. Konzentrier dich!, ermahnte ich mich. Ich schloss die Augen, und tatsächlich: Da war er wieder, dieser seltsame Gedanke.
Die Luft fließt – fühle, wie sie strömt!
Augenblicklich konnte ich ruhig atmen. Keine Ahnung, wie das funktionierte. Egal. Hauptsache, es klappte! Ha! Wenn ich das Quillo erzählen würde! Nein – jetzt nicht an diesen aufgeblasenen Wichtigtuer denken! Ich hatte schließlich Blumen zu besorgen.
Ich öffnete langsam wieder die Augen, konzentrierte mich nur auf N’firi. Ganz kurz huschte eine Erinnerung durch meinen Kopf:
„Ein Dieb!“ schrie eine Stimme. „Haltet den Dieb!“ Dann packten zwei Arme zu und eine hässliche Frau gab mir mit kräftigen Armen Ohrfeigen, jede Menge Ohrfeigen.
Ich wischte dieses Bild weg. Du wirst mich nie wieder schlagen, dachte ich. Im Gegenteil. Gleich wirst du wieder schreiend davonlaufen. Und ich musste trotz meiner Konzentration grinsen ...

Bester Laune und laut pfeifend schlenderte ich zurück in den Palast. Es war einfach zu schön gewesen!
„Ein Mynock! Hilfe, ein Mynock!“ hatte sie geschrieen. Dann war sie davongerannt und hatte ihren Blumenstand im Stich gelassen. Wie immer.
Oh, es war nicht jedes Mal ein Mynock. Manchmal wählte ich eine Sumpfratte. Oder einen Schwarm Cellio-Wespen. Das Beste waren natürlich die Sandwürmer gewesen! Zuweilen war es mir selbst unheimlich. Ich musste mich nur auf N’firi konzentrieren, dann an irgendein ekelhaftes Tier denken und ihr in Gedanken irgendwie zuflüstern, dass dieses Tier gerade unter ihren Rock kroch. Und schon konnte ich mir in aller Ruhe einen Strauß „Supernova-Rosen“ oder „Glücksdisteln“ schnappen.
Ich hatte schon manches Mädchen mit den Blumen beeindruckt. Siela zum Beispiel. Oder diese Rothaarige, von der ich nicht einmal den Namen wusste. Nie hatten sie erfahren, dass diese teuren Blumengebinde von mir kamen. Ach, wenn ich doch Mädchen gegenüber nicht so schüchtern wäre! Warum konnte ich ihnen gegenüber nicht so frech auftreten wie den Händlern auf dem Schwarzmarkt von Ca’Preh? Ich war nun schon 17 Jahre alt und dennoch nie mit einem Mädchen intim gewesen. Wie Quillo mich deswegen aufzog!
„Du wirst mal Bo’marrh-Mönch auf Tatooine! Die haben ihr ganzes Leben lang nichts mit Weibern!“ spottete er oft.
Quillo! War erst 16, hatte aber angeblich schon alle Hofdamen im Palast beglückt. Und wenn Staatsgäste kamen, prahlte er jeden Morgen mit seinen Eroberungen.
„Die Frau des Minenbesitzers hat mir letzte Nacht eine Drachenperle geschenkt! Diese askanische Prinzessin mit ihren sechs Brüsten war Wachs in meinen Händen! Was die Twi’Lek-Mädchen mit ihren Kopftentakeln alles anstellen!“
Wie konnte so ein Draufgänger nur Page am Hofe von Bail Organa werden? Aber vielleicht flunkerte er ja auch nur.

Ich hatte den Palast erreicht. Jetzt musste ich mich nur unbemerkt in ihre Gemächer schleichen und die Blumen hinstellen. Ich durchquerte die Kleine Halle und ging in den Westflügel. Vorsichtig bog ich um eine Ecke ...
„Obi-Nor!“
Ich erstarrte. Pral Xavin hatte mich entdeckt!
„Wo willst du hin? Und was hast du da hinter deinem Rücken?“
„Einen Strauß Blumen, Sir“, sagte ich verlegen. Nie hätte ich ihn anlügen können. Dem Königlichen Protokollchef verdankte ich alles. Er hatte mich damals aufgelesen und mir diese Stellung verschafft.
„Schmugglerblut, Obi-Nor Gildorian“, pflegte er oft zu sagen. „In dir fließt Schmugglerblut. Du bist ein Nichtsnutz, ein Lausebengel. Und du würdest deine Großmutter für eine 10 Credits verkaufen. Warum gebe ich mich nur mit dir ab?“ Doch dann wurde sein Gesicht immer weich und er lächelte. „Aber du hast einen anständigen Charakter, mein Junge. Das weiß ich genau.“
„Ja, Sir“, sagte ich dann – es war wie ein Spiel. „Danke, Sir. Aber mit Verlaub, Sir, für meine Großmutter würde ich mindestens 30 Credits rausschlagen!“
Nein – Pral Xavin konnte ich nicht belügen. Niemals.
„So, so, wir haben also Blumen eingekauft?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Vielleicht vom Stand der ehrenwerten N’firi? Wir hatten wohl zu viele Credits in der Tasche, ja?“
Ich senkte den Blick.
„Es tut mir Leid, Sir, aber es ist für die Prinzessin“.
Er ließ einen überraschten Laut hören.
„Woher weißt du, dass Prinzessin Leia heute kommt?“ flüsterte er. „Das ist doch streng geheim!“
Ich fühlte, wie mein Gesicht so rot wurde, wie der Wein aus König Organas Weinkeller, den Quillo und ich heimlich tranken.
„Ich hatte ... ich wusste ... ich meine ...“
„Schon gut“, schnitt er mir das Wort ab. „Bring die Blumen in ihre Gemächer und halte dich für den Empfang bereit.“
„Jawohl, Sir“, rief ich erleichtert und zischte ab.
Puh, das war eng gewesen! Irgendwann würde ich ihm von diesen sonderbaren inneren Stimmen erzählen müssen ...
 
 

2.


Ihre Ankunft war eine einzige Enttäuschung. Es gab nur den „kleinen Empfang“ mit dem Protokollchef, einer Hofdame und zwei Pagen. Prinzessin Leia rauschte in den Palast, ohne mich auch nur im geringsten zu beachten. Sonst war sie nie so unnahbar gewesen. Sie wirkte angespannt, bedrückt. Ganz blass war sie. Nicht einmal den „Duft der 1000 Sterne“ hatte sie sich ins Haar gesprüht.
Ich kannte dieses Parfüm genau. Eines Tages hatte ich eine Flasche in Ca’Preh gestohlen. Und seitdem oft abends vor dem Einschlafen daran geschuppert. Aber es erinnerte mich nicht nur an Leia, an ihre brauen Augen, ihr geflochtenes Haar, ihre schlanke Gestalt. Es erinnerte mich vor allem an die 1000 Lichtjahre gesellschaftlicher Distanz zwischen uns. Eine Prinzessin und ein Typ wie ich? Nein, unmöglich. Ich war bloß Page am Hofe ihres Vaters. Und schlimmer noch: Mein Vater war ein Schmuggler gewesen. Und sie war Prinzessin. Sie würde eines Tages Herrscherin über Alderaan sein. Niemals würde sie sich mit einem Schmuggler einlassen. Nur ein Jahr älter als ich, aber Welten von mir entfernt. Ich konnte froh sein, wenn ich mir einmal eine wie Siela angeln könnte. Aber dazu musste ich erst einmal mehr Mut aufbringen, ein Mädchen anzusprechen ...
„Na, du Weichei! Stehst da mit offenem Mund und denkst an Ihre Hoheit, was?!“ röhrte eine unangenehm vertraute Stimme neben mir. Ich drehte mich um.
„Wenn ich mit dir fertig bin, Quillo, bist du Bantha-Futter!“ erwiderte ich. Schwach, dachte ich. Das war schwach gewesen, aber mir war so schnell nichts besseres eingefallen. Er grinste auch nur herablassend.
„Hab jetzt keine Zeit, dich zu verprügeln“, meinte er großspurig. „Du sollst das Gästegemach B-03 herrichten, hat der olle Xavin gesagt“.
Es durchzuckte mich bei dieser abfälligen Bemerkung. Aber er sprach ungerührt weiter.
„Lady Mal’Wan kommt heute zu Besuch. Und du bist die nächsten Tage ihr persönlicher Page. Ist `n hohes Tier. Außerdem ne scharfe Nummer, hab ich gehört. Mensch, die würd ich gern mal durchnudeln. Und da teilen die so`n Versager wie dich ein!“

Der Tag verging mit trüben Gedanken. Es war wohl doch nicht mein Glückstag. Nicht der Prinzessin durfte ich aufwarten, sondern dieser, dieser – wie hieß sie noch? – dieser Mal’Wan. Nie gehört. Wahrscheinlich uralt, 40 oder so. Oder vielleicht gar kein Mensch. Eine Wookie-Dame womöglich. Nein, bloß das nicht! Aber Moment, hatte Quillo nicht was von „scharfer Nummer“ gefaselt? Ach, dieser Quillo. Hatte wahrscheinlich wieder übertrieben. Doch was sollten diese Überlegungen? Ich konnte mir meinen Dienst sowieso nicht aussuchen. Außerdem war es jetzt Zeit, dem Gast das Abendessen zu servieren.
 
 

3.


„In Bromi eingelegte Trè-Perlen, von Corvis Minor importiert; glasierte Hawto-Früchte mit Z’tu-Soße; überzuckerte Klaarolen; dazu ein 53er Sonnenschmuck, trocken.“ Mijn Kroh glaubte wohl, ich hätte mir nach all den Jahren immer noch nicht die Namen der Speisen gemerkt, die er zubereitete. Aber es waren auch ausgefallene Köstlichkeiten! Um diesen Koch wurde König Organa wohl selbst vom verhassten Imperator beneidet.
Ich balancierte das Tablett durch die Flure. Mijn Kroh glaubte allen Ernstes, ein Schwebetablett mit Repulsor-Kissen würde dem Aroma der Speisen schaden! Nun ja, es gab schlimmere Jobs, als mit einem Tablett Edelfraß durch den Palast zu stolpern.

Vorsichtig klopfte ich an die Tür zum Gästegemach B-03. „Das Abendessen, Mylady!“
„Komm herein. Stell es auf den Tisch“.
Ich betrat den Wohnraum. In der Luft hing der leichte Duft frisch erblühter Corellianischer Rosen. Das musste ihr Parfüm sein. Guter Anfang, dachte ich. Ich stellte das Tablett auf den Tisch. Dann fiel mein Blick auf den Diwan. Dort lag achtlos hingeworfen eine unscheinbare braune Robe. Sah fast wie ein Bettler-Umhang aus. Ich schraubte automatisch meine Trinkgeld-Erwartungen zurück. Aber dann fiel mir der Widerspruch auf. „Corellianische Rosen“, der Luxusduft schlechthin – und so ein Fetzen? Das passte einfach nicht.
„Wartest du auf etwas?“ erklang ihre Stimme durch die Tür zu den Nebenräumen.
„Äh, ich wollte Euch fragen, ob Ihr noch Wünsche habt, Mylady“.
„Nein, im Moment nicht. Oder doch. Warte. Bring mir bitte meine Tunika aus dem Schlafzimmer. Ich bin hier im Erfrischer!“
Tunika? Erfrischer? Ich spürte, wie mein Herz schneller klopfte, als ich das Kleidungsstück hervorholte.
„Ich lege es Euch vor die Tür, Mylady!“
Er hat Angst!
„Nein Mylady, ich ... ich habe keine Angst, es ... es nur unschicklich und ...“
Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen, und sie stand vor mir, das Badetuch um ihren Körper geschlungen. Die nassen Haare hingen in wirren Strähnen herunter.
„Was hast du da gesagt?“
„Ich wollte Euch nicht beleidigen, Mylady ...“
„Du hast geantwortet!“ unterbrach sie mich. „Du hast auf meinen Gedanken geantwortet!“ Sie starrte mich mit großen Augen an.
„Ja, ich ...“ Ich brach ab. Es stimmte. Sie hatte nichts gesagt, sie hatte gedacht – und ich hatte ihren Gedanken laut beantwortet! Sie sah mich mit einem forschenden Blick an. Dann schloss sie die Augen.
Wer bist du? Woher hast du diese empathischen Fähigkeiten?
„Ich bin nur ein Page hier am Hof, Mylady. Ich kann aber ab und zu Gedanken spüren. Ich weiß nicht wieso.“
Sprich nicht!, forderte sie mich in Gedanken auf. Gib mir deine Antwort in Gedanken.
Das kann ich nicht, Mylady, das kann ich nicht!
Warum zweifelst du?
Oh, auch Ihr könnt meine Gedanken spüren?!
„Ich kann deine Gedanken nicht lesen wie ein Datapad“, erklärte sie. „Aber deine Stimmungen, Gefühle, Kerngedanken kann ich erspüren.“
„Also habt Ihr auch diese Fähigkeit?“ wunderte ich mich. Dann fiel mir die Robe ein. Und plötzlich spürte ich, wie sie an einen Gegenstand in der großen Holzvitrine dachte. Ich sah kurz das Bild vor Augen. Es war ein länglicher Gegenstand, aus Metall, ein ...
„Ihr seid eine Jedi!“ platzte es aus mir heraus. Ich starrte sie mit offenem Mund an.
Eine Jedi! Aber es gab doch gar keine Jedi mehr?!
„Verrate niemandem davon“, gebot sie mir. „Und komm morgen früh zeitig zu mir, wir müssen miteinander reden. – Geh jetzt, lass mich allein!“

An diesem Abend konnte ich lange nicht einschlafen Eine Jedi! Ich hatte mir Jedi immer anders vorgestellt. Starke Männer mit grimmigem Blick, Lichtschwerter zu tödlichem Schlag erhoben. Aber nicht wie – ja, wie sah sie eigentlich aus? Lange dunkle Haare hatte sie. Wow, die reichten ihr bis zur Hüfte! Und sonst? Ich hatte nur eine triefend nasse Frau gesehen, in ein Badetuch gehüllt. Nun, immerhin hatte ich bemerkt, dass sie das besaß, was Pral Xavin wohl „weibliche Formen“ nennen würde. Quillo hätte andere Worte benutzt.
Ich grinste. Vielleicht war ja doch mein Glückstag heute. Wie alt mochte sie sein? 20 Jahre, entschied ich. Jedenfalls nicht viel älter als Prinzessin Leia. Die Prinzessin! Ich hatte sie ganz vergessen. Ich merkte, wie ich ein schlechtes Gewissen bekam. Cool bleiben, Jungchen, dachte ich. Du und eine Prinzessin, das wird ja doch nichts. Aber eine Jedi, warf mein innerer Kontrahent ein, als ob ich da größere Chancen hatte!
Doch plötzlich war diese innere Diskussion wie weggeblasen. Die Gedanken, dachte ich. Ich habe ihre Gedanken gespürt. Und sie konnte meine spüren. Was hatte das zu bedeuten?

Als ich endlich einschlief, überfielen mich verworrene Träume. Bildfetzen durchfluteten meinen Schaf, Gefühle und Stimmungen. Bedrohungen, Hetzjagden, Kämpfe. Eine tödliche Gefahr, Schatten. Und eine Kugel. Eine gewaltige Kugel. Sie zog mich in den Bann. Kam auf mich zu. Verfolgte mich. Wuchs ins Riesenhafte. Wurde zu einem Satelliten, einem Mond, einem ...
Zack!
Die zur üblichen Weckzeit eingestellte Deckenbeleuchtung flutete den Raum.
„Aufstehen, du Weichei!“ rief Quillo.
Ich konnte die Augen kaum öffnen. War schon der nächste Tag angebrochen? Hatte ich überhaupt geschlafen? Oder nur geträumt? Diese Kugel ... Ich schüttelte mich, warf die Schrecken der Nacht ab. Ich stolperte in den Erfrischer. Lady Mal’Wan wollte ich auf jeden Fall sauber und ordentlich gegenübertreten.
 
 

4.


„Und du hast wirklich niemandem von deinen empathischen Fähigkeiten erzählt?“
„Nein, Mylady, wie ich schon sagte.“
Sie sah mich lange nachdenklich an. Zum ersten Mal seit fast zwei Stunden bohrte sie nicht weiter.
Ich war erschöpft. Mir schien, als ob sie mich mit Tausenden von Fragen gelöchert hätte. Wer bist du? Wer waren deine Eltern? Seit wann weißt du von deiner Fähigkeit? Und immer wieder: Weiß niemand davon? Und niemand weiß davon? Weiß wirklich niemand davon?
Sie schloss die Augen, in Gedanken versunken. Ich nahm einen Schluck Wasser. Vom vielen Reden war mein Mund ganz trocken geworden. Nun konnte ich sie in Ruhe näher betrachten.
Sie war atemberaubend schön. Voller Würde und Eleganz war ihr ovales Gesicht. Ihre hohen Wangenknochen und die Mandelform ihrer Augen erinnerten mich an die Twi’Lek-Tänzerinnen, die im Palast auftraten. Ihre – jetzt geschlossenen - dunkelbraunen Augen strahlten wie Darkstone-Diamanten. Die nach correlianischer Art zu einem einzigen Zopf geflochtene brünetten Haare waren nach vorn über ihre linke Schulter gelegt und reichten bis in ihren Schoß. Unter ihrer einfachen, weit geschnittenen cremefarbene Tunika zeichneten sich ihre vollen Brüste ab, während der breite Gürtel ihre schmale Taille betonte. Ich nahm noch einen Schluck Wasser. Vielleicht war mein Mund nicht allein vom Reden so ausgedörrt.

„Gefalle ich dir?“ Sie öffnete ihre Augen und warf mir einen glühenden Blick zu. Ich senkte die Augen.
„Ich wollte Euch nicht so anstarren, Mylady“, entschuldigte ich mich.
„Oh, ich finde, du hast dich in den letzten Stunden gut gehalten“, versetzte sie trocken. Sie lächelte mich an. Das war kein spöttisches Grinsen, eher ein freundlich aufmunternder Blick. Dann wurde sie ernst.
„Wie lange willst du hier noch Page sein? Hast du keine anderen Pläne für dein Leben?“
Was für eine Frage! Sollte ich ihr sagen, dass ich bald zum Kammerdiener aufsteigen würde? Pral Xavin hatte so etwas angedeutet. Nein, damit würde ich sie nicht beeindrucken können.
„Ich weiß nicht, wohin mein Schicksal mich führt, Mylady“ antworte ich höflich, aber reserviert. Sie nickte.
„Du hast eine gute Erziehung hier am Hofe genossen“, sinnierte sie. „Du könntest ...“. Plötzlich brach sie ab. Sie sah mich forschend an.
„Lass uns einen Versuch machen. Du kannst Gedanken spüren. Kannst du sie auch verbergen?“ Sie schaute mich prüfend an. „Verbirg deine Gedanken vor mir!“
Ich schloss verwirrt die Augen. Gedanken verbergen? Wie ging das? Ich spürte ihren tastenden Geist, ihren Versuch, meine Gedanken zu erhaschen. Ich beschloss, mich gegen sie abzuschotten.
„Eine Mauer ... Du baust eine Mauer um dich herum“, murmelte sie. „Du baust Widerstände auf. Aber eine Mauer kann ich durchdringen ... Die Mauer wird dicker ... eine Festungsmauer ...Was willst du mit aller Macht verbergen?“
Ihr Forschen, ihr Fordern wurde stärker. Ich begann zu schwitzen. Ich musste ihre Versuche abwehren, egal mit welcher Anstrengung. Schweißperlen rannen mir vom Gesicht, mein Hemd klebte am Körper.
„Jede Mauer hat eine Lücke“, fuhr sie fort. „Wo ist deine Lücke? Ah ... ich spüre etwas ... Tunika? ... Du denkst an meine Tunika? ... Nein ... Oh, du denkst an das, was in meiner Tunika ist?!“
Sie lachte schallend.
Ich sank erschöpft im Sessel zusammen. Erschöpft, verlegen, blamiert.
„Verzeihung, Mylady. Ich wollte es nicht. Aber ich konnte den Gedanken nicht verhindern.“
„Schon gut“ lächelte sie. Dann wurde sie ernst. „Deine Herkunft aus einer Schmuggler-Familie, dann die strenge Erziehung nach der Hofetikette ... Je mehr du in dieser Atmosphäre eine Begierde unterdrückst, desto stärker wird dein Wunsch.“
„Ja“ fuhr sie schmunzelnd fort, als sie meinen erstaunten Blick bemerkte. „Ja, ich kenne diese Erziehung. Ich bin die dritte Tochter des Herzogs von Cal’Morrh. Aber ich hatte inzwischen andere Lehrmeister. Jedi-Lehrmeister ...“
Sie schwieg gedankenverloren.
„Lass uns noch einen Versuch wagen“ schlug sie nach einer Weile vor. „Aber dieses Mal versuche nicht, eine Mauer zu errichten. Lasse deine Gedanken offen fließen! Wenn du eine Rose verstecken willst, gehe auf eine Blumenwiese. Willst du einen Felsbrocken verbergen, suche eine Geröllhalde auf. Und Gedanken versteckst du am besten im unendlichen Strom des Denkens“. Sie schaute mich fragend an. „Bist du bereit?“.
Ich nickte. Dann schloss ich die Augen.
Konzentrier dich!
Ich spürte, wie mein Herz klopfte.
Die Luft fließt – spüre, wie sie strömt!
Mein Atem beruhigte sich.
Auch die Gedanken fließen – spüre auch ihren Strom!
Und dann flossen Bilder an meinem inneren Auge vorbei. Geräusche drangen an mein Ohr. Geschmack berührte meine Zunge. Worte lagen in meinem Mund. Es war wirklich ein Strom. Erinnerungen, Phantasien, Begegnungen, Überlegungen, Pläne, Erfahrungen – sie alle flossen in einer harmonischen Bewegung durch mein Inneres. Und mitten im Strom trieb Lady Mal’Wan. Ihre Anmut, ihr strahlendes Lächeln. Ihre Energie.
Nach einiger Zeit öffnete ich die Augen. Seltsamerweise war ich nicht erschöpft. Im Gegenteil, ich war ganz entspannt.
„Nun?“ fragte ich. „Habt Ihr meine Gedanken erraten?“
„Nein“, antwortete sie. „Ich spürte nur einen großen Gedankenstrom. Woran hast du denn nun gedacht?“
„Ich dachte daran, dass Ihr wunderschön seid, Mylady“, erwiderte ich. Dass ich dabei ruhig bleiben und ihr sogar in die Augen schauen konnte! Ich mochte es selbst nicht glauben.
„Ihr seid die schönste Frau, die ich je gesehen habe“ fügte ich hinzu.
Täuschte ich mich, oder überzog nun eine leichte Röte ihre Wangen? Doch schnell hatte sie sich wieder unter Kontrolle.
„Danke, Obi-Nor“ sprach sie mit einem breitem Lächeln. „Von allen Komplimenten, die ich je gehört habe, war dieses das ehrlichste.“ In ihren Augen brannte faszinierendes Feuer. „Schlicht, aber ehrlich. Doch nun geh. Ich muss zu Prinzessin Leia.“
Ich stand auf und ging zur Tür.
„Warte noch“ hielt sie mich zurück. „Sag nicht immer ‚Mylady‘ zu mir. Ich heiße Wala. Wenn du schon die Etikette beachten musst, rede mich wenigstens mit ‚Lady Wala‘ an.“

Quillo lauerte mir im Küchentrakt auf. Blanker Neid sprang aus seinem Gesicht.
„Mensch, Obi-Nor!“ Zum ersten Mal seit Monaten beschimpfte er mich nicht als ‚Weichei‘. „Donnerwetter, das hätte ich dir nicht zugetraut. Zwei Stunden warst du bei der Lady drin. Du schwebst ja hier rein wie auf einem Repulsorkissen. Hast sie durchgenudelt, was?“
Ich ging wortlos an ihm vorbei.
„Hey, warte doch, Junge!“ Er ging mir nach. „Du schwitzt ja noch und lächelst so selig?! Hast sie richtig in die Mangel genommen, ja? Wie war sie? Hat sie gestöhnt? Gebettelt? Gewimmert?“
Ich drehte mich langsam um und sah ihn an.
„Zwischen Mann und Frau gibt es Geheimnisse, die weit jenseits deiner Vorstellungskraft liegen. Träum deinen armseligen Traum weiter, Quillo, aber lass mich künftig in Ruhe, okay?“
Damit wandte ich mich ab und ging in mein Quartier. Ich spürte seinen ratlosen Blick in meinem Rücken, sah beinahe seinen staunend offenen Mund. Sauber, dachte ich. Das war endlich mal eine gelungene Erwiderung.
Ohne meine betont würdevolle Haltung zu ändern, begann ich zu grinsen. Von einem Ohr zum anderen.
 
 

5.


„Nun, Junge, mehr Zeit als gestern?“, fragte Shrinka. Er legte den Chip des Reinigungsdroiden vorsichtig auf die Theke. Dann flatterte er mit schnellem Flügelschlag zum obersten Fach seines Regals. „Schon die neuesten Optik-Sensoren für Kurier-Droiden gesehen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Für Kurier-Droiden bin ich doch nicht mehr zuständig, Shrinka.“
„Schade, Junge, schade“, murmelte er. „Die Dinger sind so gut, dass ich mir überlege, mich ganz auf Optik-Sensoren zu spezialisieren. Was klingt besser: ‚Shrinka’s optics‘ oder ‚Optometry Corner‘?“
Das Signal für den Eingang einer Holoübertragung enthob mich einer Antwort. Ich zog mein Multifunktions-Datapad aus der Umhängetasche und aktivierte die Verbindung. Es erschien das Holo von Pral Xavin.
„Komm bitte in den Palast zurück, Obi-Nor. Prinzessin Leia erwartet dich im kleinen Ratsraum. Ach ja – keine Blumen heute, verstanden?“
„Ja, Sir“, erwiderte ich. „Bin schon unterwegs, Sir.“ Ich nahm den Chip von der Theke und ging zur Tür.
„Vergiss es, Shrinka“, rief ich ihm im Hinausgehen zu. „Du bist so kurzsichtig, aus dir wird nie ein Optic-Händler“.
Beim Heimweg zerbrach ich mir vergeblich den Kopf, was die Prinzessin von mir wollte. Warum wählte sie ausgerechnet den kleinen Ratsraum, das einzige hundertprozentig abhörsichere Zimmer im ganzen Palast?

Als ich die dreifache Sicherheitsschleuse passierte und außer Prinzessin Leia noch Wala sah - Lady Wala, korrigierte ich mich –, wusste ich, worum es ging.
„Setz dich, Obi-Nor“, lud Prinzessin Leia mich ein. „Wie ich hörte, hast du unsere kleine Prüfung bestanden?“
„Prüfung?“ Ich war verblüfft. „Es war eine Prüfung, Hoheit?“
Ja, und du hast sie bestanden!
Ich schluckte. Es war das erste Mal, dass ich nicht nur Prinzessin Leias Präsenz, sondern auch ihre Gedanken spüren konnte.
„Wir wussten immer, dass du besondere Fähigkeiten hast“ fuhr die Prinzessin fort. „Schon als ...“ Sie zögerte und schaute zu Wala hinüber, die kaum merklich nickte „ ... als Obi-Wan Kenobi dich zu uns brachte“.
„Aber Hoheit, Pral Xavin hat mich an den Hof gebracht!“ protestierte ich. Dann erst ging mir die Ähnlichkeit der Vornamen auf. „Obi-Wan?“, fragte ich. „Wer ist das?“
„Ja, es stimmt, Pral Xavin hat dich hierher gebracht. Aber auf den Rat eines Jedi. Sein Name ist Obi-Wan Kenobi. Er hat auch deinen Vornamen ausgewählt. Das war, bevor dein Vater vom Imperium getötet wurde. Er hat damals meinem Vater gesagt, dass in dir mehr Talente schlummern, als ein Page oder Kammerdiener je brauchen würde.“
Mir wurde schwindelig. Ich wusste so wenig über meine Herkunft!
„Aber wir haben wenig Zeit“, fuhr die Prinzessin fort. „Ich habe euch beide hierher gerufen, weil wir viel zu besprechen haben. Obi-Nor, was weißt du eigentlich über das Imperium? Über die Rebellion? Über die Jedi und die Sith? Über Darth Vader?“
Ich zuckte mit den Achseln. „Was man so aufschnappt.“
„Das dürfte kaum reichen, wenn du Agent der Rebellion bist.“
„Waaasss?!“ Mir stockte der Atem. „Ich meinte, ich verstehe Euch nicht, Hoheit! Agent der Rebellion?“
„Obi-Nor, mir scheint, du bist die längste Zeit Page gewesen. Du machst jetzt den Schritt in eine neue Welt. Also hör gut zu!“

Stundenlang erzählten sie mir von der Alten Republik und vom Imperium. Vom Imperator und vom Dunklen Lord Vader. Die Prinzessin schilderte die Versklavung ganzer Welten. Die Knechtschaft der Wookies. Die Unterdrückung der Bothaner. Den Aufstand der Mon Calamari. Sie deckte Hintergründe auf und eröffnete mir Dinge, die niemals im imperialen Newsnet zu sehen waren.
Wala berichtete mir von der Philosophie der Jedi. Von der ‚Macht‘, die alles durchströmt, und die auch ich benutzte, wenn ich fremde Gedanken erspürte. Sie erzählte von dem Kampf gegen die Sith. Vom Verrat Vaders und schließlich von der Vernichtung der Jedi. Nur wenige hatten sich retten können, versteckten sich vor dem Zugriff Vaders, der sie immer noch erbarmungslos jagte. Sie selbst hatte keine Gelegenheit gehabt, ihre Ausbildung zu vollenden.
Und sie erzählten mir von den Zielen der Rebellen. Vom Plan, eine neue Republik zu errichten, ein System, dass wieder Gleichheit und Würde, Gerechtigkeit und Frieden in der Galaxis garantieren könnte. Und ich sollte mithelfen in diesem großen Räderwerk der Rebellion.
„Du eignest dich als Agent. Als Spion oder Kurier“, schloss Prinzessin Leia. „Wir brauchen dich. Wenn du bereit bist, wirst du morgen früh mit Wala zum Ausbildungscamp fliegen. Wala wird mit dir auf dem Flug weitere Übungen durchführen.“
Ich nickte. „Ich bin bereit, Hoheit“.
„Dann nimm Abschied von Alderaan.“
Als die Prinzessin gegangen war, wandte ich mich an Wala. „Vom Pagen zum Agenten der Rebellion – keine schlechte Karriere!“
Aber meine Gedanken kreisten nur um die Tatsache, dass Wala mich begleiten würde. Wala!

Am anderen Morgen, auf dem Weg zum Shuttle, kam Quillo auf mich zu. Er trat von einem Bein aufs andere.
„Hey, Kumpel, bist ja ne große Nummer jetzt. Äh, wollte nur sagen, warst schon in Ordnung irgendwie. Und, äh, tut mir Leid und so weiter. Pass auf das Mädel auf, ja?“
„Ist okay, Quillo. Hast du die Blumen besorgt?“
„Klaro, das ‚große Frühlingsgebinde mit Schleife‘, sogar bezahlt, ist schon beim ollen, äh, bei Pral Xavin auf der Bude. Und dein Datapad klebt auch dran. Also dann, machs gut, Kumpel!“
Und weg war er.

Vor dem Shuttle wartete Pral Xavin auf mich. „Nun heißt es Abschied nehmen, mein Junge.“
„Ja, Sir.“ Ich schluckte. „Vielen Dank für alles! Wenn Sie nicht gewesen wären, dann ...“ Ich fühlte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
Pral Xavin umarmte mich. „Schon gut, mein Junge“ murmelte er.
Dann schaute er mir in die Augen. „Ich habe etwas für dich. Mein altes corellianisches Glücksamulett. Es wird dich beschützen, so wie es mich beschützt hat all die Jahre.“
Er löste die Kette von seinem Hals und legte sie mir um. „Es zeigt den sechszackigen Stern. Die vier eingravierten Glücksrunen stehen für die Vier Großen Wünsche. - Darf ich den Segen über dich sprechen?“
Ich nickte, unfähig, etwas zu sagen.
„Obi-Nor“ hob er an und legte seine Hände auf meinen Kopf.
„Mögest du stets eine Hand finden, die schützend über dich gehalten ist.
Mögest du stets eine Hand finden, die dir den richtigen Weg zeigt.
Mögest du stets eine Hand finden, die dir Nahrung gibt, wenn du hungerst.
Mögest du stets eine Hand finden, die dich aufrichtet, wenn du darniederliegst!“
Nun standen auch ihm Tränen in den Augen. „Vergiss mich nicht“ flüsterte er und umarmte mich erneut.
Schließlich riss er sich los. „Und jetzt hau ab, du Schmuggler, oder soll ich dich ins Shuttle tragen?“
Er wandte sich hastig ab und eilte davon.
Ich stand eine Weile wie betäubt. So fühlte es sich also an. Ja, das war es, was die alderaanischen Dichter so wortreich beschrieben – das Ende der Kindheit.
 
 

6.


„Hyperraumsprung in 10 Sekunden ... Motivator aktiviert ... 5 Sekunden ... und – ab geht’s!“
Wala legte den Hebel um. Die „Sternenglanz“ vibrierte und die grandiose Kulisse aus Abertausenden von Sternen verschwamm kurz zu einem streifigen Brei, bevor sie ganz verschwand. Mein dritter Hyperraumflug, dachte ich. Die anderen beiden Piloten waren nicht so attraktiv gewesen ...
„Soll ich uns etwas zu essen bereiten, Lady Mal’Wan? Wir können nach der Mahlzeit gleich mit den Übungen beginnen. Wenn es schnell gehen soll, dann empfehle ich gesottene alderaanische G’toh-Schoten. Ich bin kein Meisterkoch, aber ...“
„Mach nur, ich bin nicht wählerisch. Jedenfalls nicht, was die Nahrung betrifft“.
Ich schnallte mich von meinem Sitz los und ging nach hinten in den Versorgungstrakt. Bei Walas letzter Bemerkung war mir unangenehm heiß geworden.
Nein, denke nicht mal dran, was sie gemeint haben könnte!
Nein, besser nicht, stimmte ich meiner inneren Stimme zu. Lieber an die G’toh-Schoten denken.

„G’toh-Schoten für die Dame, köstliche G’toh-Schoten!“ rief ich übermütig, als ich das Tablett in dem Aufenthaltsraum abstellte.
Wala lächelte mich an.
„Ich habe Hunger“ bemerkte sie. „Aber nicht auf Gemüse“.
„Aber ...“, begann ich. Plötzlich wurde mir heiß. „Äh, ich muss noch dringend in die Küche ...“
„Bleib! Schau mich an!“
Ihre Augen waren wie glühende Soliumkristalle. Mit ihrer Zunge fuhr sie über ihre leicht geöffneten Lippen.
„Geh nicht“ bat sie sanfter. Sie löste ihre Haarspangen.
Komm zu mir!
„Mylady ...“
„Lass die ‚Lady‘ weg. Ich habe nicht vor, mich wie eine Dame zu benehmen. – Hast du nicht gesagt, ich sei ‚wunderschön‘?“.
Ich will dich, Obi-Nor!
„Gewiss, Mylady, äh, Wala. Es ist nur ... Oh, Ihr solltet Eure Tunika besser wieder anziehen und ...“
Außerdem ist der Zeitpunkt günstig!
„Bitte behaltet doch wenigstens Brustbinde und Hüfttuch an!“
„Warum weichst du vor mir zurück? Siehst du, hinter dir ist das Raumschott. Willst du auch dort noch hinaus?“
„Es ist nur ... Was tut Ihr da?“
„Obi-Nor! Wie kann ich dein Hemd aufknöpfen, wenn du es gleichzeitig wieder zuknöpfst?“
Begehrst du mich nicht auch?!
Ich begehre Euch auch, aber ...
„Aber?“
„Ich, ich ... Ich war noch nie mit einer Frau intim, und ...“ Ich spürte, wie ich knallrot wurde. Zugleich wuchs mein Widerstand.
Sie legte sanft ihren Finger auf meine Lippen, strich über meine Wange, meinen Hals, meine Schultern.
„Du solltest dich nicht so versteifen, Obi-Nor“ flüsterte sie. „Jedenfalls nicht in den Schultern“ setzte sich kichernd hinzu.
Meine Wangen glühten wie Mijn Krohs Backofen.
Sie blickte mir direkt in die Augen.
„Vertrau mir. Hab keine Angst. Gib dich deinen Gefühlen hin. Ich helfe dir. Weißt du, ich – ich begehre dich. Schon als ich aus dem Erfrischer kam und du vor mir standest, spürte ich es. Du warst so schüchtern und zugleich so verliebt, dass du es gar nicht bemerkt hast. Aber weißt du, was noch erstaunlicher ist?“
Ich schaute sie fragend an.
„Du weißt gar nicht, wie attraktiv du bist. Deine strahlend blauen, lebendigen Augen. Die Grübchen, wenn du lachst. Der Ernst in deinem Gesicht, wenn du nachdenkst. Der Ich-habe-aber-doch-gar-nichts-geschmuggelt-Ausdruck, wenn du etwas ausheckst“
„Hört auf, Wala, Ihr macht mich ganz verlegen!“
Statt einer Antwort gab sie mir einen Kuss. Erst einen zarten, tastenden auf die Lippen. Dann wurde sie leidenschaftlicher, umschlang mich mit den Armen, drückte ihren nackten Körper an mich, forderte und förderte meine Erregung. Ihre Zunge glitt tänzelnd in meinen Mund.
Bis endlich mein Widerstand geschmolzen war.
Ich erwiderte ihren Kuss, spürte ihre Zunge. Meine Hände strichen über ihr Haar, glitten über ihre Schultern, ihren Rücken, erforschten ihren Körper.
„Komm mit“ flüsterte sie und schnappte nach Luft. „Komm zu den Kabinen!“
Sie nahm meine Hand und führte mich aus dem Aufenthaltsraum. Ich dachte kurz an Prinzessin Leia: „Wala wird mit dir auf dem Flug weitere Übungen durchführen“. Dann fiel mir Quillos neidischer Gesichtsausdruck ein. Und schließlich die Tatsache, dass man G’toh-Schoten unmöglich wieder aufwärmen konnte.

Ich lag auf dem Rücken und blickte an die Decke meines Ruheraumes. Wala hatte sich eng an mich gekuschelt und ihren Kopf auf meine Schulter gebettet. Ihre Haare lagen wie ein Seidentuch auf ihrem nackten Rücken. Ihre Hand spielte mit meinem Amulett und streichelte von Zeit zu Zeit meine Brust..
„Die ‚Großen Wünsche‘ sind schön“, sprach sie schließlich, mehr zu sich als zu mir. „Ich hoffe, sie gehen für dich in Erfüllung“.
Ich brummte eine Zustimmung. Seit geraumer Zeit nagte eine Frage an meinem Selbstbewusstsein wie ein Mynock an einem Kühlschlauch.
„Was ist, Schatz?“, fragte sie.
„Du, Wala“, begann ich. „Habe ich mich eigentlich sehr dämlich angestellt?“
Sie seufzte. „Liebe fragt nicht nach Leistung und Versagen. Sie verschenkt sich selbst.“
Das klangt gut, war aber nicht die Antwort, die ich hören wollte.
„Aber trotzdem ...“, begann ich.
Sie verschloss meinen Mund mit einem Kuss. „Du Dummer!“
Dann seufzte sie behaglich. „Ich hatte schon gehört, dass Sex im Hyperraum viel aufregender ist als auf der Oberfläche eines Planeten. Aber wie toll Sex mit einem Empathen ist, hat mir noch niemand gesagt."
Mein Selbstbewusstsein schlug die Mynocks augenblicklich in die Flucht.
Sie richte sich halb auf und schaute mir in die Augen. „Es war wunderschön. Du bist so zärtlich und einfühlsam.“
„Sag das nochmal!“
„Du bist so zärtlich und einfühlsam.“
„Nochmal!“
Sie lachte. Es war ein glockenhelles Lachen. Zugleich erglühten ihre Augen.
„Wenn du mich so anschaust, schmilze ich dahin und ende als Wasserfütze“, flachste ich.
„Keine schlechte Idee.“ Sie küsste meinen Mund, meine Stirn, meinen Hals.
„Und was ist mit den anderen Übungen?“ fragte ich. „Wir haben zwar einen Hyperraumflug von vier Tagen vor uns, aber müssen wir nicht mal damit anfangen?“
„Der Lehrplan ist hiermit geändert“, verkündete sie mit gespieltem Ernst. Dann glitt ihre Hand von meiner Brust auf meinen Bauch. Und weiter abwärts zu meinen Lenden.
Ich spürte neu beginnende Erregung.
„Was machst du da?“, tat ich ahnungslos.
„Ich erfülle gerade einen der Wünsche. ‚Mögest du stets eine Hand finden, die
 dich aufrichtet, wenn du darniederliegst‘“, lachte sie.
Ich fand, dass eine Jedi nicht derart dreckig lachen sollte.
 
 

7.


Ich zog fröstelnd meinen Umhang enger um meinen Körper. Nachts wurde es bitter kalt auf Ord Mandrell. Obendrein hatte Wala einen offenen Landgleiter gemietet.
„Wir können schneller herausspringen, wenn wir in einen Hinterhalt geraten“, hatte sie gemeint. „Vaders Leute haben meine Spur hier verloren. Ich vermute, dass sie eine Patrouille zurückgelassen haben. Wir müssen vorsichtig sein.“ Bei diesen Worten hatte sie mir einen Blaster gereicht.
Welch eine Ernüchterung nach den vier Tagen an Bord der „Sternenglanz“. Es war wie ein Traum gewesen. Kam nun das böse Erwachen?
Wala fuhr vorsichtig durch die kaum belebten Straßen von Ord Mandrell Spaceport. Nur wenige Lampen beleuchteten schäbige Hausfassaden, schrottreife Fahrzeuge, achtlos aufgeschichtete Müllberge. Einzelne schattenhafte Gestalten huschten vorbei. Der Nebel senkte sich wie eine Eisdecke auf die Stadt. Die Metallhülle des Gleiters war bereits mit einer Reifschicht überzogen.
„Wann sind wir denn da?“, brach ich schließlich das Schweigen.
„Ich muss einen riesigen Umweg machen“, erklärte Wala, ohne ihre lauernd katzenhafte Haltung aufzugeben. „Vorhin habe ich einen Mann gesehen, der mir irgedwie bekannt vorkam. Wenn sie uns verfolgen, darf ich sie nicht geradewegs ins Ausbildungscamp führen.“
Das Camp für die neuen Agenten der Rebellion – als Droidenfabrik getarnt – sollte für die nächsten Monate mein provisorisches Zuhause werden – wenn wir es überhaupt erreichten.
Plötzlich hielt Wala an. Etwa einhundert Standardmeter vor uns war ein Landgleiter aufgetaucht und blieb mit abgeblendeten Lichtern stehen. Wala rührte sich einige Sekunden lang nicht, lauschte angestrengt und konzentriert.
Langsam setzte Wala die Fahrt fort, stoppte kurz und bog in eine engere Gasse ab. Nach ein paar Metern hielt sie an.
„Hier stimmt etwas nicht“, flüsterte sie.
„Du hast Recht“, erwiderte ich. „Ich habe ein verdammt mieses Gefühl.“
Ich starrte die Gasse entlang. Mit Ausnahme der Atemwolken vor unseren Mündern war nicht das geringste Lebenszeichen zu sehen. Und doch war da etwas, musste etwas sein ...
„Wenn ich ‚jetzt!‘ rufe, wirfst du dich rechts aus dem Gleiter. Du musst unbedingt meinen Rücken decken!“, flüsterte sie mir zu.
Sie fuhr langsam wieder an. Ein unangenehmes Kribbeln kroch mir über den Rücken. Ich entsicherte den Blaster.
„JETZT!“
Walas Lichtschwert schoss gleißend durch die Dunkelheit, als sie aus dem Gleiter sprang. Ein Hieb mit dem Lichtschwert, und ein abgetrennter Arm, die Hand noch einen Blaster umklammernd, flog an mir vorüber. Ich warf mich aus dem Fahrzeug und prallte hart auf dem Steinboden auf. Eine Kaskade von Blasterschüssen zischte mir um die Ohren, traf den Gleiter, versengte den Schrotthaufen neben meinem Kopf. Ich rollte mich hinter eine schwere Stahltonne und hielt den Kopf unter meinen Armen verborgen, jeden Augenblick damit rechnend, von einem glühenden Blitz getroffen zu werden.
Wala! Was war mit Wala?
Ich hob den Kopf und spähte vorsichtig hinter der Tonne hervor. Wala stand mitten auf der Gasse und wehrte mit ihrem Lichtschwert Blasterschüsse ab. Dann kauerte sie sich hinter einem Schrotthaufen nieder. Die drei oder vier Angreifer weiter hinten in der Gasse feuerten wie wild, konnten sie aber nicht erreichen. Nur aus der Richtung, aus der wir gekommen waren, bot Wala ein leichtes Ziel.
Mir fiel der andere Landgleiter ein, den wir zuvor gesehen hatten.
„Du sollst mir den Rücken freihalten!“, schrie Wala.
Ich fuhr herum und sah an einer Hauswand einen Schatten. Reflexartig riss ich den Blaster hoch und feuerte. Sofort wurde ich mit einer Salve von starken Laserschüssen eingedeckt. Das musste ein Blastergewehr sein.
Ich duckte mich tiefer hinter die Tonne und drehte mich zu Wala um. Sie stürzte aus ihrem allzu unsicheren Versteck, tauchte unter einem Hagel von Blitzen durch und sprang in einen Hauseingang. Dort hatte sie eine gewisse Deckung im Rücken, war aber nach vorn nicht so gut gesichert.
Mehrere schnell abgefeuerte Laserschüsse schlugen über mir ein und ließen einen Regen aus Funken und Steinbrocken auf mich herab prasseln. Zugleich hörte ich, wie der schattenhafte Angreifer in raschen Sätzen näher sprang. Ich hielt meinen Waffe über die Tonne und feuerte blindlings in die Richtung, in der ich ihn vermutete. Das Blastergewehr erwiderte das Feuer.
Metall schepperte. Ich hatte bei der Einfahrt in die Gasse einen umgestürzten Lastdroiden gesehen. Wahrscheinlich hatte der Schatten sich dahinter versteckt. Aber sicher war ich mir nicht. Ich musste die ‚Macht‘ benutzen.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich.
Dort war er. Hinter dem Lastdroiden.
Ich tastete nach seinen Gedanken, versuchte zu ergründen, was er vorhatte. Langsam spürte ich, was er wahrnahm.
Eine Holzwand neben dem Droiden ... auf der anderen Seite eine Tür.
Ich dachte an die Holzwand neben dem Droiden. Zu dünn, um gegen Blasterschüsse zu schützen. Rasch warf ich einen Blick zu Wala hinüber. Sie wurde noch von zwei Seiten unter Beschuss genommen. Wie ein Irrlicht wischte ihre Waffe hin und her und ließ die Schüsse abprallen. Wie lange würde sie das durchhalten können?
Ich wandte meine Konzentration wieder meinem Gegner zu, ließ mich von der ‚Macht‘ durchströmen.
Ablenkung ... Sprung zur Tür ...
Ich ließ die Holzwand vor meinem inneren Auge erscheinen. Nahm sie wahr, spürte sie, ließ sie sich in meinem Innern materialisieren, zum Greifen real. Dann verwandelte ich das Holz in eine Durastahlplatte. Dieses Bild sandte ich zu dem Mann hinter dem Droiden.
Durastahlplatte ... Schutz ... Sprung ...
Ich spürte seine Verwirrung, dann seinen Entschluss. Ich verstärkte die Konzentration.
Durastahl!
Ich feuerte in dem Augenblick, als er hinter die Holzwand sprang. Drei, vier, fünf Schüsse. Blindlings schoss ich weiter, bis die Energieleuchte an der Waffe aufblinkte.
Dann war alles ruhig.
Ich spürte mein Herz bis zum Hals klopfen. Trotz der eisigen Kälte war mir siedend heiß.
Ich schaute die Gasse herunter. Wala beugte sich über einen von drei leblosen Körper und durchsuchte die Kleidung.
Ich richtete mich langsam auf und ging widerstrebend auf die Holzwand zu. Ich wollte nicht hinüber gehen, wurde aber wie von einem Traktorstrahl angezogen, unfähig, mich dagegen zu wehren.
Er lag mit dem Gesicht auf der Erde. Eine dunkle Blutlache breitete sich unter seinem Körper aus und floss auf sein Blastergewehr zu, das neben ihm lag.
Ich drehte ihn herum.
Ein Gesicht, keine 30 Jahre alt.
Zwei Augen, starr und gebrochen. Noch im Tod kündeten sie von Erschrecken und Erkennen. Erkenntnis der Lüge und Täuschung.
In mir stieg eine bittere Übelkeit hoch. Ich wandte mich ab und erbrach mich.

Sanfte legte Wala ihre Hand auf meine Schulter. Sie steuerte den Gleiter auf das Ausbildungscamp zu.
Ich seufzte. „Das war also meine Eintrittskarte in die Rebellion. Ein Mord.“
„Nein“, widersprach sie. Man muss niemanden töten, um sich der Rebellion anzuschließen. Du warst in deinem Herzen schon auf Alderaan ein Rebell.“
„Ich weiß!“ stimmte ich zu. „Aber dieser Mord ...“
Sie hielt den Gleiter an. „Es war kein Mord, Obi-Nor. Du hast mir das Leben gerettet. So wie ich deines gerettet habe.“
„Ja sicher.“ Ich lachte bitter. „Aber du begreifst nicht. Manipuliert habe ich ihn. Mit meinen empathischen Fähigkeiten in meine Schussbahn gelockt!“
Sie nickte nachdenklich. „Ich verstehe.“
„Tust du das? Das Schlimmste habe ich dir noch gar nicht erzählt.“ Ich schlug die Augen nieder. Ich musste es ihr einfach sagen.
„Als ich ihn getötet hatte, mit Hilfe der ‚Macht‘ getötet hatte, da überkam mich ein unheimliches Gefühl. Ein Gefühl der Stärke und der Herrschaft, des Zorns und des Hasses. Und dieses Gefühl war so ... verführerisch. Es verlangte nach mehr. Ich verlangte nach mehr.“
Wala schaute mich eindringlich an. „Es war die Dunkle Seite der ‚Macht‘. Hüte dich vor ihr. Du darfst ihr keinen Raum geben. Sie erscheint so verführerisch, aber es ist schrecklich, wenn man ihr verfällt.“
„Dann kennst du die Versuchung auch?“, fragte ich.
„Die Versuchung – ja, die kenne ich. Und ich weiß, was die Dunkle Seite aus Darth Vader gemacht hat.“
Wala umarmte mich. „Es tut mir Leid, dass unsere Reise so enden musste.“ Sie seufzte leise. „Und noch schlimmer ist, dass ich nicht im Ausbildungscamp bleiben kann. Ich muss auf anderen Planeten falsche Fährten legen, damit sie meine Spur nicht bis zum Camp verfolgen können.“
Ich war entsetzt. Aber ich sah ein, dass sie keine andere Wahl hatte. „Und wenn sie das Camp schon entdeckt haben?“, grübelte ich.
„Dann säßen wir hier nicht ungestört, sondern wären bereits von Sternzerstörern umzingelt. Aber es wird zu kalt hier. Wir fahren hinein.“
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange. „Kopf hoch, Obi-Nor. Ich komme wieder, sobald ich kann.“
 
 

8.

Zwölf Vernunftwesen waren in dem schmucklosen kleinen Saal versammelt. Die meisten von ihnen waren Menschen. Nicht viel älter als ich, obwohl ich gewiss der Jüngste von allen war. Aber es gab auch nichtmenschliche Spezies. Oolisha, die Twi’Lek. Den Rodianer, dessen Namen ich unmittelbar nach der Begrüßung schon wieder vergessen hatte. Und Chenlyyshyyrr, den Wookie, der alle anderen mindestens um Kopflänge überragte. Direkt neben mir saß ein rothaariger, sommersprossiger Typ namens Piet O’Shir, der in einer Tour quasselte und mit seinen technischen Detailkenntnissen prahlte.
„... Der Trick ist, dass du die beiden Schaltkreise der Sublichtmotivatoren zusammenschließen kannst. Damit kannst du mühelos einen Crass-Brittan-Konverter ersetzen ...“
Ich hörte gar nicht richtig zu. Ich verstand so gut wie nichts von Raumschiffen. Außerdem dachte ich an Wala, die unmittelbar nach unserer Ankunft wieder fortgefahren war. Viel zu flüchtig war der Abschied gewesen. Aber Captain Park, der Leiter des Camps, hatte nicht das geringste Verständnis für romantische Szenen gezeigt.

Das Gemurmel im Saal verstummte. Ein eher kleiner, vollbärtiger Mann um die 40 hatte den Raum betreten.
„Ich bin General Crix Madine, verantwortlicher Koordinator sämtlicher Agentenoperationen der Rebellion“, begann er. „Bevor Sie morgen mit der Ausbildung beginnen, möchte ich Ihnen etwas mitteilen. Etwas, das Sie niemals vergessen sollten.“ Er machte eine Pause und schaute in die erwartungsvollen Gesichter. „Sie sind hier, weil Sie die Rebellion unterstützen wollen. Aus aufrichtigen, reinen Motiven. Sie glauben an Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Sie kämpfen für eine bessere Welt. Sie alle – ob Mensch oder nicht - sind junge Leute mit einer edlen Gesinnung. Habe ich Recht?“
Wir nickten zustimmend. Ja, das war es, was wir wollten.
„Nun“, fuhr er fort. „Dann sind Sie hier falsch!“
Ein Raunen ging durch den Saal. Chenlyyshyyrr stieß ein lautes, aggressives Heulen aus. Madine ließ sich davon nicht beirren. „Wir hier verkörpern nämlich die schmutzige Seite der Rebellion. Wir infiltrieren, manipulieren, sabotieren, wir stehlen Geheimnisse und verbreiten Falschinformationen. Unser Geschäft ist Lüge und Täuschung ...“
Mir fiel schockartig der Mann in der Gasse ein. Eine eisige Kälte kroch in mir hoch. Nur mit Mühe gelang es mir, weiter zuzuhören.
„ ... Das ist auch der Grund, warum wir von den regulären Streitkräften im Grunde verachtet werden. Wir sind wichtig, gewiss. Sogar überlebensnotwendig. Ohne unsere Spionage könnte kein Admiral die Taktik für eine Raumschlacht festlegen, ganz zu schweigen von strategischer Kriegsplanung. Aber in den Augen der meisten Flottenoffiziere sind wir nicht mehr wert als Kopfgeldjäger oder Schmuggler.“
Ich schluckte heftig. O’Shir blickte mich an und rollte mit den Augen. Vielleicht war sein Vater auch ein Schmuggler gewesen.
„Sie glauben mir nicht“, stellte Madine fest. „Und doch ist es so. Sehen Sie, Sie haben nur zwei Möglichkeiten als Agent. Entweder Sie führen Operationen erfolgreich durch. Dann erfahren nur Ihr Kontaktoffizier und ich davon. Einem Admiral oder General gelingt mit Hilfe der von Ihnen beschafften Informationen ein erfolgreicher Angriff und erhält er einen Orden. Ihr Lohn besteht darin, dass Sie das nächste Mal einer noch schwierigeren Aufgabe zugeteilt werden. Nein, Helden der Rebellion werden immer die Anderen.“
Das war absolut desillusionierend. Aber diese Enttäuschung teilte ich mit allen anderen Neulingen.
„Oder – und das ist die andere Möglichkeit - “ fuhr Madine fort, „Sie führen eine Operation nicht erfolgreich zu Ende. Dann landen Sie in einem imperialen Gefängnis und machen Bekanntschaft mit einem Verhördroiden.“
Wohl kaum jemand unter uns wusste, was ein Verhördroide war. Aber es klang wenig verlockend, es am eigenen Leib in Erfahrung zu bringen.
„Natürlich haben Sie die Möglichkeit, sich dem Verhör zu entziehen. Ich meine: endgültig zu entziehen.“ Madine zog eine kleine Pille aus der Tasche. „Wir zwingen Sie nicht dazu, wir stellen Sie Ihnen lediglich zur Verfügung. Menschen, Twi’Lek und Rodianer müssen sie nur zerbeißen. Die Wirkung auf Wookies ist unbekannt. Haben Sie noch Fragen?“
Es herrschte schockiertes Schweigen. Nur Chenlyyshyyrr ließ einen leisen Klageton hören. Oolishas helle Haut war noch ein wenig blasser geworden. O’Shir blickte dumpf brütend vor sich hin.
„Nun, das wäre dann wohl alles. Captain Park wird Sie nun über den Beginn der Ausbildung informieren.“
Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ sehr nachdenkliche Rekruten zurück.

Die folgenden Wochen boten wenig Abwechslung. Der Tag begann, noch bevor die Sonne über Ord Mandrell den Planeten von einer Kühlkammer in einen Backofen verwandelte. Jeden Morgen stand die körperliche Fitness auf dem Programm. Wir trainierten Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit, bis mir alle Knochen schmerzten.
Nachmittags gab es theoretischen Unterricht bei Captain Park. Es ging meist um die Erkenntnisse über die Militärtechnik und Logistik des Imperiums. Wir lernten aber auch viel über die Denkweise von Agenten.
„Ein Offizier der Streitkräfte, nehmen wir zum Beispiel den Kommandanten eines Raumkreuzers, hat ein ‚Handbuch taktischer und operativer Manöver‘“, sagte Park eines Tages. „An den dort festgelegten Instruktionen hat er sich zu orientieren. Das ist in einer Raumschlacht wichtig, weil auch die Kommandanten der anderen Flottenschiffe dieses Handbuch haben und ihr Handeln auf seine Manöver abstimmen müssen. Natürlich kennt auch der Gegner die Instruktionen, so dass Raumschlachten in der Regel wenig taktische Überraschungen bieten. Der Agent hingegen lernt als erstes, dass es keine festen Regeln für sein Handeln gibt.“
Er machte eine kleine Pause. „Sie sind nicht zuletzt deshalb hier, weil Sie alle einen unbändigen Freiheitsdrang haben. Schauen Sie nicht so verwundert - meinen Sie, wir hätten Sie ohne gründliche Überprüfung Ihrer Biographie hier hereingelassen? Nein, militärische Disziplin ist nichts für Sie. Flexibilität, Selbstverantwortlichkeit, Entscheidungskompetenz, das ist es, was Sie im Einsatz wollen und auch bekommen.“
Von allen Unterrichtsstunden blieb mir diese am besten in Erinnerung.

Im Laufe der Zeit wurde der Unterricht praktischer. Wir lernten, Computercodes zu knacken und Datapads zu fälschen. Wir übten ebenso den Umgang mit dem Blaster - was mir einiges Unbehagen bereitete - wie Gebrauch von Abhörgeräten. Orbitale Testflüge im Flugsimulator wechselten sich ab mit Trainings, die uns helfen sollten, in einer Operation eine überzeugende Rolle zu verkörpern. Abends, wenn alle Trainings beendet waren, zog ich mich in meine kleine Wohnenheit zurück, um meine Fähigkeiten im Gebrauch der ‚Macht‘ zu verbessern wie Wala es mir gezeigt hatte.
Ich vermisste Wala schrecklich. Abends, wenn ich müde und mit Kopfschmerzen in meine unbequeme Schlafkoje fiel, galt mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ihr. Oft träumte ich von ihr; es waren verschwommene, wirre Bilder, an die ich mich morgens nicht mehr erinnern konnte.
In den ersten Wochen war Wala zweimal wie aus dem Nichts auf Ord Mandrell aufgetaucht, um Captain Park wichtige Botschaften von Mon Mothma oder Bail Organa, den Köpfen der Rebellion, persönlich zu überbringen. Stets reiste sie nach wenigen Tagen wieder ab. Sie konnte es nicht riskieren, länger zu bleiben. Die Schergen Lord Vaders durchsuchten noch immer die bewohnten Welten der Galaxis nach ihr.
Etwas mehr als drei Monate nach meiner Ankunft im Camp und wenige Tage nach meinem 18. Geburtstag war sie das letzte Mal dagewesen.
„Ich muss jetzt für länger fort“, hatte sie mir zum Abschied gesagt. „Ich will zum Jedi-Meister Yoda, um meine Ausbildung beenden. Die Rebellion tritt in ihre entscheidende Phase. Bald wird nichts mehr so sein wie früher. Gar nichts. Und ich muss darauf vorbereitet sein.“

Im Laufe der Zeit spezialisierte sich die Ausbildung für die Einzelnen immer mehr. Es kristallisierte sich nämlich heraus, wer auf welchem Gebiet eingesetzt werden würde. Dass Oolisha später als Tänzerin arbeiten sollte, um auf Empfängen eines imperialen Admirals oder Grand Moffs Geheimnisse aufzuschnappen oder Falschinformationen zu verbreiten, hatte von Anfang an festgestanden. Ebenso, dass Chenlyyshyyrr den ‚Greifern‘ zugeteilt würde. Die ‚Greifer‘ waren Spezialkommandos, die in Gefangenschaft geratene Agenten befreien mussten. Es gingen allerdings auch Gerüchte um, dass sie feindliche Agenten oder Geheimnisträger entführten. Ich fragte mich, ob auch wir Verhördroiden einsetzten. Und inwiefern sich unsere Methoden von denen des Imperiums unterschieden.
Piet O’Shir wurde natürlich Pilot. Andere entdeckten ihr Talent zum Computerhacker oder Analysator.
Bald hatten sich zehn der zwölf „Neuen“ spezialisiert. Nur beim Rodianer und bei mir wollte sich beim besten Willen nicht abzeichnen, welchen Weg wir einschlagen würden.
Weichei! spottete eine innere Stimme die verdächtig nach Quillo klang. Hab`s ja gewusst, du packst es einfach nicht!
Diese Entwicklung bedrückte mich. Es schien fast so, als hätte ich auf keinem Gebiet ein besonderes Talent.
 
 

9.

Wala!
Mitten in einem theoretischen Test über die Bewaffnung und Feuerkraft imperialer Sternkreuzer spürte ich ihre Präsenz. Wala war wieder auf Ord Mandrell! Ich seufzte. So lange, über fünf Monate, hatte ich sie nicht mehr gesehen. Ich spürte mein Herz klopfen, fühlte einen Druck im Magen, bekam feuchte Hände. Alles Symptome des Dantooine-Fiebers. Oder des Verliebtseins.
Auf den Test konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Was interessierten mich in diesem Moment Turbo-Laser oder TIE-Jäger-Staffeln! Mit fliegender Hast füllte ich den Testbogen aus. Komplizierte Berechnungen zur Energieleistung von Deflektorschilden quittierte ich mich einem lapidaren „weiß nicht“.
Die Gruppe staunte nicht schlecht, als ich schon nach drei Vierteln der vorgesehenen Zeit meinen Bogen abgab und – um Fassade bemüht – lässig aus dem Übungsraum schlenderte.
Auf dem Flur nahm ich die Beine in die Hand und raste mit Lichtgeschwindigkeit zu den Wohnquartieren.
Wala, ich komme!
Ich weiß.
Ich erreichte meine Wohneinheit, tippte mit zittrigen Fingern den Sicherheitscode ein, sprang durch das sich öffnende Schott – und prallte zurück.
Ich traute meinen Augen nicht. Wala stand mitten im Raum. Ihr Gesicht nahm ich nicht wahr. Ich sah nur ein langes graues Gewand, dass sich über einem riesigen, unförmigen Bauch spannte.
„Du ... du ... du bist schwanger!“ stotterte ich.
„Fein beobachtet“, erwiderte sie spöttisch. „Bei meinem letzten Besuch hast du ja gar nichts gemerkt.“
Ich wurde verlegen. „Ehrlich gesagt dachte ich, du hättest einfach so zugenommen, wollte dich aber nicht darauf ansprechen.“
„Männer!“ schnaubte sie. „Für alles habt ihr einen Blick, nur nicht für das Wesentliche.“
„Du bist schwanger!“ wiederholte ich etwas dümmlich.
Plötzlich ging mir ein Licht auf. „‘Der Zeitpunkt ist günstig‘. Du wusstest, dass du auf der Sternenglanz schwanger werden könntest. Du hast mich reingelegt!“
„Reingelegt?“ fragte sie gedehnt. Es klang traurig. „Ist das alles, was dir dazu einfällt?“
„Entschuldige, Wala. Es ist einfach so ... überrumpelnd.“
Ihr Blick wurde sanfter. „Komm her. Vielleicht hilft es dir, wenn du mich erst einmal begrüßt. Oder hast der Meisterspion der Rebellion vergessen, wie man seine Freundin küsst?“

Später lagen wir nebeneinander auf dem Bett. Wala lag auf der Seite, ihr gewaltiger Bauch hielt mich auf Abstand wie ein Deflektorschild. Es waren höchstens noch ein paar Tage bis zur Geburt. Ich legte meine Hand auf die Stelle, wo unser Baby heranwuchs. Wenn es sich bewegte, spürte ich die Tritte durch die Bauchdecke. Ihre Tritte, dachte ich. Wala hatte mir gesagt, dass es ein Mädchen war. Ich versuchte, die Präsenz meiner Tochter zu spüren, ihr Bilder und Gefühle der Ruhe und Harmonie zu vermitteln. Allerdings bezweifelte ich, dass es Erfolg hatte. Sie trat nach wie vor von innen gegen Walas Bauch.
Nachdem wir eine Weile schweigend nebeneinander gelegen hatten, begann Wala von ihrer Ausbildung bei Meister Yoda zu erzählen. Yoda hatte ihr nicht nur Vieles über die ‚Macht‘ und die Philosophie der Jedi beigebracht. Einmal hatte er auch über ihre Schwangerschaft gesprochen.
„Ich habe eines Tages gesagt, in meinem Zustand könne ich unmöglich gegen das Imperium kämpfen“, sagte Wala. „Aber Yoda hat nur den Kopf geschüttelt. ‚Kämpfen, das ist es, was du willst? Nicht kämpfen du wirst. Leben nehmen willst du? Leben schenken du wirst ‘. Als ich protestieren wollte, murmelte er: ‚Jedi ausgebildet habe ich 800 Jahre lang. Jedi das Leben geschenkt habe ich nie‘. ‚Du meinst, mein Kind wird ein Jedi?‘ wollte ich wissen. Und er antwortete: ‚Machtsensitiv, das ist deine Tochter. Ob sie Jedi wird, schwer zu sagen ist das‘. Und schließlich meinte er: ‚Neue Hoffnung wächst in dir. Dein Baby, schützen musst du es.‘“
Als ich über das Gehörte nachdachte, huschte eine schemenhafte Vision durch mein Bewusstsein. Mitten in einem Dschungel bestieg ein junger Mann einen X-Wing. ‚Er ist unsere letzte Hoffnung‘, sagte ein grauhaariger Mann zu einem winzigen Gnom. ‚Nein‘, widersprach der. ‚Es gibt noch eine andere‘.
„Yo-Karah“, murmelte ich, „neue Hoffnung“.
Wala sah mich fragend an.
„Yo-Karah heißt ‚neue Hoffnung‘“, erklärte ich ihr. „Es ist einer der wenigen trexxanischen Ausdrücke, die mir in Erinnerung geblieben sind. Lass uns unsere Tochter Yo-Karah nennen!“
Und ich erzählte ihr von dem alten Brauch auf Trexx, mit dem wir Kinder eine Vollendung des Umlaufs unseres Planeten um den Stern gefeiert hatten. Wir bekamen große Münzen, die auf der einen Seite mit „Yo“, „Hoffnung“, auf der anderen mit „Oy“, „Hoffnungslosigkeit“, beschriftet waren. Wir legten die Münze mit der „Yo“-Seite nach oben auf den Boden und riefen „Yo-Karah! Yo-Karah!“
„Ja“, nickte Wala. „Unsere Tochter soll ‚Yo-Karah‘ heißen“.
 
 

10.

Am nächsten Morgen wurde mir schnell klar, dass etwas Besonderes in der Luft lag. Schon beim Aufwachen hatte ich Prinzessin Leias Nähe gespürt. Die Prinzessin hier im Camp, das deutete auf ungewöhnliche Ereignisse hin. Beim Frühstück in der großen Cantina kursierten die Gerüchte. „Mon Mothma ist hier!“ „Admiral Ackbar ist gekommen!“ „Ich habe General Madine gesehen, er sah angespannt aus.“
Als ich mich mit Wala an einen Tisch setzte, verstummten abrupt alle Gespräche. Wir wurden verstohlen angestarrt, bewundernd, neidisch, auch feindselig. Wala starrte offen zurück, setzte dann ihr strahlendstes Lächeln auf und begann zu essen, als wären hochschwangere Frauen im Ausbildungscamp eine Selbstverständlichkeit. Ich selbst platzte vor Neugier. Ich hätte zu gern gewusst, was hier eigentlich vorging, konnte mir aber einfach keinen Reim darauf machen. Deshalb beschloss ich, der Sache sehr diskret auf den Grund zu gehen.

Als ich später am Vormittag zu Captain Park gerufen wurde, war ich nervös und völlig verwirrt. Ich konnte schlechterdings nicht glauben, was ich in Erfahrung gebracht hatte.
Park kam ohne Umschweife auf den Punkt. „Wir planen eine Operation. Sie ist von äußerster Wichtigkeit für unsere Sache. Eingestuft als SO1“.
SO1 war eine Geheimoperation der höchsten Prioritätsstufe. Also stimmte es doch.
Wenn Park erstaunt war, dass ich kaum eine Reaktion zeigte, ließ er es sich nicht anmerken. „Vielleicht fragen Sie sich, dass ich Ihnen das jetzt erzähle. Nun, Sie sollen die Operation durchführen, Gildorian.“
„Aber eine SO1 wird nur von Top-Agenten durchgeführt, Sir. Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet ich ...“. Ich konnte es wirklich nicht. Aber es war genau das gewesen, was ich zuvor schon in Erfahrung gebracht hatte.
„An dieser Sache sind bereits fünf Teams gescheitert“, erklärte Park. „Alles erfahrene Leute. Unsere Besten. Wir vermuten, dass sie von der imperialen Gegenspionage identifiziert worden sind. Deshalb setzen wir nun jemanden ein, der dem Imperium völlig unbekannt ist. Nämlich Sie.“
„Aber Sir, ich habe mich noch nicht einmal spezialisiert. In jeder Disziplin finden sie einen, der besser ist als ich!“
„Das schon“, stimmte Park zu. „Aber hierfür brauchen wir keinen Spezialisten. Sie sind das, was wir inoffiziell als ‚Allround-Dilettanten‘ bezeichnen. Sie sind nirgendwo überragend, schneiden aber überall gut ab.“
Allround-Dilletant. Klang längst nicht so gut wie „Universal-Genie“. Aber viel besser als „Weichei“.
„Ein besonderes Talent haben Sie aber doch“, fuhr Park fort. „Sie sind in den brenzligsten Situationen erstaunlich ruhig und beherrscht. Und sehr flexibel. Schauen Sie mal.“
Bei diesen Worten zeigte er mir ein Analyse-Diagramm aus dem Flugsimulator.
„Sehen Sie hier? Dort kreuzen die TIE-Jäger auf. Hier verlieren Sie Ihr Deflektorschild. Und da kollidieren Sie mit dem Asteroiden. Und schließlich das Versagen der Notsteuerung. Jedes mal schnellen die Werte für Pulsschlag, Atemfrequenz und Adrenalin-Ausstoß steil in die Höhe. Und plötzlich: alle Werte fast wieder normal, lediglich leicht erhöht. Bei allen Mynocks, wie machen Sie das?“
Ich sah ihm treuherzig ins Gesicht. „Ich benutze Entspannungstechniken, Sir.“
Er starrte mich mit offenem Mund an. „Entspannungstechniken? Wir schießen Ihnen den Jäger unterm Arsch weg und Sie entspannen sich?“
„Da ist noch etwas“, sagte er nach einer kleinen Pause. „Ihre Test waren alle gut. Nur bei einem einzigen haben sie versagt. Und zwar gestern. Das Merkwürdige ist, dieser Test fiel mit der Ankunft von Lady Mal’Wan zusammen, ihrer Freundin. Sie konnten aber doch unmöglich wissen, dass sie im Camp eingetroffen war. Sie ist eine Jedi. Haben Sie etwa auch diese Jedi-Fähigkeiten?“
„Sir, ich kann Ihnen versichern, dass ich kein Jedi bin. Aber wissen Sie, für die Bewaffnung von Sternzerstörern habe ich mich noch nie auch nur ansatzweise interessiert.“
„Für diese respektlose Bemerkung würde ich Ihnen am liebsten eine Disziplinarstrafe aufbrummen, Gildorian“, zischte Park gefährlich leise. „Ihr Glück, dass wir Sie jetzt brauchen.“
Ich strahlte ihn so herzlich an wie die Morgensonne eine Blumenwiese auf Alderaan.
 
 

11.

Sie waren tatsächlich alle da. Eine schmale, leicht verhärmt wirkende Frau, die mir als Mon Mothma vorgestellt wurde. Admiral Ackbar, ein Mon Calamar mit riesigem braunen Schädel und großen runden Augen. General Madine, der recht nervös wirkte. Und Prinzessin Leia, die mich mit aufrichtiger Freundlichkeit anlächelte.
„Ich freue mich, dich wiederzusehen, Obi-Nor“, sagte sie und gab mir die Hand.
„Die Freude ist auf meiner Seite, Hoheit.“ Die Höflichkeitsformeln hatte ich nicht verlernt. Umso erstaunter vernahm ich ihre Antwort.
„Nenne mich Leia, nicht Hoheit. Du bist nicht mehr mein Page. Wir sind Verbündete im Kampf gegen das Imperium. Und mehr noch: Wir sind Freunde.“
Mon Mothma räusperte sich.
„Sie sind also Obi-Nor Gildorian“, stellte sie fest. „‘Gildorian, Sohn des Gildor‘. Das ist eine trexxanische Namensbildung, nicht wahr?“
Ich nickte. „Ja, Ma’am, mein Vater war Trexxaner.“
„Aber ‚Obi-Nor‘ klingt sonderbar“, fuhr sie fort, ohne auf meine Antwort einzugehen. Sie schaute die Prinzessin an und nickte. „Also gibt es eine Verbindung zu Obi-Wan Kenobi. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Captain Park hat Sie darüber informiert, dass Sie für eine Operation vorgesehen sind. Für eine Operation, die schon in mehreren Anläufen gescheitert ist. Nun sollen Sie es versuchen. Weil Sie angeblich der Beste sind.“
Die letzten Worte, mit unüberhörbarer Skepsis in der Stimme vorgetragen, wurden von einem Seitenblick auf Madine begleitet. Dieser reagierte auch sofort.
„Ich verlasse mich ganz auf das Urteil von Captain Park, Mon Mothma“, beeilte er sich zu sagen. Aber auch in seiner Stimme schwang ein leiser Zweifel mit.
„Der Beste unter den Achtzehnjährigen“, warf Mon Mothma ein.
„Wollen Sie den Besten oder den Ältesten?“ erwiderte Madine scharf.
„Der General hat Recht.“ Zum ersten Mal hatte Admiral Ackbar das Wort ergriffen. „Mon Calamari gelten als erwachsen, wenn sie einen Olossa-Fisch gefangen haben. Egal ob sie 20 oder 200 Jahre alt sind.“
„Nun gut“, meinte Mon Mothma kühl. „Wir werden sehen“. An mich gewandt fuhr sie fort: „Natürlich werden wie Sie einer kleinen Prüfung unterziehen, um uns selbst von Ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Drüben im Computerraum habe ich einen goldenen Fingerring deponiert. Holen Sie ihn heraus, ohne dass Alarm ausgelöst wird.“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, aber mir war natürlich klar, was jetzt kam. „Selbstverständlich sind ein Dutzend Wachen vor und im Raum postiert. Sie haben 30 Minuten Zeit. Bringen Sie mir den Ring!“
„Meinen Sie diesen Ring, Ma’am?“ Bei diesen Worten zog ich einen goldenen Ring aus meiner Tasche. „Das ist doch Ihrer, oder nicht?“
Man hätte den Flügelschlag einer Paramücke hören können, so still war es mit einem Male im Raum. Leias Gesicht verwandelte sich in ein Fragezeichen. Madines Mund öffnete und schloss mehrmals. Admiral Ackbar wirkte erstarrt. Mon Mothma sah mich mit zu Schlitzen verengten Augen an.
„Woher haben Sie den?“ fragte sie schließlich leise.
„Ich habe heute morgen Gerüchte über Ihre Anwesenheit gehört. Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich Sie belauscht. Ich wusste daher, dass der Ring im Computerraum versteckt war. Als mich Captain Park zu sich rief, habe ich ihn dort gefunden und eingesteckt.“
Leia blickte verlegen zu Boden. Admiral Ackbar schüttelte den Kopf und rollte mit seinen riesigen Augen. Plötzlich fing General Madine an, lauthals zu lachen. Mon Mothma blitze ihn wütend an. „Ist es das, was Ihre Leute hier lernen? Miese Tricks?“
Madine wurde ernst. „Ja, Mon Mothma, genau darum geht es hier. Er sollte den Ring bringen. Er hat den Ring gebracht. Die Art und Weise war nicht vorgegeben!“
Er drehte sich mir zu. „Prüfung bestanden, Gildorian. Gratuliere.“
Mon Mothma und Admiral Ackbar erhoben sich.
„Auf Ihre Verantwortung, Madine!“ sagte Mon Mothma unwirsch und ging ohne Gruß hinaus.
Der Admiral sah mich durchdringend an. „Ich billige Ihre Methoden nicht“, sagte er. „Aber ich wünsche Ihnen trotzdem, dass Sie Erfolg haben.“
Als auch er gegangen war, schaute Madine mich prüfend an. „Belauscht haben Sie uns? Das war doch nur die halbe Wahrheit, nicht wahr?“
„Ja, Sir, das stimmt.“ Ich wollte ihn nicht auch belügen. „Ich habe es bislang immer verschwiegen, aber ich verfüge über telepathische Fähigkeiten.“
Er nickte. „Hab ich mir gedacht. Nun, Sie werden Sie brauchen, wenn Sie morgen losfliegen.“
Mir war, als hätte er einen Eiszapfen durch mein Herz gebohrt.
„Morgen, Sir? Morgen soll es losgehen?“
Er runzelte die Stirn. „Was spricht dagegen? Oh, Ihre Freundin erwartet ein Baby. Tut mir Leid, bei der Geburt werden Sie nicht dabei sein können.“
Leia legte ihre Hand auf meine Schulter. „Wir leben in einer schrecklichen Zeit, Obi-Nor. Aber du musst gehen, damit wir Aussicht auf eine bessere Zukunft haben. Ich werde mich um Wala kümmern. Das verspreche ich dir.“
„Danke Prinzessin. Ich meine Leia.“ Ich war froh, dass wenigstens Leia Mitgefühl zeigte.
Madine war gegen solche Regungen offenbar völlig gefeit. „Sie wissen noch gar nicht, worum es geht, Gildorian“, sagte er. „Das Imperium arbeitet seit einiger Zeit an einer Wunderwaffe. Einer Waffe, die angeblich in der Lage ist, einen ganzen Planeten zu zerstören. Es ist eine gewaltige Kampfstation von unvorstellbarer Feuerkraft. Sie sollen die Konstruktionspläne und technischen Daten beschaffen. Wir hoffen, eine Schwachstelle zu finden, um die Station zu zerstören, bevor sie einsatzbereit ist.“
Eine Kampfstation, die einen ganzen Planeten zerstören konnte! Konnte es so etwas geben? Doch dann überfiel mich eine schlagartige Erkenntnis. „Ich weiß!“ rief ich aus. „Die Kampfstation sieht aus wie eine Kugel, wie ein künstlicher Satellit!“
Madine wurde blass.
„Oh nein, Sir“, wiegelte ich ab, als ich seinen Gedanken erahnte. „Es gibt hier keine undichte Stelle. Aber ich habe von der Kampfstation geträumt. Es war, als Lady Mal’Wan nach Alderaan kam, um mich hierher zu bringen.“
Madine entspannte sich. „Mir scheint, wir haben den Richtigen für die Operation gefunden. Sie haben Recht, es ist ein künstlicher Satellit. Das Imperium nennt ihn den ‚Todesstern‘“.
 
 

12.

Der Abschied von Wala war furchtbar. Nachdem General Madine und Leia mich bis zum späten Abend über die Details der Operation informiert hatten, kehrte ich erschöpft und niedergeschlagen in meine Wohneinheit zurück. Wala empfing mich mit steinerner Miene. „Ich habe es schon gehört, wir müssen beide jetzt sehr tapfer sein.“
Mehr sagte sie an dem Abend nicht mehr. Die halbe Nacht lagen wir schweigend nebeneinander im Bett, die Hände ineinandergelegt. Ich wünschte mir, wir beide könnten in dieser Haltung zu Stein erstarren. Dann würden wir nie voneinander getrennt werden. In meinem Innern war ich schon zu Stein geworden.

Wala half mir beim Packen der wenigen Kleidungsstücke und Gegenstände, die ich mitnehmen durfte. Eine trostlose Prozedur. Das lähmende Schweigen zwischen uns war unerträglich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus.
„Ich sage ab“, krächzte ich heiser. „Ich gehe zu Madine. Er muss einen anderen schicken“.
Wala sah mich an. Ihre traurigen, müden Augen waren von dunklen Rändern umgeben. „Nein, du musst gehen. Das weißt du doch.“
Eine Träne lief ihre Wange hinab. „Leb wohl, mein Liebster.“
„Das darfst du nicht sagen!“ rief ich. Mir stieg es heiß in die Augen. „Wir werden uns wiedersehen. Ich ...“
Ich hielt inne. Nein, sie hatte Recht. Wir würden uns nie wiedersehen. Es war ein Abschied für immer. Das fühlte ich ebenso wie sie.
„Wala ...“ begann ich. Meine Stimme erstarb. Vor lauter Tränen konnte sie nicht mehr deutlich sehen.
Wala fiel mir in die Arme. „Ich liebe dich“, schluchzte sie. „Ich werde dich immer lieben.“
Wir umarmten uns und ließen unseren Tränen freien Lauf.
Schließlich fand ich meine Stimme weder. „Pass auf Yo-Karah auf“, flüsterte ich.
Sie gab mir einen langen, innigen Kuss. Er schmeckte nach Tränen.
Schließlich löste sie sich aus meiner Umarmung. „Yo-Karah wird nichts passieren. Das verspreche ich dir. Möge die Macht mit dir sein.“
Ich schaute sie ein letztes Mal an. „Möge die Macht mit euch sein“, erwiderte ich. Dann wandte ich mich um und stolperte hinaus.

Die Besatzung des Raumschiffs hielt sich von mir fern. Wahrscheinlich verwirrte ich sie. Wie immer sie sich einen Top-Agenten vorgestellt hatten, einen 18-jährigen mit verweinten Augen hatten sie wohl nicht erwartet. Mir war es ganz Recht so. Ich wollte meine Ruhe haben.
Fast den gesamten Flug über brütete ich dumpf vor mich hin. Mir war, als hätte man mir ein Stück aus meinem Körper herausgerissen. Ich spürte einen drückenden Schmerz im Magen, im Herzen, in den Gliedern.
Ich dachte an die trexxanische Münze. Yo und Oy. „Oy“ war nicht nur das Wort für Hoffnungslosigkeit. Es war auch ein Klageruf. „Oy“, murmelte ich. Und immer wieder: „Oy“.

Erst als wir den Hyperraum bereits verlassen hatten, konnte ich an die bevorstehende Aufgabe denken. Ich sollte also die Konstruktionspläne und technischen Daten des Todessterns stehlen. Dazu wurde ich unter dem Decknamen Luke Jaelson in die Verwaltung des zum imperialen Senat gehörigen Medizentrums auf Coruscant eingeschleust. Nachdem so viele andere Operationen an entfernten Orten der Galaxis gescheitert waren – alleine drei bei der orbitalen Raumwerft von Carvoth -, sollte nun ein Versuch direkt im Herzen des Imperiums gemacht werden. General Madine war der Meinung, die imperiale Spionageabwehr würde nicht damit rechnen, „dass ein Rebellenjüngling es sich ausgerechnet an Palpatines Wohnzimmertisch bequem macht“, wie er sich ausdrückte. Das Medizentrum des Senats verfügte über eine Datatransfer-Verbindung zu allen Bibliotheken des Imperiums, über die ich wiederum auf den Server eines der am Bau der Kampfstation beteiligten Industieunternehmen zugreifen würde. Linus McThor, unser Computerhacker, hatte das alles als kinderleicht dargestellt. Ich war mir da nicht so sicher. Und selbst wenn es mir gelang, stellte sich noch das Problem, wie ich die Daten durch die Sicherheitsschleusen bringen und an die ‚Kuriereinheit‘ weitergeben sollte. Bei der Übergabe sollte mir Francis Masinga helfen, mein Führungsoffizier in Imperial City. Er würde auch das genaue Timing der Operation übernehmen.
Wenn ich es recht bedachte, gab es eine Menge Details, die noch nicht feststanden. Mit Ausnahme meiner ‚Legende‘, der Person Luke Jaelson, deren Biographie ich mittlerweile im Schlaf hätte aufsagen können, roch mir die ganze Sache zu sehr nach Improvisation. Aber wie ich Madine einschätzte, sah er genau darin die Chance, durch die Maschen des imperialen Agentennetzes zu schlüpfen.
 
 

13.

Coruscant.
Ich hätte nie gedacht, das es so etwas wirklich gab: eine Stadt, die einen ganzen Planeten bedeckte. Gewaltige Wohntürme, oft über eine Standardmeile hoch, reihten sich aneinander, soweit das Auge blicken konnte. In unzähligen übereinander liegenden Ebenen verbanden Straßenzüge die einzelnen Stadtgebiete. Über der Stadt pulsierte der Luftverkehr in einer endlosen Folge von Repulsorfahrzeugen wie in Schlagadern des menschlichen Körpers oder wie auf den Ameisenstraßen der Zulah-Steppe auf Alderaan. Auf belebten Plätzen, in Shopping-Malls und Service-Centern wimmelte es von Lebewesen und Droiden. Hier waren Species vertreten, von denen ich nie gehört hatte, wenngleich Menschen oder zumindest Humanoide in der Überzahl waren. Bei jedem Delicatessengeschäft oder Restaurant war in Basic angegeben, welche Species bedient wurden, was mich irgendwie beruhigte. Denn ein Fleischgeschäft für Menschen glich einem Fleischgeschäft für Zorrh-Echsen in keinster Weise, wie ich am ersten Tag erschreckt feststellen musste.
Ich bezog ein kleines Appartment in der 27. Etage eines schäbigen Wohnturms. Dass ich so weit unten wohnte, ließ auf wenig begüterte Verhältnisse schließen. So verlangte es meine Tarnung. Eine Wohnküche, ein Ruheraum, ein Erfrischer, das war alles. Mehr Komfort brauchte ich aber auch nicht. Was ich vermisste, war nicht Wohnfläche, sondern menschliche Gesellschaft. Ich fühlte mich schrecklich verloren in dieser gigantischen Durastahlwüste. Krampfhaft bemühte ich mich, nicht an Wala zu denken.

Die Arbeit im Medizentrum war nicht anstrengend. Ich war einem älteren Mann namens Crull zugeordnet, der die Datenübertragung von Medi-Anlalysen überwachte. Es war jeden Tag der gleiche Trott. Morgens kam ein Kurierdroide und brachte eine Anzahl von Datapads, die ich bearbeiten musste. Crull erledigte inzwischen die über Kommlink eingegangenen Aufträge. Abends holte der Kurierdroide die bearbeiteten Datapads wieder ab.
„Du brauchst keine Ahnung von Heilkunde zu haben, Jaelson“, meinte Crull. „Es reicht, wenn du die Verwaltungsvorschriften beachtest.“
Ich fragte mich, ob ein Droide diese stupide Tätigkeit nicht schneller und effizienter hätte erledigen können. Und warum für Datenübertragungen überhaupt noch Kurierdroiden eingesetzt wurden, war mir rätselhaft. Es schien so, als ob die berüchtigte „dritte Verwaltungsreform“ des Imperiums am Medizentrum spurlos vorüber gegangen sei.
Ein bis zwei Mal pro Tag kam es vor, dass sich ein Arzt per Holo meldete und uns einen Eilauftrag aufgrund eines Notfalls gab. Sonst ereignete sich nichts Aufregendes. Es kam auch kaum jemand in unser Büro, wenn man einmal vom alten M’Platt absah. M’Platt, so hatte mir Crull gleich am ersten Tag erklärt, war nicht ganz richtig im Kopf. Was er eigentlich tat, wusste niemand so genau. Er schurfte nur von Büro zu Büro, nervte mit alten Witzen und den immer gleichen Anekdoten, sah neugierig auf alle Displays und trottete dann irgendwann weiter. Der perfekte Spion, dachte ich. Kommt überall rein und fällt nirgends auf. Aber M’Platt war nur ein armer Irrer, der abscheulich nach Rauschgetränken stank.

Die Wochen vergingen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an den eintönigen Rhythmus von stupider Arbeit und isolierter Freizeit. Ich erledigte die vertraut gewordenen Verwaltungsvorgänge und schaute in meiner Wohneinheit das längst bekannte imperiale Propaganda-Net an. Schließlich vermisste ich nicht einmal mehr die aufregenden Unterhaltungsholos im planetaren Netzwerk von Alderaan.
Nach und nach konnte ich einschätzen, auf welchem Wege ich an die Daten des Todessterns herankommen könnte und welche Möglichkeiten ausgeschlossen waren. So musste ich die Idee verwerfen, abends einen unbenutzten Terminal in einem leer stehenden Büro zu benutzen. Abgesehen davon, dass es so gut wie keine verlassenen Büros gab – meist wurde in mehreren Schichten Tag und Nacht gearbeitet -, waren Terminals, die wegen Nichtgebrauch abgeschaltet wurden, zu gut gegen unbefugten Zugriff gesichert. Auch eine gefälschte externe Anfrage bezüglich der Medi-Versorgung auf Kampfstationen schied aus. Alle militärischen Daten, mit denen das Medizentrum befasst war, liefen über ein anderes Büro. Wie hätte die Anfrage auch lauten sollen? „Entschuldigen Sie, wir planen die Einrichtung einer Medistation auf dem Todesstern. Übermitteln Sie uns mal eben alle technischen Geheimdaten ...“ Nein, das war absurd.
Schließlich blieb nur noch die simpelste Möglichkeit. Ich musste ganz offen während meiner Arbeit einen Zugriff auf eine der imperialen Bibliotheken vornehmen und von dort aus weiter zu den Daten des Todessterns gelangen. Ganz einfach. Madine hatte diese Variante von vornherein als die Wahrscheinlichste angesehen. Das Dumme war nur, dass Crull auf seinem Display alle Datendownloads mitlesen konnte. Und dass ich als Neuling gar keine Erlaubnis zu einem Download hatte. Dennoch war das der einzige Weg. Sobald mir das klar wurde, konnte ich nichts tun, als auf den Einsatzbefehl von Francis Masinga zu warten. Doch als Masinga schließlich Kontakt mit mir aufnahmgerieten alle meine Planungen ins Wanken.
 
 

14.

Ich verließ den Turbolift in der 27. Etage und ging über den Flur zu meiner Wohnungstür. Bevor ich den Sicherheitscode eintippte, kontrollierte ich den Wollfaden am unteren Ende der Hub-Tür. Die Stelle, an der ich ihn angeklebt hatte, war abgerissen. Eine uralte Kontrollmethode, aber sie verriet mir, dass jemand in meiner Abwesenheit in meine Wohnung eingedrungen war.
„Wäre ich ein imperialer Agent, hätte ich Sie schon umgepustet“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter mir.
Ich ließ mich zu Boden fallen, wirbelte herum und riss gleichzeitig die Vibroklinge aus meinem Stiefel.
Vor mir stand ein breitschultriger, etwa 30-jähriger Mann und nickte anerkennend. „Bravo, Jaelson, gute Reflexe. Aber sonst waren Sie miserabel! Bevor Sie mich aufschlitzen: Ich soll Ihnen Grüße von Aqualando ausrichten. Die Fische sind leider ausverkauft.“
Ich atmete durch. Das war das Erkennungszeichen. Der Mann war Francis Masinga. Er wirkte nicht besonders zufrieden.
„Was bringt Park seinen Leuten eigentlich bei? Merken Sie sich: Wenn der Gegner in der Wohnung ist, lauert er auch draußen. Und dass ein junger Typ wie Sie den uralten Wollfaden-Trick verwendet ...“ Er schüttelte den Kopf. „Aber wir sollten besser reingehen.“
Ich öffnete die Tür, und wir betraten die Wohnung. Dort spürte ich wie eine Schockwelle eine Präsenz ...
Wala?
Nein, es war nicht Wala, es war wie das schwache Echo ihrer Anwesenheit.
Masinga ließ mir keine Zeit, mich darauf zu konzentrieren. „Sie fragen sich sicher, warum ich persönlich hier aufkreuze?“
Nein, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber es stimmte: In diesem Stadium der Operation hätte er nur über verschlüsselte Kommlink-Botschaften Kontakt mit mir aufnehmen dürfen.
„Nun, ich kann es Ihnen sagen“, fuhr er fort. „Es gibt eine radikale Änderung der Operationsplanung. Das Camp auf Ord Mandrell ist aufgeflogen. Es wurde bereits evakuiert und nach Yavin 4 verlegt. Und wissen Sie, wer uns das eingebrockt hat? Ihre Jedi-Freundin!“ Er war jetzt wütend. „Macht aus einem Agentencamp eine Säuglingspflege-Station! Vaders Leute konnten das Babygeschrei bis in die Kernwelten hören! Und wissen Sie, was die feine Dame dann macht? Sie fliegt inmitten der Evakuierung mit Captain Parks persönlicher Raumfähre hierher nach Coruscant, drückt Prinzessin Leia das Blag in die Hand und verduftet!“ Er blitzte mich an. „Ich weiß nicht, wer Sie sind und woher Sie kommen, aber eines kann ich Ihnen sagen: Die Operation ist abgeblasen. Sie können nun Kinder auf den Knien wiegen oder das Nachtleben von Imperial City genießen. Ist mir egal. Sie sind raus!“
Dann wurde er ein wenig ruhiger. „Noch was. Ich habe Ihnen Besuch mitgebracht. Wartet im Ruheraum. Ich weiß selbst nicht, warum ich das riskiert habe, aber egal. Passen Sie auf sich auf!“
Mit diesen Worten stapfte er hinaus.
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Ich war draußen. Operation abgeblasen. Ord Mandrell evakuiert. Wala geflohen. Wala! Wo mochte sie sein? Und warum hatte sie das Baby abgegeben? Sie wollte doch besonders auf unsere Tochter aufpassen. Unsere Tochter! Also war bei der Geburt alles gut verlaufen? Die Präsenz, der Besuch ...
Ich riss die Tür zum Ruheraum auf. Mitten auf meinem Bett saß Winter, Leias persönliche Hofdame, und hielt ein Baby in ihren Armen.
„Sei leise, Obi-Nor“, ermahnte sie mich. „Sonst weckst du deine Tochter auf.“
Ich war sprachlos. Meine Tochter!
„Ich habe dir hier Babynahrung, Windeln, Säuglingspflegemittel und ein Datapad mit hilfreichen Informationen mitgebracht. Du wirst schon zurecht kommen. Es wäre besser, wenn du aus deiner Trance aufwachst und mir zuhörst, denn was ich dir von Prinzessin Leia mitzuteilen habe, ist wichtig.“
Immer noch verwirrt schaute ich sie an.
„Die Operation ist von General Madine abgebrochen“, sagte sie. „Aber Prinzessin Leia will sie mit dir zusammen dennoch durchführen. Morgen um 16.45 Standardzeit greift eine unserer Flotten die Orbitalwerft von Carvoth an Die Zerstörung der Produktionsstätten könnte uns im Kampf gegen das Imperium langfristig einen Vorteil verschaffen. Für dich bietet der Angriff jedoch die Chance, die Aufmerksamkeit des Imperiums von den Datendownloads abzulenken. Für einige Minuten wird sich der interstellare Datenverkehr des Geheimdienstes mit dem Angriff beschäftigen. Du wirst also morgen um 16.45 die verlangten Pläne beschaffen. Um 17.00 hast du die Sicherheitsschleuse zum Shuttledock des Senats passiert, wo du ein Datapad mit den Informationen dem Astromechdroiden ihrer Hoheit übergibst. Das Erkennungswort ist der Name des hässlichsten Wesens auf Alderaan.“
Ich sah ihr an, dass sie nicht wusste, wer gemeint war. Mir war sofort klar, auf wen Leia angespielt hatte.
„Der Astromechdroide wird von einem Protokolldroiden begleitet. Sie warten bis spätestens 17.10. Prinzessin Leia verlässt um 17.15 Coruscant Richtung Alderaan, mit oder ohne Datapad. Dein Shuttle fliegt 17.20 nach Eastport, wo du eine Passagierfähre nach Dantooine erreichst, von wo du wiederum nach Yavin 4 gelangst. Du hast nur ein winziges Zeitfenster, Obi-Nor.“
Ich bemühte mich, diese neuen Informationen zu verarbeiten. „Und das Baby? Was soll ich mit dem Baby anfangen, Winter?“
Sie seufzte. „Was wir hier tun, ist gegen alle Vernunft. Vernünftig wäre, entweder das Baby in Sicherheit zu bringen oder die Operation durchzuführen. Aber die Prinzessin will beides. Sie hat Lady Mal‘Wan versprochen, dir das Kind zu bringen. Und sie hat sich in den Kopf gesetzt, die Operation durchzuführen.“
Winter sah mich durchdringend an. „Prinzessin Leia muss großes Vertrauen in dich haben, Obi-Nor, dass sie diesen Weg wählt. Sehr großes Vertrauen. Und jetzt nimm deine Tochter. Ich kann nicht länger hierbleiben.“
Sie reichte mir das schlafende Baby. Ich traute mich kaum, es in den Arm zu nehmen. Es wirkte so zerbrechlich.
„Ich weiß doch gar nicht, wie man mit so einem Säugling umgeht, Winter!“
„Lerne es, Obi-Nor!“
 
 

15.

Nachdem Winter gegangen war, betrachtete ich das Baby auf meinem Arm. Nein, es war nicht ‚das Baby‘. Es war meine Tochter. Ich wagte mich nicht zu rühren. Yo-Karah war so klein, so leicht. Meine Tochter! Ich fühlte, wie ich stolz wurde. Ich habe eine Tochter, dachte ich. Wow! Und was für eine Tochter ich hatte. Yo-Karah sah niedlich aus, wie sie in meinem Arm schlief. Acht Wochen alt mochte sie sein. Ein hübsches Baby.
Ach ja? meldete sich mein innerer Quillo. Seit wann findest du Babys hübsch? Ich dachte, du findest die hässlich und blöd?
Ich schaute noch einmal hin. Nun ja, vielleicht war Yo-Karah doch nicht so hübsch. Ihr kugelrunder Kopf war für ihre Körperlänge viel zu groß. Auf dem kahlen Schädel schimmerte nur ein dünner rötlich-brauner Flaum. Ihre Wangen waren dick wie die einer trexxanischen Beutelratte. Nein, hübsch war sie nicht. Ob sich das später noch ändern würde? Ich hoffte, dass sie einmal Wala ähneln würde und nicht etwa mir.
Ich dachte an Wala. Ob sie ihren Verfolgern entkommen war? Sie musste in großer Not gewesen sein, wenn sie sich von Yo-Karah getrennt hatte. Ob ich es spürte, wenn ihr etwas zustieß? Eine „Erschütterung der ‚Macht‘“ hatte Wala ein solches Gefühl einmal genannt. Ja, ich würde es spüren. Und tief in meinem Innern wusste ich, dass Wala noch lebte.
Ich schaute Yo-Karah an. Sie regte sich, gähnte, öffnete die Augen und stierte mich an. Dann schlug sie mehrmals tapsig mit den Armen durch die Luft und verzog das Gesicht. Vielleicht fand sie mich auch nicht gerade attraktiv.
„Yo-Karah“, sagte ich leise. „Du wirst doch nicht weinen?“
Nein, sie weinte nicht.
Sie brüllte.
Ich wurde nervös. Was sollte ich nur machen? Beruhigend redete ich auf sie ein und wiegte sie ein wenig hin und her.
Das Brüllen wurde lauter.
Ich nahm sie hoch, legte ihr Köpfchen auf meine Schulter und klopfte ihr vorsichtig auf den Rücken. Das hatte ich bei den Ammen am alderaanischen Königshof gesehen. Damit erreichte ich aber bloß, dass sie mir direkt ins Ohr schrie.
Ob sie Hunger hatte?
Ich öffnete das Paket, das Winter mir dagelassen hatte. Es enthielt unter anderem ein Pulver, dass man mit Wasser zu einer Fertignahrung zusammenrühren konnte. Dazu eine kleine Flasche und eine Art Einfüllstutzen aus Gummi.
Die schreiende Yo-Karah auf dem Arm balancierend rührte ich eine Mahlzeit zusammen. Dann setzte ich mich auf einen Stuhl, legte Yo-Karah quer auf meinen Schoß und schob ihr den Einfüllstutzen in den Mund.
Yo-Karah sog daran und zog sofort ihren Kopf angewidert wieder zurück. Ihr Brüllen war nun doppelt so laut. Wie konnte so ein winziges Wesen nur eine derart kräftige Stimme haben?
Mir brach der Schweiß aus. Was hatte ich nur falsch gemacht? Hastig zog ich das im Paket liegende Datapad zu Rate. Ich erfuhr, dass der Einfüllstutzen „Sauger“ hieß. Und dann stand da noch etwas vom „Erwärmen der Flasche“.
Ich sprang rasch zum Erhitzer. Mit zitternden Fingern stellte ich die Flasche hinein. Wie warm musste es wohl sein? Ich entschied mich für Körpertemperatur; das konnte nicht ganz falsch sein.
Yo-Karah hatte mittlerweile vollends die Nerven verloren. Ihr Brüllen kam in abgehackten, kurzatmigen rhythmischen Stößen. Es klang wie der Evakuierungsalarm eines Mon Calamari Stermkreuzers.
Dann endlich konnte ich die Flasche aus dem Erhitzer ziehen und Yo-Karah zu trinken geben.
Mit beiden Händen die Flasche umklammernd trank sie gierig Schluck um Schluck, bis nur noch ein paar Tropfen übrig waren.
Einen kräftigen Schluck hätte ich jetzt auch gebrauchen können.
Nach dem ich ihr den Rücken geklopft und sie mir mein Hemd vollgespuckt hatte, setzte ich mich erschöpft in einen bequemeren Sessel.
Aber noch sollte ich nicht zur Ruhe kommen. Ein durchdringender Gestank breitete sich im Zimmer aus. Und Yo-Karahs Windel war das Epizentrum.
„Also, das auch noch“, murmelte ich resigniert und trug Yo-Karah in den Erfrischer. Als ich die Windel öffnete, war ich froh, dass ich Dank meiner mentalen Entspannungsübungen auch in der Lage war, aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken.

Später lagen wir zusammen auf meinem Bett. Ich grübelte darüber nach, wie ich die Operation morgen durchführen sollte. Ich konnte Yo-Karah doch nicht einfach so mitnehmen ins Büro. Was würde Crull wohl sagen? Und wenn sie nun pausenlos brüllte? Aber nein, das war unwahrscheinlich. Im Anschluss an die stressige Erledigung der Grundbedürfnisse hatte sich Yo-Karah als erstaunlich fröhliches Kind entpuppt. Sie zog an meinen Haaren und meinem Amulett, strahlte über das ganze Gesicht und gluckste vergnügt, wenn ich sie kitzelte. Jetzt lag sie an mich gekuschelt und lutschte mit sichtlicher Begeisterung an einem Datapad.
Ich musste meine Meinung über sie revidieren. Sie war doch hübsch.
„Meine Tochter!“ flüsterte ich stolz.
Und plötzlich wusste ich, was ich am nächsten Tag zu tun hatte. Es war völlig verrückt. Geradezu absurd. Und genau deshalb konnte es klappen. Jedenfalls konnte ich mir nicht vorstellen, dass die imperiale Spionageabwehr damit rechnete.
Zufrieden schloss ich die Augen. Jetzt merkte ich erst, wie müde ich war.
„Schlaf besser auch, Yo-Karah“, flüsterte ich. „Morgen steht uns ein anstrengender Tag bevor.“
Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt der Frage, wie oft ein zwei Monate altes Baby in der Nacht wohl gefüttert werden musste.
 
 

 16.

„Wie siehst du denn aus? Hast du die Nacht in einer Cantina durchgezecht?“ Crull starrte mich an. Dann musterte er die schlafende Yo-Karah, die im Tragetuch vor meinem Bauch lag. „Und wer ist das Baby? Warum schleppst du hier ein Kind rein?“
„Das ist das Farlana, das Kind meiner Schwester Hana. Mein Schwager ist Hilfskraft auf einem Frachter und zur Zeit unterwegs. Hana ist krank, und sie hat kein Geld, sich einen Säuglingspflege-Droiden zu mieten. Hanas Mutter kommt erst morgen früh von Corvis Alta. Seit gestern Abend kümmere ich mich um sie. Und da dachte ich ... nur heute ...“.
Ich ließ den Satz unbeendet im Raum hängen, denn ich spürte, wie Crulls Widerstand schmolz. Er betrachtete Yo-Karah mit unverhohlenem Interesse.
„Also gut“, meinte er schließlich. „Nur heute. Leg sie da hinten auf den Tisch. Mensch, wenn sie uns von der Arbeit abhält, kriegen wir Ärger.“
„Danke, Crull. Das finde ich schwer in Ordnung von dir“, sagte ich und meinte es Ernst. Der Alte war kein übler Kerl.
Ich zog eine Decke aus meinem Rucksack, legte sie auf den Tisch und bettete Yo-Karah darauf. Dann sank ich schwer auf meinen Stuhl. Ich war hundemüde. Die Nacht war furchtbar gewesen. Alle zwei Stunden füttern und Windeln wechseln. Mir war es vorgekommen, als würde alles, was ich oben reinschüttete, sofort unten wieder herauslaufen. Und dann Brüllanfälle ohne ersichtlichen Grund! Nur zu dem Zweck, ihren Vater zu terrorisieren.
Und nun lag das kleine Biest auf dem Tisch, als sei es das niedlichste und friedlichste Wesen der Welt.

Der Tag verlief chaotisch. Crull arbeitete im Grunde für mich mit. Ich wurde dauernd von Yo-Karah abgelenkt, die ihr Fläschchen, eine frische Windel, einen Schnuller oder einfach nur Streicheleinheiten verlangte. Immerhin konnte ich Brüllanfälle im Keim ersticken, indem ich ihr mein Computerdisplay zeigte. Dann stierte sie minutenlang mit ihren großen grün-braunen Augen auf die Anzeige, als wäre nichts interessanter als der Operationsbericht eines Wookie-Chirurgen oder die Blutanalyse eines bothanischen Senators.
Wenn ich sie fütterte, warf Crull verstohlene Blick zu uns herüber.
„Wird Zeit, dass meine Tochter auch ein Kind bekommt. Will endlich mal Opa werden“, brummte er schließlich. Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Wenn es dir zu lästig wird, kümmere ich mich mal um die Kleine.“
„Na, mal sehen“, gab ich unbestimmt zurück. Innerlich aber hüpfte ich vor Freude. Genau das hatte ich erhofft.

Die Zeit verstrich. Ich fühlte, wie meine innere Anspannung wuchs. Es wurde 16.30 Standardzeit. Sollte ich jetzt ...? Nein, entschied ich. Ich musste noch warten.
16.35. Mein Herz begann, schneller zu klopfen. Crull formatierte einen längeren Bericht, der den Univeralübersetzer nur fehlerhaft passiert hatte. Ich schaute zu Yo-Karah hinüber. Sie schlief. Noch fünf Minuten, beschloss ich.
16.40. Ich zog ein Datapad aus der Tasche und warf es lässig auf die Kontrollkonsole.
„Hör mal, Crull“ – ich war froh, dass meine Stimme nicht krächzte, obwohl mein Mund völlig trocken war – „ich brauche unbedingt hiervon ein Update. Das hier ist total veraltet. Ich weiß, dass das eigentlich verboten ist“, beeilte ich mich hinzuzufügen. „Aber es geht doch um die Kleine ...“
Crull runzelte die Stirn und schaute sich das Datapad an.
„Interstellares Handbuch der Säuglingspflege“, las er. „Mensch, Jaelson, wir können großen Ärger kriegen!“
Ich schaute ihn bittend an.
Ist doch für die Kleine!
„Nun gut“, brummte er schließlich.
Ich schloss das Pad an die Datenschnittstelle an. Zugleich konzentrierte ich mich auf Yo-Karah.
Wach auf! Du hast Hunger!
Nein, so ging das natürlich nicht. Ich konnte ihr kaum entwickeltes Bewusstsein zwar spüren, aber mit verbalen Botschaften würde ich nichts ausrichten können. Aber wenn sie jetzt nicht aufwachte? Sie hatte noch nie so lange geschlafen wie jetzt. Warum ausgerechnet jetzt?
Ich beschwor das Bild einer spitzen Nadel herauf. Meine Gedanken wurden zu einer Nadel. Ich nahm Kontakt zu ihren Bewusstsein auf. Und mit aller Kraft stieß ich zu.
Crull fiel fast vom Stuhl, als Yo-Karah mit einem schrillen Schrei erwachte.
Zu fest, dachte ich. Tut mir Leid, Kleine!
Aber ich konnte jetzt nicht nachlassen. Ich gaukelte ihr das Bild eines warmen, gefüllten Fläschchens vor, das nur darauf wartete, von ihr ausgetrunken zu werden.
Mit dem gewünschten Erfolg.
„Die Kleine klingt wie der Evakuierungsalarm auf einem Zerstörer der Victory-Klasse“, meinte Crull und schaute erwartungsvoll zu mir rüber.
„Du, Crull, ich habe mich gerade in der Bibliothek eingeloggt. Kann ich den Download machen, während du dich um Farlana kümmerst?“
„Klar, Jaelson. Ich mach das schon.“
Crull zog mit der Flasche ab Richtung Küche, die am Ende des Flures lag.
„Beeil dich!“ rief ich ihm hinterher.
Es war 16.42.
Um 16.44 kam er wieder und zog sich mit Yo-Karah in die Ecke zurück. Er brabbelte beruhigend auf sie ein, während er ihr zu trinken gab.
Blitzschnell öffnete ich eine zweite Data-Leitung. Ich wählte den Server von „Dyson Industries“ an. Das sei der sicherste Weg, hatte Linus McThor behauptet.

Wollen Sie mit Tastatur oder Stimmeingabe navigieren?

Ich wählte natürlich „Tastatur“.

Bitte geben Sie Ihren Benutzernamen ein!

Jetzt würde sich zeigen, was McThor drauf hatte.
„Echo1138“, tippte ich ein.

Sicherheitscode?

„THX1958%GL“.
Zwei Sekunden passierte gar nichts. Nur, dass die Uhr auf 16.45 umsprang.

Bitte wählen Sie die gewünschte Funktion:
News
Download
Upload
Kommlink

Ich wählte „Download“.

Geben Sie den Dateinamen an.

Hoffentlich ließ mich mein Gedächtnis jetzt nicht im Stich.
„TD§493(DS1)&SPR3%0“.

Die angeforderten Daten sind sehr umfangreich. Wünschen Sie eine KLT-Komprimierung?

In diesem Augenblick ging die Bürotür auf, und M’Platt schlurfte herein.
„Na? Alles klar bei euch? Was machst du denn da, Jaelson?“
Ich wechselte hastig auf die Anzeige der Bibliothek. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass an Crulls Kontrollpult unübersehbar zwei „Download“-Lampen blinkten. Wenn M’Platt das bemerkte, war alles aus. Mir stand der Schweiß auf der Stirn.
„Hau ab, M’Platt!“ rief Crull aus der Ecke.
„Ja, was haben wir denn da?“ M’Platt dachte nicht daran zu verschwinden. „Ihr habt euer Büro in ein Kinderheim umfunktioniert. Ist ja interessant. Und ich dachte, die Säuglingsstation ist dreizehn Etagen tiefer. So, so. Wenn die Direktion das erfährt ...“.
Crull warf ihm einen finsteren Blick zu. „Und wenn die Direktion von deinen Rauschgetränken, erfährt?“ gab er kalt zurück.
M’Platt wand sich unbehaglich. „Ich hau schon ab. Hab nichts gesehen. Eine Hand wäscht die andere, okay?“
Kaum war er weg, wollte ich wieder zu Dyson Industries zurück, doch plötzlich stand Crull auf.
„Alles leergesoffen, die Kleine. Die hat einen stärkeren Zug als M’Platt.“
Er nahm Yo-Karah hoch und klopfte ihr auf den Rücken. Dabei kam er zu mir an die Konsole. Ich erstarrte.
„Na, hast du die Datei mit der Säuglingspflege schon gefunden?“
„Äh, nein, noch nicht“, krächzte ich.
Crull drehte sich um und schaute auf sein Pult. „Hm, ziemlich ruhig für diese Uhrzeit. Bei mir ist gar nichts los.“
Ich konnte es nicht fassen. Warum bemerkte er nicht den zweiten Download? Ich schielte hinüber. Die zweite Lampe blinkte nicht mehr. Was hatte das nur wieder zu bedeuten? Ich musste Crull unbedingt loswerden.
Mit einer halbherzigen Entschuldigung an Yo-Karah drückte ich in Gedanken kräftig auf ihren Bauch. Sofort spuckte sie ungefähr ein Viertel ihrer Mahlzeit über Crulls Hemd.
„Verdammte Sauerei!“ schimpfte er. „Hab ich denn so fest geklopft?“
„Bist aus der Übung“, gab ich zurück. „Gib die Kleine her. Du musst in den Erfrischer, dein Hemd säubern.“
Als er fort war, setzte ich mich wieder an die Konsole. Gut, dass Yo-Karah von Computer-Displays fasziniert war, so machte sie mir wenigstens keine Schwierigkeiten.
Ich wechselte wieder zu Dyson Industries. Schlagartig wurde mir klar, warum die Download-Lampe zu blinken aufgehört hatte.

Die angeforderten Daten sind sehr umfangreich. Wünschen Sie eine KLT-Komprimierung?
Keine Operation – 10 Sekunden
Keine Operation – 20 Sekunden
Keine Operation – 30 Sekunden
Keine Operation – 40 Sekunden
Keine Operation – 50 Sekunden
Keine Operation – 60 Sekunden
1 Standardminute keine Operation – Schlummermodus aktiviert
Schlummermodus – Log In schließt in 60 Sekunden
Schlummermodus – Log In schließt in 50 Sekunden
Schlummermodus – Log In schließt in 40 Sekunden

Mir wurde siedend heiß. McThor hatte mir erklärt, ein zweites Log In würde an der Überprüfung der falschen Kennung scheitern. „Download“, tippte ich ein.

Benutzername und Sicherheitscode für Wechsel zu Aktivmodus erforderlich
Benutzername?

„Echo1138“

Schlummermodus – Log In schließt in 30 Sekunden
Sicherheitscode?

„TD§493(DS1)&SPR3%0“.

Sicherheitscode ungültig. Zugriff verweigert. Wollen Sie es erneut versuchen?

Ich starrte auf den Bildschirm. Was war denn jetzt los?
Mechanisch tippte ich „ja“

Sicherheitscode?

Aber ich hatte doch gerade ...

Schlummermodus – Log In schließt in 20 Sekunden

Panik ergriff mich. Ich hämmerte mit meiner Faust auf den Tisch. Plötzlich fiel es mir ein – ich hatte aus Versehen den Dateinamen eingegeben.
„THX1958%FL“.

Sicherheitscode ungültig. Zugriff verweigert. Wollen Sie es erneut versuchen?

Nein! Das konnte doch nicht wahr sein! Ich fing an, unkontrolliert zu zittern. In diesem Zustand würde ich keine Taste treffen.

Schlummermodus – Log In schließt in 10 Sekunden

Taste treffen! Das war’s. Ich hatte mich vertippt!

9
Ich atmete tief durch.
8
Beruhige dich!
7
„ja“
6
Sicherheitscode?
5
„THX
4
1958
3
%GL“
2
1
Aktivmodus
Bitte wählen Sie die gewünschte Funktion:
News
Download
Upload
Kommlink

Mit einem Seufzer sank ich auf dem Stuhl zusammen. Ich schloss die Augen und spürte einen Moment lang nichts als den Schweiß, der mir den Rücken herunterlief und mein Hemd verklebte, hörte nichts als mein pochendes Herz, schmeckte nichts als den fahlen, trockenen Geschmack überstandener Panik auf meiner Zunge.
Yo-Karah holte mich in die Wirklichkeit zurück, indem sie an der Kette meines Amuletts riss, als wäre sie wild entschlossen, es mir zu rauben.

Als Crull vom Erfrischer zurückkam, zeigte die Uhr 16.53 Standardzeit.
„Heute ist sowieso alles blöd“, meinte ich. „Da kann ich doch auch ein paar Minuten eher gehen, oder?“
Crull seufzte resignierend. „Hau ab, Jaelson. Aber bring die Kleine morgen bloß nicht wieder mit.“
Keine Sorge, dachte ich. Wir tauchen hier nicht so schnell wieder auf.
 
 

17.

„Luke Jaelson?“
„Hier, Ma’am.“
Die Frau am Abfertigungsschalter winkte mich herbei. Ich hob Yo-Karah in das Tragetuch. Dabei schnüffelte ich unauffällig. Nichts. Hoffentlich ließ sie mich jetzt nicht im Stich. Vorsichtig massierte ich ihren Bauch.
„Ihr Papiere sind in Ordnung, Mr. Jaelson. Das Gepäck ist gescannt und wird direkt zum Shuttle gebracht. Hier ist Ihre Bordkarte. Das Baby hat keinen Anspruch auf einen eigenen Platz.“
Ich lächelte. „Schon in Ordnung, ich habe ja das Tragetuch.“
„Dann quittieren Sie bitte hier. Dort drüben ist die Sicherheitsschleuse. Dann den Gang rechts hinunter. Shuttledock 6.“
„Danke. Können Sie mir die genaue Uhrzeit sagen, Ma‘am?“
„17.01 Standardzeit“.
In diesem Moment verbreitete sich durchdringender Geruch.
Die Frau wies auf die Sicherheitsschleuse. „Das Baby braucht eine frische Windel. Hinter der Schleuse links ist ein Erfrischer.“
Ich nickte. „Danke Ma’am, den werde ich aufsuchen.“
Als ich auf die Sicherheitsschleuse zuging, schaute ich Yo-Karah an.
„Perfektes Timing, Kleine“, flüsterte ich anerkennend. Ich war stolz auf meine Tochter. Zwei Monate alt und schon Top-Agentin der Rebellion.
„Das Baby darf nicht durch die Schleuse!“ hielt mich der Sicherheitsbeamte auf.
„Das wusste ich nicht, Sir“, log ich. „Würden Sie das Kind bitte halten?“
Er verzog das Gesicht und hielt die Arme weit von sich gestreckt, als er Yo-Karah nahm. Nein, dachte ich. Der würde an ihr keine Leibesvisitation vornehmen.

Im Erfrischer legte ich Yo-Karah auf den Boden und öffnete die Windel. Ich musste mich erst überwinden. Aber dann griff ich doch hinein und fischte das Datapad heraus. Trotz des Ekelgefühls musste ich grinsen. War das die schmutzige Seite der Rebellion, von der Madine gesprochen hatte?
Ich wusch das Pad ab und versorgte Yo-Karah.
17.05. Es wurde Zeit.
Am Ausgang zu Dock 5 warteten ein goldener Protokolldroide und ein kleiner runder Astromechdroide. Der Astromech scannte mich mit einem Optik-Sensor und gab ein trällerndes, zirpendes Geräusch von sich.
„Warum soll ich ihn fragen, ob er einen guten Ersatzteilhändler kennt, Erzwo?“ fragte der Protokolldroide mit blasiert-gereizter Stimme.
Weil es das Erkennungszeichen ist, du Trottel!
„Shrinka“, sagte ich laut, und augenblicklich öffnete der Astromech ein Data-Input. Ich schob das Pad im Vorübergehen hinein.
„Entschuldigen Sie, Sir. Mein Partner möchte gerne wissen, ob Sie ... also sowas! Er geht einfach weiter! Hast du das gesehen, Erzwo? Ein ungehobelter Kerl!“
Ich hörte, wie der Astromech davonrollte.
„Erzwo! Wo willst du denn hin? Erst sagst du, wir sollen hier warten und jetzt fährst du einfach los! So warte doch auf mich!“
Er trippelte hinterher. Der andere Droide trällerte wieder.
„Auftrag? Was denn für ein Auftrag? Und nenn mich gefälligst nicht ‚nörgelndes Plappermaul‘!“
Ich bog in den Gang ein, der zum Shuttledock 6 führte.
Geschafft!
Meine erste Operation hatte ich erfolgreich abgeschlossen. Wir hatten es geschafft, korrigierte ich mich. Ich schaute meine Tochter an. Yo-Karah spielte an einem meiner Hemdknöpfe und interessierte sich nicht im geringsten für gelungene Operationen.

Als ich das Shuttle bestieg, hob vom Nachbardock ein Raumschiff mit donnernden Repulsor-Aggregaten ab. Leia war gestartet. Würde sie es schaffen, die gestohlenen Daten nach Alderaan zu bringen? Bestimmt war der Diebstahl schon entdeckt worden. Wahrscheinlich stand auch schon fest, dass der Zugriff vom Medizentrum des Senates erfolgt war. Und wenn dann jemandem der Zeitpunkt von Leias Abreise auffiel ...
Und wenn schon, dachte ich. Immerhin war Leia Mitglied des imperialen Senats. Und sie benutzte ein diplomatisches Schiff. Nein, das Imperium würde nicht wagen, sie aufzuhalten.
 
 

 18.

Als wir in den Hyperraum gesprungen waren, fiel alle Anspannung von mir ab. Yo-Karah schlief. Auch ich war völlig erschöpft. Ich schloss die Augen und schlummerte ein.
In die Leere des Dämmerschlafes drängten sich Bilder. Anfangs wirre Fetzen der letzten beiden Tage, vermischt mit Erinnerungen von Alderaan.
Dann wurden die Bilder klarer. Ich sah zwei Männer, mit Lichtschwertern bewaffnet. Einen Satelliten, groß wie ein künstlicher Mond, der in einem gewaltigen Feuerball explodierte. Eine Gestalt, in Karbonid eingefroren. Einen uralten Mann in einem Thronsessel, der eine Raumschlacht beobachtete.
Dann verschwammen diese Bilder, und andere traten an ihre Stelle. Und zu den Bildern gesellten sich Gefühle. Ich sah einen Mann, der auf der verzweifelten Suche nach seiner verschollenen Freundin und seiner vermissten Tochter die Galaxis durchstreifte. Einen Mann, der in uneingestandener Todessehnsucht jeden noch so gefährlichen Spionageauftrag annahm. Einen Mann, der Spice schmuggelte und sich in dämmrigen Cantinas mit Barschlampen herumtrieb – und seine wahre Liebe doch nicht vergessen konnte. Und ich sah einen Mann, der sich erschöpft und verbittert auf einen glühend heißen Wüstenplaneten zurückzog, in die Isolation eines halb verfallenen Hauses, das einst ein alter Jedi gebaut hatte.
Fröstelnd erwachte ich. Hatte ich geträumt, oder war das eine Vision gewesen? Hatte ich soeben meine Zukunft gesehen? Oder mögliche Alternativen meiner Zukunft? Würde mein weiteres Leben wirklich so trostlos verlaufen?
Mich überfiel eine grenzenlose Traurigkeit. Ich verstand diese Welt nicht. Warum mussten wir diesen Krieg führen? Warum wurden Familien auseinandergerissen, Freundschaften zerstört? Warum gab es einen machthungrigen Imperator, der die Galaxis unterjochen wollte? Es gab so viel Gewalt, so viel Schmerz ...
Ich dachte an den Mann, den ich auf Ord Mandrell erschossen hatte. Seine noch im Tod erschrocken geweiteten Augen. Hatte auch er eine Freundin gehabt oder eine Tochter? Nein, es war nicht einfach so, dass „die“ die Bösen und wir die Guten waren. War es vielleicht nur Zufall, dass ich im Dienst der Rebellion stand und nicht dem Imperium diente?
Meine Gedanken wanderten zu Crull. Er war ein netter alter Mann. Bestimmt hatte die Spionageabwehr schon herausgefunden, dass aus seinem Büro der illegale Datenzugriff erfolgt war. Wurde er in diesem Augenblick vielleicht von einem Verhördroiden in die Mangel genommen? Würde man ihn gar exekutieren? Mir wurde eiskalt. Ich hatte ihn gefährdet, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.
Aber was hätte ich tun sollen? Wir mussten uns doch gegen das Imperium und diesen schrecklichen Todesstern wehren! Es war zum Verzweifeln. Der furchtbaren Dynamik der Gewalt konnte man nicht entrinnen.
Ich starrte trübe vor mich hin.
Doch nach einer Weile meldete sich eine andere innere Stimme. Erst zaghaft und mit Zweifeln durchmischt, dann stärker drängte sie in mein Bewusstsein. Es war eine Stimme der Hoffnung.
Es würde nicht immer Krieg sein. Eines Tages würde eine neue Republik das Imperium ablösen. Leia konnte rechtzeitig mit den Daten Alderaan erreichen. Vielleicht gelang es, eine Schwäche, einen Angriffspunkt ausfindig zu machen. Aber konnte man überhaupt eine derart gewaltige Kampfstation zerstören? Oder würde diese Vernichtungswaffe eingesetzt werden? Eine Waffe, die einen ganzen Planeten in Stücke schießen und alles Leben auslöschen konnte. Ich dachte an das visionäre Traumbild vom explodierenden Todesstern. Nein, wir würden diese Waffe zerstören.
Neue Hoffnung keimte in mir auf. „Yo-Karah“, dachte ich, neue Hoffnung.
In welcher Welt würde Yo-Karah aufwachsen? Würde sie als Untertanin des Imperators leben und um ihre Freiheit kämpfen müssen? Oder würde sie in einer friedlichen, freien Galaxis leben?
Ich schaute Yo-Karah an. Sie schlief, ein Bild des Friedens. Eine warme Woge voller Zärtlichkeit stieg in mir auf. Ich küsste sie sanft auf den Kopf. Dann nahm ich mein Amulett ab und legte es ihr um. Es bedeckte ihr ganzes Bäuchlein. Die Kette war viel zu lang; ich konnte sie mehrmals um ihren Hals wickeln.
Dann sprach ich die Vier Großen Wünsche:
„Mögest du stets eine Hand finden, die schützend über dich gehalten ist.
Mögest du stets eine Hand finden, die dir den richtigen Weg zeigt.
Mögest du stets eine Hand finden, die dir Nahrung gibt, wenn du hungerst.
Mögest du stets eine Hand finden, die dich aufrichtet, wenn du darniederliegst!“
Ich bemerkte, dass meine Hand wie schützend über ihrem Kopf lag.
„Wie die Zukunft wird, weiß ich nicht, Yo-Karah“, flüsterte ich. „Aber wir leben hier und jetzt. Und hier und jetzt bin ich bei dir!“

ENDE